5 Diskussion

5.1  Hypothesenbezogene Zusammenfassung und Diskussion der Hauptergebnisse

5.1.1  Repräsentation supraliminaler Stimuli bei Gesunden

↓80

Aktivität bei supraliminaler Stimulation wurde in allen betrachteten Arealen sowohl auf dem spinothalamischen als auch auf dem vagalen Pfad (Aziz et al., 00) in Einzel- und Gruppenauswertungen gefunden.

↓81

Einzige Ausnahme ist die Gruppenauswertung von BA11, wo sich im Gegensatz zur Einzelauswertung keine Aktivität zeigte. BA11-Aktivierung wurde bisher nur in zwei (mutmaßlich drei2) Arbeiten gefunden (Naliboff et al., 01; Bernstein et al., 02; Lotze et al., 01). Eine differentielle Analyse der präfrontalen Cortexareale ist in der Literatur nicht vorgenommen worden, und mehrere Arbeiten betrachten den Präfrontalcortex (ein Hirnareal, das mehrere Gyri umfaßt) nur in seiner Gesamtheit (Aziz et al., 00). BA11 erhält u.a. Eingänge aus somatosensorischen Arealen und der Amygdala (Kolb und Wishaw, 96). Welche Rolle dieses Areal im Kontext rektaler Perzeption spielt und worin sich diese Rolle von der anderer präfrontaler Areale wie BA10 unterscheidet, ist jedoch nicht bekannt.

Besonders hervorzuheben ist außerdem der somatosensorische Cortex (S2). Eine präferentielle Repräsentation viszeraler Reize in S2 statt in S1 ist spekuliert worden (Aziz et al., 00), jedoch wurde bisher in Studien zur rektalen Perzeption S2-Aktivierung nur dann gefunden, wenn anale und rektale Verarbeitung verglichen wurden (Hobday et al., 01; Lotze et al., 01), nicht jedoch wenn ausschließlich rektale Reize zum Einsatz kamen (vgl. Kap. 2.3). In dieser Arbeit konnte zum ersten Mal S2-Aktivierung bei rektalen Reizen klar nachgewiesen werden. Das entspricht den Gegebenheiten bei der ösophagealen Perzeption (Aziz et al., 00).

Schwerpunkt der Aktivierung im ACC war das Brodman-Areal 24 und nicht, wie in einigen anderen Studien berichtet, BA32. In der Insula lag anders als in mehreren Vorarbeiten der Schwerpunkt der Aktivierung im posterioren Abschnitt. Bei beiden Arealen wird allerdings in den meisten Vorarbeiten kein Aktivitätsschwerpunkt berichtet. In S1 und Insula lag der Schwerpunkt der Aktivität eindeutig links, während in den anderen Arealen Hemisphärenunterschiede nicht so deutlich ausgeprägt waren.

↓82

In dieser Studie wurde zum ersten Mal die Aktivität emotionsverarbeitender temporaler Areale bei Gesunden betrachtet. Obwohl einzelne Probanden in der Einzelauswertung Aktivierung im Hippocampus und eine Mehrheit in der Amygdala zeigen, sind die Ergebnisse der Gruppenauswertung nicht signifikant.

5.1.2 Repräsentation subliminaler Stimuli bei Gesunden

Zur Verarbeitung nicht bewußt wahrnehmbarer (d.h. subliminaler) rektaler Reize existieren zwei Untersuchungen, die jedoch auf eine Gruppenauswertung verzichten (Kern et al., 01; Kern und Shaker, 02). Sie können mit der hier vorgenommenen Einzelauswertung verglichen werden. Die in diesen Arbeiten aktivierten Areale wurden auch in der vorliegenden Arbeit aktiviert.

