Schleyer, Thomas: Untersuchungen zum Einfluß des Kälberaufzuchtverfahrens auf die Ontogenese des Sozialverhaltens heranwachsender Rinder

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Kapitel 3. Versuchsanstellung und Methoden

Die Verhaltensbeobachtungen erfolgten in der Landschaftspflege GmbH Lenzen, im Naturpark ”Brandenburgische Elbtalaue“. Der Betrieb bewirtschaftet eine Fläche von 1357 ha Dauergrünland und 5 ha Ackerland. In diesem Betrieb werden 1589 Rinder (davon 774 Mutterkühe) und 3005 Schafe (davon 1215 Mutterschafe) gehalten.

3.1. Aufzuchtformen

Zur Bestimmung des Einflusses der Aufzuchtform auf die Ontogenese des Sozialverhaltens wurden zwei Aufzuchtvarianten gewählt, die sich vor allem in ihrer sozialen Strukturierung unterscheiden:

3.1.1. Gruppenaufzucht mit Mutterkontakt

Die Saugkälber wurden mit ihren Müttern sowie nach dem Absetzen ganzjährig auf der Weide gehalten. Im Winter wurden Silage und Heu zugefüttert. Nach sieben bis acht Monaten wurden die Kälber abgesetzt und ab 15. Monat wurden die Jungrinder gedeckt. Nach dem Absetzen wurden sie einen Monat lang in einem Stall mit Weideauslauf gehalten.

3.1.2. Gruppenaufzucht ohne Mutterkontakt

Die Tränkkälber wurden nach viertägiger Kolostralmilchperiode von der Mutter abgesetzt und als reine Kälbergruppe an einem Tränkautomaten ”Stand alone“ der Firma ”Westfalia“ mit Tiererkennung, Tränkprogramm und Milchaustauscher bis zur zwölften Lebenswoche aufgezogen. Bei Durchfallerkrankungen bekamen die Kälber Diättränke und der Zugang zur Tränke wurde ihnen durch das Abnehmen des Halsbandes verwehrt. Bei Lungenentzündung erhielten sie zusätzlich zur Milchversorgung Medikamente in aufgelöster Form verabreicht.


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Von Beginn der Untersuchungen an wurden Heu ad libitum und Kälberaufzuchtfutter angeboten. Während der ersten zehn Lebensmonate wurden die Tränkkälber in einem Offenfrontstall mit Weideauslauf gehalten, danach ganzjährig in Weidehaltung mit winterlicher Zufütterung von Silage und Heu. Die Zulassung zum Decken erfolgte ab 16. Lebensmonat.

3.2. Tierbestand

Die Untersuchungen fanden von Mai 1994 bis Oktober 1996 statt und umfassen den 1.- 28. Lebensmonat der Tiere. Sie schließen die Aufzucht der Nachkommen dieser Tiere in den ersten vier Lebensmonaten ein. Als Versuchstiere wurden einheitlich Tiere der Rassenkreuzung Schwarzbuntes Milchrind (SMR) X Salers verwendet. Die Saugkälbergruppe bestand aus elf Tieren und die Tränkkälbergruppe aus zehn Tieren. Die Mütter (SMR) wurden als Milchkühe selektiert und daraufhin für die Mutterkuhhaltung verwendet.

Beide Gruppen wurden von Untersuchungsbeginn bis Untersuchungsende getrennt voneinander gehalten.

3.3. Datenerfassung und Meßmethodik

3.3.1. Verhaltensentwicklung

Zur Datenerhebung wurden die Tiere kontinuierlich visuell beobachtet. Folgende Funktionskreise sind in Form eines Etho- Chronogramms tierindividuell handschriftlich protokolliert worden: Sozialverhalten, Nahrungsaufnahmeverhalten, Ruheverhalten. In dem Etho- Chronogramm wurden alle sozialen Interaktionen der Beobachtungstiere untereinander, zu ihren Müttern und zu den Nachkommen erfaßt.

