Moosburger, Agnes: Struktur- und Effizienzwirkungen einer Kapitalsubventionierung im Transformationsprozeß am Beispiel des Agrarsektors Polens

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Kapitel 4. Ein Modellansatz zur Untersuchung der einzelbetrieblichen Investitionsförderung

4.1. Anforderungen an die Modellkonzeption und Überblick über Modellalternativen zur Agrarsektormodellierung

In diesem Punkt werden zunächst die Anforderungen an ein für die vorliegende Zielstellung geeignetes Modell aufgeführt. Als nächstes wird ein kurzer Überblick über bestehende Ansätze gegeben und eine Einordnung des verwendeten Modellansatzes vorgenommen.

Ziel dieses Forschungsvorhabens ist es, die Struktur- und Effizienzwirkungen einer Kapitalsubventionierung bei verschiedenen agrarpolitischen Rahmenbedingungen zu untersuchen. Durch den Modellansatz soll daher gewährleistet sein, daß:

Zur Analyse von Agrarpolitiken wird in grober Einteilung unterschieden zwischen umfassenden Simulationsmodellen und Programmierungsmodellen. Dazu treten neuere Methoden aus dem Bereich Künstliche Intelligenz wie Genetische Algorithmen oder Zelluläre Automaten (vgl. hierzu Balmann, 1995 und Berger, in Vorbereitung). Eine umfassende Übersicht über Modelltypen und deren bevorzugte Anwendungsgebiete findet sich u.a. in Bauer, 1989 und Burrell, 1995.


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Abbildung 8 zeigt eine Übersicht über häufig verwendete Ansätze zur Agrarsektormodellierung.

Abbildung 8: Ansätze zur Agrarsektormodellierung

In der Agrarsektormodellierung häufig verwendete umfassende Simulationsmodelle sind ökonometrische Simulationsmodelle und AGE-Modelle (applied general equilibrium - angewandtes allgemeines Gleichgewicht). In letzter Zeit wird auch verstärkt auf Input-Output-Modelle zurückgegriffen (Burrell, 1996).


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Programmierungsmodelle werden sowohl erstellt zur Optimierung von Einzelbetrieben als auch zur Optimierung einer gesamten Region. Grundsätzlich werden sie eingeteilt nach statischen oder dynamischen bzw. dynamisch-adaptiven Ansätzen. Zudem wird unterschieden zwischen Ansätzen auf Basis repräsentativer Betriebe, auf Basis von Beispielbetrieben oder auf Basis typischer Betriebe (vgl. Abbildung 9 ).


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Abbildung 9: Einordnung von Programmierungsmodellen

Der herausragende Vorteil von Programmierungsmodellen ist die Möglichkeit einzelbetriebliche Transferzahlungen explizit zu berücksichtigen. Zudem kann bei dynamischen Ansätzen der Betrachtungszeitraum vorgegeben werden. Bei umfassenden Simulationsmodellen muß dagegen der dem Modelltyp zugrunde liegende 'angenommene Anpassungszeitraum' als Betrachtungszeitraum akzeptiert werden. Im Gegensatz zu umfassenden Simulationsmodellen müssen bei Programmierungsmodellen aber Produkt- und Faktorpreise exogen vorgegeben werden. Insbesondere bei einschneidenden Veränderungen der (Agrar-) Politik kann dies leicht zu unplausiblen Ergebnissen führen.


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Vorteile ökonometrischer Gleichgewichtsmodelle wie auch von Programmierungsmodellen nutzen zumeist modular aufgebaute Hybridmodelle, die Elemente dieser beiden Ansätze enthalten (z.B. VIPER, vgl. Balmann et al., 1998 a, b). Aufgrund der einzelbetrieblichen Fundierung können betriebsbezogene Transfers und betriebliche Anpassungsreaktionen unmittelbar erfaßt werden. Gleichzeitig werden Marktpreisänderungen endogen ermittelt. Dem steht allerdings ein nicht unerheblicher Modellierungsaufwand zur Verknüpfung der verschiedenen Modellteile gegenüber (Balmann et al., 1998 a, b).

Ein weiteres mit Programmierungsmodellen verbundenes Problem ist die Auswahl der modellierten Betriebe. Diese erfolgt entweder durch Aggregation ähnlicher Betriebe zu Gruppen- oder Regionshöfen oder durch eine zufällige Auswahl der Beispielsbetriebe. Während mit ersterer unweigerlich die Aggregationsproblematik<24> verbunden ist, muß bei letzterer ein Stichprobenfehler in Kauf genommen werden (vgl. Hanf, 1989). Um den Stichprobenfehler in vertretbarer Größe zu halten, ist die Modellierung einer größeren Anzahl von Betrieben erforderlich. Bei verschiedenen neueren Ansätzen wird dagegen auf das Konzept der 'typischen Betriebe' ausgewichen (vgl. Kirschke et al., 1998; Hemme et al., 1997). Bei dem Konzept der ‘typischen Betriebe’ werden die Modellbetriebe mit Hilfe von empirischen Daten und Expertenwissen definiert.

Einzelbetriebliche Modellansätze (z. B. TIPI-CAL, vgl. Hemme et al., 1997; RAMOS, vgl. Becker et al., 1998) haben den Vorteil, daß sehr detaillierte Betriebsmodelle - mit entsprechender Aussagekraft- formuliert werden können. Allerdings müssen zwischenbetriebliche Konkurrenzbeziehungen vernachlässigt werden. Einzelbetriebliche Modelle sind daher zur Untersuchung von Regional- und Strukturentwicklungen nicht geeignet<25>.


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Innerhalb der einzelbetrieblich fundierten Regionalmodellen wird im wesentlichen differenziert nach simultanen Gleichgewichtsmodellen (simultaneous models) und unabhängigen Betriebsmodellen (independent farm models). Im Gegensatz zu den häufiger verwendeten simultanen Gleichgewichtsmodellen werden unabhängige Betriebsmodelle nicht in einer holistischen Matrix sondern in Einzelmatrizen abgebildet. Im Optimierungsprozeß bestehende wechselseitige Abhängigkeiten (z.B. Konkurrenzbeziehungen um Land) müssen daher zunächst vernachlässigt werden. Erst in einem zweiten Schritt wird eine Gleichgewichtssituation hergestellt (Hanf, 1989). Beide Formulierungsansätze scheinen für die vorliegende Fragestellung grundsätzlich geeignet.

