CMS Journal
Nr. 29
April 2007
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Die Sammlung historischer Palästinabilder


Rüdiger Liwak, Peter Welten, Sascha Gebauer | Theologische Fakultät der Humboldt Universität zu Berlin
saschagebauer@palaestinabilder.de | http://www2.hu-berlin.de/palaestinabilder

Keywords

Palästinabilder, Hugo Gressmann, Diasammlung, Glas-Dias

Abstract

Multimedia kann den Zugang zu erstaunlichen historischen Dimensionen eröffnen. Das Projekt »Palästinabilder« hatte die vollständige Digitalisierung und teilweise Veröffentlichung einer fast zerstörten und verlorenen Dia-Sammlung zum Ziel. Damit ist ein Zugang zu einem Archiv eröffnet worden, der in Lehre und Forschung weltweit genutzt werden kann. Die Ergebnisse selbst sind online zu bestaunen. Der Beitrag zeigt den historischen Hintergrund und gibt Einblick in die Vielfalt der nun digital verfügbaren Quellen.


Archäologie einer Bildersammlung

Eine verschollene Sammlung taucht auf: Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung kam es in Berlin zu einer Zusammenlegung der theologischen Lehrbetriebe. Daraus entstand die Theologische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin. Im Laufe dieses Prozesses wurden Teile einer alten Sammlung von Glasplattendias gefunden, die Fotografien aus dem Gebiet des östlichen Mittelmeerraumes und Griechenlands aus der Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigen.

Es handelte sich um die Sammlung, die von Prof. Dr. Hugo Gressmann zu Unterrichtszwecken angelegt worden war, der in Berlin von 1908 bis 1927 im Fach Altes Testament an der damaligen Friedrich-Wilhelms-Universität lehrte. Die Aufnahmen wurden einerseits von professionellen Fotografen gekauft, andererseits auch von Prof. Gressmann selbst gemacht, der im Jahr 1906 als Mitarbeiter am »Deutschen Evangelischen Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes zu Jerusalem« eine Palästinareise unternahm (Abb. 1). 1927 starb Hugo Gressmann überraschend auf einer Reise in die Vereinigten Staaten und seine Witwe verkaufte die Sammlung an das alttestamentliche Seminar. Im Zweiten Weltkrieg verteilten sich die Bilder auf unterschiedliche Gebäude und gerieten in Vergessenheit. Teilweise haben Kriegseinwirkung und unsachgemäße Lagerung im Berliner Dom zu irreparablen Schäden geführt. Am Anfang der Arbeit an den Bildern stand daher zunächst die Reinigung und Sicherung des noch vorhandenen Materials.

Schon nach kurzer Zeit zeigte sich, dass die ca. 1 500 Glasplattendias eine interessante Vielfalt beinhalten. Einige Motive eröffnen Einblicke in den Stand der Architektur Palästinas zur Jahrhundertwende, andere wiederum konzentrieren sich auf Ausgrabungen und bekannte historische Gebäude und Anlagen. Die Wiederentdeckung und Identifizierung biblischer Orte erlebte in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg eine Blütezeit, die besonders durch die Bilder aus dem Umfeld von Gressmann gut belegt ist. Für Kunsthistoriker und Archäologen bietet ein Vergleich der Bilder mit den heutigen Verhältnissen die Möglichkeit, Veränderungen der Substanz von Baudenkmälern und archäologischen Stätten in den vergangenen hundert Jahren zu erkennen.

Besonders ausführlich und eindrücklich sind Menschen und ihre Lebenszusammenhänge im Vorderen Orient erfasst. Neben der Stadtbevölkerung, welche von den ärmsten Teilen der Einwohner bis hin zu vornehmen Personen und Führungspersönlichkeiten dokumentiert ist, wird auch breit das ländliche Leben abgebildet. Ein besonderer Schwerpunkt liegt hier in der Landwirtschaft und den damit verbundenen Handwerken. Dabei findet das Interesse an alten Gerätschaften, aber auch an Methoden und Arbeitsweisen, seinen besonderen Niederschlag. Weiterhin werden der Handel und die Transportwege im schwierigen Gelände gezeigt.

