| Görnandt, Angelika: Die Königliche Hofbibliothek (Kommode) |
Die königliche Bibliothek erwuchs aus der Sammlung von Drucken und Handschriften des brandenburgischen Kurfürstenhauses.<17> Kurfürst Friedrich Wilhelm ließ dafür einen geräumigen Saal mit Vorraum und Katalogzimmer im Obergeschoß des Schloß-Apotheken-Flügels anlegen. Hinzu fügte er die Reste märkischer Klosterbibliotheken und Bestände aus Bibliotheken der neu erworbenen Landesteile, vor allem aus Westfalen.<18> Als der Große Kurfürst 1687 starb, umfaßte sie 1.618 europäische und orientalische Handschriften, sowie 20.600 Drucke in ungefähr 90.000 Bänden.<19>
Unter Friedrich I. (1688-1713) vermehrte sich der Bestand 1701 beträchtlich durch den Ankauf der Spanheimschen Bibliothek, während es unter der Regierung seines Nachfolgers, Friedrich Wilhelm I., kaum zu Erwerbungen kam.
Nach der Fertigstellung der Königlichen Hofbibliothek wurden die Bücher zwischen 1780 und 1782 dorthin verlegt. Die Hofbibliothek bestand bis zu ihrer Vereinigung 1790 aus fünf gesonderten, getrennt aufgestellten Teilen.<20> 1799 belief sich der Buchbestand auf ca. 100.000 Bände, die in 47 Klassen eingeteilt waren.<21>
Mit der Gründung der Berliner Universität 1809 stieg der Bedarf an wissenschaftlicher Literatur in den folgenden Jahrzehnten so stark, so daß das bisher zweckentfremdete Sockelgeschoß um 1840 als Lese- und Geschäftsräume genutzt wurde.
In den Jahren 1909/10, nach Umzug der Bücher in die neue Staatsbibliothek, erfolgten umfassende Umbauten. Die Hofbibliothek nahm fortan Aula und Hörsäle der Universität auf, die noch heute von der Humboldt-Universität benutzt werden.
Friedrich II. wollte nach Beendigung des Siebenjährigen Krieges im Jahre 1763 seinem Forum einen würdigen Abschluß geben. Da inzwischen die Schloßbibliothek nicht mehr genügend Platz für die Bücher bot, gab der König 1774 die Anweisung zum Bau einer Königlichen Bibliothek. Kurz zuvor hatte er den Platz gegenüber der Oper gekauft, auf dem zum damaligen Zeitpunkt die Seitengebäude des Schwedtschen Palais standen.<22> Ein erster Entwurf des französischen Architekten Bartholomée Bourdet von 1774 wurde nicht ausgeführt.<23> Der König hatte sich entschieden, die Hofbibliothek nach einem Entwurf für den Michaeler Trakt der Wiener Hofburg von 1725 von Joseph Emanuel Fischer von Erlach ausführen zu lassen. Der Entwurf war Friedrich II. durch einen Stich von Salomon Kleiner bekannt.<24>
Die Grundsteinlegung zur Hofbibliothek erfolgte am 17. Juli 1775. Die Bauleitung wurde Boumann d.J. übertragen, während Unger die Planung innehatte. Das Gebäude wurde an jener Stelle errichtet, an der Knobelsdorff in seinem ursprünglichen Residenzplan das Akademiegebäude geplant hatte.<25> Im Volksmund wurde das Gebäude schon bald nach seiner Vollendung 1780 aufgrund seiner geschwungenen Hochbarockfassade Kommode genannt.<26>
Abbildung 4, Die Königliche Bibliothek, die Kommode, Kupferstich von J.D. Schleuen, 1783

Da der König auf schnelle Fertigstellung des Gebäudes drängte, wurde bereits im September 1780 mit dem Umzug der Bücher in die neue Bibliothek begonnen, obwohl noch 1781 an der großen Haupttreppe gearbeitet wurde. Das Lesezimmer, welches sich im Nebengebäude für die Bibliothekare in der Behrenstraße befand, konnte erst im März 1784 dem Publikumsverkehr übergeben werden.<27>
Die Alte Bibliothek zeigt im Grundriß einen zentralen quadratischen Mittelbau mit der rückwärts anschließenden doppelarmigen Treppe und den geschwungenen Seitenflügeln, die zu den Seiten jeweils in unregelmäßigen vorspringenden Eckpavillons enden.<28>
Abbildung 5, Grundriß der Königlichen Bibliothek, Obergeschoß, o.J., vermutlich. 1775

Am Südpavillon und dem ausschwingenden hinteren Gebäudeteil schließt sich ein Plattenbau (Behrenstraße 41) an. An der Seite des Nordpavillons, an der die Straße Unter den Linden entlang führt, befindet sich das ehemalige Palais des Prinzen Wilhelm, in dem Instituts-, sowie Bibliotheksräume, die direkt mit dem Bibliothekshauptgebäude verbunden sind, untergebracht sind.
