Soika, Aya: Das Kunsthistorische Institut die ehemalige Universitätsbibliothek)

Kapitel 1. Einleitung

Es ist kaum bekannt, daß das Gebäude des Kunsthistorischen Seminars in der Dorotheenstraße 28 ursprünglich die Berliner Universitätsbibliothek beherbergte.<1> Der schlichte Backsteinbau des Architekten Paul Emanuel Spieker, dessen Planung bereits zwei Jahre vor der Reichsgründung erfolgte, jedoch erst zwischen 1871 und 1874 ausgeführt wurde, tradiert das Erbe der zurückhaltenden, strengen Formensprache Schinkels in das dritte Viertel des 19. Jahrhunderts hinein. Das Baumaterial Backstein, sowie die Kombination von funktionaler Rasterfassade und der darüberliegenden repräsentativen Rundbogengalerie, sind charakteristisch für zahlreiche öffentliche Nutzbauten der Gründerjahre, die bis heute das Berliner Stadtbild prägen. Erst zur Jahrhundertwende hin wich die für den Bau von Schulen, Kasernen oder Universitätsgebäuden beliebte Backsteinarchitektur einem vom wilhelminischen Repräsentationsbedürfnis geprägten Wunsch nach mehr Monumentalität. Das 1904 von Cremer und Wolffenstein als Handelskammer errichtete Nachbargebäude, in dem sich heute das Rechenzentrum befindet, veranschaulicht diese Entwicklung.<2>

Bisher ist dem Gebäude der ehemaligen Universitätsbibliothek wenig Aufmerksamkeit gewidmet worden, so daß eine ausführliche architekturhistorische Bearbeitung auch weiterhin noch aussteht. 1993 wurde von Christiane Oehmig und Volker Hübner im Auftrag der Bauabteilung der Humboldt Universität eine nach bautechnischen Gesichtspunkten ausgerichtete Bestandsaufnahme erstellt. Die von Anna Jacobsen 1996 an der Technischen Universität im Fachbereich Architektur eingereichte Diplomarbeit über das Gebäude konzentriert sich auf architektonische Problemstellungen und beinhaltet unter anderem eine ausführliche Analyse der Statik und Eisenkonstruktion. Als Teil des kunsthistorischen Projekt ‘Architektur und Sammlungen der Humboldt-Universität’ liegt der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit vor allem auf der Geschichte und Beschreibung des Gebäudes. Einleitend wird die Entstehungs- und Nutzungsgeschichte skizziert, der Hauptteil beschäftigt sich mit der Außen- und Innenarchitektur. Dabei wird die Beschreibung der Außenfassade dem Kapitel über die Innenarchitektur nachgestellt, so daß unmittelbar von der Betrachtung und Bewertung der Fassade der Bogen zur Berliner Backsteinarchitektur und zu Vergleichsbeispielen gespannt werden kann, die das Bibliotheksgebäude in seinen architekturhistorischen Zusammenhang eingliedern sollen.

Die Geschichte der Berliner Universitätsbibliothek

1.1. Die ersten Jahrzehnte nach der Gründung (1831-1868)

Die Gründung der Berliner Universitätsbibliothek erfolgte 1831 als Reaktion auf die mangelhafte Ausstattung der Königlichen Bibliothek am Opernplatz, die nach der Universitätsgründung im Jahre 1810 den neuen Anforderungen, die sich durch das rasante Wachstum der Studentenzahl stellten, nicht mehr gerecht wurde.<3> Die ca. 1700 Bände der neu gegründeten Bibliothek waren in den ersten Jahren im Doublettenzimmer im Obergeschoß der Königlichen Bibliothek untergebracht, doch führte die Bereicherung durch Nachlässe und Pflichtexemplare schon bald zur Überfüllung der Räume. Mit sechs Leseplätzen und zwei wöchentlichen Öffnungstagen bot die Universitätsbibliothek zudem ausgesprochen schlechte Nutzungsbedingungen.<4> Zwei Umzüge, 1839 in den Adlerschen Saal Unter den Linden 76 und 1854 in die Taubenstraße 29, änderten nichts an der provisorischen Raumsituation. Eine zusätzliche Erschwernis war der geringe Etat der Universitätsbibliothek, der sich aus den Überschüssen der von den Studenten zu leistenden Gebühren für die Heizung und Beleuchtung der Auditorien, dem sogenannten ”Holz- und Lichtgeld“, bestand.<5>

