Schleyer, Thomas: Untersuchungen zum Einfluß des Kälberaufzuchtverfahrens auf die Ontogenese des Sozialverhaltens heranwachsender Rinder

Anhang A. Thesen

  1. Aufzuchtverfahren, bei denen die Kälber von den Müttern aufgezogen werden, ermöglichen eine günstiger verlaufende physische Entwicklung und geringere Anfälligkeit gegenüber Krankheiten. Diese Vorteile sind von langfristiger Wirkung und können sich bis hin zur eigenen Zuchtkondition und Reproduktionsleistung positiv auswirken.
    Die von der Mutter aufgezogenen Kälber wiesen mit 1098g/Tier/Tag gegenüber 595g/Tier/Tag der Tränkkälber signifikant höhere Zunahmen auf und waren im Gegensatz zu den mutterlos aufgezogenen Kälbern nicht von Durchfallerkrankungen und Erkrankungen der Atemwege betroffen. Die Jungrinder (S) konnten eher bedeckt werden, weil sie bereits im 15. Lebensmonat mit durchschnittlich 415 kg Lebendmasse die angestrebte Zuchtkondition erreichten. Die Jungrinder (T) konnten erst im 16. Lebensmonat bedeckt werden, weil sie im 15. Lebensmonat das angestrebte Deckgewicht von durchschnittlich 400kg eindeutig (382kg) verfehlten.
  2. Die Mutterkuh ist für ihr Kalb in den ersten Lebensmonaten der wichtigste und attraktivste Sozialpartner. Art- und tiergerechte Verfahren der Kälberaufzucht müssen die Mutterkuh als wesentliches Subjekt der sozialen Umwelt in das Aufzuchtverfahren integrieren.
    Die Anzahl der Sozialkontakte zu den Müttern übertrifft die Anzahl der Sozialkontakte, die zu gleichaltrigen Gruppenmitgliedern aufgenommen werden, deutlich. Die Gesamtzahl der Sozialkontakte von Kälbern, die von der Mutter aufgezogen werden, liegt erheblich über der von mutterlos aufgezogenen Kälbern. Zu fremden Müttern hatten die Saugkälber erheblich weniger Kontakte (15-25%) als zur eigenen Mutter.
  3. Das Saugen an der Mutter ist ein wichtiger Bestandteil der Mutter-Kind-Beziehung, bietet eine streßfreie Nahrungsaufnahme und befriedigt das natürliche Saugbedürfnis der Kälber. Mit technischen Verfahrensvarianten können diese tierseitigen Bedürfnisse nur eingeschränkt erfüllt werden, sie führen damit zu Verhaltensstörungen.
    Circa die Hälfte der Sozialkontakte zur Mutter entfallen auf das Saugen. Saugkälber haben jederzeit die Möglichkeit, an der Mutter zu saugen und haben eine längere Gesamtsaugzeit. Defizite in der Saugaktivität bei Tränkevarianten rufen gegenseitiges Besaugen der Kälber hervor. Das Aufsuchen des Tränkautomaten ist häufig Ausgangspunkt agonistischer Auseinandersetzungen bereits im frühen Lebensalter.
  4. Die mutterlose Aufzucht von Kälbern am Tränkautomaten befriedigt die Saugbedürfnisse von Kälbern nicht vollständig. Dies betrifft vor allem die Dauer der Saugakte sowie die Haltungsdauer der Kälber am Automaten. In Hinblick auf das Nahrungsaufnahmeverhalten bieten derartige Aufzuchtvarianten systembedingt keine optimalen Bedingungen für die Kälberaufzucht.
    Das Saugdefizit beträgt zwischen zweiten und achten Lebensmonat durchschnittlich ca. 10-35 min. pro Lichttag. Durch gegenseitiges Besaugen und durch Leersaugen am Nuckel des Automaten versuchen Tränkkälber dieses Saugdefizit auszugleichen. Mit zunehmendem Lebensalter nimmt die Anzahl der Tränkebesuche ohne Milchanspruch wie auch das Leersaugen am Nuckel zu. Das Absetzen der Kälber vom Automaten erfolgt zu einem Zeitpunkt, zu dem noch ein latentes Saugbedürfnis besteht.
  5. Eine Kälberaufzucht mit den Müttern gestattet eine streßarme Herausbildung von sozialen Strukturen innerhalb der Kälbergeneration. Eine gemeinsame Haltung mit den Müttern bietet den Kälbern sozialen Schutz und verringert die Anzahl von Konkurrenzsituationen.
    Rangauseinandersetzungen bei Tränkkälbern treten bereits ab dem zweiten Lebensmonat auf, vordere Rangplätze werden durch die ältesten und schwersten Tiere belegt. Bei Saugkälbern tritt dieses Verhalten erst nach dem Absetzen von den Müttern auf, wobei die Rangfolge der Mütter möglicherweise einen Einfluß auf die Rangplätze der Kälber ausübt.
  6. Die Haltungsbedingungen während der Kälberaufzucht beeinflussen das Sozialverhalten der Rinder bis in die Lebensphase ihrer eigenen Reproduktion. Die gegenwärtigen Verfahren der Kälberaufzucht sind daher neben dem Bezug zur Nahrungsaufnahme auch in Hinblick auf ein später gut funktionierendes Sozialverhalten zu verbessern.
    Von der Mutter aufgezogene Rinder haben bis in das adulte Stadium mehr soziale Kontakte mit den gleichaltrigen Gruppenmitgliedern und auch den eigenen Nachkommen als die mutterlos aufgezogenen Rinder. Eine Trennung von der Mutter nach wenigen Tagen schränkt nicht nur im Kalbalter, sondern auch im Jungrind- und Jungkuhstadium die soziale Aktivität stark ein. Die Mutter-Kalb-Bindungen solcher Mütter sind nicht so stark ausgeprägt.