Ausnahme ist die Insula, die in den Vorarbeiten bei einer Reihe von Probanden aktiviert gesehen wurde, was sich in der hier untersuchten Stichprobe nicht finden ließ. Die Insula ist als Areal der primären viszeralen Wahrnehmung beschrieben worden, das seinen Eingang ohne Umweg über den Thalamus direkt aus dem Hirnstamm und hier vor allem aus den Nuclei parabrachiales und dem Nucleus tractus solitarii erhält. Vagale Afferenzen sollen eine niedrige Schwelle haben (Aziz et al., 00). Aus diesem Grund ist es sinnvoll, Aktivierung bei jedem rektalen Reiz anzunehmen, der stark genug ist um primäre Sensoren zu stimulieren. Die hier verwendeten Stimuli führten zu S1-Aktivierung und wurden also von primären Sensoren registriert. Da die Reizleitung über den Thalamus erfolgt, wäre hier ebenso Aktivität anzunehmen, die – wie in der Insula – nicht beobachtet werden konnte, so daß möglicherweise in beiden Arealen eine Aktivierung zu schwach ist, um zu einem signifikanten Signalanstieg zu führen. Andererseits ist wenig bekannt über die unterschiedlichen Aufgaben des spinalen und des viszeralen Wahrnehmungspfades. Eine Hypothese ist, daß die Insula an affektiven und kognitiven Antworten auf viszerale Schmerzreize beteiligt sein soll (Aziz et al., 00). Affektiv nicht bedeutsame Reize müßten demzufolge nicht zu einer Insulaaktivierung führen. Beide Überlegungen zur subliminalen Stimulation bleiben jedoch Spekulation, solange nicht mehr über die Rolle der Insula bei der rektalen Perzeption bekannt ist.

↓83

Hervorzuheben ist noch Aktivität in BA7, die von Kern et al. bei nur einem Probanden beobachtet wurde und sich in dieser Studie bei der Mehrzahl der gesunden Probanden nachweisen ließ. Teile von BA7 haben enge Verbindungen zu präfrontalen Arealen und sind u.a. für die Integration verschiedener sensorischer Wahrnehmungsmodalitäten und zusammen mit dem Präfrontalcortex für die räumliche Kontrolle von Verhalten zuständig (s. Kap. 2.3) (Kolb und Wishaw, 96). Das kann also als Hinweis auf eine weitgehende corticale Verarbeitung vorbewußter Reize gewertet werden, wie sie aus anderen Modalitäten, z.B. bei visuellen Reizen, bekannt ist (Fellows et al., 02).

In der Gruppenauswertung findet sich dagegen in den meisten Arealen keine signifikante Aktivierung. Dennoch zeigt der Vergleich supraliminaler vs. subliminaler Stimulation wesentlich kleinere Cluster als der Vergleich supraliminal vs. Pause bei gleicher Lokalisation. Das deutet darauf hin, daß es zu einem gewissen, aber nicht signifikanten Signalanstieg in diesen Arealen unter subliminaler Stimulation kommt und daher die Differenz supraliminal vs. Pause größer ist als die Differenz supraliminal vs. subliminal. Das ist ein indirekter Hinweis auf eine qualitativ gleichwertige, quantitativ aber unterschiedliche Repräsentation dieser Stimuli.

Andererseits zeigt sich aber in der Gruppenauswertung signifikante Aktivität in den Arealen antCG, BA10 und BA11, und zwar in Bereichen, die bei supraliminaler Stimulation nicht aktiviert sind bzw. sogar signifikant weniger aktiviert sind. Das spricht dafür, daß hier qualitativ andere Prozesse eine Rolle spielen. Obwohl es Hinweise gibt, daß die präattentive Verarbeitung subliminaler Reize andere Mechnismen benutzt als die Vearbeitung bewußter Reize (Hölzl et al., 1996), muß hier doch am ehesten an Antizipationsmechanismen gedacht werden: in dem verwendeten Stimulationsprotokoll mit vorhersagbaren Stimulations- und Pausenblöcken können die subliminalen Stimulationen als verlängerte Pausen wahrgenommen werden, in denen eine Stimulation antizipiert wird. Beide Hypothesen – eine qualitativ andere Verarbeitung subliminaler Stimuli oder Antizipationsmechanismen – sind in dem verwendeten Paradigma möglich und können nicht getrennt werden.

