Morgenroth, Silvia: Sozioökonomische Rahmenbedingungen und Landnutzung als Bestimmungsfaktoren der Bodenerosion in Entwicklungsländern - Eine überregionale empirische Analyse im Kontext der Agrarentwicklung -

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Kapitel 3. Quantitative Erfassung der Bodenerosion im Ländervergeich

Mit dem Global Assessment of Soil Degradation (GLASOD), liegt seit 1991 erstmals eine weltweite Studie über Ausmaß, Schwere und Art der Bodendegradation und somit auch der Bodenerosion vor. Bis heute ist diese Erhebung die einzige, in der derartig umfassend und nach einheitlichen Richtlinien eine Einschätzung der Bodendegradation vorgenommen wird.

Im Mittelpunkt dieses Kapitels steht die Aggregation der Ausgangsdaten des GLASOD auf die nationale Ebene. Damit wird einerseits eine bis dato nicht vorliegende Beschreibung von Ausmaß und Schwere der Bodenerosion im Entwicklungsländervergleich ermöglicht. Andererseits sind die aggregierten Erosionsdaten Grundlage der Definition nationaler Erosionsindizes für die empirische Analyse der vorliegenden Arbeit.

Zunächst werden Ziele und Erhebungsmethoden des GLASOD sowie die Art der erhobenen Informationen vorgestellt (3.1). Dann wird gezeigt, wie auf Grundlage der GLASOD-Daten die relevanten Größen zur vergleichenden Beschreibung der Erosion in Entwicklungsländern für die vorliegende Arbeit extrahiert und aggregiert werden (3.2). Anhand dieser Größen werden dann Problemregionen und Problemländer identifiziert, und die wichtigsten unmittelbaren Erosionsursachen im landnutzerischen Bereich dargestellt (3.3).

3.1 GLASOD: Ziele und Erhebungsmethoden

Die Erkenntnis, daß es zur Bekämpfung der weltweit zunehmenden Degradation der Ressource Boden einer umfassenden Bestandsaufnahme des Ausmaßes der Bodendegradation bedarf, ist nicht neu. Schon zu Beginn der 70er Jahre berieten Experten der International Society of Soil Science (ISSS), der Food and Agricultural Organization (FAO) und des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP)<49> darüber, auf welche Weise und mit welcher Genauigkeit eine solche Bestandsaufnahme umgesetzt werden könne. Vorschläge zum methodischen Vorgehen, wie sie z.B. im World Soils Policy Document der UNEP (1982) und in einem Diskussionspapier von SOMBROEK (1985) unterbreitet wurden, gipfelten 1986 in dem von der ISSS erarbeiteten Projektentwurf für die World Soils and Terrain Digital Database (SOTER). SOTER sollte im Maßstab von 1:1 Mio. eine detaillierte Grundlage für nationale und regionale Planungsschwerpunkte darstellen.


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Bald jedoch wurde realisiert, daß eine derart kleinmaßstabige Bestandsaufnahme mindestens 15 Jahre in Anspruch nehmen würde. In Anbetracht der drängenden Degradationsprobleme forderten UNEP und Experten des ISSS deshalb 1987:

„...to produce, on a basis of incomplete knowledge, a scientifically credible global assessment of soil degradation in the shortest possible time.“ (OLDEMAN et al., 1991, S. 2).

UNEP formulierte einen entsprechenden Projektentwurf für dieses Global Assessment of Soil Degradation, das innerhalb von drei Jahren im Maßstab 1:10 Mio. erstellt werden sollte, mit dem International Soil Reference and Information Centre (ISRIC) als designierter Durchführungsorganisation. Als Hauptziel des GLASOD wird in den Projektunterlagen hervorgehoben:

„...strengthening the awareness of policy-makers and decision-makers of the dangers resulting from innapropriate land and soil management, and leading to a basis for the establishment of priorities for action programmes.“ (OLDEMAN et al., 1991, S. 2)<50>.

Als Erhebungsmethode wurde der sogenannte expert-system approach gewählt: In Zusammenarbeit mit etwa 250 Wissenschaftlern, die jeweils für eine bestimmte Region verantwortlich waren, wurden auf der Grundlage einheitlicher Leitlinien Daten zu Bodendegradationstypen, dem Ausmaß der Degradation sowie ihren unmittelbaren Ursachen erhoben. Zu diesem Zweck wurde die Welt in rd. 2.000 physiographische Einheiten (mapping units) eingeteilt, die in sich bzgl. Topographie, Böden, Klima, Vegetation und Landnutzung relativ homogen sind. Für jede mapping unit wurden auf Schätzungen der zuständigen Wissenschaftler beruhende Angaben zu den in Tabelle 3-1 auf der folgenden Seite genannten Größen gemacht. Wichtig dabei ist, daß vorwiegend die durch menschliches Eingreifen ausgelöste Degradation (im folgenden: anthropogene Degradation) erfaßt werden sollte.


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Tabelle 3-1: Informationen des GLASOD für jede mapping unit

Quelle: nach OLDEMAN et al., 1991, S. 12 ff.

