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1  Einleitung

1.1 Problem-, Aufgaben- und Zielstellung

1.1.1 Problemstellung

Die Begriffe Gesundheit und Krankheit werden umgangssprachlich sehr häufig gebraucht. Menschen beglückwünschen einander „zur guten Gesundheit“ oder drücken die Hoffnung für „gesundheitliches Wohlergehen“ in Gratulationen zum Geburtstag, bei dem Beginn des neuen Jahres und vielen anderen Gelegenheiten aus. Mitunter schließt der Tagesgruß den Wunsch für gute Gesundheit des anderen ein. So heißt es beispielsweise Sdrawstwuite in der russischen Sprache, was so viel bedeutet wie „seien Sie gesund“. Ebenso häufig kommunizieren Menschen alltäglich über Krankheiten.

In der medizinischen Praxis kann der Arzt sich allerdings an Gesundheitsdefinitionen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) halten, wenn er beispielsweise die Gesundheit und Arbeitsfähigkeit des Patienten oder eben dessen Kranksein und die daraus erklärte Arbeitsunfähigkeit zu bescheinigen hat.

1948 wurde in der Präambel der Gründungsakte der WHO formuliert: „Gesundheit ist der Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheiten.“ (WHO definition of health 1948).

1986 wurde eine Revision vorgenommen: (Ottawa-Charta): „Gesundheit ist ein befriedigendes Maß an Funktionsfähigkeit in physischer, psychischer, sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht und von Selbstbetreuungsfähigkeit bis in das hohe Alter“ (WHO Ottawa Charta zur Gesundheitsförderung 1987).

Diese Definition findet keinesfalls in allen Ländern Anerkennung. Im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland ist lediglich die körperliche, nicht die psychosoziale Unversehrtheit garantiert. Folglich ist das Gesundheitswesen organisch (strukturell) und nicht psychosozial funktionell orientiert. Hier wird also eine klinische Gesundheit reflektiert (Grundgesetz, Verfassungsreform G 1998).

„Wenn die Frage nach physischen und psychischen Einwirkungen auf die Funktionen eines Menschen steht, dann ist klar, dass eine Verletzung wie z.B. eine Schnittwunde nur durch die Einwirkung einer physikalischen Kraft, z.B. eines Messers, verursacht werden kann. Anderer­seits, wenn jemand einen anderen Menschen schwer kränkt oder beleidigt und die Stresshormo­ne, die Herzfrequenz oder der Blutdruck ansteigen, sind es nicht die Schallwellen als quasi physikalische Einflußfaktoren, sondern geistig-emotionelle Prozesse die ablaufen“ (Kofler 2001).


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Aber selbst wenn die Beurteilung der Schallwellen z.B. in Form von Lärm bezüglich auf eine gesundheitliche Schädigung z.B. im Gutachten erfolgen soll, gibt es heute unter den Spezialisten keine einheitlichen Auffassungen (Maschke et al 2002).

Wenn die gesundheitsbeeinträchtigende oder –schädigende Wirkung beurteilt werden soll, dann sind erstens eine Gesundheitsdefinition mit messbaren Kriterien für die Gesundheit gefragt und zweitens werden Grenzwerte benötigt, unterhalb derer eine Gesundheitsschädigung ausgeschlossen werden kann.

Beide sich ergänzende Definitionen der WHO geben dem ganzheitlich und umweltmedizinisch motivierten Arzt eine Legitimation schon dann eine Gefährdung oder Beeinträchtigung der Gesundheit anzuzeigen, wenn bereits das psychosoziale Wohlbefinden und die Lebensqualität, d.h. die sprachliche Verständigung, die Konzentrationsfähigkeit, die Lern- und Leistungs­fähigkeit, die akustische Richtungsorientierung, die Vigilanz (z.B.: durch schnellere Ermüdbarkeit) und der Schlaf häufiger oder gar über längere Zeit gestört werden.

Die Gesundheitsdefinitionen der WHO begründen die Aufgabe des Mediziners, der sich mit Lärmwirkungen auf den Menschen beschäftigt, sämtliche Wirkungen des Lärms (d.h. Hörver­lust, Beeinträchtigung des Wohlbefindens sowie der Leistungs- und Lernvorgänge, Behinderung der sozialen Kommunikation und Umweltorientierung, Aktivierung und Bean­spruchungen des zentralen und vegetativen Nervensystems sowie der hormonellen Funktionen des Menschen u.a.m.) im Zusammenhang zu betrachten. Zusätzlich sind bestimmte Zustände, wie tagesrhyth­mische (zirkadiane) Sensibilitätsbereiche, Schwangerschaft und postpartale Zeit von Müttern, Lebensalter (Kindheit und Senioren) und schließlich auch der heutige nicht opti­male psychische Gesundheitszustand (Huber 1999), der sich epidemisch ausbreitet, zu berücksichtigen.

„Unter der Klammer des WHO-Gesundheitsbegriffs kann es bei der ärztlichen Beurteilung von Lärmwirkungen nicht um prinzipielle Abgrenzungen – z.B. zwischen ’medizinischen’ und ’soziologischen’, zwischen ’Schädigung’ und ’Belästigung’, sondern nur um eine Gewichtung des jeweils individuellen und gruppenbezogenen Ausmaßes gehen, in dem Gesundheit durch Lärm beeinträchtigt ist“ (Schuschke 1972). Zieht man die Ergebnisse von Graff et al. (1968), Andrjukin (1962) sowie Meinhardt und Renker (1970) in Betracht, dann müsste die Einwirkungsdauer ein wichtiger Faktor sein, der mit zu berücksichtigen ist, wenn die Gesundheitsgefährdung oder –schädigung beurteilt werden soll.

Die Medizin kann faktisch zwei verschiedene Definitionen der Gesundheit bedienen.

Auf diesen Konflikt verweisen bereits Klosterkötter et al. (1974) im Hinblick auf die lärmmedizinische Beurteilung von gesundheitlichen Schäden: „Bei der Aufstellung der Richtwerte sind neben allgemeinen Erfahrungen über Lärmwirkungen die Umweltrealität, der [Seite 3↓]Stand der Technik und die wirtschaftlichen Möglichkeiten berücksichtigt worden. Die Diskussion ist jedoch noch nicht abgeschlossen, insbesondere werden immer wieder Fragen nach der medizinischen (gesundheitlichen) Relevanz der Richtwerte laut. Dabei finden sich je nach Betroffenheit, Interessenlage und verwendeter Gesundheitsdefinitionen unterschiedliche Meinungsbilder. Geht man davon aus, dass solcher Lärm vermieden werden muss, der nachweislich oder sehr wahrscheinlich Krankheiten verursacht bzw. mitverursacht, dann wird man nach der derzeitigen Erkenntnislage dazu neigen, höhere Geräuschimmissionen als tolerabel zu betrachten. Stützt man sich jedoch auf die Gesundheitsdefinition der WHO (physisches, psychisches und soziales Wohlbefinden und nicht nur Abwesenheit von Krankheit und Schwäche), dann wird man die Toleranzgrenzen so niedrig ansetzen wollen, dass das Wohlbefinden nicht unausweichlich beeinträchtigt wird.“ Hier finden sich Anknüpfungen zum inhaltlich noch unscharfen Begriff der „Lebensqualität“. Klosterkötter et al. (1974) versuchten zu klären, ob die im Schrifttum als „vegetative Lärmwirkungen“ bezeichneten Reaktionen auf Geräuschreize Aussagen zur medizinischen Bewertung der Immissionsrichtwerte erlauben.

Auf Grund ihrer Untersuchungen bevorzugten Klosterkötter et al. (1974) die Definition der klinischen Gesundheit, aber nicht ohne Einschränkungen und Unsicherheiten, denn mit Augen­blicksreaktionen von vegetativen Lärmwirkungen ist noch nicht der Krankheitswert zu bestim­men. Es kann lediglich ausgesagt werden, dass sich im vegetativen System etwas verändert, das bei dauerhaften Einwirkungen chronische Veränderungen erwarten lässt (Graff et al. 1968). Diese Schlussfolgerung ist durchaus legitim, wenn die richtigen Parameter und Untersuchungsbedingungen gewählt werden.

Ein Rückblick auf die Arbeit von Klosterkötter et al. (1974) aus heutiger Sicht lässt aber auch die Schlussfolgerung zu, dass es bezüglich der Festlegung von gesundheitlichen Richtwerten für Lärmwirkungen in den vergangenen 27 Jahren keinen nennenswerten Fortschritt gibt (Maschke et al 2002).

Dies bezieht sich aber nicht nur auf die Beurteilung von Gesundheitsschäden durch Lärmwirkung, sondern gilt auch generell für die Bestimmung der Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit. Diesbezüglich gibt Rudolf Virchow mit seiner regulationspathophysiologischen Auffassung eine gute Orientierung: „Die bekannte wunderbare Akkomodationsfähigkeit der Körper, sie gibt zugleich den Maßstab an, wo die Grenze der Krankheit ist. Die Krankheit beginnt in dem Augenblick, wo die regulatorische Einrichtung des Körpers nicht ausreicht, die Störung zu beseitigen. Nicht das Leben unter abnormen Bedingungen als solches erzeugt Krankheit, sondern die Krankheit beginnt mit der Insuffizienz des regulatorischen Apparates“(Virchow 1869).


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Diese Grenze ist mit funktionellen Methoden verifizierbar. Aus diesem Virchow-Zitat geht des weiteren hervor, dass der Übergang von Gesundheit und Krankheit sich nicht abrupt vollzieht, sondern in einem dynamischen Prozess, der den „Kampf“ zwischen den schädigenden Erregern und den Schutzmechanismen zum Ausdruck bringt (Pawlow 1889).

