| Isaiasz, Vera: Das Museum für Meereskunde Flottenbau und marine Biologie |
Nach fast fünf Jahren Planung und dem Aufbau der Sammlungen wurde am 5. März 1906, im Beisein Kaiser Wilhelms II., das Museum für Meereskunde feierlich eröffnet. Der Kaiser selbst hatte großes Interesse an diesem Projekt gezeigt und die Gründung durch die Stiftung der Reichs-Marine-Sammlung und finanzielle Mittel unterstützt.
Der Gründung des Museums für Meereskunde waren verschiedene Vorschläge zur Einrichtung eines marinehistorischen Museums wie auch zur Errichtung neuer meereskundlicher Forschungseinrichtungen vorangegangen.<13> Sie alle waren Ausdruck eines neuerwachten Interesses an meeres- und seefahrtskundlichen Fragen, die vor allem durch den Erwerb der neuen deutschen Kolonien geweckt worden waren. Die Neuorientierung der deutschen Außenpolitik nach dem Regierungsantritt Kaiser Wilhelms II., das nationale Streben nach weltpolitischer Macht und der damit verbundene Ausbau der Flotte waren die entscheidende Grundlage für die neue Bedeutung des Meeres in Deutschland. Und das in mehrfacher Hinsicht: So sollte im Museum für Meereskunde neben Schiffahrt, Fischereiwesen, Küstenkunde und Meeresbologie der Binnenbewohner (...) durch Bekanntschaft mit den einzelnen Schiffstypen und durch Übersichten ihrer numerischen Vertretung bei verschiedenen Kriegs- und Handelsflotten ein deutliches Bild von den martimen Machtverhältnissen der einzelnen Staaten erhalten.<14> Politische Erwägungen vor dem Hintergrund der expansiven Außenpolitik des Reiches nahmen somit eine Schlüsselstellung innerhalb der Interessenkoalition zu Gründung des Museums ein.
Sie verbanden sich mit den Vorstellungen des Gründungsdirektors von Richthofen, der als ehemaliger Vorsitzender der Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung besonders auch an außerschulischen Konzepten zur breiten Vermittlung von Bildung und neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen interessiert war.
Es sollte nicht allein darum gehen, für die Flottenbaupolitik des Reiches zu werben: Vielmehr wurde der Anspruch formuliert, eine Bildungsinstitution zu errichten, die ihre nationalen Aufgaben im Rahmen allgemeiner bildungspolitischer Ziele zu erfüllen vermochte.<15>
Der Anspruch, eine Bildungsinstitution zu schaffen, fand seinen Ausdruck vor allem in der Einrichtung des Instituts für Meereskunde, das die Lehr- und Forschungstätigkeit des Geographischen Instituts der Universität um die Bereiche Ozeanographie, Meeresbiologie und Meeresboden- und Küstenkunde erweiterte. Die neben der Schausammlung aufgebauten Bestände dienten der wissenschaftlichen Forschung. Wie eng der Aufbau des Museums und die Forschung zusammenhingen, zeigen beispielhaft die frühen Expeditionen der Jahre 1904 und 1905 nach Nordamerika und den Bahamas, die dem Aufbau der biologischen Abteilung dienten.
Die vier einzurichtenden Sammlungen sollten nicht als abgeschlossene Einrichtungen, sondern als Glieder eines Ganzen<16> betrachtet werden:
1. Die Reichs-Marine-Sammlung, die die Geschichte und Entwicklung der Kriegsmarine in allen Bereichen umfaßte (Schiffe, Anlagen, Personal, Bewaffnung, Ausrüstung, Küstenverteidigung).
2. Die historisch-volkswirtschaftliche Sammlung, d.h. die Schiffahrt in allen ihren Zweigen (Schiffe, Schiffbau, Schiffsmachinenbau, Seeverkehr, Seewirtschaft betreffend, Häfen und Küsten, Personal, Seemannsleben, Rettungswesen, Wassersport).
3. Die ozeanologische Sammlung und das Instrumentarium (Ozeane und Küsten, Physik und Chemie des Meeres, maritime Meteorologie, Erdmagnetismus, astronomische Geographie und Nautik, Instrumente und Apparaturen für alle Zweige).
4. Die biologische und Fischereisammlung (tierische und pflanzliche Organismen des Meeres, ihre Lebensbedingungen, ihre Nutzbarkeit, Seefischerei, Nutzbarmachung sonstiger Meeresprodukte).
Für den Aufbau der historisch-volkswirtschaftlichen Sammlung und der ozeanologischen Sammlung standen dem Museum durch eine Kabinettsordre des Kaisers aus dem Jahre 1902 die Bestände der Kaiserlichen Marine-Akademie und -Schule und die Sammlung der Seewarte in Hamburg zur Verfügung.<17> Die biologische Sammlung mußte vollständig neu angelegt werden.
