| Soika, Aya: Das Kunsthistorische Institut die ehemalige Universitätsbibliothek) |
Um nicht nur den funktionalen, sondern auch den repräsentativen Bedürfnissen eines Bibliotheksbaus nachzukommen, erhielten das Treppenhaus und der Lesesaal eine besondere künstlerische Ausgestaltung.
Einen Höhepunkt stellt dabei das gußeiserne Treppenhaus dar. Das Material ermöglichte eine filigrane Konstruktion, so daß der Betrachter schon beim Eintritt einen freien Blick durch den Raum erhielt. Aufgrund seiner Ecklage im Vorderflügel ist es nur durch Oberlicht und elektrische, historisierende Wandlampen beleuchtet. Die sechs Treppenläufe führen an drei Wänden entlang, in den Ecken befinden sich Viertelspodeste.<24> Die Laufunterseiten sind nicht verkleidet, so daß die Konstruktion des Eisengerüstes und die Stufenunterseiten sichtbar bleiben. Schlanke, kannellierte Säulen mit korinthischen Kapitellen stützen den Aufbau. Das aus Eisen gearbeitete Geländer trägt einen hölzernen Handlauf. Es besteht aus senkrechten Stäben, deren Mittelstücke sich nach beiden Seiten in Form von Akanthusranken ausrollen und die Zwischenräume füllen, die nach oben und unten durch gedoppelte Querstäbe eingegrenzt werden. Selbst die durchbrochenen, gußeisernen Stufenwangen sind mit Ornamenten gestaltet. Die Treppenanlage bedient sich in ihren schmückenden Details, den Rankenornamenten, korinthischen Säulen und Pinienzapfen der Pfosten, einer antikisierenden Formensprache, die das moderne Material des Gußeisens künstlerisch aufwertet. Der Anonymität der maschinellen Massenware wird mit den feinen Schmuckformen der äußere Schein des Handwerklichen und Individuellen entgegengehalten, die fortschrittliche Technik wird durch ihre Ästhetisierung legitimiert.
Das Offenlegen der Konstruktion und die Überdachung des Treppenhauses durch ein verglastes Eisenviereck, durch das das Tageslicht in den hohen Raum strömen kann, stellt die technischen Neuerungen vor. Die bewußte Inszenierung der konstruktiven Möglichkeiten, anschaulich gemacht durch die kunstvoll durchbrochenen Stufenwangen, die schlanken Säulen, die unverkleideten Treppenunterseiten oder die filigrane Oberlicht-Konstruktion beweist, daß die bisher notwendigen, statischen Erfordernisse für den Eisenbau nicht mehr relevant sind.
Das erste gußeiserne Treppenhaus Berlins hatte Schinkel bei einem Umbau des Palais des Prinzen Karls in den Jahren 1826-1828 errichtet. Er war vermutlich durch die Eisenkonstruktionen von Treppen, Brücken und Gebäuden in England, die dort bereits im 18. Jahrhundert verwendet wurden, angeregt worden.<25>In Berlins Umgebung hatten sich um die Jahrhundertmitte zahlreiche Eisenhütten angesiedelt, die die Großstadt mit dem neuen Wekstoff belieferten. Kataloge der Gießereien belegen den Konfektionscharakter der Treppen- und Brückengeländer, der Zäune, Säulen und Kandelaber, die in verschiedenen Modellen bestellt werden konnten. Die Treppe der Universitätsbibliothek stammt aus der Eisengießerei Wilhelm-Hütte bei Seesen im Harz.<26>
Abbildung 6, Die Treppe im heutigen Kunsthistorischen Institut, Aufnahme von 1996

An den oberen Wänden des Treppenhauses befand sich ein Gemäldezyklus, der die Lehr- und Kulturstätten der Menschheit durch Gruppen berühmter Persönlichkeiten schilderte. Die auf Goldgrund gemalten, monumentalen Friesgemälde mit einer Größe von 6,30 und 1,50 Metern waren im Auftrag der Staatsregierung vom Historienmaler Otto Knille in der Zeit von 1875-85 für das Treppenhaus angefertigt worden. Durch die großformatigen Historienbilder sollten die fensterlosen Wandflächen gleichmäßig und inhaltsreich gestaltet und das viel begangene Treppenhaus trotz seiner ungünstigen Ecklage als repräsentatives Forum gekennzeichnet werden.