Als Konsequenz ergibt sich daraus, dass es nicht nur eine Pathogenese, sondern auch eine Sanogenese geben muss (Hecht und Baumann 1974). Dabei versteht Hecht unter Sanogenese einen funktionellen Komplex von Schutz- und Anpassungsmechanismen, die in den dyna­mischen Organismus-Umwelt-Beziehungen in Abhängigkeit des jeweils vorherrschenden Regu­lationszustandes mobilisiert werden. Diese dienen dann der Aufrechterhaltung der Homöostase oder im Falle der Störung ihrer Wiederherstellung (Hecht 1974, 1984b und c, 1993a). Resistenz und Resilienz als Fähigkeit zur physischen und psychischen Widerstandsfähigkeit gegenüber krankheitsfördernden Faktoren sind als sanogenetische Prozesse aufzufassen.

Die Gesundheit-Krankheits-Beziehungen unter regulationsmedizinischem Aspekt stellen die dynamische Wechselbeziehung zwischen Sanogenese und Pathogenese dar und repräsentieren sich in mehreren Phasen: Prämorbidität, Frühstadium, reversible und irreversible Pathologien (Hecht 1974, Hecht 1984a). Daraus wurden 6 Gesundheitsstufen abgeleitet:

1 = sehr gesund (sehr gut)

2 = gesund (gut)

3 = noch gesund (noch gut)

4 = noch nicht krank (nicht mehr gut)

5 = krank (schlecht)

6 = sehr krank (sehr schlecht)

Abbildung 1:Stufen der emotionellen Gesundheit, dargestellt anhand des Schemas der Gesundheits-Krankheitsdynamik nach Hecht und Baumann (Hecht 1974)


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Eine ähnliche Stufeneinteilung wurde von Ibn Sina (Avicenna 980-1037) in seinem bekanntem Werk „Canon medicinae“ (um 1030 entstanden) vorgenommen.

1.1.2 Aufgabenstellung

Von dieser Problemlage unterschiedlicher Auffassungen und Anwendungen der Gesundheits- und Krankheitsdefinitionen ausgehend, wurde nun die Aufgabe gestellt, mit der Methode der chronopsychobiologischen Regulationsdiagnostik, dem Dreiphasenentspannungstest (Hecht2001b), zwei unter verschiedenen Aspekten als „gesund“ bezeichnete Gruppen miteinander zu vergleichen.

Gruppe 1 = Probanden, die als klinisch gesund vom Gesetzgeber deklariert werden und damit auch als Kontrollgruppe für Pharmastudien geeignet scheinen,

Gruppe 2 = Probanden, die den Anforderungen der WHO-Gesundheitsdefinition entsprechen.

Des weiteren wurde eine 3. Gruppe, Patienten mit psychophysiologischen Schlafstörungen ohne klinische Befunde, zum Vergleich mit herangezogen, um funktionelle Störungen unter dem Aspekt verschiedener Gesundheitsdefinitionen beurteilen zu können.

Mit diesen Untersuchungen soll die Möglichkeit geprüft werden, ob Gesundheit unter den funktionellen Aspekten in messbaren Daten so ausgedrückt werden kann, dass klinische und Gesundheit nach der WHO-Definition zu vergleichen sind.

1.1.3 Zielstellung

Eine ermöglichte messbare Abgrenzbarkeit der beiden „Gesundheiten“ voneinander und deren Übergänge zur Krankheit könnte z.B. auch in Gutachten und Beurteilungen über Gesundheitsschäden durch Umweltfaktoren sehr hilfreich sein.


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1.2  Literaturübersicht

1.2.1 Bemerkungen zu den Definitionen von Gesundheit und Krankheit

Es fällt auf, dass in der allgemeinen und in der medizinischen Umgangssprache der Begriff „Gesundheit“ ausschließlich im Singular gebraucht wird. Zwar spricht man von körperlicher, geistiger oder seelischer Gesundheit, auch verwendet man die Begriffe kerngesund, sehr gesund u.s.w. aber niemals den Plural „Gesundheiten“. Auch die WHO-Definitionen der Gesundheit werden in der singulären Form gebraucht (H. David 1987, Brockhaus Enzyklopädie Band 8 1989, Pschyrembel 1990, Roche Lexikon Medizin 1998, Zetkin und Schaldach 1992).

Der Begriff „Krankheit“ wird dagegen größtenteils im Plural angewandt, z.B. Infektionskrankheiten, Krebserkrankungen, psychische Krankheiten, körperliche Krankheiten u.s.w. (Roche Lexikon Medizin 1998, Der Gesundheits-Brockhaus 1999). Dieser Widerspruch ist schwer zu erklären. Nach Bertram könnte man annehmen, dass hierbei die entropieartig sich vollziehende Zersplitterung der Medizin in Subdisziplinen im Spiele ist (Bertram 1994).

Das klassische deutsche Pschyrembel-Klinische Wörterbuch (Pschyrembel 1990) beschreibt die Krankheit (im Singular) als „Fehlen von Gesundheit“ bzw. „Vorhandensein von subjektiv empfundenen und objektiv feststellbaren körperlichen, geistigen bzw. seelischen Veränderungen bzw. Störungen.“ Ergänzt wird diese Beschreibung der Krankheit: „Im sozialversicherungsrechtlichen Sinn das Vorhandensein von Störungen, die Krankenpflege und Therapie erfordern und Arbeitsunfähigkeit zur Folge haben.“ Dann folgt aber bereits die Pluralform „Krankheiten, ansteckende..., anzeigepflichtige..., genetische..., hepatolienale..., iatrogene..., meldepflichtige..., organische..., sexuell übertragbare...“ Das ist alles, was dieses 1876 Seiten umfassende Klinische Wörterbuch über den Begriff Krankheiten oder Krankheit zu sagen hat. Das medizinische Nachschlagewerk bezieht auch gesellschaftliche und rechtliche Aspekte der Betrachtung in einem bedeutenden Umfang, z.B. gebrauchte Termini aus den Gesundheitsbehörden, mit ein. Auffallend ist hierbei auch die umfangreiche Aufzählung von meldepflichtigen, anzeigepflichtigen Krankheiten und die Rede von Sozialversicherungsrecht. Der kranke Mensch wird auch hier nicht ganzheitlich betrachtet, sondern „nur“ dessen pathologisch veränderte Organteile sowie die rechtliche Stellung des Erkrankten.


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Da in der Krankheitsdefinition im Pschyrembel-Klinischen-Wörterbuch in erster Linie die Gesundheit als Bezugsgröße dient, möchten wir diese Begriffsdefinition mit heranziehen:

  1. Gesundheit nach der Definition der WHO ist der „Zustand völligen körperlichen, geistigen, seelischen und sozialen Wohlbefindens“.
  2. Gesundheit kann verstanden werden als das „subjektive Empfinden des Fehlens körperlicher, geistiger und seelischer Störungen bzw. Veränderungen“.
  3. Im sozialversicherungsrechtlichen Sinn bedingt Gesundheit „Arbeits- bzw. Erwerbsfähigkeit“ (vgl. Krankheit).

Diese drei verschiedenen Formen der Begriffsdefinitionen bringen wenig Klarheit darüber, was Gesundheit ist und wie sie gemessen bzw. bestimmt werden kann.

Wenn man weiter liest, folgt der Begriff „Gesundheitsindikatoren“. Diesbezüglich heißt es: Gesundheitsindikatoren sind „Parameter zur Beschreibung des Gesundheitszustandes von Bevölkerungen; als Gesundheit werden Merkmale gewählt, die einfach messbar sind (z.B. durch Reihenuntersuchungen oder Auswertungen vorhandener Datenbestände), die eindeutig definiert sind (z.B. Mortalität, Arbeitsunfähigkeit) und denen hohe Repräsentativität für das zu unter­suchende Problem zugemessen wird (z.B. Häufigkeit des Arztbesuches, Säuglingssterblichkeit, Frühberentung)“.

Diese Gesundheitsindikatoren dienen eigentlich mehr der Erklärung des Krankenstandes und werden eher für die Krankenstatistiken mitgenutzt. Messgrößen sind aber Daten von Reihen­untersuchungen! Es fehlen jedoch Erläuterungen, mit welchen Maßstäben die „Datenbestände“ erhoben wurden. Auf die labordiagnostischen „Normalwerte“ wird kein Bezug genommen. Gesundheitsindikatoren sollten sich eigentlich auf das Individuum beziehen.

Die Psychiatrie hat bezüglich des Krankheitsbegriffes eigene Vorstellungen.

Aus einer Reihe von mehreren psychiatrischen Wörterbüchern wählten wir blind das von U.H. Peters (1997) aus. In diesem ist Krankheit nicht angeführt, aber das Stichwort „Krankheitsbegriffe, psychiatrische“: „Umschreibung dessen, was in der Psychiatrie als Krankheit verstanden wird. Die Abgrenzung krankhafter psychiatrischer Vorgänge gegenüber der Norm erfolgt wie in der Allgemeinmedizin gewöhnlich durch Symptome, wobei von subjektivem Erleben der erkrankten Individuen möglichst abgesehen wird“.

Es wird weiterhin bemerkt, dass eine scharfe Grenzziehung für eine psychiatrische Krankheit nicht möglich ist. Ähnliche Beschreibungen sind auch in analogen Fachwörterbüchern enthalten.

Der Brockhaus (1998) definiert Krankheit als „Störungen im Ablauf der normalen Lebens­vorgänge in Organen und Organsystemen durch einen Reiz, der zu einer von der Norm abweichenden vorübergehenden Beeinträchtigung der physischen Funktionen und/oder der [Seite 8↓]psychischen Befindlichkeit, gegebenenfalls auch wahrnehmbaren körperlichen Veränderungen und im Extremfall zum Tod führt“. Es wird noch hinzugefügt: „Charakteristisch ist dabei das Nebeneinander von schädigenden Wirkungen und schützenden Abwehrprozessen.“

Schließlich möchten wir auch noch „Meyers Großes Taschenlexikon“ (1990) zitieren: „Krankheit, Einschränkungen oder Störungen der normalen organischen Funktionen des Organismus oder der spezifischen menschlichen psychischen Leistungen, morphologische Abweichungen vom normalen Körperbau; Zustand des körperlichen oder seelischen Unwohlseins bzw. Leidens. Die Anwendung des Begriffs Krankheit ist uneinheitlich. Streng naturwissenschaftlich gesehen ist darunter ein nach Ursache, Entstehung, Erscheinungsbild und Verlauf definierter Zustand zu verstehen.“

Des weiteren wird noch auf unspezifische Körperreaktionen wie Fieber, Schwäche, schneller Puls und Leistungsminderung verwiesen.

