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4  Diskussion

4.1 Chronopsychobiologie

Zur Realisierung der Aufgabenstellung, nach der zu prüfen war, ob Gesundheit unter funktionellen Aspekten in messbare Daten ausgedrückt werden kann und objektiv die Zustände „klinische Gesundheit“ und „Gesundheit nach WHO- Definition“ zu differenzieren sind, verwendeten wir die Methoden chronopsychobiologischer Regulationsdiagnostik (Hecht 2001), speziell den Dreiphasenentspannungstest. Der Begriff Chronopsychophysiologie wurde von Sinz (1980) formuliert. Hecht (2001) erweiterte den Begriff mit der Chronopsychobiologie, um nicht nur die funktionellen Abläufe sondern auch biochemische, molekularbiologische, zelluläre und andere biologische Prozesse mit einzubeziehen. Auf die strukturellen und funktionellen Grundlagen der Psychophysiobiologie sind wir ausführlich in den Kapiteln 1.2.4. und 1.2.5. eingegangen und haben die Bedeutung dieser Disziplinen für die objektive Beurteilung von Zuständen der Gesundheit und Krankheit herausgestellt. Im Kapitel 1.2.4. konnten wir belegen, dass eigentlich alle Funktionen in unserem Körper psychophysiologisch ablaufen und eine Trennung von „Psyche und Soma“ wissenschaftlich nicht aufrecht zu erhalten ist. Wir können uns aber auch auf Thure von Uexküll (2001) beziehen, der vor dem „weltweiten Irrtum“ warnte, „Körper und Seele“ getrennt zu betrachten. Nach Uexküll (2001) ist „rein somatisch gar nichts. Es gibt nur psychosomatische Krankheiten“ und folglich auch nur eine psychobiologische Gesundheit. Die WHO unterstreicht diese Tatsache mit der entsprechenden Gesundheitsdefinition. So fand der Weltgesundheitstag im Jahre 2001 im Zeichen der psychischen Gesundheit statt. Das Motto lautete: „Psychische Gesundheit erhalten und wiederherstellen“. Dieser Weltgesundheitstag beschäftigte sich mit zwei Zielrichtungen.

Zum Ersten sollte Aufklärung hinsichtlich der sogenannten psychischen Störungen (ICD 10F) erfolgen. Zum Zweiten geht es aber vor allem darum, psychische Gesundheit, die das körperliche Wohlbefinden mit einschließt, zu fördern. Hierzu sind einerseits adäquate Arbeits- und Lebensbedingungen zu schaffen und andererseits Aktivitäten des Individuums zur Verwirklichung einer gesundheitsrelevanten Lebensstil zu entwickeln (Weißgerber 2001).


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4.2  Psychosoziale Gesundheit

Psychosoziale Gesundheit wird in jüngster Zeit nachdrücklich auch für die Kinder und Schulkinder gefordert (Hecht 2000, Rattay 2002). Mit diesen und zahlreichen weiteren Arbeiten wird auf dem von Nefiodow (2000) prognostizierten 6. Kondratieff –Zyklus „Psychosoziale Gesundheit“ als wirtschaftlicher Megatrend verwiesen. Nefiodow weist nach, das die Gesundheit ein nicht überschaubarer ökonomischer Faktor ist, der bisher nicht berücksichtigt wurde, was zum Abbau der menschlichen Gesundheit führte (Huber 1999).

4.3 Der sechste Kondratieff

Der russische Ökonom Kondratieff (1926) ging dabei von der Grundidee aus, dass Basisinnovation in Zyklen von 40-60 Jahren ablaufen. Demnach lief der 1. Kondratieff von 1800-1850 ab, der durch die Dampfmaschine und Textilindustrie bestimmt wurde und die Bekleidung in den Mittelpunkt der Wirtschaft stellte.

Der 2. Innovationsschub bezog sich auf die Entwicklung der Stahlindustrie und der Eisenbahn mit dem Bedarfsfeld Transport. Das war der Zeitraum von 1850-1900.

