Pretzell, Uta: Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs

Kapitel 4. Charité

Der Zweite Weltkrieg führte zur Zerstörung der Charité zu Berlin. Vor allem fanden zwischen 1944 und 1945 Zerstörungen statt. In der Charité konnte während des Kriegs nur mit letzten Kräften der stationäre Betrieb aufrecht erhalten werden. Bis in die letzten Kriegstage wurden in Kellern und den aufgestellten Bunkern, bis 1945 gebaut, Operationen durchgeführt. Seit 1944 wurde die Patientenversorgung samt Operationen von dem Chirurgen Ferdinand Sauerbruch und dem Gynäkologen Walter Stöckel vor allem in den Bunkern erhalten. Auch nach Kriegsende mußte hierin der Betreuungsdienst stattfinden. Ein Teil der Betreuung mußte während des Kriegs und danach außerhalb der Charité erfolgen. So wurden beispielsweise Krankenstationen der Kinderklinik in Berlin-Buch eingerichtet<22>.

1945 waren Kliniken und Institute auf der historischen Gesamtanlage der Charité von 1897-1916, zu fünfundsechzig Prozent zerstört<23>. Die erste Baustufe erfolgte ab 1709. Es folgten drei andere Planungen von 1785-1800 und 1831-1835, eine letzte vierte wurde von Georg Diestel realisiert. In den Kriegsjahren ab 1943 lagen zum Ende des Krieges hin sehr viele Gebäude auf dem Gelände teilzerstört oder so zerstört vor, daß ihre Wiederherstellung einem Neubau gleich kam. Zuerst glaubte man lange Zeit einzelne zerstörte Gebäude nicht mehr aufbauen zu können. Dann gelang es aber doch, in alten Dimensionen wieder aufzubauen. Einzig die Hautklinik wurde abgerissen und die alte Augenklinik - sehr stark zerstört - wurde abgerissen und nicht wieder erbaut. Die Frauenklinik in der Artilleriestraße hingegen wurde bald neu gebaut. An nahezu allen Gebäuden waren schwere Schäden an den Schieferdächern und an den mit Handstrichziegeln bestückten neugotischen Fassaden entstanden und umfangreiche leichte Schäden an Leichtsteinwänden, Verglasungen der Oberlichter, Fenster und Türen. Die Außenanlagen waren mit Schutt eingedeckt und Wege und Grünanlagen vernichtet, so daß sie nach dem Krieg wieder angelegt werden mußten<24>.

Noch während des Krieges wurden Sofortmaßnahmen - erheblich eingeschränkt durch den herrschenden Materialmangel - zu einer vorübergehenden Instandsetzung der Schäden eingeleitet. Bei vielen Klinikabteilungen tat eine rasche Wiederherstellung der Gebäude not, da die vorläufig verlegten Krankenstationen nicht die erforderlichen Einrichtungen zur Pflege und Behandlung der Patienten aufwiesen<25>. Eine 1948 veröffentlichte Grafik unterstützt die in Archivalien ausgewerteten Schadensangaben<26>.

In ihr wird das Ausmaß der Kriegszerstörungen der Gebäude der Charité in leicht beschädigt und schwer beschädigt differenziert und untergliedert in Zerstörungen wie Dachstuhlbrand, ausgebrannt, zerstört, Sprengbombeneinschlag mit Dachschadenzone und Sprengbombenschaden<27>. Ein schematischer Plan vom Dezember 1945 kennzeichnet den Erhalt der Fassaden durch markante und dünngezogene Umrandungen jeweils in Hinblick auf die Stufe des Erhalts bis hin zur schweren Zerstörung.

