| Kühl, Sabine: Das Hauptareal der Humboldt-Universität zwischen Kaiserzeit und Ende des Ersten Weltkrieges |
Das Hauptareal der Humboldt-Universität erstreckte sich von Norden nach Süden zwischen der Straße Unter den Linden und der Dorotheenstraße. Im Westen wurde das Grundstück durch die Universitätsstraße und im Osten durch einen Weg, der die Straße Unter den Linden mit der Dorotheenstraße verband, begrenzt.
1871 war der Grundriß des Universitätsgebäudes noch auf die Form einer dreiflügeligen Anlage mit zurückliegendem Mitteltrakt beschränkt. Die - noch heute so erhaltenen - drei Flügel umschließen den Ehrenhof, dessen vierte Seite zur Straße Unter den Linden von einem schmiedeeisernen Zaun begrenzt wird. Die Seitenflügel reichen bis zur Straßenfront, deren Abschluß die parallel zur Straße gelegenen Kopfbauten bilden.<2> Aus dieser Form ergibt sich der charakteristische U-förmige Grundriß, mit dem das Gebäude im Jahre 1748-56 errichtet worden war.
Abbildung 2, Universitätsgrundstück, Ausschnitt eines Stadtplanes von 1906

Die Gartenanlage nördlich des Gebäudes war bereits im Jahre 1906 in drei rechteckige Parzellen geteilt. Im westlichen Gartenteil, dem botanischen Universitätsgarten, befand sich ein Gewächshaus, im mittleren Gartenstück stand gegenüber dem Mittelrisalit des Hauptgebäudes das sogenannte Barackenauditorium. Das rechte Gartenstück wurde aufgrund des Baumbestandes als Kastanienwäldchen bezeichnet.
Trotz verschiedener Umbauten und Umstrukturierungen der Räumlichkeiten im Inneren des Palais seit dem Einzug der Universität blieb auch bei dem großen Umbau von 1889 bis 1891 der U-förmige Grundriß des Gebäudes erhalten.
Abbildung 3, Hauptgebäude, Grundriß des ersten Obergeschosses nach dem Umbau 1889/91

Abbildung 4, Hauptgebäude, Grundriß des zweiten Obergeschosses nach dem Umbau 1889/91

Der Grundriß war im Inneren des Gebäudes differenzierter. Die vorhandenen Räume wurden bei den Umbauarbeiten im Gebäude durch das Einziehen neuer Wände verkleinert, so z.B. verschwanden durch das Einsetzen mehrerer Wände die großen Säle der westlichen Seitenflügel des ersten und zweiten Obergeschosses. Das als repräsentatives Stadtpalais errichtete Bauwerk sollte so den neuen Nutzungsanforderungen einer Universität angepaßt werden.
Abbildung 5, Ansicht des Hauptgebäudes, Aufnahme um 1913

Abbildung 6, Ansicht der Gartenseite des Hauptgebäudes vor dem Anbau der Seitenflügel, Blick zur Universitätsstraße mit dem alten Akademie- und Stallgebäude, Aufnahme um 1906

Die im Aufriß zweigeschossige Fassade besteht in ihrem unteren Teil aus einem rustizierten, leicht geböschten Sockelgeschoß, in welches rechteckige Fenster eingeschnitten sind. Das Sockelgeschoß dient dem piano nobile im ersten Obergeschoß mit seinen hohen Rundbogenfenstern als eine Art Unterbau. Darüber schließt sich das zweite Obergeschoß an, ein Mezzaningeschoß mit kleineren, hochrechteckigen, fast quadratischen Fenstern.
Das im piano nobile wiederkehrende Rundbogenmotiv der Fenster läßt den Bau streng und flächig erscheinen. Die Horizontalität wird auch in den Flügeln betont.
Der Mittelbau, der corp de logis, hat siebzehn Fensterachsen. In seinem Zentrum tritt ein fünfachsiger Mittelrisalit plastisch hervor, der einen vertikalen Akzent durch die zwischen die Fensterachsen gestellten Pilaster mit denen ihnen vorgestellten Kolossalsäulen setzt. Diese tragen die zur Attika ausgebildete Balustrade. Unterstützt wird diese vertikale Akzentuierung durch die vollplastischen, figürlichen Akroterien über dem Mittelrisalit. Über den ebenfalls Akzente setzenden Mittelrisaliten an den Kopfbauten der Seitenflügeln sind Vasen aufgestellt.
Auf der Gartenseite wiederholt sich die dreigeschossige Fassadengliederung mit rustiziertem leicht geböschtem Sockelgeschoß, in das rechteckige Fenster eingeschnitten sind. Darüber, im ersten Geschoß, folgen wieder Rundbogenfenster. Das sich nach oben anschließende Mezzaningeschoß erhält seinen oberen Abschluß durch eine Balustrade. Der Mittelrisalit mit fünf Fensterachsen, deren oberer Abschluß mit Rankenwerk versehen ist, wiederholt mit seinen dazwischen gestellten Pilastern in abgeschwächter Form den vertikalen Akzent, der bereits an der Fassade zum Ehrenhof gesetzt wurde. Die Balustrade wird hier von sechs großen Vasen in der Achse der Pilaster bekrönt.
Die Gestalt des Außenbaus einschließlich seiner Fassade wurde seit dem Einzug der Universität 1810 in das Palais des Prinzen Heinrich in ihrer barock-klassizistischen Erscheinung erhalten.<3> Veränderungen hatten im wesentlichen nur innerhalb des Palastbaus stattgefunden, so wurden z.B. neue Räume eingefügt, um den Universitätsbetrieb gewährleisten zu können. Die Umfunktionierung der Palastanlage des 18. Jahrhunderts in eine Universität, sieht man dem Gebäude von außen bis heute nicht an.
Abbildung 7, Hauptgebäude, Grundriß des Erdgeschosses, Zeichnung 1819

Abbildung 8, Hauptgebäude, Grundriß des Erdgeschosses nach dem Umbau 1889/91

Auf der Gartenseite im Norden ergab sich ein uneinheitliches Bild. Es zeigt sich keine homogene Struktur, wie sie aus geplanten und durchgestalteten Schloßgärten bekannt ist, sondern eine durch ihre veränderte Funktion historisch gewachsene Gartenanlage. Die Gestaltung der Anlage ergab sich durch ihre Nutzung als botanischer Universitätsgarten, Aufstellungsort des Barackenauditoriums (das aus Gründen wachsender Raumnot als Hörsaalersatz diente) und durch das Kastanienwäldchen.
Um die Erweiterungspläne im Jahre 1913 nachvollziehen zu können, ist ein kurzer Rückblick auf die Entstehung des Palais notwendig.
| Fußnoten: | |
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Vgl. Karte 10, Berlin und Umgebung, 1871, in: Heinz Spitzer u. Alfred Zimm, Berlin von 1650-1900. Entwicklung der Stadt in historischen Plänen und Ansichten mit Erläuterungen, Berlin u. Leipzig 1987. | |
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Vergleichsabbildungen zur Straßenfront, s. Anm. 4. Vergleichsabbildungen zur Gartenseite liegen nur als Vorentwurf vor: Gandert, Prinzenpalais 31992, Abb 10; bzw. als Teilansichten: ebd., Tafel 7, Abb. 82. |
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HTML - Version erstellt am: Wed Feb 23 16:29:03 2000 |