Schleyer, Thomas: Untersuchungen zum Einfluß des Kälberaufzuchtverfahrens auf die Ontogenese des Sozialverhaltens heranwachsender Rinder

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Kapitel 5. Diskussion und Schlußfolgerungen

Gewichtsentwicklung

In den ersten acht Lebensmonaten verlief die Gewichtsentwicklung in beiden Gruppen sehr unterschiedlich. Während im ersten Lebensmonat die durchschnittliche Lebendmasse der beiden Gruppen mit 59 kg für die Saugkälber und mit 62 kg für die Tränkkälber noch relativ ausgeglichen war, entwickelten sich die durchschnittlichen Lebendmassen beider Gruppen in den folgenden Monaten auseinander. Die Saugkälber hatten Lebenstagzunahmen, die bis zum sechsten Lebensmonat mehr als 1000 g/Tier/Tag erreichten. Erst im achten Lebensmonat sanken die Lebenstagzunahmen unter 1000 g/Tier/Tag. Dies kann auf die winterliche Witterung und somit auf eine schlechtere Futterversorgung zurückgeführt werden, als sie während der Weideperiode vorherrscht. Gleichzeitig muß beachtet werden, daß die Mütter mit zunehmendem Alter der Kälber nicht mehr so viel Milch produzierten und sich die Saugzeit der Kälber ebenfalls verringerte. Somit fiel für die Saugkälber die Milchaufnahme als Zusatzmahlzeit gegen Ende des achten Lebensmonats weg.

Die Tränkkälber wurden bis zur zwölften Lebenswoche am Tränkautomaten gehalten. Im ersten Lebensmonat lagen die Zunahmen bei ca. 500g/Tier/Tag und in den folgenden beiden Lebensmonaten bei ca. 650g/Tier/Tag. Nach dem Absetzen vom Tränkautomaten fielen die täglichen Zunahmen auf ca. 570g/Tier/Tag. Beeinflußt wurde die Gewichtsentwicklung vor allem von Durchfallerkrankungen und Erkrankungen des Atmungsapparates. Bis auf ein Tier waren alle Tiere der Gruppe von Durchfällen betroffen. Metz und Metz (1985) berichteten, daß weniger ernsthafte Durchfallerkrankungen bei Kälbern auftraten, die bei der Mutter gehalten wurden. Webster et al. (1985) führen gesundheitliche Probleme, wie Durchfall und Erkrankungen des Atmungsapparates auf Umweltstreß zurück. Dieser Umweltstreß war vor allem bei isolierten und gruppengehaltenen Tieren zu beobachten, ebenso wie abnormales Verhalten. In der Tränkkälbergruppe führte neben der Trennung von den Müttern auch das von Beginn des Versuches an zu beobachtende Konkurrenzverhalten zwischen den Tieren zu niedrigeren Lebenstagzunahmen. Die Rivalitäten traten vor allem beim Kampf um Freßplätze am Kraftfutterautomaten und beim Heufressen auf.Nach dem Absetzen vom Tränkautomaten traten Durchfallerkrankungen erneut auf.

Ab dem fünften Lebensmonat stabilisierte sich der gesundheitliche Zustand der Gruppe und die Zunahmen erhöhten sich auf ca. 600g/Tier/Tag. Dennoch lagen die täglichen Zunahmen für den ersten Lebensabschnitt insgesamt 463g/Tier/Tag auseinander. Die höheren Lebenstagzunahmen der Saugkälber lassen sich auf den Effekt der Anwesenheit der Mütter zurückführen, wie dies auch Metz und Metz (1985) in ihren Experimenten feststellten. Neben der Anwesenheit


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der Mütter stellt die qualitativ hochwertige Muttermilch die Voraussetzung für erhöhte Zunahmen dar, die bei den Tränkkälbern mit dem Milchaustauscher nicht zu erzielen waren. Der errechnete Einfluß der Haltungsformen lag entsprechend der statistischen Berechnungen bei ca. 75%.

In der Jungrind- Phase setzte sich der Trend fort. Die Lebenstagzunahmen der Jungrinder (S) lagen weiterhin über denen der Jungrinder (T), obgleich die Art der Haltung bei beiden Gruppen gleich war. Beide Gruppen wurden vom 9. bis 23. Lebensmonat auf der Weide gehalten. Trotzdem lagen die Zunahmen der Jungrinder (S) in dieser Zeit mit durchschnittlich 848g/Tier/Tag um 143 g/Tier/Tag höher als die Zunahmen der Jungrinder (T)- Gruppe. Unterschiedliche Fütterungsbedingungen können also bei der Bewertung der Ergebnisse ausgeschlossen werden. Le Neindre et al. (1992) sind der Meinung, daß die juvenile und neonatale Erfahrung der Jungtiere auch Langzeitauswirkungen auf das Freßverhalten hat und somit Jungtiere, die bei der Mutter aufwuchsen, Futterbestandteile zu sich nahmen, die sie bereits im frühen Lebensalter kennenlernten. Die höheren Zunahmen lassen sich entweder auf die unterschiedlichen physischen Voraussetzungen aufgrund der Aufzucht zurückführen oder könnten auch auf erhöhten Streß, d.h. eine hohe Intensität der Rangauseinandersetzungen, innerhalb der Jungrinder (T)- Gruppe hindeuten. Krankheiten beeinflußten in diesem Lebensabschnitt die physische Entwicklung nicht. Die Lebenstagzunahmen könnten sowohl jahreszeitlich als auch durch das zunehmende Alter beeinflußt worden sein. Bis August 1995, dem 15. Lebensmonat stiegen die Lebenstagzunahmen an und fielen ab dem 17. Lebensmonat (Oktober 1995) wieder ab. Nach Ruckebusch und Bueno (1978) korrespondieren Fressen und damit verbundene Aktivitäten mit Faktoren, wie Wetter, Futterverfügbarkeit, Neuigkeit der Umweltbedingungen und der verfügbaren Weidefläche. Die sinkenden Lebenstagzunahmen könnten also durchaus jahreszeitabhängig sein. Wilson und Flynn (1979) empfehlen für die Wintermonate, den Tieren 24 Stunden lang den Zugang zum Futter zu ermöglichen, um so eine maximale Futteraufnahme zu erreichen. Seine Versuchstiere (400 kg schwere Friesian- Bullen) legten um Mitternacht eine weitere Freßperiode ein, um die kurze Freßzeit während des Tageslichts auszugleichen. Der Zugang zum Heu war während der Untersuchungen in den Wintermonaten ständig gewährleistet. Ein Alterseinfluß ist ebenfalls nicht auszuschließen, da die Lebenstagzunahmen bis zum Frühjahr 1996 nicht wieder anstiegen. Ein weiterer Grund könnte natürlich auch die fortschreitende Trächtigkeit sein, die die Tiere weniger fressen ließ. Der errechnete Gesamteinfluß aller Faktoren, die auf die Gewichtsentwicklung der beiden Gruppen einwirkten, hatte noch immer eine Größe von ca. 77%.


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In der Jungkuh- Phase ist die weitere Lebendmasseentwicklung der beiden Gruppen stark von der Geburt der Nachkommen beeinflußt. So ergibt sich, daß die Jungkühe (T) im 26. Lebensmonat eine höhere Lebendmasse aufwiesen. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Jungkühe (S) bereits abgekalbt, die Jungkühe (T) aber noch nicht. Im September 1996 waren die Nachkommen (S) bereits drei bis vier Monate alt, so daß ihr Milchbedarf natürlich höher war, als der der Nachkommen (T). Das wirkte sich natürlich auch auf die Lebendmasseentwicklung der Mütter aus. Trotzdem liegen die Lebenstagzunahmen der Jungkühe (S) in der Jungkuh- Phase insgesamt höher. Daraus kann man schließen, daß die Jungkühe (T) den Nachteil der Abwesenheit der Mütter bis zum Versuchsende nicht kompensieren konnten. Die durchschnittlichen Zunahmen der beiden Tiergruppen lagen über den gesamten Versuchszeitraum gesehen um 212 g/Tier/Tag auseinander, was noch immer einen Einfluß der Haltungsform von ca. 61% widerspiegelt.

Sozialkontakte

Gliedert man die Kontakte der Saugkälber in Kontakte zu ihren Müttern und Kontakte zu gleichaltrigen Gruppenmitgliedern auf, so ist festzustellen, daß die Kontakte zu eigenen und fremden Müttern in den ersten acht Lebensmonaten häufiger zu beobachten sind als die Kontakte zu gleichaltrigen Tieren. Nur im dritten und fünften Lebensmonat überwogen die Kontakte zu gleichaltrigen Tieren. Kiley- Worthington und de la Plaine (1983) beobachteten ebenfalls ab dem dritten Lebensmonat einen Anstieg der Kontakte zu gleichaltrigen Tieren. Die ermittelten Ergebnisse entsprechen den Beobachtungen von Kiley- Worthington und de la Plaine (1983) auch darin, daß die Anzahl der Sozialkontakte zu gleichaltrigen Tieren bis zum vierten Lebensmonat ansteigt, wenn die Kälber beginnen, sich so zu verhalten wie adulte Tiere. Diese steigende Anzahl der Sozialkontakte geht vor allem auf mehr Scheuern und häufigeres gegenseitiges Belecken der Jungtiere zurück. Das Belecken gleichaltriger Tiere stieg auch bei den Saugkälbern im dritten Lebensmonat an, trat allerdings bereits ab dem fünften Lebensmonat nicht mehr ganz so häufig auf. Das könnte durchaus auf die Witterungsbedingungen zurückzuführen sein. Während der Beobachtungen im fünften Lebensmonat beispielsweise regnete es sehr häufig und die Luftfeuchte war entsprechend hoch. Sato et al. (1991) berichten, daß das soziale Lecken an Regentagen sinkt. Gegensätzliches berichtet Kabuga (1992), der bei N´Dama- Kühen beobachtete, daß soziales Lecken und andere nichtagonistische Verhaltensweisen bei Regen häufiger auftraten als in der trockenen Jahreszeit. Scheurmann (1974a) beobachtete, daß sich die Mithan- Rinder (Bibos frontalis) am meisten an sonnigen Tagen mit einer Temperatur von 10- 20° C beleckten. Steinel (1977) bestätigt, daß sich Saugkälber relativ selten belecken, da die erwünschte Fellpflege und der soziale Kontakt unaufgefordert von der Mutter übernommen werden und somit auch kein Grund für die Kälber besteht, selbst


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aktiv zu lecken. Die Tränkkälber beleckten sich häufiger gegenseitig, da ihnen keine Pflege durch die Mutter zukam. Steinel (1977) führte das darauf zurück, daß die Mutter als Sozialpartner fehlt, aber wohl auch darauf, daß das eingeschränkte Platzangebot in der privaten Kälberhaltung die sozialen Kontaktaufnahmen erheblich steigert. Gerade durch die erzwungene Nähe zu den Herdenmitgliedern, gewinnt diese soziale Interaktion mit ihrer unkämpferischen und beruhigenden Komponente an Wichtigkeit. Sambraus und Steinel (1978) kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Der Bedarf nach Beruhigung durch die Wirkung des Leckens scheint bei den mutterlos aufgezogenen Kälbern aufgrund ständig auftretender Konkurrenzsituationen hervorgerufen zu werden. Nachdem sich die Häufigkeit des gegenseitigen Beleckens nach dem Absetzen vom Tränkautomaten kurz reduzierte, stieg aber auch auf der Weide die Häufigkeit an, was vermuten läßt, daß noch andere Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Webster et al. (1985) verglichen Kälber gleichen Alters aus Mutterkuh- und Gruppenhaltung miteinander und beobachteten, daß soziales Lecken in der Gruppenhaltung häufiger auftrat. Die mutterlos aufgezogenen Kälber beleckten sich gegenseitig viel häufiger als die von der Mutter aufgezogenen Kälber.

Obwohl der beruhigende Effekt des Beleckens nicht zu vernachlässigen ist, hat das soziale Lecken natürlich auch die Funktion der gegenseitigen Fellreinigung, die in der mutterlosen Aufzucht von den gleichaltrigen Gruppenmitgliedern übernommen werden muß. Das gegenseitige Belecken scheint für die leckenden Tiere ebenso angenehm zu sein, wie für das "Empfängertier".

Die Bindung an einen Artgenossen ist Kälbern ein grundsätzliches Bedürfnis, wie die Auswahl der Leckpartner zeigt. Ähnlich wie bei Reinhardt et al. (1978, 1986) trat das soziale Lecken vorwiegend beim Wechsel der Herdenaktivität auf, d.h., wenn eine Ruhe- bzw. Graseperiode endete. Meist bildeten sich zu diesen Zeiten kleine Gruppen von Tieren, die sich gegenseitig beleckten, ehe entweder weiter gegrast oder sich abgelegt wurde. Spezielle Beleckpaare konnten im aktuellen Versuch nicht beobachtet werden.

Hünermund (1969) und Reinhardt (1980) nannten die Mutter in den ersten Lebensmonaten als die bevorzugte Partnerin bei bestimmten Verhaltensweisen, woraus die große Anzahl der Sozialkontakte zur Mutter resultieren kann. Die Sozialkontakte zu den Müttern sind in den ersten drei Lebensmonaten besonders stark. Wenn das Kalb wächst, dann sinkt der Anteil der Sozialkontakte, der durch die Mutter eingeleitet wird. Die Kälber zeigen in der Zeit nach dem Ende der ersten Lebenswoche bis zum sechsten Lebensmonat nahezu die gleiche Anzahl der Kontakte zur Mutter (Kiley- Worthington und de la Plaine, 1983). Im aktuellen Versuch ist zu erkennen, daß das Alter der Kälber erheblichen Einfluß auf die Anzahl der Kommunikationen zu den Müttern ausübt. Zu den gleichaltrigen Tieren hatten


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die Tränkkälber mehr soziale Kontakte. Um die Kontakte, die ursprünglich von der Mutter übernommen werden oder auf diese gerichtet sind, zu kompensieren, bleibt den Tränkkälbern nur die Möglichkeit, ihre sozialen Bedürfnisse an und mit ihren gleichaltrigen Gruppenmitgliedern zu befriedigen. Le Neindre et al. (1992) bemerken dazu, daß Färsenkälber, die in Gruppe gehalten wurden, im Vergleich zu Kälbern, die mit ihren Müttern in der Herde gehalten wurden, mehr Interaktionen mit anderen Kälbern hatten und daß im allgemeinen soziales Lecken zwischen Kälbern mit zunehmendem Alter häufiger auftrat. Auch in diesem Versuch war dies der Fall. Kiley- Worthington und de la Plaine (1983) erkannten weiter, daß die Anzahl der Sozialkontakte zu anderen Kälbern nur bis zum vierten Monat steigt, in welchem Kälber beginnen, sich so wie adulte Tiere zu verhalten.

