CMS Journal
Nr. 35
März 2012
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Vermittlung von Informationskompetenz:Ressourcen und Möglichkeiten an der Universitätsbibliothek

Andrea Kullik I andrea.kullik@ub.hu-berlin.de

Keywords

Universitätsbibliothek, Informationskompetenz, Schulung, Selbstlernen, Online-Tutorial, E-Learning

Abstract

Wie gelingt der Aufbau von Informationskompetenz? Die Einbindung in die Curricula der Bachelor- und Masterstudiengänge ist eine komplexe, langfristige Forderung. Letztlich geht es aber darum, dem individuellen Arbeits- und Lernverhalten entgegenzukommen und es zu unterstützen. Anhand von drei Statements aus aktuellen Evaluationen, die die Entwicklungen in den letzten zehn Jahren Bologna-Reform untersuchen, geht der Beitrag auf die aktuellen Schwerpunkte der UB ein.


Evaluationsergebnisse ...

„Suchmaschinen sind die Hauptquellen bei der Recherche nach wissenschaftlichen Forschungsergebnissen.“1

„…90 Prozent der befragten Bachelorstudierenden [sagen], dass sie sich ihre Informationskompetenz selbst beigebracht hätten.“2

Erwartet werden „gezielte Förderung d(ies)er Schlüsselqualifikation [In-formationskompetenz] durch systematische Kurse der Hochschulbibliothek wie der Fakultät gleichermaßen, flankiert durch Möglichkeiten des E-Learnings.“3

Nachdem seit gut einem Jahrzehnt im Zuge des Bologna-Prozesses die Vermittlung von Informationskompetenz (IK) zu einer Kernaufgabe von Bibliotheken erklärt und allerorten zunehmend praktiziert wurde, treten wir nunmehr in die Phase der Evaluierung und Überprüfung der hierzu eingeleiteten Maßnahmen. Die obigen Zitate sind drei wichtige Ergebnisse, die in diesem Zusammenhang genauso oder ähnlich immer wieder festgestellt wurden. Zuletzt wurden auf dem Deutschen Bibliothekskongress im Juni 2011 in Berlin dazu verschiedene Evaluierungsmodelle, Messmethoden und Ergebnisse vorgestellt.

Dabei ist seit langem erwiesen, dass eine Bibliothek in der Vermittlung von IK nur dann dauerhaft und messbar erfolgreich sein kann, wenn sie ihre Kurse in die Curricula möglichst vieler Fächer als Pflichtveranstaltung verankern und entsprechend ECTS-Punkte vergeben kann. Nur so kann ein Maximum an Studierenden erreicht und können überprüfbare Fähigkeiten vermittelt werden. Voraussetzung hierfür ist fachlich geschultes und motiviertes Personal, das über ausreichend Zeitkapazität für diese Aufgabe verfügt.

Die Humboldt-Universität bietet rund 160 Studiengänge an, für die über die Basis-IK-Kurse hinaus entsprechende fachliche Angebote gemacht werden müssten. Ein Dilemma, das mit dem zur Verfügung stehenden Personal gegenwärtig nur ohne ECTS-Bewertungen und für einige wenige Fächer angegangen werden kann. Daher konzentriert sich die Universitätsbibliothek derzeit darauf, schwerpunktmäßig und orientiert an obigen drei Evaluierungsergebnissen zu agieren.

Inhaltsverzeichnis

Evaluationsergebnisse ......

Suchmaschinen ......

Informationskompetenz sel...

Gezielte Förderung ......

In der Zukunft ......


Suchmaschinen ...

Suchmaschinen sind die Hauptquellen bei der Recherche nach wissenschaftlichen Forschungsergebnissen.“

Oder anders gesagt: 76,1% der im Jahr 2006 befragten MA-Studierenden, Doktoranden und wissenschaftlichen Mitarbeiter nutzten allgemeine Suchmaschinen zum Suchen nach Ergebnissen anderer Forschungsarbeiten.4 Was macht diese Suchstrategie für die Nutzer so vorteilhaft? Ganz einfach: die Suche in allgemeinen Suchmaschinen ist in der Regel unkompliziert, liefert hohe Trefferzahlen und ist schnell. Die Universitätsbibliothek macht sich diese Erkenntnis zu eigen und bietet seit nunmehr knapp einem Jahr die Discovery- und Delivery-Lösung von ExLibris, Primo genannt, an, womit sie etliche Vorteile der Suchmaschinentechnologie für den Bibliotheksbereich adaptiert (Abb. 1).

