Haasis-Berner, Andreas: Pilgerzeichenforschung Forschungsstand und Perspektiven

Kapitel 3. Was geschah mit den Pilgerzeichen nach vollendeter Wallfahrt?

Es können zwei unterschiedliche Verhaltensweisen gegenüber Pilgerzeichen beobachtet werden: eine religiöse, und eine profane. Schon die erste Nennung eines Pilgerzeichens von Rocamadour 1166 zeigt die Pilgerzeichen als Kontaktreliquien. Ein Ritter wird geheilt, nachdem er mit einem Zeichen berührt wird, das zuvor mit der Marienstatue in Kontakt gekommen war. 1436 war es ein Monopol des Hospitals von Le Puy, die Statue mit Pilgerzeichen zu berühren<39>. Dies scheint ein wesentliches Moment im Hinblick auf die Funktion der Pilgerzeichen gewesen zu sein. Aber auch die Aufbewahrung von Pilgerzeichen innerhalb von Kirchen scheint häufig gewesen zu sein. In Altötting wurde eine Statue des St. Severin mit einen Altöttinger Pilgerzeichen verziert, das auf der Krempe seines Hutes angebracht war (vor 1500). Aus verschiedenen Kirchen ist bekannt, daß Jakobsmuscheln im ihrem Inneren aufbewahrt wurden. Im oder beim Altar wurden auch Pilgerzeichen gefunden, so ein Einsiedler Zeichen in Tragail (Österreich), ein Zeichen von Elende bei einem Altar in der Kirche zu Voss (Norwegen), ein Maastrichter Zeichen in der Kirche von Fornasa (Schweden). Dies erinnert stark an die Deponierung zahlreicher religiöser Objekte unter dem Nonnenchor von Kloster Wienhausen, unter denen sich neben zahlreichen Andachtsbildern und religiösen Objekten auch Pilgerzeichen befanden<40>. Der Chorraum galt als sakrosankt und diente zur Aufnahme von nicht benötigten religiösen Objekten.

In einem ähnlichen Zusammenhang ist das Einnähen von Pilgerzeichen und Brakteaten in Stunden- und Gebetbücher zu sehen, was ab er Mitte des 15. Jahrhunderts nachzuweisen ist. Sie dienen zur Verzierung des Buches - sind nicht ursprünglicher Teil des Buches und fungieren in gewisser Weise als Andachtsbild.

In den weiteren Bereich der Devotion ist folgendes Zitat zu stellen: "Wallfahrt entsteht durch ein 'bleien zaichen, so man ehran zun 14 nothelfern uff dem Bambergischen gebürg dennen wallenden auszugeben pflegte'", das der Schuhmacher Sigmundt Weinbrenner "in ein bildthäuszleich.. geheftet"<41>. Offensichtlich hatte dieser Schuhmacher ein in Vierzehnheiligen (Franken) erworbenes Pilgerzeichen in einem Bildhäuschen angebracht. Wahrscheinlich ist ein Gebet vor diesem Bildstock erhört worden, wodurch ein zahlreicher Zulauf zu dem Ort entstand. Statt Wallfahrt ist in diesem Zusammenhang der Begriff geläuff wohl treffender. Allerdings fühlt man sich bei dieser Beschreibung unwillkürlich an den Bodenfund von Antwerpen erinnert, der genau so ein einfaches Bildhäuschen mit Zeichen von Blomberg und Wilsnack darstellt<42>.

Abschließend ist zu erwähnen, daß zahlreiche Pilgerzeichen - insbesondere bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts - als Grabbeigabe dienten. Diese Grabbeigaben waren wohl durch die Hoffnung motiviert, bei der Auferstehung als Pilger erkannt zu werden, um unverzüglich in das Paradies erlangen zu können.

Noch nicht erhellt sind die Beweggründe, die zum Falten von Zeichen geführt haben, bevor sie weggeworfen wurden. Aber auch hier liegt eine magisch-religiöse Ursache im Bereich des Möglichen<43>.

Abschließend muß noch die Praxis erwähnt werden, Pilgerzeichen auf Glocken und Erztaufen anzubringen. In erster Linie handelt es sich um billige und verhältnismäßig leicht zu erwerbende Model, mit denen die Glockengießer ihren Fundus der Verzierungen erweitern konnten. Nicht bekannt sind nach wie vor die Abläufe zwischen Erwerb des Pilgerzeichens und Anbringen auf dem Glockenmantel. Es ist unklar, ob der Glockengießer sie selbst erworben hat, oder Mitglieder der Gemeinde, für die die Glocken gegossen wurden. Die religiöse Komponente - etwa im Bezug auf die Verstärkung des unheilabwehrenden Glockenläutens - sollte nicht zu hoch veranschlagt werden. Wenn dies allgemeines Gedankengut gewesen sein soll, hätte man auch in Baden-Württemberg - um ein Beispiel herauszugreifen - mehr Glockenabgüsse, und nicht nur vier!

