Sander, Oliver: Die Universität und die Berliner Mitte im späten Kaiserreich. Königliche Bibliothek, Poliklinisches Institut für innere Medizin und der Standort Kastanienwäldchen

Kapitel 4. Planungen für die Friedrich-Wilhelms-Universität

Nicht nur die Königliche Bibliothek, sondern auch die 1810 gegründete, benachbarte Friedrich-Wilhelms-Universität hatte im Laufe der Jahrzehnte zunehmend mit Platzproblemen zu kämpfen, die nicht zuletzt durch den Anstieg der Studentenzahlen bedingt waren. So stieg die Zahl der immatrikulierten Studenten vom Sommersemester 1890 zum SS 1900 von 4551 auf 4890 und vom Wintersemester 1890/91 zum WS 1900/01von 5331 auf 6321.<59> Um die Jahrhundertwende wurden konkrete Erweiterungspläne, u.a. für eine zumindest teilweise Bebauung des sogenannten Kastanienwäldchens ausgearbeitet, die die Zustimmung des Kultusministeriums fanden. Die Pläne wurden im Wintersemester 1900/01 aber sowohl vom Finanzministerium, als auch vom Kaiser abgelehnt: ”Sr. Majestät wollten das Kastanienwäldchen unversehrt erhalten u. lehnten deshalb die Vorlage ab; der Hr. Finanzminister schreckte vor den hohen Kosten des Neubaus zurück u. wollte den Bedürfnissen der Universität auf eine minder kostspielige Weise entgegenkommen.“<60> Statt dessen schlug letztere die Zwischennutzung von Räumen der neuen Königlichen Bibliothek vor, da diese noch auf viele Jahre leer stehen würden.

”Unter solchen Umständen nahm der Unterzeichnete [Harnack] die Gelegenheit wahr, als er am 10. April [1901] von Seiner Majestät zur Tafel geladen war, denselben in ausführlicher Darlegung die Angelegenheit vorzutragen und Seine Majestät zu bitten, den Befehl zu geben, daß (1) das Akademieviertel wo möglich im vollen Umfang der Königliche Bibliothek überwiesen werde, (2) einen Neubau, also ein zweites Universitätsgebäude, für die Bedürfnisse der Universität zu errichten [...] Seine Majestät billigten die Darlegungen nicht nur im Allgemeinen, sondern sprachen sich lebhaft und in gnädigster Weise für dieselben aus, bestätigten, daß das Kastanienwäldchen unantastbar sei und erkundigten sich sofort, wohin denn der Universitätsneubau zu stellen wäre. Der Unterzeichnete machte auf die hinter dem Kastanienwäldchen gelegenen Grundstücke der Dorotheenstraße aufmerksam, und auch dieser Hinweis fand die volle Billigung Seiner Majestät. Als ich mich später von Seiner Majestät verabschiedete, rief er mir die freundlichen Worte zu: ,Harnack, an ihren Bau werde ich denken.’“<61>

Harnack war nicht nur seinerzeit Rektor der Universität, sondern auch Geschäftsführer und Referent des vom Akademischen Senat auf der Sitzung vom 26. Juni 1901 eingesetzten Bauausschusses.<62> Harnack informierte den Kultusminister und traf sich dann mit Ihne, weil er gehört hatte, daß der Kaiser Ihne den Neubau der Königlichen Bibliothek übertragen hatte.

”Zu meiner großen Freude ergab sich, daß Herr Geheimrat Ihne ebenfalls den Plan des Finanzministeriums für verkehrt u. unausführbar erklärte [...]. Was den Universitätsneubau betrifft, so war Herr Ihne der Ansicht, Majestät werde vielleicht doch die Bebauung des Theiles des Kastanienwäldchens zulassen, der jetzt botanischer Garten ist, und er hatte bereits eine flüchtige Bebauungsskizze entworfen. Ich theilte ihm mit, daß die Universität im Nothfalle natürlich bereit sein werde, diese Baustelle zu acceptieren, daß sie aber in erster Linie darauf bedacht sein müsse, neues Terrain zu gewinnen, und ersuchte ihn in diesem Sinn seinen Einfluß geltend zu machen. Zugleich legte ich ihm den Plan vor, den Universitätsneubau nach Dorotheenstr.4, 5, 6, zu verlegen und der Universitätsstraße bis zur Georgenstraße durchzuführen. Er versprach mir seine freundliche Mitwirkung.“<63>

