Moosburger, Agnes: Struktur- und Effizienzwirkungen einer Kapitalsubventionierung im Transformationsprozeß am Beispiel des Agrarsektors Polens

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Kapitel 3. Potentielle Wohlfahrtswirkung der einzelbetrieblichen Investitionsförderung im landwirtschaftlichen Sektor Polens

3.1. Wohlfahrtswirkung der EIF bei einem allgemeinen Marktgleichgewicht

In der Diskussion um die einzelbetriebliche Investitionsförderung wird häufig auf deren wohlfahrtsmindernde Wirkung verwiesen (siehe u.a. Loy et al., 1996; Jochimsen, Leiner, 1978). Hierbei wird argumentiert, daß bei einem allgemeinen Marktgleichgewicht die privatwirtschaftlichen Tauschakte zu einer allokativ effizienten Verwendung der Ressourcen und damit zu dem maximalen Wohlfahrtsniveau führen. Staatliches Eingreifen würde die Ressourcen, hier Kapital ( ) zumeist einer weniger effizienten Verwertung zuführen und damit unweigerlich zu Wohlfahrtsverlusten führen. Dies wird mit nachfolgender Abbildung, die eine Zinssubventionierung vom Marktzinssatz zum Zinssatz mit Förderung zeigt, verdeutlicht (vgl. Abbildung 2 ). Hier wird davon ausgegangen, daß es sich bei der einzelbetrieblichen Investitionsförderung um ein 'kleines Projekt' handelt, das auf die Marktpreise keinen wesentlichen Einfluß hat. In das Bewertungskalkül gehen demnach lediglich Mengenänderungen ein (Hanusch, 1994).

Abbildung 2: Wohlfahrtswirkung einer Kapitalsubventionierung bei einem allgemeinen Marktgleichgewicht


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Die Begünstigten der Kapitalsubventionierung, die Fremdkapital nachfragenden Landwirte, können ihre bisherige Produzentenrente ('BCD') um die Fläche 'ABDF' erhöhen. Die Rente der das Kapital bereit stellenden Sparer bleibt konstant, da ein stabiler Zinssatz vorausgesetzt wird. Der von der öffentlichen Hand aufzuwendende Betrag entspricht der Fläche 'ABEF'. Die öffentlichen Aufwendungen übersteigen somit den Wohlfahrtsgewinn im landwirtschaftlichen Sektor um die Fläche 'DEF'. Die Fläche 'DEF' gibt den volkswirtschaftlichen Verlust einer Kapitalsubventionierung wieder.

Analytisch kann der Beitrag der EIF zur gesellschaftlichen Wohlfahrt mit Hilfe der Nutzen-Kosten-Analyse (NKA) erfaßt werden. Siehe hierzu nachfolgenden Punkt.

3.2. Nutzen-Kosten-Analyse einer Kapitalsubventionierung für vollkommene Märkte

Mittels der traditionellen Nutzen-Kosten-Analyse werden die Wohlfahrtsbeiträge der EIF für vollkommene Märkte aufgezeigt. Hierzu wird zunächst, wie in der Literatur üblich, auf volkswirtschaftlicher Ebene vorgegangen und lediglich zwischen dem landwirtschaftlichen und den außerlandwirtschaftlichen Sektoren unterschieden. In einem zweiten Schritt wird auf sektoraler Ebene differenziert, um zu einer leichteren Quantifizierbarkeit der Modellsimulationen zu gelangen.

3.2.1. Betrachtung auf volkswirtschaftlicher Ebene

Zunächst wird die volkswirtschaftliche Ebene betrachtet, aufgeteilt nach dem landwirtschaftlichen Sektor und den außerlandwirtschaftlichen Sektoren. Nachfolgende Abbildung gibt den Einfluß einer Zinssubventionierung auf die Kapitalnachfrage und die Produktion wieder (vgl. hierzu Abbildung 3 ). Auf der rechten Seite der Abbildung findet sich die Wertgrenzproduktivitätskurve ( ) von Kapital im landwirtschaftlichen Sektor. Gemessen an der Kapitalnachfrage der gesamten Volkswirtschaft ist die durch die EIF zusätzlich nachgefragte Kapitalmenge vergleichsweise gering. Bei unendlicher Preiselastizität kann von einem Einfluß auf das Zinsniveau durch die erhöhte Kapitalnachfrage abgesehen werden.


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Abbildung 3: Einfluß einer Zinssubventionierung auf die Kapitalnachfrage und die Produktion

Durch die Verringerung des Sollzinses von ' ' nach ' ' steigt die Kapitalnachfrage des landwirtschaftlichen Sektors von Punkt ‘B’ nach Punkt ‘C’. Die Kosten für den Kapitaleinsatz steigen dadurch von der Fläche ‘ABFiM' auf die Fläche ‘ACDiF’. Durch den höheren Kapitaleinsatz steigt im landwirtschaftlichen Sektor die Produktionsmenge ( ) von nach (vgl. Abbildung 3 , linke Seite). Der aus der einzelbetrieblichen Investitionsförderung resultierende Nutzen entspricht demnach dem Erlös der zusätzlichen Produktion (vgl. Formel (1) ).

Volkswirtschaftlicher Nutzen der EIF

(1)

Hierbei wird davon ausgegangen, daß die in Polen erzeugten Mengen gemessen an der Weltproduktion einen weitgehend vernachlässigbaren Einfluß auf die Produktpreise haben ('kleines Land Hypothese'). Von Veränderungen der Erzeugerpreise durch die Investitionsförderung wird daher abgesehen.


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Die außerlandwirtschaftlichen Sektoren sind von dem höheren Kapitaleinsatz in der Landwirtschaft ebenfalls betroffen. Eine geschlossene Volkswirtschaft, und damit eine konstante Geldmenge vorausgesetzt, kann dort weniger Kapital eingesetzt werden, was dazu führt, die Produktion einzuschränken. Die volkswirtschaftlichen Kosten der EIF entsprechen daher dem Rückgang der in den außerlandwirtschaftlichen Sektoren erzielten Erlöse (vgl. Formel (2) ). Dies entspricht dem umgekehrten Vorgang wie im landwirtschaftlichen Sektor (vgl. Abbildung 3 ).

