Morgenroth, Silvia: Sozioökonomische Rahmenbedingungen und Landnutzung als Bestimmungsfaktoren der Bodenerosion in Entwicklungsländern - Eine überregionale empirische Analyse im Kontext der Agrarentwicklung -

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EINLEITUNG

Kapitel 1. Problemstellung, Zielsetzung und Vorgehensweise

1.1 Problemstellung

Die Degradation landwirtschaftlicher Nutzflächen durch den Abtrag fruchtbaren Oberbodens (Bodenerosion) ist ein weltweit beobachtbares Phänomen. Sie wird insbesondere in Entwicklungsländern zum Problem, da ein Verlust der Ressource Boden dort die ohnehin unsichere Ernährungssituation weiter Bevölkerungsteile zusätzlich gefährdet (PIMENTEL et al., 1995, S. 1117; PINSTRUP-ANDERSEN et al., 1997, S. 5 f.).

Während zu Ausmaß und Schwere der Bodenerosion heute dank internationaler Forschungsbemühungen erste weltweite Informationen vorliegen (UNEP/ISRIC, 1991), herrscht über ihre Ursachen, vor allem über die auf menschliches Eingreifen zurückgehenden (anthropogenen) Ursachen wenig Klarheit, was ein wirksames Eingreifen seitens der Politik durch gezielte Bodenschutzmaßnahmen erheblich erschwert (THAMPAPILLAI und ANDERSON, 1994, S. 309 f.). Ein Grundkonsens besteht lediglich hinsichtlich der unmittelbaren landnutzerischen Ursachen der Bodenerosion. Diese werden hauptsächlich in der Übernutzung von Weideland, in der Abholzung von Waldflächen zur ackerbaulichen Nutzung oder Holzgewinnung und in ungeeigneten Anbautechniken gesehen (OLDEMAN, 1991, S. 18).

Jenseits dieser Landnutzungspraktiken fokussiert die Diskussion der anthropogenen Bestimmungsfaktoren von Bodenerosion in Entwicklungsländern zunehmend auf sozioökonomische, demographische und politische Rahmenbedingungen, die die Anbau- und Bodenschutzentscheidungen der Landnutzer maßgeblich beeinflussen (BLAIKIE, 1985). Die wichtigsten der in der Literatur diskutierten erosionsrelevanten Größen sind:

Kennzeichnend für die mittlerweile umfangreiche wissenschaftliche Literatur ist allerdings, daß die relative Bedeutung einzelner Rahmenbedingungen sehr unterschiedlich eingeschätzt und in den wenigsten Arbeiten empirisch untersucht wird. Infolgedessen sind konkrete Ansatzpunkte für die kohärente Gestaltung von Maßnahmen zur Erosionsbekämpfung kaum abzuleiten (vgl. THAMPAPILLAI und ANDERSON, 1994, S. 309).


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Die wenigen empirischen Studien, in denen die Wirkung einzelner sozioökonomischer Rahmenbedingungen auf Landnutzung und Bodenerosion untersucht werden, sind ausnahmslos auf einen lokalen Kontext bezogen; die oft widersprüchlichen Ergebnisse können dementsprechend nur begrenzt verallgemeinert werden<1>. Gleichzeitig basieren sie häufig auf modelltheoretischen Annahmen zum Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen Aktivitäten und Bodenerosion, die für die allerwenigsten Standorte erforscht sind.

Der wesentliche Grund dafür, daß überregionale Untersuchungen bislang nicht vorliegen, ist darin zu sehen, daß es lange Zeit keine einheitliche Datengrundlage für eine länderübergreifende, vergleichende Beschreibung der Bodenerosion gab. Erst in der zweiten Hälfte der 80er Jahre wurde die erste weltweite, standardisierte Erhebung zum Stand der Bodendegradation durchgeführt und schließlich 1991 fertiggestellt: das Global Assessment of Soil Degradation (GLASOD). In der vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) angeregten und finanzierten Erhebung wurden unter Federführung des International Soil Reference and Information Centre (ISRIC) in Zusammenarbeit mit weltweit rd. 250 Wissenschaftlern nach einheitlichen Leitlinien Informationen über vorherrschende Degradationstypen sowie Ausmaß und Schwere der Degradation flächendeckend zusammengestellt. Aufbauend auf den Daten für rund 2.000 untersuchte physiographische Einheiten (mapping units) wurde schließlich eine Degradationskarte im Maßstab 1:10 Mio. erstellt (UNEP/ISRIC, 1991).

Die im Rahmen des GLASOD erhobenen Daten bieten erstmals die Möglichkeit, Informationen zur Bodenerosion auf Länderebene zu aggregieren und damit eine quantitative Erosionsvariable als Grundlage vergleichender Analysen zu definieren. Auf diese Weise können Problemländer mit einem besonders hohen Ausmaß und besonders schwerer Bodenerosion identifiziert werden.