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Abb. 1: Primus - Suchportal der Universitätsbibliothek

Die ‚heimische‘ Bezeichnung Primus steht für Primäre Universitätssuche und ist auch als solche gedacht. Der primäre Sucheinstieg soll für die Angehörigen der Universität das Primus-Suchportal sein, das neben den rund drei Millionen Datensätzen des eigenen Online-Katalogs und des universitären Dokumentenservers mehrere hundert Millionen wissenschaftlicher Daten durchsuchbar und in vielen Fällen sofort auf die elektronischen Volltexte zugreifbar macht (http://primus.ub.hu-berlin.de). Insofern stellt Primus für den wissenschaftlichen Bereich eine ernsthafte Alternative zu allgemeinen Suchmaschinen dar und dies nicht nur hinsichtlich des Umfangs der recherchierbaren wissenschaftlichen Informationen, sondern auch in puncto Bedienerfreundlichkeit und intuitiver Benutzerführung. Gleichzeitig wird durch die Einbindung exter-ner elektronischer Ressourcen, für die die Bibliothek Lizenzen erworben hat, ein einheitlicher und unkomplizierter Zugriff geboten sowie eine signifikant steigende Ausnutzung dieser Ressourcen bewirkt.

Ein Beispiel aus der bibliothekarischen Praxis mag verdeutlichen, wie sich nicht nur für Nutzer, sondern auch für Auskunftsspezialisten in der Bibliothek eine Discovery & Delivery-Lösung positiv auf die Informationssituation auswirken kann. Ein Studierender sucht Literatur zum Thema ‚Alternativer Nobelpreis‘ bzw. ‚Right Livelihood Award‘. Die Recherchen im lokalen Katalog und in Verbunddatenbanken der Bibliotheken liefern nur wenige Ergebnisse. Fachdatenbanken gibt es für dieses Thema nicht, bleiben fachübergreifende Datenbanken, wie z. B. Web of Science oder die Metasuche in der Digitalen Bibliothek. Alle Recherchen sind für dieses Thema wenig ergiebig oder langwierig. Die Recherche in Primus hingegen führt nicht nur zu einer stattlichen Anzahl relevanter Treffer, sondern macht u. a. durch die Facettierung der Treffermenge deutlich, welche Veröffentlichungsformen zu diesem Thema dominieren, nämlich Beiträge in Zeitungen, gefolgt von Aufsätzen in Fachjournalen. Damit ist dem Rechercheur ein wertvoller Hinweis gegeben, welche Ressourcen zusätzlich genutzt werden müssten, um ein vollständigeres Suchergebnis zu erzielen. So sind zusätzlich Zeitungsarchive und Anbieter internationaler Presseinformationen für dieses Thema erfolgreich zu konsultieren. An diesem Beispiel wird deutlich, dass Primus insbesondere bei interdisziplinären Themen und bei neuen wissenschaftlichen Sujets, zu denen es in den traditionellen Kataloge nur (wenig) selbständig erschienene Literatur zu finden gibt, erfolgsversprechend ist.

Zukünftig wird die UB etliche fachspezifische Ressourcen, die bisher in der Digitalen Bibliothek angeboten werden, in Primus einbinden und so dem Nutzer eine Vielzahl weiterer relevanter Quellen unter einer einheitlichen Suchoberfläche anbieten können.

Inhaltsverzeichnis

Evaluationsergebnisse ......

Suchmaschinen ......

Informationskompetenz sel...

Gezielte Förderung ......

In der Zukunft ......


Informationskompetenz selbst erwerben ...

„…90 Prozent der befragten Bachelorstudierenden [sagen], dass sie sich ihre Informationskompetenz selbst beigebracht hätten.“

Oder anders gesagt, autodidaktisches Erwerben von Recherchefähigkeiten ist im Befragungszeitraum 2008-2011 sehr weit verbreitet, obwohl entsprechende Angebote an Bibliotheken und Universitäten, so auch bei uns, genutzt werden könnten. Passen diese zeitlich nicht in den Stundenplan der Studierenden oder sind sie inhaltlich und methodisch nicht interessant genug? Fakt ist, dass das Lern- und Arbeitsverhalten Studierender nicht nur einem Modell folgt, sondern vielfältige und differenzierte Erscheinungsformen annehmen kann.5

Diesem veränderten Arbeits- und Lernverhalten Studierender kommt die UB einerseits entgegen, indem sie daran arbeitet, die vielfältigen Informationsressourcen auf ihren Webseiten transparenter anzubieten und unkompliziertere Zugänge zu schaffen. Eine Evaluierung der Bedienbarkeit und Transparenz unserer Webseite im Frühjahr des Jahres hat dazu aufschlussreiche Ergebnisse zu Tage gebracht, die nach und nach umgesetzt werden.

