| Schmalfuß, Anja: Tradition und Fortschritt - die Königlich-Landwirtschaftliche Hochschule |
Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts ließ sich in Berlin eine Gründungswelle staatlicher Institutionen für wissenschaftliche Aufgaben beobachten<3>, mit dem Zweck, Forschungsergebnisse für den preußischen Staat und dessen Industrialisierung bereitzustellen. 1879 wurde die Königlich-Technische Universität in Charlottenburg, die heutige TU Berlin, gegründet und auch für die Friedrich-Wilhelms-Universität stiegen die staatlichen Zuschüsse von 1,8 Mio. Mark im Jahre 1881/82 auf 3,4 Mio. Mark für 1907/08<4>. Mit dieser Förderung wurden der Ausbau und die Erweiterung der Universität, sowie deren innere Ausdifferenzierung möglich; eine Entwicklung, die sich in den zahlreichen Neugründungen von Instituten und Seminaren spiegelte. Während der Amtszeit von Friedrich Althoff als Universitätsreferent (1882 bis 1907) kamen zu den 38 Einrichtungen 43 vor allem medizinische und naturwissenschaftliche Institute hinzu, die sich allmählich aus dem Verbund der philosophischen Fakultät lösten<5>.
Auch die rationelle und systematische Landwirtschaftslehre, begründet durch Albrecht Daniel Thaer (1752-1828)<6> war unter besonderen Schutz gestellt, da sich König Friedrich Wilhelm III. für die Erweiterung und Verbesserung der Landwirtschaft und für die Verbreitung landwirtschaftlicher Kenntnisse zum Besten des öffentlichen Dienstes viel Ersprießliches versprach<7>. Verwirklicht wurde dieser Gedanke Mitte der 1860er Jahre, als der neue Minister für Landwirtschaft Graf von Itzenplitz ein landwirtschaftliches Institut errichten ließ, welches dem Landwirtschaftsministerium unterstand und an die Universität angebunden war. Diese Lehranstalt fristete ein recht bescheidenes Dasein im ersten Stock eines Privathauses in der Behrenstraße 28, später in der Dorotheenstraße 38/39.
Desweiteren rückte mit dem Ende der Pariser Weltausstellung 1867 ein landwirtschaftliches Museum ins Blickfeld. Der Grundstock für eine solche Sammlung wurde auf dieser Ausstellung gekauft und ebenfalls in einem Privathaus am Schöneberger Ufer 26, bzw. ab 1875 im früheren Ministerialgebäude Schützenstraße 26 untergebracht.
1867 nahm das Abgeordnetenhaus die Resolution an, die kgl. Staatsregierung zu ersuchen, auf Acquisition eines Grundstückes Bedacht zu nehmen, das sich für die Gründung eines [...] landwirtschaftlichen Museums eignet, und das zugleich die Räumlichkeiten bietet, dem hiesigen landwirtschaftlichen Lehrinstitut eine den Lehrzwecken entsprechende Organisation zu geben.<8>
Der Königliche Baurat August Tiede leitete von 1876 bis 1880 gemeinsam mit Hermann von Nathusius und Dr. Hugo Thiel den Bau des Hauptgebäudes. 1881 schließlich wurde das Landwirtschaftliche Museum mit dem landwirtschaftlichen Institut vereinigt und trug mittels allerhöchster Ordre Seiner Majestät des Kaisers und Königs Wilhelm I den Namen Landwirtschaftliche Hochschule<9>.
In der ersten Bauphase wurden der dreigeschossige Kubusbau an der Invalidenstraße und kleinere, nördlich angefügte Ergänzungsbauten verwirklicht. Obwohl das Hauptgebäude eindeutig im Zentrum des zeitgenössischen Interesses und der Gestaltungsabsichten stand, sind die Nebengebäude geschickt integriert und modern ausgestattet. Sie wurden zum Grundstein und Wegweiser für spätere Expansionen.
An das Hauptgebäude fügt sich im Nordosten der zweistöckige Flügelbau des chemischen Instituts, das sogenannte Hintergebäude an. Der Durchgang erfolgt entweder über den dazwischen geschobenen Hörsaal oder über einen eigenen Eingang an der Hofseite. Während sich die großen Arbeitsräume im östlichen Teil über beide Stockwerke erstrecken und so hervorragend über Oberlichter erhellt werden, befinden sich in den beiden Stockwerken jenseits des Korridors kleinere Parzellen<10>. Diese beiden Gebäude beherbergen die drei Stamminstitute, nämlich die Landwirtschaft, die Allgemeine Botanik und die Chemie, die später durch die Institute der Systematischen Botanik, der Tierzucht und Betriebslehre, der Mineralogie, der Zoologie und der Tier- und Pflanzenphysiologie ergänzt wurden. Neben verschieden Sammlungen befinden sich hier recht beengte Versuchs- und Unterrichtsräume, vier Hörsäle und Labore wissenschaftlich verwandter, aber finanziell und rechtlich unabhängiger Institutionen, wie der Verband deutscher Müller und das Laboratorium des Vereins für Rübenzuckerindustrie.
Abbildung 3, Ost-West-Schnitt durch das Hintergebäude