In dem Fall der Einflußnahme auf den Kaiser über seinen Vertrauten und Berater Ihne suchte Harnack die Bauprojekte für die Universität voranzutreiben, deren Umsetzung dann von Ihne als Architekten geradezu zwangsläufig hätten realisiert werden müssen.

”Der glückliche Zufall wollte es nun, daß Seine Majestät am 3. Mai Abends unvermuthet auf eine Soirée des Herrn Reichskanzlers erschien, zu welcher sowohl Herr Hofrath Ihne als der Unterzeichnete geladen waren. Als Seine Majestät uns sahen, befahl er uns beide zu sich, sprach das ganze Projekt nach allen Seiten eingehend durch, freute sich, daß Ihne und ich ganz einig waren, und schloß mit der Bemerkung: ,Wenn ich von meiner Reise zurückgekehrt sein werde, werde ich den Kultusminister und Sie beide zu mir rufen, und es soll dann Alles Punkt für Punkt fertig gemacht werden.’ Auch von dieser Unterredung mit Seiner Majestät setzte ich das Kultusministerium schriftlich in Kenntnis, und dieses begann nun die von Seiner Majestät angekündigte generelle und maßgebende Besprechung vorzubereiten. Die Sachlage erheischte ein doppeltes, (1) den definitiven Plan für die Neubauten aufzustellen - es kamen daher die Königliche Bibliothek, die Universität, die Akademie der Wissenschaften, die Akademie der Künste, die Ausstellungsräume, die Universitätsbibliothek, des Marinemuseum, die Kommode in Betracht, (2) sich der Mitwirkung des Finanzministers zu versichern, bez. ihn für die neuen Pläne zu gewinnen. Da Seine Majestät, von kurzen Reisen zurückgekehrt, den Vortrag bald möglichst wünschte, so mußte vom 28. Mai an in fieberhafter Eile gearbeitet werden. Projekt für Projekt wurde aufgegriffen und durchgeprobt; [...] Auch über die Grundstücke, die für den Univ.Neubau anzukaufen seien, war ein Zweifel möglich. Aus manchen Gründen schien sich der Häuserblock zwischen Dorotheen-, Georgen-, Universitätsstraße und Universitätsbibliothek mehr zu empfehlen, als der um Dorotheenstr.5 gelegene. Eingezogene Erkundigungen über die Käuflichkeit u. den Preis der Grundstücke ergaben hier ein sehr günstiges Resultat, und der Platz ist größer als der um Dorotheenstr.5. Aber schließlich hielt man doch an letzterem fest, (1) weil er unmittelbar hinter dem Wäldchen liegt, (2) weil er eine längere Front nach der Dorotheenstr. hat, (3) weil er in späteren Jahren durch weitere Ankäufe von Gebäuden, die der Krone gehöre, vergrößert werden kann, (4) weil die Verbindung der Univ.straße auf der westlichen Seite vorgenommen werden wird, dort also 10 x 91 qm verlorengehen würden. Nach täglichen Berathungen in den Tagen vor dem 7. Juni entschied sich das Kultusministerium für folgendes Projekt: (1) Auf das Akademie Viertel nur den Neubau für die Königliche Bibliothek und die Räume für die Akademie der Wissenschaften zu stellen, (2) Einen Universitätsneubau auf dem Block um Dorotheenstr.5 zu errichten (Kosten für den Erwerb des Grundstücks ca. 2.650.000 M., Bau ca. 2.000.000 M.), (3) Für die Akademie der Künste u. die Ausstellungsräume, [...] den Ankauf des Redernschen Palais in Vorschlag zu bringen u. dort die nöthigen Bauten zu errichten (Kosten ca. 5 Millionen). Über diesen Plänen, die dem Finanzminister 10 Millionen Mehrkosten gegenüber dem Plan welcher der Finanzminister selbst ausgearbeitet war, zumuteten, wurde nun am 7. und 8. Juni verhandelt, und zwar an jenem Tage in mehrstündiger Sitzung, an der der Herr Kultusminister, der Herr Finanzminister, die Herren Wever, Althoff, Naumann, Schmidt, Ihne und der Unterzeichnete theilnahmen, an diesem Tage ebenfalls in mehrstündiger Sitzung, an der sich dieselben