CMS Journal
Nr. 32
Juni 2009
Service
Metadaten
Hinweise
Weitere Artikel aus dem cms-Journal Nr. 32 finden Sie auf dem edoc-Server der Humboldt-Universität zu Berlin unter http://edoc.hu-berlin.de/cmsj/32
Copyright
Dieser Artikel ist ein Open Access Artikel und steht unter der Creative Commons Lizenz BY (siehe...).

Publizieren im Open-Access-Modell - Allgemeine Einführung und Grundaussagen


Stefan Gradmann
stefan.gradmann@ibi.hu-berlin.de

Abstract

Der Beitrag gibt, ausgehend von einem ersten Definitionsversuch, einen Abriss zur Geschichte von „Open Access“. Er beschreibt die beiden Hauptvarianten der Open-Access-Bewegung (OA „Grün“ vs. OA „Gold“) und benennt die Hauptproblempunkte und aktuellen Diskussionsbereiche im OpenAccess-Publizieren. Der Beitrag schließt mit der Benennung derjenigen Felder in der wissenschaftlichen Welt, in denen für die dauerhafte Durchsetzung des Open-Access-Gedankens vorrangig Handlungsbedarf gegeben ist.


Was ist „Open Access“?

Die Grundidee von Open Access ist einfach: Ziel ist der freie und ungehinderte Zugang zum publizierten Wissen – hier in erster Linie dem wissenschaftlich kodifizierten Wissen. Nicht ganz so einfach vermittelbar sind die unterschiedlichen Ansätze, mit denen dieses Ziel konkretisiert und erreicht werden soll. Und recht kompliziert wird es sogar, wenn man sich Klarheit zu verschaffen versucht darüber, was sich eigentlich inhaltlich und technisch hinter den beiden Schlüsselbegriffen „Open“ und „Access“ verbirgt.

Der Begriff ‚Open’ ist dabei schwer zu fassen und kaum zu übersetzen: Ganz offenkundig ist die wörtliche Übersetzung „offen“ irreführend. Aber auch die Übersetzung mit „frei“ löst das Problem nicht wirklich: Ist hier „kostenfrei“ gemeint – und wenn ja, wem entstehen dann keine Kosten mehr und wem sehr wohl?

Auch das Wort „access“ entpuppt sich bei näherer Betrachtung als vielschichtig: Ist allein der freie lesende Zugriff auf Bildschirminhalte schon ausreichend oder müssen gewisse technische Nachnutzungsmöglichkeiten bestehen (Ausdrucken, Weiterverwendung von Quelltext) bzw. vielleicht sogar bestimmte technische Anforderungen an die Publikationsform erfüllt sein (offene vs. proprietäre Dokumentformate)?

Fragen dieser Art ergeben zusammen mit den dargestellten unterschiedlichen Strategien der Umsetzung von Open Access eine recht komplexe Matrix von Fragen und Problemlagen, die eine schnelle und flächendeckende praktische Ausbreitung des Open-Access-Gedankens bislang jedenfalls nicht gerade gefördert hat!

Inhaltsverzeichnis

Was ist „Open Access“? ...

Zur Geschichte von Open A...

„Green“ vs. „Gold“: unter...

Hauptproblempunkte und ak...

Handlungsbedarf in der wi...

Vertiefung und Praxisbeis...


Zur Geschichte von Open Access

Seinen Ursprung hat der Open-Access-Gedanke in gewisser Hinsicht in der Physik, und dort spezifischer bei Paul Ginsparg vom Los Alamos National Laboratory, der erstmals 1991 im großen Maßstab die Idee umsetzte, für die Verbreitung von Preprints wissenschaftlicher Aufsätze einen eigens zu diesem Zweck aufgesetzten Server, das sogenannte ArXiv verfügbar zu machen und zugleich potentiellen Beiträgern über eine komfortable Softwarelösung das Einstellen und Suchen solcher zentral archivierter Preprints zu ermöglichen.

