Kühne, Hartmut: Der Harz und sein Umland - eine spätmittelalterliche Wallfahrtslandschaft ?

Einführung

Ende Juli 1517 - etwa ein viertel Jahr vor der Publikation der berühmten Wittenberger Thesen über den Wert der Ablässe, die bekanntlich eine Bewegung initiierten, in deren Verlauf auch die spätmittelalterliche Wallfahrtspraxis der Kritik und schließlich einem protestantischen Verdikt verfiel - schrieb die Gräfin Anna von Stollberg-Wernigerode in einem Brief an ihre Schwägerin, die Gräfin Katherina von Königsstein, sie wünschte, ihre „liebe Schwester“ „hetten sich etwa zcu eyner walfart disszer lande arthe gelobet, damit wir unverstorbene witfrauen zusamen quemen, dan ich weys, das myr Nymants anderss dan E.l. gewunscht, dasz mein her also selden anheimsch kompt“<1>. Auf diese Klage und Bitte antwortete ihre aus dem Rheinland stammende Schwägerin: „...Als aber E. l. wunscht das ich mich zu einer walfart in ewer lantart gelobt hette, Sint mir ewre heiligen noch zurzeit unbekant unnd befind der jn meinem Rynischen kalender wenig die mit zu unnszer beyder zusamenkomens dieser zeit hulflich sein wullen; verhoffe aber doch mit der zeit jm heiligen buch wyther zu lesenn, das etwan einer mocht gefunden werden, der mich by E.L. bringen wult, dann ich derselbigen walfart als hoch begerig were als E. L. es wunschen mag“<2>. Angesichts des Wissensstandes neuerer mediävistischer und kirchengeschichtlicher Literatur zum Harzgebiet und der religiös-volkskundlichen Wallfahrtsforschung im deutschen Raum drängt sich bei dieser Antwort der Eindruck auf, als habe es nicht nur an der mangelnden Lektüreleistung der Gräfin von Königsstein gelegen, daß sie den Stollbergisch-Wernigeröder Landen ihrer Schwägerin als 'Wallfahrtslandschaft' nichts abgewinnen konnte. Denn auch für uns evoziert der Ausdruck „Wallfahrtslandschaft“ ganz andere Regionen als den Harz und sein mitteldeutsches Umland: Wallfahrtslandschaften, das sind vor allem die altbayerischen und fränkischen Gnadenorte wie Altötting, Tuntenhausen, Andechs, Dettelbach, Iphofen, Vierzehnheiligen und Walldürn mit ihren topographischen Bezugspunkten in Form von Wegekapellen und Bildstöcken.

Ferner stellt sich im Kontext der deutschen Wallfahrtsforschung sofort die Frage, inwiefern der hier benutzte Ausdruck „Wallfahrtslandschaft“ denn überhaupt mit dem Attribut „spätmittelalterlich“ verbunden werden darf. Seit der von Georg Schreiber vorgetragenen Strukturanalyse abendländischer Wallfahrtsgeschichte<3> wird der Blütezeit hochmittelalterlicher Fernwallfahrt immer wieder die frühneuzeitliche, d. h. im protestantischen Sprachgebrauch nachreformatorische, Nahwallfahrt gegenübergestellt, die ihren Ausdruck eben besonders in jenen süddeutschen katholischen Territorien fand, die uns beim Begriff der Wallfahrtslandschaft vor Augen stehen.

Diese Forschungstradition erfordert folglich einige Vorbemerkungen. Ich verfahre daher so, daß zunächst einige grundlegende Überlegungen zur Rekonstruierbarkeit spätmittelalterlicher Wallfahrtslandschaften in deutschen Landen vorgetragen werden. Zum zweiten sollen die Probleme der Definition und Rekonstruktion spätmittelalterlicher Wallfahrten exemplarisch am Beispiel der Grafschaft Mansfeld behandelt werden. Und zum dritten wird der Versuch einer knappen und vorläufigen Bestandsaufnahme der spätmittelalterlichen Wallfahrtsorte des Harzraums unternommen.


Fußnoten:

<1>

Zit. Eduard Jacobs: Stolberg und der Harz als Gesundheitsaufenthalt und der Besuch des Wildbades zu Ems von Seiten der Herrschaft Stolberg zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts, in: Zeitschrift des Harzvereins für Geschichte und Alterthumskunde 3 (1870), S. 722-726, dort S. 724f.

<2>

Ebenda, S. 725.

<3>

Georg Schreiber, Strukturwandel der Wallfahrt, in: Ders. (Hrsg.), Wallfahrt und Volkstum in Geschichte und Leben. Düsseldorf 1934, S. 1-183 (=Forschungen zur Volkskunde 16/17).


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.

DiML DTD Version 2.0
Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML - Version erstellt am:
Thu Oct 31 14:25:29 2002