Herrn, aber ohne den Herrn Kultusminister, jedoch mit dem Herrn Geheimrat Germar betheiligten. Über den Verlauf dieser Sitzungen Mittheilung zu machen bin ich nicht befugt. Nur soviel aber darf ich sagen, daß die ernsten Bedenken, die seitens des Herrn Finanzminister geäußert wurden doch die verständnisvolle Würdigung der Bedürfnisse von Kunst und Wissenschaft niemals schmälerten, und diese daher dem Herrn Finanzminister sowohl wie Herrn Geheimrath Germar zu bleibendem Danke verpflichtet sind. Der wärmste Dank aber gehört dem Herrn Ministerialdirektor Althoff, der nicht nur in unermüdlicher Thätigkeit Alles Nöthige vollständig u. eindrucksvoll vorbereitet hatte, sondern die Pläne auch im Verein mit Herrn Geheimrath Ihne mit siegreicher Kunst vertrat. Aber ein Neues und Überraschendes trat in der Sitzung vom 7. Juni hervor. Der Kultusminister mußte erkennen, daß ohne ein gewisses Äquivalent der Finanzminister für die erweiterten Pläne nicht zu gewinnen sein werde und daß auch der Landtag ohne ein solches Schwierigkeiten machen könne, da ihm früher gesagt worden war, beide Akademien und das Ausstellungsgebäude würden auf dem Akademieviertel Platz finden. Das gesuchte Äquivalent wurde in der Universitätsbibliothek gefunden. Da der Finanzminister in der That mit dem Hinweis recht hatte, es werde hier eine Bibliothek für einen Bücherbestand von 3 ½ Millionen Bänden gebaut, während nur ½ Million zur Zeit vorhanden sei, also sehr viel Raum verfügbar bleibe, so mußte ihm der Vorschlag gemacht werden, die Universitätsbibliothek in die Räume aufzunehmen und so ihr Grundstück dem Staate zur Verfügung zu stellen. Der Vorschlag einmal gemacht, wurde vom Hrn. Finanzminister als conditio sine qua non für alle weiteren Verhandlungen erklärt. Die Kommode und das Grundstück der Univ. Bibliothek müssen dem Staate in Reserve überlassen werden. Ich hatte von dem Vorschlag nicht früher gehört als eben am 7. Juni. Ich hielt ihn und halte ihn nicht für wünschenswerth, aber für unumgänglich. Auf denselben Tage, an welchem die Rücksprache erfolgt war (9. Juni) hat Nachmittags 2 ½ Uhr der Vortrag vor Sr. Majestät stattgefunden. Befohlen waren der Herr Kultusminister, der Herr Finanzminister, der Geheimrath Ihne und der Unterzeichnete; der Herr Geheime Kabinettschef v. Lucanus war bei dem Vortrage zugegen. Es muß genügen zu bemerken, (1) daß jeder der vier betheiligten Herren ausführlich zu Wort gekommen ist, (2) daß der Herr Finanzminister nicht nur keinen Widerspruch erhoben hat, sondern grundsätzlich [...] für den Plan aussprach, jedoch Seine Majestät bestimmen wollte, z.Z. noch in keiner Weise eine Entscheidung zu treffen, (3) daß der Herr Kultusminister um die grundsätzliche Zustimmung Seiner Majestät zu dem Plane bat und denselben erhalten hat, (4) daß Seine Majestät am Schluß seine Freude darüber ausgesprochen hat, daß die betheiligten Herren sämtlich einer Meinung seien und daß der Herr Finanzminister dagegen keinen Widerspruch erhoben hat. Somit haben Seine Majestät in gnädiger Würdigung der Bedürfnisse des vom Herrn Kultusminister vorgelegten Plan in allen Theilen die Zustimmung gegeben, und es hängt - vorbehaltlich der Ausführung im Einzelnen - die Durchführung des Plans lediglich vom Landtag ab. Der Zustimmung desselben glaubt Herr Ministerialdirektor Althoff sicher zu sein, da der Landtag stets der Meinung gewesen sei, in das Akademieviertel möglichst nur die Bibliothek zu verlegen und da ja der Staat das Universitätsbibliotheksgebäude zur freien Verfügung erhalte, welches den Ankauf des Redernschen Palais einigermaßen aufwiege. [...].“