Ginspargs Idee war eine veritable Innovation, die rein technisch besehen eines der enormen schlummernden Potentiale der Internettechnologie nutzte, und diese Idee fand in der Folge in unterschiedlichen Disziplinen Nachahmer aufgrund ihrer schieren Effizienz. Der nun folgende Aufbau weiterer fachbezogener und institutioneller Server zusammen mit der zunehmenden Verbesserung der dazu verfügbaren Softwarelösungen sowie der Vereinheitlichung von Lösungen für das „Harvesting“ von Publikations-Metadaten führten zu Angeboten wie E-Prints (als generische Software-Lösung aus dem Angebot des Electronic and Computer Science Department der University of Southampton) und zur Entstehung der Open Archives Initiative, die mit der ersten Version ihres Protokolls für das „Metadata Harvesting“ (PMH 1.0) im Jahr 2000 einen ersten Ansatz für die Interoperabilität dieser verteilten Serveransätze präsentierte.

Dennoch waren diese Ansätze noch weit entfernt von der wenige Jahre später einsetzenden enormen medialen Präsenz von „Open Access“, das als Begriff aus dem wissenschaftlichen Publikationswesen eine Öffentlichkeitswirksamkeit entfaltet hat wie kaum ein Begriff aus diesem Umfeld zuvor.

Ursache dafür war eine Konjunktur von Strömungen: Die in den 90ern aufgebaute Infrastruktur von Dokumentservern traf um die Jahrtausendwende zusammen mit einer tiefen Unzufriedenheit vor allem der Bibliothekare mit dem, was damals als die „Serials Crisis“ apostrophiert wurde: das zunehmende Auseinanderklaffen der Preisentwicklung wissenschaftlicher Zeitschriften (fast ausschließlich im Bereich der „harten“ Naturwissenschaften) einerseits und der begrenzten Leistungsfähigkeit der wissenschaftlichen Bibliotheksetats andererseits, was angesichts der Monopolstellung einzelner Großverleger wie Elsevier für die Bibliotheken zum existentiellen Problem wurde .

Hinzu kam, dass die traditionellen „geschlossenen“ Publikationskanäle der etablierten Wissenschaftsverleger mehrheitlich nicht eingerichtet waren auf die Möglichkeiten, die sich aus den vernetzten, verteilten Informationsstrukturen des WWW für das elektronische Publizieren ergeben, sofern alle Akteure ein Mindestmaß an technischer und inhaltlicher Offenheit an den Tag legen: Die geschlossenen Publikationsketten großer Anbieter wurden nun zugleich als monopolistisch, unbezahlbar und technisch ineffektiv empfunden – und diese Wahrnehmung zusammen mit der in den 90er Jahren aufgebauten ersten Generation einer alternativen technischen Infrastruktur führte als Syndrom zur Entstehung der Open-Aceess-Bewegung.

Es entstanden nun sehr bald Institutionen übergreifende Initiativen wie SPARC und SPARC-Europe, innovative und z. T. auch kommerziell erfolgreiche Publikationsplattformen wie die Public Library of Science (PLoS) oder Biomed Central (BMC).

Vor allem entstand nun in rascher Folge eine Vielzahl stark wissenschaftspolitisch motivierter Resolutionen und Erklärungen (zumindest in dieser Hinsicht war die Open-Access-Bewegung aus dem Stand unglaublich produktiv!). Die zumindest in der kanonischen Sichtweise erste dieser Erklärungen verdankt sich einer durch das OSI (Open Society Institute), im Dezember 2001 in Budapest organisierten Konferenz, deren Ziel die Zusammenführung der bereits existierenden unterschiedlichen Open-Access-Aktivitäten war, zusammen mit dem Versuch, zu präzisieren, für welche Arten wissenschaftlicher Literatur der freie Zugang nun eigentlich möglich gemacht werden sollte.

Der daraus resultierende Initiativaufruf erschien am 14.02.2002 und fasst die Ziele von Open Access folgendermaßen zusammen: „An old tradition and a new technology have converged to make possible an unprecedented public good. The old tradition is the willingness of scientists and scholars to publish the fruits of their research in scholarly journals without payment, for the sake of inquiry and knowledge. The new technology is the internet. The public good they make possible is the world-wide electronic distribution of the peer-reviewed journal literature and completely free and unrestricted access to it by all scientists, scholars, teachers, students, and other curious minds.”