Abbildung 4, Chemisches Labor mit Oberlicht im Hintergebäude, Aufnahme von 1906

Die Hochschule entwickelte sich in rasantem Tempo weiter und versechsfachte ihre Studentenzahlen, begleitet von einem stetigen Ausbau zwischen 1881 und 1905. Ihr Erfolg beruhte im wesentlichen auf der Kombination aus praxisorientierter Lehr- und Forschungstätigkeit in naturwissenschaftlichen und produktionstechnischen Fächern. Die Landwirtschaftliche Hochschule bemühte sich hierbei ganz besonders um die Integration landwirtschaftlicher Hilfswissenschaften unter Einbeziehung landwirtschaftsrelevanter Forschung anderer Disziplinen, wie z.B. der Chemie und der Physik.
1882 wurde ein Nebengebäude für das Laboratorium für Gärungsgewerbe und Stärkefabrikation gebaut, in welches 1897 das Tierphysiologische Institut einzog und 1892 wurde in der nordöstlichsten Ecke des Grundstückes ein Barackenauditorium angefügt. 1892 wurden über dem nordöstlichen und 1895 über dem nordwestlichen Eckrisalit des Hauptgebäudes Meßtürme mit Rundblick über die Stadt errichtet, die mit modernsten Meßgeräten für die Geodätische Abteilung ausgestattet waren. Im Jahre 1900 wurde das Dachgeschoß an der Süd-, West- und Ostseite ausgebaut und in ein drittes Vollgeschoß umgewandelt, welches Zeichensäle mit Oberlicht und Lagerräume für die Bibliothek zur Verfügung stellte.
Abbildung 5, Innenansicht eines Risalitturmes, Geodätische Abteilung, Aufnahme von 1906

Seit 1897 unterschied man außerdem eine landwirtschaftliche und landwirtschaftlich-technische Abteilung und wiederholt wurden auch einmonatige Unterrichtskurse für praktische, nicht immatrikulierte Landwirte angeboten, die gemeinsam mit Preisaufgabenstellungen eine Verbindung und Einbeziehung von Praktikern in den Hochschulbetrieb sicherten. Mit dem Fortschritt der Hochschule trugen die Neugründungen immer technischeren Charakter, wie z.B. Kulturtechnik (1883), Brauereitechnik (1889), Maschinen-Versuchs- und Prüfstation (1901), Institut für Zuckerindustrie (1904) usw. Hierfür wurden Anbauten auf angrenzendem Terrain notwendig.
Abbildung 6, Querschnitt Erweiterungsbau mit Maschinenhalle und Treppenturm

Abbildung 7, Heutige Ansicht des Erweiterungsbaus von Nord-West: Reste des Treppenturmes und Glasdach des Lichthofes

1901 und 1902 wurden die Grundstücke der Chausseestraße 100 und 101 angekauft, auf deren vereinigten Hintergrundstücken der Königliche Baurat Kern in den Jahren von 1903 bis 1905 einen vierstöckigen Erweiterungsbau errichtete. Dieses rot-weiße Ziegelgebäude besitzt einen als Maschinenhalle genutzten Lichthof und schließt sich mit seiner Westseite an die Nordostecke des chemischen Instituts an. Es wurde in den Obergeschossen ausschließlich von den Instituten genutzt, das Erdgeschoß war der Maschinenpräsentation und -wartung vorbehalten.
Abbildung 8, Grundrisse von Hintergebäude und Erweiterungsbau, Erdgeschoß

Abbildung 9, und erstes Obergeschoß

Besonders markant für dieses Gebäude ist der weithin sichtbare Treppenturm mit seinem steilen Ziegeldach, welches sich über einem massiv überwölbten, farbig gestalteten Treppenhaus erhebt. Über dieses erreicht man den auch als Galerie nutzbaren Verbindungskorridor zum Hörsaal des Hintergebäudes.
Abbildung 10, Innenansicht Treppenhaus, 1906

Abbildung 11, Innenansicht Treppenhaus heute

Auf dem 1905 angekauften Hinterland der Chausseestraße 97 plante Landesinspektor Gerhardt einen dreiteiligen Nordtrakt, von dem aber nur zwei Bauabschnitte realisiert wurden. 1906/07 entstand ein Gebäude bestehend aus einem Nordsüdflügel mit Zwerchgiebel und Erker in historisierenden Formen an der Westfront und drei angrenzenden Seitenflügeln im Osten, die zwei Innenhöfe einschließen und neue Räumlichkeiten für das tierphysiologische und das physikalische Institut, sowie Versuchsställe und Meßstationen bereitstellten.
Abbildung 12, Grundriß Nordtrakt, 1. Obergeschoß

