| Sander, Oliver: Die Universität und die Berliner Mitte im späten Kaiserreich. Königliche Bibliothek, Poliklinisches Institut für innere Medizin und der Standort Kastanienwäldchen |
Das Wirken Ernst von Ihnes im Rahmen der Baugeschichte der heutigen Humboldt-Universität zu Berlin ist eigentlich nur eine Marginalie. Unbekannt ist dieses Wirken nicht zuletzt aufgrund der vernichteten Zeichnungen und Pläne von v. Ihne. Aber auch diese Planungen sind Bestandteil von Ideen des letzten Kaisers und fügen sich so in den Zusammenhang der Umgestaltung seiner Residenz zur machtvollen und repräsentativen Hauptstadt seines Kaiserreichs. Für diese Bauten hatte Wilhelm II. gewisse stilistische Präferenzen, die ihn seinen Hofarchitekten Ihne als zweiten Schlüter betrachten ließen - auch wenn sie doch eigentlich eher renaissancistisch denn Barock waren. Die Planungsgeschichte für die Universitätsprojekte beleuchtet zudem die Praxis der Auftragsvergabe für architektonische Projekte im Umfeld des kaiserlichen Hofes und die Interdependenz zwischen Künstlern, Wissenschaftlern und der Hofgesellschaft im späten Kaiserreich. Persönliche Kontakte, gerade zum Kaiser, waren nicht unbedingt unerläßlich, halfen aber durchaus. Ein Garant für die Realisierung wünschenswerter oder gewünschter Projekte waren diese allerhöchsten Kontakte nicht, wie Ihne auch anhand der Planungen für die Universität schmerzlich erfahren mußte. Denn selbst sein bemerkenswert langdauerndes und gutes Verhältnis zu Wilhelm dem Plötzlichen war nicht frei von Schwankungen. Und gerade die nicht realisierten Planungen im Umfeld der Universität lassen - neben den finanziellen Aspekten - auf ein zwischenzeitliche Trübung des guten Einvernehmens zwischen beiden schließen. Denn wenn der Kaiser ein Bauvorhaben unbedingt durch Ihne realisiert sehen wollte, dann nahm er auch Widerstände der Ministerialbürokratie oder der Architektenschaft in Kauf. Andererseits hatte diese Ministerialbürokratie ein durchaus entwickeltes Selbstbewußtsein, das als richtig erkannte Ideen auch gegen die Meinung des Kaisers zu realisieren suchte. Und Ihne hatte in dieser Bürokratie keinen Rückhalt, hatte er doch seine Karriere abseits des Staatsdienstes als Privatarchitekt begonnen. Das Leben Ernst Eberhard von Ihnes begann im Jahr der bürgerlichen Revolution von 1848 und endete im Jahr der russischen Oktoberrevolution 1917. Das sind freilich seine einzigen, zudem unbeabsichtigten Berührungspunkte zu Revolutionen. Er war kein Revolutionär, kein wegweisend Moderner, weder architektonisch noch politisch. Das ist aus dem ersichtlich, was er baute, in welcher Form und für wen. Der Reiz neuer Bautypen wie der des Geschäftshauses (wenn man einmal vom Haus Schwartz absieht), der Verkehrsbauten (Ausnahme: Kaiserbahnhof in Potsdam) oder des Industriebaus (Ausnahme: Kraftstation für Siemens & Halske) beschäftigte ihn kaum und entsprach auch nicht seinem gesellschaftlichen Selbstverständnis als kaiserlicher Hofarchitekt. Trotzdem: So durchgängig kühl, schematisch, wilhelminisch-monumental wie oft vereinfachend behauptet wurde, ist sein Werk nicht. Gerade in der Anfangszeit seines Schaffens hat er vielfach als erster neue Stilformen umgesetzt, so bei der Einrichtung des Café Keck oder bei den Bauten im englischen Landhausstil. Zudem beherrschte Ihne aufgrund seines fleißigen historischen Studiums eine breite Palette von Stilen und Formen. Das mündete zwar bisweilen in den so oft und zum Teil auch zurecht gescholtenen ,kühlen Eklektizismus, aber Ihne konnte mehr, wenn man ihn denn ließ. Und dann fand er durchaus auch zu eigenständigen Leistungen, wie der Potsdamer Kaiserbahnhof, die beispiellosen Institute für die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in Berlin-Dahlem und sogar die Königliche Bibliothek Unter den Linden zeigen.
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HTML - Version erstellt am: Mon May 15 16:39:10 2000 |