Moosburger, Agnes: Struktur- und Effizienzwirkungen einer Kapitalsubventionierung im Transformationsprozeß am Beispiel des Agrarsektors Polens

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Kapitel 1. Abgrenzung der Arbeit

1.1. Einleitung und Problemstellung

Der landwirtschaftliche Sektor Polens ist nach wie vor durch eine geringe Produktivität gekennzeichnet. Derzeit wird die landwirtschaftliche Nutzfläche (LN) zu etwa 75 % von kleinbäuerlichen Betrieben mit einer durchschnittlichen Flächenausstattung von zirka 7 ha LN bewirtschaftet. Hinzu kommt, daß im landwirtschaftlichen Sektor noch etwa 27 % aller Arbeitskräfte beschäftigt sind, diese aber nur einen Beitrag von 6,9 % (1996) zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) leisten (BMWi, 1998).

Diese geringe Produktivität der landwirtschaftlichen Betriebe läßt aus (agrar-) ökonomischer Sicht eine rasche strukturelle Anpassung des landwirtschaftlichen Sektors als unabdingbar erscheinen. Ein wesentlicher innerbetrieblicher Entwicklungsengpaß ergibt sich aus der geringen Investitionsfähigkeit der Betriebe. Die Investitionstätigkeit ging im Verlauf des Transformationsprozesses stark zurück und erreichte im Jahr 1993 den Tiefpunkt mit etwa 40 % des Investitionsvolumens von 1985. Seit 1994 ist eine verhaltene Zunahme der Investitionstätigkeit zu beobachten. Das durchschnittliche Investitionsvolumen lag 1996 mit rund 130 Zloty (Zl) je Hektar allerdings erst wieder bei der Hälfte des Wertes zu Beginn des Transformationsprozesses im Jahr 1990. Wie nachfolgende Tabelle ausweist, ging in der gesamten Volkswirtschaft das Investitionsvolumen lediglich kurzfristig zurück und lag im Jahr 1996 bereits um 49 % über dem Wert von 1990 (vgl. hierzu Tabelle 1 ) (GUS, verschiedene Jahrgänge).

Tabelle 1: Entwicklung des Investitionsvolumens in % des vorausgehenden Jahres

Jahr

1986

1988

1990

1992

1994

1996

 

 

 

 

 

 

 

1990=100

1992=100

Gesamte

Volkswirtschaft

105,1

105,4

89,9

100,7

108,1

119,2

148,6

154,4

Ldw. Sektor

100,6

103,3

67,0

89,5

104,0

129,5

51,3

140,2

Quelle: GUS, verschiedene Jahrgänge

Die geringe Investitionsfähigkeit der landwirtschaftlichen Betriebe geht u.a. auf deren eingeschränkte Kreditwürdigkeit zurück. 1994 wies die Bilanz eines durchschnittlichen polnischen Familienbetriebes ein Anlagekapital von rund


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3 000 DM je ha LN<1> aus (GUS, 1994). Daraus wird nicht nur der hohe Investitionsbedarf ersichtlich, sondern es zeigt sich auch, daß die Vergabe von Realkrediten nur in wenigen Fällen möglich ist. Zusammen mit dem ohnehin unterentwickelten Kapitalmarkt führt dies zu einem beschränkten Zugang der landwirtschaftlichen Betriebe zu Krediten.

Neben den Unvollkommenheiten des Kapitalmarktes erschweren auch die Unvollkommenheiten des Arbeitsmarkes einen raschen landwirtschaftlichen Strukturwandel. Ein zügiger Agrarstrukturwandel erscheint durch den damit verbundenen Abbau von Arbeitsplätzen<2> aus arbeitsmarktpolitischer Sicht nicht unproblematisch. Mangels alternativer außerlandwirtschaftlicher Beschäftigungsmöglichkeiten hat der landwirtschaftliche Sektor (vorübergehend) vielfach die Funktion eines Arbeitskräftereservoirs übernommen (Egger, 1996)<3>. Während auf der Makroebene dadurch eine Dämpfung der offenen Arbeitslosigkeit erreicht wird bedeutet dies für die landwirtschaftlichen Betriebe vielfach, daß sie von der Substanz leben, zumindest aber kaum Eigenkapital bilden können. Die Weiterentwicklung zu wettbewerbsfähigen Strukturen wird so erschwert.