  7. Eine Aufzucht von Kälbern durch ihre Mütter ist die Voraussetzung für deren gute Mütterlichkeit nach der ersten Kalbung. Eigene positive Erfahrungen wirken sich langfristig festigend auf den Grad der eigenen Mutter-Kind-Beziehung aus und tragen zu einem altersgerechten Verlauf der Aufzucht bei.
    So haben von den Müttern aufgezogene Jungkühe bereits im ersten Lebensmonat ihrer Kälber häufiger Sozialkontakte mit ihnen. Die Summe gemeinsam mit den Nachkommen verbrachter Zeit ist bei den von der Mutter aufgezogenen Müttern weitaus höher als bei mutterlos aufgewachsenen Tieren. Die Jungkühe (S) verbrachten mit durchschnittlich 276 min./Tag im ersten Lebensmonat täglich fast 50 min. mehr Zeit mit ihren Kälbern. Natürlich aufgewachsene Tiere suchen häufiger die Nähe ihrer Nachkommen, bieten ihnen mehr Schutz und Geborgenheit und tragen so zu einem verbesserten Wohlbefinden der Nachkommen bei. Mit zunehmendem Alter der Nachkommen reduzieren als Tränkkälber aufgewachsene Mütter die Sozialkontakte zu den Kälbern sehr stark. Von der Mutter aufgezogene Rinder reduzieren ihre Sozialkontakte gegenüber den Nachkommen kontinuierlich und proportional zu deren Alter.
  8. Das Aufwachsen von Kälbern in Familienverbänden ermöglicht Prozesse des Lernens von den Müttern und anderen Adulten der Gruppe. Dadurch wird vermehrt die Weitergabe solcher Erfahrungen an die nächste Generation unterstützt, die sozial bindende Funktionen besitzen. Diese Prozesse tragen wesentlich zu einer streß- und konfliktarmen Aufzucht bei.
    Erfahrungen aus der eigenen Aufzucht übernehmen von der Mutter aufgezogene Jungkühe für die Aufzucht ihrer Nachkommen. Das häufige Auftreten einzelner Verhaltensweisen, beispielsweise Belecken, Beriechen, Kopfauflegen und Kopfreiben gegenüber den Nachkommen zeigt, daß vielfältige Erfahrungen von den Müttern während der Aufzucht der Nachkommen weitergegeben werden. Die Jungkühe (S) hatten vom 26. bis 28. Lebensmonat signifikant mehr soziale Kontakte zu ihren Kälbern als die Jungkühe (T). Die Anzahl der gesamten Sozialkontakte lag mit 432; 286 und 269 Kontakten erheblich höher als bei den Jungkühen (T) und wurde kontinuierlich mit steigendem Lebensalter der Kälber reduziert.
  9. Das Verfahren der Aufzucht übt einen starken Einfluß aus auf die Verwendung der zur Verfügung stehenden Zeit durch die Individuen sowie auf das Aktivitätsprofil der Gruppe und damit auf Richtung und Intensität des Verhaltens insgesamt. Mit der Gestaltung des Aufzuchtverfahrens werden komplexe Gefüge von Verhaltensabläufen determiniert, die wesentlich die physische und psychische Entwicklung der Rinder bestimmen und die Verwirklichung des Aufzuchtzieles fördern bzw. begrenzen können.
    Von der Mutter getrennt aufgezogene Rinder haben längere Liege- und Stehzeiten und sind somit weniger aktiv. Im ersten Lebensmonat lagen die Tränkkälber pro Tag 110 min. und im zweiten Lebensmonat 93 min. länger als die Saugkälber. Ebenfalls standen die Tränkkälber vom zweiten bis sechsten Lebensmonat mit 48; 107; 121 und 122 min. pro Tag signifikant länger als die Saugkälber. Auch treten verhaltensrhythmische Unterschiede zwischen unterschiedlich aufgezogenen Rindergruppen auf. Allerdings konnte nicht geklärt werden, ob diese Unterschiede auf verschiedene Aufzuchtformen zurückzuführen sind oder nur aufgrund unterschiedlicher Gruppendynamik auftreten.
  10. Das Verfahren der mutterlosen Aufzucht von Kälbern an Tränkautomaten ist ein Verfahren, das wesentliche art- und altersspezifische Anforderungen der aufwachsenden Rinder systembedingt nicht genügend berücksichtigen kann. Die zukünftige Verfahrensentwicklung muß im Kern darauf orientieren, die Mutter als ein grundlegendes soziales Bezugssubjekt in das Verfahren mit einzubeziehen. Dies führt zu positiven Effekten in Hinblick auf die Ausprägung vielfältigster Verhaltensweisen, die Tiergesundheit, die Tierentwicklung sowie auf die Herausbildung fördernder sozialer Beziehungen in allen Altersstufen.
    Moderne Haltungsmethoden müssen das Bedürfnis von Kälbern nach sozialer Kommunikation mit anderen Altersstufen befriedigen und deren Saugtrieb auf natürliche Weise stillen. Durch alternative Haltungsmethoden, die Tränkkälbern die soziale Kommunikation mit ihren Müttern und Rindern anderer Altersstufen ermöglichen, können Verhaltensweisen erlernt werden, die bei der Aufzucht der eigenen Nachkommen unabdingbar sind. Das natürliche Saugbedürfnis der Tränkkälber kann durch solche Aufzuchtverfahren (Aufzucht mit Mutterkontakt) befriedigt werden, ohne daß der Landwirt erhebliche zusätzliche Aufwendungen tätigen muß.

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