Volkswirtschaftliche Kosten der EIF (a)

(2)

Projektbedingte Rückgänge im Output durch den Abzug von Ressourcen können in der Praxis allerdings kaum erfaßt werden. Eine Möglichkeit, dies zu umgehen, ist die indirekte Bewertung über den Wert der eingesetzten Produktionsfaktoren. Geht man von gewinnmaximierenden Unternehmen aus, läßt sich zeigen, daß der Wert des verdrängten Outputs der Summe der mit ihrem jeweiligen Preis bewerteten Inputfaktoren entspricht, die durch die EIF aus anderen Sektoren abgezogen werden (Hanusch, 1994; Mühlenkamp, 1994). Somit ist der Ausdruck in Formel (2) äquivalent zu:

Volkswirtschaftliche Kosten der EIF (b)

(3)

Die Wohlfahrtswirkung der EIF bei einem allgemeinen Marktgleichgewicht entspricht demnach dem Wert der zusätzlich erzeugten landwirtschaftlichen Produkte abzüglich dem Wert des in den außerlandwirtschaftlichen Sektoren verdrängten Outputs. Der Wert des verdrängten Outputs entspricht hierbei den mit den jeweiligen Faktorpreisen bewerteten Inputmengen, die zugunsten der EIF aus anderen Verwendungen abgezogen werden (vgl. Formel (4) ).


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Wohlfahrtswirkung der EIF für vollkommene Märkte

(4)

Darüber hinaus muß, um eine Vergleichbarkeit zwischen den in der Gegenwart anfallenden Anschaffungskosten der Investitionen mit dem über die gesamte Nutzungsdauer ( ) entstehenden Nutzen anstellen zu können eine Diskontierung, entsprechend dem Zeitpunkt des Auftretens ( ), durchgeführt werden. Die angegebene Formel ist deshalb zu erweitern (vgl. Formel (5) ):

Wohlfahrtswirkung der EIF unter Berücksichtigung des Faktors Zeit

(5)

Da die in Formel (4) angegebenen Wohlfahrtsbeiträge mit einem einzelbetrieblich basierten Regionalmodell schwer quantifizierbar sind, werden die Wohlfahrtsbeiträge der EIF, wie bereits angekündigt, nacheinander für die davon betroffenen Sektoren ('landwirtschaftlicher Sektor', 'außerlandwirtschaftliche Sektoren', 'Haushalte' und 'Staat') aufgezeigt.

3.2.2. Betrachtung auf sektoraler Ebene

Bei der Ermittlung des jeweiligen Sektoreinkommens muß berücksichtigt werden, daß zwischen Kapital und den anderen eingesetzten Faktoren sowohl substitutive als auch komplementäre Beziehungen bestehen können. Zudem wird davon ausgegangen, daß alle Produktionsfaktoren, außer Boden, zu einem festen Preis je Einheit nachgefragt werden können. Ferner wird, wie bereits in Punkt 0 ausgeführt, von einem Einfluß der Investitionsförderung auf die Erzeugerpreise abgesehen.

3.2.2.1. Nutzen der EIF für den landwirtschaftlichen Sektor

Die geförderten Landwirte profitieren von den zusätzlich getätigten Investitionen mit höheren Erlösen. Davon abzuziehen ist der Mehr- bzw. Minderaufwand für den angepaßten Faktoreinsatz (vgl. Formel (6) ).


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Nutzen der EIF für den landwirtschaftlichen Sektor (a)

(6)

Der Nutzen der Investitionsförderung im landwirtschaftlichen Sektor entspricht dem auf die EIF zurückgehenden Einkommensanstieg <A NAME=rID--9></A><B><SUP class=@fn@><A HREF=#iID--9><10></A></SUP></B> der geförderten Landwirte (vgl. Formel (7) ).

Nutzen der EIF für den landwirtschaftlichen Sektor (b)

(7)

3.2.2.2. Nutzen der EIF für die außerlandwirtschaftlichen Sektoren

Die außerlandwirtschaftlichen Sektoren verfügen durch die EIF über weniger Kapital und müssen dadurch ihre Produktion einschränken. Die daraus resultierenden Er- löseinbußen, reduziert um die Einsparungen durch den angepaßten Faktoreinsatz, sind die von den außerlandwirtschaftlichen Sektoren zu tragenden Kosten für die EIF (vgl. Formel (8) ).

Nutzen der EIF für die außerlandwirtschaftlichen Sektoren

(8)


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Die EIF wird als kleines Projekt verstanden, das keinen Einfluß auf das Zinsniveau hat. Sofern sich die außerlandwirtschaftlichen Sektoren im Gleichgewicht befinden und die außerlandwirtschaftlichen Unternehmer Gewinnmaximierer sind, sind deren Grenzproduktivitäten gleich den Faktorpreisen. Infolgedessen entstehen bei geringer Kapitalabwanderung nur vernachlässigbare Einkommenseinbußen. Die durch die Investitionsförderung in den außerlandwirtschaftlichen Sektoren anfallenden Kosten können daher außer acht gelassen werden.

3.2.2.3. Nutzen der EIF für die Haushalte

Die Einkommen der Haushalte sind von der EIF betroffen, sofern Umfang oder Preise der von ihnen bereitgestellten Faktoren: Boden<11>, Kapital, Arbeit beeinflußt werden (vgl. Formel (9) ).

Nutzen der EIF für die Haushalte

(9)

Steigt durch die EIF der Pachtpreis, können die Haushalte ein zusätzliches Einkommen aus der Verpachtung von Flächen erzielen<12>; bei sinkenden Pachtpreisen verringert sich das Einkommen entsprechend. Da es sich bei der EIF um ein kleines Projekt handelt, wird durch die Investitionsförderung das Zinsniveau nicht beeinflußt. Die Haushalte können aus den bereitgestellten Spareinlagen kein zusätzliches Einkommen erzielen. Bei dem zunächst unterstellten allgemeinen Marktgleichgewicht, daß u.a. Vollbeschäftigung voraussetzt, bleibt auch das erzielbare Arbeitseinkommen konstant.


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Der mögliche Nutzen der Haushalte aus der Investitionsförderung beschränkt sich, unter vollkommenen Marktbedingungen, auf ein möglicherweise höheres Einkommen aus der Verpachtung landwirtschaftlicher Flächen .