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Abb. 1: Hugo Gressmann (Vordergrund) auf einer Expedition 1906 am tell joram.

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Abb. 2: Leicht beschädigtes Glasplattendia. Aufnahme von der Ecce-Homo-Kirche an der Via Dolorosa, Jerusalem.

Bei vielen Bildern werden das Interesse und die Fragestellung der Forscher bzw. Fotografen deutlich. Im Zentrum stehen oft Motive und Gegenstände, in denen ein biblischer Hintergrund deutlich wird. Das Interesse an muslimischen, jüdischen und christlichen Traditionen ist deutlich erkennbar.

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Zur Geschichte der Fotogr...

Die Sicht auf den Orient ...

Literatur ...


Zur Geschichte der Fotografie im Orient

Die Bildersammlung besteht aus Glas-platten in unterschiedlichen Formaten, die von 6x9cm bis 18x24cm reichen. Es sind diaähnliche Positive, die mit einem heute nicht mehr gebräuchlichen Projektor wiedergegeben werden kön-nen. Diese Art der Aufnahmen war bis zur Einführung des fotografischen Films in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg weit verbreitet.

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Abb. 3: Ein Teil der Bildersammlung.

Die Faszination für das Heilige Land ist in der christlichen Tradition schon immer ungebrochen. Besonders während der Romantik erfreuten sich daher auch Zeichnungen, Gemälde und Lithographien über den Orient außerordentlicher Beliebtheit. Mit der Erfindung der Fotografie Anfang des 18. Jahrhunderts wurde nun eine realistische Wiedergabe möglich. Die verschiedenen Verfahren beruhten auf dem Prinzip, Papier, Glas-oder Metallplatten durch unterschiedliche Chemikalien lichtempfindlich zu machen [1]. Zunächst waren die Aufnahmen Unikate, die nicht reproduziert werden konnten, sie dienten vielmehr als Vorlagen für Stahlstiche, die als Illustrationen in Büchern verbreitet wurden. Handhabung und Lagerung der unterschiedlichen Methoden wurden zunehmend vereinfacht und am Ende der Entwicklung stand das Gelatine-Trockenverfahren. Dabei wurde nun Gelatine als Trägersubstanz für Silberbromid verwendet, welche auf der Glasplatte aushärten und trocknen konnte. Die Bilder konnten relativ leicht vervielfältigt werden und fanden so auch eine weite Verbreitung. Im ganzen Vorderen Orient breiteten sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts Foto-Ateliers aus. Ihre Fotos dienten den stark zunehmenden Touristenströmen als Souvenir und wurden in aller nur erdenklichen Literatur abgedruckt oder zu Forschungszwecken verwendet.

Ein Großteil der Sammlung der historischen Palästinabilder der Theologischen Fakultät stammt aus dem Vertrieb der sogenannten American Colony [2]. Diese christliche Gemeinschaft wurde 1881 durch die Familie Spafford gegründet, die nach mehreren Schicksalsschlägen ihre Heimatstadt Chicago verließ, um sich in Jerusalem niederzulassen. 1896 wurde sie durch eine Gruppe schwedischer Zuwanderer verstärkt und bezog ihren Sitz in einem Anwesen außerhalb der Stadtmauern. Neben karitativen und landwirtschaftlichen Tätigkeiten widmeten sie sich der Fotografie von Motiven im Heiligen Land. Seit 1898 begannen die beiden Fotografen Frederick Vester und Elija Meyers eine eigene fotografische Abteilung aufzubauen, die sich der professionellen Herstellung und Vermarktung von Fotografien widmete. Sehr beliebt waren die uns erhaltenen Dia-Glasplatten (photograpic magic lantern slides), die man für öffentliche Vorführungen verwendete und zu denen es auch fertig ausgearbeitete Lesungstexte gab. 1922 konnte aufgrund des erfolgreichen Absatzes sogar eine Filiale in New York gegründet werden.

