Bredekamp, Horst: DIE WISSENSCHAFT ALS BAUHERR? SKIZZEN ZUR ARCHITEKTURGESCHICHTE DER HUMBOLDT-UNIVERSITÄT

Kapitel 3. Das ”magische Dreieck“: Universität, Museum, Bauakademie

Die Ausrichtung der Humboldt-Universität auf das Forum ist unvergleichlich; keine andere Stadtuniversität kann Ähnliches bieten. Dennoch liegt in der Pracht des Blickes ein Problem. Die Universität hat weder das Hauptgebäude noch die ”Kommode“, die alte Bibliothek, geschaffen; sie war kein Bauherr, sondern Empfänger eines zu Beginn des 19. Jahrhunderts vom Königshaus nur mehr schwer zu haltenden und zu nutzenden prinzlichen Stadtpalastes.

Dies provozierte Reaktionen. Wilhelm von Humboldt hatte von Beginn an auch die Architektur im Blick, und auf seine Empfehlung hin wurde Friedrich Schinkel im Jahre 1810 zum Oberbauassessor ernannt. Eine seiner Amtshandlungen lag darin, den Bauzustand des prinzlichen Palais zu prüfen und geringfügige Umbauten für die Herrichtung als Universität zu bestätigen.<7> So großartig die Geste war, als 1810 der Prinzenpalast an die Friedrich-Wilhelms-Universität übergeben wurde, so war es doch das Geschenk einer Form, die zunächst nicht auf die Wissenschaften zugeschnitten war. Und so sehr daher vom Gebäude der Friedrich-Wilhelms-Universität aus das moderne Bild der Wissenschaft geprägt wurde, so wirkte ihre Architektur nur indirekt; nicht als Form, sondern als geistiger und sozialer Anspruch.

Schon 1810, als die Gründung der Universität vollzogen wurde, hatte Humboldt die Idee eines zusätzlichen Museums, damit auch die ”Kunstinstitute mit denen der Gelehrsamkeit in Beziehung treten“<8>. Für ihn wie für Schinkel war die Friedrich Wilhelms-Universität der Anker einer weitreichenden Strategie, den höfischen und militärischen Charakter von Berlin-Mitte zu verwandeln. Beiden lag daran, vor allem die Physiognomie der Straße Unter den Linden zu verändern und diese von einem Corso der Kutschen und Paraden in einen lebendigen Boulevard der Geschäfte, der Wissenschaften und der Künste zu verwandeln.

Wie Tilmann Buddensieg gezeigt hat, plante Schinkel durch eine gedankliche Verbindung zwischen der Friedrich-Wilhelms-Universität, dem Museum und der Bauakademie eine Art magisches Dreieck, das die Straße Unter den Linden mit versetzten Achsen einfangen und deren Ost-West-Ausrichtung überkreuzen sollte. Schinkel gelang es 1823, König Friedrich Wilhelm III. von der Qualität und Notwendigkeit seines Kunstmuseums zu überzeugen. Das Neue Museum am Lustgarten entwickelt mit seinem um den mittleren Würfel gelegten, flachen Kubus eine eigene, klare Form, und mit der nach Süden hin gerichteten ionischen Säulenreihe bot es stilistisch den denkbar größten Gegensatz zum Schloß.

Abbildung 12, Karl Friedrich Schinkel, Altes Museum (ehem. Neues Museum), 1823-30

Und wieder, wie im Fall der Hedwigskirche, war es ein Akt aufklärerischer, integrativer Monarchie, daß diese Form entstehen konnte. In ihrem hellenistischen Charakter sah etwa Franz Kugler hierin ein ”demokratisches Element“<9>.

Zehn Jahre später, von 1832 bis 1836, gelang Schinkel jenseits des Kupfergrabens mit Hilfe der Bauakademie, die den Wasserarm zu einer Art Spiegelfläche nutzte, der zweite Coup.

Abbildung 13, Karl Friedrich Schinkel, Bauakademie, 1832-36

Die in Rasterform ausgeführte Bauakademie, die in kolossal durchlaufenden, aber auch filigranen Pilastern die Skelettbauweise des zwanzigsten Jahrhunderts vorausahnte, vermittelte dem akademischen Zweck die Schnörkellosigkeit des klassischen Zweckbaues. Dieses späte Meisterwerk Schinkels entwickelte einen genuin der Lehre zugeordneten Baustil, der seine Ästhetik aus der Askese der Zweckform zog.<10> Zwischen der Humboldt-Universität, dem Museum und der Bauakademie war damit ein Dreieck entstanden, das sich imaginär über die Straße Unter den Linden legte und vor allem dem Schloß eine eigene, moderne Gravitation der Form entgegensetzte.

Wie erwähnt, lag ein Problem aber darin, daß die Friedrich-Wilhelms-Universität zwar den Anstoß gegeben hatte und als Eckpfeiler dieser geistigen Verspannung diente, mit ihrer Gestalt aber keine genuin akademische Bauform zu repräsentieren vermochte. Noch 1835 hat Schinkel daher versucht, ihr seinen Wissenschaftsstil rücklings unterzuschmuggeln. Er schlug vor, auf dem Gelände des heutigen Nordwestflügels eine neue Bibliothek zu errichten, welche die ”Kommode“ hätte überflüssig machen können, und zweifellos hatte er im Kopf, diese später abreißen zu lassen. Auch bei diesem Projekt regiert eine kühle, sachliche Funktionsarchitektur, deren dreigeschossige Anlage in der Längswand durch neunzehn riesige, alle drei Fensterreihen überspannende Blendarkaden gestaltet wird, über denen kleine Dachfenster eingelassen sind. In den drei Mittelachsen sind im Untergeschoß drei Toröffnungen eingelassen, und an den Ecken wird der Bau durch halbrund vortretende, das Dachgesims nicht überragende Türme gehalten \|-\| das ist alles.

Abbildung 14, Karl Friedrich Schinke, Entwurf zu einem neuen Bibliotheksgebäude, 1835

In Opposition zur Fassade des Hauptgebäudes hätte dieser Bibliotheksbau, wie Schinkel ausgeführt hat, ”nicht unter die Prachtgebäude Berlins gerechnet“ werden können.<11> Mit dieser Architektur wäre auf dem Gelände der Friedrich-Wilhelms-Universität ein architektonisches Zeichen gesetzt worden, das dem intellektuellen Prägemoment der Universität zur Seite gestanden hätte. Der Beginn der modernen Architektur für die akademische Welt wäre auf das Jahr 1835 zu datieren gewesen. Aber 1840 wurde das Projekt abgesagt, und damit blieb der Typus der Bibliothek im wesentlichen an die Palastarchitektur gebunden.<12>


Fußnoten:

<7>

Tilmann Buddensieg, Berliner Labyrinth, Berlin 1993, S.49.

<8>

Buddensieg, 1993, S. 32.

<9>

Buddensieg, 1993, S. 37.

<10>

Jonas Geist, Karl Friedrich Schinkel. Die Bauakademie. Eine Vergegenwärtigung, Frankfurt am Main 1993.

<11>

Buddensieg, 1993, S. 49.

<12>

Buddensieg, 1993, S. 32, 49.


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Tue Mar 7 15:31:28 2000