| Sander, Oliver: Die Universität und die Berliner Mitte im späten Kaiserreich. Königliche Bibliothek, Poliklinisches Institut für innere Medizin und der Standort Kastanienwäldchen |
Die Wege der Hohenzollern zu Ihne (oder umgekehrt) sind verschlungen, auf jeden Fall aber persönlicher Natur. Ernst Ihne (geadelt 1906) wurde als Sohn des Philologen und Anglisten Wilhelm Ihne am 23. Mai 1848 im rheinischen Elberfeld geboren, auf der Durchreise sozusagen.<6> Sein Vater arbeitete nur knapp zwei Jahre am dortigen Gymnasium. Später in Heidelberg wurde er zeitweise zusammen mit den englischen Prinzen Edward und George erzogen, deren Schwester Victoria die Mutter des späteren Kaiser Wilhelms II. war.<7> Auch Ihne hatte eine englische Mutter. Mag sein, daß so etwas verbindet. Jedenfalls schätzte Victoria, die spätere Kaiserin Friedrich, Ihne über alle Maßen und sah in ihm gar einen modernen Schlüter.<8> Es war vermutlich ihr Einfluß, der zur überraschenden Berufung des 40jährigen Ihne durch Kaiser Friedrich III. zum Hofarchitekten am 24. Mai 1888 führte.
Abbildung 2, Architekt des Kaisers, um 1890. [Ihne stehend mit Orden]

Obwohl Kaiser Wilhelm seine Mutter alles andere als schätzte, teilte er doch ihre Wertschätzung für Ihne.
Ernst Ihne hatte mit seinem damaligen Partner Paul Stegmüller bereits 1877 ein Atelier für Kunstgewerbe gegründet. Schon bald zogen die beiden um, wobei der Name des Büros um Architektur und Dekoration erweitert wurde.<9> Hauptsächlich fertigten sie aber kunstgewerbliche Möbel und Schmuckstücke. Den ersten Erfolg stellte ein 1. Preis des Deutschen Gewerbe-Museums für einen mehrfarbigen Kachelofen dar. Ein halbes Jahr später gab es den nächsten Preis und binnen eines Jahres hatten die beiden, deren Thätigkeit auf dem Gebiete der Möbelfabrikation eine rühmlichst bekannte ist, es geschafft, sich einen guten Ruf mit ihren Produkten zu erwerben.<10> Der erste große Auftrag war der Neubau des Jagdschlosses Hummelshain bei Kahla (Thüringen) in den Jahren 1880-85 für Herzog Ernst I. von Sachsen-Altenburg (1826-1908).<11> Bescheidener geriet das erste Gebäude in Berlin: Es war die Einrichtung des Café Keck in der Leipziger Straße 96 im Jahr 1881 im rauschenden Stil des fünfzehnten Ludwig.<12> Dem Trend der ebenfalls rauschenden Zeit folgend, war das Haus aber bereits vor 1917 schon wieder abgerissen worden. Eine Besonderheit stellte der Bau des Wohn- und Geschäftshauses Schwartz an der Ecke (Charlotten-Französische Straße in Berlin dar:
Abbildung 3, Wohn- und Geschäftshaus Schwartz, 1888.

Es ist nämlich Ihnes einziger Geschäftshausbau. Ihne & Stegmüller entwarfen eigentlich nur die Fassaden<13>, der Grundriß wurde vom Eigentümer selbst gestaltet und dann auch wegen einiger schwerer Mängel von der Fachpresse gerügt. Der Erdgeschoßteil der Fassade wurde in Eisenbau ausgeführt, da die Eisenfirma AG Lauchhammer ihre dortigen Ausstellungsflächen dadurch betonen wollte. Das ebenfalls im Erdgeschoß gelegene Restaurant sollte für den Typus [...] der Eckhauskneipe vorbildlich werden.<14> In der Folgezeit beschäftigten sich Ihne und Stegmüller vor allem mit dem Bau von Villen im Stil der deutschen Renaissance für das wohlhabende Bürgertum. Der geographische Schwerpunkt ihrer Arbeit lag dabei in Berlin bzw. im mittleren Teil des Deutschen Reiches.<15>
Als Folge einer Englandreise (1880) veröffentlichte Ernst Ihne ein Jahr später in der Deutschen Bauzeitung einen Artikel über den englischen Queen-Ann-Style.<16> Hier gibt er zwar seine Eindrücke wieder, eine praktische Auswirkung auf seinen Baustil hatten diese aber erst gegen Ende des Jahrzehnts.<17> Möglicherweise war dies bedingt durch die Beendigung der Zusammenarbeit mit Paul Stegmüller. Dadurch sollte sich Ihne als modern im innovativen Sinne erweisen, war er doch noch vor dem Kunsthistoriker und Direktor des Hohenzollernmuseums, Robert Dohme (1845-1893), und dem Architekten Hermann Muthesius (1861-1927) einer derjenigen, die das englische Haus populär machten. Und es war Ihne, der für Dohme dessen Berliner Haus (Händelstraße 1) im englischen Stil entwarf.<18>
Abbildung 4, Villa Dohme, um 1890.

