| Cordes, Axel: Die Frauenklinik in der Ziegelstraße |
Aufgrund des baulichen, technischen sowie hygienischen Mißstands am Universitätsklinikum faßte man wohl schon 1925/26 im Zuge der Vorplanungen zum Um- und Erweiterungsbau der Universitäts-Frauenklinik eine umfassende Neugestaltung aller Kliniken an der Ziegelstraße ins Auge. Das Modell dieser Bebauung ist - wie oben dargestellt - aus Wolffs Veröffentlichung zum Um- und Erweiterungsbau der Universitäts-Frauenklinik bekannt und dort als ‘Ideenskizze bezeichnet.<33>
Für eine städtebauliche Untersuchung der Bauten der Humboldt-Universität ist dieses Modell sehr wertvoll. Es scheint mehr zu sein als eine bloße Gedankenskizze: Deutlich sind in ihm das runde Gebäudeende mit dem darüberliegenden Dachaufbau der Universitäts-Frauenklinik als auch die aus Modellen bekannte Universitäts-Augenklinik am Monbijoupark zu erkennen. Trotz der Schemenhaftigkeit des Modells ist die grundsätzliche Form der Gesamtplanung bereits relativ genau vorgegeben. Die Neugestaltung des Universitätsklinikums wäre mit großer Wahrscheinlichkeit auf der Grundlage dieses Modells ausgeführt worden, wenn nicht der massive wirtschaftliche Einbruch dem öffentlichen Bauen ein jähes Ende gesetzt hätte.
Stetiger Streitpunkt war die geplante Errichtung der Universitäts-Frauenklinik auf dem Gelände des Monbijouparks. Sie hatte schon im Vorfeld der Bauarbeiten für großen öffentlichen Protest gesorgt. Das Bezirksamt Mitte protestierte heftigst gegen diese Baupläne; es wollte die Freifläche des Monbijouparks für die Allgemeinheit nutzbar gemacht wissen und verwies darauf, daß sich in der Gegend um die Charité herum eine Vielzahl baufälliger Häuser befände, an deren Stelle dem Neubau der Klinik nichts im Wege stehen würde.<34> Auch die Charité-Direktion machte Einwände gegen den Bauplatz geltend. Sie gab dem Standort Luisenstraße 6-11 aufgrund der effektiveren Zusammenarbeit zwischen Augenärzten von Charité und Universität den Vorzug. Auch die medizinische Fakultät der Universität soll sich für letzteren Standort ausgesprochen haben.<35>
Tatsache ist, daß Schloß Monbijou samt Schloßpark im Zuge der Rechtsnachfolge in das Eigentum des Preußischen Staats übergegangen war. Dieser konnte nun über die ehemaligen Flächen der Krone verfügen.<36> Des weiteren ist bekannt, daß die Entscheidung für diesen Bauplatz auf höchster ministerialer Ebene gefällt worden ist. Einem Schreiben aus der Bau- und Finanzdirektion ist zu entnehmen, daß der Finanzminister in Übereinkunft mit dem Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung den Bau der Universitäts-Augenklinik auf dem Gelände des Monbijouparks bereits beschlossen habe. Amtlich sei hier aber Näheres nicht bekannt.<37> Die Behörden setzten sich letztlich über die Proteste der Öffentlichkeit hinweg. Die Erben des Pächters der Schloßgärtnerei Monbijou wurden abgefunden, so daß der Umsetzung der Neubaupläne nichts mehr im Wege stand.<38> Der Beginn der Bauarbeiten an der Augenklinik fällt spätestens in das Jahr 1929.<39>
Der Gesamtplan sieht den Bau dreier Klinikbauten im Zentrum der Berliner Mitte am nördlichen Spreeufer zwischen Weidendammer Brücke und Monbijoubrücke vor. Die Kliniken der Chirurgischen und Frauenklinik sollen unter Ausnutzung benachbarter Grundstücke an ihrem angestammten Standort errichtet werden. Lediglich die Universitäts-Augenklinik erhält einen neuen Standort am westlich gelegenen Grundstücksteil des Monbijouparks.<40>
Die Architektur von Chirurgischer und Frauenklinik ähnelt sich weitestgehend. Die Planung sieht E-förmige Bettentrakte mit nach Süden ausgerichteten langgestreckten Krankenzimmerfronten vor, die in ihrer Ausrichtung dem bogenförmigen Verlauf der Spree folgen. Sie springen weit vom Ufer zurück, so daß Raum für großzügige Terrassenanlagen entsteht, welche durch flache L-förmige Flügel gerahmt werden. Durch sie betritt man die Kliniken von Süden. Nördlich werden die Kliniken durch dreigeschossige Trakte an der Ziegelstraße abgeschlossen. Sie sind für die Unterbringung von Wirtschafts- und Verwaltungsräumen vorgesehen<41> und werden von den E-förmigen Haupttrakten fast ganz überfangen. Die Gliederung der Fassade erfolgt bei allen Klinikbauten in erster Linie durch die streng symmetrische Reihung der Fenster.