Ein Jahr später griff Ihne diese Ideen in einem Vortrag bei dem Kaiser in Homburg wieder auf. Der ebenfalls anwesende Kultusminister Studt war sichtlich überrascht, wie seinem Bericht an seinen Kollegen vom Ministerium der öffentlichen Arbeiten zu entnehmen ist:

”Der p. Ihne hatte zugleich - auf welche Anordnung hin ist mir unbekannt - bei dieser Gelegenheit auch die vorläufigen Pläne für den Bau des zweiten Universitätsgebäudes in der Dorotheenstraße für einen weiteren Vortrag bereit gestellt, der sich unmittelbar an den ersteren Vortrag anschloß. Seine Majestät haben auch diese Pläne beifällig gebilligt und gleichzeitig in Aussicht gestellt, daß der p. Ihne mit der Ausarbeitung der Projekte und Anschläge, sowie mit der Bauausführung seiner Zeit beauftragt werden solle.“<64>

Tatsächlich wurde das Haus Dorotheenstraße 6 angekauft und die benachbarte Nr.5 in den Jahren 1905/6 in ein Hörsaal- und Seminargebäude umgebaut. Damit hatte Ihne aber nichts mehr zu tun, verantwortlich waren der Wirkliche Geheime Oberbaurat Georg Thür und der Baurat Max Guth.<65> Und erst ab 1912 wurden großzügige Universitätserweiterungen nach Planungen des Stadtbaurats Ludwig Hoffmann realisiert, nicht zuletzt aufgrund der reichlich unbescheidenen Raumforderungen des Archäologieprofessors Georg Loeschke.<66> Hoffmann baute zwei Flügel an das Hauptgebäude und plante zudem eine schöne Verbindung zwischen dem Hegelplatz und dem von Messel und ihm gebauten Pergamonmuseum.<67> Damit hatte Ihne zum ersten Mal gegen Hoffmann den Kürzeren gezogen, wie später auch bei der ungleich prestigeträchtigeren Planungen der neuen Kaiser-Oper.

4.1. Poliklinisches Institut für innere Medizin

Ihne plante aber noch mehr. So fertigte er wiederum auf direkten Befehl des Kaisers, Fassadenentwürfe für den geplanten Neubau eines großen Polikliniken Instituts für innere Medizin auf dem sogenannten Speichergrundstück an der Spree, zwischen Ziegel- und Monbijoustraße.

Abbildung 23, Geplant: Lageplan der Grundstücke Ziegelstrasse 18-19, Okt. 1902.

Abbildung 24, Gebaut: Lageplan von Baurat Bürde und Regierungsbaumeister Gerhardt, Jan. 1906.