Abbildung 9, Situationsplan zur Bausubstanz der Charité, 7. Dezember 1945

Die Alte Charité aus dem 18. Jahrhundert gab es nicht mehr, sie war allein durch die schwer zerstörte Augenklinik bis 1949 vertreten. Das Sommerlazarett von 1850 wurde auch zerstört, ebenso wie das Direktorenwohnhaus von 1900 und der Hauptteil des Instituts für Infektionskrankheiten von 1897. Nach Dieter Schiffczyk liegen beachtenswerte Abweichungen zwischen den beiden Plänen von 1948 und 1945. Nach den archivalischen Angaben trifft der differenzierende Plan von 1948 in vielen Übereinstimmungen - wie beispielsweise bei der Kinderklinik, der II. Medizinischen Klinik, dem Pathologischen Institut, der Frauenpoliklinik und dem Zahnärztlichen Institut - zu.

Zu teilzerstörten Gebäuden zählten insbesondere das Hauptgebäude der Kinderklinik an der Schumannstraße 20/1 von 1903 an seinem Dachstuhl, einschließlich des Hörsaals<28>, das Zahnärztliche Institut an der Invalidenstraße 87-89 von 1912 insbesondere an seinem Westteiltrakt mitsamt dem Inventar<29>, das Waschhaus der Charité an der Hannoverschen Straße 7 von 1897 und weiterhin in der Nähe befindliche Gebäude, die von Brandbomben und Artilleriefeuer getroffen waren<30>.

-Dazu gehörten die I. Medizinische Klinik von 1903-14 war in ihrem Gebäude besonders an den Zwischenwänden eingedrückt.

-Die II. Medizinische Klinik von 1908 verlor einen Teil des Gebäudes im nördlichen Längsbau, so daß eine Lücke den Baukomplex spaltete.<31>

-Die Poliklinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten war aufgrund eines Dachstuhlbrandes an Decken und Wänden im obersten Geschoß in großen Teilen eingestürzt.

-Die Orthopädische Poliklinik an der Luisenstraße 3 war an ihrem rückwärtigen Flügel einschließlich des Hörsaals schwer beschädigt. Der Dachstuhl war zum Teil zerstört und die Giebelwand des rechten Seitenflügels zusammengebrochen. Die Poliklinik war durch den Bruch vieler Trennwände in der Grundrißstruktur des Gebäudes entstellt<32>.

-Das Fürsorgegebäude war an der Dachkonstruktion und den Wänden in erheblichem Maße beschädigt.

-Die Nervenklinik war stark zerstört. Im November 1943 war der nördlich gelegene Westpavillon vollständig ausgebombt und der westliche Teil des Nordbaus stark beschädigt. Später brannte noch der Dachstuhl des Ostflügels im Nordbau aus.<33> Die südliche Klinikeinheit war in seinen zwei Flügeleinheiten zerstört<34>.

-Die Universitätspoliklinik für Hals- und Nasenkrankheiten, welche seit 1887 in dem Mietshaus an der Luisenstraße 59 eingerichtet worden war, war zerstört<35>.

-Das Maschinenhaus hatte Schäden am Dach. Ebenso wie bei den Werkstätten war hier ein Teil des Obergeschosses ausgebrannt<36>.

-Das Gebäude des Instituts für gerichtliche und soziale Medizin an der Hannoverschen Straße 6 wurde 1944 insbesondere an dem Westflügel, in welchem die Nebendienststelle des Polizeipräsidiums verblieben war, stark zerstört<37>.

-Das Pharmakologische Institut war im Krieg bis auf die Grundmauern ausgebrannt<38>.

-Das Physiologisch-Chemische Institut erlitt im Krieg erhebliche Sachverluste an Inventar<39>. Das Gebäude war letztlich an mehreren Geschossen zerstört<40>.

-Das Hygienische Institut war bis auf das Erdgeschoß zerstört. Der einzig erhaltene Gebäudeteil wurde nach dem Krieg von den ruinierten Gebäudeabschnitten abgetrennt<41>.

