| Bredekamp, Horst: DIE WISSENSCHAFT ALS BAUHERR? SKIZZEN ZUR ARCHITEKTURGESCHICHTE DER HUMBOLDT-UNIVERSITÄT |
Damit soll schließlich zu Rettendes, Gerettetes und Transitorisches angesprochen werden.
Im Komplex der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät Ecke Spandauer Straße und Burgstraße befindet sich die älteste Architektur der Humboldt-Universität, die Heilig-Geist-Kapelle des gleichnamigen Hospitals.
Abbildung 25, Cremer & Wolffenstein, Wirtschaftswissenschaftiche Fakulttät (ehem. Handelshochschule), 1905/06

Das Innere zeigt einen langgestreckten Saal, der durch ein sternförmiges Gewölbe überspannt wird, wobei die Gewölberippen auf zwölf figürlich gestalteten Wandkonsolen lagern.<15>
Abbildung 26, Gewölbe der Heilig-Geist-Kapelle, 13.-15. Jahrhundert

Eine vom Landesdenkmalamt beauftragte Untersuchung hat die bisherige, früher ansetzende Datierung revidiert. Eine dendrochronologische Analyse der verwendeten Hölzer ergab, daß die Halle um 1390 errichtet wurde, zu der das sternenförmige, fein gezogene Gewölbe um 1520 hinzu kam.
Die Halle wurde 1904 erst nach Protesten gerettet und in die Bauplanung einbezogen; auf den ersten Blick wird deutlich, daß die einfache, mit einem Satteldach geschlossene Halle bewußt als Relikt bewahrt wurde, denn sie verhindert die Symmetrie des Flügels südlich des Turmes. Das Dach wurde auf dieser Seite zweifach getreppt, um einen Übergang zu dieser Halle zu schaffen. Ursprünglich war beabsichtigt, sie abzureißen, und in dem leicht gequälten Übergang vom Turm zur Kapelle wird sichtbar, welche inneren Nöte die Architekten Cremer & Wolffenstein zu überwinden hatten, um ihren Bau der Jahrhundertwende in dieser spätgotischen Halle enden zu lassen. Sie hatten ihren Entwurf unter dem Namen Fugger eingereicht und sahen sich nun durch eine Architektur der Zeit der Fugger gedanklich zumindest teilenteignet. Gerade hierin aber lag der Grund, daß die Halle blieb. Die Zeit der Spätgotik wurde als die heroische Epoche der Bankiers und Kaufleute gewertet, so daß mit der Halle des spätgotischen Hospitals ein Zeuge ihrer historischen Basis aufgerufen wurde.
Der verloren gegangene Bauschmuck sollte diesen historischen Bezug unterstreichen; so wiesen zwei Berlin-Wappen auf die Gründung des Spitals und das Jahr der Erbauung der Fachhochschule hin; die Kolossalpilaster zwischen den Fensterachsen endeten in korinthischen Kapitellen, die alternierend Lokomotiven und Schiffe zeigten; unter den Brüstungen der Fenster waren charakteristische Typen von Kaufleuten skulptiert, und über dem Haupteingang thronte eine Kartusche mit dem Wappen der Ältesten der Kaufmannschaft, darüber zwei Studenten und, bekrönend, ein Bienenkorb als Symbol für Industria. Nirgendwo eine Verbeugung in Richtung Monarchie, allein eine symbolische Sammlung von Motiven der Kaufmannschaft. Es mag kein Zufall sein, daß Johannes Kempf, Abgeordneter des Wahlkreises Berlin-Mitte für die liberale freisinnige Volkspartei, Mitglied des Ältestenkollegiums der Handelshochschule war.
Soweit die Wissenschaft als Bauherr auftreten konnte, ist dies hier geradezu programmatisch geschehen: ein Baukomplex, der die Handelsausbildung in akademische Forschung und Lehre zu überführen suchte und allein mit Mitteln der Kaufmannschaft errichtet wurde, die auch für die Integration der gotischen Halle verwendet werden konnten. Es hat ihren Zustand nicht verbessert, daß sie 1968 in eine Mensa verwandelt und nach der Wiedervereinigung ohne tiefgreifende Änderung als Hörsaal genutzt wurde. Eine zweite Auflage einer solchen Wissenschaft als Bauherr hätte sie dringend nötig, und Berlin würde damit einen seiner ältesten Bauten angemessen wiedergewinnen.
Wiedergewonnen ist seit kurzem das Haus der Sozialwissenschaften Ecke Universitäts- und Georgenstraße. Die Architekten Dörr und Schmidt-Dörr haben mit Blick auf die historisch hier untergebrachten Läden, die ein andauerndes Spiel mit ihren Vorhängen vorführten, die Beweglichkeit des Stoffes durch variable, blaue Metallstreifen, die in die Fensteröfnungen gestellt sind, wiederaufgeführt.
Abbildung 27, Dörr u. Schmidt-Dörr, Institut für Sozialwissenschaften, Aufnahme 1998

Die vorzügliche Innenarchitektur beginnt mit dem Versuch, bei aller Trennung den Außen- mit dem Innenraum zu verspiegeln. Die tief auf den Boden gezogenen Fenster lassen das Ostlicht auch bei schwachen Lichtverhältnissen hinreichend eindringen, und sie vermitteln dem Boden einen schimmernden Glanz.
In den geschliffenen Seitenwänden schließlich spiegeln sich Innen- und Außenraum, so daß sich andauernde Überlagerungen ergeben. Bauabteilung und Architekt haben versucht, hier so etwas wie eine Durchlässigkeit der Abschirmung zu erzeugen und damit den Status der Universität an einem architektonischen Detail zu bestimmen: als autonomer Ort, der sich selbst die Regeln gibt, der auf die eigene Geschichte reagiert und der seine Autonomie nur halten kann, wenn er auf die Außenwelt reagiert.
Das zweite Abschlußmotto bietet das architektonische Urmotiv des Steigens und Überwindens, die Treppe. Vor allem in dem Komplex Landwirtschaft-Naturkundemuseum entwickeln sie einen unnachahmlichen Reiz. Die filigran in die Luft gehängte, dabei breite und geräumige Treppe des Museums, die sich für Theateraufführungen geradezu anbietet, zieht eine Summe der Eisenarchitektur des 19.Jahrhunderts,
Abbildung 28, Treppe im Naturkundemuseum, 1883-89

und selbst Nebentreppen der Landwirtschaftlichen Fakultät deuten im filigranen Schwung ihrer Kehren auf die Art Nouveau.
Abbildung 29, Landwirtschaftliche Fakultät, Nebentreppe im Hauptgebäude, 1876-80

Daneben aber biegen um schwere, teilkannelierte Pfeiler gerade aufgehende, hölzerne Treppen ab,
Abbildung 30, Landwirtschaftliche Fakultät, Hörsaalgebäude, Treppenhaus, Aufnahme 1998

und im Erweiterungsgebäude verbinden sich gotische Gratgewölbe mit romanischen Urpfeilern, während das Geländer quasi eisernes Holz darstellt.
Abbildung 31, Landwirtschaftliche Fakultät, Erweiterungsgebäude, Treppenhaus, Aufnahme 1998

Vor zwanzig Jahren hätte man die Nase gerümpft - heute hat derartiges den Glanz einer Postmoderne avant la lettre.
| Fußnoten: | |
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Das bislang ungeklärte Programm dieser Skulpturen wurde kürzlich von Peter Dietze als Ensemble der Trinität mit Maria, der vier Evangelisten und der vier lateinischen Kirchenväter erschlossen. |
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HTML - Version erstellt am: Tue Mar 7 15:31:28 2000 |