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Nr. 27
August 2005
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Historische Literatur und Historisches Forum

Zwei elektronische Publikationsreihen von Clio-online

Daniel Burckhardt, Dr. Rüdiger Hohls | Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin
burckhardtd@geschichte.hu-berlin.de, hohlsr@geschichte.hu-berlin.de

Abstract

»Elektronisches Publizieren« ist ein ebenso populäres wie unscharfes Konzept.1 Fast jede wissenschaftliche Veröffentlichung wird mittlerweile am PC geschrieben und gesetzt. Längere Texte werden aber nur selten vollständig am Bildschirm gelesen. Elektronische Publikationen unterscheiden sich demnach weder in der Produktion noch in der Konsumtion grundlegend von herkömmlichen Veröffentlichungen. Es ist die Form der Distribution, die die Besonderheit einer elektronischen Publikation ausmacht.

Der Vertrieb in digitaler statt papiergebundener Form verändert auf fundamentale Weise die ökonomischen Bedingungen: Entfällt bei einem gedruckten Buch oder einer geisteswissenschaftlichen Zeitschrift ein Großteil des Endpreises auf Herstellung und Vertrieb eines Einzelexemplars, sinken diese Grenzkosten bei einer E-Publikation ohne materiellen Träger gegen Null. Der Aufwand konzentriert sich hier fast vollständig auf die Druckvorstufe und wird deshalb zu einer von der produzierten Auflage unabhängigen Konstante. Da diese Kosten in den Geisteswissenschaften im Gegensatz zu den teilweise sehr teuren elektronischen Publikationen aus dem STM-Bereich (Scientific, Technical, Medical) kaum über den Verkauf refinanziert werden können, kann ein geschichtswissenschaftliches Projekt wie Clio-online nur bei hohen Eigenleistungen der Herausgeber und einem durch organisatorische und technische Optimierungen maximal verschlankten Produktionsprozess erwarten, langfristig in diesem Bereich tätig zu sein.

Nicht zuletzt ist Open Access, also die Forderung nach uneingeschränktem Zugriff auf die elektronisch publizierten Texte, vor diesem Hintergrund weniger eine ideologische Doktrin, sondern die logische Konsequenz aus dieser besonderen Kosten- und Refinanzierungsstruktur sowie dem Wunsch der Autoren und Herausgeber nach einer maximalen Beachtung ihrer Werke. Einige Rahmenbedingungen begünstigen den Umstieg nachhaltig: Geisteswissenschaftler erhalten für ihre Beiträge in Fachzeitschriften oder Sammelwerken selten oder nie ein Honorar, allenfalls können sie mit einem Freiexemplar des Sammelbandes und einigen Sonderdrucken ihres Artikels rechnen. Open Access und elektronisches Publizieren kommen daher den an wissenschaftlicher Aufmerksamkeit interessierten Autoren entgegen, da die freie Verfügbarkeit womöglich größere Beachtung verspricht und Artikel beschleunigt sowie unter Optimierung der persönlichen Kosten veröffentlicht werden.

Dennoch sollen hier auch die bestehenden retardierenden Momente, Widerstände und Barrieren gegen das elektronische Publizieren nicht ausgeblendet werden. Geisteswissenschaftler agieren auch beim Publizieren mit längerfristigen Zeitmodellen, weshalb sie sensitiv auf die Flüchtigkeit von Veröffentlichungen im Internet reagieren: Websites werden geändert oder gelöscht, Beiträge ergänzt, verändert oder gar gestrichen. Damit sind einige Grundregeln des wissenschaftlichen Publizierens, wie Unveränderbarkeit, Dauerhaftigkeit, Paginierung und Zitierfähigkeit der Dokumente, nicht hinreichend erfüllt. Elektronische Publikationen werden deshalb auch von vielen Fachhistorikern nach wie vor als eine renommeearme Spielart der »Grauen Literatur« wahrgenommen.2

Im Rahmen des Kooperationsprojektes Clio-online (http://www.clio-online.de/), das seit Mai 2002 durch die DFG finanziell gefördert wird, werden deshalb im Modul »Elektronisches Publizieren« Wege gesucht, die Zitierbarkeit und Dauerhaftigkeit der von H-Soz-u-Kult 3 und Clio-online veröffentlichten Texte dauerhaft zu sichern. Der von der Universitätsbibliothek und dem Computer- und Medienservice der Humboldt-Universität betriebene Dokumentenserver bietet die notwendige Technik und Logistik zur langfristigen Archivierung elektronischer Publikationen.