Wenn man die beispielhaft angeführten Beschreibungen bzw. Definitionen des Begriffs Krankheit in verschiedenen Wörterbüchern vergleicht, gewinnt man zunächst den Eindruck, dass die allgemeinen Lexika (Brockhaus 1998, Meyers Lexikon 1990) klarere und präzisere Formulierungen zum Krankheitsbegriff geben, als die medizinischen Wörterbücher. Die beiden Lexika heben jedenfalls folgende Aspekte hervor, die in den medizinischen Wörterbüchern vermisst werden:

Im Zusammenhang mit dem letzten Punkt soll auf ein Postulat vom Nobelpreisträger Iwan Pawlow (1889) verwiesen werden.

Auf der Konferenz der Militärärztlichen Akademie in Sankt Petersburg im Jahre 1885 formulierte Pawlow, dass „die außergewöhnlichen Stimuli, die sich in Form der krankheitserregenden Ursachen melden, gleichzeitig auch Reize für Schutzmechanismen des Organismus sind, die den Kampf mit den entsprechend pathologischen Erregern aufnehmen.“

Damit charakterisiert Pawlow die Dynamik der Wechselbeziehung zwischen Gesundheit und Krankheit und postuliert, dass diese Erscheinungen ineinander überfließen und keine scharfe Abgrenzung vorzuliegen braucht, wie es auch im Wörterbuch der Psychiatrie von Peters angeführt wurde.


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Pawlow formuliert somit auch die bestehende Möglichkeit, dass bei Einwirkungen, z.B. von Viren und Bakterien, durchaus die Schutzfunktionen des Körpers Krankheiten abwehren können. Folglich sind z.B. für die Entstehung von Infektionskrankheiten mehrere Faktoren verantwortlich und zwar mindestens zwei: Der Krankheitserreger und der Geschwächte Abwehrmechanismus.

Aber ein Faktor wird gewöhnlich dabei vergessen, nämlich typisch menschliche Charakteristika, die geistigen und emotionellen (seelischen) Prozesse und Reaktionen. Wie wichtig diese für die Menschen in der Bekämpfung von Erkrankungen sind, zeigt folgendes Beispiel aus der Medizinhistorik.

Max Pettenkofer (1818-1901), aus heutiger Sicht ein bedeutender Hygieniker und Umweltmediziner, war aber auch ein harter Widersacher von Robert Koch (1843-1910), der bekanntlich Bakterien als Krankheitsverursacher nachwies. Um das Gegenteil zu beweisen, trank er 1892 vor dem Auditorium im Hygienischen Institut der Berliner Universität in der Wilhelmstraße ein Glas Flüssigkeit aus, in dem sich Millionen von Cholerabakterien befanden. Ergebnis: Er blieb gesund und zeigte auch nicht das geringste Zeichen dieser gefürchtetem Krankheit. Er bewies damit, dass körperliche Resistenz und spirituell-emotionelle Resilienz im Widerstand gegen die gefährlichen Bakterien zusammenspielen. Beide als eine Einheit gewährleisten gemeinsam die Funktion der Abwehrkräfte und somit die Gesundheit eines Menschen.

1.2.2 Normwerte (Referenzwerte) und Krankheit

Die klassische Schulmedizin bedient sich bei der Krankheitsdiagnostik Normwerten, auch als Referenzwerte bezeichnet. Da erfahrungsgemäß Funktions- und Befindungsstörungen häufiger vorkommen als organische Schäden (Meißner-Pöthig 1999), sind die Normwerte des Körpers wohl weniger für die Diagnostik dieser psychischen Störungen, z.B. für das somatoforme Syndrom, geeignet.

Für die heutige Medizin ist charakteristisch, dass sie sich vorwiegend auf die Krankheit und weniger auf den kranken Menschen orientiert und sich weitgehend auf die physische Dimension beschränkt.

Funktionelle Prozesse, sowie die Gesundheit und die Prävention stehen auch oft außerhalb der medizinischen Betrachtung. Man wird Fachrichtungen für Gesundheitswissenschaften nicht nur an medizinischen Fakultäten finden, sondern zunehmend an Technischen Universitäten oder an Universitäten, die keine medizinische Fakultäten haben.


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Die wichtigste Grundlage für die „Krankheitsbestimmung“ der organorientierten Medizin sind daher die Laborwerte, häufig als „Labordiagnose“ bezeichnet. Das hat zur Folge, dass der kranke Mensch in Zahlen reflektiert und als Fall charakterisiert wird (Dormann und Wege 1997).

Bei dieser „Labordiagnose“ dient ein festgelegter „Normwert“, auch als Referenzwert bezeichnet, als Maßstab. Plus- oder Minusabweichungen davon sind Abnormitäten, also Krankhaftes. Diese punktuell zu irgend einem Zeitpunkt vorgenommenen Bestimmungen der Laborwerte aus Blut, Urin, Speichel, Stuhl, Atemluft u.s.w. gelten in nicht wenigen Kliniken und Arztpraxen als die „absolute medizinische Wahrheit“ .

Daraus ergibt sich der Widerspruch, dass ein Patient Abweichungen von den „Normwerten“ haben kann, obgleich er sich bisher wohl fühlte und ein unter starkem Leidensdruck stehender Patient „Normwerte“ ausweisen kann. Letzteres ist nicht selten bei jenen Patienten der Fall, die von somatoformen oder Belastungsstörungen (ICD10 F43, F45 und F48) betroffen sind.

Jordan (1984), der sich mit der funktionellen Normalität des Menschen beschäftigte, erklärte, dass die Auseinandersetzung mit dem Begriff des „Normalen“ bzw. „nicht Normalen“ zum Selbstverständnis der Medizin gehört. Sie muss ständig neu geführt werden.

Er stellte 3 Fragen in den Vordergrund einer derartigen Auseinandersetzung.

Jordan fand eigentlich keine plausible Antwort auf seine Fragen. Bei der ersten Frage könnte man auf das oben erwähnte Zitat von Virchow (1889) hinweisen, welches besagt, dass die Krankheit mit der Insuffizienz des regulatorischen Apparates beginnt. Folglich müsste sich die Medizin auf regulatorische „Normwerte“ orientieren. Aber statistische „Normwerte“ zeigen Abhängigkeiten von funktionellen Zuständen, wie wir nachfolgend zeigen möchten.

1.2.2.1 Beeinflussende Faktoren für „Normwerte“

Werte von Laboruntersuchungen können erheblichen Schwankungen unterliegen, weil sie von den verschiedensten Faktoren beeinflusst werden (Weiner 1990, Nachtnebel 1997). Dazu möchten wir nachfolgend einige Beispiele anführen.


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Altersabhängigkeit

Stoffwechselparameter, Enzyme, Hormone, Elektrolyte u.a. unterliegen einer Altersabhängigkeit. Das trifft z.B. auch für das Cholesterin zu, das als Risikofaktor für Herz-Kreislauferkrankungen zum Maß genommen wird. So zeigt das Cholesterin von Lebensjahrzehnt zu Lebensjahrzehnt unterschiedliche Werte. Es steht fest, dass sich die Cholesterinkonzentration im Blut mit zunehmenden Alter erhöht. Unsicher ist dabei, ob diese Erhöhung wirklich mit dem Alter zusammenhängt oder auf Krankheiten, die im Alter vermehrt auftreten. Verringert sind im Alter auf jeden Fall Calcium, Phosphate und Gesamteiweiße (Nachtnebel 1997). Häufig liegen „Normwerte“ nur vom Mann vor, die aber auf die Frau Anwendung finden.

Geschlechtsabhängigkeit

Diese tritt besonders durch die biologische Reproduktionsfunktion der Frau in Erscheinung. Hormone unterliegen dem menstruellen Zyklen. Die Schwangerschaft schafft weitere Veränderungen der Normwerte verschiedenster Parameter. Auch in der geschlechtsspezifischen Reaktivität der Frau unterliegt z.B. das Cholesterin erheblichen Abweichungen vom sogenannten „Normwert“ (Nachtnebel 1997).

Ernährung, Genussmittel, Medikamente

Die Art der Ernährung, Rauchen, Alkohol, Kaffee, Tee, Medikamente u.a. können die „Normwerte“ teilweise erheblich beeinflussen. Wir selbst fanden z.B. bei Patienten, die gewöhnlich einen niedrigen Blutdruck auswiesen (systolische Werte < 90 mmHg) nach dem Trinken einer normalen Tasse Kaffee (200 ml) Werte, die einer Normotonie oder sogar einer Hypertonie (z.B. 120/80 mmHg bzw. 150/85 mmHg) entsprachen.

Chronobiologische Aspekte der „Normwerte“

Nahezu alle Körperparameter, z.B. Zellstrukturen, Blutkonzentrationen verschiedener Hormone, Mineralien, Blutzellen, Stoffwechselvorgänge und auch die spirituellen und emotionellen Prozesse unterliegen chronobiologischen Gesetzmäßigkeiten (u.a. Redfern, Lemmer 1997). Sie können z.B. in Minuten-, ultradianen, zirkadianen und Wochenrhythmen objektiv nachgewiesen werden. Von medizinisch-praktischer Bedeutung sind z.B. die Tagesrhythmen der Körpertemperatur. Es ist allgemein üblich, die Körperkerntemperatur in der Klinik früh morgens zu messen, um den niedrigsten Wert des Tagesrhythmus zu erfassen. Die Messung am späten Nachmittag soll den höchsten Wert des Tagesganges registrieren. Mit diesen Zweitageszeitmessungen wird chronobiologischen Erkenntnissen entsprochen.