↓84

Antizipation eines Stimulus führt aber doch wahrscheinlich nicht zur Aktivierung primärer sensorischer Areale, so daß die in der Einzelauswertung aufgefundene S1-Aktivität dafür spricht, daß die subliminalen Stimuli als solche zentral repräsentiert werden.

Nicht vollständig klar ist dabei jedoch sowohl bei Kern et al. wie auch in dieser Arbeit, ob es sich bei den in der Einzelauswertung gefundenen Aktivierungen tatsächlich um eine Antwort auf vorbewußte Stimuli handelt. Über die Stabilität rektaler Reizschwellen ist wenig bekannt, und möglicherweise zeigen nur diejenigen Probanden Aktivierung, die die „sub“liminalen Stimuli nun doch wahrnehmen. Sporadische Befragung der Probanden post hoc ergab, daß tatsächlich einige Stimuli wahrgenommen wurden, während andere als verlängerte Pausen interpretiert wurden. Eine schlüssige Klärung dieser Frage kann jedoch nicht post hoc, sondern nur während der Untersuchung selber durch ein Stimulusrating erfolgen. Da die Frage nach der Quantifizierung einer Perzeption jedoch die Perzeption verändern kann (vgl. Kap. 2.3) verzichteten wir wie auch Kern et al. während der Untersuchung auf eine solche Einschätzung der Stimuli durch die Probanden, so daß diese Frage in der vorliegenden Arbeit nicht mit Sicherheit geklärt werden kann.

5.1.3 Repräsentation der Stimuli bei Patienten

Betrachtet man die Einzelauswertungen bei supraliminaler Stimulation, dann werden die Ergebnisse von Gesunden bestätigt: in allen RoI zeigt die Mehrzahl der Patienten eine signifikante Aktivität. In mehreren Arealen (S1, Insula, antCG) kommt es jedoch anders als bei Gesunden nicht zu einer signifikanten Aktivierung in der Gruppenauswertung, und bei subliminaler Stimulation ist auch in der Einzelauswertung so gut wie keine signifikante Aktivierung zu finden.

↓85

Hervorzuheben ist daher die rechtshemisphärische Amygdala- und Hippocampus-Aktivierung bei supraliminaler Stimulation, die in der Gruppenauswertung nur bei Patienten signifikant wird. Beide Areale spielen eine entscheidende Rolle bei der Beurteilung affektiver Stimuli und der Aufrechterhaltung von Emotionen (Graham, 90; Kolb und Wishaw, 96; Phillips et al., 03). Das signifikante Cluster liegt klar abgegrenzt in der posterioren Amygdala und dem anterioren Hippocampus, so daß unklar ist, ob hier tatsächlich beide Areale aktiviert sind oder ob aufgrund unterschiedlicher Morphologie bei den Patienten sich Aktivierung eines Areals im Mittel auf den Übergang zwischen den beiden nahe beieinander liegenden Gebieten projiziert. In den Einzelauswertungen kommen jedoch beide Areale aktiviert vor.

Für die insgesamt schwächere Signalintensität bei IBS-Patienten in den meisten Arealen sind mehrere Erklärungen denkbar:

  1. Durch die Anpassung der Reizintensitäten an die individuellen Wahrnehmungsschwellen sollten periphere Veränderungen umgangen werden: wenn physikalisch gleiche Stimuli durch Alterationen z.B. im Darmnervensystem oder durch spinale Sensitivierung von IBS-Patienten zu einem stärkeren primären Signal führen und dadurch stärker wahrgenommen werden, wird das in dem hier verwendeten Paradigma nicht sichtbar. Bei gleicher Wahrnehmung und gleichem primären Signal wäre dann der physikalische Stimulus schwächer. Im Gegenzug ist aber ein umgekehrter Mechanismus denkbar: bei gleichem primären Signal und stärkerer z.B. affektiver Gewichtung wird ein physikalisch gleicher Stimulus stärker wahrgenommen, ohne daß das periphere Signal verändert ist. Durch die Anpassung der Stimulusintensität an die Wahrnehmung würden dann gleich intensiv wahrgenommene Stimuli bei IBS-Patienten durch einen schwächeren physikalischen Stimulus hervorgerufen und mit einem schwächeren primären Signal einhergehen als bei Gesunden. Tatsächlich ist die bei den IBS-Patienten verwendete Stimulusintensität im Mittel um ca. 25% niedriger als bei Gesunden (auch wenn dieser Unterschied nicht statistisch signifikant ist, vgl. 3.3.2). Das steht im Einklang damit, daß z.B. in S1 und Insula, den Arealen der primären viszeralen Wahrnehmung, keine signifikanten Aktivierungen bei IBS-Patienten, wohl aber bei Gesunden zu beobachten ist. In Arealen, in denen die kognitive oder affektive Bewertung der Stimuli repräsentiert sind, müßte dann eine gleich starke oder stärkere Aktivierung zu beobachten sein. Kandidaten hierfür sind Amygdala und Hippocampus, in denen bei Gesunden kaum, bei Patienten jedoch deutliche Aktivität beobachtet wurde. Genauer kann diese Hypothese der statistische Gruppenvergleich klären, der im nächsten Kapitel diskutiert wird.
  2. Eine insgesamt schwächer ausgeprägte Repräsentation gleich intensiver rektaler Reize bei IBS-Patienten ist als Interpretation ebenfalls möglich, jedoch nur in Arealen der höheren Verarbeitung denkbar. Es ist nämlich bekannt, daß Reizdarmpatienten physikalisch gleich intensive rektale Reize stärker wahrnehmen als Gesunde (Mertz et al., 95). Wird hier eine schwächere Aktivierung höherer corticaler Areale gefunden, kann dies mit schwächerer Aktivität inhibierender Netzwerke in Verbindung gebracht werden und die stärkere Reizwahrnehmung erklären. Eine schwächere Signalintensität in Arealen der primären sensorischen Repräsentation ist bei stärkerer Reizwahrnehmung und gleichem physikalischen Reiz jedoch kaum denkbar, denn in diesen Arealen besteht sowohl bei Gesunden als auch bei IBS-Patienten ein Zusammenhang von Stimulusintensität und Signalstärke (vgl. hierzu auch die umfangreiche Literatur zur Perzeption deutlich wahrnehmbarer rektaler Stimuli, die in Kap. 2.3 zusammengefaßt ist).
  3. Einen Hinweis auf eine methodische Erklärung dieser schwächeren Aktivierung bietet der Vergleich supra- mit subliminaler Stimulation. Bei Gesunden finden sich hier signifikante Cluster in gleicher Lokalisation wie beim Vergleich von supraliminaler Stimulation mit der Pausenbedingung, die Cluster sind jedoch erheblich kleiner. Das läßt sich als Hinweis für eine kontinuierliche Zunahme des Signals bei Zunahme der Stimulusintensität werten.
    Bei Patienten dagegen führt der Vergleich supra- vs. subliminal zu erheblich größeren signifkanten Clustern als der Vergleich supraliminal vs. Pause. Das ist ein Hinweis auf eine Signalabnahme in der subliminalen Stimulation im Vergleich zur Pausenbedingung. Eine solche Signalabnahme kann sowohl die z.T. fehlenden signifikanten Aktivierungen in der supra- wie auch das fast völlige Fehlen von Aktivierungen in der subliminalen Bedingung erklären. Ein möglicher Grund ist die von Bonaz et al. vorgeschlagene hohe basale Aktivität bei Reizdarmpatienten im Vergleich zu Gesunden (Bonaz et al., 02) (vgl. Kap. 2.3). Da jedoch noch kein schlüssiges Erklärungsmodell hierfür oder für Signalabnahmen existiert (vgl. Kap. 3.4.2), wurde dieser Frage nicht weiter nachgegangen. Vor diesem Hintergrund wäre zu erwarten, daß Patienten in allen Arealen eine geringere Aktivierung als Gesunde in allen Stimulationsbedingungen zeigen.

