| Bredekamp, Horst: DIE WISSENSCHAFT ALS BAUHERR? SKIZZEN ZUR ARCHITEKTURGESCHICHTE DER HUMBOLDT-UNIVERSITÄT |
Auf den ersten Blick ist zu erkennen, daß keine Einrichtung die Mitte Berlins stärker prägt als die Humboldt-Universität.
Abbildung 1, Plan der Lehr- und Verwaltungsgebäude der Humboldt-Universität, 1995

Einen Kern ihrer teils weit verstreuten Gebäude bietet natürlich das Areal des Hauptgebäudes, dann nordwestlich das große Gebiet der Charité, darüber die Landwirtschaftliche Fakultät und das Naturkundemuseum, jenseits der Spree die Bereiche Ziegelstraße und Monbijoukliniken, und schließlich südlich des Hackeschen Marktes die Wirtschaftswissenschaften.
Der 1789 bis 90 errichtete Bau der Tiermedizin offenbart die komplexe Einbindung der Institute in die Stadt- und Kunstgeschichte Berlins in besonders komplexer Weise. Der Architekt Carl Gotthard Langhans, der zur selben Zeit das Brandenburger Tor baute, errichtete mit ihm die erste freistehende Tieranatomie der Medizingeschichte.
Abbildung 2, Carl Gotthard Langhans, Altes Anatomiegebäude (ehem. Anatomisches Theater), 1789/90

Der im Park zwischen Luisen- und Friedrichstraße ein quasi verschattetes Dasein führende, quadratische Bau ist um einen kreisförmigen Demonstrationsraum gelegt; seine vier Achsen sind durch vorspringende Risalite betont.
Mit dieser Disposition geht das Gebäude auf Palladios Villa Rotonda bei Vicenza zurück, die eine derartige Verbindung von Kreis und Quadrat sowie zusätzlich betonten Mittelachsen im Jahre 1570 kanonisiert hatte.
Abbildung 3, Andrea Palladio, Villa Rotonda, Vicenza, 1566/67

Insofern ist Langhans Gebäude das Beispiel eines späten, preußischen Palladianismus. Dieser Bezug wird dadurch verstärkt, daß der vor der Stadt gelegene Standort an jenen Villencharakter appellierte, den auch die Villa Rotonda verkörpert. Zugleich aber ergeben sich auch Beziehungen zur zeitgenössischen Rezeption Palladios in der sogenannten Revolutionsarchitektur; so weist etwa eines der 1786 errichteten Häuser von Ledoux verwandte Elemente auf. Der Vergleich soll nicht überzogen werden; man müßte auf den Tambour des Gebäudes die bereits angelegte Flachkuppel hinzudenken, die Seitenfenster mit halbrundem Abschluß versehen, verdoppeln und den Portikus durch Seitenpfeiler abschließen sowie schließlich den Giebel über dem Portikus zusammenziehen, um die Berliner Architekturform zu erhalten. Aber ohne das Beispiel der Revolutionsarchitektur, die auch und gerade für Bauten der Landarbeiter und Handwerker die architektonischen Urlemente von Kugel und Würfel reservierte, wäre kaum denkbar gewesen, daß Langhans für die bislang unterschätzte Tiermedizin einen solch hoheitsvollen Bau hätte errichten können. Die Veterinärmedizin ist so gesehen eine frühe Berliner Parallele zur zeitgenössischen Revolutionsarchitektur.
Abbildung 4, Hörsaal in der Alten Tieranatomie

Der Hörsaal steigt nach dem Paduaner Urmuster amphitheatralisch steil nach oben. Das gotisch historisierte Geländer gehört in seiner abstrahierenden Eleganz und dem Schwung der um die Bühne gelegten Bankreihen zu den besterhaltenen Inventaren aller anatomischen Theater. In den Zwickeln der flachen Kuppel sucht ein Freskenzyklus von Christian Bernhard Rode das Verhältnis zwischen Mensch und Tier seit der arkadischen Urzeit zu bestimmen. Es ist bezeichnend, daß Rode, der damalige Präsident der Berliner Akademie der Künste, der zahlreiche Paläste für den preußischen Adel und für die Familie von Friedrich Wilhelm II. ausmalte, mit dieser Aufgabe betraut wurde. Die Tiermedizin erhält nach ihrer architektonischen Nobilitierung damit auch das malerische Siegel der Hofkunst.
Abbildung 5, Christian Bernhard Rode, Fresko in der Alten Tieranatomie