Der zweite Aspekt ist der profane, die Ausnutzung des Pilgerstatus' für die persönliche Bereicherung. Nicht umsonst werden auf den Altarbildern des 15. und frühen 16. Jahrhunderts vor allem Bettler mit Pilgerzeichen von Wilsnack, Aachen, Rom etc. dargestellt. Dies war sicher ein Brauch bei Angehörigen dieser Personengruppe, die sich durch diese "Auszeichnung" als besonders fromm darstellen wollte. In diesem Zusammenhang ist das Mißtrauen der Zeitgenossen gegenüber Pilgern zu verstehen, wenn man etwa auf folgende Zitat stößt: - 1396: "Wilsnacker Pilger haben ihre Pilgerzeichen zuweilen mit Gewinn weiterverkauft"<44>.

In diesem Zusammenhang steht ferner die erwähnte Gußform für Wilsnacker Pilgerzeichen. Obwohl der Fundort nicht bekannt ist, so gehört sie zu einer Sammlung von Objekten, die zum größten Teil aus Schweden, aber auch aus Dänemark und aus der Schweiz stammen. Hieraus ist zu folgern, daß diese Gußform offensichtlich zu betrügerischen Zwecken gedient hat: der Produktion von Wilsnacker Pilgerzeichen fernab des eigentlichen Wallfahrtsortes<45>.

Erstaunlicherweise wurden bei Angehörige der verschiedenen Bauernkriegsgruppen immer wieder Pilgerzeichen als persönliches Erkennungsmerkmal erwähnt, wie auch beim Bundschuh von Lehen 1513 (bei Freiburg/Breisgau): "Eyner hat zwen böß schenckel, ein schwartzen bösen rock, ein schwartzen hut und zwey zeichen uff zweien brettlin, das ein unser frawen von Einsiedeln, das ander sanct Anna". "Der dritt hat ein magtilain mit ime gen und verbindt dem maytlin die füß und brist ime doch nit und das maitly by siben joren alt. und hat einen langen roten Bart, ein groose grawen korenkappen an, hat wol acht zeichen am hut, namlich die 14 nothelfer, unser frawen sanct otilien. Tragt einen starcken stecken, ob ime stecken ein alten tolichen und unden am stecken ein langen stahel und oben im stecken ein hegle, daran man etwas henckh."<46> Folgende Personen scheinen sich mit dem Gewand des Pilgers getarnt zu haben, um die tatsächliche Pilger auszurauben: "Zwei Wegelagerer, Junker Kurz von Rodsberg und sein Knecht, die nahe Vierzehnheiligen Wallfahrer überfallen, tragen an den Zotteln ihrer Kappen Pilgerzeichen von Vierzehnheiligen."<47>

Hier handelt es sich - was Bild- und Schriftquellen angeht - weitgehend um spätmittelalterliches Material. Es wäre interessant zu wissen, ob derartige Umtriebe auch in den Jahrhunderten zuvor stattgefunden haben - der Erfahrungsschatz im Hinblick auf die menschliche Natur sagt einem aber, daß dies leider wohl so gewesen ist.


Fußnoten:

<39>

Köster 1983 (wie Anm. 5). - Esther Cohen : In haec signa: Pilgrim-badge trade in southern France. Journal of Medieval History 2 (1976), S. 193-214, bes. 206 und Anm. 15 (Rocamadour), Anm. 29 (Le Puy).

<40>

Horst Appuhn: Der Fund vom Nonnenchor. Wienhausen 1973, S. 161ff.

<41>

G. Rücklin: Religiöses Volksleben des Mittelalters 1933, S. 124. - Hans Dünninger (wie Anm. 31), S. 395.

<42>

Köster 1974 (wie Anm. 5).

<43>

Beuningen / Koldeweij 1993 (wie Anm. 11), S. 325.

<44>

A. F. Riedel (Hrsg.): Codex diplomaticus Brandenburgensis, Bd. A 2. Berlin 1842, S. 143. - Peter Browe: Die Eucharistischen Wunder des Mittelalters. Bresslau 1938, S. 157 (=Breslauer Studien zur historischen Theologie N. F. 4).

<45>

Oldeberg (wie Anm. 39), S. 98.

<46>

F. Kluge: Rotwelsches Quellenbuch I, 1901, S. 81. - A. M. Koldeweij: Het zijn niet allen slagers die lange messen dragen. Valse pelgrims en hun herkenningtekens, in: H. J. E. van Beuningen / A. M. Koldeweij, Heilig en profaan I, 1993, S. 33-37. - A. Rosenkranz: Der Bundschuh, die Erhebungen des südwestdeutschen Bauernstandes in den Jahren 1493-1517. Heidelberg 1927.

<47>

Dünninger (wie Anm. 31), S. 392ff.


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.

DiML DTD Version 2.0
Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML - Version erstellt am:
Mon Sep 30 18:16:27 2002