Historische Publikationsreihen

Im Folgenden werden inhaltliche und technische Überlegungen zum elektronischen Publizieren innerhalb der Geschichtswissenschaften anhand der Konzeption und Herausgabe zweier Publikationsreihen durch Clio-online auf dem edoc-Server der HU erläutert:

  • Abb. 1: Titelblatt »Historische Literatur«.
    »Historische Literatur. Rezensionszeitschrift von H-Soz-u-Kult« (Heft 1: Juni 2003; zusammen mit dem Franz Steiner Verlag; http://edoc.hu-berlin.de/e_histlit/) ist eine Hybridzeitschrift, wird also parallel durch einen Verlag sowohl in gedruckter Form als auch als frei zugängliche elektronische Publikation über den edoc-Server vertrieben. Der Name »Historische Literatur« steht für das Programm der Zeitschrift, denn sie umfasst ausschließlich Besprechungen aktueller historischer Publikationen und thematische Forschungs- und Literaturüberblicke. Historische Literatur trat 2003 als neues vierteljährlich erscheinendes Fachperiodikum an. Die abgedruckten Rezensionen und Artikel wurden überwiegend schon einige Wochen oder Monate zuvor über die Dienste des Internetforums H-Soz-u-Kult (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/) und innerhalb des amerikanischen H-Net (http://www.h-net.org/) publiziert.
  • Abb. 2: Titelblatt »Historisches Forum«.
    »Historisches Forum« (Band 1: August 2004; http://edoc.hu-berlin.de/e_histfor/) ist eine unregelmäßig erscheinende Reihe von Themenheften, die zurzeit ausschließlich über den Dokumentenserver der HU vertrieben wird. Die Reihe bündelt ausgesuchte Beiträge geschichtswissenschaftlicher Online-Foren und herausragende Artikel, Debattenbeiträge, Kontroversen und Berichte zu ausgewählten historischen Fragestellungen. Jedes Heft wird von einem oder mehreren Herausgebern redaktionell betreut und enthält außer einer Einführung in das Thema auch ergänzende Verweise auf die Forschungsliteratur und andere Informationsquellen zum Thema.


Ausgangslage: H-Soz-u-Kult-Redaktionssystem

Eine wesentliche Hürde beim elektronischen Publizieren ist die strukturierte Auszeichnung und Erfassung von Texten und Metadaten zur automatisierten Weiterverarbeitung. Wir verzichten auf eine Dokumentvorlage für die Autoren und kopieren stattdessen die lektorierten Texte mit einem minimalen Satz von Textauszeichnungen (Zwischentitel, Hervorhebungen fett und kursiv sowie Endnoten) in ein internes Redaktionssystem. Dieses webbasierte System ist eine Eigenentwicklung, die für die Datenhaltung auf einem SQL-Server aufsetzt und optimal auf die spezifischen Anforderungen und redaktionellen Abläufe des Internetforums zugeschnitten ist. Dies beinhaltet einerseits den Versand der gespeicherten Rezensionen oder Artikel über die Listserv-Technik als reine plain-text E-Mails wie auch die Darstellung über die Website von H-Soz-u-Kult im HTML- und PDF-Format.4

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XML als Ausgangs- und Arc...

HTML und PDF als Präsenta...

Ausblick: Dauerhaftigkeit...


