Fatke, Kristina: Das Museum für Naturkunde Die Umsetzung einer neuen Idee in Architektur und Sammlungen

Kapitel 4. Die Sammlungen des Museums für Naturkunde

4.1. Die Vorgeschichte

Bereits lange vor der Universitätsgründung, zur Zeit der Gründung des Mineralienkabinetts und der Bergakademie, gab es in Berlin eine „Königliche Kunst- und Naturalienkammer“, in der Fossilien, Gesteinsproben und Kuriosa gesammelt und katalogisiert wurden. Zudem gab es einen botanischen Garten und eine anatomische Sammlung, die dem „Collegium medio-chirurgicum“ und der Akademie der Wissenschaften unterstanden.

Vor der Gründung der Universität befand sich die eigentlich erste wissenschaftliche Sammlung von Mineralien, Tier- und Pflanzenfossilien in der Bergakademie<10>, an der ab 1770 auch wissenschaftliche Vorlesungen abgehalten wurden. Der Mineraloge Gerhard ist hier exemplarisch für den „neuen Typus des Wissenschaftlers“ zu erwähnen, da an ihm die Differenzen zwischen Staatsmacht bzw. Bürgertum und wissenschaftlichem Betrieb zum Ende des 18. Jahrhunderts verdeutlicht werden können. Gerhard vertrat drei Punkte, die mit der Ansicht des preußischen Königs Friedrich II. und seinem Nachfolger Friedrich Wilhelm II. im Widerspruch standen: 1. Ließ er Gott in seinen wissenschaftlichen Betrachtungen völlig unbeachtet und sprach vielmehr von der „Hand der Natur“ und den „Werkstätten der Natur“. 2. veranschlagte er das Weltalter auf weit mehr als nur 6.000 Jahre, wie das in der Bibel angenommen wurde (Gerhard spricht von mindestens 14.000) und 3. schätzte er den Wissensstand der alten Griechen und Römer nur als gering ein, während Friedrich II. ein großer Antikenverehrer war. Daß viele Teile von Gerhards Forschungen kaum berücksichtigt wurden ist dadurch zu erklären, daß das Spekulative und Romantische für die herrschende Schicht in Deutschland anziehender war, als das nüchterne, naturwissenschaftliche Denken und Handeln, das im preußischen Bergverwaltungscorps um 1770/80 vorherrschte.<11>

Insgesamt hegte Friedrich II. keine großen naturwissenschaftlichen Interessen. Er war lediglich an der Erschließung der Bodenschätze interessiert. Die Mineralogie erhielt dadurch bei weitem mehr Mittel (da man durch neue Erkenntnisse und Lehre in der Mineralogie den Abbau der Steinkohle und der Kupfer- und Eisenerze förderte), als dies beispielsweise den zoologischen Sammlungen und dem botanischen Garten (der im Siebenjährigen Krieg zum großen Teil zerstört worden war) vergönnt gewesen ist. Bezüglich der Zoologie schrieb Friedrich II. 1781 in einem Brief an den Zoologen Dr. Bloch: „Seine Königliche Majestät von Preußen unser Allergnädigster Herr lassen dem Doctor Bloch auf seine alleruntertänigste Anzeige vom 25. diese in Ansehung des darin getanen Antrages hierdurch zu erkennen geben, daß es nicht nötig ist, von den Kammern eine Liste von den Fischen zu erfordern; denn das wissen sie schon allerwegs, was es hier im Lande für Fische gibt. Das sind auch durchgehends dieselben Arten von Fischen, ausgenommen im Glatzischen; da ist eine Art, die man Kaulen nennet, oder wie sie sonst heißen, die hat man weiter nicht. Sonsten aber sind hier durchgehens einerlei Fische, die man alle weiß und kennt; und darum ein Buch davon zu machen, würde unnötig sein, denn kein Mensch wird solches kaufen.“

Die Anregung, ein zoologisches Museum der Universität zu gründen, ging dann auch von privater Seite aus und wurde im Jahre 1810 von Graf J.C. v. Hoffmannsegg angeregt, der selbst eine zoologische Sammlung mit brasilianischen Säugern, Vögeln und Reptilien besaß, die den Grundstock des zoologischen Museums bilden sollte.