Mit einer Gesamtlänge von ca. 94 Metern erstreckt sich das Gebäude an der westlichen Seite des Bebelplatzes und schließt ihn damit ab. Das Äußere zeigt eine belebte, geschwungene Barockfassade, die in zwei Zonen unterteilt wird. Der hohe, kräftig gebänderte Sockel bildet den Unterbau für das reich gestaltete obere Geschoß, dessen konkav geschweifte Fassade durch eine Kolossalordnung zusammengefaßt und mittels säulengegliederter Mittel- und Eckrisalite akzentuiert wird.
Abbildung 6, Kommode, nach der Restaurierung von 1968, Ostseite des Gebäudes

Das Untergeschoß besteht aus einem hohen Quadersockel. Dieser wird in den leicht ausschwingenden Seitenflügeln und den jeweils äußeren Seiten der Eckpavillons durch zwei übereinanderliegende Reihen kleiner hochrechteckiger Fenster durchbrochen. In der Mitte der Eckpavillons befindet sich dagegen je ein großes, nahezu die ganze Höhe des Sockelgeschosses einnehmendes, vergittertes Rundbogenfenster. Im dominierenden Mittelrisalit wird das Rundbogenmotiv dreifach aufgegriffen. Diese, ebenfalls vergitterten Fenster nehmen fast die gesamte Höhe des Sockelgeschosses ein, wobei das mittlere höher als die beiden flankierenden Fenster ist. Nur dieses besitzt eine niedrige Tür, während die anderen, ebenso wie die Öffnungen in den Seitenrisaliten, als Fenster dienen. Die Rundbögen im Mittelrisalit reichen im Gegensatz zu denen in den Seitenrisaliten, bis zum Straßenniveau. Bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg beherbergten diese fünf Öffnungen große Portaltüren.
Durch die durchgehenden hohen Fenster in den Risaliten und den kleinen, in zwei Reihen angeordneten Fenstern in den Seitenflügeln, erreichte der Architekt ein Spiel zwischen Ein- und Zweigeschossigkeit, das er ebenfalls im Obergeschoß aufgreift.
Direkt über dem Sockelgeschoß befindet sich eine Scheinbalustrade, die als vollplastisch ausgebildete Balustrade wiederaufgenommen wird und den Baukörper über der Attika abschließt. Oberhalb der Balustrade werden die Risalite von Figuren, Attikaschmuck und einem jeweils auf der äußersten Ecke des Süd- und Nordpavillons gelegenen steinernen Urnengefäß bekrönt.
Das Obergeschoß wird durch zwei Reihen Fenster gegliedert - mit Ausnahme des Mittelrisalits -, die durch Doppelpilaster, Doppelsäulen bzw. einfache Säulen getrennt werden. Sie sind durchgehend in korinthischer Kolossalordnung mit attischen Basen ausgebildet. Da die Kolossalsäulen der Risalite wesentlich dominierender sind als die Kolossalpilaster, wirken die Risalite eingeschossig und die Seitenflügel zweigeschossig. Im äußeren Gesamtbild bedeutet dies ein Spiel zwischen Zwei- und Viergeschossigkeit der Fassade.
