6 Zusammenfassung

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Im Jahr 2002 versterben in Deutschland bei circa 2,3 Mio. polizeilich erfassten Verkehrsunfällen mehr als 6.800 Personen und mehr als 88.000 Personen erleiden schwere Verletzungen. Der volkswirtschaftliche Schaden durch Personenschäden beträgt im Jahr 2002 in Deutschland circa 17 Mrd. €.

Zur Verbesserung der Verkehrsicherheit und damit zur Reduzierung der Getöteten und Schwerverletzten wird einerseits auf aktive und passive Sicherheitsmaßnahmen gesetzt, die Verkehrsunfälle vermeiden (zum Beispiel ABS) beziehungsweise die Unfallfolgen vermindern (zum Beispiel Airbag und Sicherheitsgurt) sollen. Andererseits gilt es, die Rettungskette aus „Erster Hilfe“, „Notfallmeldung“, „Organisiertem Rettungsdienst“ und „Krankenhaus“ zu optimieren. In Bezug auf die Verbesserung der präklinische Notfallrettung bei Verkehrsunfällen werden Telematik- beziehungsweise Telemedizin-Anwendungen als ein wesentlicher Ansatz gesehen, die Meldefrist und damit das therapiefreie Intervall zu verkürzen, das Meldebild und damit den Einsatz geeigneter Rettungsmittel zu verbessern und Laienhelfer bei Erste-Hilfe-Maßnahmen am Unfallort zu unterstützen und anzuleiten.

Im Rahmen einer Kosten-Wirksamkeits-Analyse werden die Anwendungspotentiale eines in seinen Grundzügen konzipierten und festgelegten Telemedizinsystems für die präklinische Notfallrettung bei Verkehrsunfällen in Deutschland untersucht. Das Telemedizinsystem besteht aus den beiden Systemkomponenten „Automatische Unfallmeldung“ zur Verkürzung des therapiefreien Intervalls und „Telemedizin für Laienhelfer“ zur Optimierung der Erste-Hilfe-Maßnahmen am Unfallort, die kombiniert als „Vollausstattung“ gestaltet werden können. Als Zeitraum werden zehn Jahre einbezogen und bis dahin wird eine 100%ige Marktdurchdringung angenommen. Im Mittelpunkt der Analyse steht einerseits die Kosten- und Nutzenermittlung und andererseits die Entwicklung von Ausgestaltungs- und Realisierungsempfehlungen für den Einsatz des Telemedizinsystems in Deutschland.

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Die Untersuchungen zeigen, dass das Telemedizinsystem die Zahl der Getöteten und Schwerverletzten bei Verkehrsunfällen reduzieren kann, dass damit aber auch je nach Ausstattungsvariante des Systems nicht unerhebliche Kosten auf die Gesellschaft beziehungsweise einzelne Interessengruppen zukommen. Insgesamt wird der Einsatz des Telemedizinsystems für Deutschland durchaus für realistisch und sinnvoll gehalten, wenn dieser entsprechend ausgestaltet wird und die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Im Einzelnen werden die folgenden zentralen Fragestellungen geklärt (Kapitel 2):

1) Kann durch den Einsatz des Telemedizinsystems die Anzahl der Verkehrstoten in Deutschland reduziert beziehungsweise das medizinische Outcome von Unfallopfern verbessert werden? Und wenn ja, gibt es Nutzenunterschiede zwischen der Verkürzung des therapiefreien Intervalls und der Verbesserung der Laienhilfe beziehungsweise wie sieht das optimale Telemedizinsystem aus medizinischer Sicht aus?

Die Zahl der Getöteten beziehungsweise Schwerverletzten bei Verkehrsunfällen in Deutschland kann durch den Einsatz des Telemedizinsystems reduziert werden. Im Basisergebnis („best guess scenario“) können auf der Grundlage nicht-diskontierter Barwerte je nach Ausstattungsvariante zwischen 40.964 („Automatische Unfallmeldung“) und 150.104 („Vollausstattung“) Lebensjahre gewonnen beziehungsweise zwischen 1.106 und 4.037 Getötete und zwischen 29.794 und 66.147 Schwerverletzte im Zeithorizont von zehn Jahren reduziert werden.

