Bredekamp, Horst: DIE WISSENSCHAFT ALS BAUHERR? SKIZZEN ZUR ARCHITEKTURGESCHICHTE DER HUMBOLDT-UNIVERSITÄT

Kapitel 2. Hauptgebäude

Noch weitere geschichtliche und kunstgeschichtliche Dimensionen weisen das Hauptgebäude, die ”Kommode“ und der umstellte Platz auf, ohne dessen Geschichte beide Bauten nicht zu verstehen sind.<6>

Sowie er 1740 den Thron bestiegen hatte, plante Friedrich der Große auf der Fläche zwischen der Behrenstraße und der Kehre der Spree eine riesige Residenz, die im Norden die Gärten des Schlosses Monbijou mit dem Lustgarten verbinden sollte. Den Ehrenhof der Residenz sollten zwei riesige Flügel einfangen, die jenseits der Straße Unter den Linden durch die Oper und eine Sporthalle Pendants erhalten hätten. Schwierigkeiten beim Grunderwerb, die durch die beiden Schlesischen Kriege ausgelöste Geldnot und die erhebliche Mittel bindenden Bauaktivitäten in Potsdam führten aber dazu, daß zunächst allein das Opernhaus von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff gebaut wurde. Errichtet als erste freistehende Oper, wirkte der Bau zunächst eher verloren, als er 1743 hochgezogen wurde.

Ab 1747 kam aber die Errichtung der Hedwigskirche hinzu, die dem Wunsch Friedrichs des Großen entsprechend das römische Pantheon nach Berlin zitieren sollte. Mit diesem Tempel verband sich die Idee der Toleranz: ”Tempio di tutti li Dei“ (Kirche aller Götter), wie es auf einer Radierung des Pantheon heißt, die Piranesi ein Jahr zuvor veröffentlicht hatte. Es war ein Coup besonderer Art, an diesem Ort eine katholische Kirche zu errichten, die mit St. Hedwig auch die Schutzpatronin des eroberten Schlesien repräsentierte und auf diese Weise die Besiegten durch Ehrung zu integrieren suchte.

Abbildung 8, Georg Wenzeslaus Knobelsdorf, Opernhaus, 1741-43 u. Hedwigskirche, 1747

Nicht minder bedeutsam als die Stiftung selbst ist ihre schräge Stellung, die dem Platz eine geradezu widersinnige Spannung vermittelt. Die Achse des Portikus läuft schräg ins Nichts, als würde sie auf einen Gegenanker jenseits der Straße Unter den Linden warten. Aber dort wurde kein Gegenbau errichtet. Vielmehr entstand im Gegensatz zur ursprünglichen Planung der weit verkleinerte Palais von Prinz Heinrich als Dreiflügelanlage mit Ehrenhof, dessen Mittelrisalit Friedrich der Große in einer lässig hingeworfenen Skizze geformt hat.

Abbildung 9, Friedrich II. von Preußen, Palais Prinz Heinrich, Handskizze zur Mittelfassade, um 1747

Damit war eine Verbindung zwischen dem Opernhaus und dem Palais über die Straße Unter den Linden hinweg gelungen, aber es fehlte die Begrenzung im Westen. Hier verwirklichte der König erneut eine politische Ästhetik, die ihm einen Ehrenplatz unter jenen Bauherrn sichert, die bewußt gegen die Regeln der Baukunst verstießen. Die links zu sehende Hofbibliothek, die heutige ”Kommode“ der Humboldt-Universität, ist bis heute der Schrecken der Architekten geblieben, weil sie mit ihren barocken Formen hinter jenen Stil zurückgeht, der von der Oper bereits entwickelt worden war.

Abbildung 10, Alte Hofbibliothek (”Kommode“), Hauptfassade, Aufnahme nach der Restaurierung 1968

In diesem Widerspruch liegt aber kein ästhetisches Versagen, sondern eine gezielte Provokation. Im Zeitalter der Aufklärung führte die Hofbibliothek mit ihrer geschwungenen Fassadenform des Wiener Barock ein Modell auf, das Fischer von Erlach bereits 1725 für die Michaelerfront der Wiener Hofburg entworfen hatte. Fischer von Erlachs Gebäude war seither begonnen, aber nicht fertiggestellt worden, und gerade dieser Umstand machte es für Friedrich den Großen attraktiv. Es muß ihm einen Triumph bedeutet haben, einen Wiener Hofbau, den seine Widersacherin Maria Theresia nicht hatte vollenden können, in einem Zug zu errichten. Während die Hedwigskirche die Besiegten zu integrieren suchte, wurden die Habsburger, denen Schlesien gehört hatte, durch die Architektur der ”Kommode“ gedemütigt. Sie war das architektonische Symbol der Suprematie Preußens über Österreich.

Auch der Bau der Hofbibliothek liegt nicht in der Achse des Platzes.

Abbildung 11, Mare u. Selter, Stadtplan vom Universitätsgrundstück, 1832

Sein Mitteltrakt weist in die Leere des südlichen Flügels des Opernhauses, und erst im zwanzigsten Jahrhundert hat man diese Spannung nicht aushalten können. Der Seiteneingang der Oper wurde nach Süden versetzt, und ihm wurde ein riesiger Schnurbodenaufsatz überstelzt, so daß sich nun eine Korrespondenz zur Mittelachse der ”Kommode“ ergab. Nach den Bombentreffern wurde dieser Turm abgeflacht wiederaufgebaut, und damit wurde das Forum nochmals um einen Teil seiner Spannung gebracht.

Beim Blick vom Hauptgebäude bleiben jedoch bis heute die schiefgestellte Hedwigskirche und die ”Kommode“, dieser stilgeschichtliche Querschläger, als Zeichen einer Planung, die aus politischen Gründen ”schräger“ war als es die zeitgenössische Baukunst erlaubt hätte \|-\| und die aus eben diesem Grund eine eigentümliche, historisch befrachtete Spannung zwischen den Architekturkörpern erzeugte.


Fußnoten:

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Vgl. Martin Engel, Fragen zur Entstehungs- und Bedeutungsgeschichte des Forum Friderizianum, in: Haupstadt Berlin \|-\| Wohin mit der Mitte? Historische, städtebauliche und architektonische Wurzeln des Stadtzentrums, Helmut Engel und Wolfgang Ribbe (Hg.), Berlin 1993, S. 89-99.


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Tue Mar 7 15:31:28 2000