Die Maßstäbe zur Beurteilung des Degradationsgrades sind insofern von besonderem Interesse, als sie sich an der Einschränkung der landwirtschaftlichen und biotischen Potentiale des Bodens durch Degradation orientieren (vgl. Tabelle 3-2). Damit weicht das GLASOD von klassischen, eher naturwissenschaftlichen Maßstäben ab. Meist wird die Erosionsschwere in Tonnen Bodenabtrag pro Hektar und Jahr angegeben bzw. geschätzt, der erosionsbedingte Produktivitätsverlust entsprechend in kg entgangenem Ertrag pro Hektar und Jahr. Als großer Nachteil dieser Größen hat sich jedoch erwiesen, daß zu ihrer Schätzung sehr genaue Informationen über klimatische, bodenmäßige, topographische und landnutzerische Voraussetzungen an jedem einzelnen zu beurteilenden Standort notwendig sind. Gleichzeitig ist eine Übertragung von Schätzparametern für einen Standort auf andere sehr problematisch. Der bei dem GLASOD gewählte landnutzerische Blickwinkel fokussiert nicht auf die mikrobiologische, -physikalische und -chemische Ebene, sondern liefert flächendeckend und für relativ kleine Einheiten Informationen über geschätzte erosionsbedingte Produktivitätsverluste. Trotz dieses Vorteils darf nicht übersehen werden, daß den Experten hier ein noch größerer subjektiver Ermessensspielraum bleibt als bei der Einschätzung der anderen Kategorien.


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Tabelle 3-2: Klassifizierung der mapping units nach dem Schweregrad der
Degradation

Quelle: nach OLDEMAN et al., 1991, S. 14 f.

Bei der Interpretation und weiteren Bearbeitung der GLASOD-Daten muß vor allem auch Folgendes im Auge behalten werden:

  1. Es handelt sich bei dem GLASOD um eine Momentaufnahme, d.h. es gibt nur grobe Anhaltspunkte dafür, wie der ursprüngliche Zustand der Böden war, in welchem Zeitraum Degradationsprozesse stattgefunden haben und wie der zeitliche Verlauf dieser Prozesse war<51>. Im wesentlichen fokussiert das GLASOD jedoch auf anthropogene Erosionsprozesse der jüngsten Vergangenheit.
  2. Es wird von der vereinfachenden Annahme ausgegangen, daß es möglich ist, nur die durch menschliches Eingreifen bewirkte Bodendegradation zu schätzen.


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3.2 Aggregation der GLASOD-Daten zu Länder- und Regionaldaten

Bevor die Aggregation der im GLASOD enthaltenen Informationen dargestellt wird, ist definitorisch einzugrenzen, welche der Degradationstypen im einzelnen für Bodenerosion miteinbegriffen werden. Allgemein wird Bodenerosion folgendermaßen definiert:

„Die durch Eingriffe des Menschen ermöglichten und durch erosive Niederschläge oder den Wind ausgelösten Prozesse der Ablösung, des Abtransportes und der Ablagerung von Bodenpartikeln.“ (BORK, 1988, S.2)

Diese Prozesse sind durch die Hauptdegradationstypen Wind- und Wassererosion des GLASOD erfaßt, bei denen unterschieden wird zwischen dem Verlust von Oberboden und Oberflächendeformationen wie Rillen- und Gully-Erosion bis hin zu Erdrutschen<52>. Bei Winderosion kommt noch die Verwehung von Flächen als off-site Effekt hinzu. Darüber hinaus soll in der vorliegenden Analyse eine der chemischen Degradationsformen mitberücksichtigt werden, die im bodenkundlichen Sinne nicht der Erosion zuzurechnen ist: der Verlust von Nährstoffen und organischer Substanz im Oberboden (soil depletion), der nicht von Wind- oder Wassererosion verursacht wird. Die GLASOD-Beschreibung für diese Degradationsform lautet:

„Loss of nutrients and / or organic matter occurs if agriculture is practised on poor or moderately fertile soils, without sufficient application of manure or fertilizer. It causes a general depletion of the soils and leads to decreased production.[...] The rapid loss of organic matter after clearing the natural vegetation is also included in this type of soil degradation...“ (OLDEMAN, 1991, S. 13).

Der Grund dafür, diese Degradationsform mit in die Analyse einzubeziehen, ist, daß hier eine ähnliche Struktur der sozioökonomischen Ursachen vermutet werden kann wie bei Wasser- und Winderosion. Andersherum betrachtet würde ihre Vernachlässigung unweigerlich zu einer Verzerrung der vergleichenden Analyse führen: Regionen, in denen diese Degradationsform aufgrund der natürlichen - klimatischen und bodenmäßigen - Bedingungen vorherrscht, würden als relativ gering degradiert bzw. erodiert erscheinen. Im folgenden wird dementsprechend der Begriff Bodenerosion in dieser erweiterten Form verwendet, unter Einschluß nicht-erosionsbedingter Verluste von Nährstoffen und organischer Substanz im Oberboden<53>.

Um aus den GLASOD-Daten Informationen zum Stand der Bodenerosion in einzelnen Entwicklungsländern und in verschiedenen abgegrenzten Regionen zu extrahieren, ist es notwendig, die auf die mapping units bezogenen Daten auf Länder- und dann auf Regio-


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nalebene zu aggregieren. Mittels eines geographischen overlays der GLASOD-Karte mit einer politischen Karte können die Informationen zum vorherrschenden Degradationstyp, -grad und der unmittelbaren Degradationsursache zunächst eindeutig einzelnen Ländern zugeordnet werden<54>. Mapping units, die sich über zwei oder mehrere Länder erstrecken, werden aufgeteilt. Eine Schwierigkeit dabei ist, daß die Lokalisierung der erodierten Flächen innerhalb einzelner mapping units nicht ausgewiesen ist. Es wird deshalb davon ausgegangen, daß der Anteil erodierter Fläche (Erosionsausmaß [%], s.o.) und auch das Vorkommen verschiedener Erosionstypen und direkter Erosionsursachen in allen Teilstücken gleich sind. Dies ist auch deshalb plausibel, weil die mapping units im Rahmen des GLASOD so ausgewählt wurden, daß sie in sich bzgl. natürlicher Bedingungen, der Landnutzung und der Bodenerosion relativ homogen sind.

