Fatke, Kristina: Das Museum für Naturkunde Die Umsetzung einer neuen Idee in Architektur und Sammlungen

Kapitel 3. Das Museum für Naturkunde

3.1. Baugeschichtlicher Überblick

Das Museum für Naturkunde ist Teil einer Gesamtanlage. Mit der Realisierung des aus drei Gebäuden bestehenden Ensembles an der Invalidenstraße wurde neben der völligen Neuordnung dieses ehemals außerhalb der Zollmauer gelegenen Bereiches auch eine gelungene Begrenzung des Platzes vor dem Neuen Tor angestrebt und geschaffen. Dessen Anlage und die Einbindung der Luisenstraße in die Invalidenstraße geht auf einen Plan Karl Friedrich Schinkels in Zusammenhang mit dem Bau des Neuen Tores und der Erweiterung der Charité in den Jahren 1831 und 1832 zurück. Erst vier Jahrzehnte später konnte durch eine bewußte Gestaltung der Nordseite des Komplexes eine Entsprechung der Schinkelschen Planung realisiert werden. Die Fassade des westlichen Gebäudes, der Bergakademie, wirkt weit in den Raum der Luisenstraße und bildet die nördliche Begrenzung des Platzes vor dem Neuen Tor. Sie leitet im stumpfen Winkel zu Vorplatz des Naturkundemuseums über.

Abbildung 2, Invalidenstraße und Platz vor dem Neuen Tor, Aufnahme von 1905

Der Gebäudekomplex zeigt deutlich das an der Berliner Bauakademie geschulte und unter dem Einfluß der Antikenrezeption gefestigte Formenreportiere der Schinkelnachfolge, in deren Tradition auch Tiede stand. Schinkels Vorbild war noch Jahrzehnte über seinen Tod hinaus prägend für die Ausbildung an dieser Schule. Auch sind formale Bezüge zu italienischen, insbesondere venezianischen Renaissancepalästen, wie sie Tiede auf seiner Italienreise kennenlernte, deutlich. Solche Bezüge sind ein durchaus zeitgemäßer Ausdruck bei der Umsetzung der Repräsentationsansprüche an Bauten von zentraler Bedeutung und diesen Ausmaßes.

Die herausgehobene Erscheinung ist bedingt durch die symmetrische Anlage der äußeren Baukörper, westlich die Geologische Landesanstalt und östlich die Landwirtschaftliche Hochschule, die den mittleren Bau, das Naturkundemuseum, nachdrücklich betonen. Verstärkt wird dieser Eindruck noch dadurch, daß der Baukörper des Naturkundemuseums um die Tiefe eines „Ehrenhofs“ zurückgesetzt ist. Die Gesamtanlage wirkt so wie ein Dreiflügelbau. Das einheitliche Prinzip der Grund- und Aufrißplanung findet in der strengen Reihung rundbogiger Öffnungen und differenzierten Maßverhältnissen eindrucksvolle Ausprägung.

Trotz der einheitlichen Gesamtwirkung ist die Formgebung der drei Gebäude, bedingt durch ihre unterschiedlichen Entstehungszeiten, in deren Verlauf parallel mit dem wachsenden Repräsentationsbedürfnis der Kaiserzeit die Epoche des „sich an antiken Vorbildern orientierens“ langsam ausklingt und die aktuellen Stiltendenzen des „modernen“ Europa sich durchzusetzen beginnen, im Detail unterschiedlich. Bei genauer Betrachtung ist eine sukzessive Abkehr vom Vorbild Schinkels entsprechend der Entstehungszeit der Häuser nachvollziehbar.

Als erstes der drei Gebäude wurde in den Jahren 1875 bis 1878 die Geologische Landesanstalt und Bergakademie an der Invalidenstraße 44 errichtet. Hier stehen die Formen am klarsten in der Nachfolge Schinkels, wenn auch Gebäudedimensionen und Fassadenbekleidung mit einheimischen Natursteinen über die vergleichsweise bescheideneren Zeiten Schinkels hinausgehen und auf das gestiegene Repräsentationsbedürfnis verweisen.

