| Morgenroth, Silvia: Sozioökonomische Rahmenbedingungen und Landnutzung als Bestimmungsfaktoren der Bodenerosion in Entwicklungsländern - Eine überregionale empirische Analyse im Kontext der Agrarentwicklung - |
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Die in der empirischen Analyse erzielten Ergebnisse werden aus vier Perspektiven diskutiert: Erstens werden sie inhaltlich im Kontext der theoretischen Hypothesen über die anthropogenen Determinanten der Bodenerosion und der Ergebnisse anderer Studien besprochen (8.1). Zweitens werden die Möglichkeiten und Grenzen der angewandten Methoden kommentiert (8.2). Drittens werden wesentliche Implikationen der Ergebnisse für die Gestaltung von Politikmaßnahmen abgeleitet (8.3). Viertens können Bereiche und Methoden benannt werden, deren Weiterentwicklung in künftigen Forschungsarbeiten eine Vertiefung und Erweiterung der gewonnenen Erkenntnisse erwarten läßt (8.4).
Mit dem Bevölkerungs-, Intensivierungs-, Abholzungs- und Preisdruck werden anthropogene Erosionsdeterminanten empirisch identifiziert, die mit zentralen theoretischen Hypothesen konsistent sind und zudem von den Ergebnissen anderer, lokaler empirischer Studien gestützt werden. Zur inhaltlichen Diskussion kann Folgendes festgehalten werden:
Für den Bevölkerungsdruck können optimistische Szenarien und Studien, die die innovative und zugleich bodenschonende Rolle zunehmenden Bevölkerungsdrucks in den Vordergrund stellen, auf globalem Niveau nicht verallgemeinert werden (vgl. z.B. TIFFEN, 1994). Sowohl sehr langfristig als auch in den vergangenen Jahrzehnten scheint erhöhter Bevölkerungsdruck insgesamt eher erosionsfördernde Reaktionen der Wald- und Landnutzer bewirkt zu haben. Die Flächenextensivierung durch Abholzung und die langfristige Verminderung der Waldbestände sind hier an erster Stelle zu nennen. Des weiteren hat Bevölkerungsdruck in vielen Ländern zu einer Form der Flächenintensivierung geführt, deren wesentliche Merkmale die Brachezeitverkürzung und die Umwandlung von Dauergrünland in einjährig bebaute Flächen sind. Es überrascht kaum, daß diese der MALTHUS´schen pessimistischen Sicht zuzurechnenden Reaktionen auf Bevölkerungsdruck auch in der empirischen Analyse mit Bodenerosion in Zusammenhang stehen.
Interessant ist, daß Bevölkerungsdruck besonders eindeutig dann in Zusammenhang mit Erosion steht, wenn er an die Grenzen der lokalen agrarökologischen Tragfähigkeit stößt - und zwar in allen Klimazonen. Hierin kann auch eine Erklärung dafür gesehen werden, daß andere quantitative Studien recht widersprüchliche Ergebnisse liefern: Bis auf eine Ausnahme (GREPPERUD, 1996) wird ausschließlich der absolute Bevölkerungsdruck im Sinne der person-land-ratio untersucht (vgl. Kapitel 3.3), dessen erosive Wirkung aber - wie gezeigt werden konnte - von den agrarökologischen Bedingungen abhängt.
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Die Tatsache, daß Länder mit langfristig sinkendem Produzentenpreisniveau der jeweils relevanten Agrarprodukte tendenziell stärker von Bodenerosion betroffen sind, bestätigt verschiedene der theoretischen Hypothesen zur Wirkung von Preisdruck. Es ist anzunehmen, daß Produzenten, die sinkende Preistrends beobachten und für die Zukunft erwarten, tatsächlich hohe Zeitpräferenzen haben. Daher neigen sie eher zu kurzfristig ertragsteigernden Landnutzungspraktiken, die dem Boden schaden, wie LIPTON und WINTERS argumentieren (LIPTON, 1997; S. 150, WINTERS, 1990, S. 256). Kurzfristige, unerwartete Preissteigerungen hätten dann den Effekt, daß der Anreiz für eine gegenwartsorientierte, intensivere Nutzung des Bodens noch verstärkt würde.