3.2.2.4. Nutzen der EIF für den Staat

Der Staat hat für das gesamte Fördervolumen die Zinsdifferenz aufzubringen, also sowohl für die durch die EIF zusätzlich getätigten Investitionen als auch für Investitionen, die ohne die EIF zustande gekommen wären . Die staatlichen Ausgaben für die Zinssubventionen betragen daher:

Nutzen der EIF für den Staat

(10)

Faßt man den in den einzelnen Sektoren auftretenden Nutzen bzw. die auftretenden Kosten zusammen, so läßt sich der Wohlfahrtsbeitrag der EIF ausdrücken als:

Wohlfahrtswirkung der EIF unter vollkommenen Marktbedingungen

(11)

Auf einem vollkommenen Markt, der per definitionem durch eine optimale Ressourcenallokation gekennzeichnet ist, wird der Wert der zusätzlich eingesetzten Produktionsfaktoren den Wert des zusätzlichen Outputs übersteigen und die EIF damit zu Wohlfahrtsverlusten führen. Allerdings liegen, abweichend vom neoklassischen Lehrbuchmodell, in Polen derzeit nicht unerhebliche Unvollkommenheiten, insbesondere am Kapital- und Arbeitsmarkt, vor. Diese können mit Hilfe einer erweiterten NKA explizit berücksichtigt werden.


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3.3. Nutzen-Kosten-Analyse einer Kapitalsubventionierung unter Berücksichtigung der Unvollkommenheiten am Arbeits- und Kapitalmarkt

In diesem Punkt werden die bestehenden Unvollkommenheiten am polnischen Arbeits- und Kapitalmarkt aufgezeigt und deren Implikationen für die Wohlfahrtswirkung der EIF analytisch erfaßt.

3.3.1. Unvollkommenheiten am Kapitalmarkt

Zur Darstellung der Unvollkommenheiten am polnischen Kapitalmarkt wird einleitend kurz auf die Entwicklungen im Bankensektor und auf die Situation der BGZ (Bank Gospodarki Zywnosciowej, Bank für Ernährungswirtschaft), der im Agrar- und Ernährungssektor am häufigsten vertretenen Bank, eingegangen. Im Anschluß werden Probleme des (ländlichen) Kapitalmarktes herausgearbeitet, die sich aus der historischen Situation ergeben bzw. die aus aktuellen Entwicklungen erwachsen.

Bis 1989 unterlag der Bankensektor in Polen einer starken staatlichen Kontrolle<13>. Auf der NBP (Narodowy Bank Polski), der Staatsbank, waren gleichzeitig Zentral- und Geschäftsbankaktivitäten vereinigt. Dieses einstufige Bankensystem wurde im Verlauf des Transformationsprozesses durch ein zweistufiges System, bestehend aus der Zentralbank und mehreren sektorspezifischen Banken, ersetzt. Bereits Ende 1995 gab es 84 Banken (Wenzeler, 1997; Borish et al., 1996).

Die BGZ ist, gemessen an der Bilanzsumme, Polens drittgrößtes Kreditinstitut (Wenzeler, 1997). Sie wird den halbstaatlichen Genossenschaftsbanken zugeordnet und bedient verstärkt Betriebe des Agrar- und Ernährungssektors<14>. In den Jahren von 1994 bis 1996 wurde über die BGZ ein großer Teil (zwischen 80 % und 60 %) der für Investitionskredite aufgewendeten Subventionen vergeben (ARiMR, 1997). Bedingt durch die ökonomischen Reformen im Agrarsektor (Abbau von Subventi- onen, Preisfluktuationen etc.) kam die BGZ Anfang der 90er Jahre in ernsthafte


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finanzielle Schwierigkeiten. Zudem haben sich viele kleine BGZ-Genossenschaftsbanken zu Beginn des Transformationsprozesses durch eine übermäßige und zu wenig abgesicherte Kreditvergabe überschuldet<15> (Wenzeler, 1997).

Als Hauptproblem des Finanzsektors wird vielfach die nach wie vor bestehende Dominanz der staatlichen Banken verstanden. Diese verfügen über einen Anteil von jeweils knapp 70 % der vergebenen Kredite und der gehaltenen Einlagen, wodurch der Wettbewerb am Kapitalmarkt eingeschränkt wird (Wenzeler, 1997; Borish et al., 1996, Pederson, 1996). Außerdem ist häufig eine geringe Motivation (leitender) Angestellter staatlicher Banken anzutreffen, da sie im Falle einer Privatisierung ohnehin davon ausgehen müssen, durch politisch unbelastete Führungskräfte mit einer qualifizierteren Ausbildung ersetzt zu werden (Schmieding, Buch, 1992).

Erschwert wird die dringend erforderliche Privatisierung durch einen vergleichsweise hohen Anteil notleidender Kredite. Im Jahr 1995 wurden knapp 20 % der im gesamten Bankensektor vergebenen Kredite als 'nur bedingt wieder eintreibbar' charakterisiert<16> (Borish et al., 1996; Pederson, 1996). Dieser hohe Anteil notleidender Kredite hat im wesentlichen zwei Ursachen. Zum einen mußten die Banken Darlehen übernehmen, die bereits vor der politischen Wende vergeben wurden, obwohl mit einer Rückzahlung vielfach nicht mehr gerechnet werden konnte (Schmieding, Buch, 1992; Swinnen, 1996). Zum anderen trägt die insbesondere im Transformationsprozeß fluktuierende wirtschaftliche Entwicklung (Preisschwankungen, Veränderungen bei den Export- und Importregelungen etc.) zu einem relativ hohen Anteil unregelmäßig bedienter Kredite bei. Dies kommt um so stärker zum Tragen, da viele Banken sektorspezifisch agieren, wodurch ihr Portefeuille eine geringe Diversifikation aufweist (Schmieding, Buch, 1992).


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Ein schneller Übergang zu einem marktwirtschaftlichen Bankensystem wird auch durch die oft unzureichende Ausbildung und fehlende Erfahrung (leitender) Angestellter erschwert (Schmieding, Buch, 1992; Pederson, 1996). Im Rahmen verschiedener EU-Projekte wie beispielsweise Phare, Tacis wird immer wieder auf einen besonders dringenden Schulungsbedarf in diesem Sektor hingewiesen (European Commission, 1995). Gehemmt wird ein schneller Übergang zu einem marktwirtschaftlichen Bankensystem auch durch ein unzureichendes Bankenkontrollsystem. Nach einigen Skandalen im Bankensektor wurde dieses in den letzten Jahren allerdings verbessert; nach wie vor fehlt aber auch hier ausreichendes, entsprechend ausgebildetes Personal (Schmieding, Buch, 1992; Borish, 1997).