Ungefähr die Hälfte der Sozialkontakte zu den Müttern sind auf die Nahrungsaufnahme ausgerichtet. Reinhardt (1980) weist aber darauf hin, daß die Mutter nicht nur die Rolle der Nahrungsquelle, sondern auch die eines Sozialpartners höchster Attraktivität inne hat. Jedoch gewann Koch (1968) bei einer oberflächlichen Betrachtung den Eindruck, als sei die Beziehung zwischen Mutter und Kalb ein reiner Zweckverband. Sieht man das Saugen also isoliert von anderen sozialen Aktivitäten gegenüber der Mutter, trifft das zwar zu, aber gleichzeitig ist es ein wichtiger Bestandteil vielfältiger Beziehungen zwischen Mutter und Kalb. Die Mutter bietet dem Kalb nicht nur Schutz und Geborgenheit, sondern schirmt es auch vor Umwelteinflüssen ab, mit denen das Kalb noch keine Erfahrungen sammeln konnte. Der besonders hohe Anteil des Saugens im 8. Lebensmonat läßt sich durch die geringe Anzahl an Sozialkontakten zu den Müttern erklären. Im Januar 1995 hatten die Saugkälber aufgrund der sehr strengen winterlichen Witterung nur sehr wenige Sozialkontakte, so daß die relative Anzahl des Saugens stieg.

Das Belecken und Beriechen der eigenen Mutter beschränkte sich auf einen Anteil zwischen 5% und 17% an den Gesamtkontakten zur Mutter. Ein Einfluß des Alters und der Witterung war nicht zu erkennen. Grundsätzlich sind es aber meistens die Mütter, die ihre Kälber belecken (Steinel (1977); Sambraus und Steinel (1978); Webster et al. (1985)).

Vergleicht man die gesamten Sozialkontakte der Saugkälber und der Tränkkälber miteinander, so hatten die Saugkälber in den ersten sechs Lebensmonaten insgesamt zu den Müttern und den gleichaltrigen Gruppenmitgliedern mehr Kontakte als die Tränkkälber. Deutliche Unterschiede zwischen den beiden Gruppen traten bis zum fünften Lebensmonat auf. Die Sozialkontakte stiegen bei den Saugkälbern bis zum dritten Monat an, bei den Tränkkälbern nur bis zum zweiten Lebensmonat und wurden in den Folgemonaten bereits weniger. Die häufiger aufgetretenen Sozialkontakte der Saugkälber sind natürlich auch darauf zurückzuführen, daß mit mehr Sozialpartnern kommuniziert werden konnte als in der Tränk-


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kälbergruppe. Entsprechende Haltungsmethoden mit gestaffelter Altersstruktur sind von Voigt (1995) diskutiert worden. Mit Ausnahme des fünften Lebensmonats sind die Unterschiede zwischen den Gruppen mit gleicher Richtung signifikant. Im achten Lebensmonat hatten die beiden Gruppen aufgrund der winterlichen Witterung weniger soziale Kontakte, die Tränkkälber aber mehr als die Saugkälber. Trotzdem bestätigt sich auf diese Weise die Erkenntnis von Le Neindre und Sourd (1984), daß Saugkälber sozial aktiver sind als die Tränkkälber. Lidfors (1996) schlußfolgert, daß bei gemeinsamer Haltung von Mutter und Kalb beide zu mehr Aktivität stimuliert werden und daß sich eine Trennung, auch wenn sie erst nach vier Tagen erfolgt, negativ auf die Aktivität und das Verhalten von Kuh und Kalb auswirkt.

Die Mütter stellen in der Umgebung der Saugkälber einen wichtigen sozialen Bezugspunkt dar, sowohl als soziale Partner als auch als Nahrungsquelle. In der Tränkkälbergruppe ist der Tränkautomat die Nahrungsquelle und sozusagen ein pseudosozialer Bezugspunkt. Bezieht man demnach die Kontakte der Tränkkälber zum Tränkautomaten in den ersten drei Lebensmonaten in die Auswertung mit ein, ist die Mehrzahl der Sozialkontakte der Saugkälber nicht mehr gegeben und die Relation zwischen beiden Gruppen ausgewogen. Diese Betrachtung scheint gewagt, da es sich beim Tränkautomaten um einen unbelebten Gegenstand handelt. Im Tagesablauf der ersten drei Lebensmonate der Tränkkälber spielt er aber eine sehr wichtige Rolle. Die Tränkkälber besuchten den Automaten nicht nur wenn sie Anspruch auf ihre Milchmahlzeit hatten, sondern auch, wenn kein Anspruch vorhanden war und das Saugbedürfnis gestillt werden sollte. Während dieser Besuche kauten sie verstärkt am Nuckel des Tränkautomaten herum. Es liegt demnach eine verfahrensbedingte Verhaltensstörung vor, die durch einen Mangel an Reizen in der Umwelt hervorgerufen wurde.

Das Kopfreiben und Kopfauflegen der Saugkälber bei den Müttern stieg mit zunehmendem Alter an. Nachdem es im ersten Lebensmonat nur in 9% der Gesamtkontakte beobachtet werden konnte, steigt dieser Anteil vom zweiten bis zum fünften Lebensmonat bis auf 20% an. Zwischen dem sechsten und achten Lebensmonat (November 1994 bis Januar 1995) liegen die Werte bei 10%. Das Kopfreiben an der Mutter, das auch das Nacken- Unterhalsreiben beinhaltet, wird als wichtiges Indiz für die Stärke der Mutter- Kind- Bindung betrachtet (Schloeth, 1961; Koch und Zeeb, 1970).

Die Anteile des Laufens der Saugkälber mit den Müttern und des Stehens bei den Müttern liegen zwischen 17% und 33%. Höchstwerte wurden für den ersten und sechsten Lebensmonat mit jeweils 25% und 32% der Sozialkontakte zu den Müttern erreicht. Die übrigen Werte schwanken zwischen 17% und 24%. Aufreiten bei den eigenen Müttern, wie auch


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spielerisches Hornen mit den eigenen Müttern wurde im Gegensatz zu Reinhardt (1980) und Kiley- Worthington und de la Plaine (1983) nicht beobachtet.

Spielerische Kontakte zu den Müttern wurden kaum beobachtet und gehen dadurch nicht mit in die Auswertungen ein. Dies entspricht den Aussagen von Porzig (1969), nachdem Mütter wenig Neigung zeigen, mit ihren Kälbern zu spielen.

Zu fremden Müttern hatten die Saugkälber erheblich weniger Kontakte. In den ersten Lebensmonaten dienen auch diese Kontakte vorrangig der Nahrungsaufnahme, also dem Fremdsaugen. Im Frühjahr und Sommer nimmt die Anzahl der Kontakte zu, zum Herbst und Winter verringern sie sich wieder. Die sozialen Kontakte zu den fremden Müttern schwankten zwischen 15% im ersten und 40% im zweiten Lebensmonat an den Gesamtkontakten zu den Müttern. Von den Kontakten zu den fremden Müttern entfallen bis zu 88% auf das Fremdsaugen, dienen also der Nahrungsaufnahme. Mit 82% im ersten und 88% im zweiten Lebensmonat sind diese Anteile am höchsten, sanken in den Folgemonaten zwar um ca. 20% ab, erreichen aber mit Ausnahme des achten Lebensmonats stets mehr als die Hälfte der Anteile.

Bevorzugt zum Fremdsaugen wurden immer die gleichen Mütter. Ging ein Kalb zum Saugen an die eigene Mutter, nahm es die verkehrtparallele Stellung ein. Unmittelbar danach gesellten sich die fremden Kälber dazu, stellten sich neben das saugende Kalb oder saugten von hinten am Euter der fremden Mutter. Teilweise saugten dann vier Kälber gleichzeitig an einer Kuh. Ein Grund für die Duldung von drei zusätzlichen Kälbern könnte darin liegen, daß die Mütter, als ehemalige Milchkühe sehr viel Milch produzierten und durch das frühere Melken auch an eine Milchentnahme durch Fremdeinwirkung gewöhnt waren. Nach Finger und Brummer (1969) wurden Milchkühe auf schwaches mütterliches Verhalten und Fügsamkeit beim Melken selektiert und gestatteten zu einem Anteil von ca. 80%, fremden Kälbern zu saugen.

Ein Kalb der Saugkälbergruppe wurde von der Mutter verstoßen und konnte so keine sozialen Kontakte zu ihr aufbauen. Es saugte deshalb ausschließlich fremd. Soziale Kontakte hatte es vorwiegend mit den gleichaltrigen Gruppenmitgliedern. Zu den fremden Müttern hatte es, mit Ausnahme des Fremdsaugens, auch nicht häufiger Kontakte als die übrigen Kälber. Weiterhin saugte ein bestimmtes Zwillingskalb, sehr oft fremd. Für dieses Kalb war es allerdings eine zusätzliche Mahlzeit, da seine Mutter wahrscheinlich nicht genügend Milch produzierte, um zwei Kälber ausreichend versorgen zu können. Soziale Kontakte hatte dieses Kalb hauptsächlich mit der Mutter und seinem "Geschwisterzwilling". Aber auch mit den anderen Kälbern kommunizierte es häufig. In der Entwicklung der Le-


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bendmasse lagen beide Kälber innerhalb des Gruppenmittels.

Price et al. (1984) erkannten beispielsweise während der Untersuchungen der zwillingsbetreuenden Hereford- Kühe, daß diese nicht genügend Milch produzierten, um den Hunger der Zwillingskälber zu befriedigen und diese bemühten sich nun um eine Alternative wie Fremdsaugen oder andere Quellen. Die Tatsache, daß bei der eigenen Mutter nicht genügend Milch für zwei Kälber vorhanden ist und sich die mütterliche Aufmerksamkeit auf zwei Kälber aufteilt, bewirkt, daß Zwillingskälber unabhängiger von ihren natürlichen Müttern sind, als Einzelkälber im vergleichbaren Alter. Zwillingskälber lernten in den Untersuchungen von Price et al. (1984), sich fremden Müttern dann zu nähern, wenn deren eigenes Kalb saugte, wie es die Kälber in diesem Versuch auch praktizierten.

Die anderen Kälber nutzten die fremde Mutter als zusätzliche Nahrungsquelle, begaben sich aber eher zufällig zum Fremdsaugen. Meist wurden die gleichen Kühe zum Fremdsaugen ausgewählt. Andere Mütter, unter anderem die Mutter der Zwillingskälber, verweigerten fremden Kälbern das Saugen und sicherten so den eigenen Kälbern ausreichend Nahrung.

Der Anteil des Beleckens und Beriechens fremder Mütter lag in der gesamten Zeit unter 10%. Diese Kontakte konzentrierten sich demnach vor allem auf die eigenen Mütter. Reinhardt (1980) beobachtete, daß das soziale Belecken und das spielerische Aufreiten ausnahmslos der eigenen Mutter galt. Auch das Hornen mit einer fremden Kuh trat nur selten auf, da die Kälber bereits nach den ersten Versuchen weggestoßen wurden. Mit der eigenen Mutter war das Hornen in diesem Versuch sehr selten zu beobachten. Das Kopfreiben- und - auflegen der Saugkälber bei fremden Müttern hatte mit 21% im fünften Lebensmonat den größten Anteil, in den anderen Monaten lag er zwischen 6% und 13%. Das Stehen bei fremden Müttern und das gemeinsame Laufen mit ihnen konnte im ersten und fünften Lebensmonat nicht beobachtet werden und erreichte mit 16% im sechsten Lebensmonat den höchsten Wert. Das Aufreiten konnte im Gegensatz zu Reinhardt (1980) nur bei fremden Müttern beobachtet werden, allerdings nur im dritten, fünften und achten Lebensmonat. Der größte Anteil des Aufreitens bei fremden Müttern lag bei 49% im achten Lebensmonat, dem Januar 1995. Dieser überaus hohe Anteil ist auf die geringe Anzahl von Sozialkontakten in diesem Monat zurückzuführen. Bei sehr kaltem und windigem Winterwetter standen die Kälber sehr oft zusammen und nutzten die sonstige Zeit vorwiegend zum Fressen.

Wird nun die Art der Sozialkontakte betrachtet, die die Kälber mit den eigenen und fremden Müttern haben, so ist festzustellen, daß die Saugkälber vor allem die Nähe der Mütter suchten und so Schutz und Geborgenheit fanden. Die Tränkkälber mußten darauf verzich-


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ten. Spielerische Aktivitäten dagegen wurden vorwiegend mit den gleichaltrigen Gruppenmitgliedern durchgeführt.

Gegenseitiges Besaugen trat fast ausschließlich in der Tränkkälbergruppe auf. Es kann als Kompensation für das Fehlen externer Umweltreize gedeutet werden, die auf physische und soziale Bedürfnisse zurückzuführen sind. Demzufolge hatten die Tränkkälber Bedürfnisse, die sie nur durch gegenseitiges Besaugen stillen konnten. Ihnen fehlte die Möglichkeit, die Milch auf natürliche Weise von der Mutter bzw. einer Amme aufzunehmen. Voigt (1995) beschrieb in ihren Untersuchungen mehrere Aufzuchtmöglichkeiten. Alle diese Aufzuchtmöglichkeiten sind dadurch charakterisiert, daß sie der natürlichen Aufzucht durch die Mutter sehr nahe kommen. Sie bedeuten für den Landwirt kaum zusätzlichen Aufwand und könnten so das gegenseitige Besaugen ausschließen.

In der Saugkälbergruppe trat Besaugen nur sehr vereinzelt und sehr kurz auf und kann dadurch eher als zufällig betrachtet werden. Steinel (1977); Sambraus und Steinel (1978); Reinhardt (1980) und Sambraus (1984) beobachteten bei Saugkälbern ebenfalls nur sehr wenige Besaugakte. Während der Untersuchungen von Rieger und Lemke (1994) an gruppengehaltenen Kälbern in Gruppenbuchten wurde ebenfalls kein gegenseitiges Besaugen beobachtet.