All das bedeutet nicht, daß entgegengesetzte Preiswirkungen nicht existierten - PEARCE und WARFORD z.B. gehen davon aus, daß auch langfristig steigende Preise über den Anreiz für erosionsfördernde Intensivierungsmaßnahmen zu verstärkter Degradation führen können (PEARCE und WARFORD, 1993). Auch die ressourcenökonomische Sichtweise von BARRETT kann zwar anhand der vorliegenden Ergebnisse nicht bestätigt, aber auch nicht relativiert werden. BARRETT leitet aus seinem Modell der optimalen Ressourcennutzung ab, daß Preisveränderungen sich gleichermaßen auf die Rentabilität der Produktion wie auf die des Bodenschutzes auswirken (BARRETT, 1991, S. 172), so daß das optimale Bodenschutzniveau unverändert bleibt. Die empirische Analyse vermag lediglich, den Netto-Effekt sinkender Preise zu erfassen. So ist zu vermuten, daß die negativen Wirkungen sinkender Preise auf die Art der Bodennutzung langfristig überwiegen.
Daß die rezente Abholzung von Naturwäldern relativ unabhängig von Art und Umfang der landwirtschaftlichen Nutzung in einem Land für Bodenerosion wichtig ist, spricht für die möglicherweise unterschätzte Bedeutung des Nachfragedrucks und der kommerziellen Waldnutzung. Welche Rolle Bedingungen und Entwicklungen außerhalb des landwirtschaftlichen produzierenden Sektors für die Entwaldung in Entwicklungsländern spielen, zeigen z.B. Studien wie die von LUTZ und DALY (1991), SHAFIK (1994), CAPISTRANO und KIKER (1995). In diesen Studien werden - jeweils für verschiedene Zeiträume und Regionen - verschiedene Akteure und Einflußgrößen wie die Holzindustrie, multinationale Nahrungsmittelkonzerne, Tropenholzpreise, der Grad der Investitionstätigkeit einer Volkswirtschaft (Umkehr des Kuznets-Prinzips) oder die Abwertung der heimischen Währung als Determinanten der Abholzung herausgearbeitet.
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Der Stellenwert, der Armut bzw. armen Landnutzern mit präsumptiv kurzen Zeithorizonten als Verursacher von Bodenerosion in der wissenschaftlichen Diskussion beigemessen wird, ist auffällig hoch (vgl. Kapitel 3.2). Die diesbezüglichen Ergebnisse der empirischen Analyse geben allerdings Anlaß zu der Vermutung, daß die räumliche Dimension von Armut und Degradation bisher zu wenig beachtet wurde und daß die relative Bedeutung von Armut beim Zustandekommen von Bodendegradation deshalb tendenziell überschätzt wird. Beispielsweise wurden Landverteilungsaspekte bisher weder in puncto Datenerhebung noch bei theoretischen Ansätzen hinreichend berücksichtigt: Selbst wenn in einer Region ein sehr hoher Anteil Armer mit tatsächlich kurzen Zeithorizonten existiert, ist dann nicht mit einem hohen degradierten Flächenanteil zu rechnen, wenn die Armen so arm sind, daß sie insgesamt nur einen Bruchteil der gesamten Ressource Boden bewirtschaften.
Ein weiterer Punkt ist, daß die Literatur sich auf die Zeithorizonte und -präferenzen armer Landnutzer konzentriert, ohne sie ins Verhältnis zu denen nicht-armer Landnutzer zu setzen. Gerade auch die Ergebnisse zum Einfluß langfristiger Preisentwicklungen auf Bodenerosion legen aber nahe, daß die mit der Erwartung sinkender Preise verbundenen hohen Zeitpräferenzen allgemeiner Natur und nicht exklusiv den Armen vorbehalten sind. Es ist sogar wahrscheinlich, daß kommerziell orientierte Produzenten im Vergleich zu Subsistenzproduzenten - die meist zu den Ärmsten zählen - in ihren Produktionsentscheidungen stärker unter dem Einfluß sinkender Preise auf die Zeitpräferenz stehen. Zudem sind sie als potentielle Kreditnehmer der Wirkung hoher formeller und informeller Zinsniveaus stärker ausgesetzt als Bauern ohne jegliche Sicherheiten, die als Kreditnehmer ohnehin nicht in Frage kommen. Ebenso könnte das Ergebnis als Bestätigung der Hypothese gewertet werden, daß Arme aus der Not heraus die existentielle Ressource Boden besonders schützen (vgl. PAGIOLA, 1994, S. 2).