Die sich östlich auf dem Monbijougelände anschließende Universitäts-Augenklinik besteht aus Nordflügel, Hauptbau und Spreeflügel.
Abbildung 6, Modell der Universitäts-Augenklinik (wohl frühere Planung)

Der Nordflügel sollte ursprünglich mit 7 Geschossen den höchsten, turmartig ausgeformten Gebäudeteil bilden. Spätere, schon konkretisierte Entwürfe belegen aber, daß statt dessen ein Flügel mit niedrigerer Geschoßzahl vorgesehen war.<42>
Abbildung 7, Ansichten der Universitäts-Augenklinik (wohl spätere Planung)

Ein Eingang dürfte zur Monbijoustraße in der Sichtachse der Ziegelstraße vorgesehen gewesen sein. Ein flacher Bauteil des Nordflügels bindet die Klinik nahtlos an Schloß Monbijou an.
Der fünfgeschossige Haupttrakt der Augenklinik erstreckt sich längs zur Monbijoustraße. Zur Wasserseite hin schließt ein um ein Geschoß niedrigerer Spreeflügel das Gebäude ab. Dieser faßt eine der Klinik östlich vorgelagerte großzügige Terasse ein, die sich zum Monbijoupark hin öffnet. Die Unterbringung der Kranken war höchstwahrscheinlich an der Ostseite des Hauptbaus mit entsprechendem Blick in den Park vorgesehen.
Architektonische Besonderheiten der ursprünglichen Gesamtplanung stellen der turmartige - wohl um zwei Geschosse erhöhte - Ausbau des Nordflügels der Universitäts-Augenklinik, das abgerundete Gebäudeende des östlichen Ziegelstraßentrakts der Frauenklinik mit erhöhtem Dachaufbau-Teil des heutigen Erweiterungsbaus der Frauenklinik - sowie ein an die Chirurgische Klinik angeschlossener sechseckiger Hörsaalturm dar.
Schriftliche Quellen, die über die städtebaulichen Zielsetzungen der Klinikbauten Aufschluß geben könnten, finden sich kaum. Eine der wenigen Aussagen zu diesem Thema stammt von Wolff; er betont, daß die Bebauung städtebaulich die Spreefront zur Geltung zu bringen [sucht], im Gegensatz zu der alten Bebauung, die [...] unter Vernachlässigung der Spreeansicht die Straßenansichten einseitig bevorzugte.<43>
Entscheidend ist für Wolff demnach die Aufwertung der Spreesicht, die spätestens mit der Fertigstellung des Bodemuseums und dem damit verbundenen Bau der zwei Monbijoubrücken im Jahre 1904<44> einen neuen städtebaulichen Glanzpunkt erhalten hatte, während die dezentrale Pavillonarchitektur der alten Klinikbauten in städtebaulicher Hinsicht nachteilig war. Die Straßenansichten der Ziegelstraße waren einseitig betont worden. Dieser Mißstand sollte korrigert werden.