Der Aufruf bleibt also klar beschränkt auf Zeitschriftenaufsätze und thematisiert auch noch mit keinem Wort die publikationsökonomische Seite von Open Access: Es geht wirklich um die maximale Verfügbarkeit und Sichtbarkeit von Zeitschriftenbeiträgen, nicht mehr und nicht weniger.

Das sollte sich mit dem folgenden Großtreffen der Gemeinde und dem daraus resultierenden Bethesda Statement on Open Access Publishing, das am 20. Juni 2003 veröffentlicht wurde, grundlegend ändern, denn hier lag nunmehr der Schwerpunkt ganz eindeutig im Bereich des elektronischen Publizierens im Open-Access-Modell. In diesem Dokument findet sich eine erste Definition einer Open-Access-Publikation: "An Open Access Publication is one that meets the following two conditions:

  1. The author(s) and copyright holder(s) grant(s) to all users a free, irrevocable, worldwide, perpetual right of access to, and a license to copy, use, distribute, transmit and display the work publicly and to make and distribute derivative works, in any digital medium for any responsible purpose, subject to proper attribution of authorship, as well as the right to make small numbers of printed copies for their personal use.
  2. A complete version of the work and all supplemental materials, including a copy of the permission as stated above, in a suitable standard electronic format is deposited immediately upon initial publication in at least one online repository that is supported by an academic institution, scholarly society, government agency, or other well-established organization that seeks to enable open access, unrestricted distribution, interoperability, and long-term archiving."

Das Bethesda Statement thematisiert also das elektronische Publizieren im Open Access Modell und enthält – zumindest explizit – auch keine Einschränkung mehr auf Zeitschriftenaufsätze.

Die zeitlich unmittelbar darauf folgende sog. „Berliner Erklärung“ nun stellt Open Access definitiv in einen großen, wissenschaftspolitischen Zusammenhang und war das Ergebnis einer von der MaxPlanck-Gesellschaft organisierten Konferenz deutscher und internationaler Wissenschafts-und Förderorganisationen. Die „Berlin Declaration on Open Access to Knowledge in the Sciences and Humanities“ spannt einen großen Bogen über alle Spielarten von Open Access und alle Wissenschaftskulturen in der folgenden, sehr allgemeinen Fassung des Begriffs „Open Access“ und der damit verbundenen Forderung, dies Paradigma zu unterstützen: „New possibilities of knowledge dissemination not only through the classical form but also and increasingly through the open access paradigm via the Internet have to be supported. We define open access as a comprehensive source of human knowledge and cultural heritage that has been approved by the scientific community.“

Die Berliner Erklärung bleibt in der Folge hinsichtlich dessen, was nun eigentlich offen zugänglich gemacht werden soll, zwar weniger deutlich als die beiden Vorgängererklärungen und operiert stattdessen mit dem sehr weit gefassten Begriff der „Open Access Contribution“, doch sind die dann auf der Folgekonferenz 2005 in Southampton beschlossenen Umsetzungsempfehlungen schon klarer: "In order to implement the Berlin Declaration institutions should:

  1. implement a policy to require their researchers to deposit a copy of all their published articles in an open access repository and
  2. encourage their researchers to publish their research articles in open access journals where a suitable journal exists and provide the support to enable that to happen."

Die Berliner Erklärung hat Open Access zum wissenschaftspolitischen Großthema gemacht, und die seitdem jährlich stattfindenden Folgekonferenzen betrafen dann unterschiedliche Detailaspekte des mit „Berlin“ endgültig etablierten Großthemas wie etwa eine Implementation Roadmap als Ergebnis von Berlin2 (2004) an der Großforschungseinrichtung CERN, die schon zitierte Umsetzungsempfehlung als Ergebnis von Berlin3 (2005).

Inhaltsverzeichnis

Was ist „Open Access“? ...

Zur Geschichte von Open A...

„Green“ vs. „Gold“: unter...

Hauptproblempunkte und ak...