Auf einem Teil dieses Grundstücks sollte überdies ein von dem türkischen Sultan gespendetes ”Hamidié-Krankenhaus“ im orientalischen Stil entstehen. Doch verhinderten offenbar beständige Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Sultan und den verschiedenen, z.T. sogar nach Berlin gereisten Architekten über die Gestaltung des Gebäudes dessen Realisierung.<68> Das Poliklinische Institut für innere Medizin war aus dem bereits 1810 von Hufeland geschaffenen Poliklinikum der Universität hervorgegangen und 1897 provisorisch in Mieträumen in der Luisenstraße 18 untergebracht.<69> Erste Versuchsskizzen für den Neubau waren bereits 1898 angefertigt worden, vier Jahre später lieferte die Ministerialbaukommission konkrete Entwürfe:

”Nachdem Sr. Majestät der Kaiser in jüngster Zeit den bestimmten Willen ausgesprochen hat, das dem Andenken Kaiser Friedrichs gewidmete Museum in einer seiner Bedeutung würdigen Weise innen und außen ausgestattet zu sehen, und die dazu erforderlichen Mehrkosten beantragt wissen will, erschien es geboten, das dem Museum gegenüberliegende Gebäude der Poliklinik in seinem Äußeren auch so auszugestalten, daß das ganze architektonische Gesamtbild des Museums der Brücke und der Klinik, einen harmonischen würdigen Eindruck mache und nicht in einer den Absichten Sr. Majestät widersprechenden Weise durch ein nicht dazu passendes Äußeres der Poliklinik gestört werde.“<70>

Da eine dementsprechend reich ornamentierte und gegliederte Fassade aber gegen die Zweckbestimmung des Gebäudes verstoßen würde, sollte durch die Wahl eines monumentalen und dauerhaften Materials für die früher in Putzbau beabsichtigten Fassaden der gewünschten Eindruck erzielt werden. Für Süd-, Ost- und Nordfront mit einer Gesamtlänge von rund 100 m Gesamtlänge wurde demzufolge eine Sandsteinfassade entworfen, während die Westfront größtenteils durch das geplante türkische Krankenhaus verdeckt werden sollte und somit nur in Putz geplant wurde.

Abbildung 25, Ostansicht, Jan. 1906.

Abbildung 26, Schnitt und Westansicht.

Abbildung 27, Grundriß des Erdgeschosses.

Abbildung 28, Grundriß des 2.Obergeschosses.

Abbildung 29, Grundriß des 3 Obergeschoß.

Die Kosten waren auf gut 670.000 Mark geschätzt worden, womit sich die Summe gegenüber dem ursprünglichen Anschlag bereits um 80.000 Mark vergrößert hatte. Die Mehrkosten waren bedingt durch die zentrale Lage und ”die Nähe des Monumentalbaus des Kaiser Friedrich-Museums“, wodurch ”eine Sandsteinverblendung nicht wird entbehrt werden können.“<71> Damit war der Finanzminister durchaus nicht einverstanden. Denn daß

”eine solche Änderung des Projekts notwendig oder auch nur erwünscht gemacht werde, davon vermag ich mich umsoweniger zu überzeugen, als eine vollständige Übereinstimmung mit der Architektur des Museums weder angängig noch erreichbar und auch im Uebrigen bei den öffentlichen Gebäude der allernächsten Umgebung wie z.B. bei den umfangreichen militärfiskalischen Bauten an der anderen Seite des Flussufers nicht durchgeführt ist, ohne das durch den Wechsel der Stilformen der Gesamteindruck ungünstig beeinflußt erscheint.“ <72>