Im nächsten Schritt werden die Informationen zu den mapping units länderweise über Summenbildung aggregiert. Als Grundlage hierfür dient die bei o.g. overlay produzierte Tabelle. Um ein Maximum an Information über jedes Land verfügbar zu machen, wird die genauestmögliche Beschreibungsdimension als „Baustein“ bzw. Kategorie der Summenbildung verwendet. Das bedeutet, daß für jede mögliche Kombination aus Erosionstyp, Erosionsschwere und direkter Erosionsursache ermittelt wird, welche Fläche sie in einem Land einnimmt. So erhält man z.B. Angaben darüber, wie groß die Fläche eines Landes ist, die von extrem schwerer Wassererosion durch Abholzung betroffen ist, oder von geringer Winderosion durch Überweidung. Der Vorteil dieser detaillierten Kategorien liegt darin, daß sie im folgenden beliebig kombinierbar sind: So können z.B. für ein Land alle Teilstücke, die von Wassererosion verschiedenen Schweregrades und verschiedener Ursache betroffen sind, zur gesamten von Wassererosion betroffenen Fläche addiert werden; oder es kann die gesamte Fläche ermittelt werden, die durch Überweidung erodiert ist - unabhängig davon, ob es sich um Wasser- oder Winderosion handelt.

Die Berechnung der Größe dieser jeweiligen Flächen erfolgt über die Angaben zum Erosionsausmaß für jede mapping unit. Der Wertebereich der Variable zum Erosionsausmaß umfaßt fünf rangskalierte Zahlen, die für folgende Spannbreiten der Fläche einer mapping unit stehen: 0-5% („1“), 6-10% („2“), 11-25% („3“), 26-50% („4“) und >50% („5“). Um die Größe der erodierten Fläche annäherungsweise zu bestimmen, wird für jede Spanne der Median ermittelt und der entsprechende Prozentwert mit der Fläche der gesamten mapping unit multipliziert. Es wird davon ausgegangen, daß die restliche, nicht erodierte Fläche einer mapping unit im Sinne der GLASOD-Definition stabil ist<55>. Die erodierten Teilflächen können dann für das gesamte Land addiert werden. Für die insgesamt als stabil ausgewiesenen mapping units sowie für diejenigen, die insgesamt als


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wastelands<56> betrachtet werden, werden die Flächen pro Land summiert, unabhängig davon, um welche Art von wasteland es sich handelt, oder ob die stabilen Flächen landwirtschaftlich genutzt werden oder nicht.

Während die Berücksichtigung von zwei angegebenen Erosionstypen pro mapping unit kein rechentechnisches Problem darstellt, da die entsprechenden Angaben zum Erosionsausmaß immer eine Summe < 1 ergeben, ist die Berücksichtigung von zwei verschiedenen direkten Erosionsursachen pro mapping unit etwas aufwendiger. Hier wird angenommen, daß die beiden Erosionsursachen jeweils eine gleichgroße Fläche betreffen. Die Degradationsfläche der mapping unit wird dementsprechend auf die beiden Ursachen aufgeteilt, so daß rein rechnerisch zwei mapping units aus einer ursprünglichen entstehen.

Um auf dieser Grundlage zu einer Aussage darüber zu kommen, wie brisant Bodenerosion in einzelnen Ländern und Regionen - gerade auch in Relation zu anderen Ländern und Regionen - ist, müssen die erodierten Flächen auf eine Referenzgröße bezogen werden. In allen bekannten Publikationen, die sich auf die GLASOD-Daten beziehen und in denen meist Werte für einzelne Kontinente angegeben sind, werden die degradierten Flächen entweder absolut oder als Anteil an der gesamten Landoberfläche der Kontinente oder Subkontinente angegeben. Dieses Vorgehen entspricht im Prinzip demjenigen, das auf Ebene der mapping units angewendet wird. Es hat aber auf kontinentaler wie auch auf nationaler Ebene einen gravierenden Nachteil, der u.U. zu starken Verzerrungen bei der relativen Beurteilung der Bodenerosion eines Landes führen kann. So wird die Bodenerosion in Ländern oder Kontinenten, die einen großen Anteil wastelands an der Landoberfläche haben, tendenziell unterschätzt, während sie umgekehrt in Ländern mit wenig wastelands im Verhältnis dazu eher überschätzt wird.

Es ist davon auszugehen, daß die wastelands, also die Flächen, die aufgrund historischer oder rezenter natürlicher Prozesse vollständig degradiert sind, ohnehin von Menschen nicht mehr genutzt bzw. bewirtschaftet und also auch nicht weiter degradiert werden können. Je nach Ziel der Analyse können sie auf verschiedene Weise berücksichtigt werden. Wenn im Zentrum der Untersuchung z.B. das Ernährungspotential bestimmter Regionen und dessen Verminderung durch Degradationsprozesse jedweder Art, Zeit und Ursache stehen, so müssen die wastelands unzweifelhaft den degradierten Flächen zugerechnet werden. Sie sind dann den extrem degradierten Flächen gleichzusetzen. Eine andere Vorgehensweise ist jedoch erforderlich, wenn - wie hier - untersucht werden soll, in welchem Ausmaß bestimmte Länder oder Regionen durch vorwiegend rezentes menschliches Eingreifen bereits degradiert sind, in welchen Regionen dementsprechend eine Verschlimmerung der Degradation auch in Zukunft zu erwarten ist, und wo eine


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Veränderung der Eingriffe im Sinne des Bodenschutzes besonders notwendig ist. Hier muß das Ausmaß des durch den Menschen verursachten Schadens gemessen werden an dem Schaden, den er maximal anrichten kann, d.h. an der gesamten degradierbaren Fläche. Von dieser Fläche sind die wastelands auf jeden Fall auszunehmen, da sie durch natürliche Ereignisse bereits vollkommen degradiert wurden.