XML als Ausgangs- und Archivierungsformat

Die rasante Entwicklung der Informationstechnik in den letzten sechs Jahrzehnten wurde nicht nur von einem wiederholten Wechsel der physischen Datenträger, sondern auch von einer Vielzahl logischer Dokumentformate begleitet. Zudem ist die Konvertierung zwischen verschiedenen Zeichensätzen und Textformaten oft verlustbehaftet. Neue Geräte und Anwendungen erlauben überdies neue Darstellungen bestehender Texte. So ist heute noch kaum vorhersehbar, wie in Zukunft die optimale Textdarstellung auf hochauflösenden Bildschirmen, elektronischem Papier oder mobilen Kleinstgeräten erfolgen wird. Eine PDF-Datei mit fixem Zeilenumbruch ist vermutlich für keine dieser zukünftigen Anwendungen optimal. Da die Konsequenzen des technischen Wandels nicht antizipiert werden können, sollte die Langfristarchivierung von Texten nicht von einer festen Darstellungsform ausgehen, sondern nur die innere Struktur der Texte – Überschrift, Absatz, Texthervorhebung usw. – auszeichnen und um Metainformationen wie die Sprache des Textes und die Namen der Autoren ergänzen. Dies ermöglicht die XML-Spezifikation, die die bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts zurückreichende Geschichte von SGML weiterführt.5 Für uns war es deshalb wichtig, dass jede Ausgabe von Historische Literatur und Historisches Forum als Satz von XML-Dateien auf dem edoc-Server archiviert wird.

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HTML und PDF als Präsenta...

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HTML und PDF als Präsentationsformate

Mehrere überregionale Tageszeitungen versuchen in letzter Zeit mit aufwändigen ePaper-Lösungen ihre Bildschirmpräsentation den gedruckten Ausgaben nachzuempfinden.6 Damit ignorieren sie eine immer noch gültige Beobachtung aus der Urzeit des Webs: Das Lesen am Bildschirm unterscheidet sich grundlegend von dem zu Papier gebrachter Texte.7 Die Darstellung von Web-Seiten in einem einspaltigen HTML-Format gewährleistet optimale Lesbarkeit am Bildschirm auf unterschiedlichen Rechnern gemäß individueller Präferenzen der Besucher und ermöglicht die externe Verlinkung und Indizierung durch Suchmaschinen. Demgegenüber erlaubt das von Adobe entwickelte PDF-Format plattformübergreifend die punktgenaue Beschreibung komplexer Layouts und typographischer Feinheiten. PDF-Dateien werden sowohl vom Verlag für die Drucklegung als auch von den Online-Lesern für den Ausdruck am heimischen Drucker genutzt.

Für die Transformation einer XML-Datei nach HTML oder PDF existieren verschiedene Optionen, die anhand konkreter Anforderungen wie dem Grad der Automatisierbarkeit und den Eingriffsmöglichkeiten ins endgültige Drucklayout gegeneinander abgewogen werden müssen.

  • Für die beiden Publikationsreihen sowie die PDF-Ansicht auf der Website wurde ein mehrstufiger Prozess implementiert. Im ersten Schritt werden die Datenbankinhalte über ein ASP-Skript als XML-Datei gemäß der an die Dissertation Markup Language angelehnten edoc-Doctype aufbereitet.8 Diese XML-Darstellung wird danach mit einem XSLT-Stylesheet in eine LaTeX-Datei transformiert. PDF-LaTeX erzeugt daraus eine PDF-Datei, die als Druckvorlage dienen kann. Der Einsatz von LaTeX erleichterte insbesondere die Erstellung verschiedener Register der im Heft besprochenen Autoren und Herausgeber, aller Rezensenten sowie den Sigeln der Einzelartikel. Der hervorragende Trennalgorithmus und die in den neueren Ausgaben von Historisches Forum genutzten microtype-Erweiterungen von PDF-LaTeX9 ermöglichen trotz automatischem Umbruch eine überdurchschnittliche Satzqualität. Die Umsetzung osteuropäischer Zeichensätze funktioniert dank Unicode-Unterstützung in neueren LaTeX-Versionen wesentlich unproblematischer als im anfänglich ebenfalls evaluierten FrameMaker von Adobe.
Abb. 3: Workflow des e-Publishing-Verfahrens von »Historische Literatur«.