Während die alten Klinikgebäude sowie die umliegenden Gebäude unterschiedlich nah an die Ufermauern herangebaut waren, sehen die neuen Klinikbauten Platz für weite Promeniergärten vor. Die Uferzone erhält auf diese Weise wieder ein großzügiges Aussehen. Langgestreckte, nach Süden ausgerichtete Krankenzimmerfronten ersetzen die durch das fortwährende Wachstum des Universitätsklinikums unübersichtliche bauliche Struktur und weisen die Kliniken unverwechselbar als zusammengehörig im Stadtbild aus. Durch den bogenförmigen Spreeverlauf sind die Kliniken von weither sichtbar und ihre weiträumige Ausdehnung zwischen Weidendammer Brücke und Monbijoubrücke verleiht ihnen allein rein räumlich ein eigenständiges Gewicht im Stadtbild.
Doch die städtebaulichen Schwerpunkte des Neubauplans gehen über eine reine Aufwertung der Spreesicht weit hinaus und setzen eigenständige Akzente. Besondere Aufmerksamkeit werden im Modell den Eingangsbereichen der Kliniken geschenkt. Die flachen breiten L-förmigen Eingangsflügel ragen bis sowohl an die Ebertsbrücke als auch an die Monbijoubrücke heran. Mit ihren weit ausladenden, von Stützen getragenen Vordächern treten sie auf den Besucher oder Patienten gewissermaßen zu. Mißverständnisse darüber, wo sich der Eingang der Kliniken befindet, werden durch diese bauliche Lösung nahezu ausgeschlossen. Auch die nördlichen Eingänge erhalten eine eigene bauliche Markierung. Bekannt ist uns dies vom Erweiterungsbau der Frauenklinik: Der mit 150 m Länge extrem gestreckte Bau erhält einzig im Eingangsbereich eine kräftige Zäsur durch einen zurückspringenden erhöhten Gebäudeteil. Das auf die Straße hinausreichende flache Vordach signalisiert in Verbindung mit diesem Gebäudeteil schon von weitem, von wo aus das Gebäude zu betreten ist.<45> In dieser Hinsicht ist die Architektur selbsterklärend.
Abbildung 8, Erweiterungsbau der Universitäts-Frauenklinik, Ansicht in der Ziegelstraße, 1932/33

Abbildung 9, Erweiterungsbau der Universitäts-Frauenklinik, Eingang an der Ziegelstraße, 1932/33

Neben dieser innerhalb des Stadtbildes klaren Architektursprache werden die Klinikgebäude aber auch durch die geschickte Ausnutzung von Sichtachsen innerhalb des Stadtgefüges inszeniert. So ist der im Nordflügel der Augenklinik befindliche Eingangsbereich auf die Sichtachse der schmalen Ziegelstraße hin ausgerichtet. Wie bei den übrigen Kliniken ist auch dieser ein wenig zurückverlegt.<46> Auf dem ehedem mit Schuppen der Schloßgärtnerei Monbijou bestandenen Gelände erhält die Ziegelstraße nun einen markanten östlichen Abschluß durch ein Klinikgebäude. Das Gewicht der Kliniken gewinnt somit im Straßenbild der Ziegelstraße erheblich.
Auch von der anderen Seite der Ziegelstraße her - also vom Nordflügel der Augenklinik aus gesehen - ist eine städtebauliche Besonderheit vorgesehen. Der nördliche Trakt der Frauenklinik - eben der heutige abgerundete Erweiterungsbau der Frauenklinik - läuft östlich in einem abgerundeten Gebäudeteil aus. Auf diese Weise wird der Vorübergehende dazu eingeladen, dem Verlauf der Ziegelstraße zu folgen und seinen Gang in Richtung der Chirurgischen Klinik fortzusetzen. Der nicht enden wollende Bau läuft durch diesen Kunstgriff sanft aus. Über der Rundung liegt ein von filigranen Stützen getragener Dachaufbau mit zurückgesetzter Glasfront, der dem ansonsten durch glatten Putz und strenge Fensterreihung nüchternen Trakt eine eigene Leichtigkeit verleiht. Nach Westen hin verleiht dieser Bau der Ziegelstraße ein eigenes Gesicht.