Das Besaugen entwickelte sich vom Besaugen des Ohres in den ersten Lebenswochen über das Besaugen des Nabelansatzes bis zum Besaugen des Euteransatzes des besaugten Kalbes. In der Literatur werden diese Angaben unter anderem von Lidfors (1993), Graf et al. (1989), Sambraus (1984), Scheurmann (1974b) und Hafez und Lineweaver (1968) bestätigt. In dieser Zeit trat das Besaugen besonders beim Warten vor der Tränke bzw. nach dem Tränkebesuch auf. Mußte ein Kalb vor der Tränke warten, wurde oft der Euteransatz des sich in der Tränke befindlichen Kalbes besaugt. Das Besaugen konnte auch häufig unmittelbar nach Verlassen der Tränke beobachtet werden, sozusagen als Ersatzhandlung für das nicht befriedigte Saugbedürfnis. Wenn das Saugen der Kälber einen Einfluß auf die digestive Hormonsituation hat, dann kann das Saugen nach dem Trinken der Milch vom Automaten der Versuch sein, das Fehlen der digestiv zu erwartenden Reflexstimulierung zu kompensieren (de Passille et al., 1992). Die Stimulierung hält ca. zehn Minuten nach dem Saugen an und könnte durch einen trockenen Nuckel gesenkt werden. Der noch nicht abgeklungene Saugdrang wird an Ersatzobjekten wie z.B. Körperteilen von Boxengenossinnen oder Teilen der Stalleinrichtung abreagiert. Diese Verhaltensstörung wird bei jeder Tränkeaufnahme neu ausgelöst und ungefähr gleich lang ausgeführt wie der natürliche Saugvorgang dauern würde (Lidfors, 1994).

Auch bei den Beobachtungen von Aurich und Weber (1994) war bei allen Tieren auffällig, daß sie immer


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nach dem Milchtrinken und teilweise sehr langem Leersaugen am Nuckel den Tränkestand verließen und sofort ein Tier zum Besaugen suchten. Sie hätten auch am Nuckel weitersaugen können - das Skrotum oder Präputium eines Buchtgenossen war offensichtlich als Besaugobjekt attraktiver als der Automatennuckel.

De Passille et al. (1992) äußern, daß das Besaugen auch durch die Aufnahme von Milch stimuliert werden könnte. Das Absetzen der Tiere führte, wie im vorliegenden Versuch, zu einem signifikanten Absinken der Besaughäufigkeit. Lidfors (1993) gibt dafür die Erklärung an, daß der Saugbeginn eines Kalbes ein positives Feedback auslöst. Dies führt dann dazu, daß das Kalb für einige Zeit weitersaugt. Das positive Feedback gibt so dem Verhalten Stabilität und macht ein Tier so hartnäckig, daß es für einen signifikanten Zeitanteil bei dieser Aktivität bleibt.

Graf et al. (1989) empfehlen ein zehnminütiges Fixieren nach der Fütterung, um das Besaugen signifikant zu reduzieren. Auch Sambraus (1984) schlägt eine Fixierung vor, die um so erfolgreicher das nachfolgende gegenseitige Besaugen reduziert, je länger sie dauert. Bei dieser Methode wird leider nur das Symptom berücksichtigt und nicht die eigentliche Ursache. Durch die Fixierung wird die Motivation nicht abgebaut, sondern eher noch verstärkt und führt so zu erhöhtem Streß. Diese Auffassung bestätigen auch Postler (1988) und Sambraus (1978). Wenn Milch aus dem Automaten gefüttert wird, dann endet die Milchaufnahme so schnell, daß das Kalb mit einer hohen Saugmotivation weggeht. So wird es animiert, an einem anderen Tier zu saugen (Lidfors, 1993). Wie in der Literatur empfohlen, wurden von Versuchsbeginn an Kraftfutter und Heu zur Beschäftigung und Sättigung angeboten. Auf diese Weise konnte aber scheinbar in diesem Versuch keine Reduzierung des gegenseitigen Besaugens erreicht werden.

Die Verwendung von Saugstellen mit kleiner Öffnung (Graf et al., 1989) und mit geringerem Schlauchdurchmesser (Ahmed, 1987) sind gegenüber anderen Maßnahmen zu bevorzugen und reduzieren das gegenseitige Besaugen durch längere Saugzeiten signifikant. Aurich und Weber (1994) schlugen einen erhöhten Saugwiderstand zur Reduzierung des gegenseitigen Besaugens vor. Allerdings konnten sie nicht klären, ob das Saugbedürfnis der Kälber beim erhöhten Saugwiderstand tatsächlich stärker befriedigt wurde oder ob die Kälber weniger besaugten, da sie seltener Milch tranken. Die meisten Besaugakte fanden direkt nach dem Milchtrinken statt.

In den ersten drei Lebensmonaten trat das Besaugen erheblich häufiger auf, als nach dem Absetzen vom Tränkautomaten. Das älteste, schwerste und ranghöchste Tier, wurde von allen Tieren zum Besaugen bevorzugt, sowohl in den ersten drei Lebensmonaten, als auch


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noch danach. Es stellte wohl aufgrund seiner Körpergröße eine Art "Mutterersatz“ für die anderen Tiere dar. Nach der Geburt des eigenen Kalbes bewies dasselbe dann eine gute Mütterlichkeit. Es hatte innerhalb der Gruppe die meisten Kontakte zum eigenen Kalb. Einen Zusammenhang zwischen Besaugaktivität und Rangplatz konnte aber nicht festgestellt werden. Der soziale Wert bzw. der Lustgewinn scheint beim Besaugen so groß zu sein, daß sich trotz der bestehenden Rangfolge alle Tiere am Besaugen beteiligten. Steinel (1977) konnte ebenfalls keine Korrelation zwischen Rangplatz und Besaugaktivität feststellen. Besaugen trat bei fast jedem Kalb der Tränkgruppe auf, jedoch von unterschiedlicher Intensität und Dauer. Die einzelnen Besaugakte dauerten teilweise bis 15 Minuten. Als "Partner" wurden durch die Kälber meist gleiche Kälber ausgesucht, unabhängig von Alter, Gewicht, Größe und Rangfolge der Kälber. Später bildeten sich sogenannte "Besaugpärchen“ heraus (Tier Nr. 1807 und Nr. 1805; Nr. 1819 und Nr. 1833). Bei den Untersuchungen von Aurich und Weber (1994) ließen sich manche Tiere geduldig besaugen, während sich andere sofort wehrten. Besonders groß war die Duldungsbereitschaft bei den Tieren, die gleichzeitig selbst ein anderes Kalb besaugten. Da bei Kälbern das allelomimetische Verhalten sehr ausgeprägt ist, könnte daher der Anblick oder das Geräusch eines besaugenden Tieres immer wieder zu sogenannten Besaugketten führen, bei denen sich manchmal bis zu fünf Tiere hintereinander besaugten. Gelegentlich wurde sogar ein Kalb von zwei oder drei anderen Tieren gleichzeitig besaugt. Dies schreibt Sambraus (1984) aber auch der Duldsamkeit der Tiere zu, die dann gewährleistet war, wenn das Kalb selbst saugte. Besaugketten traten zwar bei diesen Untersuchungen nicht auf, aber die "Besaugpärchen“ deuten diese Tendenz ebenfalls an.

Die starke Bindung vieler Tiere an einen bestimmten Scheinsaugpartner entspricht der engen Bindung des Kalbes an die Mutter (Sambraus und Steinel, 1978). Die bei diesen Verhaltensweisen eingenommene Körperhaltung ist der während des natürlichen Saugaktes an der Mutterkuh sehr ähnlich (Hafez und Lineweaver, 1968, Scheurmann, 1974b).

Einige Tiere besaugten andere Tiere mit zunehmendem Alter nicht mehr (Nr. 1806, Nr. 1820, Nr. 1825, Nr. 1841). Andere Tiere allerdings führten das Besaugen auch mit zunehmendem Alter weiter aus (Nr. 1805, Nr. 1807, Nr. 1831, Nr. 1833). Die Häufigkeit des gegenseitigen Besaugens nahm zwar mit zunehmendem Alter ab, aber trat auch im Alter von ca. 22 Lebensmonaten noch vereinzelt bei einigen Tieren auf. Das Besaugen ist also auch mit zunehmendem Alter nicht völlig "verlorengegangen“. Das Besaugtwerden wie auch das Besaugen scheint demnach für die Tiere sehr angenehm gewesen zu sein. Dies führte zu einem Lerneffekt, der sich über das Absetzen von der Tränke hinaus erhalten hat. Nach dem 22. Lebensmonat wurde es nicht mehr beobachtet. Wie lange sich gruppengehaltene Tiere während anderer Versuche gegenseitig besaugten, ist aus der Literatur nicht bekannt.


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Aurich und Weber (1994) sehen als mögliche Einflußfaktoren für das gegenseitige Besaugen: die Gewohnheit, die stimulierende Wirkung der Milch, das Vorhandensein allelomimetischen Verhaltens bei Kälbern und die Reizarmut des Tränkestandes im Vergleich zum Kuheuter. Obwohl das Besaugen auftritt, sehen Pirkelmann und Schlichting (1993) sowie Scheurmann (1974b) dennoch die Gruppenhaltung von Kälbern und ihre Fütterung am Tränkeautomaten bei richtigem Management als die artgerechteste Form der mutterlosen Aufzucht an. Jedoch bietet Voigt (1995) Alternativen zu den hier genannten Haltungsmethoden an.

Gruppenhierarchie und Sozialstruktur

Zu Beginn der Jungrind- Phase hatten die Jungrinder (S) zumindest bis zum 15. Lebensmonat untereinander weniger soziale Kontakte als die Jungrinder (T). Die Jungrinder (S) mußten demnach den sozialen Umgang innerhalb ihrer Gruppe erst erlernen, da die Sozialkontakte in den ersten Lebensmonaten vorwiegend auf die Mütter ausgerichtet waren. Mit Ausnahme der Wintermonate Januar und Februar 1996 war die Anzahl der Sozialkontakte in beiden Gruppen fast ausgeglichen. Die signifikanten Unterschiede im Juli 1995 gehen auf häufiges gegenseitiges Aufreiten zurück. Einzelne Tiere der Jungrinder (T)- Gruppe zeigten Brunstsymptome und sprangen sogar auf liegende Tiere auf. In der Jungrinder (S)- Gruppe sind diese Brunstsymptome nie so offen zutage getreten bzw. konnten nicht beobachtet werden. Das häufige gegenseitige Aufreiten im 12. und 14. Lebensmonat bei den Jungrindern (T) könnte auf ein verstärktes Sexualverhalten während der natürlichen Paarungszeit der Rinder zurückzuführen sein. Ein Deckbulle war in dieser Gruppe erst ab dem 16. Lebensmonat anwesend.

In der Jungrinder (S)- Gruppe war ab dem 14. Lebensmonat, dem Juli 1995 ein Deckbulle mit in der Gruppe. Ein häufiges gegenseitiges Aufreiten der Jungrinder trat aus diesem Grunde nicht auf. In dieser Gruppe lagen die Zuchtreife und die Geschlechtsreife näher beeinander, während die Jungrinder (T) durch eine zu geringe Lebendmasse in diesem Alter als noch nicht zuchtreif angesehen wurden.

Das soziale Lecken trat in der Jungrinder (T)-Gruppe ebenfalls bis 15. Lebensmonat häufiger auf. Lediglich im September 1995 beleckten sich die Jungrinder (S) häufiger. In den Folgemonaten war das Lecken fast ausgeglichen. In den Wintermonaten trat es nur sehr wenig auf. Die sozialen Aktivitäten sind nach Schloeth (1961) auch jahreszeitabhängig. Er beobachtete, daß es während der sommerlichen Brunstphase viele Verjagungen gibt und sehr wenig Körperkontakte, im Winter wenig Verjagungen und ver-


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hältnismäßig häufige Körperkontakte und davon zwei Drittel Hornen und ein Drittel Lecken. Er schreibt weiter, daß Lecken in der kälteren Jahreszeit häufiger auftrat.

Das Lecken war in beiden Gruppen nicht gleichmäßig verteilt. Es bildeten sich während der ganzen Untersuchungszeit Leckpartnerschaften zwischen einzelnen Tieren heraus, die auch relativ stabil blieben. Auch Reinhardt (1980) bestätigt diese Beobachtungen. Gegenseitiges Beriechen trat in beiden Gruppen als eigenständige Verhaltensaktivität nur sehr vereinzelt auf, obwohl auch hier bemerkt werden muß, daß während der sozialen Kontakte untereinander natürlich auch die olfaktorische Wahrnehmung eine wichtige Rolle spielt. Die Unterschiede zwischen beiden Gruppen sind so gering, daß sie eher als zufällig betrachtet werden können.

Das Kopfreiben und -auflegen bei anderen Gruppenmitgliedern weist zwar zwischen beiden Gruppen Unterschiede auf, aber keine der beiden Gruppen praktizierte das Kopfreiben bzw. Kopfauflegen deutlich mehr als die andere Gruppe. Auch in den Folgemonaten läßt sich aus den Ergebnissen keine klare Tendenz ableiten. Reinhardt (1980) bezeichnet das soziale Reiben am Sozialpartner als ein relativ selten zu beobachtendes Kontaktverhalten. Die Kälber und Jungrinder (bis zwei Jahre) in der von ihm untersuchten Zebu- Herde zeigten, im Gegensatz zu den vorliegenden Untersuchungen, noch kein soziales Reiben. Nur bei erwachsenen Tiere konnte er das soziale Reiben beobachten. Er wertet die Bevorzugung bestimmter Sozialpartner für bestimmte Verhaltensweisen als strukturierendes Element.

Die ersten Rangauseinandersetzungen fanden in der Tränkkälbergruppe bereits in den Monaten Juli und August 1994, also zwischen dem dritten und vierten Lebensmonat statt. Im August 1994 wurden 91 Rangfolgeauseinandersetzungen beobachtet. In den folgenden Monaten sank die Anzahl zwar wieder, blieb aber weiterhin auf hohem Niveau.

In der Literatur wird davon ausgegangen, daß es in diesem Alter höchstens spielerische Auseinandersetzungen gibt (Sambraus, 1972). Auch Canali et al. (1986) versuchten, die Dominanzverhältnisse bei sechs bis zehn Wochen alten, weiblichen Friesian- Kälbern zu bestimmen, die ihre Milch von einem Tränkautomaten bekamen, konnten aber aufgrund der beobachteten Auseinandersetzungen noch keine Dominanzverhältnisse feststellen. Nach den eigenen Beobachtungen führten diese Auseinandersetzungen jedoch zur Herausbildung einer ersten vorläufigen Rangfolge. Auch in den Untersuchungen von Steinel (1977) bildete sich bereits vor dem Zeitpunkt von drei bis sechs Monaten eine Rangfolge heraus. Er konnte bei sechs Wochen alten Kälbern bereits gefestigte Rangbeziehungen feststellen.