Ein wichtiger Faktor ist außerdem, zusammen mit dem CMS die geeignete räumliche und technische Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, um selbstorganisiertes Lernen stärker zu unterstützen. Dazu gehört auch, atmosphärisch angenehme Lernumgebungen zu schaffen, die den ‚Autodidakten‘ unter den Studierenden ermöglichen, in bequemen Sesseln mit dem Laptop auf den Knien und einem erfrischenden Getränk daneben sich die benötigten Recherchekompetenzen anzueignen. Dies erfolgte an zahlreichen Standorten der UB, zuletzt im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum.

Weitere Unterstützung sind im verstärkten Ausbau der lokalen und virtuellen Beratungsangebote von UB und CMS zu leisten, so dass ‚Selbstlerner‘ spontan, zeitnah und insbesondere auch ortsunabhängig Beratung wahrnehmen können. Damit sind wir zwar noch weit davon entfernt, ‚Information Commons‘, wie sie zuerst in Großbritannien und USA Schule gemacht haben, an unseren Standorten anzubieten, die räumlichen und strukturellen Voraussetzungen haben wir aber an zwei Standorten (Grimm-Zentrum und Zweigbibliothek Naturwissenschaften), wo CMS und UB ein Gebäude gemeinsam nutzen, bereits geschaffen.

Schließlich haben wir ein Paket an E-Tutorials geschnürt (siehe nächster Abschnitt), mit dem sich Studierende selbständig Fähigkeiten der Informationskompetenz aneignen können. Der Faktor der örtlichen und zeitlichen Ungebundenheit kommt den Studierenden dabei sehr entgegen.

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Evaluationsergebnisse ......

Suchmaschinen ......

Informationskompetenz sel...

Gezielte Förderung ......

In der Zukunft ......


Gezielte Förderung ...

Erwartet werden „gezielte Förderung d(ies)er Schlüsselqualifikation [Informationskompetenz] durch systematische Kurse der Hochschulbibliothek wie der Fakultät gleichermaßen, flankiert durch Möglichkeiten des E-Learnings.“

Oder anders gesagt, die Mischung ist wichtig. Methodisch wird Blended Learning (Integriertes Lernen) bevorzugt und die Angebote werden vom Bibliotheksfachpersonal ebenso wie von Dozenten der Fächer erwartet. Damit sieht sich die Universitätsbibliothek bestätigt, auch weiterhin IK-Basiskurse (derzeit fachübergreifend und in drei Modulen) anzubieten, ergänzt durch fachbezogene Kurse an den Bibliotheksstandorten, die die entsprechenden Fächer pflegen. Die Angebote müssen aber stärker als bisher, möglichst flächendeckend und in Kooperation bzw. Abstimmung mit den Dozenten in den Fachbereichen erfolgen. Die Präsenzlehre wird bereits mit Hilfe unserer Online-Tutorials um E-Learning-Elemente erweitert und kombiniert (http://www.ub.hu-berlin.de/recherche-lernen/online-tutorials, siehe Abb. 2), die Verzahnung ließe sich jedoch weiter optimieren und didaktisch besser aufeinander abstimmen. Die Online-Tutorials bieten neben Einstiegsthemen wie ‚Die UB kennenlernen‘ in weiteren Kapiteln IK-relevante Themen wie ‚Recherche vorbereiten‘, ‚Recherche durchführen‘ und ‚Informationen verarbeiten‘ und decken vom Entwickeln von Suchstrategien bis zu Fragen des Zitierens und des Plagiats alle wesentlichen Standards ab, die die bibliothekarische Fachwelt formuliert hat.6

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Abb. 2: Einstiegsseite zu den Online-Tutorials der UB

Selbstorganisiertes E-Learning unterstützen wir außerdem durch Videos, die Inhalte wie ‚Wissenschaftliche Nutzungsmöglichkeiten des Internet‘ oder das ‚Deep Web‘ in jeweils 10 bis 15 Minuten Dauer vermitteln. Weitere Videos zu Suchstra-tegien, Datenbanken und Fachbibliographien illustrieren und ergänzen die entsprechenden Kapitel unseres Online-Tutorials. Zu allen Lehrfilmen gibt es ein Quiz, mit dem die Studierenden ihren Lernerfolg spielerisch testen können. Dieses Quiz bieten Dozenten gerne ihren Studierenden an bzw. wollen es in ihr ‚eigenes‘ Moodle-Angebot integrieren.

