Schleyer, Thomas: Untersuchungen zum Einfluß des Kälberaufzuchtverfahrens auf die Ontogenese des Sozialverhaltens heranwachsender Rinder

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Kapitel 2. Literaturübersicht

2.1. Sozialverhalten beim Hausrind

Das Neugeborene ist mit einigen gut entwickelten Verhaltensanlagen, wie die Fähigkeit zu Saugen, Körperpflegehandlungen, Spielbereitschaft u.a. ausgestattet. Viele weitere Merkmale müssen durch den Einfluß der Mutter und durch intensives Lernen entwickelt werden (Hafez und Lineweaver, 1968).

Die Haustiere sind soziale Arten und reagieren sensibel auf jedwede Änderung in ihrer sozialen Umwelt. Nach der Geburt ist die Mutter Hauptpartner im sozialen Umfeld des neugeborenen Tieres. Ihr Einfluß auf das Jungtier ist von größter Bedeutung (Le Neindre et al., 1992) und das Kontaktbedürfnis junger Tiere ist stärker ausgeprägt als das von adulten (Schloeth, 1961).

Besonders während der juvenilen Phase, wenn die Kälber selbständiger werden, werden die sozial- physischen Merkmale der Umwelt immer wichtiger (Le Neindre et al., 1992).

Viele Verhaltensweisen, durch die das Tier mit seiner sozialen Umwelt kommuniziert, müssen im Laufe des Lebens erlernt werden. Das geschieht überwiegend in der Jugendentwicklung. Um die latente Lernbereitschaft der Jungtiere zu befriedigen, sind Reize in der Umwelt notwendig, die von erfahreneren Sozialpartnern dargestellt werden und einen ständigen Lernprozeß provozieren.

Eine natürliche Sozialisation setzt also eine altersmäßig heterogene Gruppe voraus.

Neonatale und juvenile Erfahrungen können die Aktivitäten junger Tiere verändern und Langzeitauswirkungen auf verschiedene Verhaltensweisen, wie Freßverhalten und Sozialverhalten haben (Le Neindre et al. 1992).

Für die Prävention von Verhaltensstörungen ist die solide Kenntnis von deren Genese sowie der Ontogenese des "Normalverhaltens“ unabdingbar. Nur so können neue Aufstallungsformen entwickelt werden, in denen trotz restriktiver Haltung die Reize so angeboten werden, daß sich die Tiere schadensfrei entwickeln und erhalten können (Stauffacher, 1992).

Fundierte Aussagen über Bedürfnisse von Kälbern oder deren Wohlbefinden sind nur möglich, wenn die Ontogenese des Verhaltens analysiert sowie Ursachen und Funktion bestimmter Verhaltensmuster bekannt sind. So leisten die Arbeiten an wilden und halbwilden bzw. extensiv gehaltenen Hausrindern einen wertvollen Beitrag zum Verständnis des Rin


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derverhaltens und können somit als Vergleichsbasis für Untersuchungen in der Praxis herangezogen werden (Trachsel, 1988).

2.1.1. Begriffsbestimmung und Verhaltenselemente

Rinder leben sozial. Sie lassen sich durch das Verhalten anderer Gruppenmitglieder zur gleichen Tätigkeit anregen. Ein einzelnes Tier entfernt sich selten von der Herde, paßt sich in sie ein und verhält sich innerhalb der Gruppe entsprechend seines Rangplatzes. Jede Gruppe ist hierarchisch organisiert. Die Rangordnung ermöglicht stabile soziale Beziehungen und schafft so die Voraussetzungen für Tiergesundheit und Leistungsfähigkeit (Porzig, 1987).

Ein Rind muß jedoch dieses Repertoire des Sozialverhaltens erlernen oder bereits erlernt haben, um in einer Herde und den somit vorhandenen vielfältigen Strukturen leben zu können. Dieser Vorgang wird als Sozialisation bezeichnet und von Immelmann (1993) folgendermaßen definiert:

"Der Begriff bezeichnet die soziale Ausformung eines heranwachsenden Individuums in seinen Interaktionen mit Artgenossen. Die Ausformung ist Voraussetzung für die spätere soziale Handlungsfähigkeit des Tieres, so für die Aufnahme von Beziehungen, das Eingehen von Bindungen oder die Übernahme von Rollen. Bei vielen Arten können bestimmte soziale Fähigkeiten nur durch spezifische soziale Kontakte während bestimmter Lebensabschnitte erworben werden, die als Sozialisierungsphasen bezeichnet werden. Sie weisen wegen ihrer frühen Lage und oft kurzen Zeitdauer Ähnlichkeiten zu den sensiblen Phasen für die Prägung auf. Wird eine Sozialisierungsphase, etwa durch sozialen Erfahrungsentzug, 'verpaßt', so ist das betreffende Tier später vielfach nicht mehr zur Entwicklung normaler sozialer Beziehungen fähig. 'Verpaßte' Sozialisierungsphasen sind daher die Ursache vieler der als Deprivationssyndrom beschriebenen Fehlentwicklungen.“

Fraser (1978) bezeichnet diesen Vorgang als Kindheitserfahrungen. Er versteht darunter das Ergebnis von Reaktionen des Jungtieres auf umweltbedingte Reize, die zwischen der Geburt und dem Absetzen von der Mutter einwirken. In dieser Phase werden alle Lernvorgänge aktiviert. Die Entwicklung der Sinne, das Erkundungsverhalten, die sozialen Erfahrungen und die Ausbildung des physischen und physiologischen Apparates beeinflussen maßgeblich das spätere Verhalten des Tieres.

Nach Immelmann (1993) umfaßt Sozialverhalten wiederum alle "auf den Artgenossen gerichteten Verhaltensweisen“. Hierzu gehören sexuelles Verhalten, Verhalten der Brutpflege, Verhalten in der Gruppe und agonistisches Verhalten. Mitunter wird in der


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Literatur hierfür auch der Begriff "höheres Sozialverhalten" gebraucht. Er ist etwa mit Gruppenverhalten gleichzusetzen und bezieht sich auf wirklich "gesellige" Tiere. Diese leben mit bestimmten Artgenossen in dauerhafter Bindung. Als soziale oder gesellige Tiere bezeichnet man solche Arten, die "regelmäßig und nicht nur zufällig auf engem Raum anzutreffen sind“, d.h. die in dauerhaften Paaren, in Familien oder in Gruppen leben. Bei ihnen macht Sozialverhalten einen Großteil des Gesamtverhaltens aus. Soziales Verhalten in diesem Sinne ist demnach jedes Verhalten zwischen Artgenossen. Auch die innerartliche Aggression ist dem Bereich des Sozialverhaltens zuzuordnen. In mehrfacher Hinsicht kommt ihr eine wichtige biologische Bedeutung zu.

Grauvogl (1984) bezeichnet die herrschenden familiären Bindungen, die sozialen Rangordnungen und Bedürfnisse sowie die Aufteilung des vorhandenen Lebensraumes untereinander als Grundlagen des Sozialverhaltens.

Gattermann (1993) bezeichnet Sozialverhalten als die Gesamtheit aller Verhaltensweisen, die auf einen interaktionsfähigen und in der Regel artgleichen Partner gerichtet sind oder von diesem ausgelöst werden. Hauptarten der sozialen Interaktion sind Kooperation und Kompetition. Zum Sozialverhalten zählt der Autor agonistisches Verhalten, Stimmungsübertragung, Fremdputzen, Bindungsverhalten, Dominanz- und Subdominanzverhalten, Pflegeverhalten, Pflegeverlangen, Imponierverhalten, Sexualverhalten, sozialer Werkzeuggebrauch und Spielverhalten.

Die folgenden Abschnitte gehen insbesondere auf die Häufigkeit und die Qualität des Vorkommens wesentlicher Verhaltensweisen ein. Gleichzeitig wird versucht, die Ontogenese der Verhaltensweisen und ihr Auftreten im Tagesgang zu betrachten. Der Begriff der Ontogenese an sich beinhaltet die Zeitperiode vom Embryo bis zum geschlechtsreifen Tier. Dieser Lebensabschnitt schließt eine ständige Wechselwirkung zwischen Phänotyp und genetischer Ausstattung und Umwelt ein. Jede einzelne Entwicklungsphase ist unerläßlich für die nächste (Stauffacher, 1992).

Spiel

Spiel tritt in verschiedenen Funktionskreisen auf. Die Verhaltensweisen werden in unermüdlicher Folge wiederholt. Charakteristisch für Spiel ist zudem, daß ohne erkennbaren Anlaß von einem zu einem anderen Funktionskreis übergewechselt wird. Spiel hat die Funktion, angeborene Verhaltensmuster in der Feinmotorik so flexibel zu gestalten, daß das Tier spä


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ter jeder denkbaren Situation mit Ernstbezug gewachsen ist und sich jedem Objekt mit seinen Besonderheiten anpassen kann. Grundsätzlich gilt, daß Verhalten sich durch Spiel und durch spätere Erfahrung leicht ändert (Sambraus, 1997).

Von den sozialen Verhaltensweisen zwischen Kälbern des Zebu- Rindes nimmt das Spiel mit über 70 % den größten Anteil ein. Lecken und Reiben (4,1 %) sowie Rangverhalten zwischen Kälbern (18,3 %) kommen seltener vor (Reinhardt, 1980).

Die Hauptspielstunde der Kälber fällt mit der abendlichen Saugphase zusammen (Reinhardt, 1980). Mit Spielaktivitäten verbringen die Kälber insgesamt bis zu 20 % des Tages.

Die hohe Anzahl von Scheinkämpfen im Auslauf, die Reinhardt und Reinhardt (1982) beobachten und als spielähnliches Verhalten bezeichnen, zeigt, daß Rinder in sozial stabilen Gruppen nach freundschaftlichen sozialen Interaktionen suchen.

Spiele sind bei Rindern kaum auf ein Objekt, sondern vielmehr auf einen Sozialpartner bezogen oder werden gruppenweise ausgeführt. Es sind allgemeine Bewegungsspiele und spezielle Lauf-, Kampf- und Aufreitspiele (Schloeth, 1961). In Spielgruppen stärken Kälber durch Spielen (Aufspringen, Hornen) und aggressive Verhaltensweisen (Stoßen) ihren Kreislauf und die Muskulatur. So entwickeln die Jungtiere funktionelle Beziehungen zu Objekten sowie zu Artgenossen. Sie zeigen ein ausgeprägtes Bedürfnis, mit ihren Kumpanen zusammen zu sein. Kälber sind sehr neugierig (Porzig, 1969; 1987).

Spielverhalten ist nicht auf die am meisten auftretenden wenigen Bewegungen oder Aktionen begrenzt, sondern Spielkampf kann beispielsweise mit Verhaltensweisen beginnen, die dem wirklichen Kampf sehr ähneln. In einigen Punkten der Verhaltenssequenz kommt es auch zu sexuell motiviertem Abdrängen oder Aufreiten. Das Spielen dient demnach vermutlich zum Einüben von Bewegungsabläufen, physischen Training der sozialen Verhaltensweisen und der Verstärkung der Bindungen innerhalb der Gruppe (Reinhardt, 1980).

Spiel kann auch die Kombination von Verhaltensmerkmalen aus mehreren Funktionskreisen sein, die sich bei adulten Tieren normalerweise ausschließen. Die meisten Spielakte scheinen mit solchem Verhalten, welches denen erwachsener Tiere sehr ähnelt, verbunden zu sein. Beispielsweise schließen sich an die meisten Bewegungsspiele Scheinkämpfe an, die bei älteren Kälbern immer häufiger in ein "spielerisches Hornen“ wechseln, das aber ernsthafte Kampfmomente vermissen läßt (Porzig, 1969). Aufreiten tritt eher mit geringer Häufigkeit auf. Wichtig ist, daß das Spiel aber nicht nur als Vorgänger des funktionalen Er


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wachsenenverhaltens zu sehen ist, sondern auch als eine Abwandlung anderer Verhaltensarten, wie Erkundungs- und Dominanzverhalten (Lumia, 1972).

Gespielt wird nur in völlig entspannten Grundsituationen. Einbezogen sind Tiere, die sich offenbar wohlbefinden. Vorzugsweise finden Spiele in der Abenddämmerung statt (z.B. abendliche Gruppenläufe der Herde). Auch erwachsene Rinder spielen untereinander. Am Spiel sind jedoch in erster Linie Jungtiere beteiligt, die dann die Herde mitreißen. Schloeth (1961) beschreibt Spiellaute, eine spieltypische Schwanzhaltung bei Kälbern und festliegende Spielplätze.

Während des Spiels von Kälbern springen und galoppieren meist mehrere Kälber umher, werfen die Hinterbeine in die Luft und treten aus (Kiley- Worthington und de la Plaine, 1983).

Beispielsweise sprangen 3 von 5 Kälbern umher und galoppierten in gleicher oder unterschiedlicher Richtung davon oder sprangen im Kreis und kamen wieder zusammen. Spielen, wie auch herumtreiben, sind Effekte der sozialen Annäherung. Wenn ein Kalb anfängt, steigen meist andere mit ein, was auf eine gewisse Synchronisation des Kälberverhaltens hinweist (Reinhardt, 1980).