Von einem sehr hohen Zerstörungsgrad, der zwischen fünfzig und fünfundsiebzig Prozent lag, waren anfolgende schwer zerstörte Gebäudekomplexe betroffen, dazu gehörten auch die Charité-Kirche und die Wohnhäuser für Charité Mitarbeiter.<42>

-Von dem Hauptgebäude des Anatomischen Instituts an der Philippsstraße 12 auf dem Gelände der Veterinär-Medizinischen Fakultät war ein großer Teil zerstört. Im südöstlichen Anbau war das Anatomische Institut so stark beeinträchtigt, daß hier von einem Wiederaufbau abgesehen werden mußte. Der Hörsaal brannte bis auf die Inneneinrichtung aus. Die südlich angrenzende Freifläche lag in verwüstetem Zustand vor<43>.

Die Chirurgische Klinik von 1904 war in ihrem Mitteltrakt, im Krankenflügel, am Dachstuhl des Operationsflügels und am Ostflügel beträchtlich angegriffen, so daß das Klinikgebäude in zwei Hälften geteilt war<44>. Das Gebäude wurde mit dem Nebengebäude bald nach Kriegsende wiederaufgebaut<45>.

-Das Pathologische Institut von 1905, nordwestlich auf dem Charitégelände am Alexanderufer gelegen, war von mittleren und in Teilen schweren Beschädigungen betroffen. Es war in seinem ersten Gebäudeteil, dem Hauptgebäude, am gesamten Dachstuhl abgebrannt. Beide Flügel des Vorderhauses waren stark beschädigt. Die zweite Gebäudeeinheit, das Obduktionshaus, war weniger beeinträchtigt. Für den dritten Gebäudeabschnitt, dem Museum von 1899, mußte nach dem Krieg aufgrund seiner großen Zerstörung ein neuer Bauplan ausgearbeitet werden. Das Gebäude verlor bei einem umfassenden Brand das Massivdach, die Fenster und Türen und auch den größten Teil der pathologisch-anatomischen Lehr- und Forschungssammlung von Rudolf Virchow. Der Tierstall auf der hinteren Gebäudeanlage war zerstört<46>.

-Der auf dem Charité-Areal nördlich gelegene Gebäudekomplex der damaligen Frauenklinik und Frauenpoliklinik am Alexanderufer, von Gussenow ab 1883 baulich entwickelt, war in dem zum Charitégelände hin gerichteten Gebäudeabschnitt aus dem Baujahr 1892 zerstört. Ebenso war der die Quergebäude verbindende Mittelsteg schwer zerstört. Das größte Längsgebäude am Alexanderufer 4 war nur in der im Südflügel untergebrachten Zweiten Frauenpoliklinik weniger stark beeinträchtigt. Der übrige Gebäudeteil mit dem Gynäkologischen Pavillon wies schwere Zerstörungen auf. Der parallel zur Invalidenstraße stehende Teil wurde nach seiner Zerstörung abgetragen.<47>

-Zwischen 1943 und 1944 erfuhr das Institut für Strahlenforschung am Robert-Koch-Platz 1 schwere Schäden an seinem Dach, den Fenstern und Türen und der Brandmauer zum Nachbargebäude<48>.

Von der Gesamtanlage des Architekten Georg Diestel seit der Planung von 1896-1917 waren also von der Alten Charité die Augenklinik und von der Neuen Anlage das Gebäude der Alten Hautklinik von 1851, die Alte Frauenklinik von 1883, weiterhin das Direktorenwohnhaus von 1900 und die Kapelle von 1901, zwei Quarantänebaracken der Kinderklinik von 1903 und die Krebsbaracken im Krieg völlig zerstört und wurden später abgetragen. Das zerstörte Gebäude der Kieferklinik, welches zu den wertvollen Gebäuden dem hundertundfünfzig Jahre alten Restbestands der Alten Charité gezählt hatte, mußte nach 1946 abgetragen werden. Die Geschwulstklinik, ein Physiologisch-Chemisches Institut, eine Hautklinik und Quarantänehäuser für die Kinderklinik wurden beispielsweise in der Wiederaufbauzeit bis in die sechziger Jahre neu eingerichtet.<49> Das älteste Gebäude ist das ehemalige Pockenhaus, hervorgehoben durch seinen Rundbogenstil von 1835-37, mit der Einrichtung zur Geburtshilflichen Klinik von 1854, eingestellt nach 1884, von Ludwig Ferdinand Hesse. Die Fassade ist aufgrund von Beschädigungen im Krieg rekonstruiert, und im Innern sind nur die östliche Treppenanlage und andere wenige Details aus der Bauzeit von 1835-1837 erhalten. Seit 1951 beherbergt das Gebäude das Institut für experimentelle Endokrinologie.<50>