Danach kam in den Jahren 1900-1950 die Elektrotechnik und die Chemie als Innovationszyklus mit dem Bedarfsfeld des Massenkonsums.

Von 1950-1990 folgte die Automobil- und Petrochemie mit dem Bedarfsfeld individuelle Mobilität.

Gegenwärtig befinden wir uns im 5. Kondratieff, d.h. im Zyklus der Informationstechnik mit dem Bedarfsfeld Innovation, Information und Kommunikation.

Abbildung 17Die langen Wellen und ihre wichtigsten Bedarfsfelder (Quelle: Leo A. Nefiodow: Der sechste Kontratieff. Sankt Augustin, 1999)


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Nach Analysen von Experten (u.a. Nefiodow 1995 und 2000) ist auf Grund der vorliegenden Daten davon auszugehen, dass der fünfte Kondratieffzyklus seinen Höhepunkt überschritten hat. Sein Nutzungspotential ist in ganz Europa und damit auch in Deutschland, in Südostasien, Japan und in anderen Teilen der Welt weitgehend erschlossen. Wenn man nicht rechtzeitig auf den nächsten Langzeitzyklus übergeht, wird eine längere Schwächeperiode in Wirtschaft und Wissenschaft unvermeidlich sein.

Die Suche nach Reserven für die Produktivität in unserer Zeit führte zum Gesundheitssektor im Sinne der Weltgesundheitsorganisation (vgl. Definition S. 1).

Auf dem Gesundheitssektor werden nach Nefiodow (1996) derzeitig gewaltige volkswirtschaftliche „Mittel“ vergeudet. Hier lagern derzeit die größten Reserven, die zur Lösung der übergreifenden gesellschaftlichen Probleme dringend benötigt werden. Nefiodow vertritt die Auffassung, dass nach 200 Jahren Industrialisierung Gesundheits- und Ökologieschäden nicht nur die Volkswirtschaft hemmen, sondern auch das psychosoziale Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit des Menschen gestört und damit vermindert wird.

Gefragt ist die Qualität psychosozialer Kompetenzen wie Kooperationsfähigkeit, Einsatzbereitschaft, Kreativität, Angstfreiheit, Verantwortungsbewusstsein, Freundschaft, Liebe, Harmonie, Verständnis. Diese Faktoren erscheinen bisher noch in keiner Bilanz, in keiner Gewinn- und Verlustrechnung und auch nicht in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (Nefiodow 2000).

4.4 Gesundheitsdiagnostik

Aus bisheriger Darstellung wird erkennbar, dass den sanogenetischen Prozessen (Hecht 1974, 1984a und b) größere Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Eine relevante Gesundheitspolitik, die der WHO- Definition der Gesundheit mit dem Einschluss der psychischen Faktoren gerecht wird, muss somit erst entwickelt werden.

Ansätze für eine derartige Diagnostik bietet bereits die Raumfahrtmedizin, zum Teil auch die Arbeitsmedizin.

In diesem Zusammenhang ist die Feststellung des Göttinger Psychiaters G. Hüther anzuführen, der postulierte: „In einer Welt, in der Geborgenheit verloren geht, kann die Entwicklung des Gehirns nicht normal verlaufen.“(Hüther 1999)


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Da psychophysiologische Prozesse nicht stationär sind und dem „Chronos“ der Zeit unterliegen, muss auch dieser Faktor mit berücksichtigt werden.