Schon recht früh versuchten Fotografen, die Aufnahmen mit Farbe zu versehen, um die Bilder naturgetreuer zu machen oder eine bestimmte Stimmung zu erzeugen. Dazu wurden die Aufnahmen zunächst mit der Hand einzeln nachkoloriert. Weit verbreitet war das Verfahren des Photoglob (Photochrom Zürich), der von Schwarz-Weiß-Fotografien polychrome Asphalt-Fotolithografien erstellten. Für raumgetreue Abbildungen verwendete man das seit 1850 bekannte Raumbildverfahren mit stereoskopischen Halbbildern. Dabei nutzte man die Sehwinkeldifferenz des menschlichen Augenpaares und fertigte zwei Bilder vom gleichen Objekt mit leicht verschobenem Winkel an. Zunächst mussten die Fotografen ihre Kamera leicht verrücken oder aber zwei Kameras mitführen. Als einer der Ersten stellte Francis Firth mit einer Kamera, die zwei Objektive aufwies, Stereoskopien von Objekten in Palästina her. Mittels eines Stereoskops konnten die Aufnahmen nun betrachtet werden und vermittelten dem Betrachter eine räumliche Tiefenwirkung. Besonders die Brüder Elmar und Bert Underwood (Underwood & Underwood) spezialisierten ihr Fotounternehmen auf Stereofotografien und sorgten mit einer Massenproduktion für eine weite Verbreitung.

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Abb. 4: Häufig ließen sich europäische Reisende als Orientale oder in Anlehnung an biblische Gestalten fotografieren. Dafür gab es eigens eingerichtete Studios, die über alle nötigen Accessoires verfügten. Kurioserweise musste dann die tatsächliche Umgebung künstlich hergestellt werden; hier durch einen Vorhang mit Palmen im Hintergrund.

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Die Sicht auf den Orient

Die frühen Fotografen waren nicht unabhängige Künstler, sondern besonders beeinflusst von der Malerei und Literatur ihrer Zeit [3]. Größtenteils waren die Reisenden noch selbst Schriftsteller oder Maler, die sich für die neue Technik der Fotografie begeisterten und diese unter ihren jeweils eigenen Gesichtspunkten verwendeten. So projizierte die europäische Gesellschaft ihre Vorstellungen, Phantasien und Wünsche auf ein teilweise unzutreffendes Bild des Orients, was sich nicht zuletzt aus der biblischen Überlieferung speiste [4]. Umso größer war dann die Enttäuschung bei den Reisen, nicht das vorherrschende Orientbild zu entdecken [5].

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Abb. 5: Jerusalem um 1900 und 2004. Blick von der Erlöserkirche (eingeweiht 31.10.1898 durch Kaiser Wilhelm II.) über die Altstadt von Jerusalem. Im Mittelpunkt der Tempelberg mit dem Felsendom. Im Hintergrund der Ölberg mit dem Turm der Augusta Viktoria Stiftung. Während die Altstadt im Wesentlichen unverändert geblieben ist, hat die Bebauung des Ölbergs deutlich zugenommen.

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Abb. 6: Westmauer des sog. Zweiten Tempels um 1900 und 2004. Heiligste Stätte des Judentums. Nach der Zerstörung 70 n. Chr. der letzte Rest des herodianischen Tempels. Bevor Zettel mit Gebeten in die Ritzen der Mauer gesteckt wurden, hinterließen Pilger Grüße, die heute aber nicht mehr zu sehen sind. Die Bebauung vor der Mauer wurde nach der Eroberung Ost-Jerusalems im Sechstagekrieg 1967 geräumt und ein großer Platz geschaffen, dessen Niveau abgesenkt wurde.

Das Überlegenheitsgefühl für die westliche Zivilisation und die ausgeprägten kolonialistischen Züge verhinderten allerdings, dass eigene Denkmuster hinterfragt und nötigenfalls korrigiert wurden. Stattdessen paarte sich ein großes Unverständnis für die orientalische Welt mit den schwerttanzenden Derwischen, den überfüllten, schmutzigen Basaren und den scheinbar unzuverlässigen, faulen Einheimischen mit der verzweifelten Suche nach der erhofften Romantik.