Die Berliner Charité war zu neunzehn Prozent total zerstört und zu zweiundvierzig Prozent schwer beschädigt<51>. Seit 1945 bis 1960 wurden hundertzwanzig Millionen DM für den Wiederaufbau und die Modernisierung der Berliner Charité investiert.<52>


Fußnoten:

<22>

Festkomitee des Rates der Medizinischen Fakultät zur Vorbereitung der 250-Jahr-Feier der Charité (Hg.), 1960, S. 37.

<23>

I. Wirth, B. Luther, J. Grosser, Zur Topographie und baulichen Entwicklung der Charité, in: Zeitschrift für die gesamte Hygiene 31, 1985, S. 13.

<24>

LAB Rep. 110, Nr. 317.

<25>

LAB Rep. 05-07, Nr. 152-3.

<26>

LAB Rep. 317.

<27>

HUB-Archiv Rektorat, Nr. 839 u. 951.

<28>

LAB Rep. 110 u. 317 (nach 1945).

<29>

Ebd.; LAB Rep. 05-07, Nr. 152.

<30>

LAB Rep. 110, Nr. 315; HUB-Archiv, Rektorat, Nr. 951.

<31>

LAB Rep. 110, Nr. 317.

<32>

Festkomitee des Rates der Medizinischen Fakultät (Hg) 1960, S.46 f.

<33>

LAB Rep. 317.

<34>

Ebd.

<35>

Festkomitee des Rates der Medizinischen Fakultät (Hg.) 1960, S. 29.

<36>

LAB Rep. 317.

<37>

Wolfgang Reimann, Zur Geschichte des Gerichtsmedizinischen Institutes der Humboldt-Universität zu Berlin, in: Zeitschrift für ärztliche Fachbereiche, 9, 1960, S. 553.

<38>

Festkomitee des Rates der Medizinischen Fakultät 1960, S. 64.

<39>

Ebd. S. 69.

<40>

LAB Rep. 317.

<41>

Ebd.

<42>

HUB-Archiv, Rektorat, Nr. 951.

<43>

LAB Rep. 110, Nr. 317; LAB Rep. 05-07, Nr. 152.

<44>

HUB-Archiv, Rektorat, Nr. 839.

<45>

Festkomitee des Rates der Medizinischen Fakultät (Hg.) 1960, S. 20.

<46>

Ebd. S. 17; LAB Rep. 110, Nr. 317.

<47>

LAB Rep. 05-07, Nr. 152.

<48>

Ebd.

<49>

Festkomitee des Rates der Medizinischen Fakultät (Hg) 1960, S. 35; HUB-Archiv Rektorat 839, Nr. 951.

<50>

LAB Rep. 05-07, Nr. 152.

<51>

Dieter Schiffczyk, Gutachten zur architektonischen und städtebaulichen Rangstellung der Charité, Senatsverwaltung Stadtentwicklung, Umweltschutz Berlin, Fachabteilung Baudenkmalpflege 1992, S. 180 ff.

<52>

150 Jahre Humboldt-Universität, 250 Jahre Charité, Bulletin der Pressekommission, Berlin 1960.


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