Die untere Reihe des Obergeschosses besitzt rundbogige Fenster, die mit einem Blütenband mit einer mittig sitzenden Kartusche verziert sind. Nur die äußeren Fenster im Mittelrisalit und jeweils diejenigen in der Mitte der Eckrisalite verfügen über giebelförmige Verdachungen. Sie sitzen genau an der Stelle eines ansonsten durchlaufenden Gesimsbandes. Durch die Giebel werden die Fenster optisch erhöht, so daß das Obergeschoß der Risalite einen vertikalen Schub erhält, während in den Flügeln der vertikale Schub durch das Gesimsband zurückgenommen wird. Das zentrale Rundbogenfenster im Mittelrisalit reicht bis in das vierte Geschoß hinein und wird von einer Draperie mit der Inschrift Nutrimentum spiritus bekrönt, die auf eine Anregung Friedrichs II. zurückgeht. Die obere hochrechteckige, niedrig ausgebildete Fensterreihe erhielt reichen plastischen Schmuck in Form von herunterhängenden Draperien. Die vielfältige Fenstergestaltung trägt - im Gegensatz zur gegenüberliegenden Oper - zu einer lebendigen Fassadengestaltung bei.
Die konkav-konvexe Wandgestaltung der Fassade entsteht durch die hervorspringenden Eckrisalite und die zurückweichenden Flügel. Gerade die Eckkörper bestimmen wesentlich den Charakter des gesamten Baus. Zum Platz hin bilden sie symmetrische Motive aus, während die eigentlichen Stirnseiten mit Rücksicht auf benachbarte Gebäude angeschnitten sind.
An der Westseite des Südpavillons schließt sich heute ein Plattenbau an, der die gesamte Südseite des Pavillons zur Behrenstraße zeigt. Dieser Bau wurde direkt mit dem Hauptgebäude verbunden. Der Anbau am Nordpavillon erfolgte dergestalt, daß das Alte Palais die Front zu Unter den Linden vollständig verdeckt. Auch hier gibt es eine Verbindung zum Hauptgebäude.
Der lebhaft geschwungenen Fassade entspricht in der Dachzone eine bewegte Gestaltung durch plastischen Schmuck auf der Attika. Die Figuren und Kartuschen, die zwischen 1775 und 1780 von Wilhelm Christian Meyer d.Ä. angefertigt wurden, stellen Musen bzw. Attribute der Wissenschaften dar. Charakteristisch sind die langgestreckten Proportionen der Figuren, die in schwankenden, wie vom Winde bewegten, Posen dargestellt sind. Ebensolche Statuen bekrönen die Attika der Oper und der heutigen Humboldt-Universität, wodurch eine architektonischen Einheit suggeriert wird. Abgeschlossen wird das Gebäude mit einem niedrig geneigten Dach.
Die viergeschossige Fassade spiegelt in ihrer heutigen Ausführung die innere Geschoßeinteilung wider. Das ursprünglich zweigeschossige Gebäude wurde in den 1830er und 1890er Jahren viergeschossig umgestaltet.<29> Beim Wiederaufbau zwischen 1965-1969 wurde das Gebäude im Inneren vollständig modern rekonstruiert. Die jetzige Situation ist folgende: durch den zentralen Rundbogen des Mittelrisalits gelangt man zunächst in eine zweistöckige Halle, die das zweiarmige, geschwungene Treppenhaus aufnimmt. Das schmiedeeiserne Rokokotreppengeländer ist eine Neuanfertigung<30> und stammt nicht, wie immer wieder behauptet wird, aus dem zerstörten Bürgerhaus in der Brüderstraße 13.<31> Vom Treppenhaus ausgehend liegen rechts und links in den Flügeln beider Geschosse Institutsräume der Humboldt-Universität. Die Treppe für das dritte und vierte Geschoß liegt im zweiten Stockwerk hinter der bereits erwähnten Treppe. In den beiden oberen Geschossen befindet sich über der Haupttreppe der Lesesaal, der auf die früheren Größenverhältnisse Bezug nimmt. Ebenso wie nach dem Umbau in den 1890er Jahren besitzt der Saal ein gläsernes Oberlicht. Das im Mittelrisalit dominierende Rundbogenfenster ist mit einem farbigen Glasfenster ausgefüllt, welches an die von Lenin hier verbrachte Studienzeit erinnern soll.<32> In den Flügeln aller Geschosse befinden sich weitere Institutsräume.