Handlungsbedarf in der wi...

Vertiefung und Praxisbeis...


„Green“ vs. „Gold“: unterschiedliche Wege zu Open Access

Der oben gegebene historische Abriss sollte deutlich gemacht haben, dass die Open-Access-Bewegung bei allem Erfolg und aller nunmehr auch politischer Akzeptanz lange Jahre an der Dichotomie zweier Ausprägungen des Grundgedankens laboriert hat, die plakativ immer wieder als der „goldene“ und der „grüne“ Weg zu Open Access bezeichnet wurden.

Dabei meint Open Access „green“ die parallele Veröffentlichung anderweitig bereits publizierter Zeitschriftenaufsätze auf persönlichen, institutionellen oder fachbezogenen Servern und Repositorien. Unter Open Access „gold“ hingegen wird die primäre Publikation eines wissenschaftlichen Dokuments in einer OpenAccess-Zeitschrift verstanden.

Darüber, inwieweit beide Ansätze als konkurrierend oder als komplementär zu sehen sind, hat es vor allem in den ersten Jahren der Bewegung zum Teil heftige Polemiken gegeben, insbesondere zwischen den beiden exponierten Protagonisten Stevan Harnad (grün) und Jean Claude Guédon (gold), die jeweils eine der beiden Linien für allein seligmachend zu erklären versuchten.

Doch ist es um diese Kontroverse deutlich ruhiger geworden, und allgemein scheint sich eine friedliche Koexistenz der beiden Ansätze etabliert zu haben, die eher pragmatisch Komplementarität dort ausreizt, wo sie deutlich erkennbar ist und latente Zielkonflikte (die es durchaus gibt) nicht mehr offen und polemisch diskutiert.

An die Stelle der zuletzt stellenweise schon eher sterilen Diskussion um ‚green’ vs. ‚gold’ sind nun eine Reihe neuer Problempunkte und Diskussionsbereiche getreten, die derzeit in der Open-Access-Bewegung diskutiert werden, und um die es im folgenden Abschnitt gehen soll. Dabei beschränke ich mich nunmehr ausdrücklich auf Fragen des elektronischen Publizierens im Open-Access-Modell und kann die teilweise sehr komplexen Fragestellungen an dieser Stelle auch nur grob andeuten.

Inhaltsverzeichnis

Was ist „Open Access“? ...

Zur Geschichte von Open A...

„Green“ vs. „Gold“: unter...

Hauptproblempunkte und ak...

Handlungsbedarf in der wi...

Vertiefung und Praxisbeis...


Hauptproblempunkte und aktuelle Diskussionsbereiche im Open-Access-Publizieren

Open Access war bislang ganz ausschließlich auf das Publikationsformat Zeitschrift und die darin enthaltenen Aufsätze fokussiert. Dies schließt weite Teile vor allem der Geistes- und Sozialwissenschaften aus, die nicht so stark wie etwa die Physik durch das Publikationsformat Zeitschrift bestimmt sind, und deren eher monographische Veröffentlichungsformate ganz generell aufgrund ihrer inhärenten Komplexität andere technische und ökonomische Anforderungen an elektronische Publikationsmodelle stellen.

Hierbei stellen sich spezifisch auf Open Access bezogen insbesondere Fragen im Zusammenhang mit dem zweiten Diskussionsbereich der Publikationsökonomie.

Veröffentlichungen im Open-Acces-Modell kosten Geld. Weniger vielleicht als kommerzielle Publikationswege – aber einer Refinanzierung bedürfen sie allemal. Die Frage, welche Geschäftsmodelle für eine Open-Access-basierte Publikationsökonomie eigentlich angemessen und überlebensfähig sind, spielte schon früh eine gewichtige Rolle in der Diskussion, wobei es lange Jahre vor allem um die Umleitung der Kosten für Zeitschriftenaufsätze vom Abnehmer (v. a. Bibliotheken) zum Verursacher der Publikation ging (Stichwort ‚author pays’).

Diese an sich schon schwierige Diskussion ist durch das Hinzukommen weiterer Publikationsformate (s. o.) noch deutlich komplexer geworden.

