Kühl, Sabine: Das Hauptareal der Humboldt-Universität zwischen Kaiserzeit und Ende des Ersten Weltkrieges

Kapitel 3. Historische Situation und Baugeschichte - Die vermutlich erfolgreichsten Berufungsverhandlungen der Geschichte der Humboldt-Universität

Die Errichtung des Palais des Prinzen Heinrich geht auf eine gemeinsame Planung von Friedrich II. und seinem Hofarchitekten Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff zurück.

Als Friedrich II. im Jahre 1740 die Regentschaft antrat, übernahm er eine schmucklose Soldatenstadt. Er plante mit Knobelsdorff eine ausgedehnte Anlage an der Nahtstelle zwischen Alt- und Neustadt.<4> Dieses als Forum Friderizianum bezeichnete Gelände sollte ein Zentrum der politischen Macht und ein Mittelpunkt für Kunst und Wissenschaft werden. Kernstück dieser Anlage, zu der auch die Oper und die Königliche Bibliothek zählten, sollte das Regierungsgebäude werden, das der König in den Dimensionen von Versailles plante. Seine spätere Vorliebe für Potsdam zog eine Verkleinerung des Projekts nach sich und das als königliches Palais geplante Gebäude wurde 1748 in wesentlich bescheidenerem Ausmaß als Wohnsitz für den Prinzen Heinrich von dem Architekten Johannes Boumann d.Ä. errichtet.<5>

Als Teil eines Ensembles nimmt das barock-klassizistische Gebäude Bezug auf die Oper und die königliche Hofbibliothek. Die einzelnen Gebäude korrespondieren miteinander durch ihre Ausrichtung zueinander, durch ihre Geschoßausbildung, Fassadengliederung und Aufstellung der Attika-Figuren, so daß sich eine einheitliche Gestaltung ergibt.<6>

Mit dem Einzug der Universität 1810 in das Palais des Prinzen Heinrich hatte sich nun das als Zentrum der politischen Macht konzipierte königliche Palais in ein Zentrum für Wissenschaft und Kultur gewandelt.

Das Universitätsgebäude diente nicht nur der Lehre, sondern auch der Aufnahme der Lehr- und Forschungssammlungen. Dies traf mit wachsenden Studentenzahlen zusammen, so daß eine Raumnot entstanden war, die man durch die Auslagerung einzelner Institute in die nähere Umgebung abzufangen suchte. Am Ende des 19. Jahrhunderts waren beispielsweise bereits das Institut für Altertumskunde, das für Botanik, das Englische, das Germanische und das Historische Seminar sehr beengt im Gebäude in der Dorotheenstraße 5 untergebracht. Neben weiteren Ausgliederungen versuchte die Universität neue, benachbarte Grundstücke zu erwerben. Auch wurden Stimmen laut, die eine Verlegung der Universität an den Stadtrand forderten<7>, es gab z.B. Überlegungen, die Universität nach Dahlem, nach Schöneberg oder in den Invalidenpark zu verlegen.<8> Ein Ergebnis des sich kontinuierlich verschlimmernden Raummangels war das im mittleren Gartenteil errichtete Barackenauditorium, das 1878 dort errichtet wurde, um dem Mangel an großen Auditorien Abhilfe zu schaffen.<9> Um 1900 reichten nun im Hauptgebäude der Universität die bei den letzten großen Umbauarbeiten (1889-1892) erzielten Raumgewinne nicht mehr für die Anforderungen der im Palais verbliebenen Wissenschaftsgebiete aus. Deshalb wurde ein Erweiterungsbau notwendig.<10>

Bereits 1901 wurden erste Pläne zur Vergrößerung des Universitätsgebäudes mit Kaiser Wilhelm II. beraten. Die verschiedenen Projekte, die zur Erweiterung des Universitätsgebäudes und für das Gartengelände erarbeitet wurden, nahmen aber entweder keine Rücksicht auf die vorhandene Architektur oder auf die Gartensituation. Da der Universität im Jahre 1910, anläßlich ihres hundertjährigen Bestehens, eine neue Aula in der Königlichen Bibliothek, gegenüber dem Hauptgebäude, übergeben wurde, hatte man vorerst auf einen Erweiterungsbau im Garten verzichtet.<11>

Das heutige Aussehen der Universität ist geprägt durch seinen H-förmigen Grundriß, der durch den Anbau der nördlichen Seitenflügel an die vorhandene Dreiflügelanlage im Jahre 1913 unter dem Architekten und damaligen Stadtbaurat Ludwig Hoffmann begonnen wurde. Jedoch ist es anhand des Aufrisses nicht zu erkennen, daß es sich um nachträgliche Anbauten handelt, da sie ebenfalls im friderizianischen Stil gestaltet wurden.