Vor allem aber wird anhand einer derart national aggregierten Erosionsvariablen die Voraussetzung für eine Analyse der tatsächlichen Relevanz verschiedener anthropogener Rahmenbedingungen für Ausmaß und Schwere der Bodenerosion auf breiter empirischer Basis geschaffen, da für viele der möglichen sozioökonomischen, demographischen und agrarpolitischen Erosionsdeterminanten weltweit nationale Daten vorliegen.

Durch die in der vorliegenden Arbeit durchgeführte explorative Analyse anthropogener Bestimmungsfaktoren der Bodenerosion in Entwicklungsländern können auf dieser Datenbasis erstmalig überregional gültige Aussagen zur relativen Bedeutung einzelner Determinanten getroffen werden. Damit wird ein Beitrag zur Theoriebildung im Bereich der Ursachenforschung der Bodenerosion geleistet und zugleich die Entscheidungsgrundlage für Ansatzpunkte und Ausgestaltung von Maßnahmen zum Bodenschutz verbessert.


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1.2 Zielsetzung der Arbeit

Grundlegendes Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die in Entwicklungsländern bestehenden Zusammenhänge zwischen sozioökonomischen<2> und landnutzerischen Rahmenbedingungen auf der einen und Bodenerosion auf der anderen Seite empirisch zu erfassen. Im Mittelpunkt der Arbeit stehen die Zusammenstellung und Strukturierung einer an die Fragestellung angepaßten Datengrundlage sowie die darauf aufbauende Identifizierung, Quantifizierung und Interpretation der Wirkung relevanter Erosionsdeterminanten. Der Aufdeckung struktureller Zusammenhänge zwischen möglichen Erosionsdeterminanten auf einer breiten Datengrundlage kommt besondere Bedeutung zu, weil auf diese Weise die Analyse und Interpretation sozioökonomischer Erosionsdeterminanten im Kontext mit natürlichen und landnutzerischen Größen der Agrarentwicklung erfolgen kann.

Aus der Zielsetzung der Arbeit lassen sich folgende Unterziele ableiten:

  1. Quantitative, vergleichende Beschreibung des Ausmaßes und der Stärke von Bodenerosion in Entwicklungsländern anhand der auf nationaler Ebene zu aggregierenden Daten des GLASOD.
  2. Zusammenstellung einer umfassenden Datengrundlage für mögliche Erosionsdeterminanten, die die in der Literatur diskutierten erosionsrelevanten sozioökonomischen, landnutzerischen und natürlichen Rahmenbedingungen auf dem nationalen Aggregationsniveau hinreichend gut wiedergibt.
  3. Statistische Aufdeckung und Interpretation struktureller Zusammenhänge zwischen den Variablen für mögliche Erosionsdeterminanten sowie Reduktion der Variablenanzahl auf Grundlage dieser Zusammenhänge.
  4. Statistische Identifizierung sozioökonomischer und landnutzerischer Bestimmungsfaktoren der Bodenerosion unter Berücksichtigung der natürlichen Bedingungen und Quantifizierung ihrer relativen Bedeutung.


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1.3 Vorgehensweise

Zunächst wird im zweiten Kapitel der Arbeit der Stand der Forschung zu Bodenerosion und ihren anthropogenen Ursachen zusammengefaßt wiedergegeben. Die Aufarbeitung theoretischer Ansätze zur Herleitung von Erosionsursachen und die Darstellung der in der Literatur diskutierten Ursachen und Hypothesen zu deren Wirkungsweise dienen dazu, einen Rahmen für die empirische Analyse zu schaffen. Gleichzeitig stellen die erörterten Erosionsdeterminanten einen konkreten Ausgangspunkt für die Wahl relevanter Indikatoren in der empirischen Analyse dar. Ein Überblick über Studien zu einzelnen Erosionsursachen verdeutlicht darüber hinaus, daß die empirische Basis für die Fundierung der in der Literatur diskutierten Hypothesen derzeit recht schmal ist.

Im dritten Kapitel wird das Ausmaß des Problems Bodenerosion in Entwicklungsländern auf Grundlage der Daten des GLASOD vergleichend dargestellt. Zunächst werden Ziele und Erhebungsmethoden des GLASOD sowie die erhobenen Daten selbst vorgestellt. Sodann wird gezeigt, wie auf Grundlage der Daten die relevanten Größen zur vergleichenden Beschreibung der Erosion für die vorliegende Arbeit extrahiert und aggregiert werden: Für jedes Land wird ermittelt, welcher Anteil der Landesfläche - Wüstenflächen ausgenommen - von verschiedenen Erosionstypen verschiedenen Schweregrades betroffen ist. Anhand der aggregierten Erosionsindizes werden Problemregionen und Problemländer identifiziert und die wichtigsten unmittelbaren Erosionsursachen im landnutzerischen Bereich dargestellt. Die aggregierten Erosionsdaten sind zugleich Grundlage der Definition nationaler Erosionsindizes für die empirische Analyse.