In der vorliegenden Analyse wird als Referenzfläche auf nationaler wie auf regionaler Ebene die Landesfläche (i.S.v. Landoberfläche) abzüglich der wastelands gewählt. So kann für jedes Land bestimmt werden, welcher Anteil der dem Menschen zur Nutzung verfügbaren Fläche bereits durch ihn degradiert wurde. Mit eingeschlossen in dieser potentiellen Nutzfläche sind auch Flächen, die (noch) nicht landwirtschaftlich und möglicherweise gar nicht von Menschen genutzt werden, wie z.B. Naturwaldflächen. Dieses Vorgehen hat zur Folge, daß in Ländern mit einem hohen Anteil wastelands, wie z.B. Algerien oder Ägypten<57>, der erodierte Flächenanteil sich relativ erhöht. Für Algerien beträgt der Anteil erodierter Fläche gemessen als Anteil an der gesamten Landesfläche 7%, als Anteil an der Referenzfläche ohne wastelands aber 30%; für Ägypten steigt der Wert sogar von 1% auf 11%.

Mathematisch läßt sich die aggregierte Größe zum Stand der Bodenerosion (BE) für ein Land folgendermaßen darstellen:

mit:

BE x : Erosionsindex für Land x

aix : Fläche der degradierten mapping unit i in Land x; i = [1,...,i,...n]

cix : Anteil der Fläche der mapping unit i, der degradiert ist

ajx : Fläche der stabilen mapping unit j in Land x; j = [1,...,j,...m]

mus : mapping units

Um die in den GLASOD-Daten enthaltenen Informationen zum Schweregrad der Erosion einzelner mapping units zu nutzen, kann BEx einerseits, wie oben beschrieben, für einzelne Schweregrade gesondert berechnet werden. Von besonderem Interesse ist beispielsweise der Anteil der Referenzfläche BEx3,4, der sehr schwer bis extrem erodiert ist (Schweregrade „3“ und „4“). Andererseits wird auf Grundlage von BEx ein Erosionsindikator BExg abgeleitet, in dem alle erodierten Flächen berücksichtigt und je nach Schweregrad der Erosion gewichtet werden:


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mit:

BE xg : gewichteter Erosionsindex für Land x

aikx : Fläche der degradierten mapping unit i mit Degradationsgrad k in Land x;

i = [1,...,i,...n]; k=[1,...,4]

cikx : Anteil der Fläche der mapping unit i, der mit dem Schweregrad k degradiert ist

ajx : Fläche der stabilen mapping unit j in Land x; j = [1,...,j,...m]

gk : Gewichtungsfaktor für Schweregrad k der Bodenerosion; g = [1,....,4]

Die Höhe der Wichtungsfaktoren wird entsprechend den rangskalierten Werten für den Schweregrad der Erosion gewählt.

Anhand dieser auf nationale Ebene aggregierten Größen, die hier allgemein als BEx bzw. BExg bezeichnet werden, können spezifische Erosionsindizes für das relative Ausmaß der Bodenerosion insgesamt sowie für das Ausmaß verschiedener Erosionstypen, besonders schwer erodierter Flächen und durch bestimmte direkte Ursachen erodierter Flächen im Ländervergleich definiert werden. Folgende Erosionsindizes stehen dabei im Vordergrund (Tabelle 3-3):

Tabelle 3-3: Wichtigste der auf nationales Niveau aggregierten Erosionsindizes

Quelle: eigene Darstellung


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3.3 Problemregionen und Problemländer

3.3.1 Erosionsausmaß und -schwere

Anhand der GLASOD-Daten für einzelne mapping units aus 123 Entwicklungsländern kann berechnet werden, daß insgesamt 21% der gesamten Referenzfläche dieser Länder durch Bodenerosion und den Verlust von Nährstoffen und organischer Substanz (WEC) degradiert sind<58>. Eine Liste der einzelnen Länder befindet sich in Tabelle A-2.1 des Anhangs 2. Weitere 1,7% der Referenzfläche sind von anderen, im folgenden nicht berücksichtigten chemischen und physikalischen Degradationsformen betroffen. An der Spitze der Subkontinente liegt Südwestasien<59> mit einer erodierten Fläche von 37%, gefolgt von Mittelamerika (26%) und Südostasien (24%). In Afrika sind 20% der Referenzfläche betroffen. Flächenmäßig am geringsten erodiert ist der südamerikanische Subkontinent mit nur 13% der Referenzfläche. In der Abbildung 3-1 sind (a) die absolute Größe [Mio. km2] und (b) der Anteil erodierter Flächen an der Referenzfläche [%] für die fünf Regionen graphisch dargestellt.

Abbildung 3-1: Absolute Größe [Mio km2] und Anteil erodierter Flächen (WEC) an der Referenzfläche [%] nach Region

Quelle: eigene Berechnungen auf Grundlage des GLASOD

Aus Abbildung 3-1 (a) wird unter anderem deutlich, daß Afrika und Südostasien mit jeweils rd. 4,5 Mio km2 flächenmäßig am meisten zur Bodenerosion in Entwicklungsländern beitragen, gefolgt von Südamerika und Südwestasien. Gleichzeitig zeigt sich, daß das Weglassen der durch natürliche, historische Prozesse degradierten wastelands bei der Referenzgröße dazu führt, daß sich insbesondere für Afrika der Anteil der erodierten Fläche erhöht. Das bedeutet, daß der im Vergleich zu den anderen Subkontinenten eher


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geringe Wert von 20% erodierter Fläche im Verhältnis noch sinken würde, wenn man die gesamte Landesfläche als Referenzgröße verwendete. In ähnlicher Weise würde sich auch der sehr hohe Erosionsanteil für Südwestasien verringern, während die erodierten Flächenanteile für Süd- und Mittelamerika weitgehend konstant blieben. Abbildung 3-1 (b) zeigt die eingangs genannten Flächenanteile stabiler und erodierter Flächen an der zugrunde gelegten Referenzfläche. Hier sind die leicht erodierten Flächen (Schweregrad „1“) hellrot gekennzeichnet, alle stärker erodierten Flächen („2“ bis „4“) dunkelrot.

