Kraack, Detlev: Die Magie des (Wallfahrts-)Ortes und der Zwang zur Verewigung Religiöse und profane Mobilität im Spiegel vormoderner (Pilger-)Graffiti
Die Magie des (Wallfahrts-)Ortes und der Zwang zur Verewigung
Religiöse und profane Mobilität im Spiegel vormoderner (Pilger-)Graffiti

Detlev Kraack <*>

Zusammenfassung

Durch die Jahrhunderte haben Reisende und Pilger an den von ihnen besuchten Orten geritzte und gekratzte Zeichen ihrer Anwesenheit hinterlassen. Bis in unsere Gegenwart spannt sich hier inhaltlich und formal ein weiter Bogen von bloßen Initialen und Aufenthaltsdaten über einfache Zeichnungen bis hin zu ausführlichen Texten, die von den Motiven und Nöten dieser Menschen künden. In Zeugnissen dieser Art kommt das gewissermaßen anthropologische Bedürfnis nach in der Regel individueller Fixierung und damit gleichsam Überwindung des Augenblicks zum Ausdruck. Was sich so als ein Kulturen und Epochen übergreifendes Phänomen charakterisieren läßt, nimmt im ausgehenden Mittelalter und in den ersten Jahrhunderten der Neuzeit zum Teil betont heraldische Züge an. Die von adligen Reisenden an sakralen und profanen Orten hinterlassenen heraldischen Zeugnisse, die von kunstvoll gestalteten Wappentafeln aus Holz, Pappe und Papier bis zu selbst angefertigten Wappenritzungen reichen, wurden von Mitreisenden und von nachfolgenden Reisenden beobachtet, die sich dadurch bisweilen auch zum Hinterlassen entsprechender eigener Zeugnisse anregen ließen. Auf diese Weise entstanden an den fern der Heimat besuchten Orte zum Teil Generationen übergreifende Sammlungen von Erinnerungszeugnissen, die in gleicher Weise der Repräsentation wie auch der Selbstvergewisserung dienten. Andererseits trug die mündlich wie schriftlich in die Heimat zurückgetragene Kunde von diesen Zeugnissen dazu bei, Ruhm und Ehre der Reisenden zu mehren. Während entsprechenden Zeugnissen damit zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert eine durchaus wichtige Funktion zukam, gerieten sie danach in Vergessenheit. Was wir in der schriftlichen Überlieferung an Reiseberichten und Reiserechnungen noch deutlich fassen, ist heute in situ so gut wie vollständig verloren. Abgesehen vom Katharinenkloster auf dem Sinai und einigen weiteren `Überlieferungsnischen' im Vorderen Orient haben sich bei genauerem Hinsehen auch in Europa hier und dort zumindest gewisse Spuren erhalten, die jedoch ständig vom Überlieferungsverlust bedroht sind. Gerade deshalb sollte das interdisziplinär angelegte Berliner Projekt zu Mobilität, Wallfahrt und Identität als Chance begriffen werden, im nord- und mitteldeutschen Raum noch einmal ganz genau hinzusehen, ob dergleichen nicht vielleicht auch hier an versteckter Stelle überliefert ist, ob sich Spielarten des Phänomens eventuell in späteren Jahrhunderten nachweisen lassen oder ob sich nicht zumindest indirekte Hinweise auf ein entsprechendes Verewigungsverhalten in der betreffenden Schriftquellenüberlieferung erhalten haben.

Schlagwörter:
Graffiti, Erinnerungskultur, Memoria, Adelsreise, Heraldik, Katharinenkloster/ Sinai, San Francesco in Assisi


Inhaltsverzeichnis

TitelseiteDie Magie des (Wallfahrts-)Ortes und der Zwang zur Verewigung Religiöse und profane Mobilität im Spiegel vormoderner (Pilger-)Graffiti
1 Einführung
2 Assisi vor der Erdbebenkatastrophe
3 Ein vordergründig anonymer Befund beginnt zu sprechen - Die verschlüsselte Devise des Antoine de LaSale
4 Die monumentalen Zeugnisse der spätmittelalterlichen Adelsreise - Reisen um der Ehre willen
5 Zusammenschau und Ausblick
6 Abbildungen

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: - Graffiti am Aufgang von der Unterkirche zur Basilika des Heiligen Franziskus in Assisi. Am oberen Rand ist die fragmentarische Devise des Antoine de LaSale zu erkennen. - Vgl. Kraack: Monumentale Zeugnisse (wie Anm. 3), Abb. 162, S. 281.
Abb. 2: - Faksimileartige Abbildung der Devise des Antoine de LaSale aus der Schrift 'Le Paradis de la reine Sibylle'. - Vgl. Kraack: Monumentale Zeugnisse (wie Anm. 3), S. 401.
<vcx beziehungsweise ccx il convient la sale>
Abb. 3: - Inschrift mit Namen und Wappen des Grafen Heinrich von Hohenstein und des Grafen Günther von Mansfeld. - Vgl. Kraack: Monumentale Zeugnisse (wie Anm. 3), Abb. 104, S. 205-206, Inschrift K72.
Abb. 4: - Graffiti von Studenten des 16. Jahrhunderts auf einem gewaltigen Hünengrab unweit Poitiers. - Vgl. Kraack: Monumentale Zeugnisse (wie Anm. 3), Abb. 170, S. 451.
Abb. 5: - Ritzungen mit den Namen neuzeitlicher Reisender an einer Herbergstür zu Jerusalem. - Vgl. Kraack: Monumentale Zeugnisse (wie Anm. 3), Abb. 174, S. 471.
Abb. 6: - Ephemerer heraldischer Schmuck auf einem Turnier, nach einer heraldischen Handschrift des 15. Jahrhunderts. - Vgl. Kraack: Monumentale Zeugnisse (wie Anm. 3), Abb. 166, S. 406.
Abb. 7: - Heute verlorene Papierbögen mit den Wappen von Kunz Geuder aus Nürnberg (1474) und Sigmund Laber, die im 19. Jahrhundert im Heiligen Land an die Öffentlichkeit gelangt waren. - Vgl. Kraack: Monumentale Zeugnisse (wie Anm. 3), Abb. 19, S. 132-133.

Fußnoten:

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Ähnlich wie mein Vortrag auf der Eislebener Tagung ist auch der vorliegende Beitrag in mancherlei Hinsicht bewußt offen angelegt. Was bisweilen kaum mehr als angedeutet werden konnte, ist an anderer Stelle weiter ausgeführt. - Dafür habe ich bei der Ausarbeitung der schriftlichen Form versucht, Anregungen aus anderen Vorträgen oder aus Diskussionsbeiträgen aufzunehmen, und mich darüber hinaus generell von der Idee leiten lassen, für das geplante interdisziplinäre Forschungsprojekt zur spätmittelalterlichen Wallfahrtstopographie Mittel- und Norddeutschlands, das die Dreiheit von Religion, Mobilität und regionaler Identität näher untersuchen wird, aus der Perspektive des von mir bearbeiteten Gegenstandes sinnstiftende Impulse zu vermitteln.


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Mon Sep 30 19:03:34 2002