Die Amplituden der Tagesrhythmen können bei manchen Parametern sehr hoch sein und erhebliche Abweichungen vom Tagesrhythmus („Normalwert“) zeigen. Das ist z.B. bei zahlreichen Hormonen im Jugend- und Erwachsenalter der Fall. Ein anschauliches Beispiel [Seite 12↓]dafür, dass die unbedingte Berücksichtigung der Tagesrhythmen von Körperparametern für die Diagnostik wichtig ist, zeigen Lakatua, Haus und Halberg (Lakatua, Haus, Halberg 1974), indem sie nachwiesen, dass beim Menschen zu bestimmten Zeiten Blutkonzentrationen von Hormonen, z.B. des Cortisols so niedrig sind, dass man zu diesem Zeitpunkt einen Morbus Addison vermuten kann und 12 Stunden später solche Spitzenwerte erreicht werden, wie man sie für den „Morbus Cushing“ in Betracht zieht. Zirkadiane Rhythmen von Hormonen können auch durch ultradiane Rhythmen untersetzt sein (Yates, Maran 1974), wodurch auch diese Schwingungen den „Normwert“ anormalisieren.

Nicht nur die Tagesrhythmen und ultradianen Rhythmen sollen in der medizinischen Diagnostik Beachtung finden, sondern auch Wochenrhythmen. Diedrich und seine Mitarbeiter (Diedrich et al 1989, 1993) wiesen diese Schwankungen für fast alle Parameter der Schlafpolygraphie nach. Diese wechselseitig beeinflussenden Schwingungen entdeckten sie bei der Vorbereitung von klinisch pharmakologischen Untersuchungen an gleichen Versuchspersonen, bei denen die schlafpolygraphisch erhobenen Daten von Tag zu Tag reproduziert werden sollten. Das gelang ihnen einfach nicht. Eine Untersuchung mit 7 Probanden über 16 aufeinanderfolgenden Nächten ließ aber einen Wochenrhythmus verifizieren (Dietrich 1989, 1993). Gleiches konnte auch im Schlafverhalten nachgewiesen werden (Hecht 1993, Balzer 1993).

So kam man zu der Auffassung, dass es zweckmäßiger ist, nicht aufeinanderfolgende Wochentage, sondern die gleichen Wochentage verschiedener Wochen, z.B. bei klinisch pharmakologischen Untersuchungen zu vergleichen. In diesem Fall gab es real reproduzierbare Daten (Diedrich et al 1989, 1993).

Schließlich legt uns die Natur eine Sommer- und Winterdifferenz in nahezu allen Parametern im Blut und im Urin, aber auch in allen psychischen Prozessen auf. Erinnert sei nur an die Winterdepression, die in Deutschland und England stark verbreitet ist (Süßmilch 2000, Mück 2002, Pinchasov 2000).

Es ist eindeutig, dass chronobiologische Funktionen den „Normwert“ in Frage stellen. Die „Labordiagnostik“ der „Normwerte“ ignoriert jedoch größtenteils diese Faktoren, wodurch Fehldiagnosen bzw. unnötige Untersuchungen vorprogrammiert sind. Krankhafte von gesunden Zuständen dürften somit anhand der bestehenden Norm- oder Referenzwertauffassungen schwer zu unterscheiden sein.


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Abbildung 2:Winter-Sommer-Differenzen in Prozent des jeweiligen Winterwertes (= Nulllinie)
verschiedener paraklinischer Parameter; nach Röcker, Feddersen, Hoffmeister und Junge
(1975)

1.2.3 Zur Diagnostik von psychischen Störungen

Aufgabenstellung dieser Arbeit war auch die Untersuchung einer Gruppe, die unter dem Aspekt der biopsychosozialen Einheitlichkeit des Menschen nach Kriterien der Gesundheitsdefinition der WHO geprüft und verglichen werden sollte mit einer Gruppe Schlafgestörter ohne organischen Befund. In diesem Zusammenhang scheint mir die folgende kurze Betrachtung bezüglich der bisherigen Diagnostik psychischer Störungen angebracht.

Die Schwierigkeit beginnt bereits bei deren Klassifizierungen. Funktionelle Störungen sind psychogenen Ursprungs mit Reflexion in körperlichen Prozessen ohne Gewebeschäden, die gewöhnlich auf Veränderungen der emotionell-vegetativen Regulation vermittelt werden können. Somit werden sie bisher nur nach groben, schlecht definierten topographischen Aspekten klassifiziert (siehe auch Hermann, Holzamer, Stiel 1990).


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Feinstein (1974) nahm zu derartigen Klassifizierungen von psychischen Krankheiten vor über 25 Jahren wie folgt Stellung: „Die gegenwärtigen psychiatrischen Debatten über Klassifi­kationssysteme, denen viele hypothetische und unbestätigte Schemata psychodynamischer Mechanismen zu Grunde liegen, und die Beschäftigung mit ätiologischen Schlussfolgerungen, statt einer Beweisführung auf Grund objektiver Beobachtung, sind nosologische Aktivitäten, die einem manchmal an mittelalterliche `Taxonomisten`erinnern.“

Trotz vieler Bemühungen hat es im letzten Vierteljahrhundert diesbezüglich keine gravierenden Veränderungen gegeben. Nach wie vor fehlt eine Diagnostik mit objektiven Kriterien und gemessenen Daten zur Verifizierung von psychischen Störungen. Die Forderung nach einer derartigen Diagnostik ist auch deshalb wichtig, weil die Auffassungen zu funktionellen und psychischen Störungen von verschiedenen Schulen der Psychiatrie, Psychosomatik, Psychoanalyse, Psychotherapie u.s.w. häufig sehr unterschiedlich sind.

Außerdem gibt es noch in verschiedenen Regionen der Erde (z.B. USA, Europa, Russland, China, Indien, Arabien, Afrika u.s.w.) auch unterschiedliche Standpunkte bezüglich der Beurteilung psychischer Störungen, wobei Kulturen, Traditionen, Mentalitäten, Religionen und vieles mehr zu berücksichtigen sind.

Der Patient, wenn er überhaupt fachspezifische Hilfe in Anspruch nehmen will, konsultiert entweder seinen Hausarzt (Allgemeinmediziner) oder einen Psychotherapeuten bzw. Psychologen. In beiden Fällen begegnet er den in diesen Fachdisziplinen vielfach nicht zu rechtfertigenden Dualismus von Geist und Seele auf der einen Seite und Körper auf der anderen Seite.

Thure von Uexküll und Wesiak (1990) charakterisieren diesen Zustand wie folgt: „So entstand die absurde Abspaltung der heutigen Medizin in Ärzte und Kliniken für Körper ohne Seelen auf der einen Seite und in Therapeuten und Neurosekliniken für Seelen ohne Körper auf der anderen Seite...“.

Die Diagnostik der Psychologen, Psychiater, Psychologen ist ein sogenanntes „Papier-Bleistift-Verfahren“ häufig auf der Basis von Fragebögen oder Anamnesen beruhend. Dem organ- und gewebeorientierten Mediziner stehen dagegen diagnostische Apparate in großer Anzahl zur Verfügung, die einen „organischen Befund“ erheben können, aber keine funktionellen oder psychischen Störungen und gleich gar nicht diesbezügliche prämorbide Zustände.


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1.2.3.1  Fehldiagnosen und das Nichterkennen von Krankheiten

Die Diagnostik der im ICD 10 F angegebenen über 400 Klassen von psychischen Störungen allein mit subjektiven Verfahren bewältigen zu wollen, ist problemgeladen. Dies gelingt gewöhnlich dem erfahrenen Arzt und natürlich den Fachspezialisten für Psychiatrie in bestimmter Weise. Dem Allgemeinmediziner, der diese Patienten erst einmal „abfangen“ muss, fehlen häufig Kenntnisse wie z.B. auf den Gebieten der Depressionen und das entsprechende Diagnostikinstrumentarium. Das bestätigt auch das wachsende Interesse der Ärzte an Weiterbildungsveranstaltungen auf diesem Gebiet.

Depressionen sollen nach Berichten der WHO die häufigsten psychischen Erkrankungen sein. Obgleich behandlungsbedürftig, werden sie in den meisten Fällen weder erkannt, noch optimal behandelt. Davon zeugen Studien von Wittchen (1999b) und Tünte (1999).

In 633 Arztpraxen wurden 5131 Personen nach depressiven Erkrankungen anhand von DSM IV Diagnosekriterien untersucht. Davon waren 8,9% aktuell depressiv und 16,5% erlitten im Laufe ihres Lebens Depressionen. Es fiel aber auf, dass bei 71% der als behandlungsbedürftig deklarierten Patienten die Depressionen nicht erkannt und folglich nicht behandelt wurden. Zu diesem erschütternden Ergebnis trugen auch jene Hausärzte bei, die den Zusatztitel „Psychotherapeut“ innehatten. Sie waren in keiner Weise besser als ihre Kollegen ohne diese Zusatzbezeichnung. Offensichtlich reicht diese Qualifikation nicht aus, um die entsprechende Diagnosesicherung zu erlangen (Wittchen 1999a).