Wechselt man von der kontinentalen bzw. subkontinentalen auf die nationale Ebene und schließt die Verteilung der Erosionsindizes innerhalb einzelner Subkontinente mit in die Betrachtung ein, so stellt sich das Bild leicht verändert dar. Ein Blick auf die Länderdaten in Tabelle 3-4 und auf die Karten in den Abbildungen 3-2 und 3-3 zeigt, daß die höchsten nationalen Erosionsanteile zweiffellos in Mittelamerika und in einigen afrikanischen Ländern vorliegen: El Salvador, Haiti und Costa Rica erreichen Werte zwischen 60% und 90% für den Anteil von Erosion betroffener Flächen. In weiteren drei Ländern - Honduras, Guatemala und Panama - sind mehr als 35% und bis zur Hälfte der Referenzfläche erodiert. Gleichzeitig sind diese Flächenanteile fast ausschließlich mittel bis extrem schwer erodiert. Es sei daran erinnert, daß diese Flächen entsprechend der Definition des GLASOD mindestens starke Produktivitätsverluste haben, daß zur Wiederherstellung der Produktivität - wenn überhaupt möglich - erhebliche Verbesserungen notwendig sind, und daß die biotischen Funktionen des Bodens mindestens teilweise zerstört sind.

In Afrika sind es vor allem die nord- und westafrikanischen Sahelländer Tunesien, Mauretanien, Libyen, Niger und Burkina Faso, im Osten die Hochlandstaaten Burundi und Rwanda sowie schließlich die Kapverdischen Inseln, die besonders stark erodiert sind. In diesen Ländern sind 40% bis 80% der jeweiligen Referenzfläche betroffen. Unter diesen Ländern haben Burundi, Rwanda und die Kapverdischen Inseln, wie die genannten mittelamerikanischen Länder, einen sehr hohen Anteil mittel bis schwer erodierter Flächen. Im Kontext aller 52 einbezogenen afrikanischen Länder sind es jedoch relativ wenige, die extrem hohe erodierte Flächenanteile aufweisen.


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Abbildung 3-2: Anteil erodierter Fläche pro mapping unit

Quelle: eigene Darstellung auf Grundlage des GLASOD

Abbildung 3-3: Anteil erodierter Fläche pro Land

Quelle: eigene Darstellung auf Grundlage des GLASOD


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Tabelle 3-4: Übersicht der am stärksten erodierten Länder nach Region

1) Landesfläche bezeichnet hier die Referenzfläche, d.h. die Landesfläche abzüglich der wastelands
2) Die in einem Land dominierende(n) Erosionsart(en) ist (sind) grau unterlegt
Nährstoffverluste bezeichnet hier den Verlust von Nährstoffen und organischer Substanz (C)
3) Schweregrade 2 bis 4 gemäß GLASOD-Definition (WEC2_4)
4) Die erodierten Flächen eines Landes werden je nach Schweregrad gewichtet (WEC_s)
Quelle: eigene Berechnungen auf Grundlage der GLASOD-Daten


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Bei den südwestasiatischen Ländern fällt auf, daß Extremwerte wie in Mittelamerika und Afrika zwar nicht erreicht werden, daß aber ein Großteil der Länder mittlere bis hohe erodierte Flächenanteile hat. So sind in acht von insgesamt 14 Ländern (also in rd. 60% der Länder) zwischen 30% und maximal 52% der Referenzfläche erodiert. In Afrika sind nur knapp 30%, in Mittelamerika 31% der Länder zu über 30% erodiert. Das am großflächigsten erodierte Land ist Saudi-Arabien, hier sind 52% der Referenzfläche degradiert. Jordanien, die Türkei, der Jemen, Syrien, Oman, der Iran und Afghanistan haben erodierte Flächenanteile zwischen 30% und 40%. Nur zwei kleine Länder, der Libanon und Israel, haben Werte unter 10%. Hierdurch erklärt sich trotz der geringeren Maxima auch der im Vergleich hohe Erosionswert für den Subkontinent. In fast allen Ländern überwiegt dabei der Anteil leicht erodierter Flächen. Allein in der Türkei und in Syrien sind auch schwerere Erosionsformen von Bedeutung.

Unter den südostasiatischen Ländern ist Taiwan mit 43% der Referenzfläche am stärksten erodiert, gefolgt von Thailand (37%), Sri Lanka und China (beide 33%). Somit liegen vier von 26 Ländern, also nur 15% der Länder, über einem Wert von 30% erodierter Fläche. Die Länder mit einer Erosionsfläche von zwischen 10 und 30% sind recht zahlreich, Vietnam, Nord-Korea, Pakistan, Bangladesch und Indien liegen hier an der Spitze. In Thailand, Vietnam, Sri Lanka, China und Indien gibt es einen relativ großen Anteil von Flächen, die mittel bis schwer erodiert sind. Taiwan, das am großflächigsten erodierte Land, ist demgegenüber insgesamt nur leicht erodiert.

