| Soika, Aya: Das Kunsthistorische Institut die ehemalige Universitätsbibliothek) |
Spieker benutzt den Backstein nicht nur zum Aufmauern des Gebäudes, um das Fugennetz, wie im 17. und 18. Jahrhundert üblich, anschließend mit einer Putzfassade zu verkleiden, sondern er beläßt die Außenfassade in dem gleichen Material, einem dunkelgelben Klinker.
Mit einer derartigen Verwendung des Backsteins folgten die Berliner Architekten, die meisten von ihnen Absolventen der Bauakadernie, dem Vorbild der Schinkelschen Rohbauten, durch die der Backstein in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu neuem Ansehen gelangte und vom Makel der Ärmlichkeit befreit worden war.<45> Auf seinen Reisen nach England und Oberitalien war Karl Friedrich Schinkel von der dortigen Ziegelarchitektur angeregt worden und führte den Berlinern an Bauwerken wie der Friedrich-Werderschen Kirche (1824-30), dem Feilnerschen Wohnhaus (1828) und besonders der Bauakademie (1831-36) den ungewohnten Reiz der roten Ziegelfassaden vor Augen.<46> Schinkels wichtigstes Argument für den unverputzten Rohbau war die mit der Materialwahl verbundene Ehrlichkeit, die er der Praxis des Putzbaus gegenüberstellte.
Beim Backsteinbau blieb auch nach außen hin sichtbar, aus welchem Material das Gebäude bestand. Die fehlende Verblendung erzwang eine saubere Mauerung und verlangte große Exaktheit bei der handwerklichen Ausführung.<47> Darüber hinaus galt Backstein als preiswertes, witterungsbeständiges und vor allem einheimisches Material, das Assoziationen an die norddeutsche Backsteingotik weckte und mit dem aufkommenden Nationalbewußtsein zu Beginn des 19. Jahrhunderts den importierten Baustoffen vorgezogen wurde.
Bald war die Formstein- und Terrakottaproduktion in der Lage, neben den Ziegeln alle möglichen Dekorationsteile zu liefern, die zusammengesetzt oder als in sich geschlossene Einheiten für das Maßsystem der Ziegelwände zugeschnitten waren. Die aus vorgefertigten Formen hergestellten Kapitelle, Konsolen und Deckplatten der Bibliothek wurden von der Firma Villeroy & Boch aus Mettlach im Rheinland angefertigt, der dunkelgelbe Backstein stammt aus der Tonwarenfabrik Stange bei Bitterfeld. In der Massenproduktion der Bauteile, die innerhalb kurzer Zeit auf Bestellung geliefert werden konnten, zeigte sich die Industrialisierung des Baugewerbes, die seit den dreißiger Jahren auch in Preußen voranschritt.<48>
Je nach Nutzung waren die Backsteinbauten, die ab den vierziger Jahren in großer Zahl in Berlin entstanden, schmucklos und schlicht gestaltet oder mit Ornamenten aus Terrakotta verziert. Spiekers Bibliotheksgebäude nimmt eine Zwischenstellung zwischen den puristischen Zweckbauten, in denen Gemeindeschulen, Fabriken, Krankenhäuser oder Kasernen untergebracht waren und den reicher dekorierten Terrakottagebäuden, die Banken, Palais oder Museen beherbergten, ein.
Bei der Fassadengestaltung richtete sich Spieker nach Schinkels tektonischem Verteilungsmuster, das als oberen Abschluß des Hauses ein Kranzgesims vorsah und unterhalb der Fenster Brüstungstafeln einsetzte. Die plastischen Terrakotten bleiben klar abgrenzbare Zutaten zum großflächigen Rohbau, denen eine betonende und schmückende Rolle zukam. Durch die strikte Begrenzung der Ornamentzonen wird die Gefahr gebannt, daß das Gebäude kleinteilig und von Ornamenten überwuchert wird, wie es in der nachfolgenden Zeit oft festzustellen war.<49>
Sowohl die frühe Planung der Bibliothek, die noch vor die Zeit der Reichsgründung in das Jahr 1869 fällt, als auch die Architektur der strengen, klaren Formensprache legen die Vermutung nahe, daß es sich bei Spiekers Bibliothek um eines der ersten Gebäude in der Kette der zahlreichen, vergleichbaren Schulbauten im Berliner Stadtbild handelt.<50>Gestützt wird die Annahme durch den Bericht des Berliner Architekten-Vereins nach einer Begehung des Neubaus in der Deutschen Bauzeitung von 1874:
Noch wünschenswerter erscheint es uns, daß die durchdachte individuelle Behandlung, welche dem Ziegelrohbau in dieser Fassade unleugbar geworden ist, anregend wirken möge; es sind der Typen, an welche man sich in dieser Beziehung bisher zu Berlin gehalten hat, doch gar zu wenige gewesen.<51>
Tatsächlich scheinen die zahlreichen Berliner Schulbauten, die in den Gründerjahren entstehen, dem Vorbild der Universitätsbibliothek zu folgen. Nicht nur die schlichte, nüchteme Ausdrucksform wird aufgegriffen, auch der Fassadentypus der Bibliothek, der das Gebäude in einen funktionalen Unterbau und die repräsentative Rundbogengalerie unterteilt, ist in den siebziger und Achtziger Jahren an vielen Schulbauten Berlins wiederzufinden.