Durch die Gründungsurkunde der Universität von 1809 beschlossen, wurden später in der Universität die existierenden wissenschaftlichen Sammlungen zusammengeführt und ihr organisatorisch unterstellt. Die Sammlungen wurden in den ersten beiden Stockwerken des Hauptgebäudes verteilt. Die anatomische Sammlung befand sich im Westflügel des ersten Stocks, die mineralogische im Ostflügel, die zoologische kam in den zweiten Stock, wo sie sich bis 1825 über die gesamte Etage ausbreitete. 1818 kam noch eine große Insektensammlung dazu.

Nachdem die drei Bereiche der naturwissenschaftlichen Sammlungen (Mineralogie, Paläontologie und Zoologie) im Universitätsgebäude eingerichtet waren, erweiterte sich ihr Umfang nach kürzester Zeit beträchtlich; durch die großen Expeditionen (v.a. in der zweiten Hälfte und gegen Ende des 19. Jahrhunderts) kamen immer neue Funde zusammen, die in die Sammlung aufgenommen wurden. Besonders das zoologische Museum, das vom Direktor Hinrich Lichtenstein geführt wurde, erlangte bald internationale Bedeutung. Durch das reichhaltige Untersuchungsmaterial litt jedoch die Übersichtlichkeit, die Verwaltung und die Benutzung für Studenten und Forscher. Das Universitätsgebäude war schlichtweg überfüllt und so war „der Neubau eines Museums für Naturkunde daher nach allen Seiten ein befreiendes Unternehmen.“<12>

4.2. Die Präsentation

Durch die Möglichkeit eines ganz neuen Bauentwurfs hatte man nun die Freiheit, durch den Bau ein inhaltliches Konzept auszudrücken - wie Tiede es gefordert hatte. Die Verbindung von Inhalt und Ausdruck zeigt sich an einem Beispiel der Innenarchitektur, wo bezüglich der Schrankaufstellung vom „Fischgräten- oder Rippensystem“ als Bezeichnugen der fächerartig geliederten Anordnung gesprochen wurde.

Der Hauptgedanke für die Einrichtung des Museums war der, daß die Universitätssammlungen auch für die Öffentlichkeit zugänglich sein sollten. Hierin unterscheidete sich das Universitätsmuseum ja grundsätzlich von anderen universitären Instituten, die allein den wissenschaftlich Forschenden vorbehalten waren. Der erste Bauentwurf bezog sich auf eine einheitliche Aufstellung aller Bestandteile der Sammlungen, was aus dem Grunde verwunderlich ist, da die Sammlungen ein ungeheures Ausmaß angenommen hatten: Die Schätzung der zoologischen Objekte allein kam auf ein Zahl von mindestens 600.000. Die Sammlungen sollten ursprünglich auf alle drei Geschosse verteilt werden.

1887 wurde jedoch Karl August Möbius aus Kiel als Verwaltungsdirektor berufen<13>, der neue Ideen bezüglich der Präsentation der Sammlungen mitbrachte, die sich gegen eine Aufteilung der Sammlung auf alle drei Geschosse wandten. Seine Vorstellungen wurden schließlich auch übernommen, obwohl der Rohbau noch mit der „alten Idee“ ausgeführt worden war. Sonst hätte man „zweifellos zwei völlig verschiedene Bausysteme gewählt.“<14> Diese „vollständige Revolution der Ideen über Museumsgestaltung, die zwischen Beginn [1883] und Vollendung [1890] stattgefunden hat“, wie der Direktor des British Museum nach seinem Besuch in Berlin 1893 urteilte, bestand in einer Trennung der Sammlung einerseits in eine Schausammlung, die, nach didaktischen Prinzipien gestaltet, im Erdgeschoß eingerichtet werden und für die interessierte Bevölkerung und Studenten allgemein zugänglich sein sollte - und andererseits in eine Hauptsammlung in den oberen Geschossen, die allein für die wissenschaftliche Arbeit reserviert war. Mit dieser Trennung ging einher, daß die Sammlungen sowohl inhaltlich, als auch formal (ästhetisch) verschieden eingerichtet werden mußten. Möbius führt aus, die wissenschaftliche Sammlung müsse nach dem Tiersystem geordnet, vor Licht und Staub geschützt und der taxonomischen Forschung vorbehalten sein, die „neue“ Schausammlung solle nicht etwa nur eine kurze Wiederholung der systematischen Hauptsammlung sein, sondern vor allem „vergleichend-morphologische, ferner physiologische und biologische Gruppenbilder enthalten“ und ihren Hauptzweck darin sehen, „das Publikum nach allen Richtungen belehren zu können und den Studenten eine anschauliche Illustration der zoologischen Vorlesungen“ zu bieten.<15> Diese „neue Museumsidee“<16> erscheint uns heute als selbstverständlich, war damals aber keineswegs üblich. Auf Widerspruch stieß zuerst vor allem, daß in der Schausammlung nur exemplarisch die wichtigsten Objekte ausgestellt werden sollten und keineswegs etwa Vertreter aller Arten. Tiede hingegen verteidigte diesen „bahnbrechende Gedanken, nur soviel dem Laien-Besucher vorzuführen, dass eine ermüdende Wirkung auf ihn ausgeschlossen ist, und den überwiegend grösseren Theil der Sammlung für Fachkundige magazinartig aufzubewahren.“<17>