Der Kultusminister sollte mit der Bauverwaltung nochmals sorgfältig Einsparungsmöglichkeiten prüfen; falls seine Bedenken keine Berücksichtigung finden würden, so würde er zwar voraussichtlich keine weitere Einwendungen gegen die Ausführung bei der gegenwärtigen Lage der Sache erheben, aber nur unter der Voraussetzung, daß die Kostenüberschreitung nicht mehr als 50.000 Mark betragen würde. Dem Kultusminister war die Fassadengestaltung eigentlich egal, wichtig war ihm nur, daß schnell gebaut würde. Schließlich waren im Januar 1903 die Arbeiten für die künstliche Fundierung des Baus vollendet und auch die Betonbankette bereits ausgeführt.<73> Weitere Verzögerungen standen seit Anfang 1903 durch die Absicht, eine Poliklinik für Lungenleidende in einem Stockwerk des Neubaus unterzubringen, zu befürchten; dies wurde vom Finanzministerium unter der Maßgabe gebilligt, daß dem Staat keine weiteren Kosten entstünden.<74> Der Kultusministerium hatte nun dem Kaiser Vortrag über das Bauprojekt zu halten und dabei auch die Baupläne vorzulegen. Der Kaiser erklärte sich mit den Vorschlägen einverstanden, wie der Minister seinem Kollegen mitteilte: ”Seine Majestät haben den für die Ausführung des Baues ausgearbeiteten Entwurf genehmigt, insbesondere Sich auch mit der für die Süd-Ost und Nordfront des Gebäudes vorgesehenen Sandsteinverblendung einverstanden erklärt“ und er habe auch die ”sehr erhebliche Überschreitung des Voranschlags“ erwähnt.<75> In dem schon vorher schriftlich gestellten Immediatantrag hatte der Kultusminister extra noch einmal auf die stilistische Nähe zu den Monumentalbauten der Umgebung hingewiesen: ”Im übrigen lehnt sich die Architektur in einer der Bestimmung des Baues als Krankenhaus entsprechenden Vereinfachung an die unter Eurer Majestät Regierung hier in Berlin ausgeführten Bauten des Marstalles und des Kaiser-Friedrich-Museums an.“<76> Dies zeigt zum einen, daß Ihne tatsächlich ”Schule machte“ und zum anderen präjudizierte der Kultusminister gleichsam die Beteiligung des Hofarchitekten mit dieser Bemerkung. Auf Intervention des Kaisers wurde Ihne auch umgehend aufgefordert, Fassadenentwürfe zu liefern.<77> Ihne hatte diesen Fassadenentwurf Anfang Juni fertig und der Kaiser begutachtete ihn am 15. Juni 1903. Die diesbezüglichen Pläne wurden Ihne ”zur gefälligen weiteren Veranlassung ergebenst“ zugestellt.<78> Weiter veranlaßt hat Ihne dann aber offenbar nichts, jedenfalls wurde der Bau schließlich von den zuständigen Ministerialbaubeamten ausgeführt und im August 1905 in Betrieb genommen. Der quadratische, dreiachsige Hörsaalbau mit dem Wäschereigebäude und dem Inspektorenwohnhaus an der Ecke Monbijou-Ziegelstraße wurde schon Ende der zwanziger Jahre für den Neubau der Frauenklinik abgerissen.

Abbildung 30, Westansicht des Wäschereigebäudes und Südansicht des Wäscherei- und Inspektorenwohngebäudes, Jan. 1906, Aufrisse..

Abbildung 31, Ansicht von der Monbijoubrücke, 1928.

Heute beherbergt das sanierte Haus, dem allerdings die Zwiebelhaube abhanden gekommen ist, das Charitéinstitut für Biochemie und das Max-Planck-Institut für Biochemie.


Fußnoten:

<59>

Friedrich Lenz, Statistik der Universität, S.497f., in: Max Lenz, Geschichte der Königlichen Friedrichs-Wilhelm-Universität, Bd 3, Halle 1910. - HU-Archiv, Universitätskurator, Nr.463 Statistische Erhebungen an der Uni Berlin, Juli 1885-Mai 1900 und Nr.464, Sept. 1900-Sept. 1927. - Klaus-Dietrich Gandert, Vom Prinzenpalais zur Humbolduniversität, Berlin 1985, S.86.

<60>

Denkschrift für den akademischen Senat betr. den Universitäts-Neubau, 11.6.1901, Staatsbibliothek PK, Nachlaß Harnack, Kasten 13, S.1ff. (Aufgrund der anschaulichen und sehr präzisen Darstellung des Ablaufs und der z.T. informellen Verfahrensweise, die sich ansonsten nicht in Akten findet, wird diese Denkschrift fast vollständig wiedergegeben. Abkürzungen in dieser Denkschrift werden ohne Anzeige aufgelöst, die Orthographie leicht reguliert).