Abbildung 3, Königliche Geologische Landesanstalt und Bergakademie, Aufriß

Nachfolgend entstand von 1876 bis 1880 der östliche Teil des Ensembles, die Landwirtschaftliche Lehranstalt, an der Invalidenstraße 42. Obwohl als Pendant zum ersten Haus entworfen, sind hier reicher ornamentierte Fassaden ausgeführt, wenn auch in aller Zurückhaltung, um die einheitliche Wirkung nicht zu gefährden.

Als letzter Teil der Gruppe begann man 1883 an der Invalidenstraße 43 mit dem Bau des Museums für Naturkunde, welches 1890 fertiggestellt wurde. Hier hat Tiede sich am weitesten von der Tradition seiner Schule entfernt und aktuellen Stiltendenzen Rechnung getragen. Jedoch ist durch Geschoßzahl und -höhe, Öffnungssystem und verwendete Baumaterialien die Einheit zu den flankierenden Gebäuden gewährleistet. Entsprechend der Funktion als Hauptbau des Ensembles aber ist der Bauschmuck ungleich reicher verwendet. Die Formgebung des Mittelrisalites orientiert sich deutlich an Renaissance- und Barockvorbildern. Sie steht auf Grund ihrer etwas späteren Entstehungszeit bereits im Zeichen des Historismus der 1880er Jahre.

Abbildung 4, Museum für Naturkunde, Bauzeichnung der Vorderansicht

Die Gestaltung der Innenräume aller drei Gebäude trägt wesentlich zur künstlerischen Gesamtwirkung bei. Insbesondere die großen Lichthöfe mit umlaufenden zweigeschossigen Bogengalerien sowie die großzügige Anlage der Haupttreppen zeigen die gelungene Umsetzung der architektonischen Grundidee in Grund- und Aufriß. In selbstverständlicher Weise erstreckt sich die Einheitlichkeit bis zur detaillierten Ausführung aller inneren Einbauten und der Einrichtung der Arbeitsplätze.

3.2. Die drei Entwürfe

Die Entwürfe für den Neubau des naturhistorischen Museums in Berlin mußten seitens des Architekten mehrfach überarbeitet werden. Dies dokumentiert einen Konflikt bei der Lösung der neuen Bauaufgabe.

Der erste Entwurf Tiedes zu dem Museumsneubau orientierte sich an den Magazinlösungen der jüngsten großen Bibliotheksneubauten. Er plante ein System von mehrschiffigen Oberlichthallen. In diesen Hallen wären durch Brücken miteinander verbundene Eisenkonstruktionen frei eingestellt, die in vier Geschossen übereinander angeordnete Schränke aufnehmen sollten. Diese enthielten das Sammlungsgut. Die Gangbereiche zwischen diesen Schränken sollten wegen der Lichtdurchlässigkeit aus Eisen und Glas gebildet werden. Tiede vernachlässigte in diesem Entwurf den Ausstellungsbereich zugunsten der Depotfunktion des Museums, was zur Ablehnung führte. Ein weiterer Ablehnungsgrund war die geplante äußere Gestalt der Architektur: in der Gestaltung der Fassade überwog der zweckbetonte Charakter des Bauplans im Verhältnis zur Repräsentation zu stark. Trotz der Ablehnung hielt Tiede den Entwurf für so wichtig, daß er ihn noch 1884 als beispielhaft für die architektonische Anlage naturhistorischer Sammlungen im „Deutschen Bauhandbuch“ veröffentlichen ließ und ihn in seiner 1898 erschienen „Museumsbaukunde“ abbildet.