Der erste Fries stellte die körperliche und geistige Jugenderziehung in Athen dar. Während in der linken Bildhälfte Übungen im Ringkampf und Diskuswerfen in der Palästra dargestellt waren, sah man rechts, wie Philosophen und Rhetoren, unter ihnen Aristoteles und Platon, miteinander diskutierten. Auf dem zweiten Fries war die Blütezeit der Scholastik mit einem Disput vor König Ludwig XII. an der Sorbonne dargestellt. Der dritte Fries zeigte das Wirken der Humanisten und Reformatoren in Wittenberg mit Martin Luther im Zentrum, der vierte behandelte die Neuzeit mit Goethe und seinem Kreis in Weimar.<27>
Die Rekonstruktion der Geschichte, beginnend mit einer idealisierten Antike, dem Bild eines scholastisch geprägten Mittelalters und fortsetzend mit der deutschen Reformation und Goethes Zeitalter, scheint für das nationale Kulturbewußtsein des Bildungsbürgertums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts charakteristisch zu sein.<28> Das Treppenhaus übernahm mit dem Gemäldezyklus die Funktion öffentlicher Belehrung, indem es auf den universalen, geistigen Anspruch des Gebäudes als Stätte, die bis in die Antike historisch verankert war und die Künste und Wissenschaften tradierte, verwies. Gemäldezyklen wie dieser, die sich meist nicht durch besondere künstlerische Originalität, sondern eher durch einen im Detail realistischen, im Gesamtentwurf theatralisch wirkenden Stil auszeichneten, wurden besonders in den Jahrzehnten nach der Reichsgründung in großer Zahl an öffentlichen Orten angebracht. Die große Beliebtheit und Anerkennung solcher Historienbilder seitens der Mitglieder der Königlichen Akademie der Künste und der Regierung beweist die Auszeichnung der Friese auf der Berliner Jubiläums-Kunstausstellung 1886 mit einer goldenen Medaille. Die griechische Jugenderziehung in Athen war sogar auf der Pariser Weltausstellung zu sehen. Schließlich wurde vom zuständigen Minister verfügt, die Bilder an die Berliner Nationalgalerie zu übergeben, so daß sich die Bibliothek schon 1888 mit schwarz-grauen Kopien in Grisaille begnügen mußte.<29>
Der Schöpfer der Friesgemäle, Otto Knille (1832-1898), war 1865 nach Berlin gekommen, nachdem er bei Hildebrandt und Schadow in Düsseldorf, sowie dem französischen Historienmaler Thomas Couture in Paris ausgebildet worden war und einige Jahre in München und Italien verbracht hatte.
Zum Einzug der deutschen Truppen am 16. Juni 1871 anläßlich ihres Triumphes über Frankreich gestaltete Knille zusammen mit Anton von Werner und anderen Historienmalern der Berliner Kunstakademie für die Via Triumphalis fünf riesige, über die volle Breite der Straße Unter den Linden gespannte Monumentalgemälde, die nach Art der damals beliebten Historienbilder die ganze glorreiche Geschichte der Deutschen in überwiegend symbolischer Form darstellten.<30>
1885 wurde Professor Knille zum Vorsteher eines Meisterateliers für Geschichtsmalerei an der Akademie ernannt und publizierte eigene theoretische Abhandlungen, die Grübeleien eines Malers über seine Kunst (1887) und ein Werk mit dem Titel Wollen und Können in der Malerei (1897), in dem er gegen die damals moderne Kunstrichtung wetterte. <31>Knilles konservative Kunstauffassung manifestieren sich auf diese Weise nicht nur in seinen Bildern, sondern auch in seinen schriftlichen Äußerungen.
