Schleyer, Thomas: Untersuchungen zum Einfluß des Kälberaufzuchtverfahrens auf die Ontogenese des Sozialverhaltens heranwachsender Rinder

5

Kapitel 1. Zielsetzung

Die Haltung landwirtschaftlicher Nutztiere kann sowohl Quelle von Wohlbefinden, als auch Ursache von Streß und Leiden sein. Das Tierschutzgesetz fordert demzufolge von jedem Tierhalter eine verhaltensgerechte, schmerz- und leidensfreie Unterbringung. Solche Voraussetzungen sind gegeben, wenn die Tiere in ihrer Entwicklung essentielle Verhaltensweisen ausprägen und realisieren können.

In den Bemühungen, die Haltungsverfahren der landwirtschaftlichen Nutztiere art- und tiergerechter zu gestalten, gewinnt die Erfüllung der sozialen Verhaltensansprüche zunehmend an Bedeutung. Dies scheint auch für den Bereich der Milchproduktion angebracht. Während in der Vergangenheit der Schwerpunkt der Forschung in der Rinder- bzw. Kälberhaltung auf die unmittelbaren tierseitigen Anforderungen, wie Nahrungsaufnahme (insbesondere Tränkautomaten), Raumansprüche, Stallklima etc. gerichtet war, blieb der Bereich der sozialen Interaktionen in Gruppen im Hintergrund. Am stärksten wurden Fragen des Sozialverhaltens in Zusammenhang mit der Orientierung auf das Laufstallsystem in der Milchviehhaltung bearbeitet. Forschungsaspekte: Verdrängungen, z.B. am Futterplatz; agonistisches Verhalten (auch in Bezug zur Frage des Enthornens); Individualdistanzen zur Bemessung des Haltungsraumes; Abkalbung u.a..

Der Stand des Wissens zur Kälberhaltung und seine Umsetzbarkeit im praktischen Betrieb wird durch die Kälberhaltungsverordnung (gültig seit 01.01.1993) charakterisiert. Sie enthält Aussagen zu konkreten Punkten, nimmt aber bislang nur eingeschränkt auf den Funktionskreis des Sozialverhaltens bezug. Vorgeschrieben sind lediglich Sichtkontakt zu anderen Kälbern bei Einzelhaltung, die Gruppenhaltung ab der neunten Lebenswoche, regelmäßiger, d.h. zweimal täglicher Mensch- Kalb- Kontakt zur Tierüberwachung. Essentiell erscheinende Bedürfnisse bleiben unberücksichtigt.

Einen bedeutenden Einschnitt in die Verhaltensentwicklung der Tiere stellt die Trennung von der Mutter dar. Diese erfolgt bei Hausrindern meist unmittelbar nach der Geburt bzw. nach vier bis fünf Lebenstagen. In milchproduzierenden Betrieben ist eine solche Trennung gebräuchlich, da die Kühe nicht zur Ernährung des eigenen Kalbes, sondern vorwiegend zur Milchgewinnung gehalten werden. Um die Verbreitung von Krankheiten zu vermeiden, werden die Kälber für einige Wochen isoliert gehalten und anschließend meist in Gruppen desselben Alters und Geschlechts eingestallt (Le Neindre et al., 1992).

Die isolierte Aufzucht von Kälbern setzte sich durch, ohne die Bedeutung der Mutter für die soziale Umwelt des Kalbes hinlänglich geprüft zu haben. Auch stellt sich die Frage, welchen


6

Einfluß die Isolierung von der Mutter unmittelbar nach der Geburt auf das Wohlbefinden der Kälber und der Kühe nimmt (Metz und Metz, 1985).

Angestrebt wird nach bisherigem Erkenntnisstand dabei eine möglichst homogene, dem Produktionsprozeß genügende Gruppenzusammensetzung, die aber die Kommunikation mit älteren Tieren nicht ermöglicht und so die Weitergabe von Erfahrungen durch ältere Tiere überhaupt nicht zuläßt.