<61>

Denkschrift Harnack vom 11.6.1901, S.2f.

<62>

Uni (Harnack) an KuMin, 27.6.1901, GStA PK, I.HA Rep.76 Va, Sekt.2, Tit.XIX, Nr.5, Bd 18, Bauten und Reparaturen an den Universitätsgebäuden nebst Zubehör in Berlin und Anschaffung der Utensilien, Okt. 1894-Dez. 1905, Bl.142.

<63>

Denkschrift Harnack vom 11.6.1901, S.3f.

<64>

KuMin an MinöA vom 27.8.1902, GStA PK, I.HA, Rep.93 B Ministerium der öffentlichen Arbeiten, Nr.2312, Bl.187. Auch diese Pläne sind nicht mehr auffindbar.

<65>

Gandert, Prinzenpalais, 1985, S.86. - Das neue Hörsaalgebäude für die Universität Berlin auf dem Grundstück Dorotheenstraße 5, in: Zentralblatt der Bauverwaltung, 27, 1907, S.666f.

<66>

Andreas Vuckovic, Vom Anatomischen Theater zur Quadrige, in: Berliner Morgenpost, 17.7.1998, S.32.

<67>

Wolfgang Schäche, Ludwig Hoffmann, in: Ribbe / Schäche, Baumeister, 1987, S.290f. - Gandert, Prinzenpalais, 1985, S.87f.

<68>

Projektbeschreibung im Immediatbericht v. 14.10.1902, GStA PK, I.HA, Rep.89 Geheimes Zivilkabinett, Nr.21513, Bl.18ff.

<69>

H[ermann] Senator, Das Poliklinische Institut für innere Medizin, in: Max Lenz, Geschichte der Königlichen Friedrichs-Wilhelm-Universität, Bd 3, Halle 1910, S.62-65, hier S.62.

<70>

MinBauKom an KuMin, 8.8.1902, GStA PK, I.HA Rep.76 Va Kultusministerium, Sekt.2, Tit.XIX, Nr.70, Neubau einer dritten medizinischen Klinik bei der Universität Berlin, Bd 1 1897-1903.

<71>

Schr. v. 25.9.1902, GStA PK, I.HA, Rep.76 Va Sekt.2, Tit.XIX, Nr.70, Bd 1.

<72>

FinMin an KuMin, 12.12.1902, ebd.

<73>

KuMin an MinöA, 14.1.1903, ebd. - Baugrunduntersuchung und Bohrlöcher für den Neubau des poliklinischen Instituts für innere Medicin der Universität Berlin, 1902, Landesarchiv Berlin, Pr.Br.Rep.42, 202, Bl.1-4.

<74>

KuMin an FinMin, 23.2.1903 FinMin an KUmin, 8.4.1903, GStA PK, I.HA Rep.76 Va, Sekt.2, Tit.XIX, Nr.70, Bd 1.

<75>

KuMin an FinMin, 20.6.1903, GStA PK, I.HA Rep.76 Va, Sekt.2, Tit.XIX, Nr.70, Bd 1.

<76>

Immediatbericht des Ku.Min., 17.4.1903, GStA PK, I.HA, Rep.89, Nr.21513, Bl.24ff..

<77>

Zivilkabinett [=ZK] an Ihne, 21.4.1903, GStA PK, I.HA, Rep.89, Nr.21513, Bl.27.

<78>

Ihne an ZK, 13.6.1903 und ZK an Ihne, 15.6.1903, GStA PK, I.HA, Rep.89, Nr.21513, Bl.30-33.


[Titelseite] [1] [2] [3] [4] [5] [6]

© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.

DiML DTD Version 2.0
Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML - Version erstellt am:
Mon May 15 16:39:10 2000