Die chronopsychobiologische Regulationsdiagnostik (Hecht 2001) ist unseres Erachtens geeignet, um in die Gesundheitsdiagnostik einbezogen zu werden. Dafür sprechen unsere Ergebnisse. Sie zeigen, dass es mit dieser Methode möglich ist, klinisch Gesunde nach der Definition der Schulmedizin (in unserem Fall erfüllte die Gruppe die vom Gesetzgeber vorgegebenen Kriterien) und Gesunde nach der WHO- Definition voneinander abzugrenzen. Dabei konnte im Wesentlichen festgestellt werden, dass sich die „klinisch Gesunden“ in ihren Befunden des Dreiphasenentspannungstests der chronopsychobiologischen Regulations­diagnostik mehr Ähnlichkeiten mit der mitgeführten Gruppe der chronisch Schlafgestörten hatte, als mit den Befunden der Gruppe der Gesunden nach der WHO- Definition. Zwischen den Gesunden nach der WHO- Definition und den klinisch Gesunden besteht offensichtlich eine erhebliche Differenz. Auf diesen Konflikt verwiesen bereits Klosterkötter (1970, 1974) als auch Maschke und Hecht (2002) bei der Beurteilung von Lärmwirkungen auf die Gesundheit mit deren Folgen. Dieser Konflikt ist besonders kritisch, wenn es um die Festlegung von Richtwerten geht, die dem Schutz der Gesundheit der Menschen sichern soll. Dieses Dilemma wird gegenwärtig bezüglich des Gesundheitsschutzes vor Lärm (Maschke et al 2000, 2001, 2002) und vor Elektromagnetischen Feldern offenbar, wodurch eine gesellschaftliche Unsicherheit mit vielen Widersprüchen herrscht (Müller 2000, Sily 2002, Rabatta 2002).

4.5 Beurteilungskonflikte

Hier entsteht ein Beurteilungskonflikt, denn nach unserer chronopsychobiologischen Regulationsdiagnostik und anderer psychodiagnostischer Verfahren war die Gruppe der „klinisch Gesunden“ nicht mehr als psychosozial gesund zu beurteilen. Aber auch die bekannten somatoformen Störungen werden in diesen Fällen nicht mit berücksichtigt (ICD 10 F4).

Wenn derartige verantwortungsvolle und von großer Tragweite geprägte Beurteilungen und Entscheidungen über die Schädigung bzw. Erhaltung der Gesundheit erfolgen müssen, erhebt sich die Frage, welche Gesundheit muss zugrunde gelegt werden und welche Untersuchungsmethode gibt dazu gesicherte Resultate? Ist auch die von uns verwendete Untersuchungsmethode der chronopsychobiologischen Regulationsdiagnostik geeignet, derartige Aussagen zu treffen? Das ist heute eine noch sehr umstrittene Frage.


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Für die Lärmwirkung wird seit mehr als 30 Jahren die von Jansen (1967) entwickelte psychophysiologische Methode der Vasokonstriktion an Hand der Fingerpulsamplitude verwendet. So kann man bei Erreichen der Übersteuerungsgrenze die entsprechenden Richtwerte abgeleiten. Diese Methode steht zwar heute häufig in Frage, bleibt aber dennoch praktisch aktuell (Jansen 1984, Jansen et al 1996).

Ähnlich sieht es bei der Festlegung von Richtwerten bezüglich der Wirkung von Elektromagnetischen Feldern (EMF) aus. Hier wird die Erwärmung des Gewebes als Grundlage für Grenzwerte bezüglich der Gesundheitsschädigung verwendet (Müller 2000, Sily 2002).

In beiden Fällen (Lärm und EMF) sind es akute Einzelparameteruntersuchungen , bei denen faktisch eine psychobiologisch akute Stressreaktion nachgewiesen wird, die dann zur Festlegung von Richtwerten Verwendung findet.

Die Einwirkungsdauer der genannten physikalischen Schadfaktoren bleibt z.B. dabei unberücksichtigt, obgleich sie von großer Bedeutung ist (Hecht 2001, Hecht und Zappe 2001). Jedoch kann man bei der Verwendung von mehreren psychophysiologischen Parametern in den genannten Fällen zu brauchbaren Ergebnissen gelangen (Maschke et al 2000, 2001, 2002).

4.6 Zustandsbestimmung durch Periodenvariabilität

Bestimmte Berechnungen zur Auswertung gemessener Daten in der Psychophysiologie gingen aber andere Wege, wie es z.B. die Periodenvariabilität als Bezugsgröße zur Beurteilung beweist. Dieses Prinzip besteht seit Jahren erfolgreich in der Schlafmedizin. Dort nutzt man das Frequenzspektrum des Elektroenzephalogramms (EEG) zur Bestimmung von Vigilanzzuständen.