4.2. Modellkonzeption

Zur Analyse des Einflusses der Investitionsförderung wurde ein einzelbetrieblich fundiertes, auf rekursiv linearer Programmierung (RLP) basierendes Regionalmodell vom Typ eines 'independent farm models' gewählt. Der Modellaufbau besteht im wesentlichen aus vier Modulen: einem Betriebsplanungs- und einem Bodenmarktmodul sowie einem Investitions- und einem Betriebsaufgabemodul. Jedes dieser Module ist wiederum aus mehreren Submodulen aufgebaut (vgl. Abbildung 10 ).


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Abbildung 10: Überblick über den Modellaufbau

Das Betriebsplanungsmodul besteht aus 10 Modellbetrieben, die als Lineare Programmierungsmodelle (LPs) formuliert wurden. Zusammen mit dem Bodenmarktmodul wird mittels normativen Modellrechnungen für die jeweilige Periode in einem iterativen Prozeß das Produktionsprogramm inklusive der nachgefragten Flächen optimiert und der Gleichgewichtspachtpreis bestimmt. In dem nachfolgenden Investitionsmodul können die Modellbetriebe Investitionen tätigen, sofern die geforderten Entscheidungskriterien erfüllt sind.


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In dem sich anschließenden Betriebsaufgabemodul scheiden Betriebe aus, sofern sie illiquide sind oder im Falle eines Generationenwechsels die zu erwartenden Gewinne die Opportunitätskosten nicht decken. Als Zielsetzung wird ein Gewinnmaximierungskalkül unterstellt.

Der gewählte Ansatz erlaubt die unmittelbare Abbildung von einzelbetrieblichen Fördermaßnahmen als auch von umfassenden agrarpolitischen Veränderungen. Daraus resultierende individuelle Anpassungsreaktionen können unter Berücksichtigung zwischenbetrieblicher Interdependenzen direkt mit einbezogen werden.

Einen weiteren Vorteil ist die durch die Verwendung von Einzelmatrizen bedingte einfachere und übersichtlichere Handhabbarkeit der Betriebsmodelle. Dieser Vorzug kommt insbesondere bei der hier erforderlichen dynamischen Betrachtung zum Tragen. Eine häufig an Modelle herangetragene Forderung zur Steigerung der Akzeptanz und dem Vertrauen in die Modellergebnisse ist ein hoher Grad an Transparenz bezüglich der Gesamtstruktur und der Funktionsweise des Modells (Burrell, 1996). Der gewählte Ansatz kommt dem durch die Anschaulichkeit der Konkurrenzprozesse und der Beschreibung eines Entwicklungspfades - also der jährlichen Optimierung der Betriebsergebnisse - entgegen<26>.

Den aufgeführten Vorteilen stehen aber auch einige dem Ansatz inhärente Schwächen gegenüber. Generell wird den einzelbetrieblich fundierten Regionalmodellen entgegen gehalten, daß

auf regionaler Ebene zur Ermittlung der Gleichgewichtspreise ein adäquater Koordinationsmechanismus erforderlich ist,

eine Abweichung des aus der Lösung der Teilprobleme gewonnenen Optimums mit dem des Gesamtproblems (Nicht-Koordinierbarkeits-Phänomen) nicht auszuschließen ist (Lasdon, 1970),

und das Auftreten von Chaos in rekursiven Programmierunsmodellen möglich ist (Türschmann, 1990) .


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Bei der realisierten Modellformulierung kommt zusätzlich hinzu, daß


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Aus den angeführten Gründen sind die Modellergebnisse als Aussagen zu Wirkungsrichtungen einer Kapitalsubventionierung im Transformationsprozeß zu interpretieren, nicht aber als exakte quantitative Größen zu werten.

4.3. Das Betriebsplanungsmodul

Für das Betriebsplanungsmodul wurden insgesamt zehn für die Beispielsregion repräsentative Modellbetriebe spezifiziert. Bei der Formulierung der Modellbetriebe wurde der Klassifizierung der Betriebstypen in den Regionalstatistiken der Wojewodschaft Torun gefolgt, in der Betriebe nach vorhandener Eigenfläche gruppiert sind. Das häufiger anzutreffende Ableiten der Betriebstypen nach Betriebsformen (z.B. TIPI-CAL, RAUMIS, VIPER) erschien nicht sinnvoll, da in Polen im bäuerlichen Sektor kaum eine einzelbetriebliche Spezialisierung vorliegt.

Bei den Modellbetrieben handelt es sich um 5 Grundtypen. Es wurden vier Modellbetriebe für den bäuerlichen Sektor und ein Betrieb für den ehemals staatlichen Sektor formuliert. Die Flächenausstattung der bäuerlichen Betriebe liegt zwischen 6,5 ha und 120 ha. Der Betrieb, der den ehemals staatlichen Sektor repräsentiert, verfügt über 800 ha. Die Gewichtung der Modellbetriebe erfolgt gemäß der im Basisjahr vorliegenden Anzahl der Betriebe in der jeweiligen Gruppe. Tabelle 8 gibt Anzahl und Faktorausstattung der Modellbetriebe wieder.

Tabelle 8: Anzahl und Faktorausstattung der Modellbetriebe

Betriebstyp

Anzahl

Fläche

AK-Besatz

Stallkapazität

 

Abkzg.

 

(ha LN)

(AKh/100 ha)

Milchkühe

Mastschw.

Zucht-

sauen

Betriebe mit überdurchschnittlichem Bewirtschaftungserfolg in der Ausgangssituation

Kl. Familienbetr.

KFBt+

3.963

6,5

39,8

2

6

1

Mi. Familienbetr.

MFBt+

2.852

10,6

26,4

3

14

2

Gr. Famlienbetr.

GFBt+

2.671

19,2

15,0

4

27

5

Neuer Familienbetr.

NFBt+

102

121,3

2,5

0

135

20

Ehem. Staatsbetr.

EStBt+

10

800,0

14,7

0

2.000

550

Betriebe mit unterdurchschnittlichem Bewirtschaftungserfolg in der Ausgangssituation

Kl. Familienbetr.

KFBt -

3.963

6,5

39,8

2

6

1

Mi. Familienbetr.

