CMS Journal
Nr. 32
Juni 2009
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Editorial


Michael Seadle


Editorial

Die Zukunft des Wissenschaftlichen Publizierens

Die Veränderungen in der Welt des wissenschaftlichen Publizierens lassen sich kurz auf zwei Punkte reduzieren: von Papier zu digitalen Ausgaben und vom kostenpflichtigen Abonnieren zum Open Access. Das heißt aber nicht, dass man ohne weiteres sagen kann, dass digitale Open-Access-Veröffentlichungen die Zukunft sind.

In den Naturwissenschaften ist die Mehrzahl der Wissenschaftler der Auffassung, dass wissenschaftliche Werke in digitalen Formaten erscheinen sollten. In einem Fachbereich wie Physik sind Pre-Print Archive wie ArXiv ohne Frage wichtige Ressourcen. Für Wirtschaftswissenschaftler in vielen Ländern ist das Social Science Research Network ebenso ein Muss, wenn man in einer gut angesehenen wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlichen möchte. Was diese und ähnliche Fachbereiche verbindet, ist, dass sie zeitschriftenorientiert sind. Die buchorientierten Geisteswissenschaftler stimmen dieser Herangehensweise in der Regel nicht zu. Sie erzeugen ihre Werke natürlich mit Textverarbeitungssystemen, aber sie lieben die Festigkeit des gedruckten Endprodukts. Gegen die Liebe kann man nur schwer argumentieren. Ob ihresgleichen sich vermehrt, annähernd gleich bleibt oder endlich ausstirbt kann ich nicht vorhersagen, aber ich würde auf Aussterben wetten. Die neue, noch fehlerhafte Generation von eBook-Readern vereint fast alle Vorteile von Papierbüchern, nur gegen die Gewohnheit kommen sie noch nicht an.

Papierbasierte gedruckte Werke sind textorientierte Werke, heutzutage oft mit Abbildungen versehen. Solch eine Beschränkung ist für digitale Werke nicht nötig. Eine elektronische Publikation kann Ton, Video und interaktive Spiele einschließen. Die Popularität dieser Formate liegt jedoch überwiegend im Unterhaltungsbereich und viele Menschen lehnen diese Formate gerade deshalb für wissenschaftliche Zwecke einfach ab.

Immerhin steigen jedoch die Benutzerzahlen. Das „Last Lecture of Randy Pausch“ ist als Symbol der Änderung interpretierbar. Randy Pausch, Professor an der Carnegie Mellon University, interessiert sich für Videos und Spiele und für den Unterhaltungsbereich. Er studiert es mit wissenschaftlichem Ernst. Seine „Last Lecture“ hat beides: emotionale Wirkung und Forschungsinhalte. Es zeigt, wie diese neuen Medien auch Ideen aus einer Universität effektiv kommunizieren könnten.

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Abb. 1: Digitale Texte und die Zukunft: Die Berliner Firma txtr kündigt den txtr reader für Herbst 2009 an.

Es gibt bis jetzt, so weit wie ich weiß, keine Zeitschrift mit einem Peer Review für multimediale Werke, aber solch eine Zeitschrift könnte man unter technischen Gesichtspunkten problemlos gründen. Eine Multimedia-Datei ist als digitales Objekt nicht anders als die PDF-Dateien, die die meisten Online-Zeitschriften benutzen. Man braucht geeignete Software, um ein PDF lesen zu können und man braucht geeignete Software, um Videoformate sehen und verstehen zu können. Heute ist auf den meisten Rechnern die geeignete Software schon installiert. Woran es bei wissenschaftlichen Publikationen in multimedialen Formaten mangelt, ist allein die Akzeptanz. In den USA bekommt man mit Video-Veröffentlichungen an den besten Universitäten „tenure“ nur in wenigen Fachgebieten (z.B.Fine Arts). In Deutschland bekommt man auf diese Weise sicher keine Professorenstelle. Die heutige Generation der Universitätsleitungen ist in einer textlastigen Welt aufgewachsen und traut sich noch nicht vorzustellen, wie Wissenschaftler ihre Ergebnisse besser in multimedialer Form als in Text darstellen könnten. Die heutige Generation der Universitätsforscher ist ebenso mit Textsystemen statt Video-Editoren aufgewachsen. Sie denken überwiegend in Worten, nicht in Bildern und Ton und Bewegung. Es ändert sich vielleicht, wenn Video-Editoren ein Standardteil von Open Office sind.