Zusätzliche Schwierigkeiten bereitet die zumeist geringe Finanzausstattung der Banken<17>. Die Unterkapitalisierung hat ihre Ursachen u.a. in der geringen Einlagenmobilisierung der Banken. Die Sparquote lag in Polen im Jahr 1996 bei nur 7,2 % (in Deutschland wurden 1998 11 % des verfügbaren Einkommens gespart), (BMWi, 1998). Dies geht neben dem zeitweiligen Einbruch der Realeinkommen auf die zumeist sehr geringe, wenn nicht gar negative Realverzinsung der Spareinlagen zurück. Die statistischen Angaben weisen für 1992 einen Realzinssatz für einjährige Spareinlagen von -6,3 % aus; erst 1996 konnte der Habenzinssatz die Inflationsrate ausgleichen (Mohr, 1997 b).

Für landwirtschaftliche Betriebe ist häufig eine unzureichende Beleihungsgrundlage signifikant. Die Kreditvergabe an ehemalige Staatsgüter wird zudem erschwert durch den noch nicht abgeschlossenen Restrukturierungs- und Privatisierungsprozeß und den daraus resultierenden unklaren Eigentumsverhältnissen (Pederson, 1996). Daher haben neben den kleinen und mittleren Betrieben auch die vergleichsweise großen, ehemals staatlichen Betriebe Schwierigkeiten, Darlehen zu erhalten. Verschlimmert wird diese Situation durch einen ebenfalls unterentwickelten Bodenmarkt. Im Fall einer Insolvenz kann es für die Banken daher auch über eine Zwangsversteigerung schwierig sein, das vergebene Darlehen wieder zu gewinnen (Swinnen, 1996). Neben dem vergleichsweise großen Ausfallrisiko kommen für


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die Banken bei der Kreditvergabe an bäuerliche wie auch ehemals staatliche Betriebe vergleichsweise hohe Überwachungskosten hinzu. Dafür verantwortlich ist neben der häufig fehlenden oder ungenügenden Buchführung auch der anhaltende innerbetriebliche Umstrukturierungsprozeß.

Wie die vorausgehenden Ausführungen verdeutlichen, ist derzeit von nicht unerheblichen Unvollkommenheiten am polnischen Kapitalmarkt auszugehen. Neben der eingeschränkten Konkurrenz, durch die nach wie vor bestehende Dominanz des Staates und den ausgeprägten Sektorbezug vieler Banken ist hier v.a. die häufige Unterkapitalisierung der Kreditinstitute zu nennen. Zusätzlich wird die Kreditvergabe durch ungenügende Sicherheiten und unzureichend abgesicherte Eigentumsrechte sowie den unterentwickelten Bodenmarkt erschwert.

Die aufgeführten Unvollkommenheiten am Kapitalmarkt führen dazu, daß die Laufzeit der bewilligten Darlehen seitens der Bank häufig auf 8 bis 10 Jahre begrenzt wird und die zusätzlich entstehenden Kosten an die (landwirtschaftlichen) Kreditnehmer in Form höherer Sollzinsen (Risikoprämie) weitergegeben werden.

3.3.2. Implikationen der Unvollkommenheiten am Kapitalmarkt auf die Wohlfahrtswirkung der EIF

Von den am Kapitalmarkt existierenden Unvollkommenheiten wird aus Gründen der Operationalisierbarkeit lediglich die Laufzeit der bewilligten Darlehen berücksichtigt.

Die Laufzeit der bewilligten Darlehen wird, wie bereits erwähnt, zumeist auf maximal 10 Jahre begrenzt. Die Folge ist, daß bei Investitionen mit einer Nutzungsdauer von weit mehr als 10 Jahren, wie z.B. Gebäuden, eine fristenkongruente Finanzierung nicht möglich ist. Dies hat sowohl Auswirkungen auf die Liquidität der Betriebe wie auch auf die Rentabilität der getätigten Investitionen.

Durch die Bedienung des nicht fristenkongruenten Darlehens kann die Liquidität der Betriebe gefährdet oder sogar eine Zahlungsunfähigkeit herbeigeführt werden. Nachfolgende Abbildung zeigt eine auch ohne EIF rentable Investition, die allerdings mit einem nicht fristenkongruenten Darlehen finanziert werden muß (vgl. Abbildung 4 ).


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Abbildung 4: Liquiditätseffekt der Investitionsförderung bei fehlender Fristenkongruenz

Quelle: Moosburger et al., 1999

Ohne die Investitionsförderung besteht für die Betriebe, bei der Bedienung nicht fristenkongruenter Darlehen, eine größere Gefahr der Insolvenz. Die Investitionsförderung kann dazu beitragen eine Illiquidität zu verhindern.

Die Laufzeit der vergebenen Darlehen hat auch Einfluß auf die Wirtschaftlichkeit der realisierten Investitionen. Durch die Vergabe nicht fristenkongruenter Darlehen kann die Tätigung betriebswirtschaftlich rentabler Investitionen verhindert werden. Geht man davon aus, daß der Landwirt nicht bereit ist, zur Tilgung des Darlehens Ersparnisse aufzulösen noch während der Kreditlaufzeit einen Rückgang des frei verfügbaren cash flows (verfügbare Mittel für Privatentnahmen und Nettoinvestitionen) hinzunehmen, so tritt eine Situation wie in Abbildung 5 dargestellt auf.

Abbildung 5: Investitionstätigkeit in Abhängigkeit von der Laufzeit des Darlehens

a) fristenkongruentes Darlehen

b) nicht fristenkongruentes Darlehen


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Wird ein fristenkongruentes Darlehen vergeben, so können Investitionen, deren interne Verzinsung ( ) über dem Marktzinssatz ( bzw. ) liegt (Investitionsalternative A), getätigt werden. Der aus der Tätigung der Investition resultierende Gesamtdeckungsbeitragsanstieg übersteigt den zu leistenden Kapitaldienst ( ) und die zusätzlich aufzubringenden Gemeinkosten . Bei Investitionsalternative 'B' zahlt der Anstieg des Gesamtdeckungsbeitrags nicht für den Kapitaldienst und die zusätzlichen Gemeinkosten; versus die interne Verzinsung liegt unter dem geforderten Marktzinssatz. Diese Investitionsalternative würde demnach auch bei einem fristenkongruenten Darlehen nicht getätigt werden.