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Das initiierende stoßende Tier ging aus den Rangauseinandersetzungen stets als Sieger hervor. Meistens gab es keine Erwiderung auf einen solchen Stoß. Das angegriffene Tier zog sich zurück und akzeptierte seine Niederlage. Weiterhin konnte beobachtet werden, daß nur ranghöhere Tiere anderen Tiere in die Flanke stießen, gewissermaßen um die eigene Position zu stärken.

Dabei suchten sie sich aber nur rangniedere Tiere als Partner heraus, meistens den unmittelbaren Rangnachbarn. Rangniedere Tiere versuchten aber einer Auseinandersetzung gezielt auszuweichen und nahmen deshalb weite Wege in Kauf, beispielsweise zum Liegeplatz oder zur Tränke. Daraus ist zu erkennen, daß in dieser Gruppe die ersten Rangplätze schon nach einem geringen Zeitraum als sehr stabil angesehen werden können und lediglich die mittleren Ränge versuchten, ihre Position weiter zu festigen und zu verbessern.

Den ersten Rangplatz nahm, wie bei den Untersuchungen von Steinel (1977), das älteste und schwerste Tier (Nr. 1805) ein. Dieses Tier wies mit Abstand die höchsten Lebenstagzunahmen auf. Es blieb in den ersten Lebenswochen von den üblichen Krankheiten (Durchfall, Lungenentzündung) verschont und entwickelte sich daraufhin zu dem mit Abstand größten und schwersten Tier. Nur in den ersten Monaten beteiligte es sich an Rangkämpfen. Da es aus diesen Auseinandersetzungen mit sehr wenigen Ausnahmen stets als Sieger hervorging, wurde die erste Rangposition von den anderen Tieren akzeptiert und Nr. 1805 wurde daraufhin in kaum eine Auseinandersetzung mehr einbezogen. Beilharz und Zeeb (1982) schlußfolgerten aus ihren Untersuchungen ebenfalls, daß ein dominantes Tier nicht mehr aggressiv sein muß. Erst in der Jungkuh- Phase beteiligte es sich wieder an Rangauseinandersetzungen, aus denen es dann als Sieger hervorging.

Auf den weiteren Rangplätzen folgten, bis auf eine Ausnahme, jeweils die ältesten Tiere, die jedoch von der Gewichtsentwicklung her nur den Durchschnitt der Gruppe darstellten bzw. etwas über dem Durchschnitt lagen. So hatten innerhalb der Tränkkälbergruppe primär das Alter und sekundär das Gewicht Einfluß auf die Herausbildung der Rangfolge. Auch Koch (1968), Sambraus (1969) und Arave und Albright (1981) bestätigen diese Einflüsse. Koch (1968) relativierte allerdings die Aussagen zum Alter. Bei einem Alter bis zu drei Jahren nahm er Schwankungen von drei Monaten und bei einem Alter ab drei Jahren Schwankungen von über einem Jahr als relevanten Altersunterschied. Bei den Untersuchungen von Steinel (1977) war das älteste und schwerste Tier gleichzeitig das ranghöchste, zudem schien es das Tier mit den höchsten Lebenstagzunahmen zu sein. Kondo et al. (1984) konnten keine Beziehung zwischen Rangplatz und Körpergewicht bzw. Rangplatz und Lebenstagzunahmen finden. Da sie ebenfalls mit kleinen Tiergruppen arbei-


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teten, sind die Versuchsbedingungen mit der hier vorliegenden Versuchsanstellung relativ ähnlich.

Veränderungen auf den vorderen Rangplätzen gab es erst wieder in der Jungkuh- Phase. Stabilität in der Rangfolge bestand somit zwar zwischenzeitlich, aber es kam in der gesamten Beobachtungszeit in der Gruppenhierarchie der Tränkkälber immer wieder zu Veränderungen, besonders auf den niedrigeren Rangplätzen. Auch bei Sambraus und Osterkorn (1974) wird darauf hingewiesen, daß es bei Rindern in den frühen Lebensjahren immer wieder zu Veränderungen in der Rangfolge kommen kann. Sie gaben die Häufigkeit der Rangwechsel innerhalb eines Jahres mit 10% an.

In der Saugkälbergruppe konnten die ersten ernsthaften Rangauseinandersetzungen erst nach dem achten Lebensmonat beobachtet werden, nach dem Absetzen der Kälber. Im Gegensatz zu Le Neindre und Sourd (1984) ist festzustellen, daß Saugkälber agonistisch aktiver sind als automatengefütterte Kälber.

Stabilität auf den ersten Plätzen der Rangfolge herrschte bereits ab dem zwölften Lebensmonat. Während es in den folgenden Monaten auf den mittleren und hinteren Rängen noch Veränderungen bei benachbarten Rangplätzen gab, war die Rangfolge vom 15. bis 21. Lebensmonat stabil. Veränderungen auf den ersten Rangplätzen ergaben sich im 23. Lebensmonat. Reinhardt und Reinhardt (1975) bestätigen die Tendenz, daß rangnahe Tiere recht oft in Rangkämpfe verwickelt sind. Bis zum Ende der Verhaltensbeobachtungen ergaben sich keine weiteren Veränderungen in der Rangfolge.

Auf den ersten Rangplätzen sind im Gegensatz zur Tränkkälbergruppe nicht die ältesten und schwersten Tiere, sondern hier könnte der Einfluß der Rangposition der Mütter bei der Herausbildung der Rangfolge der Nachkommen eine Rolle gespielt haben. Ein Lerneffekt durch Nachahmen scheint dafür maßgebend zu sein. Dieser Lerneffekt könnte durch die Übernahme der Körpersprache der Mutter, ebenso wie durch eine aggressive Vorgehensweise bei Rangauseinandersetzungen eingetreten sein. Für das Kalb, welches an der Spitze der Rangfolge der Saugkälbergruppe stand, trifft das nicht unmittelbar zu, da dessen Mutter nur einen mittleren Rangplatz einnahm. Bei den Kälbern, die auf den folgenden Plätzen stehen, bestätigt sich diese Tendenz. Deren Mütter standen ebenfalls an der Spitze der Gruppenhierarchie unter den Kühen. Gleiches beschrieb Reinhardt (1986) in den Untersuchungen des halbwilden schottischen Hochlandrindes. Er beobachtete, daß die Nachkommen einer ranghohen Kuh andere Tiere dominierten und sich in Anwesenheit der Mutter ehrfürchtig und erfahren verhielten. In anderen Untersuchungen verneinte Reinhardt (1978, 1980 und 1983) dagegen den Einfluß des Rangplatzes der Mutter.


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Die Häufigkeit der Rangauseinandersetzungen stieg in beiden Gruppen vom 9. bis 15. Lebensmonat an. In der Saugkälbergruppe erfolgte in dieser Zeit (nach dem Absetzen) die Bildung einer vorläufigen Rangfolge. Vom 15. Lebensmonat bis zum 21. Lebensmonat reduzierte sich die Anzahl der Rangauseinandersetzungen in beiden Gruppen deutlich. Unmittelbar vor den kommenden Abkalbungen traten im 23. Lebensmonat wieder häufiger Rangauseinandersetzungen auf. In den Monaten nach den Abkalbungen sank die Anzahl dieser Auseinandersetzungen wieder.

Trotzdem blieb die Zahl der Rangauseinandersetzungen in beiden Gruppen relativ gering. Ein Grund dafür könnte sein, daß sich die Kälber von Geburt an kannten und gleichaltrig waren. Außerdem kamen keine neuen Tiere in die Gruppen. Während der Beobachtungen fiel auf, daß das Tier Nr. 1883, als rangniedrigstes Tier, oft fremde Kälber wegstieß. Zu erklären wäre dies vielleicht mit der Weitergabe von Aggressionen, die das Tier oft von den anderen Gruppenmitgliedern empfing. Auch Koch (1968) beobachtete das bei Kühen gegenüber Färsen. Die Aggressionen gaben die Färsen dann an die Kälber weiter.

Das agonistische Verhalten innerhalb der Gruppen war nie sehr ernsthaft und trat auch nur mit geringer Intensität auf. Zu ähnlichen Beobachtungen kam auch Krohn (1994). Die Rangfolge in beiden Gruppen war linear. Da die Gruppen während der Untersuchungen nicht verändert wurden, kam es nicht zur Bildung von Dreiecksbeziehungen, wie sie Sambraus (1969) feststellte, wenn das Management durch die Veränderung der Gruppe die lineare Rangordnung beeinflußt und beeinträchtigt.

Soziale Kontakte waren in beiden Gruppen sehr gering, sowohl im affiliativen als auch im agonistischen Verhalten. Nach der Klärung der Rangfolge traten kaum noch aggressive Auseinandersetzungen auf. Kiley- Worthington und de la Plaine (1983) bemerkten, daß es während der Grasezeit mehr bindendes als Konfliktverhalten gab. Sie schlußfolgern daraus, daß es bei sozial lebenden Tieren, die über genügend Futter verfügen, auf der Weide während der Grasesaison vorwiegend affiliative und kaum agonistische Begegnungen gibt.

Während der Winter- Heu- Fütterung gab es im Laufe der Beobachtungen einen Anstieg an aggressiven Begegnungen, die das Resultat des Wettbewerbs um eine begrenzte Ressource darstellten, wie es im Sommer nicht auftritt. Die Anzahl affiliativer Begegnungen wurde in dieser Zeit reduziert, da die Tiere vorwiegend ihrem ersten Interesse, dem Fressen, folgten.


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Spielerische Kontakte

Spielerische Aktivitäten fanden meist in der Dämmerung der Abendstunden statt. Fast alle Kälber beteiligten sich daran. Die Mütter ließen sich nur selten mit in die Aktivitäten einbeziehen. Besonders oft waren dann Bewegungsspiele zu beobachten, denen sich ein spielerischer Kampf anschloß. Lumia (1972) nennt als Hauptspielstunde die Zeit nach dem abendlichen Fressen, Koch (1968) die Abenddämmerung und Reinhardt (1980) die abendliche Saugphase. Obwohl es den Angaben aus der Literatur widerspricht, fanden Dannenmann et al. (1985) bei Stallhaltung, daß es bei niedrigem Lichtniveau (2 und 20 lx) wenig spielerische Aktivität gab. Beim Übergang in ein höheres Lichtniveau (100 bis 120 lx) war ein Effekt auf die spielerische Aktivität erkennbar.

Die spielerischen Kontakte der ersten bis achten Lebensmonate blieben über die gesamte Zeit annähernd gleich und in beiden Gruppen ausgeglichen. Eine Ausnahme bildete der dritte bis vierte Lebensmonat der beiden Gruppen, der August 1994. In diesem Monat zeigte sich bei den Saugkälbern eine deutliche Spitze, der auf ein besonderes Wohlbefinden aufgrund der sommerlichen Witterungsbedingungen hindeutet.

Nach Kiley- Worthington und de la Plaine (1983) begünstigen die Witterungsbedingungen zu diesem Zeitpunkt die verstärkte Vermehrung von Kleininsekten und Bremsen. Auch diese könnten beispielsweise zu mehr Bewegungsspielen führen. Voraussetzung für diese Annahme sind natürlich Frühjahrsabkalbungen. Weiterhin begründen die Autorinnen eine solche Spitze bei ihren Untersuchungen damit, daß bei den Müttern zu dieser Zeit ein maximaler Milchertrag und bei den Kälbern eine verstärkte Muskelentwicklung vorhanden ist, die die Kälber dazu animieren, die Muskeln auch zu gebrauchen und besonders häufig die Umwelt zu erforschen.

Die Anzahl der spielerischen Kontakte der Jungrinder (T) ist im Gruppenvergleich bis zum 15. Lebensmonat höher als in den Folgemonaten. Nur im elften Lebensmonat hatten die Jungrinder (S) häufiger spielerische Kontakte untereinander. In den anderen Monaten spielten die Jungrinder (T) häufiger miteinander. Spielerisches Hornen bildete die Mehrzahl der spielerischen Kontakte. Bewegungsspiele traten nur vereinzelt auf. An den Bewegungsspielen beteiligten sich dann die meisten Tiere, während das spielerische Hornen meist nur von einem oder zwei Tierpaaren ausgeführt wurde. Ab sechzehnten Lebensmonat nahm die Häufigkeit der spielerischen Kontakte ab. Von November 1995 bis Februar 1996 (18. bis 21. Lebensmonat) war keine spielerische Aktivität in der Jungrinder (S)- Gruppe zu beo-bachten. Eine Ursache könnte unter anderem darin liegen, daß die Tageslichtlänge in diesen Monaten sehr reduziert ist und die Tiere die Zeit vor allem zur Nahrungssuche verwenden. Schloeth (1961) beobachtete, daß die halberwachsenen Tiere auch unabhängig


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von der Witterung weniger spielbereit sind und sich nur nach Spielaufforderungen durch Kälber in spielerische Handlungen einbeziehen ließen. Da die Aufforderungen von Kälbern in diesem Versuch nicht möglich waren, könnte dies zusätzlich zu den widrigen Witterungsbedingungen eine weitere Erklärung sein. Eine andere Ursache könnte dadurch begründet sein, daß die Jungrinder aus mütterlicher Aufzucht bereits drei bis vier Monate trächtig waren und so einzelne Verhaltensweisen nicht mehr ausgeübt wurden, also eine gewisse Verhaltensumstellung stattgefunden hatte.

Insgesamt kann für die gesamte Jungrind- Phase festgestellt werden, daß die mutterlos aufgewachsenen Jungrinder häufiger spielerische Aktivitäten zeigten. Warum beide Tiergruppen fast abrupt ab 16. Lebensmonat weniger spielten, kann nicht eindeutig geklärt werden.

Aus den einzelnen Verhaltenskategorien ergibt sich, daß die Saugkälber bis einschließlich 15. Lebensmonat weniger affiliative Aktivitäten zu den anderen Gruppenmitgliedern hatten. Signifikante Unterschiede gab es aber nur im 14. Lebensmonat. Lediglich im 16. und 17. Lebensmonat zeigten die Saugkälber mehr bindendes Verhalten als die Tränkkälber.