Am bemerkenswertesten an dieser baulichen Lösung ist jedoch ihre Beziehung zum Bodemuseum; denn der abgerundete Bau der Frauenklinik tritt mit dem Rund des Bodemuseums in direkten Dialog:
Möglich wurde dieser Bezug erst durch die Verlegung des östlichen Frauenklinik-Traktes weit hinter die Fluchtlinie der Monbijoustraße. Diese erweitert sich somit platzartig; der charakteristisch runde Osttrakt der Frauenklinik springt damit klar und deutlich hervor. Doch tritt nicht nur das Rund der Gebäude miteinander in Beziehung. Weitere Bezüge ergeben sich auf den zweiten Blick: Die abgerundeten Gebäudeteile von Bodemuseum und Frauenklink verfügen über dieselbe Zahl von vertikalen Achsen. Die sieben Rundbögen des Bodemuseums finden ihre Entsprechung in den sieben Fensterachsen der Frauenklinik, und die zurückspringende Kuppel des Bodemuseums findet sich vollkommen neu interpretiert in der zurückgesetzten Glasfront des Dachgeschosses der Frauenklinik wieder. Auch der extrem langgestreckte, durch symmetrische Fensterreihen gegliederte Ziegelstraßenflügel erinnert an die beiden durch Pilaster und Säulen gegliederten Spreeflügel des Bodemuseums, die vom runden Eingangsbereich ausgehenden. All diese Beobachtungen scheinen zu bestätigen, wie gezielt die Planung der Frauenklinik auf den Dialog mit dem Bodemuseum hin angelegt war.<47>
Abbildung 10, Erweiterungsbau der Universitäts-Frauenklinik

Der siebengeschossige Hörsaalturm ist ein weiterer Bauteil innerhalb des Klinikgefüges, der sehr gezielt auf seine städtebauliche Wirkung hin inszeniert wurde. Durch das leicht östliche Abknicken der Artilleriestraße von der Ebertsbrücke ergibt sich die Möglichkeit, ihn in der genauen nördlichen Verlängerung derselben zu errichten. An die Chirurgische Klinik ist er durch einen ostwärts verlängerten Ziegelstraßentrakt angebunden.
Der sechseckige Grundriß des Turms fügt sich wie ein Puzzle-Teil in das Straßengefüge ein. Auf diese Weise bildet der Turm in seiner achsialen Ausrichtung auf die Ebertsbrücke einerseits einen optischen Schlußpunkt beim Blick von Süden, nimmt aber durch seine Sechseckigkeit gleichzeitg den Verlauf der Artilleriestraße auf. Der Grundriß löst den Widerspruch zwischen beiden Achsen auf.
Vollständig sichtbar ist der Hörsaalturm also lediglich beim Blick über die Ebertsbrücke und auch von der nördlichen Universitätsstraße aus. Er bekrönt die glatten Quader der Haupttrakte, indem er sie um zwei Geschosse überragt, und konterkariert die Horizontalität der Südfronten mit einer, wenn nicht verspielt, so doch leicht wirkenden Vertikalität. Die L-förmigen Eingangsbauten steigern diesen Eindruck zusätzlich. Beim Blick über die Ebertsbrücke wirken sie wie optische Schleusen, die den Blick auf den Turm rahmen. Ihre breite und flache Form sowie die weit ausladenden Flachdächer lassen den Hörsaalturm noch gestreckter erscheinen.
Der vollständige Blick auf den Hörsaalturm ist also nur auf einer einzigen Sichtachse gewährleistet. Von allen übrigen Stellen des südlichen Weidendamms aus ist der Hörsaalturm nicht im Ganzen sichtbar. Entweder wird der Blick durch die L-förmigen Eingangsbauten vor den Kliniken eingeengt oder er wird durch die zurückgesetzte Position des Turms von der Chirurgischen oder der Frauenklinik vollständig verdeckt.
Die Neubauten der Universitätskliniken sollen im Zentrum der Berliner Mitte am nördlichen Spreeufer entstehen. Dessen bogenförmiger Verlauf macht das Gelände von weither sichtbar. Unmittelbar benachbart sind Schloß Monbijou sowie das an der nördlichen Spitze der Museumsinsel gelegene Bodemuseum. Nach Jahren immer wieder verschobener Neubaupläne<48> sollten die Kliniken Gebäude erhalten, deren Modernität dem Fortschritt in der Medizin in nichts nachstand.