Für den Aufbau der Sammlung und die Gestaltung des Museums wurden Reisen nach London, Paris, Petersburg und in die Niederlande von von Richthofen und seinen Mitarbeitern zu den dortigen Marine-Sammlungen unternommen. Nach Ansicht von Richthofens sollte es nicht Aufgabe der Berliner Ausstellung sein, einfach nachzuahmen, was in anderen Ländern bereits vorhanden war, sondern im Gegenteil selbstschöpferisch darüber hinauszugehen. Die hier geplante Schausammlung soll die gesamte Kunde vom Meer umfassen und das Interesse für das Meer nach allen seinen Beziehungen lebensvoll anregen.<18>
Im Anschluß an den Besuch verschiedener Marinemuseen, besonders auch der meeresbiologischen Abteilungen wie der des Museum of Natural History in London, von Fischereiausstellungen und solchen zur allgemeinen Seefahrtsgeschichte entwickelte von Richthofen das Konzept für das Museum für Meereskunde: Es treten mithin zu den eigentlichen Marine-Sammlungen noch viele mit diesen bisher nirgends verbundene und auch sonst meist unzureichend vertretene Gebiete von Gegenständen ergänzend hinzu.<19>
Diese angestrebte umfassende Behandlung und Aufarbeitung des Themas ‘Meer war erstmalig und vermutlich bis heute einzigartig. Die einzelnen Sammlungen sollten - in einer Ausstellung vereinigt - eine Vorstellung von der Gesamtheit des Meeres und seiner Nutzung durch den Menschen vermitteln.
Das Ergebnis dieser Überlegungen präsentierte sich seit der Erweiterung von 1911 in einer Abfolge von 41 Räumen und den ebenfalls genutzten Licht- und Innenhöfen.<20>
Abbildung 10, Grundrisse des Museums für Meereskunde nach der Erweiterung von 1911

Im Erdgeschoß, in den mit den römischen Ziffern I-XIII bezeichneten Räumen, hatte vor allem die Reichsmarine-Sammlung ihren Platz gefunden. Hier waren die Geschichte der deutschen Kriegsmarine, aber auch die allgemeine Entwicklung der Handelsmarine und des Schiffsbaus ausgestellt. Vor allem der Lichthof (Raum III) war mit seiner Ehrenwand der deutschen Flotte gewidmet und zeigte darüber hinaus Modelle zur Entwicklung der Panzer- und Großkampfschiffe. In den anderen Räumen wurden die technische Entwicklung weiterer Schiffstypen sowie die Geschichte der Entdeckungsfahrten vergangener Jahrhunderte vorgestellt. Im Hof war eines der bekanntesten Objekte des Museums für Meereskunde aufgebaut, der Brandtaucher Wilhelm Bauers, ein Vorläufer der U-Boote.
Im ersten Stockwerk wurde die Seefahrtsgeschichte noch durch Modelle von Werftanlagen und Bildern von Schiffen des 17. und 18. Jahrhunderts ergänzt; hier waren aber vor allem die biologischen und naturwissenschaftlichen Sammlungen ausgestellt: Die Räume X bis XIII galten den Lebensgemeinschaften von Tieren und Pflanzen des Meeres, die folgenden der Küsten- und Hafenkunde, der Veranschaulichung der Meerestiefen sowie ferner den Ergebnissen der wissenschaftlichen Arbeiten des Instituts wie etwa der Meteor-Expedition in den Südatlantik 1925 bis 1927<21>. Die Räume XX bis XXVIII waren der Nutzung des Meeres gewidmet, der Seefischerei und dem Walfang ebenso wie der Bedeutung und Funktionsweise von Leuchttürmen, Kompassen, Seekarten u.ä.
Im zweiten Stockwerk waren Modelle von modernen Handelsschiffen ausgestellt. Der Beginn der Seefahrt wurde mit Modellen von Wikingerschiffen und ostasiatischen Schiffen präsentiert.
| Fußnoten: | |
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Vgl. Probst, Institut und Museum 1996, S. 13f. | |
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Zitiert nach: Albrecht Penck, Das Museum für Meereskunde zu Berlin, in: Meereskunde. Sammlung volkstümlicher Vorträge, Bd. 1, 1907, S. 11. | |
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Vgl. Probst, Institut und Museum 1996, S. 11. Allgemein: Andreas Kuntz, Das Museum als Volksbildungsstätte. Museumskonzeptionen in der deutschen Volksbildungsbewegung 1871-1918, Münster u. New York ²1996. | |
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HUB-Archiv, Instiut für Meereskunde, Bd. 42, Bl. 56. | |
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Vgl. HUB-Archiv, Bd. 38, B. 1. Einige Objekte der Reichs-Marinesammlung sollten aber auch in Kiel verbleiben können. | |
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HUB-Archiv, Institut für Meereskunde, Bd. 37, Bl. 213, Denkschrift S. 8. | |
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Ebd. | |
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Vgl. Walter Lenz, Forschungsaktivitäten des Instituts für Meereskunde in Berlin, in: Aufgetaucht, 1996, S. 61-65. |
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