Flehmen trat in beiden Tiergruppen auf, wenn auch sehr selten. Auch war es erst ab der Jungrind- Phase zu beobachten. Die Verhaltensweise muß insofern beachtet werden, da dieses Flehmen ausschließlich bei weiblichen, also gleichgeschlechtlichen Tieren stattgefunden hat. Nach Kiley- Worthington und de la Plaine (1983) kann Flehmen nicht nur bei männlichen Tieren zur Feststellung des Östrus der weiblichen Tiere, sondern auch bei Kühen und Kälbern und dann hauptsächlich gegenüber adulten Kühen auftreten. Auch bei starken und unbekannten Gerüchen kann Flehmen beobachtet werden und ist demzufolge auch eine Erkundungsmethode, die der Bestimmung fremder Substanzen mittels der Nasalhaut dient. Durch das Flehmen werden Pheromone wahrgenommen. Gleichzeitig zeigt es in ausgeprägter Form die Paarungsbereitschaft der Rinder an. Reinhardt (1980) beschreibt das Flehmen von Mutterkühen als eine Verhaltensreaktion, die besonders durch urogenitale Geruchsstoffe weiblicher Kälber ausgelöst wird. Welchen Informationsgewinn sie der Kuh bringt, konnte er nicht feststellen.

Kiley- Worthington und de la Plaine (1983) stellten Flehmen bei weiblichen Tieren dann fest, wenn kein Bulle mit in der Herde lief. Hurnik et al. (1975) bemerkten bei Beobachtungen ihrer Holstein- Kühe, daß sie, verbunden mit dem Aufreiten, ein Kinnstrecken zeigten, welches sonst häufig bei heterosexuellen Aktionen gezeigt wurde. Das Kinnstrecken könnte auch in diesen Untersuchungen die geeignete Interpretation der Verhaltensweise sein. Auch Schloeth (1961) sah solche Camargue- Kühe flehmen, die junge Rinder und


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einen jungen Bullen genital berochen. Das Flehmen wird also ebenfalls von weiblichen Tieren durchgeführt, allerdings stützt sich das auf seltene Beobachtungen. Koch (1968) konnte Flehmen bei weiblichen Tieren auch beobachten, ebenfalls sehr selten.

Die Anzahl der Gesamtsozialkontakte zu den gleichaltrigen Gruppenmitgliedern sank in der Jungkuh- Phase wieder. Gegensätzliches beobachteten Kiley- Worthington und de la Plaine (1983). Sie berichten, daß sich die Kontakte der Kühe vor allem auf andere Kühe und die Kontakte der Kälber vor allem auf andere Kälber richteten. Die Zahl der Gesamtkontakte zu den Nachkommen ist in diesen Monaten sehr viel höher, als die zu den Gleichaltrigen.

Sozialkontakte zu den Nachkommen

Die Jungkühe (S) haben insgesamt häufiger Kontakte zu ihren Nachkommen als die Jungkühe (T). Ein Einfluß der unterschiedlichen Aufzuchtformen der Mütter auf die Zuwendung der Mütter zu ihren Kälbern scheint erkennbar zu sein. Le Neindre (1989) ist zwar der Ansicht, daß die Kälberaufzucht durch die Mutter die normale Verhaltensentwicklung des Kalbes begünstigt. Unklar ist seiner Meinung nach aber, inwiefern sich die eigenen Erfahrungen der Mutter in der Verhaltensentwicklung des Kalbes manifestieren.

Im ersten Lebensmonat der Nachkommen ist die Anzahl der Kontakte der Mütter zu den Nachkommen beider Gruppen fast gleich, aber in den folgenden Monaten liegt die Anzahl der Kontakte der Jungkühe (S) erheblich höher und die Unterschiede sind signifikant. Da die Jungkühe (T) ohne Mütter aufgewachsen sind, sind vermutlich nicht genügend Eigenerfahrungen aus der Aufzucht von Nachkommen vorhanden. Daher nehmen die Jungkühe (T) weniger Kontakt mit ihren Nachkommen auf. Sie standen dafür häufiger zusammen oder grasten.

Beide Gruppen säugten ihre Nachkommen in deren ersten Lebensmonat fast genauso oft, die Jungkühe (S) etwas häufiger. Die Spannbreite zwischen den Jungkühen (S) war allerdings im ersten Lebensmonat der Kälber deutlich größer als in der Gruppe der Jungkühe (T). Mit fortschreitendem Alter der Nachkommen säugten die Jungkühe (T) ihre Nachkommen weniger als die Jungkühe (S) ihre Kälber. In beiden Gruppen wich die Häufigkeit, wie oft jede einzelne Mutter ihre Nachkommen säugte, kaum vom Gruppenmittelwert ab.

Fremdsaugen wurde in beiden Gruppen nur relativ selten beobachtet. Die Häufigkeit des Fremdsaugens ist mit der der Saugkälber der ersten Generation nicht vergleichbar, denn da trat es sehr viel häufiger auf. Beleckt wurden die fremden Kälber im Zusammenhang mit


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dem Fremdsaugen auch nicht. Reinhardt (1980) beobachtete, daß die Mütter zwar fremde Kälber saugen ließen, sie aber gleichfalls nicht beleckten. In beiden Gruppen war die Duldung des Fremdsaugens fast gleich. Bei den wenigen Fremdsaugakten ist es kaum möglich, Schlußfolgerungen zu ziehen. Eine Kontrolle durch Belecken im Ano- Genitalbereich der fremden Kälber fand dabei nicht statt. Illmann et al. (1997) nannten das Belecken der Ano- Genitalregion vor Beginn ihrer Untersuchungen beim Rotwild thesenhaft als Kriterium einer sich gründenden Mutter- Kind- Beziehung, revidierten das nach den Untersuchungen allerdings, weil zwei Mütter bis zu sechs fremde Kälber leckten und es ziemlich unwahrscheinlich erschien, daß sich zu allen fremden Kälbern eine Mutter- Kalb- Beziehung entwickelte. Die Mütter standen beim Fremdsaugen der Kälber sehr still und zeigten keine Bemühungen, die fremden Kälber wegzustoßen. Nicht alle Jungkühe (T) ließen fremde Kälber saugen, sondern nur zwei, die Tiere Nr. 1806 und Nr. 1833. Die anderen stießen die fremden Kälber weg. Bei den Jungkühen (S) gab es keine Tiere, die fremde Nachkommen (S) mehrmals saugen ließen. Das beobachtete Fremdsaugen kann für beide Gruppen als zufällig eingeschätzt werden. Die wiederholte Duldung des Fremdsaugens bei den Jungkühen (T) läßt aber erkennen, daß von den Müttern bestimmte weitergegebene Erfahrungen fehlen.

Im ersten Lebensmonat der Nachkommen beleckten die Mütter beider Gruppen ihre Kälber gleich häufig. In den folgenden Lebensmonaten waren es die Jungkühe (S), die am häufigsten auf diese Weise mit ihren Nachkommen kommunizierten, im zweiten und vierten Lebensmonat der Kälber sind signifikante Unterschiede vorhanden. Die Häufigkeit des Beleckens der Nachkommen sank in beiden Gruppen mit zunehmendem Alter der Kälber ab, bei den Jungkühen (T) besonders schnell. Das Belecken des Kalbes durch die Mutter ist neben dem Saugen wohl die häufigste Handlung, bei der die Bindung der Mutter an ihr Kalb zum Ausdruck kommt. Die Häufigkeit und Intensität des Beleckens sieht Koch (1968) als einen Gradmesser der Bindung zwischen Kalb und Mutter. Lidfors (1994) stellte die Hypothese auf, daß Mütter, die viel Zeit mit dem Lecken des Kalbes verbringen, auch später mehr soziale Interaktionen mit dem Kalb haben. Allerdings merkten Lidfors und Jensen (1994) an, daß die Leckdauer mit steigendem Lebensalter des Kalbes sinkt.

Da die sozialen Verhaltensweisen unter anderem durch Nachahmen erlernt werden, hatten die Jungkühe (S) Vorteile bei der Betreuung ihrer eigenen Nachkommen, da ihnen möglicherweise ihre juvenilen Erfahrungen aus der eigenen Aufzucht dabei zugute kamen.

Beriechen der eigenen Nachkommen konnte als eigenständige soziale Aktivität in beiden Gruppen nur sehr selten beobachtet werden. Auch bei fremden Nachkommen wurde dies nicht bemerkt. Als unmittelbar in die sozialen Verhaltensabläufe einbezogene Verhaltens-


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weise trat das Beriechen der Nachkommen natürlich sehr viel häufiger auf, als sich das in den vorliegenden Ergebnissen widerspiegelt.

Geringe Unterschiede im Kopfauflegen bzw. Kopfreiben der Mütter bei den Nachkommen traten nur im zweiten Lebensmonat der Nachkommen auf. Ob zumindest eine Tendenz vorhanden ist, ist fraglich, da die Mütter diese Verhaltensweisen sehr selten zeigten. Das Kopfreiben scheint mehr eine Verhaltensweise zu sein, die eher Kälber an ihren Müttern ausführen als umgekehrt.

In den Ruhephasen beider Tiergruppen suchten die Jungkühe (T) im ersten Lebensmonat der Nachkommen häufiger die Nähe ihrer Nachkommen. Die Jungkühe (S) lagen im zweiten Lebensmonat der Nachkommen öfter bei ihnen. Im dritten und vierten Lebensmonat der Kälber war die Häufigkeit des gemeinsamen Liegens in beiden Gruppen ausgeglichen. Wird das gemeinsame Stehen mit den Nachkommen auch als Ruhephase und als das Suchen von gegenseitiger Nähe angesehen, dann ist auffallend, daß die Jungkühe (T) zwar im ersten Lebensmonat der Nachkommen starke Bindungen aufbauen, die aber in den folgenden Monaten erheblich reduziert werden. Bei den Jungkühen (S) fällt die Anzahl derartiger Kontakte zwar mit fortschreitendem Alter der Nachkommen ebenfalls ab, aber die Reduzierung vollzieht sich im Gegensatz zu den Jungkühen (T) kontinuierlicher.

Gemeinsam mit den Nachkommen grasten beide Müttergruppen nur relativ wenig. Dies entspricht aber auch den Angaben aus der Literatur, daß sich die Mütter im Tagesablauf doch noch sehr von den Nachkommen unterscheiden. So verbrachten die von Veissier et al. (1990) beobachteten Kühe beispielsweise mehr Zeit mit ihrem Jährling, als mit den neugeborenen Kälbern. Das liegt an der Ähnlichkeit der Hauptaktivitäten, die mit den neugeborenen Kälbern noch nicht gegeben ist. Die Autoren erkannten, daß die Kälber ihren Tagesablauf noch nicht nach der Nahrungssuche gestalten müssen, sondern gemeinsam mit ihren Altersgenossen spielerische Aktivitäten und Erkundungen durchführten.

Sowohl die Jungkühe (S) als auch die Jungkühe (T) stießen sehr wenig fremde Nachkommen weg. Die Unterschiede zwischen beiden Gruppen sind sehr gering. Die Jungkühe (T) verdrängten im ersten und vierten Lebensmonat der Nachkommen (T) fremde Kälber öfter, wobei stets die gleichen Mütter fremde Kälber wegstießen. Bei den Jungkühen (S) stieg die Häufigkeit des Wegstoßens im zweiten und dritten Lebensmonat an. Das könnte mit dem Streben der Nachkommen, bei fremden Müttern zu saugen, zusammenhängen. Um den eigenen Nahrungsbedarf zu stillen, müßten die Kälber andere Futterquellen ebenso erschließen, da bei den eigenen Müttern die Milchmenge geringer wird. Die natürliche Abwehr solcher Fremdsaugversuche stieg besonders im zweiten Lebensmonat der Kälber an.


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Werden die Sozialkontakte zu den Nachkommen summiert, sieht man, daß die Jungkühe (S) zu ihren Nachkommen häufiger Sozialkontakte hatten als die Jungkühe (T) zu ihren, im zweiten, dritten und vierten Lebensmonat sind die Unterschiede signifikant häufiger. Große Abweichungen einzelner Tiere vom Gruppenmittelwert gab es in beiden Gruppen nicht. Kiley- Worthington und de la Plaine (1983) stellten ebenfalls fest, daß der Anteil der sozialen Kontakte zwischen Kuh und Kalb mit steigendem Alter des Kalbes immer weniger von der Mutter initiiert wird.

Auch der Zeitanteil, den die Jungkühe (S) gemeinsam mit ihren Nachkommen verbrachten, ist größer als bei den Jungkühen (T). Im zweiten und vierten Lebensmonat der Nachkommen sind die Unterschiede signifikant. Im ersten und dritten Monat sind die Unterschiede nicht signifikant, klare Tendenzen waren trotzdem zu erkennen. Während der Beobachtungen der beiden Gruppen wirkten die Jungkühe (S) in ihrer Art und Weise, wie sie ihre Kälber umsorgten, geschlossener und auch fürsorglicher. Der visuelle Eindruck ist aber mathematisch nicht darzustellen oder belegbar. Kiley- Worthington und de la Plaine (1983) nahmen die Zeit, die eine Kuh mit ihrem Kalb verbringt, als Kriterium, um zu schätzen, ob sie eine gute Mutter ist. Allerdings sollten in diese Betrachtungen auch Indizien des Verhaltens gegenüber anderen Individuen eingehen. Wenn eine Kuh mehr Zeit mit ihrem Kalb verbringt, dann ist die Mutter- Kind- Beziehung stärker ausgebildet und sie wird als gute Mutter betrachtet. Allerdings ist diese alleinige Betrachtung eine zu große Vereinfachung und würde zu falschen und unkorrekten Schlußfolgerungen führen, aber einen Trend kann man aus diesen Ergebnissen doch ableiten. Le Neindre (1989) erkannte in seinen Beobachtungen auch den Trend, daß bei der Mutter aufgewachsene Mütter mehr mütterliches Verhalten zeigten als mutterlos aufgewachsene Mütter.