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Tabelle 81: Barwert der Nutzenparameter (nicht-diskontiert) im zehnten Jahr nach Ausstattungsvarianten; Basisergebnis

Nutzenparameter

Automatische Unfallmeldung

Telemedizin für Laienhelfer

Vollausstattung

Gewonnene Lebensjahre

40.964

125.818

150.104

Reduzierung Getötete

1.106

3.383

4.037

Reduzierung Schwerverletzte

29.794

43.703

66.147

Die Systemkomponente „Automatische Unfallmeldung“ erzielt für die Nutzenparameter „Gewonnene Lebensjahr“ und „Reduzierung Getötete“ jeweils circa 33% und für den Nutzenparameter „Reduzierung Schwerverletzte“ circa 68% des Nutzenniveaus der Ausstattungsvariante „Telemedizin für Laienhelfer“ und schneidet damit im Vergleich deutlich schlechter ab. Aus der Sichtweise einer möglichen Nutzenmaximierung ist im Vergleich zu den beiden einzelnen Systemkomponenten allerdings die „Vollausstattung“ des Telemedizinsystems zu empfehlen, da hier die Nutzenpotentiale der beiden Systemkomponenten kombiniert werden und entsprechend für die jeweiligen Nutzenparameter das beste medizinische Outcome erzielbar ist.

2) Welche Kosten entstehen beim Einsatz des Telemedizinsystems und welche Kosteneinsparpotentiale stehen diesen gegenüber?

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Beim Einsatz des Telemedizinsystems entstehen aus Sicht der Gesellschaft Kosten insbesondere aufgrund der Herstellung und des Betriebes des Systems. Kosteneinsparungen lassen sich durch die Reduzierung der Personenschäden und die Verbesserung der Rettungsdienststrukturen erzielen. So stehen für das erste Jahr des Einsatzes des Telemedizinsystems im Basisergebnis je nach Ausstattungsvariante Kosten in Höhe von circa 1,7-5,6 Mrd. € einem Einsparpotential von 67-179 Mio. € gegenüber. Beim Vergleich zwischen den Ausstattungsvarianten wird deutlich, dass die „Vollausstattung“ im Vergleich zur Ausstattungsvariante „Telemedizin für Laienhelfer“ kaum Mehrkosten verursacht, jedoch ein deutlich höheres Einsparpotential erzielt.

Tabelle 82: Basisergebnis der Kostenparameter aus Gesellschaftssicht nach Ausstattungsvarianten im ersten Jahr

Gesellschaft

Parameter

Automatische Unfallmeldung

Telemedizin für Laienhelfer

Vollausstattung

Kosten

Systemkosten

1.657.920.000 €

5.549.280.000 €

5.569.300.000 €

Kosteneinsparungen

Personenschäden

65.697.048 €

131.672.920 €

177.632.971 €

Strukturkosten

1.451.441 €

0 €

1.451.441 €

Für den Betrachtungszeitraum von zehn Jahren und der damit verbundenen 100%igen Marktdurchdringung ergeben sich zu kalkulierende Gesamtkosten zwischen 10,2-37,7 Mrd. €. Aufgrund des höheren Nutzen- und dem damit verbundenen Kosteneinsparpotentials ist die „Vollausstattung“ kostengünstiger als die Ausstattungsvariante „Telemedizin für Laienhelfer“.

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Tabelle 83: Barwert der Kostenparameter (diskontiert) im zehnten Jahr nach Ausstattungsvarianten aus Gesellschaftssicht; Basisergebnis

Gesellschaft

Automatische Unfallmeldung

Telemedizin für Laienhelfer

Vollausstattung

Kosten

10.158.128.768 €

37.665.608.243 €

35.953.427.596 €

3) Welchen Zusammenhang gibt es zwischen den Kosten und dem Nutzen des Telemedizinsystems?