Eine andere Form des Spielens ist das Kopfstoßen. Die Kälber pressen dabei ihre Köpfe zusammen und schieben und stoßen sich, ähnlich den adulten Tieren. Das Stoßen und Schieben richtet sich häufig gegen die Mütter, die vordem oft der Empfänger der Spielaktivitäten der Kälber waren. Der Anteil des Spielens blieb während der Beobachtungen von Kiley- Worthington und de la Plaine (1983) über die gesamte Zeit fast gleich, mit Ausnahme eines Gipfels im vierten Lebensmonat, welcher wahrscheinlich mit dem maximalen Milchertrag der Muttertiere zusammenhängt.

Spielaktivitäten sind bereits bei sehr jungen Kälbern festzustellen. Sie werden durch endogene und exogene Reize ausgelöst (Porzig, 1969).

Kälber fordern ihre Mütter auch zum Spielen auf, aber die zeigen daran wenig Interesse. Bullen hingegen spielen gern und sehr ausdauernd mit den Kälbern (Porzig, 1969).


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Soziales Lecken

Nach Sato et al. (1991) hat soziales Lecken nicht nur einen Sauberkeitseffekt, sondern wirkt auch beruhigend auf die Tiere und stärkt deren Beziehungen untereinander. Es schließt dabei die reinigende Funktion ein. So werden Körperregionen geleckt, die der Empfänger selbst nicht erreichen kann.

Tiere wählen ihren Leckpartner ohne Rücksicht auf dessen sozialen Status aus (Sambraus, 1969 für Milchrinder; Scheurmann, 1974a für Mithan (Bibos frontalis)). Ranghohe Tiere neigen dazu, andere Tiere länger zu lecken, als dies Tiere tun würden, die im Rangplatz deutlich niedriger stehen (Sato, 1984). Indem Rinder Artgenossen zu sozialem Lecken auffordern, wird deutlich, daß dieses für den Empfänger wohltuend und nützlich ist (Sato et al., 1991).

Tiere mit gleicher Rangposition kämpfen oft und sind daher sozial angespannt (Reinhardt und Reinhardt, 1975). Soziales Lecken hilft diesen Tieren, solche Situationen zu entspannen. Schloeth (1961) beobachtet allerdings, daß das Lecken zwischen Tieren mit starker sozialer Spannung seltener ist.

Soziales Lecken findet oft aber nur zwischen Tieren statt, die einen hohen Rangplatz inne haben. Die Rangtiefsten wagen kaum, sich den Ranghöchsten auffordernd zu nähern. Wenn Rinder aber bereits eine lange Zeit zusammenleben, ist soziales Lecken meist nicht vom Rang, sondern von der Familienzusammengehörigkeit abhängig (Schloeth, 1961; Sato 1984).

Nach Krohn (1994) trat soziales Lecken zwischen allen Kühen einer extensiv gehaltenen Gruppe auf. Das Pflegeverhalten zwischen den Kühen, verglichen mit der geringen Häufigkeit agonistischen Verhaltens in der Gruppe, zeigt die Bedeutung des affiliativen Verhaltens in einer gut organisierten Gruppe mit minimaler Besatzdichte.

Rinder haben sowohl die Neigung, geleckt zu werden, als auch selbst zu lecken. Ein Rind, das lecken will, beginnt damit gleich nach der Annäherung. Will es jedoch selbst geleckt werden, so verharrt es vor dem auserwählten Partner in Annäherungshaltung, so daß diese Stellung damit zur "Leckaufforderungshaltung" wird (Schloeth, 1961).

Dem Lecken und Gelecktwerden liegen Motivationen zugrunde. Wenn diese nicht abgebaut werden können, kann bei der nächsten Gelegenheit verstärktes Lecken beobachtet werden. Es tritt auch unabhängig vom Tagesrhythmus auf. Nach Phasen starker Unruhe unter den Tieren, z. B. nach dem Rücktrieb ausgebrochener Herden, zeigen viele Individuen an


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schließend verstärkte Leckaktivität. Die beschwichtigende Wirkung der sozialen Hautpflege wird besonders deutlich. Sie ist auch im Lecken brünstiger Kühe durch den Stier offensichtlich (Sambraus, 1969). Zwischen den Tieren gibt es demnach ein Bedürfnis nach Kontakt, daß sich in entsprechender Weise entlädt. Wird die Möglichkeit der freien Wahl eines Kontaktpartners unterbunden, dann steigt die Neigung zum Lecken.

Ein wachsendes Bedürfnis nach Körperpflege schließt der Autor aus, da sonst gleichzeitig das Sich- selbst- Lecken häufiger werden müßte, und das war während seiner Untersuchungen nicht der Fall.

Oft wird auch bei zufälliger Begegnung während des Grasens geleckt. Es dient gewöhnlich nicht zu intensiver Hautpflege. Die Tiere entfernen sich nach wenigen raschen Zungenschlägen wieder voneinander. Möglicherweise wird hier die Haltung beim Grasen, die der Aufforderungshaltung ähnelt, mißverstanden (Sambraus, 1969). War dies der Fall, wich ein rangniederes Tier, wie auf Drohverhalten hin, plötzlich aus (Schloeth (1961). Weiterhin wurde bemerkt, daß sich rangnahe Camargue- Rinder einander besonders häufig leckten. Die ranghöheren Tiere waren hier aktiver.

Sehr oft wird zwischen dem Fressen und dem Wiederkauen geleckt. Aber auch schon im letzten Drittel einer Freßphase, wenn der Hunger weitgehend gestillt ist, beginnt das gegenseitige Lecken.

Kerr und Wood- Gush (1987) fanden eine Korrelation zwischen der Frequenz des Leckens und der Besatzdichte bei Jungrindern, wenn sie in Gruppen im Laufstall oder auf der Weide gehalten wurden. Die Tiere leckten sich um so häufiger, je näher sie sich räumlich waren.


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2.1.2. Gruppenhierarchie und Sozialstruktur

Das Sozialverhalten jedes einzelnen Tieres ist wichtig für das Zusammenleben in jeder noch so kleinen Tiergruppe. Soziale Interaktionen werden von denjenigen Tieren beeinflußt, die das einzelne Individuum dominieren. Ranghohe Tiere werden dementsprechend im Verhalten fast gar nicht behindert (Beilharz und Zeeb, 1982).

Welche Funktion hat das Sozialverhalten nun für jedes einzelne Tier in der Gruppe? Kann das Individuum bestimmten Gefahren aus dem Wege gehen? Kann das Einzeltier einem ranghöheren Tier begegnen, ohne daß es zu kämpferischen Auseinandersetzungen kommt? Bestehen zwischen den Einzeltieren individuelle Bindungen? In welcher Art und Weise werden solche Verbindungen ausgedrückt? Braucht das einzelne Tier individuelle Bindungen zu anderen Tieren? Dies alles sind Aspekte, die für die Existenz des Einzeltieres von entscheidender Bedeutung sind und das individuelle Sozialverhalten bestimmen.

Dawkins (1994) ist der Ansicht, daß es sich vor allem im Sexual- und agonistischen Verhalten leicht feststellen läßt, daß Tiere untereinander komplexe Entscheidungen treffen, wenn sie sich begegnen und in unnachahmlicher Weise voraussehen bzw. erwarten können, was der Kumpan als nächstes tun wird.

Rinder benötigen für ihr Zusammenleben eine Sozialstruktur. Sie organisieren eine Lebensgemeinschaft in einem bestimmten Lebensraum (Koch, 1968).

Die Gruppengröße wird dabei durch die Umweltbedingungen beeinflußt, die durch das Angebot von Futter, Wasser und genügendem Schutz charakterisiert werden (Squires, 1975).

Ebenso bemerken Kiley- Worthington und de la Plaine (1983), daß Rinder extrem soziale Tiere sind, die je nach Futter- und Raumangebot Herden bis zu 300 Tieren formen, in denen Subgruppen, bestehend aus Familienmitgliedern oder Angehörigen der gleichen Altersklasse, unterschieden werden können. Es ist wichtig, beim Management darauf zu achten, daß die Gruppen möglichst nicht aufzutrennen oder zu mischen sind, um Störungen der Sozialverbände zu vermeiden und das Wachstum nicht zu beeinträchtigen.

Kiley- Worthington und de la Plaine (1983) und Sambraus (1976) beobachten in ihren Mutterkuhherden die Existenz individueller Beziehungen, sowohl zwischen adulten Tieren, als auch unter Jungtieren. Bei Kälbern führten sie solche Beziehungen auf die ähnlichen Bedürfnisse zurück, die aufgrund der Altersstufe vorhanden sind.


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Reinhardt et al. (1978) führen die individuellen Beziehungen adulter Rinder ebenfalls auf Freundschaften im Kalbesalter zurück. Sie vermuten, daß diese Freundschaften in einigen Fällen auf spielerische und soziale Aktivitäten zurückzuführen sind.

Da einzelne Angehörige einer Familie (Mutterkühe und ihre Nachkommenschaft) oftmals auch mit Partnern anderer Familien in verwandschaftlichen oder freundschaftlich, engen Beziehungen stehen, kommt es zur sozialen Verflechtung der einzelnen Gruppen und damit zu einem verstärkten Zusammenhalt der Herdengemeinschaft (Reinhardt, 1980).

Reinhardt und Reinhardt (1981) untersuchen die kohäsiven Beziehungen in einer halbwilden Zebu- Herde. Die Autoren verweisen darauf, daß in der Vergangenheit vorrangig Dominanzbeziehungen analysiert, die kohäsiven Beziehungen jedoch vernachlässigt wurden. Ihre Untersuchungen ergeben, daß zwischen Kühen, zwischen Kälbern oder zwischen Kühen und Kälbern verhaltensbezogene Assoziationen existieren, die über mehrere Jahre erhalten bleiben. So hatten 12 von 29 Kühen einen oder mehrere bevorzugte Partner beim Grasen sowie 1-2 Partner für soziales Lecken (meist eigene Nachkommen). 16 von 24 Kälbern bevorzugten bestimmte, nicht verwandte Altersgenossen beim Grasen. Im Gegensatz zu erwachsenen Tieren hatten die Kälber keine bevorzugten Leckpartner. Es wird gefolgert, daß die Mutterfamilie durch Assoziationen zwischen den Geschwistern zusätzlich gestärkt wird und bestehende Freundschaften zwischen nicht verwandten Tieren für die Sozialstruktur der betreffenden Herde verantwortlich sind. Für Kondo et al. (1984) ist das Verhältnis zwischen Mutter und Nachkommen die Basis jedes Gruppenverhaltens.

Aber auch in den vom Menschen zusammengestellten Rinderherden neigen die Einzeltiere dazu, sich zusammenzuschließen und einen Großteil ihrer Aktivitäten gemeinschaftlich zu vollziehen. Häufig tun alle Individuen einer Rinderherde das gleiche und Koch (1968) bezeichnet diese Aktivitäten als "Stimmungen".

In den einzelnen Gruppen und Herden baut sich sogar ein "sogenanntes Herdenbewußtsein" auf. Das "Herdenbewußtsein" äußert sich unter anderem darin, daß Rinder zweier verschiedener Untergruppen auf der gleichen Weidefläche oftmals ganz unterschiedlichen Aktivitäten nachgehen. So kam es z.B. immer wieder vor, daß die Untersuchungsherde weidete, während eine benachbarte Herde vollzählig ruhte. Die gleichen Beobachtungen lassen sich auch bei europäischen Rindern machen, wenn sich mehrere Gruppen verschiedener Ställe auf angrenzenden Weiden aufhalten (Porzig, 1969). Das asynchrone Verhalten solcher räumlich voneinander getrennten Gemeinschaften wird vermutlich durch gruppenspezifische Aktivitätsstimmungen bedingt, die nur innerhalb des jeweiligen Verbandes übertragen werden (Sambraus, 1973).


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Die Beobachtungen von Reinhardt (1980) haben nun aber gezeigt, daß sich die Mitglieder einer Herde auch ohne herdenspezifische Aktivitätsstimmung und ohne räumliche Trennung eine deutliche Herdenzugehörigkeit beweisen. Sie meiden den Anschluß an fremde Gruppen und schließen sich eng an den eigenen Verband an, selbst dann, wenn sie gezwungen werden, sich mit Fremden zu vermischen und diesen anzugleichen.

Das ständige, enge Beieinandersein von zahlreichen Tieren in einer Sozietät auf einem engbegrenzten Territorium bedarf einer bestimmten Ordnung, wenn ein Auseinanderfallen dieser für die Tiere lebenswichtigen Gemeinschaft vermieden werden soll (Porzig, 1969). Wie bei Wildrindern und allen in Gemeinschaft lebenden Tieren ist die Rangordnung auch beim Hausrind Ausdruck unterschiedlicher sozialer Stellung von Individuen (Liebenberg et al., 1971). Sie ermöglicht erst die Existenz von Lebensgemeinschaften und garantiert ein weitgehend konfliktarmes harmonisches Zusammenleben (Porzig, 1969).