Ist lediglich eine Finanzierung über ein nicht fristenkongruentes Darlehen möglich, so kann auch Investitionsalternative 'A' nicht getätigt werden. Obwohl die interne Verzinsung über dem Sollzinssatz liegt, können mit dem Gesamtdeckungsbeitragsanstieg der zu leistende Kapitaldienst und die zusätzlichen Gemeinkosten nicht abgedeckt werden. Eine Finanzierung der Investitionsalternative 'A' ist unter den genannten Bedingungen nicht möglich (vgl. Abbildung 5 ).

Der Einfluß der einzelbetrieblichen Investitionsförderung auf die Investitionstätigkeit bei Vergabe nicht fristenkongruenter Darlehen ist, am Beispiel der Investitionsalternative 'A', in nachfolgender Abbildung dargestellt.

Abbildung 6: Einfluß der Investitionsförderung bei nicht fristenkongruenten Darlehen

Durch die Zinssubventionierung kann, trotz des nicht fristenkongruenten Darlehens, die Investitionsalternative 'A' getätigt werden. Ohne die Investitionsförderung müßte sie, obwohl die langfristige Wirtschaftlichkeit gegeben ist, unterbleiben.


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Die EIF kann demnach die Finanzierung betriebswirtschaftlich rentabler Investitionen erleichtern und dazu beitragen, daß Betriebe trotz der Bedienung nicht fristenkongruenter Darlehen solvent bleiben. Für die in Formel (11 ) angegebene Wohlfahrtswirkung der EIF unter vollkommenen Marktbedingungen bedeutet dies, daß unter unvollkommenen Marktbedingungen, der Gewinnanstieg der landwirtschaftlichen Betriebe höher sein kann als die Opportunitätskosten der zusätzlich gebundenen Faktoren.

3.3.3. Unvollkommenheiten am Arbeitsmarkt

Bereits im Kapitel 1 (Abgrenzung der Arbeit) wurde auf die geringe Arbeitsproduktivität im landwirtschaftlichen Sektor hingewiesen. In der landwirtschaftlichen Primärproduktion sind derzeit noch 27 % aller Erwerbstätigen gebunden; diese leisten aber nur einen Beitrag von etwa 7 % zum BIP (BMWi, 1998). Diese geringe Produktivität gilt als Hauptgrund für die ausgeprägte intersektorale Einkommensdisparität. Nach Erhebungen des statistischen Hauptamtes (GUS) lag das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen der privatbäuerlichen Haushalte in den Jahren 1991 bis 1996 stets deutlich unter dem der Arbeitnehmerhaushalte. Verglichen mit 1989 mußten die landwirtschaftlichen Haushalte bis Ende 1996 einen realen Einkommensverlust von etwa 40 % hinnehmen. Das Realeinkommen der Arbeitnehmerhaushalte sank mit - 23 % deutlich weniger. Der Einkommensabstand der bäuerlichen Familien zu den übrigen Einkommensgruppen der Gesellschaft lag 1996 bei durchschnittlich 25 % (Mohr, 1997 a). Noch 1992 lag das Einkommen von nahezu 60 % aller bäuerlichen Haushalte an der Armutsgrenze (BMWi, 1998).

Als ein weiterer Indikator der am Arbeitsmarkt bestehenden Unvollkommenheiten fungiert die Arbeitslosenrate. Diese erreichte 1993 mit 16,4 %<18> aller Erwerbsfähigen ihr Maximum; seitdem ist ein beständiger Rückgang bis zuletzt auf 10,5 % (1997) zu beobachten. Dies geht primär auf neu entstandene Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor zurück<19>. Ein vergleichbar zügiger Abbau der Arbeitslosigkeit erscheint


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künftig allerdings unwahrscheinlich. Zum einen ist nicht anzunehmen, daß über einen mittel- bis langfristigen Zeitraum ein ähnlicher Anstieg der verfügbaren Arbeitsplätze realisiert werden kann. Zum anderen wird durch den noch bevorstehenden Privatisierungs- und Konzentrationsprozeß ein weiterer Verlust von schätzungsweise einer Million Arbeitsplätze erwartet. Zudem sind, bedingt durch die Altersstruktur der polnischen Bevölkerung, bis zum Jahr 2005 weitere 1,6 Mio. Menschen in den Arbeitsprozeß zu integrieren (Mohr, 1997 b; BMWi, 1998).

Trotz der moderaten Höhe der Arbeitslosigkeit in der gesamten Volkswirtschaft ist der ländliche Raum teilweise nach wie vor durch eine weit höhere Arbeitslosigkeit gekennzeichnet. Dies gilt insbesondere in Regionen in denen vor der politischen Wende die Hauptarbeitgeber große Agrarbetriebe waren oder Industriebetriebe geschlossen wurden. So sind beispielsweise in Gebieten wie Slupsk, Koszalin oder Olsztyn mehr als ein Viertel aller Erwerbsfähigen ohne Beschäftigung. In städtischen Regionen um Warschau, Krakau oder Stettin dagegen beträgt die registrierte Arbeitslosigkeit teilweise nur 1 %. Die Wiedereingliederung in den Arbeitsprozeß der im ländlichen Raum gemeldeten Arbeitslosen wird vielfach neben der unterentwickelten Infrastruktur zusätzlich durch deren geringe Qualifikation erschwert (European Commission, 1998; BMWi, 1998).

Über die teilweise recht hohe offene Arbeitslosigkeit im ländlichen Raum hinaus ist vor allem die vielfach anzutreffende versteckte Arbeitslosigkeit in landwirtschaftlichen Betrieben als problematisch zu beurteilen. Insbesondere in Betrieben bis 15 ha übersteigt der kalkulatorisch erforderliche Arbeitskräftbesatz den vorhandenen Arbeitskräftebesatz (Überbesatz) teilweise deutlich. Hornowski, 1996 weist für buchführende Betriebe in der Wojewodschaft Torun einen durchschnittlichen Überbesatz an Arbeitskräften von 30 % - 50 % aus.