MFBt -

2.852

10,6

26,4

3

14

2

Gr. Famlienbetr.

GFBt -

2.671

19,2

15,0

4

27

5

Neuer Familienbetr.

NFBt -

102

121,3

2,5

0

135

20

Ehem. Staatsbetr.

EStBt -

10

800,0

14,7

0

2.000

550

Quelle: WUS 1997 a; WUS 1997 b; WUS 1997 c; Hornowski, 1996; Eigene Erhebungen


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Bei jedem dieser abgeleiteten Grundtypen wurde zusätzlich zwischen Betrieben mit überdurchschnittlichem Bewirtschaftungserfolg in der Ausgangssituation, den '+ Betrieben', und Betrieben mit unterdurchschnittlichem Bewirtschaftungserfolg in der Ausgangssituation, den '- Betrieben', unterschieden. '+ Betriebe' und '- Betriebe' eines Grundtyps verfügen mit Ausnahme der liquiden Mittel über die gleiche Faktorausstattung (vgl. Tabelle A/1 ). Sie unterscheiden sich lediglich in dem erzielten Betriebsergebnis. In den Betriebsmodellen schlägt sich dies unmittelbar in den angesetzten Deckungsbeiträgen nieder. Vergleiche hierzu Tabelle A/5 und Tabelle A/6 im Anhang.

Der kleine, der mittlere und der große Familienbetrieb sind klassische ‘indywidualne gospodarstwa rolne’ (bäuerliche Familienbetriebe), die auch vor der politischen Wende mit weitgehend der selben Faktorausstattung operierten. In diesen Betrieben liegt kaum eine Spezialisierung vor. Neben Milchkühen mit eigener Nachzucht werden auch Zuchtschweine gehalten und die produzierten Ferkel selbst ausgemästet. Die Futtergrundlage bildet zumeist innerbetrieblich erzeugtes Futter. Der Marktfruchtbau spielt wegen der geringen Flächenausstattung nur eine untergeordnete Rolle. Neben der geringen Betriebsgröße führt die starke Diversifikation dazu, daß Skaleneffekte im nennenswerten Umfang nicht auftreten. Vor allem der kleine und der mittlere Familienbetrieb werden vielfach im Nebenerwerb oder Zuerwerb bewirtschaftet.

Der neugegründete Familienbetrieb (121,3 ha LN) stellt ein seit Beginn des Transformationsprozesses rasch expandierendes Familienunternehmen dar, das einen großen Teil der bewirtschafteten Flächen durch Zupacht oder Zukauf hinzugenommen hat.

Betriebstyp 'EStBt' repräsentiert die ehemaligen Staatsgüter ('wlasnosc panstwowa'). Diese werden trotz Privatisierungsprogrammen vielfach ohne größere Veränderungen und z.T. unter Sonderkonditionen (Möglichkeiten zur Zupacht und zum Flächenerwerb) weitergeführt. In den neugegründeten Familienbetrieben sowie den ehemaligen Staatsbetrieben liegt z.T. bereits eine Spezialisierung vor, zumeist auf die Schweinehaltung. In diesen Betrieben ist die Futtergrundlage zumeist im Betrieb erzeugtes Getreide. Bedingt durch die größere Flächenausstattung ist der Marktfruchtbau bedeutender.


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Gemeinsam ist den Betrieben eine vergleichsweise hohe Ausstattung mit Arbeitskräften. Lediglich die neu gegründeten Familienbetriebe (NFBt) weichen hiervon mit 2,06 AK / 100 ha deutlich ab. Die dualistische Betriebsstruktur zeigt sich vornehmlich in der Flächenausstattung. Während der kleine, der mittlere und der große Familienbetrieb 99 % der in den Modellrechnungen berücksichtigten Betriebe ausmachen, werden von ihnen nur 75 % der LN bewirtschaftet.

Die Modellbetriebe werden in linearen Programmierungsmodellen (LP‘s) abgebildet; das Anpassungsverhalten der Landwirte wird daher auf Basis normativer Modellrechnungen ermittelt. Eine schematische Darstellung des Aufbaus der Betriebsmodelle ist in Tabelle A/11 im Anhang dargestellt.

Bei der Modellbildung wurden folgende Annahmen getroffen:


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Die Optimierung der Betriebsmodelle erfolgt unter ‘MS-Excel 97‘ mit dem 'Frontline Premium Solver' für die jeweils aktuelle Periode. Über die Optimierung des Produktionsprogrammes hinausgehende Optimierungsentscheidungen (Investitions- und Betriebsaufgabeentscheidungen) werden in dem nächstem Modellabschnitt, dem Investitions- bzw. dem Betriebsaufgabemodul durchgeführt.

4.4. Das Bodenmarktmodul

Der betrachtete Bodenmarkt umfaßt insgesamt knapp 255 tsd. ha LN. Im Ausgangsjahr wurde die gesamte landwirtschaftliche Nutzfläche bewirtschaftet; es lag keine Sozialbrache vor. Diese Fläche ist auf fast 20 tsd. Betriebe mit einer durchschnittlichen Flächenausstattung von 12,4 ha LN bei den bäuerlichen Betrieben und 800 ha LN bei den ehemaligen Staatsgütern verteilt.

Die Verteilung der landwirtschaftlichen Nutzfläche erfolgt für jede einzelne Periode in einem sukzessiven Prozeß zwischen dem Betriebsplanungs- und dem Bodenmarktmodul. Hierbei wird das Problem der Optimierung des Produktionsprogrammes von der Ermittlung des optimalen Zu- bzw. Verpachtumfanges horizontal getrennt. D. h. es werden gleichrangige Teilprobleme geschaffen, zwischen denen wechselseitige Beziehungen bestehen (horizontale Dekomposition), (Lasdon, 1970).


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Die Optimierung des Produktionsprogrammes der einzelnen Betriebstypen einschließlich der nachgefragten landwirtschaftlichen Flächen erfolgt zunächst nur auf der Betriebsebene. Die Flächenansprüche der konkurrierenden Betriebe werden vorerst nicht berücksichtigt. Um das Angebot und die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Nutzflächen ins Gleichgewicht zu bringen, ist es daher notwendig, die sich aus dem individuellen Anpassungsverhalten ergebenden Rückkoppelungseffekte zu berücksichtigen. Dies geschieht im Bodenmarktmodul, das in einem iterativen Prozeß den Gleichgewichtspachtpreis ermittelt (vgl. hierzu Abbildung 11 ).