Die Videos stellt die UB als Mitglied von LOTSE (http://lotse.uni-muenster.de/) zur Verfügung. Mit LOTSE bietet die UB darüber hinaus einen Wegweiser zur Literatursuche und zum wissenschaftlichen Arbeiten an, der sowohl fachübergreifend als auch fächerbezogen genutzt werden kann. Bisher ist LOTSE insbesondere im Bereich unseres Sondersammelgebiets Ethnologie (Volks- und Völkerkunde) als Ethno-LOTSE erfolgreich im Einsatz. Die LOTSE-Mitgliedschaft ist für die UB ein Ressourcen sparender Weg, um durch die Leistungen und die Ideen anderer elektronische Instrumente im Bereich E-Learning nutzen zu können.

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Evaluationsergebnisse ......

Suchmaschinen ......

Informationskompetenz sel...

Gezielte Förderung ......

In der Zukunft ......


In der Zukunft ...

… wird sich die UB stärker mit Instituten und Fakultäten absprechen, um u. a. koordinierte und sich ergänzende Angebote zur Vermittlung von Informationskompetenz anbieten zu können und entsprechende E-Learning-Einheiten – z. B. auf fachspezifische Inhalte – zu adaptieren und weiterzuentwickeln. Dabei werden wir die Tutoren in den Instituten mehr als bisher als Kooperationspartner und vor allem als Multiplikatoren einbeziehen. Damit sind wir noch weit entfernt vom Ziel der „bepunkteten“ Pflichtveranstaltungen, steigern aber erheblich den Kreis der erreichbaren Studierenden, insbesondere in den Formaten, in denen sie IK-Vermittlung erwarten. Die IK-Kurse der Präsenzlehre werden wir außerdem zielgruppenspezifischer anbieten und damit auf die Bedürfnisse der einzelnen Gruppen genauer eingehen können.

Dem wachsenden Bedarf an unterstützenden Angeboten zu Literaturverwaltungssystemen, insbesondere Citavi, werden wir ab diesem Wintersemester kontinuierlich durch Präsenzveranstaltungen nachkommen können (siehe auch dennachfolgenden Beitrag von Matti Stöhr).

Für Programme, die IK-Themen betreffen, strebt die UB an, in Abstimmung mit dem CMS ein koordiniertes Verfahren einzuführen, damit zeitnah und effektiv die Beratungs- und Kursangebote für neue Produkte geplant und durchgeführt werden können. Bisher nur in Ansätzen genutzt, werden wir die Lernplattform Moodle stärker für die Verzahnung von Präsenz- und Online-Lehre verwenden.

Des Weiteren wird der LOTSE-Wegweiser stärker an die lokalen Gegebenheiten angepasst und somit auch über die Anwendung im Sondersammelgebiet Ethnologie hinaus für andere Fächer ein gewinnbringendes Angebot des selbstorganisierten Lernens werden.

Schließlich ist uns bewusst, dass alle Angebote regelmäßigen Überprüfungen unterzogen und aus Nutzungsstatistiken stärker als bisher Konsequenzen gezogen werden müssen. Das Zusammenspiel von Präsenzlehre und E-Learning (Integriertes Lernen / Blended Learning) müssen wir vermehrt in den Blick nehmen und erfolgreiche Bausteine aus beidem zukünftig besser kombinieren.

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Evaluationsergebnisse ......

Suchmaschinen ......

Informationskompetenz sel...

Gezielte Förderung ......

In der Zukunft ......

Anmerkungen

1 Oliver Kohl-Frey: Informationskompetenz hinter dem Bachelor-Horizont: Ergebnisse einer Studie an der Universität Konstanz. 2006. http://kops.ub.uni-konstanz.de/handle/urn:nbn:de:bsz:352-opus-24124 S. 4-5 und Abb. 1

Anmerkungen

2 Wilfried Sühl-Strohmenger: Informationskompetenz im Bachelor- und Masterstudium. Befunde von Studierendenbefragungen (2008–2010) an der Universität Freiburg. In: B.I.T.online 14 (2011) Nr. 1, S. 17

Anmerkungen

3 Ders., S. 18

Anmerkungen

4 Siehe Kohl-Frey, Abb. 1, S. 4

Anmerkungen

5 Vergl. Gläser, Christine: Die Bibliothek als Lernort – neue Servicekonzepte. In: Bibliothek: Forschung und Praxis 32 (2008) 2. S. 171–182, S. 172

Anmerkungen