1.2.3.2 Nichtorganische Insomnien (ICD F51) und ihre diagnostischen Probleme

Mit dem größten Teil der Schlafgestörten (Insomnien) sind zunächst niedergelassene Ärzte konfrontiert und überfordert. Es fehlt ihnen in der Regel an geeigneten Voraussetzungen, um mit der Schlafpolygraphie objektive Befunde erheben zu können. Sie sind lediglich auf die unkontrollierbare Aussage der Patienten angewiesen. Das belegen u.a. die 53% der von Fischer (1967) erfassten Patienten in Hamburg und 39% der untersuchten Patienten von Frey und Gensch (1989) in Ostberlin, die wegen Schlafstörungen einen Arzt konsultierten. Die dadurch entstehende diagnostische Unsicherheit für eine wissenschaftlich fundierte Therapie soll an folgenden Beispielen gezeigt werden:

Von 305 Insomniepatienten verglich Hecht (1999a und b) deren Angaben bei der Anamnese der ersten Konsultation mit denen , die nach zwei Wochen der Führung eines Schlafprotokolls niedergeschrieben worden waren. Die Ergebnisse sind aus der Tabelle 1 zu entnehmen. Daraus wird ersichtlich, dass es erhebliche Unterschiede zwischen den Angaben der beiden Erhebungen gibt. Selbst wenn berücksichtigt wird, dass das Schlafprotokoll als Methode nicht [Seite 16↓]rückwirkungsfrei ist, sind die Angaben der Patienten bei der Anamnese der ersten Konsultation als eine Überschätzung ihres schlafgestörten Zustandes zu bewerten.

Tabelle 1: Probleme der anamnestischen Erhebung für die Diagnose „Schlafstörungen“(n = 305 Patienten mit Insomnie, 1. vs. 2.; * p < 0,05) (Hecht 1993)

 

1. Angaben bei der Anamnese der ersten Konsultation

2. Angaben nach 2 Wochen der Führung des Schlafprotokolls

Einschlafdauer

56,4 ± 28,6 min

24,2 ± 8,4 min*

Häufigkeit des nächtlichen Erwachens

9,4 ± 4,8 mal

2,4 ± 1,6 mal*

Dauer des nächtlichen Erwachens

122,1 ± 56,3 min

34,4 ± 21,8 min*

Schlafdauer

289,2 ± 56,8 min

422,6 ± 96,4 min*

In neuesten Untersuchungen von Sobanski et al. (Sobanski, Feige, Riemann 1999) wurde mittels Schlafpolygraphie bei Patienten mit psychophysiologischen Insomnen Fehlwahrnehmungen während des Schlafzustandes nachgewiesen, die sich wie folgt zeigen:

Die Autoren vertreten die Auffassung, dass die Fehlwahrnehmung bei Patienten mit chronischer physiologischer Insomnie auf ein „Konditioniertes kortikales Arousal“ zurückgeführt wird, welches mit einer Hochfrequenzaktivierung im EEG mit „vermehrter Reiz- und Informationsverarbeitung bzw. verstärkter Gedächtniskonsolidierung während der Einschlafphase einhergeht“ (arousal reaction = auch Weckreaktion; die mit Desynchronisation im EEG einhergeht, erzeugt hellen Wachzustand durch Sinnesreize, die das aufsteigende retikuläre Aktivierungssystem der Formatio retikularis erregen).

Die Allgemeinmediziner und die nicht in der Schlafmedizin ausgebildeten Ärzte befinden sich deshalb nicht selten in prekären Situationen und fühlen sich gegenüber den unzufriedenen Patienten hilflos und überfordert. Häufig werden sie in eine Position versetzt, wie sie von Schneider treffend folgendermaßen charakterisiert wurde: „Das Thema Schlafstörungen abzuhandeln gleicht doch dem Griff in eine Puddingschüssel. Drückt man zu, um etwas herauszunehmen, dann quillt einem die Masse durch die Finger und man hat sich höchstens die Finger beschmiert.“(Schneider 1989)


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1.2.4  Psychophysiologische Diagnostik

Wenn die Gesundheitsdefinition der WHO in der medizinischen Diagnostik reflektiert werden soll, dann ist hierbei die Psychophysiologie bzw. Psychobiologie nicht zu umgehen. Nachfolgend möchte ich dazu einige Ausführungen darlegen.

1.2.4.1 Definition und Wesen der Psychophysiologie

Nach Adler (1984) versteht man unter Psychophysiologie ein „Gebiet, das sich mit den Zusammenhängen des Psychischen und Physiologischen am ganzen Menschen beschäftigt.“

Viele verwandte und ineinandergreifende Arbeitsgebiete sind in den letzten Jahrzehnten entstanden. Neben der Psychophysik (Klix 1972) gewinnt auch die Verhaltensphysiologie (Adler 1979), Physiologische Psychologie (Adler 1979, 1984) und die Neuropsychologie (Guttmann 1982) zunehmend an Bedeutung.

Wir verstehen unter Psychophysiologie die Lehre bzw. eine Fachdisziplin, die sich mit dem Zusammenhang und den Wechselbeziehungen zwischen menschlichen Verhalten, psychischen und physiologischen Prozessen befasst.

Schandry (1998) versteht unter Verhalten alle Vorgänge (subjektiv, motorisch), die sich in der Sprache der Psychologie ausdrücken lassen. (Verhaltensmuster als Begriff aus der Verhaltens­forschung steht für ein System erlernter Antworten auf einen Reiz.) Die Verhaltensmedizin ist definiert als ein „...Forschungs- und Anwendungsgebiet, dessen Schwerpunkt auf der systematischen Entwicklung, Erforschung und klinischen Anwendung verhaltensorientierter Verfahren liegt, die sich als effektive Methoden zur Diagnose und Behandlung, Rehabilitation und Prävention organischer Erkrankungen oder deren Folgen verwenden lassen“ (nach Miltner, Birbaumer u. Gerber 1986). So sind auch die Verhaltensmedizin und Psychophysiologie benachbarte Disziplinen. Das Anliegen der Verhaltensmedizin ist es, „über primär psychische Wirkungsfaktoren ein Organsystem zu beeinflussen. Demgemäß sind psychophysiologische Ergebnisse aus der Biofeedback-Forschung..., der Interozeptionsforschung (vgl. Pennebaker 1982) und Stressforschung von hoher Relevanz für verhaltensmedizinische Interventionsansätze“ (Schandry 1998).

Weiterhin erklärt Schandry an gleicher Stelle, dass der Bezug der Verhaltensmedizin zur Stressforschung schon deutlich daraus ersichtlich ist, da „hohe Belastung psychischer und physischer Natur unter ungünstigen Randbedingungen pathogenetische Qualität hat. ...Nachdem die Bewältigung von Stress – unter günstigen Bedingungen – erlernbar ist bzw. Stressreduktion mit verhaltensorientierten Methoden erzielt werden kann, eröffnen sich hier durchaus positive Perspektiven. Seit experimentell nachgewiesen ist, dass sogar Immunreaktionen von psychischen [Seite 18↓]Prozessen beeinflusst werden, zeichnet sich auch ein verhaltensmedizinischer Zugang zu infektiösen Erkrankungen ab.“

Mit anderen Worten: Physiologische und biologische Prozesse sind Funktionen der verschiedensten Organsysteme des Menschen.

Die Psychophysiologie

Somit verfügt die Psychophysiologie über eine Reihe von Konzepten, wobei die Aktivierung, die Habituation und Dishabituation, die Orientierungsreaktion, der emotionelle Stress sowie die Konditionierung nennenswert wären.

1.2.4.2 Strukturelle und funktionelle Grundlagen zur Psychophysiologie

Das in Abbildung 3 angeführte Schema zu den umweltreizinduzierten vegetativen Reaktionen (von der Informationsaufnahme Wahrnehmung emotionelle Reaktionen mit Einbeziehung des Unbewussten und der Gedächtnisinhalte Veränderungen im vegetativ-hormonellen System) soll die komplizierten Zusammenhänge verdeutlichen.


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Abbildung 3:Schematische Darstellung des komplexen Prozesses umweltinduzierter vegetativer
Reaktionen

Bei jeder Wahrnehmung, die durch exogene oder durch endogene (z.B. Denkprozesse, Schmerzen) Stimuli ausgelöst wird, erfolgt eine Aktivierung komplexer Hirnfunktionen. In einem Wahrnehmungs-Aktivierungsvorgang werden gewöhnlich Funktionen des Neokortex, des limbischen Systems, des Hypothalamus und der Formatio retikularis einbezogen. Infolgedessen kommt es zu einer emotionalen Reaktion (Cannon 1914, 1929; Lindsley 1951; Waldman 1972; Hecht und Chananaschwili 1984; Traue 1998), die sich im sogenannten autonomen Nervensystem, auch als Vegetativum bezeichnet, im hormonellen, immunologischen und auch motorischen Regulationssystem mehr oder weniger intensiv reflektieren kann (siehe Abb. 3).

Der Neokortex

Der Neokortex ist das „Organ“ des Bewusstseins und dient der Steuerung der Regulation im vielfältigen Adaptationsprozess des Menschen. Er kontrolliert und reguliert die sogenannten subkortikalen Gebiete, z.B. das limbische System und den Hypothalamus sowie die Formatio retikularis, analysiert und synthetisiert Informationen exogener und endogener Natur bzw. Rückkopplungen der verschiedenen Effektoren.


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Das limbische System

Das limbische System ist eng mit dem Neokortex gekoppelt und spielt eine große Rolle bei emotionalen, motivationalen Prozessen sowie bei Lern- und Gedächtnisleistungen. In Form von emotionellen Reaktionen wird so der Hypothalamus stimuliert.

Das limbische System besteht aus 50 Hirnregionen.

Abbildung 4:Schematische Darstellung des limbischen Systems mit angrenzenden Hirnarealen
(nach Schandry 1998)

Es werden ca. 25 Bahnen beschrieben, die dem limbischen System zugeordnet sind. Die wichtigsten Bezirke des limbischen Systems sind der limbische Kortex (Gyrus cinguli) mit dem Hippokampus, der Nucleus amygdalae, im Bild als Amygdalae (Mandelkerne) bezeichnet, und das Septum. Der Hippokampus spielt eine große Rolle für das Kurzzeitgedächtnis und Orientierungsverhalten. Die Mandelkerne habe Einfluss z.B. auf die Hemmung von Aggressivität und Sexualverhalten, wie auch beim Erwerb und der Aufrechterhaltung von Vermeidungsverhalten.