Während die Maler und Schriftsteller ihre eigene Welt kreierten, stellte sich das Problem für die Fotografen in besonderer Weise, wollten und konnten sie doch nur die vorhandene Realität abbilden. Auch als es schon technisch ohne Probleme war, mit einer kurzen Belichtungszeit Straßenszenen aufzunehmen, zeigte der größte Teil der Aufnahmen aus dem Heiligen Land nur die noch vorhandenen Altertümer und Bauwerke: Man erhoffte sich so, in den Ruinen den Glanz der alten Tage wiederzuentdecken. Wenigstens konnte man sich auf diese Weise einen Teil des alten Orientbildes erhalten und für die Daheimgebliebenen bot sich eine Fotografie der biblischen Stätten als Souvenir an, was wiederum die stereotypen Vorstellungen vom Morgenland in der Heimat verstärkte.

Die zahlreichen Post- und Ansichtskarten, die Ende des 19. Jahrhunderts zu diesem Zweck hergestellt und in Palästina vertrieben wurden, zeichnen ein nachdrückliches Bild dieser Orientliebe.

Als dann im Rahmen der aufkommenden Völkerkunde die Bevölkerung in den Blickpunkt geriet, orientierte man sich am liebsten am Fellachentum, in der Hoffnung, hier die archaischen Wurzeln vergangener Tage entdecken zu können [6]. Das bäuerliche Leben diente als Brücke zum Leben in biblischer Zeit und wurde deshalb detailliert untersucht. Gerne ließen sich die Reisenden in eigens eingerichteten Studios in teilweise fiktiver orientalischer Kleidung ablichten, um somit das entgangene Erlebnis nachzuholen (Abb. 4, s. a. [7])

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Abb. 7: Bauer mit Ochs und Esel am Pflug. Bei der Suche nach dem vermeintlichen Orient stützte man sich sehr stark auf die Landwirtschaft, um eine Verbindung zur antiken, biblischen Welt herzustellen. Tatsächlich sind zahlreiche Methoden seit tausenden von Jahren ähnlich geblieben. Diese wurden allerdings durch die Forscher gezielt herausgestellt und jede moderne Technik bewusst ausgeblendet. Über die gemeinsame Verwendung von Ochs und Esel lässt sich streiten. Bekannt ist das Motiv aus christlichen Krippendarstellungen und geht zurück auf die Bibelstelle in Jes 1,3. In der christlichen Tradition wurde dieser Gedanke dann häufig antijudaistisch missbraucht, um dem jüdischen Volk Verstocktheit gegenüber dem christlichen Glauben vorzuwerfen. Zudem ist nach biblischer Darstellung das gemeinsame Pflügen mit Rind und Esel verboten (5. Mose 22,10).

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Abb. 8: Kaktushecke mit Araberjunge . Von großem Interesse war auch die Flora und Fauna im Heiligen Land, da sich hierüber die besondere Exotik des Orient definieren ließ. Im Bild eine Hecke mit Feigenkakteen, die als trennende Abgrenzung zwischen Feldern genutzt wurden und deren Früchte als Nahrung dienten.

In vielen Bildern finden sich einheimische Begleiter als Maßstab, die mit ihren Gewändern, Flinten oder Messern zugleich das Orientbild noch verstärkten.

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Literatur

[1]Dewitz, B. von: Zur Geschichte der Daguerreotypien – Lexikalische Angaben zu den Techniken. In: Dewitz, B. von, Kempe, F.: Daguerreotypien. Hamburg, 1983.
[2]Onne, E.: Photographic Heritage of the Holy Land 1839-1914. Manchester, 1980.
[3]Lemaire, G.: Orientalismus – Das Bild des Morgenlandes in der Malerei. Paris, 2005.
[4]Said, E.: Orientalism. New York, 1978.
[5]Agfa Foto-Historama (Hg.): An den süßen Ufern Asiens – Ägypten, Palästina, Osmanisches Reich – Reiseziele des 19. Jahrhunderts in frühen Photographien. Köln, 1988.
[6]Zur Manipulation solcher Bildquellen: Neumann, T.: Photographien als historische Dokumente. In: Hardmeier, Ch. (Hg.): Steine – Bilder – Texte. Leipzig, 2001.
[7]Lang, B.: Der Orientreisende als Exeget, oder Turban und Taubenmist. In: ZDPV 121 (2005).