Wie vorausgehend ausgeführt, bewirkt eine Steigerung des Nutzens des Telemedizinsystems beispielsweise durch technischen Fortschritt eine Senkung der Gesamtkosten aufgrund der Zunahme des Einsparpotentials durch die Reduzierung der Personenschäden. Der Nutzen wird nicht direkt durch die Kosten beeinflusst. Dieser ist neben den erzielbaren Nutzenpotentialen durch die Verkürzung des therapiefreien Intervalls und die Verbesserung der Laienhilfe maßgeblich von der Marktdurchdringung des Telemedizinsystems abhängig. Je schneller die Pkws in Deutschland mit dem System ausgestattet sind, desto schneller kann das gesamte Nutzenpotential des Telemedizinsystems ausgeschöpft werden.

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Unabhängig von einem anzustrebenden Nutzenmaximum beziehungsweise Kostenminimum kann die Effizienz des Mitteleinsatzes anhand der Kosten-Wirksamkeits-Quotienten verglichen werden. Aus Sicht der Gesellschaft ist für das Basisergebnis die „Vollausstattung“ zu präferieren und diesbezüglich müssen für jedes gewonnene Lebensjahr 239.524 € aufgewendet werden. Die Krankenkassen, unterstellt, dass sie sich an den Kosten des Telemedizinsystems grundsätzlich beteiligen, werden im Rahmen der getroffenen Annahmen die Ausstattungsvariante „Automatische Unfallmeldung“ bevorzugen, da sie einerseits vor allem von einer Reduzierung der Schwerverletzten profitieren – eine Reduzierung der Getöteten verursacht für die Krankenkassen deutliche Mehrkosten – und anderseits die Mittel mit dieser Systemkomponente am effizientesten eingesetzt werden.

Tabelle 84: Kosten-Wirksamkeits-Quotienten der Barwerte der Kosten- und Nutzenparameter im zehnten Jahr aus Sicht der Gesellschaft (Kosten pro gewonnenes Lebensjahr) und der Krankenkassen (Kosten pro reduzierten Getöteten beziehungsweise Schwerverletzten) nach Ausstattungsvarianten; Basisergebnis

Perspektive

Nutzenparameter

Automatische Unfallmeldung

Telemedizin für Laienhelfer

Vollausstattung

Gesellschaft

Gewonnene Lebensjahre

247.977 €

299.366 €

239.524 €

Krankenkassen

Reduzierung Getötete

2.092.714 €

2.454.285 €

2.014.226 €

Reduzierung Schwerverletzte

77.651 €

189.955 €

122.930 €

4) Kann unter den gegebenen Rahmenbedingungen eine Entscheidung für die Entwicklung, Implementierung und Nutzung des Telemedizinsystems getroffen werden?

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Die Untersuchung der Anwendungspotentiale des Einsatzes des Telemedizinsystems in der präklinischen Notfallrettung erfolgt ex-ante vor einer möglichen Einführung. Die Fragestellungen, die vor einer Realisierung geklärt sein müssen und die überwiegend generell für Telemedizin-Anwendungen gelten, sind unter anderem: Haftungs- und Datenschutzfragen, Vergütung der ärztlichen Leistung, organisatorische und technische Rahmenbedingungen.