Die Beobachtungen wurden über den vollständigen Lichttag durch eine gestaffelte Beobachtung (”Tortenstückmethode“) nach Koch (1968) realisiert. Sie fanden in einem zeitlichen Abstand von vier bis fünf Wochen statt und dauerten pro Beobachtungsmonat und Versuchsgruppe jeweils vier Tage an.

3.3.2. Lebendmasseentwicklung und Tiergesundheit

Nach jedem Beobachtungsabschnitt wurden die Tiere mit einer mechanischen Waage (Genauigkeitsbereich ± 1kg) gewogen. Die veterinärmedizinische Betreuung und Überwachung erfolgte durch die Tierärztin der Landschaftspflege GmbH. Sie führte die Routinebetreuung der Tiere und die Impfungen des gesamten Tierbestandes durch. Die Dokumentation der veterinärmedizinischen Betreuung erfolgte durch die Landschaftspflege GmbH.


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3.3.3. Witterung

Die Klimadaten wurden durch eine elektronisch gesteuerte Klimastation in etwa ein Kilometer Entfernung vom Beobachtungsort gemessen. Die Datenerfassung erfolgte im Minutenabstand. Aus den Einzelwerten wurden Stundenmittel gebildet, sowie Minimal- und Maximalwerte der Stunden ausgegeben.

Folgende Klimadaten wurden erfaßt:

Die Messung der Niederschlagsmenge erfolgte täglich mittels eines Meßbehälters in der Nähe der Klimastation.

3.4. Biostatistische Datenverarbeitung

Die handschriftlichen Protokolle wurden in eine Datenmaske eingegeben, die mit der Standardsoftware Excel 5.0 erstellt wurde. Nach der Eingabe wurden die Daten aggregiert, sowie mit Hilfe des Statistical- Pocket for Social Science for Windows 6.01 (SPSS for Windows 6.01) rechentechnisch ausgewertet.

Als statistische Testverfahren dienten die einfaktorielle Varianzanalyse, der t- Test und die mehrfaktorielle Varianzanalyse.

Die einfaktorielle Varianzanalyse diente der Überprüfung der Signifikanz des Unterschiedes von Mittelwertdifferenzen. Sie zeigt, ob mindestens ein Unterschied zwischen multiplen Vergleichsgruppen signifikant ausfällt, allerdings ermöglicht sie keine Aussage darüber, um welchen Unterschied es sich handelt. Als Signifikanztest wird dabei der F-Test angewendet. Die einfaktorielle Varianzanalyse dient der Ermittlung des von einer oder mehreren unabhängigen Variablen erklärten Anteils der Gesamtvarianz.

Durch den Levene`s Test wurde die Homogenität der Varianzen überprüft. Erwiesen sie sich als nicht homogen, wurde der t- Test für Mittelwertvergleiche angewendet.


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Bei der mehrfaktoriellen Varianzanalyse erfolgt die Auswertung der Gruppeneffekte nach Haltung und Alter über eine Multiple Klassifikationsanalyse (MCA). In dieser Analyse werden die Faktoren hierarchisch bearbeitet. Die MCA wurde für die Auswertung der Gewichtsentwicklung angewendet, wobei erst das Alter und dann die Haltung ausgeschlossen wurden.

Die Berechnung der sozialen Rangfolge in den Versuchsgruppen erfolgte auf der Grundlage des d4- Wertes nach Lundberg (1992b). Er gibt die Anzahl der dominierten Rangauseinandersetzungen an der Gesamtzahl der Rangauseinandersetzungen wieder.

3.5. Begriffsbestimmung der aufgetretenen Sozialkontakte

Für die Analyse der Sozialkontakte wurden ausschließlich soziale Aktivitäten verwendet, die von den Beobachtungstieren selbst ausgegangen sind. Im einzelnen bezogen sich die Beobachtungen auf folgende Verhaltensweisen:

3.5.1. Sozialkontakte zu Gleichaltrigen

Soziales Lecken

Belecken des Partners an Kopf, Hals, Schulter, Flanke, wobei das beleckte Tier ruhig steht bzw. beim Belecken des Halses den Kopf nach oben reckt.