Im Obergeschoß befand sich hinter der Rundbogengalerie der Lesesaal, der 72 Arbeitsplätze bereithielt. Gegenüber der Bogenzwickel der Fenster wurden 1885 in den sechs Lünetten der Langwand je zwei Medaillons mit Porträts berühmter Gelehrter angebracht, die nach Kartons des Porträtmalers Ludwig Burger (1825-1884) für das Gebäude angefertigt wurden. Mit der anwachsenden Bautätigkeit in Berlin erhielt Burger zahlreiche Aufträge für Wand- und Deckengemälde, unter anderem für die Lesehalle des Roten Rathauses, die Kriegsakademie und die Ruhmeshalle im Zeughaus.<32> Durch das Einziehen einer Zwischendecke im Jahre 1985 konnte zwar eine niedrige, vierte Etage geschaffen werden, doch wurde damit gleichzeitig das Herz des Gebäudes, der repräsentative, sieben Meter hohe Lesesaal mit seiner umlaufenden Galerie und einer reichen Innenausstattung zu einem gewöhnlichen Raum zurechtgestutzt. Die ursprüngliche architektonische Konzeption läßt sich nur noch erahnen, wenn man sich über die eingebaute Hintertreppe in den oberen Teil des Geschosses begibt, in dem die abgeschnittenen Rundbogenfenster und die Kreuzgewölbe in den niedrigen Büros auf die Einheit der beiden Etagen hinweisen.
Abbildung 7, Der Lesesaal der Universitätsbibliothek in der Dorotheenstraße im Jahre 1901

| Fußnoten: | |
|---|---|
|
Die Fachterminologie entstammt dem Glossarium Artis, Fasz. 5, Treppen und Rampen, Tübingen 1973. | |
|
Besonders die Treppenkonstruktionen von Robert Adams (1728-92) und William Kent in London sollen Schinkel zu seiner Planung angeregt haben (vgl. Wolfgang Illert, Das Treppenhaus im deutschen Klassizmus, Worms 1988). | |
|
Berlin und seine Bauten, 1, 1876, S. 148f. | |
|
Zum Bildprogramm siehe Donop, Knilles Gemälde in der Universitäts-Bibliothek, in: Der Kunstfreund, 1, 1885, S. 101f. und den Aufsatz: Über die Bilder für die Berliner Universitäts Bibliothek, in: Deutsches Kunstblatt, 2, 1883, S. 70. | |
|
Vgl. dazu Wolfgang Mommsens Ausführungen zu Bildprogrammen auf Monumentalgemälden des 19. Jahrhunderts (Wolfgang Mommsen, Bürgerliche Kultur und künstlerische Avantgarde. Kultur und Politik im deutschen Kaiserreich. 1870-1918, Frankfurt a. M. 1994, S. 35ff. | |
|
Von den Originalen befanden sich im Jahre 1910 zwei im Berliner Kultusministerium, eines im Gebäude des Evangelischen Oberkirchenrates und eines im Römermuseum, Hildesheim. Ob die Gemälde heute noch vorhanden sind, ist nicht bekannt (vgl. Friese, Geschichte 1910, S. 9). | |
|
Mommsen, Bürgerliche Kultur 1994, S. 27. | |
|
Felix Thieme und Ulrich Becker, Allgemeines Lexikon der Bildenden Künste. Von der Antike bis zur Gegenwart, Leipzig 1927, Bd. 20. | |
|
Ebd., 1911, Bd. 5. |
© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
|
DiML DTD Version 2.0 |
Zertifizierter Dokumentenserver der Humboldt-Universität zu Berlin |
HTML - Version erstellt am: Tue Mar 7 14:07:46 2000 |