Reinhardt (1980) erkannte, daß die Einhaltung einer strengen Hierarchie in der Zebu- Herde zu sozialer Verträglichkeit führte und somit vehemente Auseinandersetzungen vermieden wurden.

Die Dominanzordnung einer Gruppe stellt die Summe aller individuellen Beziehungen unter den Tieren dar. Diese Beziehungen sind das Ergebnis von Rivalitäten und Lernvorgängen, in die viele verschiedene Faktoren eingeschlossen sind (Beilharz und Zeeb, 1982).

Nach Lamb (1976) basiert die soziale Ordnung einer Herde auf sozialer Dominanz und wird durch agonistisches Verhalten der Herdenmitglieder festgelegt

Die Entwicklung der Dominanz schließt notwendigerweise Lernprozesse ein. Dieses Bestreben wird durch genetische Gründe und die bestehenden Umweltverhältnisse bestimmt (Beilharz und Beilharz, 1975).

Für Tiere, die kontinuierlich in Gruppen leben, kommt die Zeit, in der die agonistischen Interaktionen ernsthafter werden, so daß es unter Umständen zu Verletzungen kommt. Wenn ein Tier in dieser Zeit generell verliert, akzeptiert es diesen Fakt. Deshalb weicht es dem dominanten Tier aus oder verhält sich unterwürfig (Beilharz und Zeeb, 1982). Der Zeitpunkt des Akzeptierens der Dominanz variiert mit dem Geschlecht und den Merkmalen der Art und tritt meistens nicht vor Eintritt in die Geschlechtsreife auf (Blockey, 1979).

Nach Reinhardt (1975) sind Stoßen, Drohen oder passive Dominanz Indikatoren für den sozialen Rang. Jedes agonistische Verhalten entwickelt sich zu einer rangklärenden Situation, welche die sozialen Beziehungen zwischen einem Tierpaar bestimmt.


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Weder frontale Stöße noch das Aufreiten formieren eine soziale Hierarchie unter Kälbern. Dagegen können spielerische Aktivitäten für soziale Beziehungen unter den Tieren von Bedeutung sein. Das wird deutlich durch die Tendenz, daß sich junge Kälber sehr viel bewegen (Vitale et al., 1986).

Diese Hypothese des Spiels steht im Kontrast zu der von Lumia (1972). Er bemerkt Aktivitäten, die während des Spiels gezeigt werden und solche sind, die Teil des Verhaltensrepertoirs adulter Tiere werden. Weiterhin stellt er fest, daß bei diesen speziellen Aktivitäten bereits eine soziale Hierarchie unter den Kälbern entsteht.

Nach Schloeth (1961) schlossen sich die Kälber des Camargue- Rindes in den ersten Tagen zusammen und spielten miteinander. Anschließend gab es immer häufigere und heftigere spielerische Auseinandersetzungen, an die sich plötzliche dominanzanzeigende Gesten anschlossen.

Aber auch ein junges Tier verfügt nicht über die Motivation oder die Fähigkeit, ein anderes bei Rangfolgeauseinandersetzungen zu verletzen (Beilharz und Zeeb, 1982).

Kiley- Worthington und de la Plaine (1983) fanden während ihrer Untersuchungen die aggressiveren Tiere an der Spitze und die eher passiven Tiere am Ende der Rangordnung.

Reinhardt et al. (1986) kommen zu dem Schluß, daß unbetreute Tiere ein gut organisiertes Herdenleben entwickeln, in welchem vorwiegend affiliative Aktivitäten und weniger aggressive Aktionen vorkommen. Eine relativ stabile soziale Struktur könnte in solchen Populationen zu einem positiven Fortpflanzungsgeschehen führen und gleichzeitig den sozialen Streß reduzieren.

Zu welchem Zeitpunkt sich eine feste Rangordnung etabliert, kann nicht definitiv angegeben werden. Hierbei sind nicht allein Alter und Gewicht ausschlaggebend, sondern die Haltungs-, Fütterungs- und die sozialen Umweltbedingungen, in denen ein Tier lebt. Sie wirken sich ganz stark mitentscheidend aus (Steinel, 1977). Als wichtiger auslösender Faktor für die Entwicklung von Dominanzverhältnissen wird übereinstimmend das Vorhandensein einer Konkurrenzsituation (Nahrungsquelle, brünstige Weibchen, Liegeplatz) genannt. Gruppengröße, Besatzdichte und Zusammensetzung der Gruppe (homogen - inhomogen) konnten die Dauer, bis sich eine Rangordnung formierte, beeinflussen (Trachsel, 1988).

In Herden, die von Menschen nur wenig beeinflußt werden, finden sich mehr lineare Rangbeziehungen (Wierenga, 1990), in denen Tier A das Tier B und Tier B das Tier C etc. do


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miniert. Vor allem bei Jungtieren existieren lineare Dominanzbeziehungen, weil keines der Tiere die Dominanz eines anderen Tieres akzeptiert. Bei älteren Tieren dagegen können sich Dreiecksbeziehungen entwickeln, die die bereits vorhandene Dominanz eines anderen Tieres akzeptieren. Durch häufigen Wechsel zwischen den Gruppen können so viele Dreiecksbeziehungen entstehen, die möglicherweise über viele Jahre stabil bleiben. Rinder haben eine zielgerichtete Dominanzordnung, d.h., das untergeordnete Tier schlägt nicht zurück (Beilharz und Zeeb, 1982).

Nach Trachsel (1988) traten multiple hierarchische Strukturen vermehrt in großen Gruppen auf.

Viele Dreiecksbeziehungen können aber die Chancen eines Tieres dahingehend beeinflussen, daß eine rangniedere eine ranghöhere Kuh dominieren kann und deshalb mehr Chancen erhält, Ressourcen zu erhalten, als eine rangniedere Kuh, die nur eine rangniedere Kuh dominiert. So bringt manche Dominanzbeziehung für einzelne Tiere mehr Vorteile als eine andere (Wierenga, 1990).

Eine stabile Hierarchie ist dann gegeben, wenn sie selbst bei Zunahme von Interaktionen (z.B. durch Anbieten von zusätzlichem Futter) erhalten bleibt (Schloeth, 1961).

Adulte Tiere einer Herde leben in einer festen Rangordnung, die jedem Individuum bekannt ist und von ihm respektiert wird. Begegnen sich zwei Herdenmitglieder bis zur Grenze der Mindestdistanz, dann wendet sich das rangtiefere ab (Sambraus, 1969). Entscheidend für die Aufrechterhaltung ursprünglicher Verhältnisse scheint jedoch zu sein, daß es nach einmaliger Klärung des Rangverhältnisses nur selten zu weiteren Kämpfen kommt. In Konfliktsituationen genügt die Drohung des überlegenen Tieres, um das rangtiefere zum Ausweichen zu veranlassen (Sambraus und Osterkorn, 1974). Aggressive Begegnungen blieben selten und die meisten Dispute verliefen ohne physischen Kontakt, also ohne Verletzungsgefahr (Reinhardt et al., 1986). In einer Gruppe, die sich auf natürliche Weise gebildet hat, sind Kühe über Färsen, junge Bullen und Kälber dominant. Weiterhin sind junge Bullen über Färsen und Kälber und Färsen über Kälber dominant (Scheurmann, 1974a).

Zu den naturbedingten Sozialisationstendenzen der Rinder zählt demzufolge die Zugehörigkeit zu einem überschaubaren, altersgestaffelten Familienverband mit einem Geflecht von Mutter- Kind- Geschwister- und Altersgruppenbindungen. Soziale Beziehungen haben sich in Gruppen etabliert, um die sozialen Interaktionen der Gruppenmitglieder zu regulieren (Kondo et al., 1984).


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Eine solche Herde zeichnet sich durch Verhaltenskonsistenz, bestimmte Muster von Individualdistanzen sowie durch eine weitgehend orts- und funktionsunabhängige Rangordnung aus (Lundberg, 1992a).

Die Dominanzstrukturen einer Gruppe ändern sich, sobald fremde Tiere in die herrschenden Umstände einer Gruppe gebracht werden. Dies kann einen Effekt auf den Rangplatz haben, den sie erreichen wollen und somit die Linearität in den Rangbeziehungen beeinflussen (Beilharz und Zeeb, 1982).

Wenn ein neues Tier in die Herde kommt, nähert sich die ranghöchste Kuh mit gesenktem Kopf und droht zu kämpfen. Wird diese Geste von dem neuen Herdenmitglied verstanden, kommt es zum Kampf, meist mit Stoßen gegen den Kopf. Erringt ein Tier einen Vorteil, kann es das andere dominieren (Lamb, 1976).

Bei der Beobachtung von Rinderherden offenbart sich, daß die Rangposition charakteristisch für das soziale Verhalten ist. Es stellt sich somit die Frage, ob innerartliche Aggression nur bei zusammengestellten oder auch bei halbwilden Herden zu bemerken ist (Schloeth, 1961) oder ob sie ein Phänomen der Domestikation bzw. ein Resultat von unnatürlichem Management ist (Reinhardt und Reinhardt, 1975).

Dominanzbeziehungen können für Tiere, die auf andere attraktiv wirken und diese dann beherrschen möchten, als Reaktion auf vorhandenen Druck innerhalb der Herde angesehen werden, um den errungenen Rangplatz zu behalten (Beilharz und Zeeb, 1982).

Kiley- Worthington und de la Plaine (1983) erkannten während ihrer Untersuchungen, daß die Position eines Tieres vom Status der Mutter, vom Alter, vom Geschlecht und der physischen Stärke abhing. Reinhardt (1980) beobachtete, daß weder der Rangstatus der Mutter noch das Geschlecht einen Einfluß auf die Rangposition hatten. Eine einheitliche Meinung ließ sich diesbezüglich in der Literatur nicht finden.

Nach Reinhardt und Reinhardt (1975) wird die Rangposition durch das Körpergewicht und das Alter beeinflußt. Jungtiere haben mit zunehmendem Alter gegenüber anderen Altersgruppen der Herde einen Gewichtszuwachs und demzufolge einen proportionalen Anstieg in der Rangfolge. Ältere Tiere verlieren mit zunehmendem Alter an Gewicht und büßen so ihre Rangposition ein. Dadurch sind sie in höheren Rangpositionen deplaziert und werden von jüngeren Tieren verdrängt. Aus diesem Grund nehmen die schwersten und nicht die ältesten Tiere in einer Herde aller Altersgruppen die höchsten Rangpositionen ein. Bis zum Alter von neun Jahren gewinnen Tiere an Dominanz und besetzen die höchsten sozialen Ränge.


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Die geringe Zahl der Kämpfe in seiner Versuchsherde läßt allerdings eine stärkere Korrelation zwischen Rangplatz und Alter als zwischen Rangplatz und Gewicht vermuten.

Reinhardt (1980) nannte das Alter sowie die Länge der Hörner als Faktoren, die die Ranghöhe einer Kuh in der Zebu- Herde bestimmten, während das Körpergewicht keinen entscheidenden Einfluß auf das Erlangen eines bestimmten Rangplatzes hatte.

Reinhardt und Reinhardt (1975) und Reinhardt (1980) beschrieben, daß die meisten aggressiven Rangauseinandersetzungen zwischen Rangnachbarn auftraten. Die Ursache für diesen von Remane (1971) so treffend bezeichneten "Kollegeneffekt“ liegt wahrscheinlich darin begründet, daß sich für rangnahe Tiere eine stärkere Rangkonkurrenz ergibt als für Tiere, die in ihrer Rangposition weiter entfernt sind. Tiere, die keine direkten Rangnachbarn sind, haben so ungleiche Voraussetzungen. Ihre Rangambitionen konkurrieren nicht direkt miteinander, so daß sie keine direkten Auseinandersetzungen anstreben (Reinhardt, 1980).

Je weiter Rinder in der Rangordnung voneinander entfernt stehen, desto größer ist ihre Ausweichdistanz. Je kleiner die Rangentfernung ist, desto eher ist auch die Richtungsänderung eines Tieres als Reaktion auf ein nahendes Individuum erkennbar (Sambraus und Osterkorn, 1974). Üblicherweise unterschreiten auf engem Raum lebende Herdentiere eine gewisse Distanz zum Nachbartier nicht. Beim Rind wird die Individualdistanz durch einen Radius von 0,5 bis 2,0 m um den Kopf, als dem wehrhaften Teil des Tieres, gebildet (Sambraus, 1969).

Rangambitionen beeinflussen die soziale Hierarchie. In jeder Rangdemonstration zeigt sich, daß Rangbeziehungen dynamisch sind und die Möglichkeit eines Rangwechsels vom niederen zum höheren Platz jederzeit gegeben ist. Ein ranghohes Tier kann auf diese Weise seine Position einbüßen (Reinhardt und Reinhardt, 1975).

Lamb (1976) beobachtete, daß rangniedere Rinder aktiver sind, als Rinder in Mittelrängen, aber gleichzeitig den dominanten Tieren aus dem Wege gehen.

