cms-journal
Nr. 26
März 2005
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»Almost as soon as the ink is dry«

Für einen Penny ins Medienportal?

Christian Kassung | Institut für Kultur- und Kunstwissenschaften, Kulturwissenschaftliches Seminar
ckassung@culture.hu-berlin.de

Am 10. Januar 1840 wurde in England die Penny-Post eingeführt: Jede Briefsendung kostete fortan einen Penny, egal welchen Weg der Brief zurücklegen musste. Aber schon acht Jahre später berichtet der Spectator, »fate and scientific invention« hätten auch diese Revolution des englischen Postwesens längst überwunden. Gemeint war die Erfindung des Kopiertelegraphen, heute besser als Faxgerät bekannt. Fortan erreichte jedes Schriftstück nahezu augenblicklich seinen Empfänger, »almost as soon as the ink is dry with which it was penned«.

Gut 150 Jahre später fordern uns Apparate und Effekte dieser Entwicklung, die mit vernetzten Computern an ihr denkmögliches Ende gekommen zu sein scheint, noch immer heraus. Aufgrund der Medienkonvergenz, also dem Zusammenwachsen von Netzen und Übertragungswegen, von Diensten, Informationen und deren Erscheinungsformen, spielen weder Ort noch Zeit eine Rolle. Einmal digitalisiert, ist jede Information überall gleichzeitig verfügbar, womit der Penny zu einem echten Problem wird. Unter den Bedingungen des »almost as soon as the ink is dry« können digitalisierte Informationen überhaupt nur dann eine rezeptive Bedeutung haben, wenn sie entweder aktuell sind oder aber so alt, dass ihre Verfügbarkeit prinzipiell kritisch ist. Das Internet muss gleichzeitig schneller als die Erinnerung und langsamer als das Vergessen sein, sonst unterliegt es den medialen Bedingungen, die es selbst diktiert.

Was bedeutet dieses kritische Verhältnis von memoria und lethe für die Nutzung vernetzter Computer in Lehre und Forschung? Auch hier hilft ein Blick in die Kulturgeschichte der Übertragungstechniken und -apparate weiter. Die frühen Kopiertelegraphen funktionierten im wesentlichen als Einbahnstraße. Man wollte ein Schriftstück, eine Skizze oder eine Photographie irgendwohin übermitteln und tat dies dann auch. Beim Internet jedoch ist jeder Empfänger zugleich ein Sender, indem er sich diejenigen Informationen quasi selbst zuschickt, die er benötigt. An die Stelle des wohlgeordneten Diagramms alter Telegraphenlinien tritt eine hochkomplexe Netzstruktur, in der sich Knoten und Verbindungen nicht mehr unterscheiden lassen. Mit anderen Worten: Im Internet findet nur genau dann ein Übertragungsvorgang statt, wenn irgendwo Informationen gesucht werden, die irgendwo vorhanden sind. Rechnet man in diesen Befund den zuvor geschilderten, prekären Lebenszyklus digitaler Informationen ein, so steht der Betreiber eines Medienportals vor der paradoxen Aufgabe, Brötchen von gestern als die von heute an einen Kunden zu verschenken, der gar nicht weiß, ob er Hunger hat.

Das Medienportal des CMS hat diese Aufgabe gelöst. Mneme bietet einen zentralen Zugang, der allfällige Redundanz und Desorientierung in Aktualität, Zugriffspräzision und gestaffelte Nutzerhierarchie verwandelt. Das Kulturwissenschaftliche Seminar macht sich diese Eigenschaften in einem Projekt zur Geschichte der Bildtelegraphie zunutze. Neben einer Monographie soll diese Geschichte in einer interaktiven virtuellen und einer ›realen‹ Ausstellung dargestellt werden. Dabei kooperieren Wissenschaftler der Karlsuniversität Prag, der Universität Konstanz und der Humboldt-Universität zu Berlin, wobei zwangsläufig das Problem entsteht, das entstehende Medienarchiv verteilt aufzubauen, zu systematisieren und schließlich zu publizieren. Wurden beispielsweise die in Berlin vorhandenen Abbildungen des Improved Copying Telegraph von Alexander Bain (ca. 1843) zuerst eingescannt und gespeichert, mussten sodann Maschinenbaustudierende der FH Konstanz auf dieses Material zugreifen, um daraus ein virtuelles Modell des Apparates zu erstellen. In Prag schließlich werden diese Apparate zu interaktiven Objekten eines Multi-User-Virtual-Environment weiterverarbeitet. Für ein derartiges Projekt stellt das Medienportal den idealen workspace dar. Man erhält hier Internet für sehr viel mehr als einen Penny.

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Abb. 1: Forschungsprojekt Bildtelegraphie: Seitenansicht des Kopiertelegraphen (ca. 1843) von Alexander Bain.