Abbildung 11: Ermittlung des Gleichgewichtspachtpreises und des optimalen Produktionsprogrammes


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Zum Finden des Gleichgewichtspachtpreises wird die von den einzelnen Betriebstypen gewünschte Menge der gemeinsam genutzten Ressource (LN) an das dahinterstehende Steuerungsprogramm zurückgemeldet. Dieses verrechnet die nachgefragten Zupachtflächen mit den angebotenen Verpachtflächen und ermittelt einen modifizierten Pachtpreis (Preiserwartung) als Vorgabe für die nächste Iteration. Damit werden die einzelnen Betriebstypen wiederum nacheinander optimiert. Dieser Iterationsprozeß wird fortgeführt, bis der Gleichgewichtspachtpreis gefunden ist, d.h. die angebotenen und die nachgefragten Pachtflächen ausreichend genau übereinstimmen (Odening, 1994; Kistner, Steven, 1991; Hanf, 1989; Schiefer, 1975; Zäpfel, Gferer, 1984). Der für jede Wirtschaftsperiode neu bestimmte Pachtpreis wird durch Veränderungen der Erzeugerpreise bzw. der Preise für landwirtschaftliche Vorleistungen Veränderungen unterliegen.

Zur Ermittlung des Gleichgewichtspachtpreises wird auf die ‘bisection method’ zurückgegriffen<31>. Hierbei wird die Ermittlung des Gleichgewichtspreises als Nullstellensuche<32> betrachtet. Um das Finden des Gleichgewichtspachtpreises als Nullstellensuche durchführen zu können, wird die Flächendifferenz ( ) in Abhängigkeit des Pachtpreises gebildet. Die Flächendifferenz stellt die Differenz aus der zur Verpachtung angebotenen ( ) und der zur Zupacht nachgefragten ( ) landwirtschaftlichen Nutzfläche zu dem jeweiligen Pachtpreis dar. Die Flächendifferenz kann ausgedrückt werden als: . Die Funktion: stellt demnach die Preisfunktion der Differenz aus den nachgefragten und angebotenen landwirtschaftlichen Nutzflächen dar vgl. ( Abbildung 12 ). Bei einer Flächendifferenz im Intervall um null ( \|[ap ]\| ) ist der Gleichgewichtspachtpreis gefunden. Als Toleranz wird 1 % der Gesamtfläche zugelassen.


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Abbildung 12: Flächendifferenz in Abhängigkeit des Pachtpreises (fiktiver Iterationsprozeß)

Transportkosten werden bei der Pachtpreisbildung nicht berücksichtigt. Zudem ist der Zukauf oder Verkauf von landwirtschaftlichen Flächen nicht vorgesehen. Für die Flächen wird gleiche Bodenqualität und für den Bodenmarkt vollkommene Konkurrenz unterstellt. Demnach erfolgt die Flächenvergabe unabhängig von persönlichen Präferenzen allein nach dem Grenznutzenprinzip, zu einem in der Region einheitlichen Pachtpreis. Pachteinnahmen fließen dem verpachtenden Betrieb zu, der zupachtende Betrieb hat entsprechende Ausgaben zu tätigen.

In der Untersuchungsregion existieren mehr als 9.000 Betriebe in der Größenklasse bis 5 ha LN. Darunter sind nahezu 4.000 Betriebe mit einer Fläche bis 2 ha LN. Diese werden vorrangig im Nebenerwerb oder von Rentnern mit dem Ziel einer eigenen Versorgung mit Grundnahrungsmitteln bewirtschaftet. Da von einem Verhalten der Betriebe nach den beschriebenen Maximen nicht ausgegangen werden kann, wurden diese Betriebe in den Modellrechnungen nicht berücksichtigt. Vielmehr wird binnen der nächsten 10 Jahre eine Aufgabe dieser Betriebe zu 60 % unterstellt. Dadurch stehen ‘generationswechselbedingt’ nach jeder Wirtschaftsperiode 1.774 ha LN zusätzlich als Pachtflächen zur Verfügung.


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Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß Polen hinsichtlich seiner Bedeutung für den Weltmarkt als 'kleines Land' betrachtet werden kann. Demnach wird davon ausgegangen, daß die durch die einzelbetriebliche Investitionsförderung zusätzlich bereitgestellten Produkte keinen Einfluß auf die Erzeugerpreise haben. Preisendogenität besteht demnach nur für den Faktor Boden.

4.5. Das Investitionsmodul

Das Investitionsmodul wird von den einzelnen Betriebstypen nacheinander für alle angebotenen Investitionsalternativen durchlaufen. Die Entscheidung darüber, ob ein Betrieb in der jeweiligen Periode eine (oder mehrere) Investitionen tätigt, hängt von drei Kriterien ab: der Finanzierbarkeit, der positiven Einkommens- und der positiven Liquiditätswirkung, die gleichzeitig erfüllt sein müssen. Darauf wird im Anschluß eingegangen.

Jedem Betriebstyp werden je zwei unterschiedliche Stallkapazitäten für Milchvieh, Mastbullen, Mastscheine und Zuchtschweine sowie mehrere Stallumbauvarianten angeboten. Letztere werden insbesondere von Betrieben mit bis zu etwa 15 ha (65 % aller Betriebe) bevorzugt realisiert (Hornowski, 1996). Die für den jeweiligen Betriebstyp möglichen Investitionsalternativen inklusive deren Kosten und Leistungen sind in Tabelle A/12 im Anhang wiedergegeben. Die ausreichende Versorgung mit Anlagegütern wie auch mit kurzfristigen Produktionsmitteln (Dünger, Pflanzenschutzmitteln etc.) ist in der Beispielsregion gewährleistet. Für den hier relevanten Nachfragebereich wird daher wie auch für landwirtschaftliche Arbeitskräfte von konstanten Preisen je Einheit ausgegangen.

Finanzierbarkeit

Bei der Überprüfung der Finanzierbarkeit wird ermittelt, ob die Anschaffungskosten aufgebracht werden können. Als Kenngrößen werden hierzu der Bestand an liquiden Mitteln und der aktuelle Kreditspielraum herangezogen. Dabei wird von dem von der ARiMR mindestens geforderten Eigenkapitalanteil von 20%<33> ausgegangen.