Die Herzfreqenzvariabilität wurde vor allem zur Bestimmung von Stress- bzw. Beanspruchungs­zuständen, Überbeanspruchungen und Dysregulationen verwendet. Veröffentlichte Ergebnisse dazu kann man z.B. in der Raumfahrtmedizin finden (Grigorjev und Baevskij 2001).

Die chronopsychobiologische Diagnostik (Hecht 2001) beruht ebenfalls auf der Perioden­variabilität, aus der verschiedene Funktionszustände im Bereich Entspannung und Stress, Regulationsstabilität und –instabilität, Beanspruchung und Dysregulation abgeleitet werden können.

Sicherlich sind auch diese Methoden noch zu vervollständigen. Das Schlaf-EEG wurde schon zur Polysomnographie weiterentwickelt, hinzu kamen die Einbeziehung des Elektromyogramms [Seite 80↓](EMG), Elektrookulogramms (EOG) und vegetativer Funktionsparameter (Rechtschaffen und Kales 1968).

Die chronopsychobiologische Regulationsdiagnostik erfuhr ihre Komplettierung durch gleich­zeitige Registrierung mehrerer Parameter (z.B. Körpertemperatur, EMG, Herzfrequenz­variabilität). Hierbei wurden die Synchronisation im Verlauf der Untersuchungen als zusätzliches Beurteilungskriterium herangezogen (Hecht 2001, Rodemerk und Schuldzig 2002). Damit erweiterte sich die Aussagekraft, jedoch waren damit auch eine kompliziertere und aufwendigere Untersuchungsanordnung mit einem größeren Datenanfall verbunden. Im Hinblick auf die Möglichkeit Screeninguntersuchungen zur Gesundheit durchzuführen, beschränkten wir uns auf die Periodenvariabilität der Parameter, konzentrierten uns auf die elektrodermale Aktivität als einen wichtigen Grundparameter in der chronopsychobiologischen Regulationsdiagnostik (Hecht 2001).

4.7 Anwendung der chronopsychobiologischen Regulationsdiagnostik

Für deren praktische Anwendung verdichten sich die Untersuchungsergebnisse. In einer allergologisch ausgerichteten allgemeinmedizinischen Praxis konnten z. B. mittels Dreiphasenentspannungstests (DET) die psychogene Komponente von Allergien bei den Patienten und deren Bedeutung für die Therapie herausgefunden werden (Scherf et al 2001).

Die Anwendung des DET in der Synästhesiediagnose zeigte bei Patienten mit dieser Disposition, die sich zum Beispiel auch in Farbhören ausdrückt, unspezifische Hypersensibilitätszustände der elektrodermalen Aktivität (Stück et al 2001).

In der HNO-Univeritätsklinik der Charitè wurde der DET in der Tinnitusdiagnostik und zu deren Therapieverlauf mit befriedigenden Ergebnissen bei Analysen des Stressoranteils an dem Krankheitsbild eingesetzt (König und Hecht 2001).

Rosenkranz (1999, 2001) wies Beziehungen zwischen Prüfungsleistungen und psycho­physiologischen Regulationen nach, die eine differenzierte Beurteilung der Leistung, aber auch der pädagogischen Führung des Prüfers zulassen.

Von Siepmann et al (1999) und Salzberg und Siepmann (2001), Hecht et al (2000) wurde der DET zur objektiven Verifizierung des emotionellen Gesundheitszustandes bei der Frühförderung in normal- und sonderpädagogischen Vorschulbereich, beim Belastungserleben von behinderten [Seite 81↓]und nicht behinderten Schülern und in der praktischen Sonderpädagogik weiträumig angewendet. Lehrer und Eltern konnten infolgedessen pädagogisch gezielt individuell wirken.

Auch Kossellek (1997) führte mittels DET vergleichende Untersuchungen an lernbehinderten und gesunden Kindern aus psychologischer Sicht durch.