Die südamerikanischen Länder sind - auch einzeln betrachtet - erheblich moderater erodiert als die der anderen Subkontinente. Sieht man einmal von den Falkland Inseln ab, die mit einer durchgehend leicht („1“) erodierten Fläche von 28% der Referenzfläche am meisten erodiert sind, so haben überhaupt nur sechs von 13 Ländern eine Erosionsfläche, die mehr als 10% der Referenzfläche umfaßt. Dies sind, in absteigender Reihenfolge, Argentinien, Brasilien, Chile, Bolivien, Peru und Kolumbien. Auch der Anteil mittel bis schwer erodierter Flächen ist vergleichsweise sehr gering. Nur in Peru und Bolivien beträgt der entsprechende Flächenanteil knapp mehr als 10%.

3.3.2 Bedeutung einzelner Erosionstypen

Welche flächenmäßige Bedeutung den drei betrachteten Erosionstypen Wasser- und Winderosion sowie Verlust an Nährstoffen und organischer Substanz zukommt, ist aus Abbildung 3-4 ersichtlich (vgl. auch Abbildung 3-5). Für jede Region ist der Anteil jeder Erosionsform an der gesamten Erosionsfläche angegeben. Für die Gesamtheit der betrachteten Länder sowie für alle einzelnen Subkontinente bis auf Südwestasien hat Wassererosion den größten Anteil an der Erosionsfläche. In Mittelamerika und Südostasien sind sogar mehr als 70% der erodierten Fläche durch Wasser erodiert. Die Winderosion rangiert insgesamt an zweiter Stelle, wobei sie in Südwestasien und Afrika am stärksten


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verbreitet ist, am geringsten ist ihr Anteil an der gesamten Erosion in den humiden Ländern Mittelamerikas. C spielt vor allem in Südamerika und teilweise auch in Afrika eine wichtige Rolle. Es ist deutlich, daß die relative Bedeutung der jeweiligen Erosionsform im Zusammenhang mit den vorherrschenden klimatischen Bedingungen zu sehen ist.

Während diese allgemeine Betrachtung dazu dient, einen Überblick über den Stellenwert einzelner Erosionsformen zu vermitteln, soll darüber hinaus analysiert werden, von welchen Erosionsformen die in besonderem Ausmaß erodierten Länder betroffen sind (vgl. Tabelle 3-3). In Afrika sind Burundi und Rwanda die einzigen der in großem Ausmaß erodierten Länder, in denen Nährstoffverluste und der Verlust organischer Substanz mit einem Anteil von rd. 80% an der gesamten Erosion die größte Bedeutung haben. In den o.g. besonders erodierten westafrikanischen Sahelländern spielen Wind- und z.T. auch Wassererosion eine wichtige Rolle. In Libyen, Mali, Mauretanien und dem Niger herrscht Winderosion vor, während in Tunesien, Burkina Faso, Lesotho und auf den Kapverdischen Inseln auch Wassererosion bedeutend ist.

Die in besonderem Ausmaß erodierten Länder Mittelamerikas hingegen sind fast ausschließlich von Wassererosion betroffen. Ebenso steht in den südostasiatischen Problemländern Taiwan, Thailand, Sri Lanka, China, Vietnam und Nord-Korea Wassererosion im Vordergrund. In Sri Lanka sind allerdings auch 40% der degradierten Fläche von Nährstoffverlusten betroffen, in China fast 30% von Winderosion. In Südwestasien ist Winderosion in Saudi-Arabien, Jordanien und Afghanistan dominant; auch im Iran, im Jemen, in Oman und Syrien trägt sie etwa zur Hälfte zur Bodendegradation bei. Wassererosion ist vor allem in der Türkei die Haupterosionsform; der Jemen, Oman und Iran sind etwa zu 50% der degradierten Fläche betroffen. C spielt nur in Syrien mit etwa einem Drittel der Degradationsfläche eine wichtige Rolle.

Abbildung 3-4: Anteil Wassererosion (W), Winderosion (E) und des Verlustes von Nährstoffen und organischer Substanz (C) an der gesamten
Bodenerosion nach Region [% der degradierten Fläche]

Quelle: eigene Berechnungen auf Grundlage der GLASOD-Daten


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Abbildung 3-5: Haupterosionstyp pro mapping unit

Quelle: eigene Darstellung auf Grundlage der GLASOD-Daten

3.3.3 Unmittelbare Erosionsursachen

Von den fünf im GLASOD prinzipiell möglichen unmittelbaren Erosionsursachen sind für die betrachteten Länder nur vier von Bedeutung: die Abholzung und Entfernung der natürlichen Vegetation, Überweidung, Landwirtschaftliches Mißmanagement i.w.S. und die Übernutzung der Vegetation für Haushaltszwecke. Die exakten Definitionen finden sich in Tabelle A-11 des Anhangs 1<60>. Insgesamt betrachtet kommt der Erosion durch Abholzung und durch Überweidung die größte Bedeutung zu, jeweils rund ein Drittel der degradierten Flächen werden von den GLASOD-Experten ursächlich mit diesen beiden Formen des menschlichen Eingriffs in Verbindung gebracht. Nur bei etwa einem Fünftel der degradierten Flächen wird die Degradation dem landwirtschaftlichen Mißmanagement zugeschrieben. Um den sehr weit gefaßten Begriff des Mißmanagements zu konkretisieren, wird hier die entsprechende GLASOD-Definition wiedergegeben:

„This causative factor is defined as improper management of agricultural land. It includes a variety of practices, such as insufficient or excessive use of fertilizers, shortening of the fallow period in shifting cultivation, use of poor quality irrigation water, absence of anti-erosion measures, improperly timed use of heavy machinery, etc.“ (OLDEMAN, 1991, S. 18)


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Die Übernutzung von Vegetation für Haushaltszwecke - gemeint sind vor allem der Holzeinschlag zur Feuerholznutzung - wird auf 8% der degradierten Flächen als direkte Ursache der Erosion genannt. Häufig wird sie nicht als ausschließliche, sondern als eine von zwei maximal anzugebenden direkten Ursachen für die Erosion einer mapping unit angegeben. Wie unterschiedlich die relative Bedeutung dieser unmittelbaren Ursachen regional ausfällt, zeigen die Abbildungen 3-6 und 3-7.