Eine inzwischen sehr angeregte Diskussion wird generell um die Frage geführt, inwiefern bestimmte digitale wissenschaftliche Publikationen überhaupt noch rezipierbar und überprüfbar sind, ohne dass die ihnen zugrunde liegenden Primärdaten (Messwerte etc.) mit publiziert werden. Eine radikalere Form dieser Fragestellung geht dahin, ob auch die Veröffentlichung strukturierter Datensammlungen selbst als eine wissenschaftliche Publikation sui generis anzusehen ist.

Beide Aspekte der Fragestellung haben im Kontext von Open Access insofern eine besondere Note, als Wissenschaftler das Prinzip auch der Primärdatenpublikation zwar grundsätzlich begrüßen, im konkreten Fall jedoch aus unterschiedlichen Gründen sehr zurückhaltend reagieren, wenn es um die Umsetzung geht – sollen doch hier Informationen öffentlich zugänglich gemacht werden, die in der Vergangenheit eben nicht öffentlich waren!

Eine weitere, schon länger andauernde Diskussion dreht sich um die Frage, welche Rahmenbedingungen und Anreizsysteme eigentlich geschaffen werden müssen, um vor allem auch Nachwuchswissenschaftler zur Veröffentlichung im Open-Access-Modell zu bewegen. Ausgangspunkt ist dabei die eher enttäuschende Tatsache, dass es bislang nicht gelungen ist, die Open-Access-Publikation als Standard-Veröffentlichungsmodell zu etablieren. Dies hat – zumindest im Fall der Geisteswissenschaften – sicher auch mit dem allgemein noch nicht wirklich etablierten Status der elektronischen Publikation zu tun. Doch gibt es auch OpenAccess-spezifische Aspekte, die zu dem Schluss führen, dass erst mit der Schaffung neuartiger Anreizsysteme eine massive Akzeptanz für das Publizieren im Open-Access-Modell erwartet werden kann.

Diese Frage der Anreizsysteme nun ist ihrerseits eng verbunden mit dem im nächsten Absatz anzusprechenden Zusammenhang zwischen Veröffentlichung und wissenschaftlicher Reputation.

Wissenschaftliche Publikation ist das zentrale Mittel für den Aufbau eigener Reputation eines Wissenschaftlers und seiner Heimatinstitution. Nun sind aber die Instrumente, mit denen die Relevanz wissenschaftlicher Publikation evaluiert wird, nicht einmal auf elektronische Publikationsformen wirklich eingerichtet, geschweige denn auf das Publizieren im Open-Access-Modell. Schlimmer noch: die wichtigsten dieser Instrumente stehen entweder den kommerziellen Verlegern zumindest nahe (wie im Falle von Thom-son/ISI) oder sind sogar direkt von ihnen abhängig (wie die Elsevier gehörende wissenschaftliche Suchmaschine Scirus und die ebenfalls von Elsevier betriebene Abstract-Datenbank Scopus).

Es ist unter diesen Umständen bislang nicht gelungen, die enge Verbindung zwischen Systemen für die Reputationsbemessung und kommerziellen Publikationswegen aufzubrechen, was wohl eine weitere essentielle Voraussetzung dafür wäre, die Publikation im Open-Access-Modell ernsthaft etablieren zu können. Wie dies zu erreichen ist, stellt eines der großen Diskussionsthemen in der OpenAccess-Bewegung dar!

Und schließlich wird zunehmend eine weitere Gretchenfrage diskutiert, die mit mehreren oben erwähnten Diskussionssträngen eng verbunden ist: Ist Open-Access-Publizieren möglicherweise auch in Kooperationsmodellen mit kommerziellen Verlegern vorstellbar? Diese Diskussion wäre in der Frühzeit der Bewegung sicher völlig undenkbar gewesen: viel zu ausgeprägt waren die wechselseitigen Feindbilder und viel zu ideologisch belastet die harte Konfrontation beider Lager. Doch seit zunehmend auch kommerzielle Verleger mit Open-Access-Modellen zu experimentieren beginnen und zugleich in der Open-Access-Community zusammen mit dem Nachdenken vor allem über Geschäftsmodelle eine realistischere Sicht der eigenen Möglichkeiten und Grenzen eingekehrt ist, kommt Bewegung in die Fronten und die Lagermentalität beginnt sich aufzulösen.