Die intensive Tierhaltung von Rindern stört so auf vielfältige Weise die artgemäße Sozialisation der Individuen. Der ökonomische Zwang zur Unterbringung der Tiere auf engem Raum verstärkt die sozialen Spannungen und verhindert, daß diese verhaltensgerecht abreagiert werden können. Sie stellt damit außerordentliche Anforderungen an die Anpassungsfähigkeit der Tiere (Lundberg, 1992a).

Die starke und einseitige Betonung des Nutzens für den Menschen in seiner Beziehung zu den domestizierten Tieren führte zu einem Konflikt zwischen den scheinbar rein rational begründeten Entwicklungen in Zucht und Haltung einerseits und emotionalen Elementen andererseits. Der tägliche Umgang mit Nutztieren wird häufig von praktischen Zwängen bestimmt, die eine tierschutzorientierte Haltung zum Tier wenig fördern (Scheibe, 1997).

Demnach bleibt die ständige Verpflichtung, artgemäße Haltungssysteme und Haltungsverfahren in einem Kompromiß zwischen Ökonomie und Ökologie zu suchen (Sambraus, 1976). Allerdings gilt es dabei, die Haltungsbedingungen den Tieren anzupassen, und nicht umgekehrt (Tschanz, 1985).

Nach Schleitzer (1995) ist es erforderlich, eine Symbiose zwischen technisch-funktionaler und artgemäßer Gestaltung einzelner Funktionsbereiche oder ganzer Rinderproduktionsanlagen zu finden, die Mensch und Tier im Produktionsprozeß ethisch verantwortbar verbinden.

Verhalten stellt die höchste integrative Ebene dar, auf der sich physiologisches und morphologisches Geschehen abbildet. Störungen des Verhaltens stellen einen hochempfindlichen Indikator dar, der nicht nur morphologische, sondern auch physiologische Schäden erkennen läßt. Gestörtes Verhalten eines Tieres ist ein Zeichen dafür, daß etwas im Verhältnis des Tieres zu seiner Umgebung nicht stimmt; es ist Ausdruck einer Beeinträchtigung der Verhaltensregulation des Tieres in seiner Umwelt (Schmitz, 1995).


7

Für den Tierhalter ist es wichtig zu erkennen, welche Umweltreize und Umweltbedingungen für eine verhaltensgerechte Unterbringung unbedingt notwendig sind, damit die Forderungen des Tierschutzgesetzes gewährleistet werden. Die Rinder- und Kälberhaltung wird nur dann artgerecht sein, wenn sie auch die sozialen Ansprüche der Tiere und ihre Veranlagungen berücksichtigt und sich das Tier aktiv mit den vorhandenen Umweltbedingungen auseinandersetzen kann. Die Haltungsumwelt sollte den Tieren Reize bieten, um spezifische Verhaltensweisen verwirklichen zu können. Den Tieren muß die Möglichkeit gegeben werden, Konkurrenzsituationen mittels ihres vorher erlernten sozialen Verhaltensrepertoires zu meistern und insbesondere adäquate Individualdistanzen einzuhalten.

Das Ziel der Untersuchungen besteht deshalb darin, die sozial begründeten Anforderungen der Kälber an ihr Haltungssystem ständig zu berücksichtigen und auf dieser Grundlage ihre "soziale Gesundheit" zu verbessern. Für die Verfahrensgestaltung in der Kälberaufzucht ist dies von praktischer Relevanz. Besonders in der juvenilen Phase, in der Aufzucht, ist ein hohes biologisches Niveau für die spätere Bewältigung der Lebensanforderungen der Tiere - und dies gilt für Mast- und Zuchttiere gleichermaßen - von erheblicher Bedeutung.

In den Untersuchungen soll ermittelt werden,


[Titelseite] [1] [2] [3] [4] [5] [6] [Bibliographie] [Selbständigkeitserklärung] [Danksagung] [Anhang]

© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.

DiDi DTD Version 1.1
a subset from ETD-ML Version 1.1
Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML - Version erstellt am:
Mon May 3 16:40:15 1999