5.1.4 Vergleich von Gesunden und IBS-Patienten

↓86-87

Hauptergebnis des statistischen Vergleiches der Aktivierung beider Gruppen ist: Unterschiede zwischen den Gruppen bestehen in beiden Richtungen, jedoch annähernd ausschließlich in Arealen der höheren Verarbeitung. Das spricht gegen die oben erwähnte Hypothese, daß bei Reizdarmpatienten durch den physikalisch etwas schwächeren Stimulus ein schwächeres primäres Signal gemessen wird.

(1) Gruppenunterschiede bei subliminaler Stimulation: Bei der schwächsten Stimulation kommt es im Arealen der höheren corticalen Verarbeitung zu einer stärkeren Aktivität bei Probanden als bei Patienten. Dieser Befund läßt sich mit mit zwei der oben beschriebenen Schlußfolgerungen vereinbaren: einerseits daß es bei Patienten in höheren Arealen zu einer Signalabnahme in der subliminalen Stimulationsbedingung kommt, da die Pausen von Antizipationsvorgängen bestimmt werden; andererseits daß die Aktivierung inhibierender Netzwerke in höheren corticalen Arealen weniger ausgeprägt ist. Für die dritte Hypothese – ein schwächeres primäres Signal bei gleicher wahrgenommener Reizintensität - findet sich hier kein Hinweis, da in den Arealen der primären Repräsentation keine Gruppenunterschiede zu finden sind.

(2) Gruppenunterschiede bei liminaler Stimulation: Bei Stimulation im Bereich der Wahrnehmungsschwelle finden sich Unterschiede in beide Richtungen im Präfrontalcortex sowie zugunsten von Patienten im Cingulum und BA7. Von der Voxelzahl her dominiert aber eindeutig die stärkere Aktivität bei IBS-Patienten in allen Arealen. Dieser Befund zeigt sich nur bei liminaler, nicht jedoch bei supraliminaler Stimulation. Eine naheliegende Interpretation ist, daß höhere kognitive und emotionale Verarbeitungsschritte bei Patienten schon bei Reizen im Bereich der Wahrnehmungsschwelle erfolgen und bei Gesunden erst bei eindeutig wahrnehmbaren (supraliminalen) Reizen. Ein Selektionsmechanismus, der irrelevante Reize für die höhere Verarbeitung auswählt, hätte nach dieser Interpretation eine niedrigere Schwelle. Diese Erklärung ist kompatibel mit der Hypothese einer verstärkten Aufmerksamkeit von Reizdarmpatienten auf den Darm (Naliboff et al., 97; Whitehead und Palsson, 98; Blomhoff et al., 00; Blomhoff et al., 00; Gibbs-Gallagher et al., 01).

(3) Gruppenunterschiede bei supraliminaler Stimulation: Bei eindeutig wahrnehmbarer Stimulation zeigen Gesunde in den meisten Arealen stärkere Aktivität als Patienten. Patienten wiederum weisen in S1, BA10 und im Hippocampus mehr Aktivität auf als Probanden.

Im rechten S1 finden sich drei kleinere Cluster mit Gruppenunterschieden: zwei zeigen ein stärkeres Signal bei Probanden und eins ein stärkeres Signal bei Patienten. Das spricht eher für eine unterschiedliche Lokalisation der S1-Aktivierung als für ein unterschiedliches Ausmaß der Aktivität. Im Kontext der großen interindividuellen Variabilität gerade des Gyrus postcentralis (Talairach und Tournoux, 88) läßt sich das eher als (zufälliger) Unterschied in der Morphologie zwischen den Gruppen interpretieren und nicht als funktioneller Unterschied.

Eine stärkere Aktivierung bei Probanden in S2 kann man nicht als verstärktes primäres Signal interpretieren, da bisher unklar ist, ob S2 überhaupt ein primäres Areale für die rektale Wahrnehmung darstellt. Die vorliegende Arbeit ist die erste Untersuchung, die ausschließlich rektale Reize verwendet und dabei S2-Aktivierung registriert.

↓88

Davon abgesehen sind in den primären Arealen keine Gruppenunterschiede nachzuweisen. In Anbetracht der deutlich ausgeprägten Gruppenunterschiede in Arealen der höheren Verarbeitung spricht das – mit den Einschränkungen, die für die BOLD-Technik gelten – für ein gleich ausgeprägtes primäres Signal, obwohl die physikalische Intensität der Stimuli unterschiedlich ist.