Zu den gleichaltrigen Tieren hatten die Jungkühe (S) in der Jungkuh- Phase mit Ausnahme des 27. Lebensmonats mehr soziale Leckkontakte als die Jungkühe (T). Auch das gegenseitige Kopfauflegen und Kopfreiben war in der Gruppe der Jungkühe (S) in den ersten beiden Lebensmonaten der Nachkommen signifikant häufiger als bei den Jungkühen (T). Im dritten und vierten Lebensmonat der Nachkommen war diese soziale Aktivität ausgeglichen. Das gegenseitige Beriechen und spielerische Kontakte unter den Gleichaltrigen waren in der Jungkuh- Phase relativ selten. Die sozialen Kontakte konzentrieren sich in dieser Zeit in beiden Gruppen mehr auf deren Nachkommen, obwohl spielerische Aktivitäten mit den Nachkommen nicht beobachtet werden konnten oder wenn sie auftraten, dann nicht von den Müttern und nur von den Kälbern ausgingen. Werden die Kontakte als affilliativ zusammengefaßt, haben die Jungkühe (S) in der Jungkuh- Phase mit Ausnahme des 27. Lebensmonats mehr Kontakte. Die Bindungen, die durch das Zusammenleben im Familienverband in den ersten Lebensmonaten entstanden sind, könnten Voraussetzung dafür sein,


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daß die Jungkühe (S) selbst als Mütter untereinander noch stärkere Beziehungen haben als die in Gruppe aufgewachsenen Jungkühe (T), die sich schon im Kalbesalter gegenüber ihren Gruppenmitgliedern behaupten mußten. Daß die Haltungsbedingungen in den ersten Lebensmonaten erheblichen Einfluß auf die Beziehungen im Erwachsenenalter ausüben, belegen die Arbeiten von Le Neindre et al. (1992) und Kiley- Worthington und de la Plaine (1983).

Auch Lidfors (1996) schlußfolgert, daß eine gemeinsame Haltung die Aktivität von Mutter und Kalb stimuliert, daß aber die Trennung nach vier Tagen die Aktivität und das Freßverhalten der Kälber beeinflußt. Veissier et al. (1989) stellten bei Friesian- Färsen, im Gegensatz zu Salers- Färsen, keine Langzeitwirkungen auf das Verhalten aufgrund unterschiedlicher Haltungsbedingungen fest. Somit wird die Intensität, mit der die Haltungsbedingungen das Verhalten der Tiere beeinflussen auch von der Rasse der Tiere bestimmt. Managementmethoden sind daher bedeutende Quellen, um die Umwelt zu variieren und Einfluß auf das Verhalten zu nehmen. Dies würde bedeuten, daß die ersten acht Lebensmonate der Tränkkälber, die sie ohne ihre Mütter verbringen mußten, die Tiere so beeinflußt haben, daß sie nicht in der Lage sind, ihr gesamtes Sozialverhaltensrepertoire auszuprägen. So stellt sich die Frage, ob eine homogen zusammengestellte Gruppe, wie sie in der Literatur oft präferiert wird, überhaupt anstrebenswert ist. Eine Möglichkeit, von älteren Tieren zu lernen, ist in solchen Gruppen nicht gegeben. Bei diesem Sachverhalt zeigt sich der Konflikt zwischen Verhalten und Wirtschaftlichkeit der modernen Tierhaltung. Auch die Kälberhaltungsverordnung stellt in diesem Zusammenhang keinen Fortschritt dar. Dem Tierhalter wird vorgeschlagen, die abgesetzten Kälber in Gruppenhaltung mit gleichaltrigen Artgenossen aufzuziehen. So sollen soziale Kontakte gewährleistet werden. Die Möglichkeiten aber, notwendige Verhaltensweisen zu erlernen, sind nur begrenzt vorhanden, da eine geschichtete Altersstruktur fehlt.

Tagessummen

Vergleiche der Saugdauer zwischen beiden Gruppen sind nur für die ersten drei Lebensmonate möglich, da die Tränkkälber nur bis zum dritten Lebensmonat am Tränkautomaten gehalten wurden. Für den vierten bis achten Lebensmonat der Tränkkälber läßt sich das entgangene Saugbedürfnis an den Saugzeiten der Saugkälber ablesen. Die Unterschiede in den Tagessummen für das Saugen in den ersten drei Lebensmonaten sind signifikant. In der Literatur sind verschiedene Angaben zur täglichen Gesamtsäugezeit angegeben. Sambraus (1991) gibt eine Gesamtsäugezeit unter natürlichen Bedingungen zwischen 45 und 60 Minuten an, Le Neindre et al. (1992) bei Kälbern bis zum Alter von fünf Monaten täglich nur ca. 30 Minuten, Hafez und Lineweaver (1968) für Holstein- und Hereford- Kälber zwischen 37 und 56 Minuten an, bei Metz und Metz (1985) schwanken die Werte zwischen 30 und 90 Minuten In diesen Angaben liegt also eine große Spannbreite. Eine


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Saugdauer, wie sie von Sambraus (1991) angegeben ist, konnte nur im dritten Lebensmonat mit durchschnittlich 59 Minuten beobachtet werden. Bei den errechneten Durchschnittswerten für die tägliche Gesamtsäugezeit muß beachtet werden, daß die Dauer des Fremdsaugens in die Auswertung einging. Diese lagen teilweise erheblich unter denen des Saugens. Illmann und Spinka (1993) stellten das in ihren Untersuchungen ebenso fest. Die Gesamtsäugezeiten der anderen Monate liegen etwas über den Angaben von Le Neindre et al. (1992). Im sechsten Lebensmonat ist die Saugdauer mit durchschnittlich 35 Minuten noch immer höher, als die von Sambraus (1991) angegebene, der von durchschnittlich 20 Minuten pro Tag zu diesem Zeitpunkt ausgeht. Obwohl die Tränkkälber im ersten Lebensmonat mit durchschnittlich 32 Minuten länger saugten als die Saugkälber, erreicht die Saugdauer in den drei Monaten, während sie am Tränkautomaten gehalten wurden, lediglich die von Le Neindre et al. (1992) angegebenen Werte. Riese et al. (1977) stellten bei ihren Beobachtungen die gleiche Saugdauer zwischen Mutterkuhhaltung und Automatentränke fest. Der natürliche Saugtrieb kann vom Automaten allerdings nicht gestillt werden. Eine Befriedigung des Saugbedürfnisses kann über verschiedene Wege erreicht werden, über die in der Literatur berichtet wird. Nach Ahmed (1987) kann beispielsweise durch die Verringerung des Schlauchdurchmessers des Tränkautomaten die Saugdauer verlängert werden. Am Schlauch mit dem geringsten Durchmesser saugten die Kälber am längsten, besuchten den Automaten aber seltener.

Die Zeitsummen im Versuch kommen für durchschnittlich drei bis vier Saugakte bei den Saugkälbern und circa sechs Saugakten bei den Tränkkälbern zustande. Ahmed (1987) gibt die Saughäufigkeit mit drei bis viermal täglich an; Hafez und Lineweaver (1968) und Le Neindre et al. (1992) mit drei bis sechs mal und Schloeth (1958) für das Camargue- Rind mit sechs bis acht mal täglich an. Sommerville et al. (1979) stellten in ihren Studien fest, daß das Alter keinen signifikanten Einfluß auf die Saugfrequenz hatte, allerdings war ein Trend festzustellen, daß jüngere Kälber öfter saugten als ältere Kälber. Hafez und Lineweaver (1968) fanden heraus, daß die Saugfrequenz mit zunehmendem Alter ansteigt. Bei den Saugkälbern im Versuch traten auch Saugakte mit einer Dauer von bis zu 20 Minuten auf. Kiley- Worthington und de la Plaine (1983) begründen solch lange Saugakte mit einer geringer werdenden Milchmenge, so daß die Kälber mehr "arbeiten“ mußten, um ein genügendes Mahl zu bekommen. Mit zunehmendem Alter nahm die durchschnittliche Saugdauer aber ab. Nach dem achten Lebensmonat wurden die Saugkälber von ihren Müttern abgesetzt.

Bei den Tränkkälbern nahm die Dauer der Saugakte mit zunehmendem Alter ab. In der Literatur wird das bestätigt (Riese et al., 1977; Hafez und Lineweaver, 1968; Zerbe und Schlichting, 1993). Im ersten Lebensmonat schwankte die reine Saugdauer pro Saugakt


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durchschnittlich zwischen sechs und sieben Minuten. Sie nahm bis zum dritten Lebensmonat stetig ab und betrug im dritten Lebensmonat nur noch durchschnittlich ein bis höchstens drei Minuten. Hafez und Lineweaver (1968) geben für künstlich aufgezogene Holstein- Kälber 0,88 bis 2,19 Minuten und für Hereford- Kälber 1,19 bis 1,49 Minuten je Saugakt an und bestätigten damit die beobachtete Saugdauer. Die Kälber verweilten aber nach dem Saugen noch länger in der Tränke und spielten oft noch länger am Nuckel als der eigentliche Saugakt dauerte, um ihr Saugbedürfnis zu befriedigen. Betrachtet man die Saugdauer der Saugkälber vom fünften bis achten Lebensmonat, so offenbart sich, daß die Tränkkälber viel zu früh abgesetzt wurden und daß allgemein automatengefütterte Kälber nach dem zu frühen Absetzen ihr Saugbedürfnis nicht befriedigen können und neue Lösungen für diese Fütterungs- und Haltungsproblematik gefunden werden müssen.

Summiert man die Dauer des Saugens, des Leersaugens und des Besaugens der Tränkkälber in den ersten drei Lebensmonaten, so fällt im Vergleich mit der durchschnittlichen täglichen Dauer des Saugens der Saugkälber zunächst auf, daß die Gesamtaktivität des Saugens in beiden Kälbergruppen gleichermaßen zunimmt. Bei den Tränkkälbern nahm dabei die Dauer des Saugens (mit Milchfluß aus dem Automaten) vom ersten bis zum dritten Lebensmonat ab und dementsprechend die "Ausgleichsaktivitäten“ Leersaugen und Besaugen zu. Nach Hafez und Lineweaver (1968) verbringen Kälber bei freiem Zugang zum Tränkautomaten nahezu die gleiche Zeit, wie beim natürlichen Saugakt an der Zitze. Eine Befriedigung des Saugbedürfnisses scheint auf diese Weise erreicht zu werden. Die Saugstellung am Automatennuckel entsprach der am Kuheuter. Hafez und Lineweaver (1968) beobachteten die natürliche Saugstellung der automatengefütterten Kälber in ihrem Versuch ebenso. Die Saugdauer an der Tränke ist nach Pirkelmann und Schlichting (1992) nicht nur nach verfahrenstechnischen Auswirkungen auf die Standbelegung zu wählen, sondern sie muß auch ausreichen, um den natürlichen Saugtrieb beruhigen zu können. Neben der reinen Trinkzeit sollte noch eine zusätzliche Betätigungsdauer am Nukkel ermöglicht werden. Die Möglichkeit dieser Zusatzbetätigung nahmen die Tränkkälber zwar wahr, aber das gegenseitige Besaugen konnte dadurch auch nicht verhindert werden. Die gleichaltrigen Kälber zu besaugen, war also einfach attraktiver und vereinigte mehr Auslösemechanismen in sich als der Tränkautomat. Eine Untersuchung der verschiedenen Saugzeiten und -phasen der Saugkälber war mittels der gewählten Beobachtungsmethode nicht möglich. Auch wurde nicht erfaßt, ob der Saugwiderstand des Automaten dem des Kuheuters entsprach.

Werden die Tagessummen des Fressens und des Saugens zwischen beiden Gruppen verglichen, so wird deutlich, daß gerade in den ersten Lebensmonaten die von ihren Müttern aufgezogenen Saugkälber längere Freß- und Saugzeiten haben. Bis zum elften Le-


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bensmonat fraßen die Saugkälber durchschnittlich länger als die Tränkkälber. Neben der sozialen Geborgenheit in den ersten Lebensmonaten hatten die Saugkälber so auch bessere physische Voraussetzungen. Diese Unterschiede zeigen sich bereits in der Gewichtsentwicklung beider Gruppen, die sehr unterschiedlich ist und bei der die Saugkälber deutlich größere Zunahmen aufweisen. In den Untersuchungen von Kiley- Worthington und de la Plaine (1983) stieg die Grasezeit mit Abnahme der Weidefläche bzw. reduzierten Vegetation im Herbst stark an. Dies kann durch diesen Versuch nicht bestätigt werden. Die Grase- bzw. Freßzeit blieb vom August 1994 bis zum Januar 1995 fast konstant, was vermuten läßt, daß die Tageslichtlänge keinen verkürzenden Einfluß auf die Freßzeit hatten. Auch Wilson und Flynn (1979) bestätigen das in ihren Untersuchungen.

Erst vom 12. bis 18. Lebensmonat fraßen die Tränkkälber durchschnittlich länger und konnten so die physischen Nachteile der ersten Lebensmonate etwas reduzieren. Ein Ausgleichen der körperlichen Entwicklung schien allerdings nicht möglich. Nach visueller Einschätzung der physischen Merkmale beider Gruppen wiesen die Saugkälber ein besseren Allgemeinzustand auf. Nach dem 20. Lebensmonat fraßen die Saugkälber bis Versuchsende wieder signifikant länger als die Tränkkälber. Die Vorteile aus der günstigen physischen Entwicklung der frühen Lebensmonate scheinen dafür die Voraussetzung gewesen zu sein.

Die unterschiedlichen Liegezeiten zwischen beiden Gruppen in den ersten Lebensmonaten könnten auf die weniger Sozialreize bietende Umwelt der Tränkkälber, zurückzuführen sein. Auf der Weide lieferten die geschichtete Altersstruktur ebenso wie die vielfältige Fauna und Flora genügend Reize, die es zu erkunden galt. Die Saugkälber lagen also nicht so lange wie die Tränkkälber. Obwohl die Saugkälber aktiver waren, hatten sie höhere Lebenstagzunahmen. Erst als die Tränkkälber in einem Stall mit Auslauf gehalten wurden, reduzierte sich ihre Liegezeit ebenfalls und die Liegezeit war zwischen beiden Gruppen ausgeglichen. Daß die Tränkkälber im achten Lebensmonat durchschnittlich eine Stunde während des Lichttages lagen, liegt daran, daß sie die Möglichkeit hatten, während des sehr kalten und windigen Klimas, den Stall aufzusuchen und so einen trockenen und warmen Untergrund vorzufinden, der mit Stroh gestreut war. Gleichzeitig bot der Stall Schutz vor dem eisigen Wind. Die Verkürzung der Liegezeiten beider Gruppen läßt ebenfalls den Alterseinfluß erkennen. Im neunten Lebensmonat waren die Saugkälber ähnlich wie die Tränkkälber in einem Stall mit Weideauslauf untergebracht. Aufgrund der winterlichen Witterung bevorzugten die Saugkälber ebenfalls den trockenen Stall zum Liegen. Ab April 1995, dem elften Lebensmonat wurden beide Gruppen gleichermaßen auf der Weide gehalten. In den folgenden Monaten der Jungrind- Phase lagen die Tränkkälber durchschnittlich länger. Im 16. und 17. Lebensmonat lagen die Saugkälber länger. Es ist zu erkennen, daß die Liegezeit


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beider Gruppen in Zusammenhang mit den Jahreszeiten steht. Zum Herbst und Winter hin nehmen die Liegezeiten ab und nehmen zum Frühjahr und Sommer wieder zu. Ray und Roubicek (1971) fanden signifikante jahreszeitliche Unterschiede beim Liegen, die aber relativ gering sind und in Beziehung zum Freßverhalten standen. Es ist zwar keine definitive Aussage über die Dauer der durchschnittlichen Liegezeiten in beiden Gruppen möglich, aber tendenziell lagen die Tränkkälber über den gesamten Untersuchungszeitraum länger. Der Einfluß der Haltungsform auf die Liegedauer betrug 86% und war somit sehr hoch.