Clutton- Brock et al. (1976) betonten die Bedeutung von affiliativen Beziehungen zwischen Tieren gleichen Ranges und Alters. Die beobachteten Rinder tendierten dazu, die meiste Zeit in der Nähe ihrer "Freunde“ zu verbringen und diese auch häufig zu lecken.


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Die soziale Stabilität einer Rinderherde ist aber nicht nur von einer strengen Hierarchie abhängig. Die Gemeinsamkeit beim Fressen bzw. Grasen auf der Weide oder im Tagesrhythmus der Gruppe, mit seinen Liege- und Freßperioden, sind für den Zusammenhalt der Gruppe entscheidend. Auch zum Pflege- und Komfortverhalten gehörende Aktivitäten sind wichtige soziale Ereignisse für den Erhalt der Gruppenzusammensetzung.

Im Sozialleben einer Rinderherde gibt es zahlreiche Beziehungsweisen, deren Aufgabe darin besteht, ganz allgemein vertrauten Kontakt zwischen einzelnen Mitgliedern eines Verbandes herzustellen, z.B. Pflege des fremden Körpers oder auch Scheinkämpfe (Schloeth, 1961).

Auf der Weide verhalten sich Rinder weitgehend allelomimetisch: Graseaktivitäten, Liegeverhalten und auch Gänge zur Tränke werden zumeist gemeinsam durchgeführt. Auch zwischen derartigen Hauptaktivitäten beobachtet man stets eine gewisse Gleichschaltung der Handlungen von Einzeltieren (vgl. Lamb, 1976).

Die Interaktion zwischen dem Sozialverhalten und der Befriedigung existentieller Bedürfnisse ist die Grundlage für das Verhalten freilebender Tiere (Squires, 1975).

Brereton (1981) spricht von einer Synchronisation der Erhaltungsaktivitäten wie Fressen, Trinken, Liegen oder Wiederkauen in Ställen und Herden. Das Verhalten eines einzelnen Tieres wird dabei unter Umständen durch die Aktivität der gesamten Gruppe modifiziert. Diese Kommunikation ist ein Teilbestandteil aller Aspekte des sozialen Verhaltens und mit der Komplexität der sozialen Organisation verbunden.


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2.2. Ontogenetische Entwicklung des Sozialverhaltens

Das Sozialverhalten muß in den verschiedenen Altersstufen, die natürlich lebende Tiere im Laufe ihres Lebens durchlaufen, erlernt werden. Der Zeitfaktor spielt dabei die entscheidende Rolle, denn je früher ein Tier mit der sozialen und physikalischen Umwelt in Berührung kommt, desto stärker scheinen sich diese Erfahrungen in dessen späterer Entwicklung auszuwirken. In diesen frühen Entwicklungsstadien profitiert der Organismus von einer größtmöglichen Anzahl umweltbedingter Reize.

Lernen ist eine im Dienste der Individual- und Arterhaltung stehende antriebsgesteuerte adaptive Verhaltensänderung als Folge individueller Informationsaufnahme, Informationsverarbeitung und Informationsspeicherung (Erfahrung) auf der Grundlage phylogenetisch vorgebildeter artspezifisch modifizierbarer nervöser Strukturen. Der Umgebungsbezug von Lernprozessen kann sich ganz auf das innere Abbild von Umgebungszuständen beschränken. Danach können Lernergebnisse, die z.B. durch schlußfolgerndes Denken erzielt werden, nur dann zu verhaltensrelevanten Resultaten führen, wenn sie unmittelbar von realen oder möglichen Umgebungszuständen ausgehen (Sinz, 1973). Sehr bald nach der Geburt treten "kritische Phasen“ oder "sensible Phasen“ auf. Sie sind zeitlich eng begrenzt (Fraser, 1978). In diesen Phasen haben soziale und physikalische Reize eine besonders starke und lang andauernde Wirkung auf die Entwicklung und das Verhalten des Tieres. Während des Prozesses können soziale Präferenzen entstehen, die irreversibel über die gesamte Lebenszeit bestehen bleiben. Die Individuen lernen in dieser Zeit, Artgenossen und Nahrungsquellen zu erkennen (Arave und Albright, 1981). Dieser Vorgang des schnellen "Lernens“ innerhalb der sensiblen Phase wird Prägung genannt (Fraser, 1978). Nach Tembrock (1992) beziehen sich die "sensiblen Phasen“ auf die Ansprechbarkeit und Wirksamkeit bestimmter Umweltfaktoren, in deren Verlauf sich kurzzeitige Lernvorgänge vollziehen, wenn sie mit einer besonderen Form der Bindung an bestimmte Umweltfaktoren verknüpft sind. Solche Phasen führen gewöhnlich zu irreversiblen Wirkungen und sind daher einmalig im Verlauf der Ontogenese.

Die wichtigsten Verhaltensweisen der Nachkommen gegenüber der Mutter, z.B. das Erkennen der Mutter, sind durch Prägung bedingt. Das junge Tier "lernt“ auf diese Weise die Merkmale seiner Mutter und seiner Artgenossen kennen. Diese können in späteren Entwicklungsstadien als auslösende Reize funktionieren. Neben den angeborenen und den durch Prägung erworbenen Verhaltensweisen, sind die erlernten von enormer Bedeutung. So sind reine Instinktbewegungen mit zunehmendem Alter der Tiere immer seltener zu beobachten. Sie werden im Laufe der Zeit von erlerntem Verhalten überlagert (Instinkt- Lern- Verschränkung) (Fraser, 1978).


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Am Ende der sogenannten "kritischen" Phase entwickelt sich die erste Sozialisation in die zweite, in der Kälber soziale Interaktionen wie adulte Tiere haben (Pflegeverhalten, Aufreitaktivität und Spielverhalten). Diese Interaktionen bereiten sie auf den Wettbewerb und Agonismus gegenüber anderen Tieren vor (Hafez und Bouissou, 1975).

Der Lernprozeß in dieser späteren Phase kann auf verschiedenen Wegen vor sich gehen. Die einfachste Art des Lernens beruht auf Versuch und Irrtum. Es wird auch "Lernen am Erfolg“ (Fraser, 1978) oder "Hypothesenlernen" (Lundberg, 1979) genannt. Hierbei nimmt das Tier die Verhaltensweisen an, die es aufgrund seiner Erfahrungen als passend gefunden hat. Eine andere Art des Lernens beruht auf Nachahmung (Imitation). Durch sie erwirbt z.B. das Jungtier noch vor dem Absetzen von der Mutter einen großen Teil des Futteraufnahmeverhaltens. Auch das Brunstverhalten bei manchen weiblichen Tieren wird durch Nachahmung weiterentwickelt (Fraser, 1978). Lundberg (1979) bezeichnet diese Form als "konnektionistisches Lernen", bei dem Umgebungsereignisse aufgrund raum- zeitlicher Übereinstimmung verknüpft werden.

Dabei läßt sich für die Entwickung des Sozialverhaltens eine Kalb-, Jungrind- und Jungkuh- Phase abgrenzen. In den einzelnen Lebensphasen werden jedoch nicht nur verschiedene Lernformen angewendet, es unterscheiden sich auch die Lerninhalte. In diesem Zusammenhang ist es sinnvoll, Eigenheiten der Entwicklung des Sozialverhaltens in der Kalb-, Jungrind- und Jungkuh- Phase hervorzuheben.

2.2.1. Kalb- Phase

Die Mutter-Kind-Beziehungen zeigen sich ursprünglich in jenen Kontakten, die sich aus der Fütterung und dem Schutz der Nachkommen ergeben. Sie manifestieren Teile jenes Verhaltens, welches man später bei adulten Tieren in z.T. abgewandelter Form oder in anderen Funktionskreisen wiederfindet, z.B. ähnelt die Kopf- Hals- Haltung des Kalbes, die es bei der Annäherung an die Mutter zum Saugen zeigt, der Unterlegenheitshaltung erwachsener Kühe bei sozialen Kontakten (Finger und Brummer, 1969; Sambraus, 1991).

Während die Mutter sich ausschließlich ihrem eigenen Kalb widmet und ihm ihre gesamte mütterliche Fürsorge zukommen läßt, ist das Kalb nicht unwiderruflich auf die eigene Mutter fixiert. Ansonsten würde es bei deren Tod unweigerlich zugrunde gehen. Mit Hilfe von Erfahrungen ist es lediglich auf seine Mutter dressiert, und würde sich jeder anderen Kuh, von der es beim Saugen toleriert wird, ebenso anschließen. Verliert das Kalb seine Mutter, so kann es also umlernen und sich eine geeignete Ersatzamme suchen (Reinhardt, 1980).


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Die Resultate von Kiley- Worthington und de la Plaine (1983) zeigen, daß fünf gemeinsame Minuten mit dem Kalb unmittelbar nach der Geburt sehr wichtig sind, um eine Mutter-Kind-Beziehung aufzubauen. Es ist aber egal, ob der Kontakt mit dem eigenen oder einem fremden Kalb stattfindet, denn die Mutter-Kind-Beziehung formiert sich mit dem Kalb, mit welchem ein Kontakt aufgebaut wurde. Eine Trennung von Mutter und Kalb unmittelbar nach der Geburt und damit die Vorenthaltung jeglichen Kontaktes zur Mutter bzw. zu den Nachkommen schränkt somit deren Wohlbefinden ein.

Während kurz nach der Geburt die ersten sozialen Kontakte (wie Trockenlecken und Kopfstöße als Aufforderung zum Aufstehen) einseitig von der Mutter ausgehen, kommt es nach den ersten Gehversuchen des Kalbes zu wechselseitigen Beziehungen.

Durch das Anschmiegen beim Saugen wird die Mutter animiert, das Kalb geruchlich zu überprüfen. Durch häufigeres Aufsuchen der Mutter und darauf folgende länger währende Kontakte zur Mutter erhält das Kalb bereits nach einem Monat und auch später die Mutter-Kind-Beziehung mehr und mehr aufrecht (Kiley- Worthington und de la Plaine, 1983). Diese Tatsache zeigt, wie wichtig die gemeinsame Haltung von Mutter und Kalb für die Befriedigung der sozialen Bedürfnisse des Kalbes und der Mutter sind. Eine Trennung nach der Geburt, auch wenn sie erst nach einigen Tagen erfolgt, stellt somit einen Einschnitt in das Wohlbefinden der Individuen dar. Durch die Gruppenhaltung der Kälber mit anderen gleichaltrigen Tieren kann den sozialen Bedürfnissen kaum entsprochen werden.

Mit drei Monaten zeigen Kälber einen bemerkenswerten Anstieg in den sozialen Kontakten mit ihren eigenen und anderen Müttern. In dieser Zeit steigt ebenfalls der Anteil des Scheuerns und Leckens mit anderen Tieren an (Kiley- Worthington und de la Plaine, 1983).

Mit zunehmendem Alter (vom zweiten bis fünften Lebensmonat) kommunizieren Kälber, besonders männliche, häufiger mit den übrigen Herdenmitgliedern. Das spezifische Verhältnis zur Mutter verändert sich dahingehend, daß nun auch zu anderen Herdenmitgliedern soziale Beziehungen aufgebaut werden (Le Neindre et al., 1992).

Trotzdem haben Mutterkühe mehr Kontakte zu ihren Kälbern, als die Kälber untereinander (Kiley- Worthington und de la Plaine, 1983).

Durch das gegenseitige Belecken von Mutter und Kalb wird neben der Körperpflege auch die Mutter- Kind- Beziehung erhalten und gefestigt (Lidfors, 1994).


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Sind die Beziehungen zwischen Mutter und Kind gefestigt, können die Kälber direkt an das Euter laufen. Das Annäherungszeremoniell fällt daraufhin weg.

Gewöhnlich kann ein Kalb ungefähr 30 Minuten nach der Geburt das erste Mal stehen. Anschließend begibt es sich auf Eutersuche (Sambraus, 1991).

Kälber saufen in den ersten Lebenstagen häufig und immer nur kleine Portionen. Erst nach ungefähr drei Tagen tritt eine gewisse Regelmäßigkeit im Saugen ein. Im ersten Lebensmonat saugen Kälber täglich ungefähr acht mal. Danach geht die Zahl der täglichen Saugvorgänge zurück. Kälber im Alter von drei Monaten saugen täglich nur noch vier bis sechs mal; im Alter von sechs Monaten sind es im allgemeinen nur noch zwei Mal. Ein Saugvorgang dauert acht bis zehn Minuten, so daß Kälber im ersten Lebensmonat täglich ungefähr eine Stunde saugend verbringen (Sambraus, 1991).

Die Saugdauer je Mahlzeit und die Saughäufigkeit hängen von einer Vielzahl von Faktoren ab (Porzig und Sambraus, 1991). Diese Faktoren sind das Alter der Kuh, das Lebensalter bzw. die Körpermasse des Kalbes, die Genotypzugehörigkeit des Kalbes, das Geschlecht des Kalbes, die Saugmotivation und Ausdauer des Kalbes, die Schnelligkeit der Milchhergabe durch die Kuh, die Milchmenge der Mutter, die Art und Menge der Zufütterung, die Dauer der Anwesenheit der Mutter beim Kalb und die Besatzdichte.