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Ausblick: Dauerhaftigkeit erfordert technische Redundanz und institutionelle Absicherung

»Only wimps use tape backup: real men just upload their important stuff on ftp, and let the rest of the world mirror it.«10 Hinter dieser scherzhaften Bemerkung von Linus Torvalds, dem Begründer des Linux-Systems, aus dem Jahr 1996 verbirgt sich eine für die Langfristarchivierung elektronischer Datenbestände zentrale Einsicht. Das beste Tape-Backup kann nicht verhindern, dass ein neues Datenformat, eine neue Rechnerplattform oder ein neues Speichermedium seine Vorgänger ablöst. Nur das Umkopieren und Konvertieren bewahrt dann eine Datei vor der Unlesbarkeit. Verlage können verkauft oder geschlossen werden; was in solchen Fällen mit elektronischen Publikationen geschehen wird, für die es bei der Deutschen Bibliothek zwar Archivierungsmöglichkeiten, aber noch kein gesetzliches Pflichtexemplar gibt, ist ungewiss.

Nur ein Netz aus zertifizierten, gesicherten, redundanten Dokumentenservern an verschiedenen Orten und in der Verantwortung unterschiedlicher Infrastruktureinrichtungen (also zunächst und vor allem in den Bibliotheken), das eine langfristige Verfügbarkeit elektronischer Publikationen vor den Gefährdungen einzelner Standorte oder Insti-tutionen durch wissenschaftspolitische Wechsellagen gewährleistet, könnte eine Lebensdauer elektronischer Publikationen im Bereich von Jahrzehnten statt von Jahren ermöglichen. Für die Akzeptanz von Dokumentenservern als Publikationsplattform in den einzelnen Wissenschaftsdisziplinen ist neben technischen und institutionellen Belangen ein wachsender Bestand attraktiver Inhalte entscheidend. Die Autoren hoffen, mit den beiden Publikationsreihen einen entsprechenden Beitrag zum langfristigen Erfolg des edoc-Servers leisten zu können.

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Anmerkungen

1Bei fast 90 Prozent der von der Elektronischen Zeitschriftenbibliothek (EZB, http://rzblx1.uni-regensburg.de/ezeit/) nachgewiesenen Zeitschriften handelt es sich um digitale Parallelausgaben bzw. retrospektive Digitalisate etablierter gedruckter Zeitschriften, also im Wesentlichen um eine zusätzliche Vertriebsform.
2Von Geistes- und Kulturwissenschaftlern immer wieder angeführte Aspekte sind: Schmuddelimage des Internets, Karrierehindernis wegen des undurchschnittlichen Renommees von E-Publikationen, Plagiatsproblematik, rechtliche Restriktionen, qualitative Defizite und tradierte Lese- und Arbeitsgewohnheiten.
3H-Soz-u-Kult – die Abkürzung steht für die H-Net-Liste »Humanities. Sozial- und Kulturgeschichte« – ist ein am Institut für Geschichtswissenschaften der HU koordiniertes Internet-Forum (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/), das sich als Kommunikations- und Fachinformationsplattform für die Geschichtswissenschaften in den deutschsprachigen Ländern etabliert hat.
4Einen Überblick zur Entwicklung dieses Projektes liefert Rüdiger Hohls: H-Soz-u-Kult: Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften, in: Neue Medien in den Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften. Elektronisches Publizieren und Open Access: Stand und Perspektiven, hrsg. von Katja Mruck und Gudrun Gersmann (Sonderheft: Historische Sozialforschung / Historical Social Research, Vol. 29, No. 1), Köln 2004, S. 212-232.
5Zur Geschichte von SGML siehe http://www.sgmlsource.com/history/roots.htm, zur Spezifikation von XML siehe http://www.w3.org/TR/REC-xml.
7Vgl. dazu die Ausführungen des Usability-Experten Jakob Nielsen aus dem Jahr 1996: http://www.useit.com/alertbox/9602.html
9Siehe dazu Hàn Thê Thành: Microtypographic extensions to the TEX typesetting system, http://www.pragma-ade.com/pdftex/thesis.pdf