Im vierten Kapitel werden sowohl das methodische Vorgehen der empirischen Analyse als auch die Datengrundlage für anthropogene und natürliche Erosionsdeterminanten dargestellt. Die Entscheidung für eine Kombination aus explorativen Verfahren der Datenanalyse (Korrelations-, Faktorenanalyse) mit strukturenprüfenden Verfahren (Regressionsanalyse) ist vor allem darin begründet, daß eine fundierte theoretische Grundlage für die Ableitung formaler Modelle in dem Forschungsbereich nicht gegeben ist. Die Wahl des methodischen Vorgehens ist weiterhin geprägt von Besonderheiten, die sich aus dem Aggregationsniveau der Analyse ergeben, wie auch aus vermuteten Zusammenhängen unter den Erosionsdeterminanten und aus möglichen reziproken Wirkungen der Bodenerosion auf die betrachteten Rahmenbedingungen. Hinsichtlich der Datengrundlage für mögliche Determinanten werden die Kriterien bei der Auswahl von Indikatorvariablen erläutert und die Datengrundlage selbst vorgestellt: Insgesamt werden 143 Variablen sowohl für anthropogene Rahmenbedingungen als auch für die natürlichen Bedingungen aus internationalen Datensammlungen für den Zeitraum 1961 bis 1990 zusammengestellt. Um in der empirischen Analyse eine nach Klimazonen differenzierte Betrachtung durchführen zu können, werden die betrachteten Länder dann anhand einer Clusteranalyse nach den vorherrschenden agroklimatischen Bedingungen gruppiert.


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Im fünften Kapitel werden die Ergebnisse der Korrelationsanalysen vorgestellt. Die Einfachkorrelationskoeffizienten zwischen Indikatorvariablen für mögliche Erosionsdeterminanten und Erosionsindizes dienen einer ersten Einschätzung der Zusammenhänge. Sie werden sowohl für die gesamte Bodenerosion und alle Länder durchgeführt als auch differenziert nach Klimazonen und für verschiedene Erosionsformen und Schweregrade.

Anhand der Faktorenanalyse nach der Hauptkomponentenmethode wird im sechsten Kapitel untersucht, inwieweit lineare Strukturen unter der Vielzahl von Variablen für mögliche Erosionsdeterminanten erkennbar sind. Dies ist die Grundlage nicht nur für die Reduktion der Variablenanzahl bei gleichzeitiger Verringerung von Multikollinearitätsproblemen, sondern auch für eine umfassende Interpretation erosionsrelevanter Faktoren. Insgesamt können 73 Länder und 62 Variablen mit annähernd vollständigen Datensätzen in die Analyse einbezogen werden. Auf eine allgemeine Darstellung der Methode und der für die Fragestellung gewählten spezifischen Vorgehensweise folgt die Erläuterung der Ergebnisse der Faktorenanalysen für verschiedene Ausgangsvariablensets und die eingehende Interpretation der extrahierten Faktoren.

Im siebten Kapitel wird regressionsanalytisch untersucht, welche der Faktoren Bedeutung für das Ausmaß der Bodenerosion haben. Für jeden der identifizierten Faktoren wird eine Repräsentantenvariable ausgewählt. Sämtliche Repräsentantenvariablen fließen als Ausgangsvariablen in die Regressionsanalyse ein, die nach einem stufenweisen Verfahren durchgeführt wird. Anhand der Regressionsergebnisse werden relevante Determinanten bzw. die Faktoren, für die sie stehen, identifiziert und deren relative Bedeutung quantifiziert. Wiederum werden Analysen sowohl für alle Länder als auch getrennt nach Klimazonen und für einzelne Erosionsformen vorgenommen. Für drei wichtige Variablen aus den Bereichen Armut und Preisentwicklung, die in der Faktorenanalyse wegen unzureichender Datenverfügbarkeit nicht berücksichtigt werden konnten, werden zusätzlich ergänzende Faktoren- und Regressionsanalysen entsprechend dem geschilderten methodischen Vorgehen, aber anhand einer reduzierten Länderanzahl (56) durchgeführt.

Die Ergebnisse der empirischen Analyse werden im achten Kapitel im Kontext der theoretischen Diskussion über die anthropogenen Determinanten der Bodenerosion und der Ergebnisse anderer Studien diskutiert. Auch werden die Möglichkeiten und Grenzen der in der empirischen Analyse angewandten Methoden beurteilt. Darauf aufbauend werden wesentliche Implikationen der Ergebnisse für die Gestaltung von Politikmaßnahmen abgeleitet sowie Bereiche und Methoden benannt, deren Weiterentwicklung in künftigen Forschungsarbeiten eine Vertiefung der gewonnenen Erkenntnisse erwarten läßt. Abschließend werden die wesentlichen Aussagen der Arbeit in deutscher und englischer Sprache zusammengefaßt (neuntes und zehntes Kapitel).


Fußnoten:

<1>

Vgl. die in TEMPLETON und SCHERR (1997) und NAPIER et al. (1994) vorgestellten Studien.

<2>

Sozioökonomische, demographische und agrarpolitische Rahmenbedingungen werden hier mit dem Terminus „sozioökonomisch“ i.w.S. zusammengefaßt.


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Thu Sep 21 12:33:49 2000