In den hier vorliegenden Untersuchungen spielen besonders das Lebensalter bzw. die Körpermasse des Kalbes, die Saugmotivation und Ausdauer des Kalbes und die Dauer der Anwesenheit der Mutter beim Kalb eine relevante Rolle.

Auch bei anderen sozialen Verhaltensweisen ist die Mutter die bevorzugte Partnerin des Kalbes. Das Belecken der Mutter durch das Kalb, das spielerische Hornen und das spielerische Aufspringen sind ebenfalls soziale Verhaltensweisen, bei denen die Mutter bevorzugt wird (Reinhardt, 1980).

Wenn Kälber normal als Einzelkälber geboren werden, werden sie allein durch das Zusammenleben mit anderen Gleichaltrigen für diese sozial attraktiv (Reinhardt und Reinhardt, 1981).

Kälber entwickeln und erhalten nicht nur zur Mutter, sondern auch zu anderen Herdenmitgliedern unterschiedlich ausgeprägte Beziehungen. Bouissou und Andrieu (1977) studierten die Affinitäten von Friesian- Färsen. Sie beobachteten im Alter von 6 und 9 Monaten spezifische Beziehungen zwischen Tieren der gleichen Gruppe mit einem steigenden Anteil


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gemeinsam verbrachter Zeit und nur wenigen aggressiven Interaktionen. Die größten Effekte ergaben sich zwischen von Geburt an zusammen lebenden Kälbern.

Bei den Beobachtungen des Mithan- Rindes (Bibos frontalis) von Scheurmann (1974a) existierte unter den Kälbern nur eine scheinbare Rangordnung. Die schwereren stießen zwar den leichteren in die Flanke, aber direkte Drohgebärden waren nicht zu beobachten. Leichtere Kälber wichen auch nicht vor schwereren aus.

Im allgemeinen wird angenommen, daß Kälber frühestens in einem Alter von drei bis sechs Monaten eine soziale Rangordnung bilden (Steinel, 1977).

Reinhardt et al. (1978) und Reinhardt (1980) beobachteten unter Kälbern schon im zweiten Lebensmonat Verhaltensweisen, die auf eine allmähliche Entwicklung einer Rangordnung hinwiesen. Ranganzeigende Äußerungen waren Boxen bzw. Stoßen (ab dem zweiten Monat), Drohen und Aufreiten (ab dem neunten Monat) sowie Verjagen und Kämpfen (ab dem zehnten Monat). Spontanes Ausweichen trat noch nicht auf. Bei Kämpfen mischten sich häufig andere Kälber ein und konnten dadurch die Entscheidung zugunsten des einen oder anderen beeinflussen. Die Stellung, die ein Kalb in der Rangordnung einnahm, hing weder von seinem Geschlecht noch vom Rangstatus seiner Mutter ab. Hassenstein (1980) aber vertritt die Auffassung, daß Jungtiere den Rang ihres Vaters oder ihrer Mutter übernehmen können.

Hünermund (1969) unterscheidet vier Gruppen von Eigenschaften, die den sozialen Rang eines Rindes bestimmen:

1. Die physischen Kriterien: Gewicht, Brustumfang, Widerristhöhe, Behornung

2. Zeitkriterien: Alter, Dauer der Herdenzugehörigkeit

3. Psychische Veranlagungen: Temperament, Aggressivität und Kampferfahrung

4. Erblich bedingte Veranlagungen.

Schake und Riggs (1970) konnten bei den Versuchskälbern (Hereford) ihrer Mutterkuhherde bis zum Zeitpunkt der Schlachtung im Alter von 325 Tagen noch keine Rangordnung feststellen, während bei den Müttern die Rangordnung sehr leicht festzustellen war.

Sambraus und Osterkorn (1974) stellten bei weiblichen Jungrindern und jungen Kühen noch sehr viele Rangwechsel fest, was auf eine erst schwache Ritualisierung des Sozialgeschehens in diesem Alter schließen läßt. Zweifellos sind die meisten Auseinandersetzungen von Kälbern spielerischer Natur, aber es ist wahrscheinlich, daß das stärkere Tier


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sich schon hier besser durchsetzen kann und daß diese Erfahrung in Zukunft sein Verhalten bestimmen wird (Beilharz et al., 1966).

Kälber werden zwar noch nicht in die Rangordnung einbezogen, aber manchmal von älteren Rindern vertrieben. Bis zur Geschlechtsreife sind keine bzw. nur Andeutungen von Dominanzbeziehungen zu erkennen. Die üblichen Hornspiele haben selten ernsten Charakter. Mit sechs bis sieben Monaten beginnt dann eine gewisse Auswahl der Spiel- und Kampfpartner. Vorwiegend werden gleichstarke Herdengenossen gewählt. Hierin sind bereits Ansätze zur Herausbildung einer Rangordnung erkennbar (Sambraus, 1978).

Reinhardt (1980) bestätigt ebenfalls, daß die heranwachsenden Kälber noch nicht in das Rangsystem der adulten Tiere aufgenommen sind. Selbst zweijährige bereits voll geschlechtsreife Jungrinder nahmen die aggressiven Verwarnungen der Erwachsenen ohne Widerspruch hin. Sie waren ihnen also durchweg unterlegen.

Je stärker der Grad der Homogenität bei der Gruppenzusammenstellung in bezug auf Alter, Gewicht und Geschlecht ist, desto unaufälliger wird eine sich entwickelnde Rangordnung bleiben. Die Offensichtlichkeit der Dominanzgesten erwachsener Rinder kann in Kälbergruppen nicht erwartet werden (Steinel, 1977).


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2.2.2. Jungrind- Phase

Auch nach dem Absetzen gehen die Entwicklung der Sinneswahrnehmungen und der Lernprozeß weiter. Das Tier erweitert seine Fähigkeiten, sich in seiner Umwelt zu behaupten. Soziale Erfahrungen mehren sich in dieser Lebensphase und das Erkundungsverhalten wird mit verstärkter Aktivität betrieben (Fraser, 1978).

Reinhardt (1980) beobachtete, daß weibliche Kälber wesentlich früher durch ihre Mütter abgesetzt wurden als die männlichen. Die Mehrzahl der Bullenkälber saugte noch im elften Lebensmonat, weibliche Kälber waren bereits im neunten Monat vollkommen auf Weidefutter umgestellt.

Auch kamen bei Reinhardt´s Beobachtungen (1980) einige bereits entwöhnte Jungrinder noch einmal in "Saugstimmung“, als die Mütter erneut abkalbten. Die meisten ließen dies aber nach ein paar Tagen wieder sein.

Veissier et. al. (1989) beobachteten in früheren Studien, daß das circadiane Verhalten der Jungrinder nach dem Absetzen für ein paar Tage wechselt. Im Alter von acht Monaten ist die Milch nicht mehr die Hauptkomponente der Nahrung. Dadurch gleichen sich die Jungtiere in ihrem circadianen Verhalten mehr und mehr den adulten Tieren an. Aus diesem Grunde nahm das spielerische Aufreiten im Alter von neun bis dreizehn Monaten deutlich ab. Die Jungrinder mußten nach erfolgter Entwöhnung vermehrt nach Nahrung suchen (Reinhardt, 1980).

Wierenga (1990) stellte fest, daß junge Färsen eine niedrigere Rangposition inne haben, diese aber mit dem Alter steigt. Allerdings beobachtete er auch viele Ausnahmen. Eine lineare Rangordnung war in seinen Versuchsgruppen nicht zu finden.

Koch (1968) beobachtete, daß die noch wachsenden Rinder stets bestrebt sind, ihren Rang gegenüber höherstehenden Tieren zu verbessern. Im Alter von zwei bis drei Jahren lassen diese Bestrebungen nach. Die Färsen hatten untereinander sehr wenig Auseinandersetzungen.

Veissier und le Neindre (1989) und Veissier et al. (1990) schlußfolgerten bei ihren Beobachtungen, daß das Jungrind nach dem Absetzen mit der Mutter verbunden bleibt. Die Abwesenheit des bevorzugten sozialen Partners (Mutter) führt dazu, daß die Jungrinder Beziehungen zu anderen sozialen Partnern aufbauen. Im Vergleich zu Färsen, die von der Mutter noch gesäugt wurden, stehen abgesetzte Färsen mehr zusammen. Ihre Aktivität


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verläuft mehr synchron und soziale Kommunikationen, sowohl agonistischer als auch affiliativer Art, treten häufiger auf. Das Absetzen stärkt demnach die sozialen Beziehungen zwischen den Färsen. Diese Verselbständigung bedeutet aber nicht nur die Verhinderung des Saugens, sondern hat auch psychologische Effekte, die auf die Veränderung der sozialen Umwelt zurückzuführen sind.

Die Mutter bleibt auch nach dem Absetzen der Hauptbezugspunkt für das Jungrind, also nicht nur Nahrungsquelle, sondern auch bevorzugter Sozialpartner (Veissier und le Neindre, 1989; Reinhardt, 1980). Färsen hielten die Beziehungen zu ihren Müttern länger als umgekehrt. Auch nach einer dreiwöchigen Trennung gab es keinen negativen Effekt auf das Verhalten der Färsen gegenüber ihren Müttern. Allerdings veränderte sich das mütterlich fürsorgliche Verhalten der Kühe. Die Beziehung der Mütter zu ihren Jungrindern war gebrochen. Das Zurückbringen der Mütter nach dreiwöchiger Trennung kehrte alle Veränderungen im Verhalten der Färsen nach dem Absetzen um. In diesem Stadium blieb es aber unbekannt, ob das auf das Fehlen der mütterlichen Unterstützung zurückzuführen war oder nur auf den Fakt, daß die Färsen nicht länger saugten (Veissier und Le Neindre, 1989).

Bei den Untersuchungen von Schloeth (1961) wurde die Anziehung zur Mutter besonders ab dem fünften Monat offenkundig. In dieser Zeit begannen die Heranwachsenden gewohnheitsgemäß zusammen mit den Großen zu weiden und waren von nun an meist in allernächster Nähe ihrer Mütter anzutreffen, fast nie jedoch in Gesellschaft fremder Kühe. Die feste Beziehung zwischen Mutter und Jungrind wurde weder durch das Entwöhnen, noch durch die Geburt eines zweiten Kalbes beeinträchtigt. Alle Kühe beleckten ihr erstes Kalb auch nach dem Absetzen und nach der nächsten Geburt häufiger als irgendeines der anderen fremden Kälber. Unverändert blieb auch ihre Bevorzugung des eigenen Kalbes als Partner beim Weiden.

Veissier et al. (1990) bemerkten in ihren Versuchen, daß die Mütter von den neugeborenen Kälbern weiter weg und weniger oft mit ihnen synchronisiert waren als mit den Jährlingen. Das könnte auf Ähnlichkeiten im Graseverhalten der Kühe und der Jährlinge zurückzuführen sein. Die Neugeborenen verbrachten nur sehr wenig Zeit mit Grasen.

In bezug auf die Gruppenhierarchie erkannte Schloeth (1961), daß bei einjährigen Jungrindern die soziale Rangfolge noch nicht voll ausgeprägt war. Nach spielerischen Auseinandersetzungen schlossen sich bereits Scheinkämpfe an. Zu Beginn dieser Phase waren die Rangbeziehungen noch sehr instabil. Nach einem Jahr jedoch glichen sich die Verhaltensweisen zwischen Jungrindern und adulten Tieren immer mehr an.


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Sambraus (1991) beobachtete, daß die spielerischen Auseinandersetzungen nach Erreichen der Geschlechtsreife ernster werden, auch wenn sich daraus für das Einzeltier noch keine Konsequenz ergab. Jungtiere geraten häufig aneinander, aber der Ausgang der Kämpfe ist nicht endgültig. Die bestehenden Rangverhältnisse werden häufig durch den nächsten Kampf umgedreht. Die Rangpositionen sind noch so labil, daß an einem Tag das eine Tier, am nächsten Tag das andere ranghöher zu sein scheint. Ein bei den Adulten erkennbarer Respekt vor dem Ranghöheren ist noch nicht zu bemerken und die Ausweichdistanzen sind noch sehr gering. Erst im Alter von eineinhalb Jahren genügen Drohungen weitgehend zur Aufrechterhaltung der bestehenden Rangverhältnisse. Die heranwachsenden Rinder versuchen immer wieder, ihren Rangstatus zu verbessern. Mit zunehmendem Alter werden die Dominanzverhältnisse dann stabiler (Sambraus, 1978; Gabr, 1973). Den älteren Herdenmitgliedern sind die Jungrinder allerdings eindeutig unterlegen. Im Gegensatz zu Kälbern müssen sie die älteren Herdenmitglieder meiden (Sambraus, 1991).