Keinesfalls läßt sich aus den Ergebnissen der vorliegenden Analyse der von theoretischen Überlegungen nach Art der Kuznets-Kurven verbreitete Langfrist-Optimismus herauslesen. Weder das Wohlstandsniveau noch das Wachstum desselben im Referenzzeitraum haben einen signifikanten Effekt auf Bodenerosion - und dies, obwohl sehr unterschiedliche Indikatoren für Wohlstand bzw. Armut analysiert werden. Gleichwohl ist davon auszugehen, daß selbst unter der Annahme einer Kuznets-Entwicklung in den meisten Entwicklungsländern noch ein enormes Wohlstandswachstum stattfinden müßte, bis daß die prognostizierte Prioritätenverlagerung hin zum Bodenerhalt als eigenständiges Ziel zum Tragen kommen kann (vgl. DIXON, 1998, S. 280).
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Erstmalig werden in der vorliegenden Arbeit die kontrovers diskutierten Hypothesen über die anthropogenen Determinanten der Bodenerosion auf derart breiter, regionenübergreifender empirischer Basis für Entwicklungsländer analysiert. Im Vergleich zu anderen, lokalen oder auf einzelne Determinanten begrenzten empirischen Studien zum Thema ist der durch die identifizierten Bestimmungsfaktoren erklärte Erosionsanteil als durchaus hoch zu bewerten.
Durch die gewählte Methodenkombination, insbesondere auch durch den Einsatz von Methoden der explorativen Datenanalyse, konnten die Determinanten der Bodenerosion im Kontext ihrer tatsächlichen Beziehungen zueinander untersucht werden. Die Aufdeckung von Strukturen unter der Vielzahl möglicher Einflußvariablen und die Extraktion stabiler Faktoren auch für die Einflußvariablen einzelner Erosionsformen ist die Grundlage nicht nur für die Reduktion der Variablenanzahl bei gleichzeitiger Verringerung von Multikollinearitätsproblemen, sondern auch für eine umfassende Interpretation der Regressionsmodelle. So wurden Variablenbündel analysiert und als erosionsrelevant identifiziert, die teilweise auch für typische Entwicklungsmuster der Agrarsektoren von Entwicklungsländern stehen.
Ohne die ökologische Adaptation gängiger internationaler Datensammlungen wären vergleichbare Ergebnisse auf nationalem Aggregationsniveau aller Voraussicht nach nicht zu erzielen gewesen: Gerade für die Variablen mit ökologischem Charakter, wie z.B. für den verbleibenden bevölkerungsmäßigen Tragfähigkeitsspielraum, für die Abholzungsraten ausgedrückt als Anteil der Naturwaldfläche oder die Preisentwicklung der für ein Land agrarökologisch relevanten Produkte, konnte ein Zusammenhang mit Bodenerosion aufgezeigt werden.
Die Grenzen der vorliegenden Analyse sind weniger in der methodischen Vorgehensweise und dem gewählten Aggregationsniveau als vielmehr in der Datenlage, die diese weitgehend mitbestimmt hat, zu sehen:
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läufig auftreten, kann auch anhand der Ergebnisse zur AEZ-ratio gezeigt werden (vgl. Kapitel 6.3).Die Erfassung dieser Effekte, eventuell anhand struktureller Mehrgleichungssysteme und entsprechender Methoden, die auch wechselseitige Abhängigkeiten berücksichtigen<158>, erfordert allerdings Zeitreihen-Daten über den Stand der Bodenerosion, die bislang nicht vorliegen.