Mann (2000) erbrachte in vergleichenden Untersuchungen mit EEG und DET an lernbehinderten und gesunden Kindern den Nachweis von Korrelation zwischen dem DET und dem EEG auf der Grundlage der Synchronisation im Minutenrhythmus.

Stück (1998) vermochte die Effektivität von Entspannungstraining und Yogaelementen bei Schülern mittels DET zu objektivieren und damit den Pädagogen differenzierte Anleitung zur Entspannung im Unterricht zu geben.

Janofske et al (2000) erarbeiteten ein Modell der Qualitätssicherung der Effekte von psychotherapeutischen Methodiken mittels DET.

Die Belastung der Lehrer durch Stressoren im Schuldienst verifizierte Stück et al (2001) mittels DET. Derartiger Screening als routinemäßige Untersuchung könnte eine Überlastung der Lehrer nachweisen und individuell zur Kontrolle stressabbauender Maßnahmen dienen.

Über den objektiven Nachweis der bisher völlig unterschätzten Stresswirkung bei Berufsmusikern (für klassische Musik) berichtet eine Arbeit von Kädtler (2001), als auch die stressabbauende Wirkung klassischer Musik die bei selbigen Berufsmusikern.

Mittels DET war es möglich, die extremen Lebensbedingungen bei einer Hochgebirgsexpedition (Cho Oyn 8201m) objektiv und realistisch einzuschätzen und damit den Anstieg bis zum Gipfel detailliert und individuell zu gestalten (Stück et al 2001).

Darüber hinaus gelang es, mit dem DET die Beschreibung einer Psychobiologie des arteriellem Hypertonikers vorzunehmen (Reimer und Hecht 2001, Reimer 2001).

Hocke (1997) objektivierte den Zahnarztstress mittels DET unter den Bedingungen der konservativen Zahnbehandlung.

Auch Weiland und Smelcyzynski (1985) überprüften die Wirkung von klassischer Musik bezüglich der Stresswirkung während einer konservativen Zahnbehandlung.

Buch (2000) untersuchte die Wirkung sogenannter meditativer Musik von Peter Hübner auf die verschiedenen Etappen einer konservierenden Zahnbehandlung mittels DET. Im Gegensatz zur entspannenden Wirkung der klassischen Musik zeigte die Musik von Hübner keine der erhofften Effekte.

Linek (1991) überprüfte das Verhalten von Neurotozismustypen während einer konservativen Zahnbehandlung mittels DET.


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Födisch und Grimmeisen (1993) untersuchten die Möglichkeiten einer Beschreibung von Adaptationstypen mittels DET und M. Buch (1996) führte DET-Untersuchungen zur Klassifizierung von Stressregulationstypen bei unterschiedlichen Probandengruppen durch.

Von Rüder et al (2001) wurden Beziehungen zwischen Beanspruchungsklassen und Schlaf mit entsprechenden Untersuchungen der CPR nachgewiesen.

Die Summe der Ergebnisse, die durch zahlreiche Untersuchungen mittels chronopsychobiologischer Regulationsdiagnostik in verschiedenen medizinischen und biologischen Wissenschaftsbereichen gewonnen wurden, bestätigen die Brauchbarkeit und Nutzbarkeit dieser Methode. Mit ihr lassen sich nachweislich Gesundheitszustände bestimmen.

Schließlich bekräftigen auch die beschriebenen Untersuchungen dieser Arbeit eine von Hecht (2001) nachdrücklich formulierte These, wonach Gesundheit und Krankheit keine diametral gegenüberstehenden Erscheinungen darstellen, sondern die sano- und pathogenetischen Prozesse in einer dynamischen Wechselbeziehung stehen, die er in Anlehnung an Avicenna in 6 Stufen gliedert. Infolgedessen war es möglich, differenziertere Analysen vorzunehmen. Unsere Ergebnisse reihen sich adaptiv in das Spektrum der vorangestellten Ergebnisse, die mit dem DET erzielt worden sind.