Während in Afrika und Südwestasien die Überweidung als häufigste Ursache überwiegt, wird in Südostasien und Südamerika die Ursache der Erosion vor allem in der Abholzung von Flächen gesehen. Nur in Mittelamerika wird als Ursache für Erosion vornehmlich landwirtschaftliches Mißmanagement angegeben. Mißmanagement trägt in drei weiteren Subkontinenten - Afrika, Südamerika und Südostasien - nur zu einem Fünftel bis einem Viertel zur Erosion bei, in Südwestasien ist es quasi bedeutungslos. Interessanterweise hat in Mittelamerika auch der Feuerholzeinschlag der Haushalte im Vergleich zu den anderen Subkontinenten einen recht großen Anteil an den Erosionsursachen.

Betrachtet man wiederum die am stärksten erodierten Länder, so fällt folgendes auf: In Afrika werden hier überdurchschnittlich oft Überweidung und landwirtschaftliches Mißmanagement als Erosionsursache angegeben, während Abholzung in den stark erodierten Ländern keine wesentliche Erosionsursache zu sein scheint. Burundi und Rwanda sind die einzigen Länder, in denen das landwirtschaftliche Mißmanagement als Ursache für die großflächige Bodenerosion im Vordergrund steht. In den anderen Ländern wird Überweidung mindestens für die Hälfte der Degradation verantwortlich gemacht, auf den Kapverdischen Inseln sowie in Niger, Mauretanien und Mali kommt der private Feuerholzeinschlag als wichtige Ursache hinzu.

Abbildung 3-6: Bedeutung verschiedener unmittelbarer Erosionsursachen nach Region [% der degradierten Fläche]1)

Quelle: eigene Berechnungen auf Grundlage der GLASOD-Daten


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Abbildung 3-7: Wichtigste unmittelbare Erosionsursache nach mapping unit

Quelle: eigene Darstellung auf Grundlage des GLASOD

Bei den mittelamerikanischen Ländern ist im Gegensatz zu den Werten für den gesamten Subkontinent auffällig, daß in keinem der besonders von Erosion betroffenen Ländern die Feuerholzübernutzung als Grund für die Erosion genannt wird. Dies ist darauf zurückzuführen, daß in Mexiko, dem bei weitem größten Land des Subkontinents, das aber nicht zu den am stärksten erodierten zählt, Feuerholzeinschlag eine wichtige Rolle spielt. Abgesehen davon scheint in diesen Ländern, vor allem auf Haiti, in Costa Rica und Panama, der Abholzung als unmittelbarer Erosionsursache eine überdurchschnittliche Bedeutung zuzukommen. In Südostasien entspricht die relative Bedeutung der angegebenen Ursachen für die großflächig erodierten Länder in etwa der für den gesamten Subkontinent. Für Südwestasien zeigt sich, daß es unter den stark erodierten zwei Länder gibt, die von dem subkontinentalen Ursachen-Profil abweichen; so ist in Syrien das landwirtschaftliche Mißmanagement eine wichtige angenommene Ursache der Bodenerosion, im Iran wird der private Feuerholzeinschlag gar als flächenmäßig wichtigste Erosionsursache angegeben. Alle anderen Länder entsprechen in etwa dem subkontinentalen Bild.


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3.3.4 Länder mit sehr schwer erodierten Flächen

Weiterhin wird untersucht, welche Länder besonders hohe Anteile schwer und extrem erodierter Flächen aufweisen. Der Grund dafür ist, daß ein qualitativer Unterschied zwischen den GLASOD-Schweregraden „1“ und „2“ auf der einen Seite und „3“ und „4“ auf der anderen Seite gesehen wird. Während der Unterschied zwischen den Graden „1“ und „2“ vor allem in der Höhe der geschätzten erosionsbedingten Produktivitätsverluste liegt und damit eher graduell von der subjektiven Einschätzung des zuständigen Experten abhängt, ist ab dem Grad „3“ das Land nicht mehr von landwirtschaftlichen Betrieben bewirtschaftbar. Das Terrain kann - wenn überhaupt (Schweregrad „3“) - nur durch erhebliche bautechnische Maßnahmen, die von einzelnen Betrieben kaum zu leisten sind, wiederhergestellt werden.

Aus der ersten Spalte von Tabelle 3-5, die alle Länder mit einem Anteil schwer bis extrem erodierter Flächen von über 5% der Referenzfläche (WEC3_4 > 5%) nach Subkontinenten wiedergibt, ist zunächst ersichtlich, daß wiederum mittelamerikanische und afrikanische Länder z.T. exorbitant große Flächen haben, die auf Betriebsebene sozusagen verloren sind.

In Haiti (rd. 90%), Costa Rica (rd. 50%) und auf den Kapverdischen Inseln (75%) finden sich die mit Abstand höchsten erodierten Flächenanteile. Als Länder mit Werten über 20% der Referenzfläche sind weiterhin Panama, Burkina Faso, Südafrika, Lesotho und von den asiatischen Ländern Thailand und Vietnam zu nennen. Werte von immerhin mehr als 10% der Referenzfläche haben El Salvador und Mexiko, die Türkei und Sri Lanka sowie Nigeria, Madagaskar, der Senegal, Kamerun und Äthiopien. Die genannten Länder sind hinsichtlich der Bodenerosion ausnahmslos als Problemländer zu betrachten, da erosionsbedingte, anthropogene Flächenverluste von über 10% für keines der Länder tolerabel sein dürften.