Fraglos gehören die als erosionsrelevant identifizierten anthropogenen Rahmenbedingungen des langfristigen Bevölkerungs-, Intensivierungs- und Preisdrucks und der Abholzung eher zu den Größen, deren kurzfristige Beeinflussung durch politische Maßnahmen schwierig ist. Dennoch können folgende Ansätze für eine Schwerpunktsetzung bei der Gestaltung von Politikmaßnahmen sowie von Programmen und Projekten zur wirksamen Erosionsverminderung ausgemacht werden:
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tionale Energiepolitiken und Versorgungskonzepte daraufhin zu prüfen, wie sie mit den jeweiligen Bodenschutzzielen bestmöglich in Übereinstimmung gebracht werden können (vgl. SHAFIK, 1994).Die Qualität zukünftiger Forschungsbemühungen wird maßgeblich von einer verbesserten Datenlage sowohl zur Entwicklung der Bodenerosion über die Zeit als auch zu den anthropogenen Determinanten der Bodenerosion abhängen. Für die anthropogenen Determinanten ist ausschlaggebend, wann auf standardisierte, georeferenzierte Daten zurückgegriffen werden kann. Es bedarf kaum einer näheren Erläuterung, daß eine umfassende, globale, georeferenzierte Datenbasis eine vollkommen neue Dimension der Forschung nicht nur in diesem Bereich mit sich bringen wird, sondern ebenso in all den Bereichen, die global relevante natürliche und sozioökonomische Prozesse und vor allem
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deren Interaktion betreffen (vgl. TSCHIRLEY, 1997, S. 205 f.).Angesichts der derzeitigen und für die nächste Zukunft zu erwartenden Datenlage ist es deswegen einerseits sicherlich sinnvoll, die nationalen und vor allem internationalen datenerhebenden Organisationen darin zu unterstützen, verstärkt georeferenzierte Methoden der Datenerhebung und -prozessierung einzuführen und durchzusetzen (vgl. FAO, 1996a, S. 36). Da dieser Prozeß sicherlich eher langwierig und kostspielig sein wird, ist es kurz- bis mittelfristig wichtig, bereits bestehende ökologisch orientierte Ansätze der Datenerhebung und -auswertung stärker mit vorhandenen ökonomischen Daten und Analysemethoden zu verbinden. Eine Grundlage hierfür könnten die im Rahmen der Land Quality Indicators approach zusammengestellten Daten sein (vgl. DUMANSKI et al., 1998), die mit ökonomischen Daten kombiniert werden müßten. Darüber hinaus ist es weiterhin von großer Bedeutung, auf national aggregierter Ebene gewonnene Erkenntnisse anhand von Studien, die lokal oder regional begrenzt sind, zu überprüfen und zu vertiefen.
Inhaltlich könnte eine stärkere Fokussierung auf die Rolle der kommerziellen Nutzung von Forstprodukten beim Zustandekommen von Bodenerosion in Entwicklungsländern dazu beitragen, die Ursachenforschung weiterzuführen. Ähnlich wie bei der durchgeführten Analyse müßte auch hier die Rolle nationaler und internationaler Preisentwicklungen sowie forstpolitischer Nutzungsregelungen stärker beleuchtet werden (vgl. RUDEL, 1994, in BROWN und PEARCE, S. 103) .
Gerade angesichts der für die Zukunft prognostizierten Unsicherheiten und Engpässe hinsichtlich der Ernährungssituation weiter Bevölkerungsteile in Entwicklungsländern (PINSTRUP-ANDERSEN et al., 1997, S. 5ff.; BAKKES und VAN WOERDEN, 1997, S. 61) sollten weitere Forschungsbemühungen zur Identifizierung erosionsrelevanter Rahmenbedingungen und Prozesse und zur Ableitung wirksamer Bodenschutzmaßnahmen eine prioritäre Rolle haben.
| Fußnoten: | |
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Z.B. zweistufige Schätzverfahren (two stage least squares method). | |
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These broader policy tools [macroeconomic and trade policy tools; Anm. d. Verf.] can have important environmental impacts but are generally more difficult or even dangerous to manipulate expressly to affect resource use. BARBIER, 1997, S. 134. | |
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Auch in anderen Studien stellen sich die Zusammenhänge widersprüchlich oder nicht nachweisbar dar (vgl. Studien in BROWN und PEARCE, 1994). |
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