4.8 DET und psychosoziale Anamnese

Unsere Untersuchungen und Vergleiche sind freilich nur ein Anfang für weitere Forschungsarbeiten mit weitaus repräsentativeren Gruppen, die uns weiterführende verallgemeinernde Aussagen ermöglichen.

Das wird erleichtert, weil nunmehr bewiesen ist, dass „Gesundheit“ unter funktionellem Aspekt in messbaren Daten erfassbar ist. Somit lassen sich klinische und Gesundheit nach der WHO- Definition relativ gut voneinander abgrenzen.

Um das praxisnah zu ermöglichen, war es notwendig, neben den Messdaten des DET und anderen klinischen Befunden auch eine tiefgründige Anamnese zu erheben, die vor allem den psychosozialen Faktor mit berücksichtigt.

Wir konnten feststellen, dass sich bei der Gruppe der klinisch Gesunden und Gesunden nach WHO- Definition die klinischen Befunde nahezu gleich waren. Lediglich bei den Blutdruckwerten gab es geringe Unterschiede, indem bei den klinischen Gesunden der Anteil der Hypertoniker etwas größer war (65%) gegenüber den Gesunden nach WHO- Definition (50%). [Seite 83↓]Bei den Schlafgestörten war der Anteil der Hypotoniker ebenfalls (65%), aber auch der Anteil an Hypertonikern mit 27% deutlich höher als in beiden Gruppen der Gesunden. In diesem Zusammenhang ist nochmals zu erwähnen, dass von Reimer (2001) und Reimer und Hecht (2001) vier Typen der Psychobiologie des arteriellen Hypotonikers unterschieden werden kann. Unsere Gruppen sind aber zu klein, um eine derartige Klassifizierung vorzunehmen.

Erhebliche Unterschiede werden zwischen den klinisch Gesunden und Gesunden nach WHO- Definition bei der erhobenen Anamnese unter Einbeziehung psychosozialer Faktoren deutlich. Dazu gehören besonders folgende Daten (klinisch Gesunde versus Gesunde nach WHO- Definition):

-arbeitslos

59% zu 0%

-Familienstress

86% zu 27%

-pessimistische Grundeinstellung

88% zu 0%

-Schlafprobleme

65% zu 20%

-Konflikte, unterdrückte Emotionen

86% zu 12%

-depressive Zustände

88% zu 20%

-chronische Ängste

84% zu 5%

-Raucher

76% zu 10%

-regelmäßige Einnahme von Medikamenten

63% zu 22%

-regelmäßige Einnahme von Vitaminen und

Mineralien in Form von Nahrungsergänzungsmitteln

4% zu 80%

-gesundheitsbewusste Lebensweise

8% zu 100%

Diese Anamnesedaten charakterisieren Faktoren der psychosozialen Gesundheit, die in beiden Gruppen mit den Daten des DET im Wesentlichen korrelieren. Diese Daten zeigen auch, dass die klinisch Gesunden mehr oder weniger stark unter psychischen Störungen leiden (ICD10F), die gewöhnlich nicht mit der klinischen Befunderhebung erfasst werden können. Patienten mit derartigen Erscheinungen finden gewöhnlich wenig Verständnis bei den klinisch orientierten Arzt.

Reimer et al (1979) wiesen nach, dass der Zeitraum der Entwicklung von funktionellen Störungen bis zum Nachweis organischer Befunde 7-11 Jahre dauern kann. In den USA soll nach Weiner (1988) für derartige Patienten, die sich zudem einem permanenten Doctorshopping unterziehen, der Kostenfaktor 9 gegenüber dem Kostenfaktor für Durchschnittspatienten [Seite 84↓]angesetzt werden. Das ist ein hoher Preis, der sich aus der Nichtachtung solcher Anamnesedaten, wie wir sie erfasst haben, ergibt.

Obgleich noch weitere Untersuchungen erforderlich sind, ist schon jetzt der „klinischen Gesundheit“ als Erscheinung kritisch zu begegnen. Auf ihrer Grundlage kann es sowohl bei Gutachten und Maßnahmen zum Gesundheitsschutz (z.B.Lärmwirkung und EMF-Wirkung) als auch bei klinisch- pharmakologischen Untersuchungen zu Fehleinschätzungen führen.