3.3.4. Implikationen der Unvollkommenheiten am Arbeitsmarkt auf die Wohlfahrtswirkung der EIF

Zur analytischen Berücksichtigung der Unvollkommenheiten des Arbeitsmarktes wird zunächst gezeigt, daß von einer Kapitalsubventionierung eine Erhöhung des erforderlichen Arbeitsbedarfes ausgehen kann und die Haushalte davon mit einem höheren Arbeitseinkommen profitieren können.


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Die Auswirkungen einer Kapitalsubventionierung auf die Faktorintensität und den Produktionsumfang sind in nachfolgender Abbildung dargestellt (vgl. Abbildung 7 ).

Abbildung 7: Substitutive und komplementäre Beziehung zwischen Kapital und Arbeit

Hierzu wurde die optimale Faktorkombination für die Faktoren Arbeitskraft ( ) und Kapital ( ) bei gegebenen Faktorpreisen (Isokostenlinie ' ') und gegebener Technologie (Isoquante ' ') bestimmt. Durch die Subventionierung des Faktors Kapital treten zwei Effekte auf. Bei unveränderter Produktionsmenge verdrängt der relativ billiger gewordene Faktor Kapital Teile der eingesetzten Arbeit (Substitutionseffekt). Anstelle des bisherigen Arbeitsvolumens in Höhe von ‘ ’ werden nur noch ‘ ’ Arbeitskräfte nachgefragt. Der Einsatz des Faktors Kapital wird von ' ' auf ' ' ausgeweitet. Bei nicht begrenztem Produktionsvolumen geht mit der Kapitalkostensenkung, die Konstanz aller anderen Preise vorausgesetzt, eine Produktionsausweitung einher. In der Abbildung wird die Isoquante von nach verschoben (Kapazitätsausweitungseffekt). Die neue optimale Faktorkombination wird dann bei einem nochmals höheren Kapitaleinsatz (‘ ‘) sowie bei einem höheren Arbeitseinsatz (‘ ‘) erreicht. Je nach Lage der neuen Isokostenlinie und der neuen Isoquante kann, wie in Abbildung 7 gezeigt, der Substitutionseffekt durch den Kapazitätsausweitungseffekt der Förderung überkompensiert und das Beschäftigungspotential ausgeweitet werden.


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Die daraus resultierenden Auswirkungen auf das von den Haushalten erzielbare Arbeitseinkommen bzw. die Wohlfahrtswirkung der EIF auf unvollkommenen Märkten werden nach dem Exkurs zur erwarteten Beschäftigungswirkung einer Kapitalsubventionierung im landwirtschaftlichen Sektor aufgezeigt.

Exkurs: Erwartete Beschäftigungswirkung der einzelbetrieblichen Investitionsförderung im landwirtschaftlichen Sektor Polens

Die Abschätzung der Beschäftigungswirkung der einzelbetrieblichen Investitionsförderung unterliegt zahlreichen Unwägbarkeiten. Sie ist u.a. vom Betriebstyp, den Produktionsverfahren, der bisherigen Ausstattung mit Produktionsanlagen und dem Arbeitskräftebesatz abhängig.

Investitionen im Bereich der Tierproduktion haben wahrscheinlich eine positive Beschäftigungswirkung zur Folge. Zum einen werden bei einer derzeitigen durchschnittlichen Herdengröße von 3,6 Kühen bzw. 20 Schweinen vermutlich Erweiterungsinvestitionen vorherrschen. Zum anderen ist auch bei Ersatzinvestitionen aus der Sicht des 'Mit-und-Ohne-Prinzips' der NKA eine positive Beschäftigungswirkung zu veranschlagen, da nach einer Herausnahme der Wirtschaftsgebäude von einem Rückgang des Beschäftigungspotentials ausgegangen werden müßte. In der Pflanzenproduktion liegt dagegen die Annahme einer substitutiven Beziehung zwischen Kapital und Arbeit nahe, da wahrscheinlich Investitionen in höher entwickelte, arbeitssparende Technologien überwiegen werden (vgl. Tabelle 7 ).

Berücksichtigt man, daß in Polen bedingt durch die geringe durchschnittliche Flächenausstattung Investitionen in die Viehhaltung auf absehbare Zeit überwiegen werden, liegt bei statischer Betrachtung die Vermutung einer komplementären Beziehung zwischen Kapital und Arbeit im landwirtschaftlichen Sektor nahe.

Bei dem Übergang zu einer dynamischen Betrachtung muß u.a. zusätzlich der Einfluß auf den landwirtschaftlichen Strukturwandel berücksichtigt werden. Wird durch die Investitionsförderung das Flächenwachstum beschleunigt, so wandern die Flächen schneller zu größeren Betrieben, die zumeist einen geringeren Viehbesatz je Hektar aufweisen (vgl. hierzu Tabelle 8 ). Die Folge wäre eine Verringerung des Beschäftigungspotentials.


34

Wird durch die EIF das Flächenwachstum dagegen verlangsamt, die landwirtschaftlichen Flächen verbleiben also länger bei kleineren Betriebseinheiten, so tritt vermutlich der gegenteilige Effekt - eine Erhöhung des Beschäftigungsvolumens - ein<20> (vgl. Tabelle 7 ).

Die erwartete Beschäftigungswirkung der einzelbetrieblichen Investitionsförderung im landwirtschaftlichen Sektor Polens ist in nachfolgender Tabelle zusammengefaßt.

Tabelle 7: Zu erwartende Beschäftigungswirkung der einzelbetrieblichen Investitionsförderung im landwirtschaftlichen Sektor Polens

Betrachtungsebene

Beschäftigungs-

Potential

1. Statische Betrachtung

1.1 Tierproduktion

 

Ersatzinvestitionen

uarr

 

Erweiterungsinvestitionen

uarr1

1.2 Pflanzenproduktion

 

Ersatzinvestitionen

darr2

 

Erweiterungsinvestitionen

darr ; uarr 3

2. Dynamische Betrachtung

2.1 Strukturwandel wird beschleunigt

darr

2.2 Strukturwandel wird gebremst

uarr

1

2

3

Erweiterungsinvestitionen in der Tierproduktion werden, auch wenn in weniger arbeitsintensive Technologien investiert wird, zumeist zu einer Erhöhung des Beschäftigungspotentials führen. Der Kapazitätsausweitungseffekt wird voraussichtlich den Substitutionseffekt überwiegen.

