| Fatke, Kristina: Das Museum für Naturkunde Die Umsetzung einer neuen Idee in Architektur und Sammlungen |
In seiner Museumsbaukunde beschreibt Tiede seine Gedanken zur Bedeutung von Museen, die ihn bei seinen Bauideen geleitet haben. In der Einleitung heißt es:
Die Sammlungen, welche man gemeiniglich ‘Museen nennt, enthalten die Denkmäler und Forschungs-Materialien früherer Kulturepochen und der Jetztzeit - im weitesten Sinn Werke der Natur, der Wissenschaft und der Kunst. Ihre Entfaltung im Laufe der letzten Jahrzehnte hat aus einem Hause voller Gegenstände ‘ein Haus voller Gedanken gemacht, welche sich mit erklärenden Zeichnungen oder belehrenden Anmerkungen neben den ausgestellten Gegenständen zur Förderung der immer höher strebenden Bildung darbieten. (...) Der Museumsbau findet in neuester Zeit in den Kreisen aller zur Erziehung des Volkes berufenen Männer eine besondere Aufmerksamkeit. Für seinen Zweck als Volks-Bildungsstätte wird eine Grundform bedingt, die sich durch die Einfachheit und Gleichartigkeit ihrer Räume kennzeichnet, vor allem den sicheren Schutz der Gegenstände in hell erleuchteten Galerien erstrebt und auch zukünftigem Zuwachs geeigneten Raum geben soll. Trotzdem kann bei solchen einfachen Grundformen immer ein kunstvoller Außenbau und eine ebenmäßige Ausstattung der Innenräume gleiches Recht wie ehedem behalten und der Museumsbau eine Zierde der Städte - ein Denkmal architektonischer Kunstübung seiner Zeit bleiben.<1>
Die Vielzahl von Museumsgründungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts scheint auf den ersten Blick erstaunlich, wird aber unter Berücksichtigung der damals aufkommenden Interessen nachvollziehbar. Kunstmuseen erfuhren hierbei vom inhaltlichen Gesichtspunkt her keine so grundsätzliche Neuerung, da es Kunstsammlungen schon seit der Spätantike gab. Sie wurden vor allem in formaler Hinsicht verändert; ihre Bedeutung wandelte sich nicht grundlegend, gewann aber an Gewicht, da Monumentalbauten eigens zu Ausstellungszwecken errichtet wurden.<2> Beispiellos und neu waren hingegen die Gründungen von kulturgeschichtlichen, völkerkundlichen, technischen und naturwissenschaftlichen Museen.<3> Dafür können als Erklärungen das erstarkte (Bildungs-)Bürgertum, die Industrialisierung, die Fortschritte in der Naturwissenschaft, die Idee der Nationalstaaten und nicht zuletzt die Ideale der Aufklärung angeführt werden. Auch spielte sicherlich das gewandelte Geschichtsbewußtsein eine Rolle, d.h. der Gedanke der Verfügbarkeit über Geschichte, der dem Historismus zugrunde lag und auf alle Formen der Erkenntnis übertragen wurde - wodurch die kulturelle und natürliche Vergangenheit zum Forschungsobjekt werden konnte. Der Drang zur Präsentation findet seinen Ausdruck auch besonders in den Weltausstellungen, die ab der Mitte des 19. Jahrhunderts aufkamen<4>.
Das Bild, das man sich vom Menschen machte, verschob sich zugunsten des natürlichen Anteils im Menschen, die Selbsterkenntnis war nicht mehr allein zu gewährleisten, indem man der rein geistigen, göttlichen Spur im Menschen folgte, sondern der Mensch wurde zunehmend als ein Tier unter anderen mit einem gewissen Plus<5> betrachtet und in die Reihe natürlicher Dinge eingeordnet. Es wurde daher wichtig, die Natur selbst als Phänomen und als Lebensraum des Menschen zu betrachten, und nicht nur ihre (abstrakten) Gesetze zu ergründen.
Die neue Bewertung der Tiere und der Natur erfuhr in einigen Fällen noch eine Steigerung: Es gibt Beispiele, bei denen das Tier im Ausstellungsraum an einen Ort positioniert wurde, an dem in Tempeln üblicherweise Altäre oder Götterstatuen standen.
Die große Bedeutung der Museen übertrug sich auf deren Bauaufgabe. Tiede äußert sich in seiner Schrift von 1898 hierzu in einigen Punkten: Über die Lage von Museen ließe sich nichts Allgemeines aussagen. Nur bei Museen, die als Monumentalbauten errichtet werden sollten oder bei solchen, die mit einem bedeutenden Zuwachs an Ausstellungsobjekten zu rechnen haben, sei ein großes Grundstück in freier Lage empfohlen. Ebensowenig könne man über den Umfang eines Museumsgebäudes generell etwas behaupten. Allein über den Aufbau und die Planbildung macht Tiede einige allgemeine Angaben: die Anlagen sollten geschlossen sein, da auf kleinster Grundfläche die größtmögliche Raumentwicklung zu erstreben und die höchstmögliche Wirkung des Baukörpers zu gewinnen sei. Abweichungen von akademischen Grundformen seien möglich, wenn das die Sammlung erfordere, für die der Museumsbau bestimmt war: Kleinere Sammlungen oder die Vereinigung verschiedenartiger Sammlungen unter einem Dache werden Gruppenbauten möglich machen, aber große einheitliche Sammlungen werden die ältere Bauform, die akademische Lösung vorziehen lassen.<6> In dieser Bestimmung der Form durch den Inhalt zeigt sich eine funktionale Herangehensweise, die traditionelle Formen mit der Bestimmung des Gebäudes zu verbinden sucht.