Abbildung 5, Museum für Naturkunde, 1. Entwurf, Grundriß

Der zweite Entwurf berücksichtigte die Kritik der Königlichen technischen Baudeputation. Er ist dem später ausgeführten sehr ähnlich, allerdings ging Tiede wie auch im ersten Entwurf von einer vollständigen Bebauung des Grundstücks aus. Das hätte, bedingt durch die Grundstückssituation, einen schiefwinkligen nördlichen Gebäudeabschluß zur Folge gehabt. Die Königliche Akademie des Bauwesens legte bei der Begutachtung dieses Entwurfs eine Änderung zugunsten eines rechtwinkligen Grundrisses nahe. Ein Geländestreifen nördlich des Baus sollte vorerst unbebaut bleiben. Es wurde argumentiert, daß so eine freie Umfahrt für die Feuerwehr gewährleistet wäre und schließlich könne man später, nach erfolgtem Ankauf der sich anschließenden Privatgrundstücke, wenn es notwendig sein würde einen Erweiterungsbau unter Berücksichtigung der inzwischen gewonnenen Erkenntnisse problemlos anfügen. Weiterhin korrigierte die Kommission Tiedes Lösungen im funktionellen Bereich. Er hatte jetzt, die Kritik am ersten Entwurf berücksichtigend, ausgedehnte Bereiche in mehreren Geschossen für Schausammlungen vorgesehen und eine repräsentative, zentral gelegene Treppenanlage geplant. Die Gutachter gaben jedoch vor, diese zu dezentralisieren. So würde die gewünschte Trennung der verschiedenen Sammlungen leichter zu erreichen sein und dies auch in der architektonischen Gliederung deutlicher zum Ausdruck kommen. Statt eines zentralen Treppenhauses direkt in der Hauptblickachse des Lichthofes wurden zwei große Eisentreppen in den Oberlichthallen über den Schnittflächen von Quer- und Längsflügeln eingebaut. Tiede beabsichtigte außerdem, den Mittelbau durch seitlich angefügte Hallen mit den bereits bestehenden Gebäuden links und rechts zu verbinden, um alle drei Teile als eine Anlage wirken zu lassen. Die Königliche Akademie des Bauwesens hielt diesen Plan auf Grund stilistischer Differenzen für nicht ausführbar und erteilte wiederum Auflagen, diesmal im Vergleich zum ersten Plan, in entgegengesetzter Richtung. Diesen Auflagen zur Mäßigung hinsichtlich der Formgebung fiel auch die geplante gedeckte Vorfahrt am Hauptportal zum Opfer.

Abbildung 6, Museum für Naturkunde, 2. Entwurf, Grundriß

Unter Berücksichtigung der Kritik entstand ein dritter Grundriß, nach dem das Gebäude in den Jahren 1883 bis 1889 errichtet wurde. Wie in der Planung von Anfang an vorgesehen, wurde es gegen die benachbarten Gebäude um ein erhebliches Maß zurückgesetzt.

Tiede errichtete das Bauwerk mit einem in die Breite und Tiefe des Geländes sich erstreckenden, jederzeit erweiterbaren, symmetrischen System von mehrgeschossigen Hallen. Repräsentative Treppen in den Oberlichthallen an der Nordwest- und Nordostecke des Saals führen in die oberen Stockwerke. Die innere Hallenarchitektur findet in den großen rundbogigen Öffnungen der Südfassade des Kopfbaus ihre äußere Entsprechung. Großzügig dimensionierte Lichthöfe zwischen den Hallen garantieren gute Lichtverhältnisse für die Ausstellungsräume. Der Hof des Kopfbaus ist überglast und somit als Lichthof nicht nur in den Ausstellungsbereich integriert, sondern dessen Zentrum.