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Die damit gewählte maximale Fremdfinanzierung entspricht bedingt durch die negative Realverzinsung der vergebenen Darlehen der für den Landwirt günstigsten Finanzierungsform. Sofern die Finanzierbarkeit gewährleistet ist, wird der Einfluß der Investitionsalternative auf das Einkommen untersucht.

Einkommenswirkung

Zur Ermittlung der Einkommenswirkung wird die Situation mit Tätigung der Investitionsalternative mit einer Situation ohne Tätigung der Investitionsalternative verglichen und der Nettoertrag der Investitionsalternative (Leistungs-Kosten-Differenz) errechnet (Balmann, 1995). Der Nettoertrag wird ermittelt aus der Differenz des Periodenertrages und den Durchschnittskosten der Investitionsalternative.

Der Periodenertrag wird errechnet aus dem zu erwartenden Gesamtdeckungsbeitrag des Betriebes nach Tätigung der Investition abzüglich des zu erwartenden Gesamtdeckungsbeitrages ohne Tätigung der Investition (vgl. Formel (16) ).

Periodenertrag

(16)

Dem gegenüber stehen die Durchschnittskosten der Investitionsalternative ( ). Diese werden mittels der approximativen Kostenkalkulation errechnet und enthalten demnach die durchschnittliche Abschreibung, den durchschnittlichen Zinsanspruch und die anfallenden Gemeinkosten<34> (Brandes, Odening, 1992). Der Nettoertrag der Investitionsalternative ( ) ergibt sich demnach aus:


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Nettoertrag

(17)

Falls der Nettoertrag positiv ist, also der Periodenertrag die periodisierten Durchschnittskosten übersteigt, ist dieses Kriterium erfüllt.

Liquiditätswirkung

Das dritte Kriterium ist die positive Liquiditätswirkung der Investition. Hierzu wird mittels einer Einzahlungs-Auszahlungs-Rechnung vorgegangen. Es wird davon ausgegangen, daß der Landwirt nur dann zur Tätigung von Investitionen bereit ist, wenn er während der Laufzeit des Darlehens (bis zu 10 Jahren bei Gebäudeinvestitionen) keinen Rückgang des frei verfügbaren cash flows (verfügbare Mittel für Privatentnahmen und Nettoinvestitionen) in Kauf nehmen muß. Das Liquiditätskriterium lautet daher:

Liquiditätskriterium

(18)

der Anstieg des Gesamtdeckungsbeitrages durch die Tätigung der Investition ( ) muß den Kapitaldienst<35> ( ) und die Gemeinkosten ( ) der Investitionsalternative übersteigen. Dabei wird unterstellt, daß die Banken keinen weiteren Überbrückungskredit gewähren, sowie daß ein Verkauf von Aktiva nicht möglich ist.

Erfüllen mehrere Investitionsalternativen diese drei Kriterien, wird die Investition getätigt, die den höchsten Nettoertrag erzielt. Nicht mit ins Kalkül einbezogen werden bei diesem Verfahren Synergieeffekte verschiedener Investitionsalternativen.


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4.6. Das Betriebsaufgabemodul

4.6.1. Betriebsaufgabe aufgrund von Insolvenzen und nicht gedeckten Opportunitätskosten

Eine Betriebsaufgabe ist - modellintern - vorgesehen, wenn im Falle eines Generationswechsels die Opportunitätskosten der Weiterbewirtschaftung nicht gedeckt sind (Opportunitätskostenkriterium) oder der Betrieb zahlungsunfähig geworden ist (Insolvenzkriterium). Beide werden nachfolgend erläutert.

4.6.1.1.1. Opportunitätskostenkriterium

Von einer Betriebsaufgabe wird ausgegangen, wenn der künftig erwartete Gewinn ( ) die erwarteten Opportunitätskosten ( ) der betriebseigenen Faktoren nicht deckt. Die Weiterführung des landwirtschaftlichen Betriebes wird als unrentabel betrachtet, wenn gilt: . Hierbei werden die Opportunitätskosten nach folgender Formel ermittelt (vgl. Balmann, 1995):

Opportunitätskosten

(19)

Zur Ermittlung der Opportunitätskosten wird für die Entlohnung der betriebseigenen Arbeitskräfte der in dieser Periode gültige Lohnsatz multipliziert mit den derzeit außerlandwirtschaftlich verwertbaren Arbeitsstunden. Die Opportunitätskosten der Fläche werden mit dem aktuellen Pachtpreis berechnet. Für den vorhandenen Bestand an liquiden Mitteln wird die Verzinsung für Sparguthaben angenommen. Wirtschaftsgebäude und Maschinen werden als nicht veräußerbar (sunk costs) betrachtet.

Zumeist werden Überlegungen zur Betriebsaufgabe aufgrund der in Formel (19) ausgewiesenen Opportunitätskosten nur im Falle eines Generationswechsels angestellt. Zum einen nimmt mit zunehmendem Alter die Bereitschaft zu beruflichen (und räumlichen) Veränderungen häufig ab, zum anderen sinken oftmals die Opportunitätskosten der eigenen Arbeitskraft erheblich.


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Daher wurde bei der Modellformulierung unterstellt, daß für ' ' 4 % der Betriebe dieses Betriebstyps ausscheiden. Dem liegt eine angenommene durchschnittliche Betriebsleiterstätigkeit von 25 Jahren zugrunde.

4.6.1.1.2. Insolvenzkriterium

Mit dem erstellten deterministischen Modellansatz ist eine direkte Berücksichtigung von für die Investitionsentscheidung relevanten aber unsicheren Umweltparametern nicht möglich. Um Wahrscheinlichkeiten ansatzweise einbeziehen zu können, wird der errechnete Bestand an liquiden Mitteln als Mittelwert ( ) normalverteilter (Gauss-Verteilung, ) Betriebsergebnisse betrachtet. Dies hat u. a. zur Folge, daß bei einem negativen durchschnittlichen Bestand an liquiden Mitteln zumeist einige Betriebe über einen positiven Bestand verfügen und umgekehrt. Die Wahrscheinlichkeit ( ), daß ein Betrieb bei dem jeweiligen Mittelwert an liquiden Mitteln ( ) den geforderten Grenzwert ( ), der zur Weiterbewirtschaftung des Betriebes notwendig ist, aufweist, entspricht dem Flächenabschnitt unter der Dichtekurve der normalverteilten Betriebsergebnisse <A NAME=rID-23></A><B><SUP class=@fn@><A HREF=#iID-23><36></A></SUP></B> (vgl. Formel (20) und Abbildung 13 ) (Spiegel 1985; Sachs, 1990).