Neuankömmlinge in der Herde werden bei Rindern im Alter von neun Monaten in rangentscheidende Rivalitätskämpfe verwickelt. Solche Ereignisse wirken in der Gruppe allgemein aggressionsfördernd. Auch Tiere, die sich schon lange kennen, versuchen zu diesem Zeitpunkt, bestehende Rangverhältnisse neu zu klären (Sambraus, 1978).

Jungrinder spielten nur noch relativ wenig. Nach Schloeth (1961) kam es nur im gelockerten Feld zu spielerischen Aktivitäten. Er führte diesen Umstand darauf zurück, daß Tiere in diesem Alter schon in regelmäßige Tätigkeiten eingebunden sind. Immerhin ließen sie sich aber von Kälbern zum Spiel animieren. Bei subadulten Tieren beobachtete der Autor Sexualspiele, Lauf- und Fluchtspiele. Am sozial aktivsten waren die halberwachsenen Tiere beiderlei Geschlechts.

2.2.3. Jungkuh- Phase

Nach Reinhardt (1980) bilden sich in einer Herde matriarchale Familienverbände. Sie entstehen dadurch, daß eine Kuh die Beziehung zu ihren Kälbern nie ganz abbricht. Auch nach der Geburt eines zweiten Kalbes sind soziale Kommunikationen mit früher geborenen Kälbern zu beobachten.

Die Grundlage der Mutter- Kind- Beziehung wird bereits pränatal geschaffen. Durch die Suche nach einem geschützten Platz zum Abkalben im Freiland ist das Kalb nicht nur besser vor Raubfeinden geschützt, sondern es kann sich auch gleichzeitig eine ungestörte Kuh- Kalb- Bindung entwickeln. Ein intensives Belecken des Kalbes nach der Geburt führt rasch


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zu einer engen Bindung der jungen Kuh an das Kalb. Eine Kuh, die ihr Kalb auch nur wenige Minuten belecken konnte, nimmt es selbst nach zwölfstündiger Trennung wieder an. Wurde das Kalb jedoch ohne diesen Kontakt unmittelbar nach der Geburt von der Mutter getrennt, wird es von dieser abgelehnt (Sambraus, 1991).

Unter extensiven Haltungsbedingungen bleibt die Kuh mit dem Kalb bis zu zehn Tage abseits vom Herdenverband. Sie grast in unmittelbarer Umgebung des Kalbes und entfernt sich nur kurzfristig zum Saufen. Eine Verwechslungsmöglichkeit ist während dieser Zeit naturgemäß nicht vorhanden (Sambraus, 1991).

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Mutter- Kind- Beziehung ist das Saugverhalten. Die Aufforderung zum Saugen erfolgt gegenseitig zwischen Kalb und Mutter. Bei herangerückter Saugzeit blöken die Kälber, worauf die Mütter antworten und den Kälbern entgegenkommen. Jeder Saugakt ist mit erneuter Aufnahme der Beziehungen zwischen Mutter und Kalb verbunden. Beide Tiere erkennen sich in den ersten Tagen nach der Geburt aus größerer Entfernung an der Stimme. Auch später orientieren sich Mutter und Kalb akkustisch, erst bei näherem Abstand (30 bis 50 m) nehmen sie sich auch optisch wahr. Die Kuh erkennt in unmittelbarem Kontaktfeld das Kalb ebenso durch geruchliche Kontrolle. Im Gegensatz zu anderen Huftieren lecken Kühe nur selten das Kalb an der Anal- Genital- Region.

Diese Kontrolltätigkeit führen die Kühe in den ersten Tagen intensiv durch. Später kontrollieren sie nur noch oberflächlich. Dennoch erkennen sie ihr eigenes Kalb recht gut (Porzig, 1969).

Nur wenige Kühe dulden fremde Kälber. Dies geschieht zudem nur dann, wenn sie ihr eigenes Kalb säugen. Sobald diese Kühe ihr eigenes Kalb rufen, kommen oft mehrere fremde, um ebenfalls bei ihnen zu saugen. Sie nehmen allerdings nicht die verkehrtparallele Stellung ein, sondern saugen von hinten. Damit entgehen sie der olfaktorischen Kontrolle und werden geduldet (Sambraus, 1991).

Kühe weigern sich gewöhnlich, Kälber in einem Alter von mehr als zehn Monaten saugen zu lassen. Vor der Geburt des nächsten Kalbes geschieht dies dann auch nur noch selten. Das vollständige Absetzen des Kalbes ist jedoch nicht das Ende der Kuh- Kalb- Beziehung. Nach wie vor belecken sich Kuh und Kalb besonders oft und intensiv, halten sich dicht beieinander auf und legen sich stets auffallend nahe nebeneinander (Sambraus, 1991).

Das Belecken des Kalbes durch die Mutter ist neben dem Saugen wohl die häufigste Handlung, bei der die Bindung eines Kalbes an seine Mutter zum Ausdruck kommt. Werden


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auch einige Kälber bis zu viermal und mehr täglich beleckt, so gilt doch, daß jedes Kalb täglich mindestens einmal beleckt wird (Koch, 1968).

Die Stärke der Bindung zwischen Mutter und Kalb war zwischen den einzelnen von Koch (1968) beobachteten Paaren sehr verschieden ausgeprägt. Dies wird durch das Saugen, Lecken und Beisammensein im Liegen, das Grasen sowie das Nacken- Unterhalsreiben offensichtlich. Ganz allgemein läßt sich festhalten, daß Kühe mit festerer Bindung häufiger neben ihren Kälbern liegen und diese lecken. Auch zeigen deren Kälber öfter das Nacken- Unterhalsreiben, als Kälber, deren Beziehung zu ihren Müttern nicht so fest ist.

Price et al. (1986) stellte eine signifikant höhere Rate von sozialen Kontakten zwischen erfahreneren Kühen und Kälbern als zwischen Jungkühen und Kälbern fest. Grundlage dafür könnte ein größeres Wissen und eine größere Sensibilität gegenüber den Bedürfnissen der Kälber sein.

Soziales Lecken stammt nach Schloeth (1961) aus dem vertrauten Bereich der Mutter- Kind- Beziehung, wo es echte Körperpflege ist. Im Leben einer Jungkuh hat es damit wohl kaum noch zu tun, aber der Grad an Vertrautheit ist derselbe geblieben. Während seiner Beobachtungen kam es zwischen adulten Tieren häufiger vor und dauerte auch länger als bei den Mutter-Kind-Beziehungen.

Die differenzierten Bedürfnisse im Sozialkontakt der Rinder sprechen nicht nur aus ihren Liege- und Leckpartnerschaften, sondern fallen auch durch die große Varianz in der Häufigkeit der Kontakte bzw. im Liegeabstand zum nächsten Tier auf. Bestimmte Kühe sind häufig am sozialen Lecken beteiligt oder liegen sehr nahe bei anderen Tieren, während andere dies nicht tun. Das Verlangen, Liege- und Grasepaare zu bilden, scheint geschlechtsunabhängig zu sein (Reinhardt et al., 1978). Zwischen diesen beiden Funktionskreisen besteht keine gleichgerichtete Beziehung. Es gibt deshalb auch keinen Hinweis darauf, daß es allgemein kontaktfreudige und kontaktarme Rinder gibt (Sambraus, 1976). Während der Beobachtungen von Kiley- Worthington und de la Plaine (1983) zeigten die Kühe keinen signifikanten Unterschied in dem Anteil, in dem sie mit anderen Kühen oder Kälbern kommunizierten.

Die Bevorzugung bestimmter Sozialpartner für einzelne Verhaltensweisen wertet Reinhardt (1980) als ein strukturierendes Element. In der von ihm beobachteten Zebu- Herde konnten solche Beziehungen fünf und mehr Jahre andauern und dadurch zum Zusammenhalt der Herde über längere Zeit führen. Er erkannte, daß zwischen den Kühen eine strenge Rangordnung herrschte, die durch ranganzeigende Verhaltensweisen aufrecht


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erhalten wurde. Einmal etablierte Rangbeziehungen blieben mit wenigen Ausnahmen über den gesamten zweijährigen Beobachtungszeitraum konstant. Ranghohe Kühe waren nicht aggressiver gegen ihre untergeordneten Partnerinnen als rangtiefe. Zwischen Rangnachbarn aber herrschte eine erhöhte Aggressivität.

2.3. Verfahrens- und haltungsbedingte Beeinflussung des Sozialverhaltens

2.3.1. Aufzuchtverfahren

Die soziale Umwelt erweist sich als ein Hauptfaktor für Tiere, die im Herdenverband leben. Soziale Kontakte während der ersten Lebensmonate beeinflussen nicht nur zukünftige soziale Kontakte, sondern ebenso auch andere Verhaltensweisen. Aus Experimenten ging die Erkenntnis hervor, daß die Anwesenheit der Mutter die Kälber allgemein stark aktiviert (Le Neindre et al., 1992).

Die Mutterkuhhaltung kommt als Aufzuchtverfahren mit Mutterkontakt der natürlichen Aufzucht sehr nahe und gilt deshalb als artgemäßes Haltungsverfahren. Sie bietet den Jungtieren die benötigte heterogene Altersstruktur und gibt ihnen somit die Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln und dadurch zu lernen. Die Kälberaufzucht durch die Mutter begünstigt demnach die normale Verhaltensentwicklung des Kalbes. Im Vergleich dazu bestehen in der Milchkuhhaltung Defizite in der Ontogenese des Sozialverhaltens des Kalbes, die durch die schnelle Trennung von Mutter und Kalb hervorgerufen werden.

Die Auffassungen hinsichtlich der Verweildauer des Kalbes bei der Mutter gehen weit auseinander. Aus ethologischer Sicht ist es kaum möglich, eine Minimalforderung bezüglich der Verweildauer des Kalbes bei der Mutter festzulegen, da die Unterbindung des Mutter- Kind- Verhaltens durch eine Trennung grundsätzlich nicht zu befürworten ist. Auch der angeblich durch eine spätere Trennung verursachte Streß ist kein Argument für eine Trennung sofort nach der Geburt (Voigt, 1995).

Nach Veissier et al. (1989) ist es hingegen schonender, Tiere sofort nach der Geburt wegzunehmen, als erst nach ein paar Tagen. Ihren Auffassungen nach ist ansonsten bereits eine Mutter-Kind-Beziehung aufgebaut, die bei Separation unnötigen Streß bereitet. Metz und Metz (1985) empfehlen, das Kalb mindestens einen Tag bei der Mutter zu halten. Hörning et al. (1992) schlagen vor, das Kalb wenigstens noch von der Mutter ablecken zu lassen. Es ist allgemein bekannt, daß Kälber, die einige Tage an der Kuh saugen können, weniger Krankheitsprobleme haben und besser zunehmen als Kälber, die direkt nach der


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Geburt von der Mutter entfernt werden. Bartussek (1988) sowie Schleitzer und Elstner (1994) empfehlen aus ethologischer Sicht, Kuh und Kalb für fünf oder sieben Tage in der Abkalbebucht zusammenbleiben zu lassen da dies ihrer Auffassung nach der Dauer der natürlichen Isolationsphase entspricht. Lidfors (1996) untersuchte die Verhaltensreaktionen der Trennung des Kalbes von der Mutter unmittelbar nach der Geburt oder nach vier Tagen. Sie schlußfolgerte, daß sowohl die Mutter als auch das Kalb zu höherer Aktivität stimuliert werden, wenn sie erst nach vier Tagen getrennt werden.

Nach Metz und Metz (1985) hatten Kälber, die bei der Mutter gehalten wurden, gesundheitliche Vorteile gegenüber isoliert gehaltenen Kälbern. Sie bekamen weniger ernsthafte Diarrhöe. Ebenfalls berichteten die Autoren von einem schnelleren Wachstum der Saugkälber.

Die Mutter ist für das Jungtier ein wichtiges Merkmal in der Umwelt. Ihr Fehlen führt zu wechselnden sozialen Kontakten zwischen Gleichaltrigen. Mutterlos gehaltene Schafe und Rinder können veränderte Fluchtreaktionen haben, was als Lernverhalten interpretiert werden kann (Le Neindre et al., 1992).

Um den Streß des Absetzens der Kälber von der Mutter zu mildern und das Wohlbefinden der Kälber zu fördern, sind stark positive Beziehungen zwischen den Kälbern und dem Pfleger von Vorteil (Le Neindre et al., 1992).

Aufzuchtverfahren ohne Mutterkontakt spielen vorwiegend in der Milchproduktion eine Rolle. In der Fleischproduktion wird vorwiegend auf die Mutter- bzw. Ammenkuhhaltung zurückgegriffen.

Scheurmann (1974b) betont die Neigung in den mutterlos gehaltenen Kälbergruppen, andere Kälber zu lecken.

Übereinstimmend wurde in einer Vielzahl von Untersuchungen der negative Einfluß der Abwesenheit der Mutter auf die Aktivität der Kälber nachgewiesen (Metz und Metz, 1985; Lidfors, 1996).