Abbildung 7, Museum für Naturkunde, Grundriß des Erdgeschosses mit Vitrinensystem, 1883-1889

3.3. Die Gestaltung der Fassade

Den gestalterischen Aufwand für die einzelnen Bauteile der Gesamtanlage bemaß Tiede nach deren Wirksamkeit für den öffentlichen Stadtraum. Die beiden flankierenden Baublöcke sind zu je drei Seiten einsehbar. Im Unterschied dazu ist beim Museum für Naturkunde nur die Südseite des Kopfbaus „Schauseite“. Nur hier ist die Fassade analog zu den flankierenden Gebäuden mit Naturstein, wiederum Tuff- und Sandstein, verblendet, um die Einheitlichkeit der Gesamtanlage zu gewährleisten. Hinsichtlich der Formgebung und Gestaltung fügt sich die Fassade in das Ensemble ein, wird jedoch durch den Mittelrisalit und viel reicheren Bauschmuck als zentraler Bau gekennzeichnet.

Abbildung 8, Museum für Naturkunde, Hauptfassade

Auf dem Vorplatz des Naturkundemuseums wurde eine kleine Gartenanlage angelegt, er war auch von einem Eisengitter umschlossen. Zusammen mit der beidseitig um ihn herumführenden Zufahrt zum Museum wurde der Charakter eines „Ehrenhofes“ noch verstärkt.

In Analogie zu den benachbarten Gebäuden erhebt sich über einem Sockelgeschoß aus Tuffsteinquadern mit eingeschnittenen quadratischen Fensteröffnungen das Gebäude dreigeschossig. Form und Größe der Fenster unterscheiden sich in ihren Proportionen nicht von den flankierenden Gebäuden.

Unterschiede finden sich im Detail. So sind die Schmuckmotive unterhalb der Sohlbänke der Fenster links und rechts des Mittelrisalits scheibenförmig. Die diamantschnittartige Schmuckform, wie sie sich unterhalb der Sohlbänke der Erdgeschoßfenster und der Fenster des ersten Stocks der flankierenden Gebäude findet, ist verschwunden. Des weiteren werden die Fenster aller Stockwerke mit Ausnahme der Fenster des zweiten Stockwerkes des Mittelrisalits durch einen Schlußstein abgeschlossen, welcher vegetabil gestaltet ist. Zwischen den Fensterrundbogen des Erdgeschosses bereiten Emblemformen Bestandteile des Schmuckfrieses und des Risalitschmucks vor. Die Sprossung der Fenster zitiert in ihrer Form und Verzierung die Portale der flankierenden Gebäude.

Der zwischen erstem und zweitem Stock umlaufende Schmuckfries ist breit und zeigt Blätter, Fruchtstände und Blüten. Über den Schlußsteinen der Fenster des ersten Stocks befindet sich im Schmuckfries ein Muschelmotiv. Zwischen den Muschelformen, analog dem Wappen am Gebäude der Bergakademie und den Schmuckrosetten im Fries am Bau der Landwirtschaftlichen Hochschule, wenden sich zwei Tierköpfe (abwechselnd Löwen, Bären und Wölfe) im Profil einander zu.

Der Mittelrisalit ragte mit seinem mit figürlichen Akroterien besetzten Walmdach über einer Balustrade über die Dächer der anderen Bauwerke des Platzes hinaus. Auf ihn konzentriert sich der bildkünstlerische Schmuck der Fassade. Der Mittelrisalit erstreckt sich über die Breite von drei Fensterachsen. Seine Öffnungen sind in Größe und Form den Fensteröffnungen des jeweils angrenzenden Stockwerks gleich.

Die triumphbogenartig vorgelagerte Portalarchitektur im unteren Drittel des Risalits findet im Gegensatz zu den Portalen der Eckgebäude einen segmentbogenartigen Abschluß. Über den Ecken wird das Portal von zwei Statuen bekrönt, über der rechten Ecke die Statue des Mediziners und Zoologen Johannes Müller und über der linken Ecke die Statue des Geologen Leopold von Bruch.

