Vorwort

Am 7. und 8. Juni 2002 fand im historischen Rathaus der Lutherstadt Eisleben eine Tagung zum Thema „Spätmittelalterliche Wallfahrt im mitteldeutschen Raum“ statt. Erschienen waren namhafte Vertreterinnen und Vertreter verschiedener einschlägiger Disziplinen wie der Theologie, der mediävistischen und frühneuzeitlichen Geschichtswissenschaft, der Kunstgeschichte, der mitteldeutschen Landesgeschichte, der Ethnologie und der Archäologie des Mittelalters, die mit ihren Vorträgen und in der Diskussion mit dazu beitrugen, einer wissenschaftlichen Öffentlichkeit ein längerfristiges Projekt vorzustellen, das gemeinsam vom Lehrstuhl für Christliche Archäologie, Denkmalkunde und Kulturgeschichte der Humboldt- Universität zu Berlin, dem Fachgebiet Mittelalterliche Geschichte des Instituts für Geschichte und Kunstgeschichte der Technischen Universität Berlin und dem Museum Europäischer Kulturen - Staatliche Museen zu Berlin/Stiftung Preußischer Kulturbesitz unter dem Namen „Die spätmittelalterliche Wallfahrtsgeographie Mittel- und Norddeutschlands. Religion - Mobilität - regionale Identität“ in Angriff genommen worden ist. Gastgeber der Tagung waren Herr Dr. Stefan Rhein von der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt und die Lutherstadt Eisleben, ohne deren bereitwillige Unterstützung das Vorhaben in dieser Form nicht zu realisieren gewesen wäre.

Eisleben war deshalb als Tagungsort gewählt worden, weil es in engem geographischen und sinnstiftenden Zusammenhang mit dem Forschungsvorhaben steht, das im mitteldeutschen Kerngebiet der Reformation, aber auch in den von der Reformation dauerhaft geprägten Territorien und Städten Norddeutschlands nach Spuren sucht, die weitgehend verwischt zu sein scheinen. Wenn in spätmittelalterlich-vorreformatorischer Zeit Wallfahrtszüge, Ablaßkonkurse, Reliquienkult, das Aufsuchen von Gnadenbildern und Mirakelhostien fast zum täglichen Leben der Menschen gehörten, hat die Reformation damit gründlich aufgeräumt, so daß diese Phänomene in den von ihr dauerhaft geprägten Räumen weitgehend der Vergessenheit anheim gefallen sind. Während in den von der Reformation nicht erfaßten oder durch die Gegenreformation rekatholisierten Gebieten bereits seit längerer Zeit ein intensiverer Forschungsprozeß eingesetzt hat, um alle Wallfahrts- und Gnadenorte als historische Stätten gelebter Frömmigkeit systematisch aufzunehmen und zu beschreiben, ist der mittel- und norddeutsche Raum von einer derartigen Untersuchung so gut wie ausgeschlossen geblieben, da diese Orte nicht nur funktionslos geworden sind, sondern seitens der Reformatoren zunächst ins Kreuzfeuer der Kritik geraten waren, ehe sie aus dem kollektiven Gedächtnis verschwanden und bis heute in der Regel in ihrer alten Bedeutung unentdeckt blieben.

Die in dieser Publikation in Aufsatzform gefaßten Tagungsvorträge haben die Aufgabe, einen ersten Einblick in den Stand der gegenwärtigen Wallfahrtsforschung und die Desiderate künftiger Forschungsvorhaben, insbesondere des oben angesprochenen, zu gewähren. Die Beiträge stellen reiche Erträge sowohl für die Reformationsgeschichte als auch die allgemeine Wallfahrtsforschung, die Pilgerzeichenforschung auf archäologischer Grundlage, die Geschichte vom Mentalitätswandel im Übergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit und nicht zuletzt für die Landesgeschichte in ihrer von vornherein interdisziplinär angelegten Fragestellung in Aussicht.

Möge das hier vorgestellte Vorhaben auf ein breites Interesse einschlägiger Disziplinen der wissenschaftlichen Öffentlichkeit stoßen, und zwar in der Weise, daß Anregungen und Kritik gleichermaßen dazu beitragen können, die Absichten des Projektes zu unterstützen und damit nachhaltig zu fördern.

Berlin, den 8. September 2002

Hartmut Kühne
Wolfgang Radtke
Gerlinde Strohmaier-Wiederanders


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Mon Sep 30 19:10:46 2002