Es stellt sich die Frage, aus welchem Grund drei Jahre, nachdem die Errichtung eines Erweiterungsbaus im Garten der Universität verworfen worden war, nun Anbauten von diesen enormen Ausmaßen vorgenommen wurden, die im Stil vollkommen dem alten Palais angepaßt waren - wäre doch gerade das hundertjährige Bestehen der Universität ein Anlaß gewesen, den Grundstein für den Ausbau des Hauptgebäudes zu legen.

Der Auslöser hierfür kann das Zusammentreffen politischer und wissenschaftsgeschichtlicher Entwicklungen gewesen sein: Begründet wurde die bauliche Erweiterung damit, daß das bisher beengt in der Dorotheenstraße untergebrachte Institut für Altertumskunde und der Archäologische Apparat, entsprechend ihrer damaligen internationalen wissenschaftlichen Bedeutung, mehr Raum benötigten.<12> Hinter dieser Begründung verbargen sich aber auch die Forderungen des Bonner Archäologie-Professors Georg Loeschke, der nach dem Tod Reinhard Kekulés von Stradonitz am 22. März 1911, den Ruf an die Berliner Universität erhielt. Loeschke erklärte sein Einverständnis unter der Voraussetzung, daß ihm umfangreiche finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt wurden. Gleichzeitig forderte er die Errichtung eines Neubaus für die Gipsabgußsammlung klassischer Bildwerke, die bis dahin auf der Museumsinsel zusammen mit der Antikenabteilung der Königlichen Museen zu Berlin untergebracht war.<13> Theodor Wiegand, der am 1. Juli 1911 zum Museumsdirektor der Antikenabteilung ernannt wurde, war mit einer Abtretung der Abgußsammlung an die Universität einverstanden und forderte seinerseits, ein Abgußmuseum in unmittelbarer Nähe zur Museumsinsel zu errichten. Die Einheit von Forschung, Lehre, Museumsverwaltung und Wissenschaft sollte dadurch erhalten bleiben.<14>

Bis zum Tod Kekulés waren die Funktionen des Direktors der Antikenabteilung und der Professur für Archäologie an der Berliner Universität in einer Person vereint.<15> Durch die umfangreiche Zunahme des Denkmälerbestandes entstanden neben räumlichen Problemen auch verwaltungstechnische und wissenschaftliche Schwierigkeiten, die man durch eine Überführung der großen Abgußsammlung zu Lehrzwecken an die Universität, gekoppelt mit einer klaren Trennung der Aufgabenbereiche Museum und Universität, zu lösen suchte. Unterstützt wurde die Forderung nach einem Neubau von den Althistorikern und Altphilologen, die an einer räumlichen Zusammenfassung der Altertumswissenschaften in Berlin interessiert waren.<16>

Zu den von Loeschke geforderten finanziellen Mitteln gehörten neben seinen Gehaltsforderungen die Summe von 45.000 Mark für den Aufbau einer Sammlung griechischer und römischer Originale sowie Gelder für einen Assistenten und einen Institutsdiener.<17> Desweiteren forderte er einen zweistöckigen Neubau für die 3.000 m2 große Abgußsammlung, die in der oberen Etage untergebracht werden sollte, um eine gute Beleuchtung zu gewährleisten. Das Kultusministerium erweiterte die geforderte Fläche auf 5.000 m2 und setzte die Bausumme auf 1.483.000 Mark fest - ohne Einbeziehung der Kosten für Inneneinrichtung und Gestaltung der Außenanlagen. Die Genehmigung durch das Finanzministerium zögerte sich aufgrund der hohen Kosten mehrmals hinaus, bis es am 8. Juni 1912 zu einem Immediatsvortrag vor Kaiser Wilhelm II. kam, der den westlichen Teil des botanischen Universitätsgartens für den Neubau eines Instituts für Altertumskunde und des archäologischen Instituts freigab.<18>

