6 Zusammenfassung

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Das Reizdarmsyndrom ist eine häufige Erkrankung in unterschiedlichen Kulturkreisen und führt trotz seiner quoad vitam günstigen Prognose zu starkem Leiden und in der Folge zur Inanspruchnahme von Ressourcen im Gesundheitssystem und nicht selten zur Invalidität. Zur Pathogenese sind verschiedene Modelle vorgeschlagen worden. Einzig eine Hypersensitivität gegenüber viszeralen Reizen konnte als sensitiver und spezifischer Marker identifiziert werden. Hintergrund dieser Hypersensitivität könnten Veränderungen auf unterschiedlichen Ebenen sein, z.B. auf Ebene der primären Sensoren, auf spinaler Ebene oder in unterschiedlichen Systemen des ZNS. Zur in-vivo-Untersuchung von ZNS-Strukturen sind bildgebende Verfahren wie das fMRI Methode der Wahl. In dieser Arbeit wurden unter Umgehung peripherer Einflüsse gezielt zentrale Veränderungen beim Reizdarmsyndrom untersucht. Da bekannt ist, daß die präattentive Verarbeitung nicht bewußt wahrnehmbarer Reize anders erfolgt als die attentive, und da die Mehrzahl der Darmreize nicht bewußt wahrnehmbar ist, wurden gezielt vorbewußte und bewußt wahrnehmbare Stimuli verglichen. Die Stimulusintensität war an die Reizschwelle angepaßt, um periphere Veränderungen zu umgehen. Acht Patienten und acht Probanden wurden in einem Stimulationsprotokoll mit Reizen knapp ober- und unterhalb der Wahrnehmungsschwelle mit einer BOLD-Untersuchung hinsichtlich der Aktivierung corticaler und subcorticaler Areale verglichen.

Es zeigten sich Veränderungen bei der präattentiven Verarbeitung rektaler Reize, also unterhalb der bewußten Wahrnehmungsschwelle. Diese Veränderungen finden sich nicht auf Stufe der primären Repräsentation, was den Voraussetzungen entspricht, da bei der Anpassung der Stimulusintensität an die individuelle Reizschwelle auch das primäre Signal angeglichen wird. (Yamasaki et al., 00)

Die vorliegende Arbeit zeigt jedoch eindeutig Veränderungen auf höheren Ebenen der Reizverarbeitung. Hier sind insbesondere das Cingulum und der Präfrontalcortex als höhere corticale Areale zu nennen. Bei liminaler Stimulation weisen Patienten in diese Arealen ein höheres Signal auf als Gesunde, während bei supraliminaler Stimulation Gesunde ein stärkeres Signal zeigen. Das ist ein Hinweis auf die erniedrigte Aufmerksamkeitsschwelle von Reizdarmpatienten in Hinsicht auf den Darm: schon schwächere Reize führen zu einer höheren Verarbeitung.

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Das höhere Signal bei Gesunden bei sub- und supraliminaler Stimulation kann einerseits als Methodenartefakt gesehen werden: durch ein hohes Signal in der Pausenbedingung wird ein erhöhtes Signal bei der Stimulation nicht entdeckt. Eine andere Interpretationslinie ist die schwächere Aktivität inhibierender corticaler Netzwerke bei Reizdarmpatienten, die mit einer stärkeren Stimuluswahrnehmung kompatibel ist. Zu dieser Interpretation paßt allerdings nicht die erhöhte Aktivität bei Patienten unter liminaler Stimulation. Eine endgültige Klärung der Frage, ob Reizdarmpatienten in den Pausen ein erhöhtes Signal in corticalen Arealen aufweisen, könnte jedoch nur mit Techniken gefunden werden, die anders als die BOLD-Technik die absolute Aktivierung eines Areals messen (wie ASL, arterial spin labeling) (Norris, 03; Golay et al., 04).

In dieser Studie wurde zum ersten Mal die hippocampale Aktivität betrachtet. Hier zeigen Patienten ebenfalls stärkere Aktivierung bei supraliminaler Stimulation. Das kann mit der größeren affektiven Valenz viszeraler Reize für diese Patienten erklärt werden.

Die vorliegende Arbeit bietet also klare Hinweise auf eine veränderte höhere Verarbeitung von rektalen bewußten und vorbewußten Reizen bei Reizdarmpatienten, und zwar sowohl hinsichtlich einer niedrigeren Aufmerksamkeitsschwelle als auch hinsichtlich einer höheren affektiven Valenz. Belege für ein verändertes primäres Signal wurden protokollbedingt nicht gefunden. Zudem wäre die BOLD-Technik möglicherweise nicht sensititiv genug, um die Stärke der Aktivierung primärer Areale zu bestimmen. Beispielsweise bei der Frage, ob Ablenkung das primäre Schmerzsignal beeinflußt oder nicht, konnte eine schlüssige Antwort erst mit magnetoenzephalographischen Arbeiten gegeben werden (Yamasaki et al., 99). Hier wären also weitere Arbeiten mit sensitiveren Methoden notwendig, um zu klären, ob die zentralen oder die peripheren Veränderungen beim Reizdarmsyndrom im Vordergrund stehen.


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11.12.2006