Abbildung 9, Statue des Geologen Leopold v. Bruch, Richard Ohmann, Hauptportal

Abbildung 10, Statue des Zoologen Johannes Müller, Richard Ohmann, Hauptportal

Dem Risalit vorgelagert, führt eine gerade Freitreppe aus Basalt zum Portal hinauf. Links und rechts des Eingangs steht jeweils eine basaltene Bank. Ihre Lehnen zitieren den Schmuck unter den Sohlbänken der links bzw. rechts an den Risalit angrenzenden Fenster. Die frei zugänglichen Bänke vor dem Gebäude weisen auf den öffentlichen Charakter des Museums hin und und stehen im Gegensatz zur palastartigen Architektur. Verzierungen in Form von Insignien, Ehrenkordeln oder Emblemen fehlen, lediglich das Lilienmotiv hat sich aus den anderen beiden Portalen erhalten. Über dem Gitter wenden sich zwei Adler einer Krone zu. Dadurch wird wiederum die Funktion des Haupteingangs nachdrücklich betont und den beiden anderen Portalen trotz reicheren Schmucks die Funktion von Nebenportalen der Gesamtanlage zugewiesen.

Im mittleren Drittel des Risalits, über dem Portal, sind die linke und rechte Portalöffnung durch eine Balustrade in Höhe der Sohlbänke der angrenzenden Fenster begrenzt. Der Eingang erhält durch den Segmentbogen des Portals eine Begrenzung. Der Schmuckfries erweitert sich hier nach unten bis zum Beginn des Rundbogens und füllt bis zu dieser Grenze die Räume zwischen den Öffnungen mit vegetabilen Motiven. Gleichsam auf diesen, links und rechts der Öffnung über dem Segmentbogen, sind einander zugewandte Adler mit gespreizten Flügeln auf Akanthuslaub dargestellt. Etwas zurückgesetzt finden sich hinter den Öffnungen die eigentlichen Fenster.

Das obere Drittel des Portals wird von den vollplastischen, den Rundbogenöffnungen des Risalits vorgelagerten Säulen korinthischer Ordnung bestimmt. Beidseitig der mittleren Öffnung als Säulenpaar ausgeführt, werden sie als einfache Säulen links bzw. rechts der äußeren Öffnungen durch je einen Pilaster begrenzt. Diese binden sie nochmals stärker in den Risalit ein und führen den gesamten Risaliten über die Dachhöhe der angrenzenden Gebäudeteile hinaus, was dazu führt, daß die Kapitelle der Säulen auf Traufhöhe des angrenzenden Dachs liegen. In dem entstehenden Zwischenraum zwischen Rundbogen und Architrav befinden sich über den Rundbogenscheiteln Ehrenmedallions mit den Bildnissen der Gelehrten Christian Gottfried Ehrenberg auf der linken Seite, Alexander von Humboldt in der Mitte und Christian Samuel Weiß rechts.

Im Fries über dem Architrav befindet sich die Inschrift „Museum für Naturkunde“, eine Bezeichnung, auf die man sich nach längerer Diskussion einigte. Diese rührten vor allem daher, daß jeder dazu befragte Gelehrte, nämlich die Direktoren der Sammlungen und Institute, „seinen“ Wissenszweig in dem neuen Namen wiederfinden wollte. Dieser Diskussion setzte der Kaiser ein Ende. Mit der Wahl der allgemeinverständlichen, in Anlehnung an die Bezeichnungen der angrenzenden Bauten ebenfalls deutschen Bezeichnung wurde im September 1886 der Charakter der neuen Einrichtung nochmals betont.

Vom Kopfbau und den beiden flankierenden Blöcken verdeckt, sind der Quer- und die Flügelbauten aus dem öffentlichen Stadtraum nur sehr begrenzt einsehbar. Tiede verläßt hier den repräsentativen Anspruch zugunsten einer sparsamen, zweckbetonten Gestaltung. Die Fassaden sind zurückhaltend gegliedert und mit Klinkern verkleidet. Nur noch für die bedeutendsten Gliederungselemente wird Naturstein verwendet. Der repräsentative Rundbogen der Fassadenöffnung wurde gegen den vergleichsweise bescheideneren Segmentbogen eingewechselt, Bauschmuck reduziert sich auf die Markierung der tektonischen Struktur. Zwar ist die architektonische Qualität der Fassaden der Quer- und Flügelbauten nicht geringer, aber der Repräsentationsanspruch wurde deutlich zurückgenommen.