Aus der großen Zahl vergleichbarer Gebäude sollen hier nur das Lessing-Gymnasium an der Pankstraße (1884-87), die Charlotten-Töchter-Schule (1877-80) in der Steglitzer Straße in Tiergarten und die 1. Realschule in der Alexandrinenstraße in Kreuzberg (1878) als Beispiele genannt werden.<52> Stets kennzeichnet eine Rundbogengalerie das dritte Geschoß als den repräsentativen Gebäudeteil, hinter dessen Renaissance-Arkade sich die Aula als zentraler Versammlungsort befindet. Die beiden unteren Etagen sind wie an der Universitätsbibliothek durch Segmentbogenfester und einen zweckmäßigen, schlichten Fassadenaufbau gekennzeichnet. Die Dekorationsornamente werden bewußt als Fensterrahmungen, Gesimsbänder oder Konsolgesimse eingesetzt und sind sehr sparsam verteilt. Sie unterstützen immer auch die tektonischen Konstruktionsprinzipien im Sinne Schinkels und Böttichers Ästhetik. Wie die meisten der Berliner Schulgebäude des 19. Jahrhunderts stammen diese drei Bauten aus der Zeit nach der Reichsgründung 1871. Mit der Verbesserung der wirtschaftlichen Lage Preußens in den Gründerjahren ging eine Erweiterung des Bildungswesens und Bauwesens einher, letzteres betrug 40 % an den Gesamtinvestitionen des Staates. Nicht nur Bibliotheken, auch Schulen und
Universitätsbauten entstanden in großer Anzahl, um den neuen Anforderungen und dem Bevölkerungswachstum in Berlin gerecht zu werden. Die Charlotten-Töchter-Schule, das Lessing-Gymnasium und die 1. Realschule in der Alexandrinenstraße wurden von dem Architekten Hermann Blankenstein (1829-1910) entworfen, dessen Werk insgesamt 112 Berliner Schulbauten umfaßt, die alle innerhalb eines kurzen Zeitraums errichtet wurden.<53>
Die öffentlichen Nutzbauten grenzten sich auch in den Jahren nach der Reichsgründung von den mit zunehmender Beliebtheit entstehenden, prunkvoll gestalteten, wilhelminischen Repräsentationsbauten ab und waren bemüht, weiterhin an der Schule der Bauakadernie und dem Vorbild Schinkels festzuhalten. Zwar ist des öfteren eine detailliertere Ausfonnung der Ornamente und eine weniger gleichförtnige Reihung der Achsen festzustellen, doch bleiben auch die meisten späteren Schulbauten in ihrer Formensprache zurückhaltend.
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Zwei vergleichbare Berliner Schulbauten des Architekten Hermann Blankenstein Die Abbildung links zeigt die Charlotten-Töchter-Schule an der Steglitzer Straße (1877-80), rechts ist eine Aufnahme des Lessing-Gymnasiums an der Pankstraße (1884-87) zu sehen.
| Fußnoten: | |
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Klinkott, Backsteinbaukunst 1988, Kapitel 1: Karl Friedrich Schinkel und die Wiedergeburt der märkischen Backsteinarchitektur, S. 23ff. | |
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Jonas Geist, Die Bauakademie. Eine Vergegenwärtigung, Berlin 1995, S. 60-63. | |
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Christine Wolf, Schinkel und die Folgen. Backsteinbau und Terrakottabau, in: Daidalos, 34, 1992, S. 90-101. | |
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Klinkott, Backsteinbaukunst 1988, S. 302. | |
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Puristisch warnte der Berliner Architektenverein 1868, kurz vor der Planung der Universitätsbibliothek, in der Deutschen Bauzeitung: Wir sind der Überzeugung, daß die Möglichkeit, alle Formen des Hausteinbaues in fast beliebiger Größe aus gebranntem Ton herstellen zu können [...] für Architekten leider allzu verführerisch ist und der Entwicklung einer aus dem Charakter des Materials hergeleiteten wirklichen Backsteinarchitektur [...] eher hinderlich als förderlich war (Deutsche Bauzeitung, 2, 1868, S. 303). | |
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Wenn wir Spiekers Bibliothek eine Vorreiterrolle unter den Fassadentypen der Berliner Folgejahren zuweisen wollen, so muß seine Originalität sicher unter Miteinbeziehung der europäischen Bibliotheksbauten der Jahrhundertmitte, vor allem der Pariser Bibliotheken, relativiert werden. Der europäische Vergleich ist in dieser Arbeit unterblieben, um den Rahmen nicht zu sprengen. | |
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Deutsche Bauzeitung, 71, 1874, S. 287. | |
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Die genannten Schulbauten des Architekten Hermann Blankenstein werden bei Klinkott. ausführlich behandelt (Klinkott, Backsteinbaukunst 1988, S. 375ff). | |
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Ebd., S. 372f. |
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