Eine der Szenen zeigt in der mythischen Umschreibung von Herkules, der die Rosse des Diomedes zähmt, die Bändigung von Wildpferden. Rode schuf zur selben Zeit die Entwürfe für die Reliefs der Durchgänge des Brandenburger Tores, und hierzu gehörte die Serie der Taten des Herkules, die an Friedrich II. als neuen Herkules zu alludieren suchen.<3> Das Fresko kann sich dem Thema formal freier widmen, weil die nach oben offene Zwickelfläche einen größeren Malgrund liefert als der geschlossene Tondo des Reliefs, das Johann Gottfried Schadow nach der Zeichnung Rodes umgesetzt hat.
Der authentisch überlieferte Kopf der Quadriga-Pferde zeigt eine von innerer Spannung geprägte Physiognomie, und die Sehnen und angeschwollenen Adern bezeugen eine veritable anatomische Duchdringung.
Abbildung 6, Johann Gottfried Schadow, Pferdekopf der ursprünglichen Quadriga, 1791/93

Schadow hatte für seine Pferde der Quadriga in Rom zunächst die Rosse der Antike, darunter vor allem das Bronzepferd Marc Aurels vom Kapitol in Rom, studiert,<4> danach aber tatsächlich auch anatomische Studien am Hand von Pferdeleibern betrieben. Sie entstammten jenem tierärztlichen Anatomietheater, das sein Akademiekollege Rode freskiert hatte. Eine Reihe von Skizzen zeugt von diesen Studien, die ihm ermöglichten, seine Pferde mit dem Verismus einer von innen nach außen sich aufbauenden Struktur auszustatten.<5>
Abbildung 7, Johann Gottfried Schadow, Skelett eines Pferdekopfes, von links, um 1789?

Auf diese Weise hat das anatomische Theater der tierärztlichen Hochschule dazu beigetragen, daß die Quadriga nach den Rossen von San Marco in Venedig zu einem der bedeutendsten Pferdeensemble der nachantiken Kunstgeschichte und zugleich zum Wahrzeichen Berlins wurde.
Nach der Akademisierung der Lehre, die in Anlehnung an die Praxis der Friedrich-Wilhelms-Universität geschah, wurde das Gebäude 1934 auch förmlich der Universität angegliedert. Seit 1992, nachdem die Veterinärmedizin der Freien und der Humboldt-Universität fusionierten, wird es von der Freien Universität genutzt, und in dieser komplizierten Bestimmung wirkt es als ein Zeichen für die ungelösten Probleme der Universitätsstadt Berlin.
| Fußnoten: | |
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Der Vortrag erfaßt nur ein Bruchteil dessen, was in mehreren Veranstaltungen des Kunstgeschichtlichen Seminares, teils gemeinsam mit Herrn Schwalgin, dem Leiter der technischen Bauabteilung und mit Hilfe starker Unterstützung seitens der Denkmalpflege durch eine Reihe von Studenten miterforscht worden ist. | |
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Klaus-Dietrich Gandert, Vom Prinzenpalais zur Humboldt-Universität. Die historische Entwicklung der Universitätsgebäude in Berlin mit seinen Gartenanlagen und Denkmälern, Berlin 1986. | |
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Gert-Dieter Ulferts, Friede nach siegreichem Krieg. Das Bildprogramm \|-\| Skulpturen und Malereien, in: Das Brandenburger Tor 1791-1991, Willmuth Arenhövel und Rolf Bothe (Hg.), Berlin 1991, S. 93-132, hier: 121. | |
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Götz Eckardt, Johann Friedrich Schadow. Der Bildhauer, Leipzig 1990, Abb. S. 21. | |
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Ulrike Krenzlin, Johann Gottfried Schadow. Die Quadriga. Vom preußischen Symbol zum Denkmal der Nation, Frankfurt am Main 1991, S. 28f.; Godehard Janzing, Johann Gottfried Schadows Quadriga in Berlin. Politisches Symbol und Wehrgedanke, Magisterarbeit, Humboldt-Universität, Berlin 1997. |
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HTML - Version erstellt am: Tue Mar 7 15:31:28 2000 |