Für die Schausammlung wurde der didaktische Zweck zum maßgeblichen Kriterium, es sollten besondere anatomische und organische Gruppierungen zusammengefaßt und im Vergleich zu anderen Arten dargestellt werden, biologische Gruppen sollten in Verbindung mit ihren „Wohnpflanzen“ und der Kennzeichnung ihrer gewöhnlichen Lebensgewohnheiten gezeigt werden, auch die Darstellung der Anatomie und Variabilität des Menschen wurde erwogen.<18> Den Mitarbeitern wurde die Aufgabe gestellt, „aus der reichen Sammlung des Museums das auszuwählen, was in die Schausammlung zu stellen sein wird, und anzugeben, was für dieselbe an Präparaten, Erläuterungen und Modellen herzustellen ist.“

Hier zeigt sich das Aufkommen der absoluten Wichtigkeit der Gestaltung, der Inszenierung und der ästhetischen Gewichtung bei der Präsentation der Sammlungen. Die Natur wurde nicht mehr nur als „Fundgrube“ in beliebiger Auswahl dem Menschen zur Ansicht dargestellt, sondern ganz bewußt in Szene gesetzt, manipuliert (wörtlich) und als erkanntes Objekt in menschengesetzter Anordnung wiedergegeben. Neue Techniken der Dermoplastik und Methoden der Museologie, zeugen von diesem Wandel.

Die wissenschaftliche Sammlung hingegen sollte in Magazinen, wie sie für Bibliotheken eingeführt worden sind, und Schubkästen untergebracht werden und einer systematischen Ordnung unterliegen. Wenn man die Schausammlung mit einer (immer artifiziellen) „Wirklichkeits-Inszenierung“ vergleichen möchte, so könnte man die Metaphorik bezüglich der wissenschaftlichen Sammlung als „Fundus“ weiterführen.

Die Trennung der Studien- von der Schausammlung sollte sich auch in der Bauform äußern. Das wurde auch von Tiede 1898 gefordert: „Beide Arten von Bauten werden ihrem Zweck entsprechend verschieden im Innern und Äußeren zu gestalten sein. Es werden die Schausammlungen eine breitere, werthvollere Aufstellung der Gegenstände zur Schätzung ihrer hohen Bedeutung für die Volksbildung zeigen und die Studien- oder Forschungs-Sammlungen, der stillen, zurückgezogenen Arbeit gewidmet, für welche alle erhaltbaren Stücke als Forschungsunterlagen in mannigfaltiger Reihe und möglichst gesichert aufbewahrt werden, zur leichten Übersicht des reichen Inhaltes, mit einer praktisch sparsamen Ausnutzung des Raumes sich begnügen.“<19>

Im Museum für Naturkunde wurde die Schausammlung im Erdgeschoß eingerichtet:

Abbildung 11, Museum für Naturkunde, Grundriß des Erdgeschosses

Der Lichthof gehörte zur zoologischen Schausammlung und zeigte die großen Walskelette im Vergleich zu anderen Großsäugern, im daran angrenzenden hinteren Raum weitere Säugetierpräparate, sowie in den nach Norden anschließenden drei Längsflügeln Vertreter aller Tierklassen unter Berücksichtigung der Anatomie und auch stammesgeschichtlicher Entwicklungen. Die Mineralogie hatte im westlichen Teil einen Raum für Gesteine und einen großen Saal neben dem Lichthof für Minerale. Die Paläontologie hatte im vorderen östlichen Raum zunächst die Pflanzenfossilien und im östlichen Saal neben dem Lichthof die Tierfossilien untergebracht.<20> In den oberen Stockwerken befanden sich die Arbeitssammlungen und je ein Institut mit Übungssammlungen und Untersuchungslabors.

Die Schausammlungen waren zuerst mit dem Ziel angelegt, „selbstführend“ zu sein. Möbius war der Meinung, die Besucher hätten eine persönliche Führung nicht nötig. Trotzdem stieg die Besucherzahl ab etwa 1909 jedoch erst dann maßgeblich an, als zunehmend Führungen realisiert wurden. Das Museum erfüllt seine Aufgabe als Bildungsstätte doch erst, wenn durch Vorträge und Erläuterungen das Verständnis der Objekte näher gebracht wird. Der Besucher möchte sich nicht alleine im „Objektraum“ bewegen sondern eine Anweisung, ein „Vorführung“ geboten bekommen.

Tiede verglich das Museum mit Wörterbüchern: „Das Durchlaufen der Räume und das Beschauen der eingeordneten Gegenstände allein übt geringe Wirkung auf den Durchschnittsmenschen aus. Für ihn sind die Museen Wörterbüchern gleich, in welchen die Dinge nach Abtheilungen wie zum Nachschlagen geordnet sind. Jedes Werk bedeutet ein Wort; den Geist einer Sprache aber lernt Niemand allein durch nachschlagen. Und das ist auch gewiss, dass eine schöpferische Wirkung des Museumsinhaltes, weil alle Dinge darin aus ihrem - in der Kunst vor allem - so wesentlichen Zusammenhange gerissen sind, so künstlerisch, wissenschaftlich sie auch geordnet sein mögen, und so sehr ihrer Anordnung der Aufbau der Gebäude selbst entspricht, nie ohne eine sachgemäße Führung zum Dienst bei den Musen wird, auf deren Namen doch die Museen gegründet werden.“<21>


Fußnoten:

<10>

Diese war in der Berliner Börse in der Georgenstraße untergebracht.

<11>

Vgl. hierzu Richard Daber, Zur Frühgeschichte der wissenschaftlichen Sammlungen im Museum für Naturkunde an der Humboldt-Universität zu Berlin (1770-1810), in: Neue Museumskunde, Theorie und Praxis der Museumsarbeit, Jg. 13, 4, 1970, S. 246.

<12>

August Tiede und Friedrich Kleinwächter, Das Museum für Naturkunde der Universität Berlin, Berlin, 1891, S. 3.

<13>

Er blieb in diesem Amt bis 1905.

<14>

Friedrich Kleinwächter, Das Museum für Naturkunde der Universität Berlin, in: Zeitschrift für Bauwesen, Jg. XLI, Heft I bis III, Berlin, 1891, S. 2.

<15>

Ebenda, S. 7.

<16>

Als solche („the new museum idea“) bezeichente sie ebenfalls W. H. Flower, der Londoner Museumsdirektor.

<17>

Tiede 1898, S. 49.

<18>

Der Mensch sollte nun als Ausstellungsobjekt nicht nur äußerlich als Skulptur, sondern auch von innen als biologisches Wesen betrachtet werden.

<19>

Tiede 1898, S. 3.

<20>

Man könnte hinsichtlich dieser Anordnung diskutieren, ob sich in dieser Reihenfolge wiederum ein ein biologisches Paradigma spiegelt, etwa der Gang vom Stein zum Tier, und letzteres in seiner stammesgeschichtlichen Rückschau.

<21>

Tiede 1898, S. 3.


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Thu May 18 11:47:03 2000