Ein wesentliches Problem bei Aufzuchtverfahren ohne Mutterkontakt ist die Tränkeversorgung der Kälber. Der natürliche Saugtrieb kann bei den meisten Tränkeverfahren nicht ausreichend befriedigt werden. Wenn die Tränke, wie es bei der Verabreichung aus Eimern zu beobachten ist, innerhalb von eineinhalb Minuten mit 150 Saugtakten aufgenommen wird, ergibt sich gegenüber einem zehnminütigen Saugvorgang am Euter der Mutter


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mit 1500 Saugtakten ein Defizit von achteinhalb Minuten und 1350 Saugtakten (Scheurmann, 1974b). Der noch nicht abgeklungene Saugdrang wird an Ersatzobjekten, wie z.B. Körperteilen anderer Kälber oder Teilen der Stalleinrichtung abreagiert. Diese Verhaltensstörung wird bei jeder Tränkeaufnahme neu ausgelöst und ungefähr so lange ausgeführt, wie der natürliche Saugvorgang dauern würde (Lidfors, 1994).

Webster et al. (1985) favorisierten nach Vergleichen verschiedener Haltungssysteme die Gruppenhaltung von Kälbern noch immer als das Haltungssystem, welches bezüglich der genannten Verhaltensweisen und dem Ablauf der Verhaltensentwicklung der Mutterkuhhaltung am nächsten kommt. Wesentliche Faktoren wie Gesundheit, Verletzungsgefahr, Sauberkeit und Komfort, sollten bei der Wahl des Systems unbedingt berücksichtigt werden.

Bei Aufzucht an Ammenkühen können Kälber auf natürlichem Wege Milch aufnehmen. Der Aufbau einer Mutter- Kind- Beziehung kann trotzdem nur mit hohem Aufwand erreicht werden, ist aber für die Verhaltensgerechtheit von Kälberaufzuchtverfahren sehr wichtig. Gelingt diese Adoption nicht, so hat das zur Folge, daß die Milchaufnahme für die nur geduldeten Kälber mit erhöhtem Streß verbunden ist (geduldete Kälber saugen nie in verkehrtparalleler Stellung). Soziale Verhaltensweisen zwischen der Amme und den Zusetzkälbern sind dann kaum zu beobachten. Wenigstens die Milchaufnahme durch natürliches Saugen kann so ermöglicht werden und ist gegenüber der Eimertränke aufgrund der natürlichen Saughäufigkeit und Saugdauer zu bevorzugen (Voigt, 1995).

Le Neindre und Sourd (1984) untersuchten den Einfluß der Haltungsbedingungen in den ersten Lebensmonaten auf Beziehungen im Erwachsenenalter. Sie stellten fest, daß Fleischrinder durch die Haltungsbedingungen in ihrem Verhalten mehr beeinflußt wurden als Milchrinder. Weiterhin beobachteten sie, daß isoliert aufgezogene Salers- Kühe durch Kühe gleicher Rasse, die bei der Mutter aufgewachsen sind, dominiert wurden. Bei gleichbehandelten Friesian- Gruppen gab es keine Unterschiede.

Bei der Mutter gehaltene Friesian und Salers reagierten auf die gleichen Haltungsbedingungen verschieden. Die Salers reagierten mehr auf das Absetzen als die Friesian. Ihr Verhalten war stärker negativ beeinflußt und sie nahmen weniger zu. Die Anpassung hängt daher auch von der Rasse ab (Veissier et al., 1989).

Der Effekt der Dominanz von Salers- Saugkälbern über Salers- Tränkkälber kann aber auch von physischen Differenzen (Körpergewicht und Widerristhöhe) abhängen, die auf Schwierigkeiten isoliert gehaltener Salers zurückzuführen sind. Bei Friesian- Färsen hatten die


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Haltungsbedingungen keinen Einfluß (Le Neindre und Sourd, 1984). Le Neindre (1989) und Le Neindre et al. (1992) schlußfolgerten, daß der Mutter- Kind- Kontakt bei Salers wichtiger zu sein scheint als bei Friesian und erkannten die Bedeutung des Unterschieds zwischen Kälbern unterschiedlicher Rassen aus dem Blickwinkel des Wohlbefindens. Bemuttert zu werden, ist für Salers, wichtiger als es für die Friesian ist. Friesian- Kühe sind zwar in der Lage ihre eigenen Kälber aufzuziehen, aber nicht in der Lage, fremden Kälbern das Saugen zu verwehren. Das geringere soziale Engagement der Friesian- Kühe ist ein charakterisierendes Merkmal für Milchkühe. Geringere Ablehnung fremder Kälber ist vielleicht mit leichtem Melken verbunden. Die Melkfähigkeit der Friesian ist höher als die der Salers- Kühe.

Während der ersten Lebenswochen zeigen Kälber, die bei ihren Müttern gehalten wurden, mehr soziale Kontakte mit der Mutter als mit anderen Kälbern und deren Müttern (Le Neindre, 1984). Aus diesem Grunde ist die Mutter ein entscheidender Faktor in der Entwicklung des sozialen Verhaltens und spielt eine Rolle, die andere Kälber nicht ausfüllen können.

Kerr und Wood- Gush (1987) stellten bei Kälbern aus Mutterkuhhaltung und mutterlos aufgezogenen Tieren eine ähnliche Entwicklung ihres Verhaltens fest. Extensiv aufgezogene Kälber waren häufig in soziale Interaktionen mit ihren Müttern involviert, während sich in Einzelboxen gehaltene Kälber auf ihre Boxennachbarn beschränken mußten. Auch Sambraus und Steinel (1978) beobachteten zwischen gleichaltrigen Kälbern nur sehr wenig Auseinandersetzungen. Die Kälber hatten den weitaus häufigsten Kontakt mit der Mutter. Zu beachten ist hierbei, daß die zur Verfügung stehende Fläche bei der Mutterkuhhaltung am größten war und sich die Kälber nicht so oft begegnen konnten.

2.3.2. Sozialverhaltensstörungen in der Aufzucht

Eine Klassifizierung von Verhaltensstörungen als Indikatoren für nicht artgerechte Haltungsbedingungen muß die frühontogenetische Verhaltensentwicklung berücksichtigen. Wenn ein Tier in einer restriktiven Haltungsumgebung Verhaltensweisen stabilisiert, die andere Tiere dieser Art in nicht restriktiven Umwelten nicht zeigen, so ist die Frage nach der Entwicklung dieser Verhaltensstörungen unabdingbar (Schmitz, 1992).

Beurteilt wird die Haltung am Zustand eines Tieres im Vergleich zu anderen, von denen angenommen werden darf, daß ihnen das Angebot ermöglicht ist, sich ihren Anlagen gemäß zu entwickeln und zu leben. Der Schluß wird um so verlässlicher, je mehr Überein-


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stimmungen zwischen den Vergleichstieren bestehen. Auf nicht artgemäße Haltung wird geschlossen, wenn es Abweichungen von normalen Verhaltensabläufen gibt (Tschanz, 1985).

Die Möglichkeit der Anpassung der Verhaltensweisen an die vorhandenen Umweltbedingungen versetzt das Individuum in die Lage, das Verhalten entsprechend der Beschaffenheit des Angebots zu modifizieren. Das geschieht auch dann, wenn das Angebot ungeeignet ist, Bedarfsdeckung zu erreichen oder das Auftreten von Schäden zu vermeiden. Langfristig führt mangelnde Bedarfsdeckung auch zu Schäden.

Wenn bekannt ist, welche Verhaltensmodifikationen sich als untauglich zur Bedarfsdeckung und Schadensvermeidung erwiesen haben, können sie als Indikatoren für die Schadensträchtigkeit verwendet werden . Das ermöglicht, Maßnahmen zu ergreifen, bevor der Schaden aufgetreten ist. Auch Symptome für Angst und Leiden können zu Indikatoren werden, wenn der Zusammenhang mit dem Auftreten von Schäden bekannt ist (Tschanz, 1985).

Eine sehr verbreitete Verhaltensstörung ist das gegenseitige Besaugen von Kälbern. Bei automatengefütterten Kälbern tritt diese Störung am häufigsten auf. Ein unbefriedigtes Verlangen nach Saugaktivität könnte für dieses Verhalten verantwortlich sein (Mees und Metz, 1984). Werden Kälber aber bei ihren Müttern gehalten, tritt dieses Problem nicht auf (Reinhardt, 1980).

Am meisten traten Besaugvorgänge auf, wenn die Kälber nach der Tränkeaufnahme nicht fixiert wurden (Sambraus, 1984).

Zusammenfassend deuteten die Beobachtungen von Aurich und Weber (1994) darauf hin, daß das Saugbedürfnis der KäIber bei künstlicher Aufzucht durch alleinige Beschäftigung mit dem Nuckel nicht befriedigt wird.

Zur Verhinderung von Verhaltensstörungen im Zusammenhang mit der Milchaufnahme müssen noch andere Reize vorhanden sein. Der Tränkeautomat könnte kuhähnlicher und reizvoller gestaltet werden, indem beispielsweise über dem Nuckel eine weiche Begrenzung angebracht wird, die den Charakter des Kuhbauches imitiert (Aurich und Weber, 1994).

Bei mutterlos aufgezogenen Kälbern kann gegenseitiges Besaugen und das Belecken der Buchteneinrichtung zu Krankheiten sowie verminderter Leistung führen. Das gegenseitige Besaugen ist besonders schädlich, weil das besaugte Skrotum, die Ohren und das Präpu-


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tium verletzt werden und es im weiteren Verlauf zu Infektionen und Entzündungen an den besaugten Körperteilen kommen kann (Graf et al. 1989).

Das Lecken an Ausrüstungsgegenständen sowie das gegenseitige Besaugen können durch ausreichenden Saugwiderstand am Tränkautomaten und entsprechende Bewegungsmöglichkeiten verringert, aber nicht ausgeschlossen werden (Franz et al., 1993).

Der Saugdrang ist ungefähr zehn Minuten aktiviert, unabhängig von der Dauer der vorausgegangenen Zeit ohne Tränkung durch entsprechende Auslöser (Milchaustauscher). Danach klingt er weitgehend ab, hält also ungefähr so lange an, wie bei von der Kuh aufgezogenen Kälbern (Sambraus, 1984).

In der Gruppenhaltung besaugen die KäIber weitaus häufiger die Körperteile von Buchtgenossen als die Einrichtung, da sie eher der Form und Oberflächenbeschaffenheit der natürlichen Milchquelle entsprechen (Graf et al., 1989). Die Kälber wenden sich bevorzugt an die Körperregion, die die neugeborenen Kälber naturgemäß an der Kuh aufsuchen und wo diese schließlich auch ihren Hunger stillen können (Sambraus, 1984).

Die Einhaltung der Individualdistanz ist ein weiterer wichtiger Bestandteil des Verhaltensinventars sozial lebender Arten. Sie ist das Ergebnis agonistischer Treffen zwischen den Individuen und wird erlernt bzw. erkämpft. Die Individualdistanz ist proportional zur Häufigkeit und Intensität solcher Kontakte. Ein bedeutender Bezug zur Individualdistanz und zur sozialen Organisation der Tierhaltung ist der Effekt von Zusammendrängen und Gefangenschaft nach Beunruhigungen. Tierhalter berichten über negative Auswirkungen durch das Zusammendrängen der Tiere, die sich durch sinkende Produktivität der Tiere darstellten (Squires, 1975).

Der soziale Streß wird immer häufiger beim Zusammendrängen gezeigt. Man kann eindeutig sehen, wie die Tiere ständig auf die Einhaltung ihrer Individualsubstanz achten, auch wenn es nur selten zu Auseinandersetzungen kommt.

Dominante Tiere besitzen ihren sozialen Status und bewegen sich mit wenigen Einschränkungen frei. Rangniedere Tiere dagegen beachten die Individualdistanzen der anderen Tiere sehr genau, denn sie müssen es vermeiden, in den individuellen Bereich des dominanten Nachbarn einzudringen (Mc Bride et al., 1963).


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Bei frei gehaltenen Gruppen ist ein Leben an der Gruppenperipherie möglich. In zusammengedrängten Gruppen ist jedoch dieses Verhalten nicht möglich und die rangniederen Tiere zeigen ständig Alarmreaktionen (Squires, 1975).

Die frühe Ausbildung einer Rangfolge bei gruppengehaltenen Kälbern (ohne Mütter) nach vier bis sechs Monaten (Steinel, 1977) deutet darauf hin, daß sich die Kälber bereits in diesem Alter gegenüber Gruppenmitgliedern behaupten müssen, um an entsprechende Ressourcen zu kommen. Sie kann zu erhöhtem Streß führen. Nach Schloeth (1961) etablierte sich die Rangordnung zwischen den Kälbern erst etwa im Alter von 12 Monaten. Die Tiere verhielten sich diesbezüglich wie Erwachsene. Alter, Körpergröße, Geschlecht und persönliche Eigenart spielten eine Rolle bei der Erstellung der Hierarchie. Die üblichsten ranganzeigenden Verhaltensweisen waren aktives Verjagen und reaktives Ausweichen. Koch (1968) stellte weder bei Charolais- Kälbern, noch bei Maine- Anjou- Kälbern die Erstellung einer Rangfolge fest.