Beriechen

Beriechen des Partners an vielen möglichen Körperteilen

Kopf reiben an anderem Kalb

Kopf reiben am Körper des anderen Kalbes. Genutzt dafür werden alle Körperregionen.

Kopf auflegen auf anderes Kalb

Bevorzugt wird die hintere Körperhälfte.


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Gemeinsames Liegen

Wahl eines Liegepartners für das Liegen; Ruhen bzw. Wiederkauen. Der Abstand reicht vom Hautkontakt bis zu einem halben Meter.

Spielerisches Hornen

Hornen zweier Partner, bei denen spielerisch versucht wird, den Partner Kopf an Kopf vor sich her zu schieben. Es folgen meist mehrere Aktionen nacheinander.

Bewegungsspiele

Geschieht meist in der gesamten Gruppe. Ein oder mehrere Tiere rennen los und der Rest der Gruppe folgt den ersten Tieren.

Aufreiten

Aufspringen von hinten auf ein anderes Kalb, vorwiegend als spielerische Aktivität.

Sexualverhalten

Ab dem 12. Lebensmonat wurde das Aufreiten als Sexualverhalten gewertet.

Flehmen

Kontrolle des Harns eines fremden Tieres nach dem Harnabsetzen. Ablecken des Harns direkt nach dem Harnabsetzen bzw. Ablecken vom Boden.

Rangfolgeauseinandersetzungen

Als Rangauseinandersetzung wurde das Stoßen mit dem Kopf des ausführenden Kalbes in die Flanke des "gegnerischen" Kalbes gewertet.

Besaugen

Saugen an Ohr, Nabel- bzw. Euteransatz oder Fell eines fremden Kalbes.


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Affiliative Kontakte

Als affiliative Kontakte wurden alle sozialen Kontakte zusammengefaßt, die zwischen den Tieren sozial bindend wirken. Besaugen und Rangfolgeauseinandersetzungen wurden hier nicht hinzu gezählt.

3.5.2. Sozialkontakte zu eigenen und fremden Müttern

Saugen bei der eigenen Mutter

Als Saugakt wurde die Zeit gewertet, in der das Kalb Euterkontakt hatte. Das Kalb stand dabei in verkehrtparalleler Stellung bzw. seitlich. Ein Afterlecken des Kalbes durch die Mutter fand nur sehr selten statt.

Saugen bei fremden Müttern

Die fremdsaugenden Kälber standen dabei entweder neben dem eigenen Kalb in verkehrtparalleler Stellung, auf der anderen Seite der Kuh verkehrtparallel oder seitlich oder versuchten von hinten an das Euter der Kuh zu gelangen.

Soziales Lecken

Belecken der eigenen Mutter meist an Kopf und Hals, wobei sich die Mutter zum Kalb hinbeugt und so verbleibt.

Beriechen

Beriechen der eigenen Mutter durch das Kalb.

Kopf reiben an der Mutter

Kopf reiben am Körper der eigenen Mutter. Genutzt dafür werden alle Körperregionen. Meist erfolgt das Reiben des Kopfes jedoch im Hals-, Nacken-, Schulter- bzw. Flankenbereich. Teilweise kommt auch das Nacken- Unterhals- Reiben des Kalbes an der Mutter vor.


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Kopf auflegen auf die Mutter

Tritt vorwiegend auf, wenn die eigene Mutter liegt und das Kalb daneben steht. Bevorzugt wird dabei der hintere Rückenbereich.

Gemeinsames Liegen

Gemeinsames Liegen des Kalbes mit der eigenen Mutter, wobei Kalb und Mutter mit Körperkontakt nebeneinander liegen bzw. in einem Abstand bis zu einem halben Meter.