Fast ausnahmslos sind diese schwer erodierten Flächen durch Wasser erodiert. Die beiden Ausnahmen sind Madagaskar und der Senegal, wo 25% bzw. 100% der schwer erodierten Flächen durch C degradiert sind. Die direkten Ursachen für diese schweren Formen der Bodenerosion sind wiederum kontinentspezifisch. In Afrika werden die erosiven anthropogenen Eingriffe vor allem in der Überweidung und im landwirtschaftlichen Mißmanagement gesehen. Der Abholzung kommt als Ursache für den Verlust von Flächen durch Erosion nur in Angola und Äthiopien, z.T. auch in Madagaskar gewisse Relevanz zu. In Asien - hier sind bis auf die Türkei ausschließlich südostasiatische Länder sehr schwer erodiert - werden die schwer erodierten Flächen eindeutig und fast ausschließlich mit der Abholzung von Wald- und anderen mit natürlicher Vegetation bewachsenen Flächen ursächlich in Verbindung gebracht. Ebenso sind in Mittelamerika die Länder, die besonders hohe Anteile schwer erodierter Flächen haben, unzweifelhaft von Degradation durch Abholzung betroffen, nur in Panama wird auch die Überweidung als


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Ursache genannt. In den Ländern mit einem geringeren schwer degradierten Flächenanteil - El Salvador, Mexiko, Honduras - wird im landwirtschaftlichen Mißmanagement die Hauptursache der schweren Wassererosion gesehen. In Mexiko wird darüber hinaus auf 40% der schwer erodierten Flächen der private Feuerholzeinschlag als Erosionsursache angegeben.

Tabelle 3-5: Länder mit hohem Anteil schwer bis extrem erodierter Flächen nach Region

1) Entsprechend den GLASOD-Schweregraden schwer (3) bis extrem (4) degradiert (WEC3_4)
2) Landesfläche bezeichnet hier die Referenzfläche, d.h. die Landesfläche abzüglich der wastelands
3) Entsprechend den im GLASOD definierten unmittelbaren Erosionsursachen (a, g, f, e)
Die in einem Land dominierende(n) unmittelbare(n) Erosionsursache(n) ist (sind) grau unterlegt
Quelle: eigene Berechnungen auf Grundlage der GLASOD-Daten


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3.4 Zusammenfassung der Ergebnisse

Auch wenn kritische Einwände, die sich im wesentlichen auf den großen Maßstab des GLASOD und auf subjektive Ermessensspielräume des expert sysem approach beziehen teilweise berechtigt sind (vgl. MORGAN, 1996; CROSSON, 1992 und 1996), sind diese ersten Informationen zu Ausmaß und Schwere der Bodenerosion in Entwicklungsländern sehr ernst zu nehmen<61>. Angesichts der geschilderten Dimension des Problems ist - auch ohne detaillierte ökonomische Bewertung - unzweifelhaft, daß Bodenerosionsprozesse in den betrachteten Ländern insgesamt und insbesondere in den identifizierten Problemländern bereits gegen Ende der 80er Jahre zu einer wesentlichen Beeinträchtigung des Produktionspotentials der landwirtschaftlichen Nutzflächen geführt haben. Vor dem Hintergrund der schlechten Ernährungslage großer Teile der Bevölkerung bei gleichzeitig hohen Bevölkerungswachstumsraten - vor allem in Afrika -, der Abhängigkeit vieler Entwicklungsländer vom Export landwirtschaftlicher Produkte und der oft mangelnden Einkommensalternativen für die ländliche Bevölkerung ist die Situation insgesamt als sehr ernst zu beurteilen.


Fußnoten:

<49>

Außerdem waren Experten der United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization (UNESCO) und der World Meteorological Organization (WMO) beteiligt.

<50>

Hier ist vor allem eine geographische Prioritätensetzung gemeint.

<51>

Zwar wurde im Rahmen des GLASOD mit der Erhebung des Indikators recent-past rate of soil degradation auch versucht, Angaben zur Degradationsgeschwindigkeit in den letzten 5 bis 10 Jahren vor der Erhebung zu machen, die Angaben sind aber sehr unzuverlässig (vgl. OLDEMAN et al., 1991, S. 19; ebd., 1997, S. 86).

<52>

Im Englischen mass movement (vgl. OLDEMAN, 1991, S. 12).

<53>

Vgl. auch IFAD, 1992, S. 18 ff und S. 95: Hier wird unterschieden zwischen Bodenerosion durch Wind und Wasser und der - erosionsunabhängigen - reduction in soil fertility als wichtigsten Degradationsformen.

<54>

Dieser overlay wird anhand der ARCINFO-Software durchgeführt.

<55>

OLDEMAN et al. beschreiben diese Restflächen als „´other terrain´ - non-degraded by human activities“ (1991, S. 28).

<56>

Flächen, die aufgrund historischer oder rezenter natürlicher Prozesse vollständig degradiert sind, werden im folgenden mit dem Begridd wastelands bezeichnet.

<57>

Weitere Beispiele sind Libyen, Mauretanien, Niger und Saudi-Arabien.

<58>

Insgesamt entspricht diese Fläche etwa 78% der weltweit erodierten Fläche - der Großteil der weltweiten Bodenerosion (WEC) ist dementsprechend in Entwicklungsländern zu finden.

<59>

Albanien wird hier mit eingeschlossen.

<60>

Die Degradation durch industrielle Aktivitäten wird nur bei einer einzigen mapping unit, die sich im Iran befindet, angegeben; hier handelt es sich um keine der betrachteten Erosionsformen.

<61>

SOMBROEK gibt folgende generelle Einschätzung des GLASOD: „...on the basis of admittedly incomplete knowledge, a credible global assessment of human-induced soil degradation.“ (SOMBROEK, 1997, S. 10)


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