Fast niemand zweifelt, dass immer mehr wissenschaftliche Werke in digitalen Formaten erscheinen. Das Gleiche kann man mit Sicherheit nicht für Open Access sagen. Viele Verlage haben sich für digitale Formate entschieden, aber sie erschießen sich nicht wegen einer mächtigen Open-Access-Bewegung. Hier ist der Kampf um die Zukunft noch zu entscheiden.

Open Access soll im Prinzip leicht definierbar und erkennbar sein: alles, was kostenlos zugänglich ist. Es gibt jedoch Werke und Verlage, die in einem grauen Mittelfeld liegen. Einige Verlage bieten zum Beispiel den kostenlosen Zugang zu einigen Werke an, manchmal auch nur zeitlich begrenzt. Man nennt solche Werke „loss leaders“. Ziel ist es, Leser an dem Werk so zu interessieren, dass sie sich letztlich den Zugang zum ganzen Werk kaufen. Kostenlos, ja. Open Access im eigentlichen Sinne, nein.

Die Romeo/Sherpa-Auflistung von Verlagen zeigt, wie Open-Access-freundlich sie sind. Die Freundlichkeit versteht sich in dem Sinne, dass es Autoren gestattet ist, ihre Werke in Open-Access-Repositorien hochladen zu können. Der Verlag, mit dem ich als Editor eng zusammenarbeite, Emerald, hat eine dem Open-Access-Gedanken aufgeschlossene Politik: Man darf ohne weitere Genehmigungen sein eigenes Werk in einem Repository speichern, mit der einzigen Bedingung, dass man angibt, dass es ursprünglich in einer Emerald-Zeitschrift veröffentlicht wurde. Der Präsident ist kein überzeugter Open-Access-Freund, sondern ein fähiger Businessman. Er weiß, wie wenige Autoren dieses Angebot annehmen und er weiß auch, dass der Verlag mit dieser Politik auch solche Autoren gewinnt, die aus Prinzip nur in Open Access oder Open-Access-freundlichen Zeitschriften veröffentlichen. Selbst wenn deutlich mehr Autoren ihre Werke in Open Access Repositorien einstellen, bleibt unklar, ob der Lesende diese Werke wirklich findet. Es ist leider der Fall, dass viele Repositorien nicht besonders benutzerfreundlich sind und dass die meisten schlecht mit einander vernetzt und indexiert sind. Auch die Benutzer sind erst zu überzeugen, dass sie tatsächlich auch in Open-Access-Quellen suchen.

Ob Green Road oder Golden Road das beste Open-Access-Businessmodell ist, wird breit diskutiert. Der Teufel steckt diesmal nicht im Detail, sondern in den Kosten. Es muss jemanden geben, der die Kosten der Veröffentlichung übernimmt. Beim Green Road bezahlen die Einrichtungen, die hinter den Repositorien stehen. Es sind normalerweise die Universitäten. Begründet wird diese Haltung mit dem Argument, dass durch die Repositorien die Kosten gespart werden, die auszugeben wären, wenn man die in den Universitäten entstandenen wissenschaftlichen Arbeiten von den Verlagen zurückkaufen müsste. Die Fragen sind: Wer organisiert die Qualitätssicherung und wie werden die Repositorien benutzerfreundlicher? Es sind lösbare Probleme, deren Lösung jedoch noch aussteht. Der Golden Road hat den Vorteil, dass er ein verlagsähnliches Modell für die Qualitätssicherung benutzen kann. Er hat den Nachteil, dass kein Geisteswissenschaftler die ausreichenden Mittel hat, für seine eigenen Veröffentlichungen auch zu bezahlen. Solch „vanity publishing“ hat auch, zumindest bei vielen Wissenschaftlern in den USA, einen schlechten Ruf. Ob das Modell wirklich rentabel ist, wird noch herauszufinden sein.

Wo liegt die Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens? Ich gehe kein großes Risiko ein, wenn ich für Texte „digital“ sage. Bei wissenschaftlichen multimedialen Publikationen wird man auf eine offenere Denkart warten müssen, die sicher auch von einigen Pensionierungen abhängig sein wird. Ob kommerzielle Verlage oder eine der Formen von Open Access in meiner Lebenszeit die Oberhand gewinnen, hängt davon ab, ob die Open-Access-Fürsprecher ein Businessmodell finden, das wirklich konkurrenzfähig ist. Ich wäre dafür, aber ich zweifle, ob die kommerziellen Verlage schon das Gefühl haben, dass sie in Gefahr seien.

Prof. Michael Seadle PhD
Geschäftsführender Direktor des Instituts für Bibliotheks- und Informationswissenschaft
Professur für Digitale Bibliotheken