Abbildung 13, Ost-West-Schnitt durch das Hörsaalgebäude des Nordtraktes

Während man an diesem Bau sparsam mit finanziellen Mitteln und Baumaterialien umgegangen war, konnten die Fassaden des sich im Westen anschließenden Hörsaalgebäudes, dem zweiten Bauabschnitt, aufwendiger gestaltet werden. Es wurden dafür Haustein aus Ettringer Tuff, Alt-Warthauer Sandstein und Muschelkalk benutzt, in welche landwirtschaftliche Motive eingehauen wurden.
Abbildung 14, Südfassade des Hörsaaltraktes, 1906

Abbildung 15, Fassade des Warenhaus Wertheim, Potsdamer Platz

Die Fassade erinnert mit ihren vertikal strebenden, vorspringenden Pfeilern und den schmalen feingliedrigen Fenstern an den zeitgenössischen Berliner Warenhausbau-Stil, wie z.B. Alfred Messels Fassade am Warenhaus Wertheim von der Voßstraße aus gesehen, Bauteil 1900-02. Beim Nordtrakt der Königlich-Landwirtschaftlichen Hochschule befinden sich hinter der den Fensterflächen viel Platz einräumenden Fassade zwei platz- und sichtoptimierend übereinander angeordnete große Hörsäle mit hölzerner Verkleidung. Sie sind über ein großzügig angelegtes und ebenfalls mit landwirtschaftlichen Motiven fast verspielt verziertes Treppenhaus zu erreichen. Zusammen mit der ornamentalen Treppe östlich der zentralen Durchfahrt stellt dieses den repräsentativen Höhepunkt der Erweiterungsbauten dar.
Abbildung 16, Innenansicht großes Treppenhaus Insekten und Pflanzen

Abbildung 17, Detail am Kapitell eines Pfeilers Reptilien,

Abbildung 18, Innenansicht Hörsaal

Abbildung 19, Innenansicht kleines Treppenhaus

Die Hochschule ist somit von drei Straßen aus zugänglich: von der Invalidenstraße, der Chausseestraße und der Kesselstraße und besitzt neben Ausstellungs- und Lehrräumen im Hauptgebäude, moderne Laboratorien und Institutsräume, sowie Versuchsställe und repräsentative, geräumige Hörsäle. Während ursprünglich mehr Räumlichkeiten für die Sammlungen als für das Lehrinstitut vorgesehen waren, dehnten sich während der Bauausführung die Lehrräume auf Kosten der Sammlungsräume aus. Da das verfügbare Terrain voll ausgeschöpft war, waren weitere Expansionen nur durch Auslagerungen der Institute, wie z.B. ab 1919 nach Dahlem, möglich.
| Fußnoten: | |
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1872 Statistisches Reichsamt, 1876 Reichsgesundheitsamt, 1877 Reichspatentamt, 1887 Physikalisch Technische Reichsanstalt | |
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Humboldt Universität zu Berlin. Überblick 1810-1985, H. Klein (Hg.), Berlin 1985, S.38. | |
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Max Lenz betonte, daß kaum einer der Neuberufenen ... noch nach Berlin [kam], ohne ein Institut für sich zu fordern und es sogleich oder ein wenig später zu erhalten (Ders., Geschichte der Friedrich Wilhelm Universität, Halle 1918). | |
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Thaer hatte 1804 die erste private Lehranstalt auf seinem Gut Möglin im Oderbruch gegründet, welches 1810 der Berliner Universität angegliedert wurde und den Namen Königliche Akademie des Landbaues trug. 1861 wurde das Institut geschlossen. | |
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Die Königliche Landwirtschaftliche Hochschule zu Berlin. Festschrift zur Feier des 25jährigen Bestehens, hg. unter Leitung von Prof. L. Wittmack, Berlin 1906, S. 6. | |
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Zit. nach: Berliner Forschung und Lehre in den Landwirtschaftswisssenschaften. Festschrift zur 75-Jahr-Feier der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät der Humboldt Universität und zur Erinnerung an die Gründung der landwirtschftlichen Akademie in Möglin durch Albrecht D. Thaer im Jahre 1806, Berlin 1956, S. 13. | |
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Festschrift zum 25jährigen Bestehen 1906, S.15. | |
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Das Hintergebäude wurde aufgrund der Kriegszerstörungen abgerissen und in den 1970er Jahren durch einen Plattenbau ersetzt. |
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