Gruppenunterschiede finden sich dagegen in den meisten übrigen Arealen. Das läßt sich zunächst allgemein als veränderte höhere Verarbeitung interpretieren, ohne eine Richtung anzugeben. Man muß nämlich die oben besprochene methodische Erklärungsmöglichkeit berücksichtigen, daß der Vergleich supraliminal vs. Pause in der Patientengruppe möglicherweise deshalb so wenig Aktivierungen erbringt, weil die Pausenbedingung keine echte Pausenbedingung darstellt (s.o.), eine Beobachtung, die bereits in einer Vorstudie gemacht wurde (Bonaz et al., 02). Dann wäre eine stärkere Aktivierung bei Probanden aber in allen Arealen zu erwarten bzw. ein protokollbedingtes Artefakt. Nur das Nichtvorhandensein eines solchen Unterschiedes oder eine stärkere Aktivierung bei Patienten ließe sich dann schlüssig auswerten.

Andererseits läßt sich nach einer anderen Hypothese abgeschwächte Signalintensität in höherer corticalen Arealen bei IBS-Patienten als verminderte Aktivität inhibierender Netzwerke interpretieren, die mit der stärkeren Wahrnehmung eines physikalisch gleichartigen Stimulus kompatibel sind. Ein schwächeres Signal im ACC bei IBS-Patienten beispielsweise wurde auch von anderen Gruppen gefunden (Silverman et al., 97; Naliboff et al., 01; Bernstein et al., 02).

↓89

Bei Patienten findet sich ein stärkeres Signal in präfrontalen Bereichen. Das entspricht den Ergebnissen zweier weiterer Arbeiten (Naliboff et al., 01; Yuan et al., 03), ohne daß dort aber auch Cluster mit erhöhtem Signal bei Probanden in den gleichen Arealen gefunden worden wäre. Insofern ist die Gleichwertigkeit der Ergebnisse unklar.

Außerdem weisen Patienten bei supraliminaler Stimulation einen höheren Signalanstieg im Hippocampus auf. Das korrespondiert zu der nur bei Patienten zu findenden signifikanten Hippocampusaktivierung bei supraliminaler Stimulation und ist ein Hinweis auf eine veränderte emotionale Verarbeitung der Stimuli bei Reizdarmpatienten.

Wird auch in Lehrbüchern noch die Rolle des Hippocampus bei der räumlichen Orientierung und bei Gedächtnisfunktionen betont (Kolb und Wishaw, 96), so hat sich doch experimentell eine übergeordnete Rolle bei der affektiv gefärbten Verhaltenskontrolle herauskristallisiert (Phillips et al., 03). Im Modell des septohippocampalen Systems von (Gray und McNaughton, 00) dient der Hippocampus als Vergleichsmodul, das Abweichungen der Außenwelt vom erwarteten Zustand (mismatch) entdeckt. Sobald Schmerz, Bestrafung oder das Ausbleiben von Verstärkung bemerkt wird, übernimmt der Hippocampus dieser Theorie zufolge die Verhaltenskontrolle und setzt das behavioral inhibition system (BIS), also Verhaltensinhibition in Gang, die Gray mit Angstreaktionen gleichsetzt (Gray, 84; Gray, 96). Kontextkontrolle im räumlichen und kognitiven Sinne ist in diesem Modell eine entscheidende Aufgabe des Hippocampus und kann die experimentell belegte Rolle des Hippocampus bei entsprechenden Aufgaben erklären.

↓90

Eine verstärkte hippocampale Aktivität bei Reizdarmpatienten läßt sich also folgendermaßen interpretieren: bei gleicher subjektiver Reizintensität wird stärker als bei Gesunden Schmerz antizipiert und daher eine affektiv gefärbte Verhaltensantwort im Sinne der Angstreaktion in Gang gesetzt. Das entspricht der klinischen Beobachtung.