1.2. Schinkels Entwurf von 1835

Um die Bücherbestände der Universitätsbibliothek sachgerecht unterbringen zu können, waren bereits 1835 Planungen für einen Neubau entstanden. Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) war vom Kultusminister mit dem Vorhaben beauftragt worden, hinter dem Hauptgebäude der Universität einen Bibliotheks-Neubau zu entwerfen. Er plante ein freihstehendes, dreigeschossiges Gebäude mit unverputzten Backsteinwänden und einer straffen, vertikalen Gliederung in neunzehn, beziehungsweise elf Achsen.

Abbildung 2, Karl Friedrich Schinkel, Entwurf zu einem neuen Bibliotheksgebäude, 1835

Schinkels Entwurf zeichnet sich als erstes Berliner Bibliotheksprojekt des 19. Jahrhunderts durch einen schlichten Nutzbau aus, ”worin mancherlei ganz neues Prinzip verfolgt werden muß“.<6> Das Ziegelmaterial und die strenge blockhafte Gliederung führten zu einer modernen, sachlichen Architektursprache von ”höchster Einfachheit“ so daß Schinkel den Bau, der den Wissenschaften dienen sollte und sich völlig vom barocken Stil der alten Hofbibliothek (der sogenannten ”Kommode“) gelöst hatte, ”nicht unter die Prachtgebäude der Stadt“ rechnen wollte.<7> Die Ausführung des ”rational durchdachten Büchersilos“ zwischen Akademie und Zeughaus scheiterte jedoch an Kostengründen.<8> Statt dessen entschloß sich Friedrich Wilhelm III. (1797-1840) zu einem Ausbau der alten Königlichen Bibliothek auf dem Opernplatz, in dem die Universitätsbibliothek bis 1839 untergebracht war.

Abbildung 3, Karl Friedrich Schinkel, Erster Entwurf für die Königliche Universitätsbibliothek im Garten der Universität, 1835, farbig lavierte Federzeichnung


Fußnoten:

<1>

Bis 1945 lautete die Anschrift Dorotheenstraße 9; als 1945 die Umbenennung in Clara Zetkin Straße erfolgte, wurde dem Gebäude die Hausnummer 28 zugeteilt. Im letzten Jahr erhielt die Dorotheenstraße 28 ihren historischen Namen zurück.

<2>

Vgl. Martin Wörner, Architekturführer Berlin, Berlin 1994, S. 29.

<3>

Die Königliche Bibliothek war in den Jahren 1775-80 von Georg Christian Unger (1743-1799) und Georg Friedrich Boumann (1747-1815) im Auftrag Friedrichs II. erbaut worden. Zur Architektur der Alten Bibliothek am Opernplatz (zeitweise Bebelplatz) siehe Wörner, Architekturführer 1994, S. 27.

<4>

Zur Gründungsgeschichte siehe Joachim Krueger, Die Universitätsbibliothek Berlin von ihrer Gründung bis zum Jahre 1945, Berlin 1981, S. 7ff.

<5>

Krueger, Universitätsbibliothek 1981, S. 9.

<6>

Brief Schinkels an Beuth vom 2.4.1839, in Paul Ortwin Rave, Schinkelwerk, Berlin III 1962, S. 24-37.

<7>

Tilmann Buddensieg, Berliner Labyrinth, Berlin 1993, S. .49ff

<8>

Manfred Klinkott, Die Backsteinbaukunst der Berliner Schule. Von Schinkel bis zum Ausgang des Jahrhunderts, Berlin 1988, S. 68.


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