Anteil der Betriebe mit einem Mittelbestand >

(20)

Die Anzahl der Betriebe ( ), die zu Beginn der folgenden Wirtschaftsperiode vorhanden ist, ergibt sich aus dem Produkt der Wahrscheinlichkeit ( ), daß ein Betrieb über den geforderten Mindestbestand an liquiden Mitteln ( ) verfügt und der Anzahl der Betriebe die zu Beginn dieser Wirtschaftsperiode ( ) vorhanden waren.


62

Anzahl verbleibender Betriebe

(21)

Wurde bereits bei der Ermittlung der liquiden Mittel ein negativer Bestand festgestellt, wird davon ausgegangen, daß der Landwirt versucht, durch die Aufnahme eines zusätzlichen Kredites (Strafkredit) die drohende Insolvenz abzuwenden. Strafkredite werden zu einem jährlichen Zinssatz von real 20 % für die Dauer von 12 Monaten vergeben. Dies entspricht einer Nominalverzinsung von etwa 40 %. Die nach Aufnahme des Strafkredites vorhandenen liquiden Mittel werden ebenfalls als normalverteilt betrachtet und der Anteil der verbleibenden Betriebe wird nach dem oben beschrieben Verfahren ermittelt. Auf diese Weise wird verhindert, daß ein einmaliger negativer Bestand an liquiden Mitteln zum Ausscheiden eines großen Teils der Betriebe eines Betriebstyps führt. Diese Methode wird sowohl bei überdurchschnittlich als auch bei unterdurchschnittlich gut geführten Betrieben angewendet.

Der mittlere Bestand an liquiden Mitteln der in der Produktion verbleibenden Betriebe ( ) liegt über dem geforderten Grenzwert ( ), (vgl. Abbildung 13 ). Bei der hier vorliegenden linksseitig gestutzten Normalverteilung werden alle Werte unterhalb des geforderten Grenzwertes ausgenommen. Dadurch ist der durchschnittliche Mittelbestand der verbleibenden Betriebe ( ) entsprechend höher und liegt im Intervall (Sachs, 1990; Spiegel 1985).

Abbildung 13: Linksseitig gestutzte Normalverteilung


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Zur Ermittlung des durchschnittlichen Mittelbestandes der verbleibenden Betriebe wird auf den ‘Allgemeinen Ansatz zur Berechnung gestutzter Verteilungen‘ in Rasch, 1995 zurückgegriffen. Vergleiche hierzu nachfolgende Formel.

Allgemeiner Ansatz zur Berechnung gestutzter Verteilungen

(22)

Nach Auflösung des Koeffizienten (vgl. hierzu Berechnung A/ 1 im Anhang) ergibt sich folgende Rechenvorschrift.

Rechenvorschrift zur Ermittlung des durchschnittlichen Mittelbestandes der verbleibenden Betriebe:

(23)

Der so ermittelte durchschnittliche Bestand an liquiden Mitteln der verbleibenden Betriebe eines Betriebstyps ( ) wird als Ausgangsbestand an liquiden Mitteln für die nächste Wirtschaftsperiode verwendet.

Die Literatur gibt, nach Wissen der Verfasserin, keine Auskunft über die Standardabweichung der liquiden Mittel. Diese wurde daher näherungsweise aus in der Literatur vorhandenen Daten grafisch bestimmt (vgl. hierzu Abbildung A/ 1 im Anhang).


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4.6.2. Entwicklung verschiedener monetärer Größen

Nach jeder Wirtschaftsperiode werden die Produktions-, Investitions- und Betriebsaufgabeentscheidungen der Modellbetriebe ausgewertet und deren Ausgangssituation für die nächste Periode bestimmt. Die wichtigsten Beziehungen sind in Tabelle 9 zusammengefaßt.

Tabelle 9: Entwicklung verschiedener monetärer Größen

Variable

Symbol

Entwicklung

Liquide Mittel

Privatentnahmen

Desinvestitionen

Nicht ausgeschöpfter Kreditspielraum

Kapitaldienst

Gemeinkosten

Gewinn

(siehe nächste Zeile)

für ; Abschreibung bereits vorhandener Altanlagen wird vernachlässigt

mit:

 

Anschaffungskosten der Investitionsalternativen

Nicht ausgeschöpfter Kreditspielraum

Lohnsatz / h im landwirtschaftlichen Sektor

Lohnsatz / h in den außerlandwirtschaftlichen Sektoren

Faktorausstattung

Gemeinkosten

Gesamtdeckungsbeitrag

Investitionsalternativen (k=1, .., r)

Laufindex der Perioden

Fremdarbeitsstunden

Laufzeit des Kredits

Nutzungsdauer der Anlagegüter

Pachtzahlungen

Kapitaldienst

Kredit

Privatentnahmen


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Zum Abschluß einer Wirtschaftsperiode werden monetäre Größen, bei denen von einem inflationsbedingten Anstieg ausgegangen werden muß, um die für die jeweilige Periode unterstellte allgemeine Preissteigerung erhöht<37>. In den Modellrechnungen wird davon ausgegangen, daß dies für die Anschaffungskosten der Investitionsalternativen, die Gemeinkosten des Betriebes, den maximalen Kreditspielraum sowie für die Privatentnahmen gilt. Für die Deckungsbeiträge der jeweiligen Betriebstypen wird ein etwas modifiziertes Verfahren angewandt. Neben der allgemeinen Preissteigerung wird hier auch die zumeist niedrigere Preissteigerung für landwirtschaftliche Erzeugnisse ('Preisschere') berücksichtigt. Diese führt zu einer allmählichen Verschlechterung der Relation von Erzeugerpreisen zu Betriebsmittelpreisen.

Im folgenden Punkt werden die mit dem erstellten Modell simulierten agrarpolitischen Szenarien und die diesen zugrunde gelegte Datengrundlage beschrieben.