Ein weiterer Aspekt der Museumsarchitektur ist ihr repräsentativer Charakter. Die Museen waren Ausdruck der staatlichen Macht und damit auch Aussage über die politischen Verhältnisse. Von dem Bestreben zur mächtigen Darstellung zeugt Tiede: Das Äußere der Gebäude muß im höchsten Sinn eine Kunstschöpfung sein. Hallen öffnen die hervorragenden Fronten, geschmückt mit idealen Bildern (...). Wohl abgewogene Verhältnisse der Baumassen, edle Formen geben den Gebäuden eine vornehme, harmonische Erscheinung. Die Ausbildung der Eintrittsräume, der Flurhallen und der Treppe muß bedeutenden Werth haben...<7> In diesen so gestalteten Räumen und Hallen sollte der Besucher, fährt Tiede weiter fort, durch würdige Gestaltung die Stimmung für das Beschauen der Sammlungen empfangen. Die Sammlungsräume sind als Säle von schönen Verhältnissen zu entwerfen, welche in ihren Abmessungen und Grundformen Wechsel erhalten müssen. Ihre Abmessungen sollen genügenden Raum für die Sammlung und den bequemen Verkehr des Publikums bieten. Die Säle nehmen regelmäßig die bevorzugten Geschosse des Bauwerks ein, während den Nebenräumen der Unterbau zugewiesen wird.<8>
Bezüglich der neuen wissenschaftlichen Museen schreibt Tiede: Naturalien-Kabinette existirten früher in fast allen fürstlichen Residenzen. Ihre Anordnung hatten kein bauliches Interesse. Erst in der neuesten Zeit wurde mit dem Bau besonders eingerichteter Sammlungsgebäude begonnen und in denselben versucht, die beste Aufstellungsweise der Gegenstände hinsichtlich ihrer wissenschaftlichen Anordnung, ihrer sorgsamen Erhaltung und ihrer vortheilhaftetsten Schaustellung herauszufinden.<9>
Den Anforderungen der Neuzeit entsprechend, wurden mit den Sammlungen grössere Hörsäle verbunden, in welchen öffentliche, zahlreich besuchte Vorlesungen gehalten werden können und Arbeitsräume für gelehrte Studien und Laboratorien für Forschungen verlangt. Ein wissenschaftliches Museum mußte offensichtlich ganz verschiedene Gewichtungen in der Raumnutzung berücksichtigen: Einerseits wurden zu Lehr- und Forschungszwecken Laboratorien und Hörsäle benötigt, andererseits kam es in den Räumen wissenschaftlicher Sammlungen auf die Präsentation an, insbesondere auf die Anordnung der Schränke, um bei anwachsender Sammlung unnützen Raumverlust zu vermeiden. Hier galt es vor allem, Schwierigkeiten der Lichtreflexe zu überwinden, die mit der Aufstellung von Glasvitrinen einhergehen.
Zur Erklärung der Verbindung von Museen und Universitäten seien zwei Ansätze angeführt:
1. Naturwissenschaftliche Museen verlangen - wie das die Bezeichnung schon verrät - nach wissenschaftlicher Einrichtung, nach fachkundiger Auswahl und Konzeption. Die Wissenschaft hatte sich im 19. Jahrhundert von den einzelnen Akademien an die Universitäten verlagert, welche nach Prestige strebten. Es ergibt sich daher ein gegenseitiges Interesse der Zusammenarbeit von Universitäten und wissenschafltichen Museen.
2. Ziel der Gründung von naturwissenschaftlichen Museen in universitärer Einbindung war (neben der Lehre) die Darstellung der Natur als Gesamtsystem. Es sollten nicht nur einzelne Objekte ohne Zusammenhang präsentiert werden, wie das bei den Naturalienkabinetten bzw. den Kuriosa der Fall war, sondern ein Verständnis der Systematik und Ordnung vermittelt werden, das sich (v.a. seit Darwin) schnell in den Wissenschaften ausgebreitet hatte. Es kam also vorrangig auf die Darstellung der Einheit der Natur, auf den Zusammenhang der Ausstellungsobjekte an. Eben dieser Einheitsgedanke spiegelt sich auch in der Museumsarchitektur, wie nun am Beispiel des Museums für Naturkunde ausgeführt werden soll.
| Fußnoten: | |
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August Tiede, Museumsbaukunde, Berlin 1898, S. 2. | |
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Das setzte insbesonders ab des zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts ein. Als Beispiele seien hier die neuen Museumsbauten in München angeführt: die Glyptothek (1816-1830) und die alte Pinakothek (1826-1836). | |
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Dabei können diese Museen nicht als bloße Erweiterung der schon vorhandenen Sammlungen und Naturalienkabinette betrachtet werden, da sich der Anspruch ihrer Ausstellungkonzeption gewandelt hat, wie im weiteren deutlich werden wird. | |
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Die erste Weltausstellung fand 1851 in London (Great Exhibition), die darauffolgende in Paris (Exposition universelle) statt. | |
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Dies ist sicherlich keine genuin neue Errungenschaft, sondern findet sich z.T. schon bei antiken Autoren, jedoch war dieses Menschenbild in der Aufklärung wiederbelebt und vorher kaum berücksichtigt worden. Das Plus des Menschen wurde dann als Sprache (Herder), Weltoffenheit (Scheler) oder auch als Nicht in direkter Merk-Wirkwelt-Beziehung stehend (Uexküll) bezeichnet. | |
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Tiede 1898, S. 6. | |
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Ebd. S. 6 | |
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Ebd. S. 6. | |
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Ebd. S. 6. |
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