Eine andere Interpretationslinie ist die Schädigung des Hippocampus durch Glucocorticoide und Stress, von Sapolsky et al. in vielen Experimenten nachgewiesen (Sapolsky, 92). Das Reizdarmsyndrom wird als streßassoziierte Erkrankung angesehen (Delvaux, 99; Mayer et al., 01; Moennikes et al., 01), und es ist denkbar, daß ein geschädigter Hippocampus kompensatorisch überaktiv erscheint. Solche kompensatorische Überaktivität ist z.B. im Präfrontalcortex von Schizophrenen postuliert worden (Weinberger et al., 01; Hariri und Weinberger, 03). Im Gegensatz zu anderen streßassoziierten Erkrankungen fehlen beim Reizdarmsyndrom jedoch Berichte über erhöhte Spiegel von Streßhormonen und die Befunde zur Streßreaktivität sind widersprüchlich (Payne et al., 92; Plante et al., 98), so daß diese Interpretation spekulativ und weniger wahrscheinlich ist als die vorgenannte.

Insgesamt sind also deutliche Unterschiede zwischen Probanden und Patienten in Arealen der höheren Verarbeitung festzustellen. Stärkere Aktivität bei Gesunden zeigt sich in BA10 und im ACC, letzteres kompatibel mit den Beobachtungen anderer Arbeitsgruppen. Stärkere Aktivität bei Patienten findet sich in anderen BA10-Regionen und im Hippocampus. Das letztere Ergebnis liefert einen weiteren Hinweis auf die erhöhte emotionale Relevanz rektaler Reize für diese Patienten.

↓91

Nicht ganz ausgeschlossen werden kann der Einfluß des emotionalen Kontextes: während die Gesunden zumeist naiv für die Untersuchungssituation waren, hatten die Patienten vor dieser Studie eine oder mehrere Kolonoskopien erlebt. Die Untersuchungssituation kann daher u.U. für Gesunde als unangenehmer erlebt werden. Negativer emotionaler Kontext führt zu stärkerer Aktivierung im ACC und der Insula in Antwort auf viszerale Reize (Phillips et al., 03). Dieser Einfluß läßt sich allerdings bei Verwendung einer Kontrollgruppe Gesunder nicht eliminieren. Hier müßten andere gastroenterologische Patienten als Vergleichspopulation herangezogen werden.

5.2 Methodische Überlegungen

Drei Interpretationsprobleme dieser Arbeit ließen sich durch eine veränderte Methodik klären:

  1. Aufgrund des vorhersagbaren Paradigmas mit langen Stimulationsblöcken und kurzen Pausen können Antizipationsvorgänge in den subliminalen Stimulationsblöcken nicht zweifelsfrei von Verarbeitungsvorgängen getrennt werden. In einem Paradigma mit gleich langen Stimulationen und Pausen wären Pause und subliminale Stimulation hinsichtlich Antizipationsvorgängen vergleichbar – hier sollte also die Verarbeitung subliminaler Reize klarer abgebildet werden.
  2. Umgekehrt wurde spekuliert, daß bei Patienten in den Pausen Antizipationsvorgänge eine große Rolle spielen, die zu einer Signalabnahme führen könnten, sobald „etwas passiert“. Hier böte es sich an, als Vergleichsbedingung nicht eine Pause, sondern ein Block mit einer anders gearteten Stimulation (z.B. visuell, akustisch) heranzuziehen.
  3. Um die Einflüsse peripherer Veränderungen getrennt darzustellen, müßten – wie oben dargestellt – physikalisch gleichwertige Stimuli in beiden Gruppen eingesetzt werden. Das war nicht das Ziel der vorliegenden Arbeit und im Rahmen der Untersuchung vorbewußter Stimuli auch nicht möglich. Um die Ergebnisse der Arbeit jedoch auszuweiten und besser kontrollieren zu können, wäre es denkbar, weitere Untersuchungen mit fest vorgebenen Stimulusintensitäten in einem sehr niedrigen Bereich durchzuführen.


Fußnoten und Endnoten

2  bei widersprüchlichen Angaben im Artikel (Lotze et al., 01)



© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
11.12.2006