Dies wirft die Frage auf, ob ein staatliches Eingreifen in den landwirtschaftlichen Strukturwandel sinnvoll sein kann. In Polen wird von staatlicher Seite über die 'Agentur zur Restrukturierung und Modernisierung der Landwirtschaft' (ARiMR) ein Agrarkreditprogramm durchgeführt.


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Damit wird u.a. die Verbesserung der Agrarstruktur sowie die Schaffung neuer Arbeitsplätze im ländlichen Raum angestrebt (ARiMR, 1997). Im Rahmen dieses Programmes werden zinsvergünstigte Kredite an landwirtschaftliche Betriebe und Unternehmen der Lebensmittelindustrie vergeben.

Von der einzelbetrieblichen Investitionsförderung (EIF) sind konträre, sich zum Teil überlagernde Effekte zu erwarten (Balmann et al., 1996; Geldermann, et al., 1996):

1.2. Zielstellung

In diesem Forschungsvorhaben soll eine modellgestütze qualitative ex ante Analyse der einzelbetrieblichen Investitionsförderung im Kontext des fortlaufenden Transformationsprozesses aus betrieblicher und regionaler Sicht sowie unter Berücksichtigung von Effizienzkriterien durchgeführt werden. Hierbei werden verschiedene mögliche Entwicklungen der agrarpolitischen Rahmenbedingungen (‘Fortführung der derzeitigen Agrarpolitik’ und ‘Übergang zur Agenda 2000’) berücksichtigt.


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Auf einzelbetrieblicher Ebene wird der Einfluß der EIF auf das betriebliche Einkommen, die Flächenausstattung sowie die eingesetzten Arbeitskräfte ermittelt und als Beurteilungskriterium verwendet. Daneben soll der Umfang der getätigten Investitionen Auskunft über das Entwicklungspotential der einzelnen Betriebstypen geben. Auf regionaler Ebene werden unter Berücksichtigung zwischenbetrieblicher Konkurrenzbeziehungen, Kennziffern wie Entwicklung der Anzahl der Betriebe und die durchschnittliche Betriebsgröße zur Wirkungsanalyse der EIF herangezogen.

Neben Untersuchungen zu den Auswirkungen der EIF auf betrieblicher und regionaler Ebene wird auch eine Effizienzbetrachtung durchgeführt. Hierzu werden der Einkommensanstieg im Verhältnis zu den eingesetzten Subventionen (Transfereffizienz) und die Auswirkungen auf die volkswirtschaftliche Wohlfahrt ermittelt.

1.3. Vorgehensweise

In Kapitel 1 wird zunächst die Problem- und Zielstellung der Arbeit dargelegt. Das folgende Kapitel, Kapitel 2, stellt das polnische Agrarkreditprogramm vor. Vorrangig wird hier auf die Kreditkonditionen sowie auf die Praxis der Kreditvergabe eingegangen. Als Beispielsregion wird die Wojewodschaft Torun analysiert. Im Vordergrund steht der Aufbau einer geeigneten Datengrundlage zum Ableiten der Modellbetriebe.

In Kapitel 3 wird mittels einer erweiterten Nutzen-Kosten-Analyse der potentielle Wohlfahrtsbeitrag der einzelbetrieblichen Investitionsförderung in einer Situation unter unvollkommenen Marktbedingungen herausgearbeitet. Dabei wird insbesondere auf die Situation am polnischen Arbeits- und Kapitalmarkt eingegangen.