Gemeinsames Stehen

Stehen des Kalbes unmittelbar bei der Mutter in einem Abstand von bis zu drei Metern.

Spielerisches Hornen mit der Mutter

Mutter und Kalb stehen dabei gegeneinander und die Mutter schiebt das Kalb mit dem Kopf zurück bzw. läßt sich schieben.

Aufreiten

Bespringen der eigenen Mutter bzw. fremder Mütter, meist von hinten, aber auch von der Seite.

3.5.3. Sozialkontakte zu eigenen und fremden Nachkommen

Säugen

Säugen des eigenen Kalbes. Duldung des eigenen Kalbes mit Euterkontakt.

Duldung des Fremdsaugens

Duldung des Euterkontaktes eines fremden Kalbes und dessen Saugen.

Belecken

Belecken des eigenen Kalbes meist an Kopf oder Hals.


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Beriechen

Beriechen des eigenen Kalbes durch die Mutter.

Kopfreiben

Kopfreiben am Körper des Kalbes. Genutzt werden dafür alle Körperregionen, meist jedoch Hals-, Nacken-, Schulter- bzw. Flankenbereich des Kalbes.

Kopfauflegen

Vorwiegend wenn das Kalb neben der Mutter steht bzw. liegt. Bevorzugt dabei wird der Rückenbereich.

Gemeinsames Liegen

Gemeinsames Liegen der Mutter mit dem Kalb. Mutter und Kalb liegen mit Körperkontakt oder bis zu einem halben Meter Entfernung nebeneinander.

Gemeinsames Stehen

Stehen der Mutter beim Kalb im Abstand von bis zu drei Metern.

Gemeinsames Grasen

Grasen in unmittelbarer Nähe des Kalbes im Abstand von bis zu drei Metern.

Gemeinsames Laufen

Laufen unmittelbar neben dem Kalb im Abstand von bis zu drei Metern.

Stoßen fremder Nachkommen

Wegstoßen bzw. Wegdrängen eines fremden Kalbes. Meist wurde der Stoß leicht in die Flanke des fremden Kalbes ausgeführt.


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3.6. Begriffsbestimmung der übrigen Verhaltensweisen

Ziel der Darstellung der Aktivitäten ist es, eine Periodik des Verhaltens im Verlauf eines Lichttages zu zeigen. Berücksichtigt werden dabei das Saugen, das Fressen, das Liegen und das Stehen. Um den Tagesgang dieser Verhaltensweisen ”sichtbar“ zu machen, wurden Häufigkeiten berechnet und in einer Verlaufskurve über die Zeit aufgezeichnet. Die Darstellung der Verhaltensweisen erfolgte in einem 15- Minuten- Raster. Die Angaben erfolgen in Mitteleuropäischer Zeit (MEZ).

Fressen

Bei den Tränkkälbern wurde für die ersten drei Lebensmonate das Fressen von Heu und Kraftfutter berücksichtigt. Vom fünften bis achten Lebensmonat wurde zusätzlich noch die Grasedauer einbezogen. Für die Saugkälber galt bis zu den Wintermonaten nur die Graseaktivität.

Als Fressen für die Monate Mai bis November ist die Graseaktivität berücksichtigt worden. In die Analyse der Wintermonate wurde das Fressen von Heu, Kraftfutter und Silage einbezogen.

Liegen

Als Liegeaktivität gilt das Liegen mit und ohne Wiederkauen. Eine Unterscheidung erfolgt nicht.

Stehen

Als Stehen ist das regungslos Zusammenstehen von Kälbern zu verstehen, ohne Kontakt zu den anderen Gruppenmitgliedern aufzunehmen bzw. ohne zu fressen oder zu saufen. Mit in diese Tätigkeit fand allerdings das Wiederkauen im Stehen Aufnahme.

Saugen

Als Saugen gilt für die Tränkkälber das Saugen am Tränkautomaten. Für die Saugkälber gilt das Saugen an der eigenen und an fremden Müttern.


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