Diese direkte Einflußnahme Kaiser Wilhelms II. läßt sich aus dem besonderen persönlichen, aber auch nationalen Interesse an der Archäologie erklären. Der Kaiser, der als Prinz Ende des Jahres 1877 ein juristisches und staatswissenschaftliches Studium an der Bonner Friedrich-Wilhelm-Universität aufgenommen hatte, besuchte während seines knapp zweijährigen Studiums auch archäologische Vorlesungen bei Loeschke, auf dessen späteren Wechsel nach Berlin Wilhelm II. maßgeblich einwirkte.<19> Kaiser Wilhelm II. führte 1911 selbst Grabungen auf Korfu durch, dessen Funde in Berlin ausgestellt werden sollten, ein weiterer Beleg seines lebhaften Interesses an diesem Wissenschaftsgebiet.<20> 1913 wurde durch Wiegand dann die ”Vereinigung der Freunde antiker Kunst“ unter dem Protektorat Wilhelms II. gegründet.<21>

Wilhelms II. Förderung der Archäologie läßt sich auch im Kontext des Nationenwettstreits sehen, den das Kaiserreich mit England und Frankreich führte und barg den Wunsch gegenüber Paris und London die Hauptstadt Berlin aufzuwerten, sowie diese auch in kultureller Hinsicht zu übertreffen. Im British Museum befanden sich beispielsweise seit Beginn des 19. Jahrhunderts die durch Lord Elgin beschafften bedeutenden Skulpturen vom Parthenon-Tempel auf der Athener Akropolis und Skulpturen vom Mausoleum in Halikarnassos. Bei den deutschen Ausgrabungen in Pergamon (1878-86) wurden zahlreiche Relief- und Architekturfragmente entdeckt, die den Besitz der Berliner Museen an herausragenden Kunstwerken erheblich vergrößerten. Durch das Pergamonmuseum mit der Rekonstruktion der Architektur bzw. dem Pergamonaltar bot sich die Möglichkeit, das British Museum und den Louvre zu übertrumpfen.<22>

Nachdem Loeschke die Zusage erhielt, daß seine Forderungen erfüllt werden, nahm er 1912 den Ruf an die Berliner Universität an. Für die Größe und Verteilung der Räume auf die einzelnen Geschosse wurden von Loeschke genaue Vorgaben gemacht. Für die Errichtung des Seminargebäudes war allerdings der östliche Gartenteil mit dem Kastanienwäldchen vorgesehen, was zu starken Protesten in der Öffentlichkeit führte, da man den Bestand dieses Wäldchens gefährdet sah. In diesem Zusammenhang ist es wohl zu sehen, daß trotz der Genehmigung der Pläne für den Neubau durch alle Instanzen der Architekt und damalige Stadtbaurat Ludwig Hoffmann vor der Vorlage jener Pläne zur Entscheidung vor dem Berliner Abgeordnetenhaus einen Gegenvorschlag einreichte.

Abbildung 9, Plan zur Erweiterung des Hauptgebäudes nach Ludwig Hoffmann, 1912

Hoffmann hatte bei den exakten Vorgaben durch Loeschke für das Raumkonzept wenig gestalterischen Spielraum.<23> Er sah eine fast quadratische Ergänzung der beiden Flügelbauten des alten Palais vor, die nun einen kleinen Hof umschlossen. Im Norden setzte er an die beiden vorhandenen Flügelbauten zwei Verlängerungen der Seitenflügel samt Kopfbauten an, die bis an die Dorotheenstraße reichten. Die Universität nahm nach der Verlängerung der Seitenflügel die volle Länge des Grundstücks ein.

Abbildung 10, Lageplan der Universität nach der Erweiterung von 1920

Die Gebäudegrundfläche vergrößerte sich somit von 4.500 auf 6.000 m2. Zwischen den beiden neuen Seitenflügeln entstand so ein zweiter ”Ehrenhof“, durch den ein Großteil des Gartens erhalten blieb.

Abbildung 11, Luftaufnahme des Hauptgebäudes mit Anbauten und Blick auf Opernplatz, um 1928

Im Stil paßte Hoffmann die Neubauten vollkommen dem vorhandenen friderizianischen Stil an, so daß es den Seitenflügeln nicht anzusehen war, daß es sich um nachträgliche Anbauten handelte, die mehr als 150 Jahre nach Fertigstellung des Kernbaus entstanden waren. Durch die Anpassung des Stils ergab sich die Schwierigkeit, daß die Fensterhöhen Vorgaben für die Raumhöhen darstellten. Hoffmann löste dieses Problem durch die Absenkung des Bodenniveaus zum Altbau hin und eine spezielle Stahlträgerkonstruktion für das Dach, die es erlaubte, die Raum- und Fensterhöhe zu heben und die detaillierten Planungen Loeschkes zu befolgen<24>.