Mit Ausnahme des ersten und achten Lebensmonats, in denen die Stehdauer in beiden Gruppen ausgeglichen war, standen die Tränkkälber länger als die Saugkälber. Nach den Angaben von Kiley- Worthington und de la Plaine (1983) müßte der Zeitanteil für das Stehen ohne Betätigung im Herbst mit abnehmender Vegetation und somit reduzierter Weidefläche abnehmen, da in ihrem Versuch die Grasezeit anstieg. Die Grasezeit blieb in meinem Versuch konstant und der Zeitanteil für das Stehen ohne Betätigung stieg an. Die verlängerte Stehdauer im achten Lebensmonat läßt sich durch die winterliche Witterung begründen, in der die Gruppe zwischen den Freßzeiten auf der Weide zusammenstand, um sich vor dem eiskalten Wind zu schützen. Die langen Stehzeiten der Jungrinder (S) im 12., 14. und 15. Lebensmonat lassen sich auf die hochsommerlichen Temperaturen zurückführen, während der die Tiere sehr eng zusammenstanden und sich dadurch gegen die Hitze schützten. Manchmal wechselten sie dabei ihren Standplatz und stellten sich anschließend wieder zusammen. Ebenfalls während der Wintermonate 1995/96 traten lange Stehzeiten auf, die auf das winterliche Klima und die dadurch verkürzten Liegezeiten zurückgeführt werden könnten. Während der Jungkuh- Phase läßt sich keine Tendenz erkennen, welche der beiden Gruppen länger stand.


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Lichttagesrhythmik

Für die Auswertungen der Saugrhythmik wurden ausschließlich Werte benutzt, bei denen die Tränkkälber selbständig an den Tränkautomaten gegangen sind. Dabei ist zu bemerken, daß die Tiere frühestens nach einer Gewöhnungszeit von mindestens sieben Tagen, durchschnittlich aber erst nach zehn Tagen, selbständig zum Saufen an den Automaten gegangen sind. Während der Beobachtungen von Kovalcik et al. (1980) lernten die Kälber bereits nach zwei Tagen, vom Automaten zu trinken. Ein Kalb trank bereits am zweiten Tag, nachdem es in die Gruppe eingestallt wurde, am Automaten. In den folgenden beiden Tagen allerdings trank dieses Kalb nicht freiwillig und mußte ebenfalls an die Tränke geführt werden. Als Gegenbeispiel ging das Tier 1806 erst nach ca. 20 Tagen selbständig an den Tränkautomaten. Dies würde den Empfehlungen von Rieger und Lemke (1994) entsprechen, die die Gewöhnung an den Tränkautomaten frühestens ab 14. Lebenstag empfehlen. Sie führten die Kälber, aufgrund der unterschiedlichen Lernfähigkeit der Kälber, am ersten Tag noch an den Automaten heran. Dies war auch im Versuch notwendig. In den ersten Lebenstagen wurden die Kälber an den Automaten geführt oder mit einer Flasche getränkt, an der der gleiche Nuckel wie an der Tränke angebracht war.

Im ersten Lebensmonat lag die Aktivitätskurve des Saugverhaltens der Tränkkälber über der der Saugkälber. Dies ist damit zu begründen, daß die Tränkkälber nur zu fest programmierten Zeiten am Tränkautomaten Milch bekamen. Die programmierten Zeiten entsprachen im ersten Lebensmonat dem natürlichen Tagessaugrhythmus der Kälber. Im zweiten und dritten Lebensmonat war dies jedoch nicht der Fall und die Kälber warteten bereits vor dem Automaten auf die Freigabe der Milch. Nach Schlichting (1993) machen erste Ergebnisse am prozessorgesteuerten Tränkeautomaten deutlich, daß sich die Kälber relativ schnell an das Tränkesystem mit den vorgegebenen Saugzeiten gewöhnen und ihren Tagesrhythmus danach ausrichten. Darüberhinaus passen sie sich mit ihrer Trinkgeschwindigkeit an, die auch nur unwesentlich schwankt und eher altersabhängig ist. Die Erfahrungen, die sich aus den ersten Tagen der Untersuchungen ergaben, lassen die Frage aufkommen, was Schlichting (1993) mit relativ schneller Gewöhnung meint. Die im vorliegenden Versuch verwendeten Kälber gingen frühestens nach zehn Tagen selbständig an den Tränkautomaten.

In den Untersuchungen von Kotenbeutel und Krocker (1992) bestimmten vorrangig die programmierten Tränkezeiten den Zeitpunkt des Automatenbesuches. Die Autoren empfehlen daher eine verbesserte Anpassung der Tränkzeiten an den natürlichen Rhythmus der Nahrungsaufnahme. Eine Anpassung der Trinkgeschwindigkeit ist zwar bei den Tränkkälbern vorhanden, allerdings ist die Verkürzung der einzelnen Saugzeiten nicht anstre-


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benswert. Ebenso konnte während der Untersuchungen, im Gegensatz zu Schlichting (1993), keine Verringerung der Tränkebesuche ohne Milchanspruch festgestellt werden. Das Leersaugen am Automatennuckel schien im Laufe der Untersuchungen nicht an Attraktivität für die Kälber einzubüßen. Die Häufigkeit des gegenseitigen Verdrängens an der Tränke blieb annähernd konstant. Eine Benachteiligung einzelner Kälber trat jedoch nicht auf.

Im ersten Lebensmonat nahmen die Tränkkälber über den Lichttag hinweg sechs Saugzeiten in Anspruch. Die Saugperioden lagen bei den Saugkälbern etwa zur gleichen Zeit. Jedoch ist die Aktivitätskurve flacher, da die Kälber zu jeder beliebigen Tageszeit an ihren Müttern saugen konnten und dadurch keine so deutlich ausgeprägten Aktivitätsgipfel entstanden. In der Regel saugten fast alle Kälber innerhalb der ersten Stunde nach dem Morgengrauen, so wie es auch aus der Literatur bekannt ist. Saugaktivität führt oft zu einer Kettenreaktion. Der Anblick eines saugenden Kalbes bringt andere Kälber ebenfalls dazu, zu saugen (Reinhardt und Reinhardt, 1982). Die Autoren beobachteten, daß auch die Mütter Initiatoren des Saugens sein können.

Auch im zweiten Lebensmonat waren bei den Tränkkälbern wieder deutliche Saugperioden zu erkennen, allerdings sind sie im Vergleich zum ersten Lebensmonat nicht mehr so stark ausgeprägt. Die Tränkkälber nahmen die sieben Tränkzeiten wahr, die der Computer ermöglichte. Im Vergleich zum ersten Lebensmonat verkürzte sich die Dauer der Saugperioden deutlich. Die Kurve der Saugkälber zeigt Unterschiede zu der der Tränkkälber. Es ist zu erkennen, daß die Saugkälber im Gegensatz zu den Tränkkälbern über den ganzen Tag hinweg die Möglichkeit des Saugens besitzen, so daß die Ausprägung von Saugperioden nicht so stark zum Ausdruck kommt. Während bei den Saugkälbern im dritten Lebensmonat eine gleichmäßige Verteilung über den Tag hinweg mit vier deutlichen Saugperioden zu verzeichnen ist, mußten sich die Tränkkälber erneut nach den Computerzeiten richten. Ab fünften Lebensmonat reduzierte sich die Saughäufigkeit der Saugkälber bis zum Absetzen immer weiter.

Entsprechend der Literaturangaben (Veissier et al. (1989)) nimmt in diesem Zeitraum mehr und mehr der Anteil des Rauhfutters an der Ration zu. Die Aufnahme von Milch dient so als zusätzliche Mahlzeit und das Saugen allgemein vorwiegend als soziale Komponente.

Rosecrans und Hohebroken (1982) berichten, daß Kälber mit zunehmendem Alter mehr von Rauhfutter als von Milch abhängig sind, um ihre Ernährungserfordernisse zu befriedigen. Das offenbarte sich aufgrund der sinkenden Saughäufigkeit und dem gleichzeitigen Ansteigen des Gewichtes.


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Beide Gruppen unterscheiden sich in ihrer Tagesrhythmik in den ersten Lebensmonaten deutlich. Die zeitliche Struktur zwischen den Gruppen ist über den Tag verteilt meist um ca. 45 Minuten verschoben. Mit zunehmendem Alter nähern sich beide Gruppen mit ihren Aktivitätsphasen an. Grundlegend ist allerdings zu bemerken, daß sich zwar beide Gruppen in ihren verschiedenen Aktivitätsperioden angleichen, aber eine zeitliche Verschiebung über den Tag hinweg auch mit zunehmendem Alter erhalten bleibt. Deutliche Unterschiede liegen meist in den Morgen - und Vormittagsstunden.

Im Freßverhalten unterscheiden sich beide Gruppen in den ersten Lebensmonaten erheblich. Beide Gruppen begannen zwar gleichermaßen kurz nach Sonnenaufgang mit dem Fressen, was mit der Unterbrechung durch Liege- und Wiederkauzeiten auch bis nach Sonnenuntergang dauerte, aber die Unterschiede zwischen beiden Gruppen lagen vor allem in der unterschiedlichen Dauer und Ausprägung der Freßperioden. Die Freßperioden der Saugkälber dauerten meist länger und gleichzeitig beteiligten sich mehr Tiere an ihnen. Wilson und Flynn (1979) beobachteten, daß ihre Versuchstiere ebenso in der Dämmerung mit dem Fressen begannen und bis kurz nach Sonnenuntergang grasten.

Nach dem Absetzen im achten Lebensmonat kam es nicht zu einem erkennbaren Wechsel im circadianen Verhalten, wie Veissier et al. (1989) ihn feststellten. Kiley- Worthington und de la Plaine (1983) bemerken dazu, daß Tiere unter extremen Witterungsbedingungen nicht dem gewohnten Rhythmus folgen und es so schwierig ist, einige konstante Merkmale für Kühe und Kälber zu finden. In ihren Untersuchungen grasten und fraßen die Tiere bei niedrigen Temperaturen länger, währenddessen sie bei hohen Temperaturen mehr lagen und im Schatten standen. Die sehr kalten Wintermonate in den Jahren 1995, zu dieser Zeit wurden die Saugkälber abgesetzt, und 1996 sowie die heißen Sommertemperaturen 1994 und 1995 beeinflußten die Tagesrhythmik beider Tiergruppen wahrscheinlich stark. Im April 1995, also in der Jungrind- Phase, waren erneut erhebliche Unterschiede in der Freßaktivität zwischen beiden Gruppen zu verzeichnen. Unterschiede gab es sowohl in der Dauer der Freßperioden als auch in ihrer zeitlichen Rhythmik. Bemerkenswert für diesen Lebensmonat ist zwar, daß beide Gruppen die gleiche Anzahl an Freßperioden aufwiesen, diese aber von unterschiedlicher Ausprägung sind und von einer verschiedenen zeitlichen Dauer. Auch im zwölften Lebensmonat, dem Monat Mai 1995, ist die gleiche Anzahl an Freßperioden zu erkennen. Die Freßperioden sind häufiger als im Vormonat (fünf gegenüber drei Freßperioden im April), aber dafür auch kürzer und gleichmäßiger über den Tag verteilt.

Erhebliche Unterschiede sind im 16. Lebensmonat (September 1995) nicht erkennbar. Die zeitliche Struktur ist in beiden Tiergruppen ähnlich. Lediglich in der Dauer der Freßperioden und der Pausen deuten sich Unterschiede an. Die Freßpausen sind bei den Jungrindern (S)


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länger. Auch gibt es inmitten der Freßzeiten kurze Pausen von ca. 15 bis 30 Minuten, sowohl in den Vormittagsstunden, als auch in der Freßperiode, die bis in die Dunkelheit hinein andauerte. Sambraus (1969) beobachtete, daß es bei ganztägig weidenden Rindern, die keine Zufütterung erhielten, vier Freßphasen gab. Das wird durch diesen Versuch bestätigt.

In beiden Gruppen gab es in den ersten Lebensmonaten ausgedehnte Liegeperioden. Zeitlich sind die Liegephasen in beiden Gruppen gleich verteilt. Aufgrund der Witterungsbedingungen gibt es im Winter 1995/96 Unterschiede in der Dauer der Liegeperioden sowie in ihrer zeitlichen Verteilung. Das hängt mit den unterschiedlichen Haltungsbedingungen zusammen, da den Saugkälbern keine trockene und geschützte Liegemöglichkeit zur Verfügung stand. Auch im Laufe der Frühjahrs- und Sommermonate 1995 bleibt die Verteilung und Dauer der Liegeperioden zwischen beiden Gruppen verschieden, obwohl beide auf der Weide gehalten wurden. Selbst als beide Gruppen kurzzeitig nebeneinander auf der Koppel standen und nur durch den elektrischen Weidezaun voneinander getrennt waren, gab es klare Unterschiede im Tagesverlauf. Diese Beobachtungen entsprechen denen von Reinhardt (1980) und Porzig (1969), die dieses Verhalten als gruppen- oder herdenspezifische Aktivitätsstimmung bezeichnen. Das Verhalten innerhalb der Gruppe scheint synchronisiert zu sein und unterscheidet sich deshalb zwischen den Gruppen. Ein Effekt der Aufzucht scheint nicht vorzuliegen. Die Jungrinder (S) begannen bereits kurz nach der Dämmerung mit dem Grasen, während die Jungrinder (T) nach Sonnenaufgang noch lagen. Zwar wurden diese Unterschiede auch durch die handschriftlichen Aufzeichnungen erkennbar, aber ein direkter visueller Vergleich aufgrund der örtlichen Haltungsbedingungen macht die Unterschiede noch deutlicher. Auch während der weiteren Entwicklung legten die Tränkkälber längere Liegephasen ein. Zwar glichen sich beide Gruppen auch im Liegeverhalten weiter an, aber besonders in der späten Jungrind- Phase bzw. der frühen Jungkuh- Phase waren noch Unterschiede in den Vormittagsstunden zu sehen. Scheinbar nahm die Verteilung der Liegephasen aus den frühen Lebensmonaten starken Einfluß auf das spätere Ruheverhalten. Während der Zeit, als die Tränkkälber noch am Tränkautomaten gehalten wurden, wurden die Kälber nach der Fütterung und dem Einstreuen durch die Tierpflegerin nicht mehr gestört, so daß eine Ruhephase ohne Störungen von außen in der Zeit möglich war. Eine nachfolgende Wirkung aus der frühen juvenilen Phase scheint nach Le Neindre et al. (1992) möglich.