3.4. Der Innenraum, Gestaltung und Wirkung

Obwohl die innere Ausstattung der Ausstellungsräume mit Ausnahme des Lichthofes einfach war, um den Blick nicht von den Exponaten abzulenken, finden die unterschiedlichen Repräsentationsansprüche ihren Niederschlag auch in der inneren Gestaltung des Gebäudes. Was an der Südfassade des Kopfbaus der Mittelrisalit darstellt, findet seine Entsprechung im Inneren des Südflügels des Kopfbaus. Hier, im Inneren dieses „Vorderhauses“, in den der Straße zugewandten Ausstellungssälen, sind alle Decken massiv gewölbt. Sie werden von Säulenmonolithen aus poliertem Granit und Sienit getragen. Der große Quergang wird von Sandsteinsäulen gesäumt. Die Treppenanlagen an seinen Enden sind mit belgischem Sandstein belegt.

Hinter dem Südflügel des Kopfbaus beginnen die Ausstellungsräume. Die Einrichtung ist sparsam und zweckbetont. Über die mit hohen und dicht aufeinanderfolgenden Fenstern versehenen Längswände sind die Ausstellungsräume gut beleuchtet. Eigens für diesen Zweck konstruierte Kappenkonstruktionen von großporigen und damit leichten Steinen zwischen Stahlträgern überspannen die Räume. Sie werden von Säulen aus Gußeisen getragen, die den Raum in zwei, seltener drei Schiffe gliedern. Diese Säulen hatten den Vorteil, das sie schmaler sein konnten als steinerne und so weder den Lichtfluß noch die flexible Nutzung der Räume behinderten. Die Wände der Schausammlung sind bis in Schulterhöhe mit gemusterten Tonfliesen bekleidet. Zwei mit Kunstmarmor belegte eiserne Treppenkonstruktionen in den Lichthöfen an den Kreuzungspunkten von Quer- und Längsflügeln sollten das Publikum in die Schausammlung im ersten Stock geleiten. Sie wurden nie ihrer Bestimmung gemäß genutzt, denn nach einem Wechsel des Nutzungskonzepts noch vor der Eröffnung des Museums wurde die Schausammlung auf den unteren Teil des Museums beschränkt.

Beheizt wurde das Gebäude von einem Heizhaus aus, welches zwischen den beiden mittleren Flügelbauten lag. Das Gebäude war bis auf den hölzernen Dachstuhl feuersicher gebaut. Die Fußböden waren aus versiegeltem Eichenholz, Estrich und Fliesen. Im Keller befanden sich neben dem Kohlenkeller auch die Wohnungen der Bediensteten und Werkstätten. Seine Räume wurden darüber hinaus wie auch einige Räume des Dachbodens als Lagerraum und Archiv genutzt.

Der Lichthof wurde reicher ausgestaltet als die übrigen Ausstellungssäle. Mit Säulen in der Form antiker Votivvasen in pompejanischem Rot, reicherem Wandschmuck, Wandtafeln mit Namen von Persönlichkeiten, die sich um das Museum verdient gemacht hatten und einfachen Fußbodenmosaiken wurde seine Stellung als Hauptausstellungsraum betont. Gleichzeitig leitet er vom Vorderhaus in den Flügelbau über.

Das jederzeit erweiterbare, sich rostartig und symmetrisch erstreckende System der mehrgeschossigen Hallen fand seine Entsprechung in der Anordnung und Aufstellung der eigens für dieses Museum von Tiede entwickelten Sammlungsschränke sowohl in der Schausammlung als auch in den Magazinen.


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