Thalamus

Neben dem Hypothalamus und der Hypophyse ist der Thalamus eine der wichtigsten Strukturen und zugleich größte Einheit des Zwischenhirns. Er besteht aus einer Ansammlung von Kernen mit zahlreichen Verbindungen zu anderen Hirnarealen. Es wird vermutet, das der Thalamus u.a. das motivationale und emotionale Geschehen als auch damit die Aufmerksamkeit beeinflusst.


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Der Hypothalamus

Der Hypothalamus stellt den zentralen Teil des Zwischenhirns (Dienzephalon) dar und besteht aus zahlreichen Kernen. Im Hypothalamus werden eine größere Anzahl von Neurohormonen (größtenteils Peptidhormone) gebildet, die in der neurohormonellen Regulation eine wichtige Rolle spielen. Dem Hypothalamus schließt sich die Hypophyse (Hirnanhangsdrüse) an. Diese wird hormonell und nerval durch den Hypothalamus aktiviert. Bezüglich des vegetativen und hormonellen Systems gilt der Hypothalamus als eine sehr wichtige Hirnstruktur. Von ihm werden u.a. der Schlaf, die Körpertemperatur, die Reproduktionsfunktion, die Sexualfunktion, die Nahrungsaufnahme, der Stoffwechsel, der Wasserhaushalt, der Mineralhaushalt und die Herz-Kreislauf- und Atemfunktion koordiniert.

Abbildung 5:Kerngruppen des Hypothalamus mit einigen ihrer Funktionen (Medianschnitt)
C.a. = Commisura anterior; E = Epiphyse; F = Fornix; H = Hypophyse;
III = Nervus oculomotorius; IV = Ventrikel (nach Schandry 1998)

Die Hypophyse wird neuronal und hormonell vom Hypothalamus aktiviert und steuert durch die Ausschüttung bestimmter Hormone wiederum endogene Drüsen.


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Formatio retikularis

Sie durchzieht mit ihren aufsteigenden (aszendierenden) und absteigenden (deszendierenden) Bahnen den Hirnstamm. In ihr befindet sich ein weitverbreitetes Neuronennetz mit ca. 25.000 Verbindungen zu anderen Hirnbezirken. Die Formatio retikularis hemmt oder fördert sensomotorische Reflexe und steuert die Aktivierung. Dies geschieht durch das aszendierende retikuläre Aktivierungssystem (ARAS). Außerdem nimmt die Formatio retikularis Einfluss auf die Atem- und Herz-Kreislaufregulation sowie auf die Motilität der Speiseröhre. Die deszendierenden Bahnen können hemmend auf die Aktivierung wirken und eine Deaktivierung hervorrufen.

Vegetatives Nervensystem

Das vegetative Nervensystem hat sein Zentrum im Zwischenhirn (Dienzephalon) in welchem vor allem der Hypothalamus eine steuernde und regulierende Rolle spielt. Weiterhin ist die Medulla oblongata (Übergang vom Stammhirn zum Rückenmark) an der Steuerung des vegetativen Nervensystems beteiligt. Das vegetative Nervensystem besteht aus den beiden funktionellen Teilen des Nervus Sympathikus und des Nervus Parasympathikus.

Bei hoher Beanspruchung dominiert die Funktion des Sympathikus mit ergotroper (energieverbrauchender) Reaktionen. Zu Zeiten der Ruhe und geringer Beanspruchung überwiegt die Funktion des Parasympathikus mit trophotroper (energieaufbauender) Reaktionslage.


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Abbildung 6:Funktionelle Struktur des psychoneurovegetativen Regulationssystems,
a = vertikal akzentuierte Funktionsstruktur,
b = horizontal betonte Funktionsstruktur
(nach Zwiener und Langhorst 1993)

Für psychobiologische Untersuchungen, und damit zum Nachweis vegetativer Reaktionen z.B. bei Lärm, werden größtenteils die Funktionen der durch das vegetative Nervensystem gesteuerten Organe verwendet, z.B. Pulsfrequenz, Blutdruck, Hautwiderstand, Pupillengröße, Vasomotorik (Vasokonstriktion).


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Die funktionelle Struktur des psychoneurovegetativen Systems, welches die vegetative Reaktion gewährleistet, ist in Abbildung 6 in seiner Gesamtheit, in Abbildung 1 als Schema und in den Abbildungen 2 bis 6 in seinen Anteilen dargestellt. Eine funktionelle Vernetzung des vegetativen Systems verdeutlicht, dass bei Stimulation des sympathischen Systems, z.B. durch Lärm, nicht nur eine Organfunktion, sondern mehrere, natürlich mit unterschiedlicher Intensität, Sensibilität und zeitlichem Ablauf, funktionelle Verschiebung (Lacey 1967) und somatisch- kardiovaskuläre Kopplung (Obrist et al. 1973) in Gang gesetzt werden.

1.2.4.3 Aktivierung, Habituation, Konditionierung

Das Leben eines Menschen ist dadurch geprägt, dass er ständig einer ununterbrochenen Wechselbeziehung zwischen Erregung und Hemmung (Pawlow 1927) oder nach Hess (1948) sich zwischen sympathiko-parasympathischer Reaktionslage befindet, welche sich mehr oder weniger stark um das Homöostaseniveau oszillierend bewegt. Stärkere extro- oder bzw. und interozeptive Wirkungen auf das Regulationssystem eines Organismus führen meistens zu reversiblen Veränderungen der Homöostase. Diese psychophysiologischen Anregungsprozesse werden als Aktivierung bezeichnet. Schon sehr früh verwies Cannon (1914, 1928, 1929) auf dieses Phänomen und bezeichnete es als „Notfallsreaktion“. Dabei kommt es infolge starker exogener oder endogener Stimuli, wie sie z.B. bei plötzlicher körperlicher Anstrengung, im Schock oder psychischer Erregung auftreten, zu einer reflektorischen Erhöhung des Sympathikotonus mit vermehrter Adrenalinausschüttung. Vorübergehend folgt so eine Steigerung der Leistungsfähigkeit, verbunden mit einem erhöhten Energiebedarf. Diesen Vorgang bezeichnet Hess (1948) als „vegetative Umstimmung im Organismus“. Es ist auch als Teilerscheinung des Adaptationssyndroms aufzufassen. Lindsley (1951) äußerte in diesem Zusammenhang den Gedanken einer „Aktivierungstheorie der Emotionen“.Bis heute gehört sie zu den dominierenden Aktivierungsvorstellungen. Nachdem Maruzzi und Magoun (1954) die funktionelle Bedeutung der Formatio retikularis entdeckten und auch Lindsley (1951) bei Stimulierung dieser Hirnstammregion das Verschwinden von Alphawellen im EEG und den Übergang in Betawellen nachwies, formulierte er das „Ascending Reticular Activating System“ (aufsteigendes retikuläres Aktivierungssystem = ARAS). Daneben wurden auch deszendierende Bahnen beschrieben, die eine Hemmung der Retikularformation durch Impulse vom Neokortex bewirken können. Duffy (1957) verstand unter Aktivierung eine kontinuierliche Variable, auf der sich jeder aktuelle Funktionszustand eines psychologischen Systems abbilden lässt. Damit vertrat er eine ähnliche Auffassung wie Anochin (1935, 1967) bezüglich eines „funktionellen Systems“ mit Afferenzsynthese und Handlungsakzeptor, wobei Anochin Gedächtnis, Erregungsmotivation [Seite 25↓]und Backgroundstimuli mit berücksichtigte. Routtenberg (1968) sprach ebenfalls von motivationaler Aktivierung und stellt das limbische System in den Mittelpunkt dieses Geschehens, während die Formatio retikularis seiner Meinung nach in erster Linie eine globale Steuerung im Aktivierungsprozess ausübt.

Auf Grund des hier dargelegten Wissensstandes ist es sinnvoll und zweckmäßig, die Aktivierungstheorie der Emotionen zu vertreten. Die Induzierung von Aktivation löst eine Vielzahl von psychophysiologischen Aktivierungsprozessen gleichzeitig aus und beteiligt damit auch motivationale, emotionale und kognitive Prozesse. Mit ihr wird also die Ganzheit aller psychophysiologischen Funktionen eingeschlossen. Der Ablauf einer Aktivierungsreaktion und der durch die absteigenden Bahnen der Formatio retikularis gehemmte Vorgang, den wir als Deaktivierung bezeichnen möchten (Hecht 2001a), beteiligt somit auch die verschiedensten Funktionen des zentralen und vegetativen Nervensystems. Die einzelnen Funktionssysteme können wiederum bei entsprechender Stimulierung unterschiedliche Verlaufseigenschaften ausweisen.

Wie wir bisher gesehen haben, wird bei der Beschreibung der unspezifischen Aktivierung davon ausgegangen, dass alle vegetativ-hormonellen Parameter, die in diesen Prozess regulatorisch mit einbezogen werden, eine einheitliche Richtung nehmen, im Sinne eines Anstiegs, einer sympathikotonen Reaktion. Lacey (1967, 1970, 1974) hält ein derartiges Vorgehen für irreal. Er und seine Mitarbeiter konnten nachweisen, dass verschiedene Parameter des vegetativen Systems unter Aktivierungsbedingungen gegenläufige funktionelle Verschiebungen nach sich ziehen können. Diese Erkenntnis fasste er im Konzept der Fraktionierung der Aktivierungsvorgänge (directional fractioning) zusammen, das er mit entsprechenden Untersuchungsergebnissen belegte. So fanden Lacey et al., dass bei mentaler Belastung (Rechenaufgaben, Sätze bilden usw.) der Blutdruck, die Herzfrequenz und die Hautleitfähigkeit einen Anstieg zu verzeichnen hatten. Bei Signalerkennungsaufgaben dagegen fielen die Herzfrequenz und der Blutdruck ab, während die Hautleitfähigkeit anstieg.