Abbildung 7, Kommode, nach der Restaurierung von 1968, Eingangshalle

| Fußnoten: | |
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Vgl. Friedrich Wilken, Geschichte der Königlichen Bibliothek zu Berlin, Berlin 1828. | |
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Vgl. P. Schwenke und A. Hortzschansky, Berliner Bibliothekenführer, Berlin 1906, S. 11. | |
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Vgl. Wilken, Geschichte 1828, S. 31. | |
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Im einzelnen bestand die Bibliothek aus: 1. der alten kurfürstlichen Sammlung, 2. der Spanheimschen Bibliothek, 3. den neuen Anschaffungen unter Friedrich II., 4. der 1780 erworbenen Q. Iciliusschen und 5. der 1789 angekauften Roloffschen Sammlung. Vgl. dazu Richard Borrmann, Bau-und Kunstdenkmäler von Berlin, Berlin 1893, S. 330. | |
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Vgl. Friedrich Nicolai, Bibliotheken im Berlin des Jahres 1799, in: Beiträge zur Berliner Bibliotheksgeschichte, Heft 2, Nachdruck, Berlin 1983, S. 67f. | |
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Vgl. Borrmann, Bau-und Kunstdenkmäler 1893, S. 329. | |
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Vgl. Georg Dehio, Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Berlin, hg. von Ernst Gall, München, Berlin 1994, S. 119. Borrmann erwähnt, daß die Zeichnungen (Grundrisse, Schnitte und getuschte Façaden) die Unterschrift trugen: "Projet d'un bâtiment pour la Bibliothèque Royale de Berlin par l'Inspecteur général des Hydrauliques Bourdet," die sich damals im Geheimen Staats-Archiv befunden haben. Vgl. Borrmann, Bau-und Kunstdenkmäler 1893, S. 329f. | |
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Überliefert ist der Entwurf in dem Stich von Salomon Kleiner, Prospekt der Haupt Facciade der Kays. Burg. In: Salomon Kleiner, Das florierende vermehrte Wien ..., Augsburg 1733. III/17. Die hier verwendete Abbildung stammt aus der Publikation von Thomas Zacharias, Joseph Emanuel Fischer von Erlach, Wien, München 1960, Abb. 46. | |
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Vgl. Hans Mackowsky, Das Friedrichsforum zu Berlin nach dem Plane von G. W. von Knobelsdorff, in: Zeitschrift für bildende Kunst, N. F. 21, 1910, S. 15-19, hier S. 18. | |
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Zu dieser Bezeichnung kam die Hofbibliothek vermutlich durch die überlieferte Anekdote: Friedrich habe zu Unger, als dieser wissen wollte, wie er die Bibliothek gestalten sollte, gesagt: "Mach Er sie wie den Kasten da und laß Er mich zufrieden", wobei er auf eine Rokokokommode wies. Vgl. Friedrich Nicolai, Anekdoten Friedrich des Zweiten, Heft 4, o. J., S. 8-15. | |
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Vgl. Borrmann, Bau-und Kunstdenkmäler 1893, S. 330. | |
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Vgl. die Grundrisse des Erd- und Obergeschosses bei Werner Kötteritzsch, Wiederaufbau der Kommode, in: Deutsche Architektur, 19, 1970, S. 138-145, hier S. 141. | |
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Vgl. Borrmann, Bau-und Kunstdenkmäler 1893, S. 330. | |
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Vgl. hier das Denkmalpflegerische Gutachten, Alte Bibliothek. Berlin-Mitte Bebelplatz, Berlin 1994, Kap. 7, o. S. Es befindet sich im Landesdenkmalamt Berlin. | |
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Vgl. Kötteritzsch, Wiederaufbau 1970, S. 142. | |
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Im Gedenken an den Studienaufenthalt von Lenin in dieser Bibliothek wurde das Fenster mit dem Titel "Lenin in Deutschland" von Frank Glaser angefertigt. |
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HTML - Version erstellt am: Wed Feb 23 16:35:36 2000 |