Städtebaulich waren insbesondere die Spreefronten zur Geltung zu bringen. Doch scheinen die Neubaupläne der Kliniken weit über dieses Ziel hinauszugehen. Die Kliniken sollen im Stadtbild unverwechselbar und einheitlich als Bauten der Wissenschaft in Erscheinung treten. Ihre weiträumige Ausdehnung zwischen Friedrichstraße und Monbijoupark sowie die ungeheure Breite der langgestreckten Südfronten verleihen ihnen ein neues, eigenständiges Gewicht im Stadtbild. Die kompromißlos an den Klinikbedürfnissen ausgerichtete Architektur steht für eine neue Ära des Krankenhausbaus und setzt sich selbstbewußt von Schloß Monbijou und dem Bodemuseum ab.
Symbol dieses Selbstbewußtseins ist der markant im Stadtbild plazierte sechseckige Hörsaalturm. Er weist die Kliniken im Stadtbild unverwechselbar als Universitätskliniken aus. Seine Position im Herzen des Klinikgeländes, seine Höhe, die ihn über alle übrigen Gebäudeteile erhebt und sein sechseckiger Grundriß, welcher ihn als Juwel inmitten der anderen Klinikbauten erscheinen läßt, scheinen Ausdruck ihres Selbstbewußtseins zu sein. In seiner Süd-Ausrichtung ist der Hörsaalturm konsequent auf das Hauptgebäude der Humboldt-Universität hin ausgerichtet und stellt über die Achse der Monbijoubrücke und Universitätsstraße einen städtebaulichen Bezug zum Hauptgebäude der Universität her. Er scheint keinen Zweifel darüber aufkommen lassen zu wollen, daß Wissenschaft und Forschung die alleinigen Garanten für den Erfolg des Universitätsklinikums waren und sein werden.
Im Verhältnis zum Bodemuseum könnten die Kliniken im Stadtbild kaum einen stärkeren Gegenpol bilden. Dessen Formensprache war entsprechend dem konservativen Kulturbegriff des Kaisers vom römischen Barock abgeleitet<49> und scheint in seinem kaiserlich-repräsentativen Gestus für Rückwärtsgewandtheit zu stehen. Als These sei formuliert, daß die Kliniken als Gegenentwurf, als Ausdruck eines mit Vertrauen in die Wissenschaft nach vorn gerichteten Blicks zu lesen sind.
Ungeklärt bleibt weiterhin die Frage, aus welchen Gründen die Augenklinik auf dem Gelände des Monbijouparks entstehen sollte. Aus einem Brief des Ministers für Kultur, Wissenschaft und Volksbildung geht hervor, daß die untragbaren Mängel der alten Augenklinik den Ausschlag für einen sofortigen Neubau am Monbijoupark gegeben hätten.<50> Diese Erklärung bleibt jedoch Argumente für den Bauplatz Monbijoupark schuldig; Charité und Universität jedenfalls hätten den Bauplatz Luisenstraße 6-11 vorgezogen.
Möglicherweise haben folgende Beweggründe eine Rolle gespielt: Mit der Wahl des Standorts Ziegelstraße für ein neues Universitätsklinikum wird einerseits an Traditionen angeknüpft. Das Klinikum ist schon seit der frühen Universitätsgeschichte mit der Ziegelstraße verbunden. Gleichzeitig werden die Neubauten durch deren Nachbarschaft mit Schloß Monbijou und dem Bodemuseum in eine monarchisch-preußische und kaiserlich-deutsche Vergangenheit eingebettet.
Dennoch scheint in das preußische Erbe eingegriffen zu werden. Der Finanzminister in seiner Funktion als Verwalter der dem Staat zugefallenen Liegenschaften des Königshauses<51> bestimmt in Übereinkunft mit dem Preußischen Minister für Kultur, Wissenschaft und Volksbildung, die Augenklinik am Monbijoupark errichten zu lassen. Mit dem Bau der Universitäts-Augenklinik aber wird das barocke Gefüge von Schloß und Schloßpark empfindlich gestört. Die zur Monbijouseite hin fünfgeschossige Klinik würde fortan das Bild des Parks bestimmen und den eingeschossigen Schloßbau um ein Vielfaches überragen. Der direkte Anschluß der Klinik an das Schloß würde außerdem zur Auflösung der räumlichen Eigenständigkeit des Schlosses führen; fast entstünde der Eindruck, als sei das Schloß ein bloßer Anbau der Klinik.