2.4. Aufzucht im landwirtschaftlichen Betrieb

2.4.1. Gesetzliche Rahmenbedingungen

Seit 01.01.1993 ist die "Verordnung zum Schutz von Kälbern bei Stallhaltung (Kälberhaltungsverordnung) vom 01. Dezember 1992" in der Bundesrepublik Deutschland rechtswirksam. Sie dient der Umsetzung der "Richtlinie des Rates der Europäischen Gemeinschaft vom 19.01.1991 über Mindestanforderungen für den Schutz von Kälbern" (91/629/EWG) in nationales Recht. Mit der Formulierung der Verordnung hat der Gesetzgeber nicht nur dem geltenden Tierschutzrecht, sondern auch neueren Erkenntnissen der Verhaltensforschung Rechnung getragen (Hoy, 1993).

Die Verordnung gilt für das Halten von Rindern bis zu einem Alter von sechs Monaten (Kälber) in Ställen. Die ganzjährige oder weitestgehende Freilandhaltung bestimmter Rinderrassen (z.B. Schottische Hochlandrinder, Galloways, Salers) wird damit nicht reglementiert. Um auf besondere Anforderungen für das Halten von Kälbern eingehen zu können, hat der Gesetzgeber die Kälber in verschiedene Altersstufen unterteilt. In diesen Anforderungen sind die Mindestflächen pro Tier angegeben. Weiterhin sind die Bestimmungen bezüglich Einzel- bzw. Gruppenhaltung der Kälber verfügt (Hoy, 1993).


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Die besonderen Anforderungen für das Halten von Kälbern hat der Gesetzgeber unterteilt für Kälber im Alter von

Werden Kälber in einem Alter von zwei bis zu acht Wochen in Gruppen gehalten, muß für jedes Kalb eine Buchtenfläche von mindestens 1,3 m2 vorgesehen werden. Bei kleinen Kälbergruppen (weniger als drei Tiere) darf eine Mindestbuchtenfläche von 4 m2 nicht unterschritten werden.

Kälber im Alter von über acht Wochen dürfen nur in Gruppen gehaIten werden. Ausnahmen werden nach der Kälberhaltungsverordnung nur für Quarantäneställe und für Betriebe zugelassen, die nicht mehr als fünf annähernd gleichaltrige Kälber gleichzeitig halten (Hoy, 1993).

In der Kälberhaltungsverordnung werden auch die Anforderungen der Tiere bezüglich Beleuchtung und Stallklima präzisiert. Die entsprechenden Festlegungen resultieren aus wissenschaftlichen Untersuchungen, die eine günstige Wirkung von Lichtregimen mit langem Lichttag und hoher Intensität auf Körpermassezuwachs und Gesundheitsstatus der Kälber nachwiesen (Hoy, 1993).

Bezüglich der Fütterung wurden Festlegungen getroffen, die den Eisengehalt der Futterration oder auch das Anbieten von Rauhfutter ab einem bestimmten Alter regeln, um Verdauungsstörungen bei Kälbern infolge des Besaugens zu vermeiden. Mit der Kälberhaltungsverordnung sollen für Kälberhalter, Behörden, Berater, Stallbaufirmen und Bauschaffende die Planung sowie der Neu- und Umbau von Kälberställen, die Beurteilung von Bauplänen, die Herstellung einzelner Stalleinrichtungen wie der Betrieb und die Beurteilung von bestehenden Kälberhaltungen unter dem Aspekt einer verhaltensgerechten und artgemäßen Haltung erleichtert werden und Grundanforderungen der Tiere an ihre UmweIt rechtsverbindlich festgeschrieben werden (Hoy, 1993).

2.4.2. Haltungssysteme und Aufzuchtmethoden

Ungeachtet aller gesetzlich festgelegten Mindestanforderungen übt die Tierhaltung erhebliche Zwänge auf die Tiere aus und schränkt ihren Lebensraum stark ein. Dies wirkt sich besonders auf deren soziale Umwelt aus (Le Neindre et al., 1992). Nach Broom (1993) verhindern restriktive Haltungsbedingungen, daß die Tiere ihr gesamtes Sozialverhaltens


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repertoire zeigen. Gleichzeitig limitieren sie die Lernmöglichkeiten der Tiere, infolge dessen das künftige Sexual- und Sozialverhalten unter Umständen negativ beeinflußt wird. Die art- und altersgerechte Zusammenstellung von Gruppen ist somit ein sehr wichtiger Vorgang für das Management der sozial lebenden Haustiere. Das Verstehen der Verhaltensontogenese bei Haustieren kann den landwirtschaftlichen Unternehmen so den Umgang mit den Tieren merklich erleichtern und ihr Wohlbefinden sichern (Kilgour, 1976).

Aus der Sicht biologischer Grundlagenforschung ist es sinnvoll, bei der Normfindung vom Wildtier auszugehen. Bei Individuen einer Wildtierpopulation, die sich in der Auseinandersetzung mit der Umgebung behaupten müssen, kann man davon ausgehen, daß sie in der Lage sind, die vorhandenen Umweltbedingungen angemessen und schadensfrei zu nutzen. Die Indikatoren erlauben Halter und Vollzugsbehörden am Verhalten des Einzeltieres festzustellen, inwieweit ein Haltungssystem den Anforderungen des Tierschutzgesetzes entspricht. Zudem ermöglichen Indikatoren, neue Haltungsformen hervorzubringen.

Gemeinsam mit dem Tier können so Systeme entwickelt werden, die dem Anliegen des Halters nach Produktivität als auch der Forderung des Gesetzes nach angemessener Nahrung, Pflege und Unterbringung des Tieres gerecht werden können (Tschanz, 1985).

Die Auswahl der Aufzuchtmethoden richtet sich nach dem angestrebten Aufzuchtsziel. Werden Kälber für die Nachzucht in einem Milchproduktionsbetrieb aufgezogen, dann erfolgt entweder unmittelbar nach der Geburt oder nach wenigen Tagen die Trennung von der Mutter. Entsprechend der gesetzlichen Bestimmungen werden sie entweder in Einzelbuchten oder Gruppenbuchten aufgestallt. In Milchproduktionsbetrieben ist die Trennung des Kalbes von der Mutter gebräuchlich. In ihren Untersuchungen verglich Voigt (1995) verschiedene Aufzuchtverfahren der Milchviehhaltung, die einer artgemäßen Aufzucht sehr ähnlich sind. Zusammenfassend erkannte sie, daß nur die Aufzucht mit Mutterkontakt und die Aufzucht in der Milchviehherde praktikable Verfahren zur verhaltensgerechten Kälberaufzucht darstellen. Eine gemeinsame und artgemäße Haltung von Mutter und Kalb ist somit möglich.

Sie stellte folgende Aufzuchtverfahren gegenüber, die in Milchbetrieben realisiert wurden:

Bei der Aufzucht in der Milchviehherde werden die zur Bestandsergänzung vorgesehenen Kälber auch über das Absetzen hinaus ununterbrochen Kontakt zum Muttertier haben, um


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wie in der natürlichen Herde die Herausbildung einer Mutter- Familiengruppe zu erreichen. Sie ermöglicht alle Elemente des Mutter- Kind- Verhaltens. Um Trennungsstreß zu vermeiden, müßten jedoch Haltungsverfahren mit ununterbrochenem Aufwachsen der Nachzuchttiere in der Herde oder zumindest ständiger Kontaktmöglichkeit zwischen Mutter und Kalb entwickelt werden.

Dem Belecken des Kalbes durch die Mutter kommt besondere Bedeutung für die Entstehung, Verstärkung und Fortdauer der Mutter- Kind- Beziehung zu. Deshalb sollte zumindest die Möglichkeit bestehen, daß Kuh und Kalb sich über eine Absperrung hinweg beriechen und belecken können.

Die Aufzucht von Kälbern in Gruppenhaltung mit Mutterkontakt ermöglicht das soziale Lecken zwischen Mutter und Kalb und trägt so zum Erhalt der Mutter- Kind- Beziehung bei. Durch die Integration einer Kälbergruppenbucht in den Milchviehlaufstall wird erreicht, daß Kuh und Kalb über die Abtrennung hinweg Kontakt zueinander aufnehmen können. Bisherige Praxiserfahrungen lassen annehmen, daß der Trennungsschmerz durch dieses Verfahren gemindert wird. Die Eingliederung der Nachzucht in die Herde wird dadurch erleichtert. Der Saugtrieb der Kälber wird durch artgemäße, künstliche Tränkeverfahren befriedigt, wie bei der Aufzucht an Ammenkühen. So ist die Aufzucht mit Mutterkontakt insgesamt verhaltensgerechter.

In der Mutter- bzw. Ammenkuhhaltung werden die Kälber zusammen mit ihren Müttern oder Pflegemüttern bis zum Alter von sechs bis neun Monaten auf der Weide gehalten und können so neben den Kontakten zu ihren Müttern vielfältige Beziehungen mit anderen jungen und erwachsenen Rindern aufbauen. Das Verfahren ist weiter verbreitet. Das Säugen mehrerer Kälber durch eine Amme erscheint als verhaltensgerechte Aufzuchtvariante. Meist wird angenommen, daß die Amme auch gegenüber zugesetzten Kälbern Mutter- Kind- Verhalten zeigt. Dies ist aber nur der Fall, wenn eine Adoption stattgefunden hat. Unter Praxisbedingungen wird aber oft nur eine Duldung der Zusetzkälber erreicht. Das "Fremdsaugen" bedeutet für diese Kälber aber einen ständigen Streßfaktor. So kann die Aufzucht an Ammenkühen nur als eingeschränkt verhaltensgerecht eingestuft werden, weil sie den nur geduldeten Kälbern lediglich die Milchaufnahme auf natürlichem Weg ermöglicht. Sie stellt jedoch einen guten Kompromiß gegenüber der Eimertränke dar und ist daher zu bevorzugen.

Obwohl die oben genannten Haltungsverfahren Alternativen bieten, sind die Verbesserungen in den Haltungsbedingungen vor allem technisch ausgerichtet. So erklärt Schlichting (1993), daß bei Aufzuchtkälbern das Schwergewicht seit vielen Jahren in der Verbesserung der Haltungsbedingungen für die Gruppenhaltung einerseits und der Verbesserung von


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Managementhilfen andererseits liegt. Die Verbesserungsansätze bezogen sich stets auf die Tränkautomaten. Managementhilfen sind insofern von Bedeutung, als die in der Gruppenhaltung an sich etwas ungünstigere Kontrolle des Einzeltieres durch technische Hilfsmittel wieder realisiert werden muß. Die konventionelle Aufzucht von Kälbern in Milchviehbetrieben wird auch weiterhin nicht in großem Umfang zu ersetzen sein. So sind Verbesserungen innerhalb dieses Aufzuchtsystems unumgänglich

Platen und Krocker (1995) sehen in der Entwicklung der modernen, rechnergestützten Tränkeautomaten die Möglichkeit, eine kostenreduzierte, ökonomische Kälberaufzucht mit ethologischen Aspekten zu vereinen. Die Gesundheit und Vitalität ist, vor allem in größeren Beständen, durch diese Tränkesysteme effektiv zu erreichen.

Verhaltensreaktionen

Auch die Reaktionen der Tiere müssen erkennbar sein. In Bezug auf das Haltungssystem gibt es zwei Kriterien:

Sambraus (1985) geht davon aus, daß ein Tier leidet, wenn es verhaltensgestört ist oder eine Technopathie hat. Die Haltung ist nicht artgerecht und Verhaltensstörungen treten in dem Funktionskreis auf, in dem der Mangel besteht. Für die Klassifizierung von Verhaltensstörungen müssen die Mechanismen und Besonderheiten frühontogenetischer Verhaltensentwicklung berücksichtigt werden. Wenn ein Tier in einer restriktiven Haltungsumgebung Verhaltensweisen stabilisiert, die andere Tiere dieser Art gar nicht zeigen, so ist die Frage nach der Genese dieser Verhaltensstörungen unabdingbar (Schmitz, 1992).

Bei den unterschiedlichen Haltungsmethoden von Kälbern sind immer einzelne Verhaltensweisen der Tiere nicht oder nur eingeschränkt möglich. So führen alle Anbinde- und Einzelhaltungen zu einer dauernden Einschränkung der Bewegungsfähigkeit vom Ort, zur weitgehenden Verhinderung des Spielens und von Komforthandlungen sowie zu veränderten Bewegungsabläufen beim Abliegen, Aufstehen und Liegen (Scheurmann, 1974b)

Da es trotz aller haltungsbedingten Anpassungsprobleme im Gruppenlaufstall überraschend ruhig zugeht und hohe Leistungskennziffern erreicht werden, vertritt der Tierproduzent in der Regel die Meinung, daß die gewährten Haltungsbedingungen den sozialen Umweltansprüchen der Rinder im großen und ganzen gerecht werden (Lundberg, 1992a).


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