Ohne die Tätigung von Ersatzinvestitionen in der Pflanzenproduktion würde der Mechanisierungsgrad zurück gehen und es müßte mehr (Hand-)Arbeit eingesetzt werden.

Erweiterungsinvestitionen in der Pflanzenproduktion können eine Verringerung des Beschäftigungspotentials zur Folge haben, sofern höher entwickelte Technologien, z.B. Hackgeräte anstelle der Handhacke eingesetzt werden. Erweiterungsinvestitionen können aber auch eine Ausweitung des Beschäftigungspotentials zur Folge haben, wenn arbeitsintensive Produktionszweige hinzukommen, z.B. Investition in ein Gewächshaus.

Deutlich wird daraus, daß von einer Investitionsförderung konträre und sich z.T. überlagernde Effekte auf das Beschäftigungspotential ausgehen. Eine Möglichkeit, die Beschäftigungswirkung abzuschätzen sind Modellrechnungen.

Exkurs Ende.


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Die Auswirkungen der zusätzlichen Beschäftigung bzw. der Freisetzung von Arbeitskräften - auf das von den Haushalten erzielbare Arbeitseinkommen sowie die Wohlfahrtswirkung der EIF wird nachfolgend zusammengestellt.

Geht man zunächst von einem allgemeinen Marktgleichgewicht aus, daß u.a. Vollbeschäftigung voraussetzt, so sind für zusätzlich eingesetzte Arbeitskräfte Opportunitätskosten ( ) zu berücksichtigten. Die Opportunitätskosten für Arbeit entsprechen dem landwirtschaftlichen Lohnsatz multipliziert mit den zusätzlich eingesetzten bzw. aus alternativen Verwendungen abgezogenen Arbeitskraftstunden . Hebt man die Prämisse des allgemeinen Marktgleichgewichts auf, dann werden durch ein öffentliches Vorhaben auch Kräfte beschäftigt, die bislang keine produktive Verwendung fanden<21>. Die Opportunitätskosten der bislang nicht beschäftigten Arbeitskräfte entsprechen deren individuellem Angebotspreis für Arbeit <A NAME=rID-15></A><B><SUP class=@fn@><A HREF=#iID-15><22></A></SUP></B> (Hanusch, 1994). Die Opportunitätskosten der Arbeit in einer Volkswirtschaft mit Unterbeschäftigung betragen demnach:


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Opportunitätskosten der Arbeit bei Unterbeschäftigung

(12)

Durch den hohen Überbesatz an Arbeitskräften im landwirtschaftlichen Sektor ist auch in Betrieben, die Investitionen tätigen, nur in Ausnahmefällen mit Neuanstellungen zu rechnen. Der arbeitsmarktwirksame Effekt der EIF wird daher im wesentlichen in einer Reduzierung oder Verlangsamung des Arbeitskräfteabbaus bestehen. Berücksichtigt man darüber hinaus den hohen Anteil arbeitsloser Landarbeiter, kann der Anteil der Arbeitskräfte, die durch die EIF einer alternativen produktiven Verwertung entzogen werden, vernachlässigt werden. Der Koeffizient ‘ ‘ (in Formel (12) ) wird daher als null angenommen. Mangels geeigneter Daten wird der individuelle Angebotspreis für Arbeit derjenigen, die ohne das Projekt beschäftigungslos geblieben wären, ebenfalls mit null festgelegt. Dies entspricht einem in der Projektanalyse üblichen Vorgehen (Fleischer, Waibel, 1994; Prest, Turvey, 1965).

Kann davon ausgegangen werden, daß Arbeitskräfte lediglich in vernachlässigbarem Umfang alternativen Vorhaben entzogen werden und wird der individuelle Angebotspreis für Arbeit Beschäftigungsloser als null angenommen, so sind für den Faktor Arbeit keine Opportunitätskosten zu veranschlagen. Vielmehr stellen die zusätzlich ausbezahlten Fremdlöhne<23> eine Einkommenserhöhung für die Haushalte dar.

Geht man über die gesamte Laufzeit des Projektes (Projektdauer + Nutzungsdauer der Investitionsanlagen) von einer entsprechenden offenen oder versteckten Arbeitslosigkeit im ländlichen Raum aus (vgl. Punkt 0 .), kann je zusätzlich eingesetzter Fremdarbeitskraftstunde ein Zusatznutzen in Höhe des aktuellen Lohnes berücksichtigt werden. Der Zusatznutzen für den Faktor Arbeit beträgt daher:


37

Zusatznutzen für den Faktor Arbeit

(13)

Durch die bestehenden Unvollkommenheiten am Arbeitsmarkt können die Haushalte, sofern bei den getätigten Investitionen die komplementären Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit überwiegen, ein höheres Arbeitseinkommen erzielen. Überwiegen die substitutiven Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit, es wird also Arbeit freigesetzt, wird an die Haushalte eine geringere Lohnsumme ausbezahlt. In diesem Fall sind Zusatzkosten der EIF zu veranschlagen.

Der Nutzen bzw. die Kosten der einzelbetrieblichen Investitionsförderung für die Haushalte unter unvollkommenen Marktbedingungen umfassen demnach, neben einem möglichen höheren Einkommen aus der Verpachtung von Flächen , ein mögliches höheres bzw. niedrigeres Arbeitseinkommen (vgl. Formel (14) ).

Nutzen der EIF für die Haushalte unter unvollkommenen Marktbedingungen

(14)

Faßt man den in den einzelnen Sektoren auftretenden Nutzen bzw. die auftretenden Kosten zusammen, so läßt sich die Wohlfahrtswirkung der EIF, unter Berücksichtigung der Unvollkommenheiten des Arbeits- und Kapitalmarktes, ausdrücken als (vgl. Formel (15) ).

Wohlfahrtswirkung der EIF unter Berücksichtigung von Unvollkommenheiten am Arbeits- und Kapitalmarkt

(15)


38

Im Vergleich zu dem in Formel (11 ) dargestellten Zusammenhang - Wohlfahrtswirkung der EIF unter vollkommenen Marktbedingungen - kann unter unvollkommenen Marktbedingungen der Gewinnanstieg der landwirtschaftlichen Betriebe höher sein als die aufgewendeten Subventionen ( ). Zudem können die Haushalte, sofern die komplementären Beziehungen zwischen Arbeit und Kapital überwiegen, ein zusätzliches Arbeitseinkommen erzielen.