In diesem Zusammenhang möchten wir noch einmal auf die klinischen und paraklinischen Normwerte (Referenzwerte), ihre Wertigkeit für die Einordnung in krankhafte und gesunde Zustände verweisen. Wie wir zeigen konnten, sind sie nicht fähig, psychosoziale Gesundheitsdefekte zu offenbaren. Wir stimmen mit Kritikern an den Normwerten (Meißner-Pöttig 1999, Dormann und Wege 1997, Jordan 1984) daher überein, weil sie von zahlreichen, für uns kaum überschaubaren Faktoren beeinflusst werden.

Im Rahmen des DET wird der Entspannungsfähigkeit große Aufmerksamkeit geschenkt.

4.9 Entspannungsfähigkeit als Maßstab der Stressbewältigung

Das scheint uns bedeutungsvoll zu sein. Hecht (2001) geht davon aus, dass im entspannten Zustand die gesamte Regulationsbreite des Individuums erfasst werden kann, indem der individuelle Grenzwert sowohl in Richtung Erregung (stress) als auch in Richtung Relaxation zu bestimmen ist.

Nach Hecht (2001) liegt im nicht relaxierten Wachzustand eine mit vielen Faktoren behaftete Unsicherheit vor. Außerdem kann in diesem Zustand die individuelle Begrenzung nicht in zwei Richtungen definiert werden. Weiterhin verweisen Hecht et al (2001) darauf, dass die Entspannungsfähigkeit das wichtigste Kriterium zur Bestimmung von Stress und Stressbewältigung ist. Zahlreiche Untersuchungen dazu haben gezeigt, dass Menschen , die in jeder Situation gut entspannen können auch Stress besser beherrschen. Unsere Ergebnisse bestätigen diese Beobachtungen.

Mit dieser Arbeit konnte weiterhin gezeigt werden, dass auch Situationen in sozialer Kommunikation, Erwartungsstress und Stressverarbeitung zu unterschiedlichen Relaxationsergebnissen führen. Dieser Fakt wäre bei den heute üblichen Therapien zu berücksichtigen.


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4.10  Abschlußbemerkung

Diese Ergebnisse veranlassen uns zu folgender Einschätzung:

1. Mittels der von uns verwendeten chronopsychobiologischen Regulationsdiagnostik, (d.h. mit dem DET) und mit Hilfe eines psychosozial ausgerichteten Anamnesefragebogen ist es möglich geworden, Gesunde nach WHO- Definition und klinisch Gesunde zu klassifizieren.

2. Die Daten der Gruppe der klinisch Gesunden und der pathologischen Kontrollgruppe mit den chronisch Schlafgestörten sind sich sehr ähnlich. Dagegen gibt es keine Ähnlichkeiten zwischen den Daten der Gesunden nach der WHO- Definition und klinisch Gesunden.

3. Paraklinische und klinische Befunde zeigen bei den klinisch Gesunden und Gesunden nach WHO- Definition sowie bei den Insomnikern keine wesentlichen Unterschiede. Mit ihnen ist also eine Differenzierung der Gruppen nicht möglich.

4. Wenn wir Bezug auf die ICD 10F nehmen, dann sind eigentlich die von uns charakterisierten klinisch Gesunden nicht mehr durchgehend als gesund zu bezeichnen. Dieser Aspekt ist unbedingt bei der Beurteilung von Schadstoff-, Lärm- und EMF-Wirkungen zu beachten wie auch bei klinisch pharmakologischen Untersuchungen.

5. Die in dieser Arbeit erzielten Ergebnisse bedürfen durch weitere Untersuchungen mit großen Gruppen eine entsprechende stabile Sicherung. Nach unserer Meinung zeigen die bisherigen Ergebnisse unter praktischen und theoretischen Aspekten weiteren dringenden Forschungsbedarf.


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17.12.2003