Im Liegeverhalten offenbart sich am stärksten, daß die Tagesabläufe beider Gruppen um ca. 30-45 Minuten pro Tag verschoben sind. Auch im Stehen ohne Aktivität wurde das deutlich, was sich in den zeitlich verschobenen Stehphasen, die beide Gruppen über den Tag hinweg einlegen, zeigt.


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Im ersten und zweiten Lebensmonat gab es in beiden Gruppen noch keine ausgeprägten Stehphasen. In den folgenden Lebensmonaten waren vor allem in den Vormittagsstunden Unterschiede zu erkennen. Im Gegensatz zu den Saugkälbern legten die Tränkkälber Stehperioden ein, die wahrscheinlich wieder auf die vorhandene Ruhezeit während der Stallhaltung zurückzuführen sind. Kurz nachdem die Tränkkälber in den Stall mit Weideauslauf gebracht wurden, standen sie bei Regen regungslos in Gruppe zusammen und wiederkauten teilweise. Bei starkem Wind und Sturm stellten sie sich mit dem Hinterteil gegen den Wind, um sich zu schützen, was den Beobachtungen von Koch (1968) entspricht. Mit dieser Begründung läßt sich somit die insgesamt längere Tagesstehzeit bei den Saugkälbern im Januar 1995 erklären.

Auch in den Folgemonaten legten die Tränkkälber ausgiebige Stehphasen ein, die Saugkälber aber nicht. In den Wintermonaten standen die Tränkkälber ebenfalls länger. Obwohl die Saugkälber auch Stehperioden einlegen, sind diese Stehphasen bis zur Jungrind- Phase zumindest stets kürzer als die der Tränkkälbergruppe. Ab zwölften Lebensmonat zeigen die Jungrinder (S) die ersten ausgiebigen Stehphasen. In den Wintermonaten 1995/96 legten die beiden Gruppen lange Stehphasen ein, die sie sowohl als Ruhephase als auch zum Wiederkauen nutzten. Von Beginn des Frühjahrs 1996 ab bis zum Versuchsende im Herbst 1996 waren bei beiden Gruppen keine deutlich strukturierten Stehphasen mehr zu beobachten, was auf extreme Temperaturen zurückzuführen ist. Ähnliche Beobachtungen machten ebenfalls Kiley- Worthington und de la Plaine (1983). Scheurmann (1974a) stellte während der Untersuchungen des Mithan (Bibos frontalis) fest, daß die verschiedenen Stehperioden zwischen 2 und 360 Minuten dauerten und tagsüber zu beobachten waren. Im vorliegenden Versuch dauerten die Stehphasen nicht so lange, erreichten aber Werte zwischen ca. 45 und 120 Minuten. Eine Stehperiode von 360 Minuten konnte im vorliegenden Versuchs nicht beobachtet werden. Scheurmann (1974a) erklärte die längeren Stehperioden mit gegenseitiger Fellpflege. Das Ausruhen im Stehen, das untätige Verharren im Stand wird meist nur als Übergang zum Ausruhen im Liegen oder im Anschluß an dieses gesehen (Koch, 1968). Diese Aussage wird jedoch durch die vorliegenden Ergebnisse nicht bestätigt.


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Schlußfolgerungen

  1. Die physische Entwicklung der Saugkälber verlief günstiger als die der Tränkkälber. Sie wiesen deutlich höhere Zunahmen auf. Krankheiten wie Durchfall und Lungenentzündung traten nur in der Tränkkälbergruppe auf. Die Anwesenheit der Mütter beeinflußte das Gesundheitsgeschehen in der Saugkälbergruppe positiv. Bis zum Versuchsende konnten die als Tränkkälber aufgewachsenen Tiere das Lebendgewicht gegenüber den als Saugkälber aufgewachsenen nicht ausgleichen und so den Nachteil der Abwesenheit der Mütter nicht kompensieren.
  2. Mutterlos aufgezogene Kälber kommunizieren häufiger mit gleichaltrigen Gruppenmitgliedern als von der Mutter aufgezogene, da sich ihnen keine andere Möglichkeit bietet und sie so die Kontakte, die sonst von der Mutter übernommen werden, zu kompensieren versuchen. Saugkälber bevorzugen dagegen in den ersten Lebensmonaten die Mutter als Sozialpartner.
  3. Die eigenen Mütter sind für die Saugkälber die attraktivsten Sozialpartner, bieten Schutz und Geborgenheit und kommunizieren am häufigsten mit ihren Kälbern. Das Saugen ist ein wichtiger Bestandteil der vielfältigen Beziehungen zwischen Müttern und Kälbern. Es stellt ca. die Hälfte der Sozialkontakte zu den Müttern dar. Auch zu fremden Müttern bauen sich soziale Beziehungen auf, mit ihnen kommunizierten die Saugkälber zu einem Anteil von 15% bis 40% an den Gesamtkontakten zu adulten Gruppenmitgliedern. Die Sozialkontakte zu den fremden Müttern bezogen sich meist auf das Fremdsaugen. Das Saugen bei fremden Müttern wirkte bei den Kälbern allelomimetisch. Auch fand spielerisches Aufreiten ausschließlich bei fremden Müttern statt.
  4. Die von ihren Müttern aufgezogenen Rinder hatten sowohl in der Kalb-, als auch in der Jungkuh- Phase mehr Sozialkontakte als die mutterlos aufgezogenen. Die größere soziale Aktivität der als Saugkälber aufgewachsenen Rinder setzt sich demnach auch im Erwachsenenalter fort. Somit wirkt sich eine Trennung von Mutter und Kalb negativ auf deren soziale Aktivität aus.
  5. Es hat sich wieder gezeigt, daß das gegenseitige Besaugen von Kälbern ein Problem der mutterlosen Aufzucht am Tränkautomaten ist. Vor allem während der Aufzucht am Tränkautomaten in den ersten drei Monaten war das Besaugen häufig zu beobachten und ist als Ersatzhandlung für ein nicht vollständig gestilltes Saugbedürfnis einzuschätzen.

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  6. Die ersten Rangauseinandersetzungen bei mutterloser Aufzucht fanden bereits zwischen dem dritten und vierten Lebensmonat statt. Die große Anzahl von Rangauseinandersetzungen in den ersten Lebensmonaten deutet darauf hin, daß die Tiere in den ersten Lebensmonaten frühzeitig einem permanenten sozialen Streß ausgesetzt waren. In der Saugkälbergruppe traten Rangauseinandersetzungen erst nach dem Absetzen von den Müttern auf. Der späte Beginn der Rangauseinandersetzungen ist ein Indiz für eine streßarme Aufzucht in den ersten Lebensmonaten, da die Saugkälber im Gegensatz zu den Tränkkälbern kaum um ihre Nahrungsquellen konkurrieren mußten und ein genügendes Platzangebot auf der Weide vorhanden war. Die Mütter erfüllten eine Schutz - und Vermittlungsfunktion aus.
  7. Die Tränkkälber hatten fast ausschließlich mehr spielerische Kontakte untereinander als Saugkälber. Ab dem 16. Lebensmonat sank die Anzahl der spielerischen Aktivitäten in beiden Gruppen abrupt ab, als sich die Tiere zunehmend wie adulte Tiere verhielten und sich ihre Verhaltensweisen denen adulter Tiere anglichen.
  8. Die Jungkühe (S) hatten zu ihren Nachkommen häufiger Kontakte als die Jungkühe (T) und verbrachten auch signifikant mehr Zeit gemeinsam mit ihnen. Durch die Aufzucht bei ihren Müttern verfügen die Jungkühe (S) im Vergleich zu den Jungkühen (T) über günstigere Vorbedingungen für die Aufzucht ihrer Kälber, den Aufbau vielfältiger sozialer Beziehungen zu ihnen und somit einer starken Mutter-Kalb-Bindung. Die Verhaltensweisen, die durch Lernen von älteren Tieren erworben werden, können bei der mutterlosen Aufzucht nicht erlernt werden.
  9. Mit Ausnahme des ersten Lebensmonats saugten die Saugkälber an ihren Müttern durchschnittlich länger als die Tränkkälber am Tränkautomaten. Die Saugdauer pro Saugakt nahm bei den Tränkkälbern vom ersten bis dritten Lebensmonat stark ab, so daß das Saugbedürfnis nicht gestillt werden konnte. Wird die durchschnittliche Saugdauer der Saugkälber vom fünften bis achten Lebensmonat als Bezugsbasis genommen, so ergibt sich, daß die Tränkkälber zu früh vom Automaten abgesetzt werden. Dies geschieht in einer Phase in der ein latentes Saugbedürfnis noch vorhanden ist. Dieses Saugbedürfnis versuchen die Tränkkälber durch Leersaugen am Automatennuckel und Besaugen von Gegenständen und anderen Tieren der Gruppe zu befriedigen.
  10. Die Tränkkälber besuchten die Tränke sehr oft, ohne einen Anspruch auf Milch zu haben und saugten am Automatennuckel. Mit zunehmendem Alter der Tränkkälber nahm

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    die Häufigkeit des Leersaugens zu und diente als Ersatzhandlung für ein entgangenes und nicht befriedigtes Saugbedürfnis. Möglicherweise ist der Tränkautomat ein sozialer Bezugspunkt für die Kälber, da sie auf ihre Mütter verzichten mußten.
  11. Die Tränkkälber gingen erst nach durchschnittlich zehn Tagen selbständig an den Tränkautomaten, wobei einige Tiere noch länger für die Gewöhnung brauchten. Eine Aufzucht am Tränkautomaten sofort nach dem Absetzen von der Mutter scheint somit schwierig durchführbar zu sein.
  12. Die mutterlos aufgezogenen Kälber lagen tendenziell länger, als die Saugkälber und hatten daher kürzere Aktivitätsphasen. Die Dauer der Liegezeiten variierte auch mit den Jahreszeiten und dem Lebensalter der Kälber. In der Kalb- Phase und in der Jungrind- Phase standen die mutterlos aufgewachsenen Tiere länger als die als Saugkälber aufgewachsenen Tiere. In der Jungkuh- Phase war die durchschnittliche Stehdauer ausgeglichen, variierte aber ebenso mit dem Lebensalter. Die durchschnittliche Stehdauer variierte mit der Jahreszeit. Von der Jungrind- Phase an nutzten beide Gruppen die Stehphasen zum Wiederkauen. Vom 23. Lebensmonat bis zum Versuchsende waren keine deutlichen Stehperioden mehr zu beobachten.
  13. In den ersten Lebensmonaten unterscheiden sich beide Gruppen stark in der Lichttagesrhythmik. Mit steigendem Alter glichen sie sich zwar zunehmend an, aber eine zeitliche Verschiebung von circa 45 Minuten bleibt bis in die Jungkuh- Phase vorwiegend in den Morgen- und Vormittagsstunden erhalten.
  14. Die Saugperioden der Saugkälber waren gleichmäßig über den Tag verteilt, die der Tränkkälber orientierte sich mit Ausnahme des ersten Lebensmonats stark an den programmierten Tränkzeiten. Eine ständige und verbesserte Anpassung der Tränkzeiten an den natürlichen Saugrhythmus der Tränkkälber sollte angestrebt werden.
  15. Das Verfahren der mutterlosen Kälberaufzucht am Tränkautomaten fördert die Entwicklung von Verhaltensstörungen. Die Kälber versuchen über das gegenseitige Besaugen und das Leersaugen jede sich bietende Möglichkeit zu nutzen, um den natürlichen Saugakt zu imitieren. Dieses Verhalten verlangt nach Tränke- und Aufzuchtverfahren, die nicht nur eine Nahrungsquelle bieten, sondern auch den Saugtrieb der Kälber befriedigen. Die soziale Umwelt, die lediglich Sozialkontakte zu gleichaltrigen Gruppenmitgliedern zuläßt, ist dringend zu verbessern. Den Kälbern werden in dieser sozialen Umwelt lebensbestimmende Sozialreize, die von adulten Tieren ausgehen und eine optimale soziale Entwicklung

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    begünstigen, vorenthalten. Das Zusammenleben von nur gleichaltrigen Kälbern ist reich an sozialen Konflikten und ruft vermehrt Streßsituationen hervor.
  16. Moderne Kälberaufzuchtverfahren müssen die sozialen Potenzen der Mütter und anderer adulter Gruppenmitglieder einbeziehen. So können günstige Voraussetzungen für die Erfüllung kalb- und kuhseitiger Bedürfnisse, eine gesunde Tierentwicklung und streßreduzierte Aufwuchsbedingungen geschaffen werden. Finden diese Anforderungen keine Berücksichtigung, ist die Tiergerechtheit dieser Aufzuchtverfahren nicht gegeben. Durch eine streßreduzierte Aufzucht von Kälbern in altersstrukturierten Gruppen wird eine hohe biologische Qualität in der Rindfleischerzeugung erreicht, die besonders in der Aufzucht von Milchkuhremonten und Zuchttieren zu garantieren ist. Die Haltungsmethoden von Kälbern sollten Alternativen bieten, die die soziale Kommunikation mit anderen Altersstufen sicherstellen und somit ermöglichen, Verhaltensweisen durch Nachahmen zu erlernen. Die Aufzucht in einer altersstrukturierten Gruppe schafft die Voraussetzung für eine Entwicklung ohne das Auftreten von permanentem sozialen Streß.

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