Vor diesem Hintergrund kann man den Bau der Augenklinik am Monbijoupark auch als Ausdruck für das Werteverständnis in der Weimarer Republik verstehen. Wissenschaft und Forschung sollen die Grundlagen einer prosperierenden Republik sein. Auf höchster ministerialer Ebene wird unter heftigsten öffentlichen Protesten beschlossen, der Wissenschaft ein Gebäude auf ehemaligem Grund und Boden der Krone zu errichten. Wer wäre besser in der Lage, ein Selbst-Verständnis der Weimarer Republik zu entwerfen als die Allianz zweier Minister, deren einem in seiner Doppelrolle als oberstem Chef der Finanzbehörde und oberstem Chef der Hochbauabteilung ungeheure Macht in städtebaulichen Fragen zuteil wird?<52>
Zwar wird mit dem Bauplatz am Monbijoupark an die monarchische Vergangenheit angeknüpft, doch wird diese Vergangenheit nur bedingt respektiert: Der Bau der Wissenschaft erhebt sich weit über den der Krone und scheint ihn fast zu erdrücken. Die preußische Vergangenheit wird dadurch auf gewisse Weise diskreditiert, um sie durch eine spezifisch republikanische - eben der Wissenschaft verpflichtete - Gegenwart zu verdrängen.
| Fußnoten: | |
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Vgl. Wolff, Frauenklinik 1933, S. 2. | |
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Landesarchiv Berlin, Pr. Br. Rep. 42/1290: Augenklinik-Schriftwechsel mit den Behörden betr. Neubau, Schreiben des Bezirksamts Mitte an den Präsidenten der Bau- und Finanzdierektion v. 1.2.1927. | |
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Landesarchiv Berlin, vgl. Pr. Br. Rep. 42/1290: Antwortchreiben des Präsidenten der Preußischen Bau- und Finanzdirektion vom März 1927. Über die genauen Beweggründe für die Wahl des Monbijouparks als Bauplatz für die Universitäts-Augenklinik ließ sich bis jetzt keine letzte Gewißheit erlangen. Weitere Forschungen müßten hier Klarheit bringen. | |
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Vgl. Kreuzzeitung 116, 10.3.1927. | |
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Landesarchiv Berlin, vgl. Pr. Br. Rep. 42/1290: Schreiben des Präsidenten der Preußischen Bau- und Finanzdirektion vom März 1927. | |
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Landesarchiv Berlin, vgl. Pr. Br. Rep. 42/1290: Schreiben vom 26.8.1927. | |
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Landesarchiv Berlin, vgl. Pr. Br. Rep. 42/1290: Brief betr. Rammarbeiten vom Nov. 1929. | |
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Vgl. Wörner, Architekturführer 1997, Nr. 107. | |
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Vgl. Wolff, Frauenklinik 1933, S. 2. | |
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Die Klärung baurechtlicher Fragen dürfte hier mehr Klarheit verschaffen. | |
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Wolff, Frauenklinik 1933, S. 2. | |
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Vgl. Wörner, Architekturführer 1997. | |
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Es ist anzunehmen, daß auch der nördliche Eingang zur Chirurgischen Klinik städtebaulich einen eigenen Akzent erhalten hätte. | |
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Das Modell selbst sieht ja eine noch stärkere Akzentuierung dieses Gebäudeteils durch eine turmartige Erhöhung vor, die jedoch späteren Entwürfen zufolge nicht realisiert werden sollte. | |
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Schriftliches Material, das diese Beziehung ausdrücklich bestätigt, hat sich bisher nicht gefunden. | |
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Landesarchiv Berlin, vgl. Rep. 151/850, S. 24 ff. | |
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Wörner, Architekturführer 1997, Nr. 30. | |
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Geheimes Staatsarchiv Dahlem, vgl. Rep. 151/850, S. 25. | |
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Vgl. Kreuzzeitung 116, 10.3.27. | |
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Die Preussische Hochbauabteilung war in der Weimarer Republik dem Preußischen Finanzministerium seit dem 1.4.1920 angegliedert. |
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HTML - Version erstellt am: Mon Mar 6 18:24:04 2000 |