4.7. Ausgewählte Szenarien und Datengrundlage

4.7.1. Ausgewählte Szenarien

Nachfolgend werden die für die Modellrechnungen ausgewählten Szenarien beschrieben. Für jedes der beiden Szenarien wird ein Unterszenario 'mit einzelbetrieblicher Investitionsförderung' ('mit EIF') bzw. 'ohne einzelbetrieblicher Investitionsförderung' ('ohne EIF') untersucht. Der Betrachtungszeitraum beträgt in jedem Szenario 10 Jahre. Als Basisjahr für die Datenerhebung und die Durchführung der Simulationen wurde das Jahr 1996 gewählt. Für den Simulationszeitraum wird von einer geringfügigen Verschlechterung der Relation von Erzeugerpreisen zu Betriebsmittelpreisen im Zeitablauf ausgegangen.


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Szenario 1: 'Fortführung der derzeitigen Agrarpolitik'

Als Referenzsituation wurde die 'Fortführung der derzeitigen Agrarpolitik, mit EIF' gewählt. D.h., die bestehenden agrarpolitischen Regelungen in Polen werden über den gesamten Betrachtungszeitraum beibehalten. Zu nennen ist neben der Quotierung der Zuckerproduktion v.a. ein relativ moderater Eingriff in die Erzeugerpreise für Milch, Zucker und Schweinefleisch. Die Producer Subsidy Equivalents (PSE) liegen bei den genannten Produkten bei -5 %, 19 %, bzw. 10 % (OECD, 1995). Die den Deckungsbeitragsrechnungen zugrunde liegenden Erzeugerpreise für das Szenario 1 sind Tabelle 10 zu entnehmen.

Szenario 2: ‘Übergang zur Agenda 2000’

Im Hinblick auf den bereits absehbaren EU-Beitritt Polens wurde als weiteres Szenario der Beitritt Polens zur EU mit den in der Agenda 2000 (Stand der Vorschläge Juli 1997) vorgeschlagenen Modalitäten gewählt. Darin steht der Gedanke der weiteren Liberalisierung sowie einer Vereinfachung der bürokratischen Abläufe der gemeinsamen Agrarpolitik im Vordergrund. In dem Vorschlag der EU-Kommission heißt es: "Angesichts der Strukturschwäche in Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie ... wäre für die meisten Bewerberländer eine Übergangszeit in Betracht zu ziehen; ....Die direkten Einkommenshilfen der GAP-Reform von 1992 wären für diese Zeit auf jeden Fall nicht vorzusehen..." (Agra-Europe, 1997). Demnach sind Einkommensbeihilfen für die beitretenden Länder Mittel- und Osteuropas derzeit unwahrscheinlich und sind daher in dem Szenario nicht vorgesehen. Zusätzlich wird davon ausgegangen, daß die bestehende Quotierung der Zuckerproduktion beibehalten wird, eine Quotierung der Milchproduktion aber nicht eingeführt wird.

Bei der Festlegung der künftigen Erzeugerpreise wurde von einem Qualitätsanstieg der erzeugten Produkte ausgegangen. Dennoch wird es vermutlich einige Zeit dauern bis in der Tierproduktion, die zur Intervention erforderlichen Qualitäten erreicht werden. Aus diesem Grund werden Abschläge vom Interventionspreis für Rindfleisch und Milch vorgenommen (AID, 1997). Bei Schweinefleisch und Raps wird qualitätsbedingt von einem allmählichen Ansteigen der Preise auf Weltmarktniveau ausgegangen (Herok, Lotze, 1998). Für Kartoffeln und Zuckerrüben ist kein Liberalisierungseffekt zu erwarten, da Kartoffeln kaum international und Zuckerrüben kaum außerhalb bilateraler Präferenzabkommen gehandelt werden.


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Die zugrunde gelegten Erzeugerpreise nach dem Beitritt zur EU sind in Tabelle 10 wiedergegeben. Weitere Hinweise zur Erzeugerpreisfindung sind den Arbeiten von Kirschke et al., 1998 und Herok, Lotze, 1998 zu entnehmen.

Zu diesem Szenario muß folgendes angemerkt werden: Zum einen unterliegen die konkrete Ausgestaltung der Beitrittsregelungen und die sich einstellenden Erzeugerpreise erheblichen Unwägbarkeiten. Die Ergebnisse dieses Szenarios sind daher im wesentlichen als Auswirkungen der einzelbetrieblichen Investitionsförderung bei einem höheren Preisniveau für tierische Erzeugnisse zu interpretieren. Zum anderen wird, obwohl die meisten EU-Regelungen stufenweise Veränderungen vorsehen, der EU-Beitritt modellendogen abrupt nach der fünften Periode vorgenommen. Letzteres ist damit zu begründen, daß es problematisch erscheint, bei noch nicht fest umrissenen Beitrittsregelungen Übergangsmodalitäten festzulegen. Zusätzlich würden, und dies ist weit schwerwiegender, bei einem stufenweisen Übergang die beobachteten Struktureffekte vielfach erst zu einem weit späteren im Modell nicht mehr abgebildeten Zeitpunkt auftreten. Dies ist insofern als problematisch zu beurteilen, als für diesen weit längeren Zeitraum etliche zusätzliche Annahmen, die weit weniger abgesichert sein können, getroffen werden müssen. Dazu zählen u.a. Annahmen über die mittel- und langfristige gemeinsame Agrarpolitik in der erweiterten EU sowie die damit verbundene Preisentwicklung. Abgeschätzt werden müßte außerdem die Bevölkerungsentwicklung sowie die Entwicklung der außerlandwirtschaftlichen Arbeitsplätze in Polen bzw. die Erwerbsmöglichkeiten in der EU oder anderen Staaten. Die Modellsimulationen würde durch die Implementierung eines Übergangszeitraumes also nicht nur gewinnen, sondern auch an Genauigkeit und Sicherheit einbüßen.

Die nachfolgende Tabelle gibt die zugrunde gelegten Erzeugerpreise wieder. Davon ausgehend wurden die Deckungsbeiträge errechnet und für die Folgejahre hochgerechnet unter Berücksichtigung der akkumulierten Inflation und einer geringfügigen Verschlechterung der Relation von Erzeugerpreisen zu Betriebsmittelpreisen.