Die Untersuchungsergebnisse von Lacey et al. (1958, 1967, 1970, 1974) veranlassten zu der verallgemeinernden Aussage, dass generell die Reizaufnahme (environmental intake) Herzfrequenzabfall und eine Stabilisierung sowie Herabsetzung des Blutdrucks (deceleration) bewirkt. Das Abblocken von Außenreizen (environmental rejection) hatte dagegen einen Anstieg dieser beiden Parameter zur Folge. Lacey begründet diese Erschöpfung mit der Barorezeptoren-Hypothese und schließt daraus, dass die kardiovaskuläre Funktionserniedrigung (deceleration) bei Reizaufnahme die neokortikalen Verarbeitungsmechanismen erleichtert.


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Obrist (1981) fand die Herzfrequenzdezeleration besonders dann, wenn bei der Reizaufnahme eine Ruhigstellung des muskulären Apparates stattfand. Die Laboruntersuchungen zur Lärmwirkung auf vegetative Funktionen finden gewöhnlich in einem derartigen motorischen Ruhezustand statt (meistens sitzend). Obrist schlussfolgerte aus seinen Ergebnissen, dass die vegetative Reaktivität bei Reizaufnahme von der kardiovaskulären somatischen Koppelung (cardiac-somatic coupling) abhängig sein kann (Obrist et al. 1973). Nach Obrist waren weitgehende entkoppelte Reaktionsweisen der motorischen und kardiovaskulären Systeme dann nachweisbar, wenn die untersuchten Personen intensiver Stressorwirkung ausgesetzt waren mit dem Unsicherheitsgefühl über deren geeignete Bewältigungsstrategie im Sinne von Entscheidungskonflikten. Das entspricht der von Anochin (1935, 1967) beschriebenen Theorie von der Afferenzsynthese. In diesen Fällen steuert vorwiegend der Sympathikus die Herzfrequenz. In Ruhe und in relativ passivem Zustand überwiegt die vagotone Kontrolle.

In diesem Zusammenhang sind Ergebnisse von Hecht et al. (2001) anzuführen. Bei 10-minütigen Entspannungsübungen (Selbstrelaxation), währenddessen 10 mal der Blutdruck und die Herzfrequenz gemessen wurden, konnte eine Senkung des systolischen und diastolischen Blutdrucks bei aber gleichbleibender Herzfrequenz festgestellt werden. Ausnahme bildeten Versuchspersonen mit bekannter arterieller Hypotonie. Sie zeigten dagegen einen Anstieg der Herzfrequenz mit zunehmender Senkung des Blutdrucks. Die Autoren betrachten den letzteren Effekt als eine Kompensationssteuerung, die möglicherweise über die Barorezeptoren gehen kann. Offensichtlich handelt es sich bei den angeführten Prozessen um eine ökonomische Arbeitsweise der emotionell-vegetativen Regulation.

1.2.4.4 Orientierungsreaktion – Habituation

Unter bestimmten Bedingungen können bei schwachen Aktivierungsvorgängen vegetative Parameter empfindlicher auf die Wirkung eines Stimulus reagieren als das subjektive Erleben. In Anlehnung an Pawlow (1927) wurde von Sokolow (1963) in diesem Zusammenhang die Orientierungsreaktion angeführt, die Pawlow beim Hund mit dem Speichelfluss nachwies. Unter einer Orientierungsreaktion versteht man eine Reaktion bzw. ein Reaktionsmuster als „Spezialfall eines Aktivierungsvorganges“ (Schandry 1998), welche zu einer Verbesserung der Wahrnehmungsfähigkeit der Rezeptoren infolge eines erhöhten Tonus als Hirnrindenfunktion (Pawlow 1927) führen, wodurch die Kapazität der Verarbeitung von Informationen erhöht und für das Individuum eine höhere Handlungsbereitschaft geschaffen wird (siehe auch Anochin 1935, 1967).


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Wenn die biologische Zweckmäßigkeit des Stimulus für das Individuum fehlt, dann tritt eine Erlöschenshemmungs-Reaktion (Pawlow 1927), d.h. eine Habituation (Tharp 1980, Sokolow 1963) ein. Man beobachtet diesen Prozess des Abklingens und Verschwindens der Reaktion, wenn derselbe Stimulus mehrmals hintereinander appliziert wird. Von der Habituation (Erlöschenshemmung) ist die Überlastungshemmung zu unterscheiden. Eine Hemmung der Reaktion kann auch dann auftreten, wenn für das Individuum übermaximale Reize die Grenze der Aktionsfähigkeit überschreiten. Diese Reaktion, die z.B. bei monotoner Einwirkung auftreten kann, bezeichnet Pawlow (1927) als Überlastungshemmung. Das Vertäuben bei starken Lärmereignissen stellt z.B. so eine Überlastungshemmung dar. Beide Hemmungsformen üben Schutzfunktionen aus. Sie gewährleisten den adäquaten Adaptationsprozess oder verhindern gesundheitliche Schäden.

Sokolov (1976, 1977) und Vinograova (1975) haben eine Adaptationsfunktion der Orientierungsreaktion und eine Defensivreaktion unterschieden. Die Adaptationsfunktion ist das eigentliche Wesen der Orientierungsreaktion im Sinne von Pawlow (1927), auf dessen Arbeiten Sokolov sein Konzept aufbaute. Auch er charakterisiert die Orientierungsreaktion mit niedriger Reizschwelle, Generalisierung der Erregungsprozesse, gleichartiger Reaktion bei Reizbeginn und Reizende und der Möglichkeit der Ausbildung über Habituation, z.B. bei gleichbleibenden physikalischen oder inhaltlichen Stimuli, sowie beim Verlust der biologischen Zweckmäßigkeit des Reizes. Schließlich beschrieb er noch eine Dishabituation in Form einer Defensivreaktion.

1.2.4.5 Dishabituation

Es ist also nicht nur eine Habituation, sondern auch eine Dishabituation möglich. Sie kann z.B. dann auftreten, wenn zwischen der Applikation von einzelnen akustischen Reizen Ruhepausen eingelegt werden oder wenn ein Wechsel mit andersartigen akustischen Stimuli erfolgt (Siddle 1983, Peeke und Petrinovich 1984). Allgemein verstehen wir also unter Dishabituation den erneuten Anstieg der Reaktion auf den Standardreiz, ausgelöst durch einen Fremdreiz, der den Habituationsprozeß somit unterbrochen hat.

Somit geht die Defensivreaktion eigentlich mit einer Dishabituation besonderer Art einher. Sie entsteht z.B. bei intensiven sensorischen Reizen, bei Schmerz- und Belästigungsreizen mit noxischen, abstoßenden, aversiven, abwehrenden Qualitäten (Sokolov 1976, 1977). Zu den typisch physiologisch messbaren Komponenten bei der Dishabituation (Defensivreaktion) gehören der Anstieg der Herzfrequenz, die Erhöhung der Hautleitfähigkeit und des Blutdrucks, sowie das Auftreten einer Vasokonstriktion der Gefäße im Kopfbereich. Dieses Phänomen kann immer wieder ausgelöst werden, ohne dass die Reaktion erlischt. Sie kann sich sogar verstärken, [Seite 28↓]aufschaukeln, wie wir es z.B. bei panikartigen Verhalten (Fluchtverhalten) her kennen. Die Dishabituation kann daher bei der Entwicklung einer konditionierten Reaktion auf den wiederholt einwirkenden Reiz begleitet und z.B. die durch eine Defensivreaktion veränderte Homöostase der physiologischen Parameter in dysregulatorische Zustände, oder wie es Selye (1953) postulierte, in die Heterostase überführt werden. In diesem Zusammenhang ist unter psychopathologischem Aspekt von Bedeutung, dass Angstpatienten (Birbaumer 1975b), Schizophrene (Venables 1975) und Patienten mit bestimmten Hirnschädigungen eine verzögerte Habituation aufweisen.

Richter-Heinrich, Knust, Lori und Sprung (1977) fanden auch bei Hypertonikern größtenteils eine Unauslöschbarkeit (das Ausbleiben der Habituation, Dishabituation) der Orientierungsreaktion mittels Untersuchungen der Hautleitfähigkeit. Nitschkoff (1968a und b) interpretierte diesen Befund als ein Zeichen besserer Signalerkennung in der Zeiteinheit infolge des hohen Aktivierungsniveaus, welches den Hypertonikern eigen ist. Klosterkötter (1973) beschrieb ebenfalls nach Untersuchungen des Hautwiderstandes bei Patienten mit essentieller Hypertonie deren höhere Aktivierungsbereitschaft gegenüber gesunder Kontrollpersonen. Patienten mit nephrogener Hypertonie zeigten dagegen eine schwächere Reaktion auf Schallreize von 45-60 dB(A) über einen Grundpegel von 40 dB(A) als essentielle Hypertoniker.

Erwähnenswert ist noch die „Zwei-Prozeß-Theorie“ (dual-process theory) der Habituation von Groves und Thompson (1970). Danach existieren zwei, voneinander unabhängige Systeme, die dennoch gemeinsam die Reizantwort bestimmen. Das erste sogenannte Habituations-System wirkt durch den direkten Reiz-Reaktionsweg über das zentrale Nervensystem als Adaptationsprozess. Das zweite Status-System (state-system) soll den unspezifischen Aktivierungszustand des Organismus bestimmen. Bei letzterem erfolgt die Verarbeitung wiederholter Reizwirkung durch Steigerung der Reaktionsbereitschaft und Reaktionsfähigkeit. Dieser Prozess wird auch als „Sensibilisierung“ bezeichnet.

Damit sind Prozesse der Aktivierung und Deaktivierung bzw. der Sensibilisierung und Desensibilisierung nachgewiesen, wie sie auch Hecht (2001) beschrieben hat und die möglicherweise ihr strukturelles Substrat in den aufsteigenden Bahnen der Formatio retikularis (Aktivierung) und in den absteigenden Bahnen dieser Hirnformation (Deaktivierung) haben können.


