Schmalfuß, Anja: Tradition und Fortschritt - die Königlich-Landwirtschaftliche Hochschule

Kapitel 4. Anspruch und Wirkung: Eine Wissenschaftsstadt vor dem Neuen Tor

Die Gebäude der Landwirtschaftlichen Hochschule stellen gemeinsam mit dem Ensemble auf dem Gelände der ehemaligen Königlichen Eisengießerei das Selbstverständnis der Naturwissenschaft und des industriellen und maschinellen Fortschrittes dar. Mit dem Vierflügelbau, der Ehrentreppe und den genannten Verweisen auf deutsche und italienische Architekturgeschichte präsentiert sich die Landwirtschaftslehre in einem der Tradition bewußten, jedoch dem Fortschritt offenen Äußeren und Inneren. Das bewirken vor allem die technische Ausstattung, wie sie anhand der Maschinenhallen und Forschungseinrichtung exemplarisch dargestellt wurde und die architektonischen Konstruktionen der Lichthöfe, gußeisernen Treppen und der Hörsäle. Das architektonische Ineinandergreifen der Strukturen von Museum und Lehr- und Forschungsinstitution reflektiert die Zusammenhänge zwischen Industrie, Öffentlichkeit und Wissenschaft.

Hinter den in den öffentlichen Stadtraum hineinragenden Kopfbauten des ursprünglichen Dreierensembles hat sich innerhalb von dreißig Jahren eine Anlage von landwirtschaftlichen Bauten entwickelt, die einem vielseitigen und differenzierten zeitgenössischen Forschungsstandort entspricht. Sie ist von allen Seiten des Stadtraumes zugänglich und hat verschiedene Einflüsse erfahren: Der Schwerpunkt der Einrichtung verlagerte sich vom museumsdominierten Bau zum technisch orientierten Institut. Die architektonische Gestalt des Gebäudes wird durch die Symbiose von konservativem Äußeren und modernem Inneren charakterisiert. Dieser Position zwischen Tradition und Fortschritt stellt jedoch keinen Bruch in der Planung, sondern vielmehr die Eigenheit des Gebäudes dar.

Die Anlage der Landwirtschaftlichen Hochschule erfüllt, was das Ensemble mit seiner schloßartigen Dreiflügeligkeit und der verstellten, aber angedeuteten Sicht auf die Querbauten des Naturkundemuseums von der Straße aus suggeriert: die weitere, nach hinten verlaufende Ausdehnung der Anlage, die zwar nicht vom bunten und vitalen Treiben des Hof- und Wirtschaftslebens bestimmt wird, aber eine kleine, gewachsene Wissenschaftsstadt beherbergt.

Abbildung 36, Die Königlich-Landwirtschaftliche Hochschule zu Berlin, Süd-West-Sicht vom Platz vor dem Neuen Tor, Deckblatt einer hausinternen Informationsbroschüre, 1881

Abbildung 37, Titelblatt der Festschrift der Königlich- Landwirtschaftlichen Hochschule, 1906


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Thu May 18 13:53:43 2000