Um 1886 trennten sich die Wege von Ihne und Stegmüller, wobei Ihne das alte Büro weiter nutzte, während Stegmüller in hervorragender Lage, am Pariser Platz 6a, ein Atelier mietete. Paul Stegmüller starb am 27. Mai 1891 an einem schweren Gehirnleiden. Sein Atelier wurde von Ihne übernommen, der sich dort auch eine Wohnung mietete.<19>
Mit der kurzen Regierungszeit Kaiser Friedrichs III. war für Ihne ein erster Höhepunkt mit der Berufung zum Hofbaurat und Hofarchitekten in die Schloßbaukommission am 24. Mai 1888 erreicht<20> - vielleicht ein besonderes Geschenk zu Ihnes 40. Geburtstag? In dieser Funktion arbeitete er ab 1891 am Umbau des Weißen Saales im Berliner Schloß, womit die Reihe seiner monumentalen, meist in den Formen des Übergangsstils der italienischen Spätrenaissance zum Barock gehaltenen Hof- und Staatsbauten begann.<21>
Abbildung 5, Verlorene Pracht: Der Weiße Saal des Berliner Stadtschlosses.

Weitere Bauten in diesem Zusammenhang sind die Planungen für das Nationaldenkmal Kaiser Wilhelms I. auf der Schloßfreiheit, der Bau des Kaiser-Friedrich-Museums auf der Museumsinsel, das Kaiserin-Friedrich Haus für ärztliche Fortbildung und vor allem der Bau der neuen Königlichen Bibliothek Unter den Linden.
| Fußnoten: | |
|---|---|
|
Gerüchte bezeichnen Ihne gar als unehelichen Sohn Kaiser Friedrichs III., so bei Friedhilde Krause, Baurat Anton Adams und der Neubau der Königlichen Bibliothek zu Berlin, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen, 103, 1989, S.317, Anm.7. Dies ist nicht zuletzt angesichts des Alters von Friedrich zum Zeitpunkt der mutmaßlichen Zeugung (15 Jahre 10 Monate) reichlich unwahrscheinlich. | |
|
Victor Wilhelm von Ihne, Wann beginnt der Mensch zu leben? [Memoiren], o.O., o.J., S.1f. - Ich werde diese bisher unveröffentlichten Memoiren im Anhang meiner Dissertation über Ernst v. Ihne abdrucken.. | |
|
Wilhelm II., Ereignisse und Gestalten, Berlin 1922, S.144. | |
|
Berliner Adreß-Buch Jg.9, 1877, Teil I S.347 und Teil III S.378 und Jg.12, 1880, S.418. | |
|
Kunstchronik Nr.22, 14.3.1878, Sp.354. Zitat ebda Nr.1/2, 24.10.1878, Sp.20f. | |
|
Deutsche Bauzeitung Jg.16, 1882, S.99f. | |
|
Deutsche Bauzeitung, Jg.51, 1917, S.167. | |
|
Architektonisches Skizzenbuch, 197, 1886, Heft 2, Bl.2, Fassadenansicht von der Charlottenstrasse. | |
|
Deutsche Bauzeitung Jg.20, 1886, S.64-67, S.64. - Zitat aus Berlin und seine Bauten, Bd.III, Berlin 1896, S.4. | |
|
u.a. Villa Caro in Gleiwitz, Villa Krienitz in Halberstadt und Villa Meinert in Dessau. | |
|
Deutsche Bauzeitung Jg.15, 1881, S.185f. | |
|
Stefan Muthesius, Das englische Vorbild, (Studien zur Kunst des 19.Jahrhunderts, Bd 26), München 1974, S.94 u. 104. - vgl. auch Villa Georg Meyer, Berlin-Wannsee, in: Berliner Architekturwelt Jg.3, 1901, S.430. | |
|
Abb. der Villa Dohme bei Oliver Sander, Der Architekt Ernst Eberhard von Ihne (1848-1917), in: Geschichte im Wuppertal, Jg.6 (1997), S.81-93, hier S.88 und Helmut Engel, Berlin auf dem Weg in die Moderne, Berlin 1997, S.120. | |
|
Deutsche Bauzeitung Jg.25, 1891, S.287. - Berliner Adreß-Buch, Jg.24, 1892, S.802. | |
|
Deutscher Reichs-Anzeiger und Königlich Preußischer Staatsanzeiger Nr.134, 24.5.1888, S.1. | |
|
Thieme, Becker, Vollmer, Lexikon, S.556. Fast wörtlich übernommen von Reuther, Ihne, S.128. |
© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
|
DiML DTD Version 2.0 |
Zertifizierter Dokumentenserver der Humboldt-Universität zu Berlin |
HTML - Version erstellt am: Mon May 15 16:39:10 2000 |