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1.2.5  Chronopsychobiologie

Nachdem Sinz (1980) den Begriff Chronopsychophysiologie formuliert hat, wurde von Hecht(2001) der Begriff als Chronopsychobiologie erweitert.

1.2.5.1 Chronobiologie

Diese gesetzmäßigen, rhythmischen Prozesse sind Vorraussetzung für das Leben und werden durch Informations- und Stoffwechselaustausch gewährleistet. Jeder lebende Organismus ist als offenes System zu betrachten, welches sich mit seiner mannigfaltigen Umwelt zum Zwecke der Anpassung zu einem geschlossenen, funktionierenden, dynamischen und flexiblen System zusammenfasst. Diesen Vorgang als Grundelement des Lebens nennen wir Regulation.

So verlaufen auch alle Funktionen des menschlichen Organismus auf allen Regulationsebenen und in allen Funktionssystemen periodisch. Die dabei gemessenen Periodenlängen betragen 10-6bis 108 Sekunden. Es besteht eine Hierarchie von biologischen Rhythmen.

Abbildung 7:Vereinfachtes Schema der biologischen Zeitorganisation eines lebenden Organismus
(Quelle: Hecht 1993)

Die biologischen Rhythmen der verschiedenen Körperfunktionen werden größtenteils endogen determiniert. Ein molekulares Uhrwerk als selbstregulierende Rückkopplungsschleife auf der Ebene der Genexpression wurden in mehreren Forschungsarbeiten auf der Suche nach einem [Seite 30↓]Schrittmacher beschrieben (Piechulla, Roenneberg 1999). Exogene Zeitgeber können wiederum mit diesen endogenen biologischen Rhythmen Kopplungen eingehen.

Unter Chronobiologie verstehen wir somit die Lehre von den zeitlichen, d.h. periodischen Abläufen der verschiedensten Körperfunktionen. Ausgehend von der Chronobiologie entstanden im Laufe der Jahre viele Subdisziplinen:

mit denen die jeweiligen Anwendungsgebiete der Chronobiologie beschrieben werden.

Für die dazu notwendige Erfassung der biologischen Rhythmen benötigt man:

Durch die Entwicklung von Biomonitoringsystemen mit entsprechender Software für computergestützte Analysen schuf die Chronobiologie ein zuverlässiges, brauchbares und modernes Messinstrumentarium.

Zur Beschreibung der Periodenlängen der verschiedenen Körperfunktionen wurde von Halberg (1965) eine zirkametrische Nomenklatur aufgestellt.

Tabelle 2: Nomenklatur zirkametrischer Perioden (Quelle: Halberg 1969, Aschoff 1965)

Ultradian

1

bis

20

Stunden

Circadian

20

bis

28

Stunden

Infradian

1,66

bis

5

Tage

Circaseptan

6

bis

8

Tage

Circavigniton

17

bis

23

Tage

Circatrigniton

  

30

Tage

Circaanual

  

1

Jahr

Die Rhythmizität als ein wesentliches Prinzip lebender Systeme gewährleistet deren Stabilität über lange Zeiträume (Wever 1966, Sinz 1978). Für biologische bzw. psychobiologische Rhythmen werden häufig auch folgende Synonyme verwendet wie Oszillationen, Schwingungen, Zyklen und Perioden.


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Periodische Verläufe der Körperfunktionen erfüllen zwei Aufgaben:

  1. Sicherung der Regulation eines Organismus zum Zwecke der Adaptation durch Synchronisation der periodischen Abläufe.
  2. Gewährleistung der zeitlichen Organisation eines Individuums im Sinne einer inneren Uhr (Aschoff 1955, 1959).

Abgrenzend von obiger Definition ist die in Laienkreisen unter dem Begriff „Biorhythmus“ mit der von Wilhelm Fließ verbreiteten, wissenschaftlich nicht belegten Theorie erwähnenswert. Dabei werden Schnittpunkte von drei imaginären, nicht gemessenen und nicht messbaren Langzeitrhythmen assoziiert mit einer Prognose über einen „schlechten Tag“. Eigens dafür in den letzten Jahren geschriebene Computerprogramme sollen diese Voraussage „wissenschaftlich“ belegen. Mit dieser Pseudowissenschaft hat die Chronobiologie nichts zu tun. Um Missverständnisse zu vermeiden, wird deshalb in der Chronobiologie der Begriff „biologische Rhythmen“ verwendet.

1.2.5.2 Periodenvariabilität

Äußere und innere Einflüsse in Form von Stressoren auf das Individuum bewirken eine Beschleunigung oder Verlangsamung der Regulationsvorgänge, wobei das Auftreten kürzerer oder längerer Perioden sprunghaft erfolgt (Hecht 1974, Treptow 1971).

Zum Beispiel wird der zirkadiane Verlauf des Kortisols unter Dauerstress deformiert bzw. von zirkadianen Rhythmen anderer Körperfunktionen entkoppelt oder in kürzere Perioden versetzt (Treptow 1971).

Mit der Veränderung der zirkadianen Rhythmik vollziehen sich auch Veränderungen von unterlagerten ultradianen Perioden. Wichtige ultradiane Rhythmen für den Menschen sind die Schlaftendenzen (Schlaffenster), die als Zeitpunkte erhöhter Schläfrigkeit im Intervall von zirka 4 Stunden auftreten, sowie der zirka 120 Minutenrhythmus, der im Tagesprofil das Äquivalent des REM-Schlafes darstellt und als Ruhe-Aktivitäts-Zyklus bezeichnet wird.

Die Periodenvariabilität lässt sich aus den EEG-Wellen verdeutlichen:


[Seite 32↓]

Derartige Zustandsänderungen von höchster Erregung über Relaxation bis zum Schlaf vollziehen sich im Laufe eines 24-Stunden-Tages in einer großen Dynamik. In folgender Abbildung ist dieser Vorgang der Periodenvariabilität noch einmal schematisch dargestellt.

Abbildung 8:Modell der regulatorischen Arbeitsweise biologischer Systeme mittels
Periodenvariabilität (Quelle: Hecht 1994)

Wird durch Stress eine Verkürzung der Regulation hervorgerufen, dann bedeutet dies auch einen erhöhten Energieaufwand. Bei langandauernden Disstress folgt das bekannte Erschöpfungssyndrom. Es entsteht, weil der Energiebedarf nicht mehr gedeckt werden kann. Damit einhergehend vollzieht sich ein größer werdender Zerfall der funktionellen Zeitstruktur. Dieser wiederum wirkt als Stressor. Auf diese Weise kann sich ein „circulus vituosus“ anbahnen, wodurch Regulationskrankheiten, eben „Zeitkrankheiten“, entstehen.

1.2.5.3 Amplituden- und frequenzmodulierte medizinische Diagnostikprinzipien

In der Medizin gibt es zwei wichtige Diagnostikprinzipien.

  1. Das amplitudenmodulierte Verfahren ist in der Medizin weit verbreitet. Es handelt sich um Stichprobenuntersuchungen, mit der Annahme, dass es sich bei der Regulation um ein starres System handelt. Die Messung erfolgt meistens zu irgend einem Zeitpunkt, da man davon ausgeht, dass zu jeder Tageszeit das gleiche Niveau existiert. Dabei wird von Normwerten (Referenzwerten, Mittelwerten) ausgegangen, indem registrierte Abweichungen der Einordnung zwischen Krankheit und Gesundheit dienen.
  2. Das frequenzmodulierte Verfahren hat sich in der Medizin bisher weniger durchgesetzt. Durch Zeitreihenmessungen werden dabei bestimmte oszillierende Funktionsverläufe erfasst, die Variabilität von Perioden verifiziert und somit Zustandsbestimmungen bzw. [Seite 33↓]Zuordnungen vorgenommen (Abb.8). Dieses Verfahren wird neben der Somnopolygraphie in Schlaflaboren auch immer mehr in den 24-Stunden Monitoringuntersuchungen praktiziert.

Abbildung 9:Mögliche methodische Varianten in der medizinischen Diagnostik, schematische
Darstellung am Beispiel Stress (Quelle: Hecht 1994)

Definiert man Stress als permanente oder zeitweilige Abweichung von der psychobiologischen Homöostase (Hecht 1994), wird bei der amplitudenmodulierten Methodik die Stressorwirkung an den Plus- oder Minusabweichungen gemessen, bei den frequenzmodulierten Verfahren dagegen wird die dynamische Frequenzvariabilität zugrunde gelegt.

1.2.5.4 Regulationstheorien

Die Regulation ist das funktionelle Grundelement aller Lebewesen, die der Anpassung an die Umwelt, der Aufrechterhaltung der Homöostase dient. Sie stellt aber keine statische lineare Reiz-Reaktionsbeziehung dar, sondern basiert auf flexiblen , eng miteinander vernetzten Regelkreis-Systemen, die bekanntlich schwingende Eigenschaften haben (Wiener 1948). Die heutige chronopsychobiologische Regulationsdiagnostik (CRD) bezieht sich u.a. auf die regulationstheoretische Auffassungen von


[Seite 34↓]

1.2.5.5  Chronopsychobiologische Regulationsdiagnostik

Auf der Grundlage der vorstehend angeführten Erkenntnisse wurde von Hecht und Balzer (1999a und b, 2000a und b, Hecht 2001) die chronopsychobiologische Regulations­diagnostik entwickelt und erprobt.

Als chronopsychobiologisches stationäres und mobiles Funktionsprinzip zur objektiven Regulationsdiagnostik (RD) gibt es zwei Varianten:

  1. der Dreiphasenentspannungstest (DET),
  2. Langzeitmonitoring zur Registrierung von ultradianen, zirkadianen und zirkaseptanen Rhythmen.

Die nachfolgenden noch zu beschreibenden Untersuchungen wurden mit dem Dreiphasenentspannungstest (DET) durchgeführt.


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17.12.2003