In Kapitel 4 wird das erstellte einzelbetrieblich basierte auf rekursiv-linearer Programmierung gestützte Regionalmodell vom Typ eines ‘independent farm models’ beschrieben. Mit dessen Hilfe werden für einen mittelfristigen Zeitraum wichtige Kenngrößen der einzelbetrieblichen Entwicklungen und der strukturellen Anpassung quantifiziert. Gemäß der Zielstellung werden insbesondere die Konkurrenzbeziehungen der landwirtschaftlichen Betriebe um Nutzflächen sowie die Investitions- und Betriebsaufgabeentscheidungen berücksichtigt.


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Es folgt eine Beschreibung der untersuchten agrarpolitischen Szenarien. Diese wurden auf der Basis der derzeitigen Agrarpolitik in Polen bzw. der in der Agenda 2000 für die assoziierten mittel- und osteuropäischen Länder vorgesehenen Beitrittsbedingungen formuliert.

Auf der Basis der mit Hilfe des Regionalmodells generierten Daten werden in Kapitel 5 Ergebnisse zum Einfluß der Investitionsförderung auf die einzelbetrieblichen Entwicklungen und den Strukturwandel vorgestellt. Zur Effizienzbetrachtung der Investitionsförderung auf betrieblicher Ebene wird die Transfereffizienz (Quotient des Gegenwartswertes des Gewinnanstiegs und des Subventionswertes) ermittelt. Um gesamtwirtschaftliche Aspekte zu berücksichtigen, wird mit Hilfe einer erweiterten Nutzen-Kosten-Analyse der Wohlfahrtsbeitrag der EIF ermittelt. Hierzu wird den Opportunitätskosten des durchschnittlich zusätzlich gebundenen Kapitals der auf die Investitionsförderung zurückgehende Einkommensanstieg sowie der Zusatznutzen - die zusätzlich auszahlbaren Löhne und die Veränderung der Pachteinnahmen der Haushalte - gegenüber gestellt.

Den Abschluß bildet Kapitel 6. Es enthält Schlußfolgerungen zur Stuktur- und Effizienzwirkung einer Kapitalsubventionierung im Transformationsprozeß und gibt einen Überblick über die wesentlichen Inhalte der Arbeit.

Zusammenfassend werden mögliche Auswirkungen der einzelbetrieblichen Investitionsförderung unter verschiedenen agrarpolitischen Rahmenbedingungen auf die betrieblichen Entwicklungen und den landwirtschaftlichen Strukturwandel untersucht. Zusätzlich wird eine Effizienz- und Wohlfahrtsbetrachtung der EIF unter Berücksichtigung der Unvollkommenheiten am Kapital- und Arbeitsmarkt durchgeführt.


Fußnoten:
<1>

In Deutschland verfügten 1996/97 die Haupterwerbsbetriebe im Durchschnitt über ein Eigenkapital von 21.493 DM/ha LF; die Juristischen Personen wiesen im selben Wirtschaftsjahr ein Eigenkapital von 3.627 DM/ha LF aus. Gerade bei dem Vergleich mit den Juristischen Personen muß berücksichtigt werden, daß es sich dabei um weit größere Betriebseinheiten handelt. Dadurch verliert die Eigenkapitalausstattung je Hektar an Aussagekraft.

<2>

Um beispielsweise einen mit den EU-15 Ländern vergleichbaren Arbeitskräftebesatz zu erreichen, müßten rund 3,04 Mio. landwirtschaftliche Arbeitskräfte freigesetzt werden. Dies würde einen drastischen Anstieg der Arbeitslosigkeit um zirka 120 % bedeuten.

<3>

Die Reservoirfunktion wird im wesentlichen durch zwei Aspekte ausgeübt. Zum einen sind gerade in Familienbetrieben sehr arbeitsintensive Produktionsverfahren anzutreffen, zum anderen - und dies gilt für den bäuerlichen wie für den ehemals staatlichen Sektor - ist in vielen Betrieben nur ein Teil der vorhandenen Arbeitskräfte tatsächlich erforderlich (versteckte Arbeitslosigkeit).


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