Grundsätzlich wird das Telemedizinsystem in der Ausstattungsvariante „Automatische Unfallmeldung“ und in der „Vollausstattung“ für geeignet gehalten, bei Verkehrsunfällen effizient und wirksam die Anzahl der Getöteten und Schwerverletzten zu reduzieren. Darüber hinaus weisen die europäischen Aktivitäten zum Einsatz von Telematik und Telemedizin zur Verbesserung der Verkehrssicherheit darauf hin, dass die Akzeptanz und Bedeutung von Telemedizin weiter zunehmen wird. Allerdings ist aus Kostengesichtspunkten zunächst eine Entscheidung zu treffen, ob es im Vergleich zum Einsatz des Telemedizinsystems wirkungsvollere beziehungsweise kostengünstigere Maßnahmen zur Erhöhung der Verkehrssicherheit gibt. Und erst im zweiten Schritt, nachdem sich das Telemedizinsystem diesem „Kosten-Wirksamkeits-Wettbewerb“ gestellt hat, kann auf der Grundlage eines definierten Budgets festgelegt werden, welche Ausstattungsvariante des Telemedizinsystems gegebenenfalls realisiert werden soll. Dabei sollte allerdings darauf geachtet werden, dass sich das Telemedizinsystem in eine europäische Rahmenarchitektur integrieren lässt.

5) Wie muss der Einsatz eines Telemedizinsystems ausgestaltet sein, damit dieses in Deutschland verwirklicht werden kann?

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Der zentrale Ansatzpunkt für eine Realisierung des Telemedizinsystems wird in einer hohen und schnellen Marktdurchdringung gesehen. Ohne Berücksichtigung möglicher gesetzlicher Vorgaben zur Einführung kann dies am besten durch den Aufbau einer Netzwerk-Allianz erreicht werden. Alle Interessengruppen, die in irgendeiner Form vom Einsatz des Telemedizinsystems profitieren, müssen ihren Beitrag zur Einführung leisten und sicherstellen, dass das Telemedizinsystem zu einem „günstigen“ Marktpreis angeboten wird und somit eine rasche Marktdurchdringung erreichen kann.

Im Mittelpunkt steht dabei der Pkw-Halter als Endkunde, der als mögliches Unfallopfer direkt von der Anwendung des Telemedizinsystems profitieren wird und entsprechend einen Teil der Systemkosten und die monatlichen Benutzungsgebühren zu tragen hat. Daneben profitieren die Kostenträger der Verkehrsunfälle von einer Einführung und deren Einsparpotential im Bereich der Personenschäden und Strukturkosten kann für eine Teilsubventionierung der Systemkosten verwendet werden. Ebenso können die am Einsatz direkt beteiligten Dienstleistungsunternehmen wie beispielsweise Automobil-, Automobilzuliefer- und Medizintechnikindustrie, aber auch mögliche Netzwerkpartner wie Automobilclubs, die zusätzliche kostenpflichtige Services anbieten können, Kostenbeiträge beziehungsweise eine Teilsubventionierung leisten. Darüber hinaus ist eine Förderung durch den Staat in Analogie zur Kfz-Steuer bei schadstoffarmen Fahrzeugen denkbar. Marktfähige Preise werden dazu führen, dass die Marktdurchdringung steigt, damit werden die Preise weiter sinken, die Wirksamkeit des Telemedizinsystems wird aufgrund der Marktdurchdringung zunehmen und somit den Absatz des Systems weiter stimulieren und die Kosteneinsparpotentiale erhöhen.

Insgesamt wird mit der vorliegenden Arbeit – unter Einbeziehung der aktuellen gesundheitsökonomischen Verfahren – ein in sich geschlossenes methodisches Konzept zur gesundheitsökonomischen Evaluation des betrachteten Telemedizinsystems entwickelt und praxisnah angewendet, das den spezifischen Anforderungen von Telemedizin gerecht wird. Mit dieser Untersuchung wird der methodische Grundstein für weiterführende Analysen und die Erarbeitung von Umsetzungskonzeptionen gelegt, die eine kosteneffiziente Gestaltung eines möglichen Telemedizinsystems zur Verbesserung der präklinischen Notfallrettung bei Verkehrsunfällen in Deutschland ermöglichen und die Grundlagen für die Realisierung eines derartigen Systems schaffen.


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18.07.2006