Abbildung 12, Luftaufnahme des Hauptgebäudes mit Blick zur Gartenseite, vor 1920

Hoffmanns Konzept schloß außerdem eine städtebauliche Neuordnung mit ein, in die das gesamte Gebiet hinter der Universität zwischen Hegelplatz und Pergamonmuseum integriert werden sollte. Der neue Gartenhof der Universität sollte durch eine diagonal durch das Bauhofviertel führende Achse mit der Museumsinsel verbunden werden, die in dieser Form letztendlich nicht durchgeführt wurde.<25> Für den Abschluß des Hegelplatzes war ein halbkreisförmiges Gebäude mit Säulengang für ein Reichsschulmuseum geplant. Mit dieser Lösung sollte eine klare Beziehung zwischen der Universität und dem fast den gesamten neuen Westflügel einnehmenden Institut für Altertumswissenschaften und der Abgußsammlung sowie dem sich damals im Bau befindlichen Pergamonmuseum hergestellt werden.<26> Der Neubau des Pergamonmuseums war ebenfalls in Form einer dreiflügeligen Anlage geplant.<27>

Die Bauarbeiten der Seitenflügel wurden 1913 mit der Errichtung des Ostflügels aufgenommen und im Frühjahr 1915 war der Rohbau beider Flügel abgeschlossen. Das Ende der Innenausbauarbeiten, besonders des Westflügels, verzögerten sich, bedingt durch den Ersten Weltkrieg, noch bis 1920. Das Archäologische Seminar und das Institut für Altertumskunde nahmen das gesamte 1. Obergeschoß des Westflügels ein, im gesamten 2. Obergeschoß wurde, wie Loeschke gefordert hatte, die Archäologische Sammlung untergebracht.

Abbildung 13, Hauptgebäude, Grundriß des Erd- und ersten Obergeschosses, um 1920

Abbildung 14, Hauptgebäude, Grundriß des zweiten Obergeschosses, von 1920


Fußnoten:

<4>

Gandert, Prinzenpalais 31992, S. 17.

<5>

Jenny Gaschke u. Angelika Görnandt, o.T., unveröffentlichtes Manuskript, Kunstgeschichtliches Seminar, Humboldt-Universität zu Berlin, Sommersemester 1997, S. 2.

<6>

Ebd. S. 2.

<7>

Gandert, Prinzenpalais 31992, S. 86.

<8>

Ebd. S. 86.

<9>

Ebd. S. 74.

<10>

Ebd. S. 86.

<11>

Ebd. S. 87.

<12>

Ebd. S. 87f.

<13>

Veit Stürmer u. Henning Wrede, Ein Museum im Wartestand. Die Abgußsammlung antiker Bildwerke, Berlin 1998, S. 14f.

<14>

Ebd. S. 11.

<15>

Ebd. S. 11.

<16>

Ebd. S. 14.

<17>

Ebd. S. 15.

<18>

Ebd. S. 15.

<19>

Willibald Gutsche, Wilhelm II. Der letzte Kaiser des Deutschen Reiches, Berlin 1991, S. 15; 23f.

<20>

Susan L. Marchand, Down form Olympus. Archäology and Philhellenism in Germany, 1750-1970, Princeton 1996, S. 245; Stürmer u. Wrede, Museum 1998, S. 15.

<21>

Marchand, Olympus 1996, S. 244.

<22>

Stürmer u. Wrede, Museum 1998, S. 11.

<23>

Ebd. S. 15.

<24>

Siehe dazu Plan der Ausstellungsräume Abb. 13 , S. 20; Querschnitt des Westflügels Abb. 14, S. 20, in: Stürmer u. Wrede, Museum 1998.

<25>

Die Gründe für die Nichtausführung sind in der politischen und wirtschaftlichen Situation nach dem Ersten Weltkrieg zu vermuten.

<26>

Ebd. S. 86.

<27>

Die Errichtung des Pergamon-Museums zog sich hin von 1909 bis 1930(!).


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