Zusammenfassend wird in dem vorausgehenden Kapitel gezeigt, daß - weicht man von der Prämisse des allgemeinen Marktgleichgewichtes ab - von der EIF eine positive Wohlfahrtswirkung ausgehen kann. Dies ist dann der Fall, wenn der Gewinnanstieg durch die Tätigung betriebswirtschaftlich rentabler Investitionen, die ohne Förderung nicht zustande gekommen wären, zusammen mit als Zusatznutzen definierten zusätzlichen Lohnzahlungen und den zusätzlichen Pachteinnahmen der Haushalte die aufgewendeten Zinssubventionen übersteigt.


39

3.4. Abschließende Überlegungen

Nachdem dargelegt wurde, daß es ökonomisch sinnvoll sein kann, die EIF als entwicklungspolitisches Instrument in Betracht zu ziehen, stellt sich die Frage nach dem Vorliegen einer geeigneten Untersuchungsmethode. Eine denkbare Möglichkeit besteht in einer empirischen Analyse bereits implementierter Investitionsförderprogramme unter Transformationsbedingungen, etwa in den neuen Bundesländern. Problematisch bei dieser Herangehensweise ist allerdings, daß die Ausgangssituation in Ostdeutschland mit einer vergleichsweise großstrukturierten Landwirtschaft nur sehr bedingt auf die kleinbäuerliche Struktur in Polen übertragen werden kann. Dies gilt nicht zuletzt, weil die Struktur- und Effizienzwirkungen der Investitionsförderung von vielen, sich z. T. gegenseitig beeinflussenden bzw. überlagernden Faktoren abhängig sind.

Als Einflußfaktoren sind u.a. zu nennen:

Eine Analyse des Einflusses der Investitionsförderung auf den landwirtschaftlichen Strukturwandel, die bäuerlichen Einkommen und die volkswirtschaftliche Wohlfahrt erscheint daher auf empirischer Basis kaum möglich. Eine alternative Herangehensweise zur ökonomischen Beurteilung investiver Maßnahmen sind (normative) Modellrechnungen.


Fußnoten:
<10>

Vernachlässigt werden die korrekterweise in Abschlag zu bringenden Produktsubventionen, wie auch die Faktorsubventionen (mit Ausnahme der Kapitalsubventionierung).

<11>

Die Haushalte sind insofern am Bodenmarkt beteiligt wie die aus der Produktion ausgeschiedenen Betriebe als Verpächter agieren.

<12>

Da die (höheren) Einkommen der Haushalte aus der Verpachtung landwirtschaftlicher Flächen von den zupachtenden Landwirten aufzubringen sind, wirken sie wohlfahrtsneutral. Es handelt sich lediglich um eine Einkommensumverteilung.

<13>

Dies führte u.a. dazu, daß die staatlichen und genossenschaftlichen Betriebe bei der Vergabe von Investitions- und Betriebsmittelkrediten, insbesondere aber bei der Vergabe von Präferenzkrediten bevorzugt bedient wurden (OECD, 1995).

<14>

Kleinere landwirtschaftliche Betriebe werden zu 80 % von der BGZ bedient (Pederson, 1996).

<15>

Die BGZ hatte 1992 einen Anteil notleidender Kredite von 42 % (Wenzeler, 1997).

<16>

Im Jahr 1993 wurden noch mehr als ein Viertel aller vergebenen Kredite als 'bad credits' ausgewiesen (Borish et al., 1996). Daraus ist eine allmähliche Rekapitalisierung der Banken ersichtlich.

<17>

Pederson, 1996 spricht sogar von einer generellen Unterkapitalisierung der BGZ.

<18>

Registrierte Arbeitslose in % der zivilen Erwerbstätigen.

<19>

Eine weitere Ursache der vergleichsweise niedrigen (registrierten) Arbeitslosigkeit ist, daß nur 30 % der erwerbslos Gemeldeten Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung haben (BMWi, 1997).

<20>

Kritisch ist hierzu anzumerken, daß kleineren wie größeren Betriebseinheiten eine proportional gleiche Investitionsfähigkeit und Investitionsbereitschaft unterstellt wird. Aus Sicht einer langfristigen Betriebsentwicklungsstrategie ist dies allerdings fraglich.

<21>

Zur ex ante Abschätzung der zusätzlich beschäftigten Arbeitskräfte, die bislang arbeitslos waren, wurden verschiedene Modelle entwickelt. Da diese bei der durch die EIF im landwirtschaftlichen Sektor Polens zu erwartenden Beschäftigungswirkung nicht greifen, wird hier lediglich auf weiterführende Literatur verwiesen (Havemann und Krutilla, 1968, Zuidema, 1987). In diesen Modellen wird nach sektoralen und regionalen Gesichtspunkten differenziert, eine Relation zwischen der Wahrscheinlichkeit einer Wiederbeschäftigung und der Arbeitslosenquote hergestellt. Problematisch daran ist allerdings, daß in diesen Modellen nur die offene nicht aber die versteckte Arbeitslosigkeit berücksichtigt wird. Zur Ermittlung von Beschäftigungseffekten in einem für den volkswirtschaftlichen Arbeitsmarkt bedeutenden und von einer hohen versteckten Arbeitslosigkeit gekennzeichneten Sektor sind diese Ansätze daher nicht geeignet.

<22>

Der individuelle Angebotspreis für Arbeit spiegelt alle subjektiven und objektiven Vor- und Nachteile wieder, die dem Arbeitnehmer durch die Aufnahme einer Beschäftigung entstehen. Daher liegt dieser sicherlich über null, vermutlich aber auch deutlich unter dem Lohnsatz. Auf einen vergleichsweise niedrigen individuellen Angebotspreis für Arbeit weist v.a. die starke regionale Konzentration der Arbeitslosigkeit im ländlichen Raum und die bereits jetzt recht angespannte Situation am städtischen Wohnungsmarkt hin. Erhöht wird der individuelle Angebotspreis für Arbeit v.a. durch Einkommensmöglichkeiten in der Schattenwirtschaft. Schätzungen zufolge sollen diese eine Größenordnung von etwa 18 % des BIP erreichen (Mohr, 1997 b).

<23>

Der zusätzliche Nutzen aus der Beschäftigung von Familienarbeitskräften ist in dem Gewinnanstieg der bäuerlichen Betriebe enthalten.


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