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Tabelle 10: Zugrundegelegte Erzeugerpreise in den betrachteten Szenarien

Szenario

Getreide (Zl/dt)

Raps (Zl/dt)

Zuckerrüben (Zl/dt)

Kartoffeln (Zl/dt)

Milch (Zl/l)

Rindfleisch (Zl/kg LG)

Schweinefleisch (Zl/kg LG)

‘Fortführung der derzeitigen Agrarpolitik’

38,2

62,4

8,0

15,6

0,56

3,6

3,5

‘Übergang zur Agenda 2000’

37,2

67,2

8,0

15,6

0,6

5,1

4,4

Zum Zeitpunkt der Datenerhebung (Juni 1996) entsprach 1 Zl 0,63 DM.

Quelle: GUS, 1996; eigene Erhebung; Herok, Lotze, 1998

4.7.2. Datengrundlage

Die Formulierung des Modells macht eine umfangreiche Datengrundlage notwendig. Dies gilt insbesondere für die Betriebsmodelle, die eine relativ detaillierte Datenbasis zur Ermittlung der Deckungsbeiträge sowie der Faktoransprüche und -lieferungen der einzelnen Produktionsverfahren erfordern. Dazu wurde auf Veröffentlichungen des polnischen statistischen Hauptamtes (IERIGZ, 1997; GUS, verschiedene Jahrgänge), auf Regionalstatistiken der Wojewodschaft Torun (WUS 1996 a, WUS 1996 b, WUS 1997a, WUS 1997b, WUS 1997c, WUS 1997d) sowie auf diverse Sekundärliteratur zurückgegriffen. Da die Datenverfügbarkeit ab der Regionalebene erheblich abnahm, waren insbesondere zur Ermittlung einzelbetrieblicher Daten eigene Befragungen von Landwirten notwendig.

Informationen über Anschaffungskosten und Kreditvergabekonditionen für verschiedene Investitionsalternativen in der landwirtschaftlichen Primärproduktion konnten aus Interviews mit Vertreterinnen polnischer Banken (BGZ, Pomorski Bank), Vertreter/innen der staatlichen landwirtschaftlichen Beratungsstellen (ODR) sowie Vertreter/innen der Deutsch-Polnischen Wirtschaftsfördergemeinschaft gewonnen werden.

Für erforderliche technische Koeffizienten wie Futterbedarf, Arbeitszeitansprüche etc. lagen keine polnischen Normwerte vor. Bei den empirischen Erhebungen konnten aber typische Produktionsverfahren identifiziert werden und damit auf standardisierte Normwerte des Kuratoriums für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft (KTBL, 1996 a; 1996 b) zurückgegriffen werden.


Fußnoten:
<24>

Zu der mit dem Konzept der repräsentativen Betriebe verbundenen Aggregationsproblematik siehe insbesondere Day, 1963.

<25>

Werden einzelbetriebliche Modelle zur Untersuchung von Regional- und Strukturentwicklungen dennoch eingesetzt, bedürfen sie einer Ergänzung durch weitere Berechnungen mit komplementären Modellen. Ein Beispiel dafür ist die sogenannte FAL-Modellfamilie.

<26>

Eine Übersicht weiterer Vorteile von 'independent farm models' findet sich in Hanf, 1989.

<27>

Mit dem gewählten Modellansatz ist es prinzipiell möglich, die Erzeugerpreise modellendogen zu bestimmen, wenngleich die Literatur meines Wissens bislang keine praktische Umsetzung dazu ausweist. Dies verdeutlicht nochmals die Vorzüge von Hybridmodellen bei denen der Einzelbetrieb detailliert betrachtet werden kann und gleichzeitig Preisveränderungen modellendogen bestimmt werden können.

<28>

Die Problematik der Datenerfassung, deren Aufbereitung und deren Prognose über den Betrachtungszeitraum trifft natürlich nicht nur auf den gewählten Modellansatz zu.

<29>

Im Betrachtungszeitraum (10 Wirtschaftsperioden) ist maximal eine Ausdehnung des Zupachtungs- bzw. Verpachtungsumfanges um bis zu rund 500 % der Eigenfläche möglich.

<30>

Der seit 1994 verzeichnete Anstieg der außerlandwirtschaftlichen Arbeitsplätze wird über den Betrachtungszeitraum fortgeschrieben. Für den in den außerlandwirtschaftlichen Sektoren erzielbaren Lohn wird, wie in der Ausgangssituation beobachtet, ein Aufschlag von 12,5 % gegenüber dem landwirtschaftlichen Lohn angenommen.

<31>

Bei dem gewählten Iterationsverfahren, die ‘bisection method’, ist die Konvergenz gesichert. Eine Übersicht über mögliche Iterationsmechanismen bieten u.a. Bronstein, 1987; Bartsch, 1986.

<32>

Die 'bisection method' ist auf maximal eine gemeinsame Ressource, beschränkt. Press et al., 1995 schlägt für Optimierungsprobleme mit mehr als einer gemeinsamen Ressource ein Gradientenverfahren vor.

<33>

Die Richtlinien der ARiMR sehen bei der Vergabe von Präferenzkrediten einen Mindesteigenkapitalanteil von 20 % vor (ARiMR, 1997). Der geforderte Eigenkapitalanteil liegt damit doppelt so hoch wie bei dem in Deutschland durchgeführten Agrarkreditprogramm ‘AFP’ (BMELF, 1997).

<34>

Unter Gemeinkosten werden investitionsspezifische Kosten wie Reparaturen, Versicherung etc. verstanden.

<35>

Um die Liquidität der Betriebe bei jährlichen Inflationsraten von bis zu 20 % ausreichend berücksichtigen zu können wird der Kapitaldienst nominal betrachtet.

<36>

Die Normalverteilung bzw. ist definiert als: .

<37>

Verschiedene Analysen gehen von einer weiteren Verringerung der jährlichen Inflationsrate in Polen aus, wenngleich ein Rückgang im gleichen Tempo wie nach 1995 für unwahrscheinlich gehalten wird. Für den Zeitraum bis 2005 wird eine allmähliche Stabilisierung der Inflation im Bereich um etwa 10 % pro Jahr erwartet (Ministry of Agriculture and Food Economy, 1994 a; 1994 b). Die für den Simulationszeitraum zugrunde gelegte Entwicklung der allgemeinen Preissteigerung findet sich im Anhang in siehe .


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