Konstellationen wie in „Publishing and the Ecology of European Research“ (PEER) 1 jedenfalls, wo kommerzielle Verleger und Repositoriumsbetreiber an einem gemeinsamen Projekt beteiligt sind, wären noch vor wenigen Jahren unvorstellbar gewesen!

Inhaltsverzeichnis

Was ist „Open Access“? ...

Zur Geschichte von Open A...

„Green“ vs. „Gold“: unter...

Hauptproblempunkte und ak...

Handlungsbedarf in der wi...

Vertiefung und Praxisbeis...


Handlungsbedarf in der wissenschaftlichen Welt

Der Handlungsbedarf ergibt sich unmittelbar aus den oben angesprochenen Diskussionsbereichen: Sie alle sind mit unterschiedlichen Betonungen auch Handlungsbereiche für die unterschiedlichen beteiligten Gruppen.

Für Institutionen

Institutionen sind in erster Linie aufgefordert, das stark wissenschaftspolitisch unterfütterte System der Reputationsbemessung im Sinne von Open Access zu beeinflussen und Anreize für das Publizieren in Open-Access-Modellen zu schaffen. Ob und wieweit es Sinn macht, OpenAccess-Verlage bei Einzelinstitutionen ins Leben zu rufen, ist eine offene Frage – obwohl der relative Erfolg einiger weniger universitärer Open-Access-Verlage in Deutschland dafür sprechen könnte.

Fachgesellschaften

Auch die Fachgesellschaften sind in der Lage, die Systeme der Reputationsbemessung massiv zu beeinflussen und sollten sich zudem – wo immer denkbar – auch als Publikationsinstanzen im Open Access positionieren: Sie vor allem können die kritische Masse an Fachpublikationen anziehen, die bei rein ökonomischer Betrachtung Open-Access-Publikationsplattformen überlebensfähig machen können.

Verlage

Verlage sollten ihre Geschäftsstrategien darauf hin überprüfen, ob nicht mit gewandelten Geschäftsmodellen auf der Grundlage von Open Access eine neue Grundlage für verlegerisches Handeln in Kooperation mit den Wissenschaftlern geschaffen werden kann – dies wird allerdings einher gehen müssen mit einer tiefer gehenden Transformation aus dem bislang praktizierten Modell der Verwertung wissenschaftlicher Publikationen in ein Dienstleistungsmodell rund um den Publikationsprozess, der selbst nicht mehr notwendig als ‚profit center’ gesehen werden kann.

Einzelwissenschaftler

Einzelwissenschaftler schließlich sind natürlich vor allem aufgefordert, die Vorteile einer Publikation im Open-Access-Modell wahrzunehmen und dementsprechend Publikationsentscheidungen zu treffen. Auf die Akzeptanz des Publizierens im Open-Access-Modell bei dieser Gruppe kommt alles an – doch sind sie in der Regel eher nicht in der Lage, die dafür erforderlichen Rahmenbedingungen aus eigener Kraft zu schaffen!


Vertiefung und Praxisbeispiele

Die nachfolgenden Beiträge dieser Sektion vertiefen die hier angerissenen Themen und Aspekte des Publizierens im Open-Access-Modell bzw. geben konkrete Beispiele. So vertieft der Beitrag von Weishaupt das Thema generell unter besonderer Berücksichtigung der Geschäftsmodelle und der Qualitätssicherung. Die Beiträge von Uwe Müller gehen auf konkrete Beispiele für Open-Acces-Zeitschriften ein, die auf dem eDoc-Server verfügbar sind und vertiefen Fragen der Qualitätssicherung. Der Beitrag von Hohls dann bietet einen beispielhaften Einblick in Open-Access-Publizieren in einer Geisteswissenschaft. Dobratz und Schröder schließlich gehen auf die Perspektiven eines möglichen Universitätsverlages der HU ein.

Anmerkungen