A Einleitung

A.1  Senkung der Langzeitmorbidität Frühgeborener - eine Hauptaufgabe der Neo-natologie

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Laut statistischem Bundesamt wurden 1999 etwa 50.000 Kinder in der Bundesrepublik Deutschland mit einem Geburtsgewicht unter 2500 g geboren. Da eine enge Korrelation zwischen der Schwangerschaftsdauer und der körperlichen Entwicklung des Feten beziehungsweise des Neugeborenen besteht, sind ungefähr zwei Drittel der Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 2500 g auch Frühgeborene, das restliche Drittel sind reife, meist hypotrophe Neugeborene.67 Korrekterweise werden deshalb Neugeborene mit einem Geburtsgewicht unter 2500 g als untergewichtige Neugeborene bezeichnet.71 Je niedriger das Geburtsgewicht eines Kindes ist, desto höher ist das Risiko für Mortalität und Morbidität. Dies gilt besonders für Kinder mit einem sehr niedrigen Geburtsgewicht unter 1500 g.

Der Anteil der untergewichtigen Neugeborenen in der Gesamtpopulation stieg (bezogen auf Lebend- und Totgeborene) von 5,8 % (1990) auf 6,8 % (1999) in Deutschland an.6 Dabei umfassen die sehr untergewichtigen Neugeborenen (VLBW: very low birth weight, Neugeborene mit einem Geburtsgewicht kleiner als 1500 g) fast ausschließlich Frühgeborene mit einem Gestationsalter unter oder mit genau 32 Wochen. In Deutschland betrug die Rate sehr unreifer Frühgeborener (Gestationsalter unter 32 vollendeten Schwangerschaftswochen) in den 90erJahren des letzten Jahrhunderts zwischen 1,1 und 1,3 % (Statistisches Bundesamt), wobei laut Bartels die Zahl der Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 1500 g zunimmt.5

Bis in die achtziger Jahre war die Sterblichkeit der VLBW-Frühgeborenen ein Hauptproblem. In den letzten Jahren konnte die Sterblichkeit der VLBW-Frühgeborenen dagegen signifikant gesenkt werden22,31,39, so liegt die Überlebensrate der Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht über 1000 g heute zwischen 94 % und 97 %, für ein Geburtsgewicht von 751 bis 1000 g bei
86 %, wogegen die Sterblichkeit der Neugeborenen mit einem Gewicht unter 751 g mit 46 % immer noch sehr hoch ist.31 Die Senkung der Mortalität ist hauptsächlich der Verbesserung der perinatalen und neonatalen Versorgung zu verdanken. Insbesondere in den neunziger Jahren wurden in beiden Bereichen Präventions- und Therapiestrategien entwickelt, die diese Entwicklung förderten. So führten zum Beispiel die Bildung von Perinatalzentren und die verbesserte Zusammenarbeit von Geburtshilfe und Neonatalogie auf der einen Seite und neue Therapiemöglichkeiten wie die pränatale Lungenreifeinduktion und die postnatale Surfactant-therapie auf der anderen Seite zu einer signifikanten Senkung der Mortalität der VLBW-Frühgeborenen.22,57

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In Deutschland sank die neonatale Sterblichkeit in den Jahren 1990 bis 1997 um 33 % (Ostteil) bzw. 17 % (Westteil) und liegt jetzt etwa bei 5 ‰.39

Daten aus den USA zeigen, dass trotz reduzierter Mortalität der VLBW die Inzidenz von akuten und chronischen Erkrankungen nicht gesenkt werden konnte. Die bronchopulmonale Dysplasie trat sogar tendenziell häufiger auf, wogegen die Inzidenz der nekrotisierenden Enterokolitis und intrakranieller Blutungen unverändert blieb.31 Die Tatsache, dass die Inzidenz chronischer Erkrankungen nicht gesunken ist, mag teilweise die gestiegene Überlebensrate der VLBWs, speziell der Babys unter 1000 g, reflektieren.31

Auch in Kanada fanden sich ähnliche Ergebnisse: Bei Frühgeborenen mit einem Gestationsalter unter 25 Wochen fanden sich in der Studienpopulation eine hohe Inzidenz bronchopulmonaler Dysplasie (33 % - 51 %), intrakranieller Blutungen mindestens dritten Grades (0 - 16 %), nekrotisierender Enterokolitis (0 - 14 %), Neugeborenenretinopathie (27 - 55 %) und nosokomialer Infektionen (25 - 39 %).11

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Neugeborene mit einem extrem niedrigen Geburtsgewicht (unter 1000 g) zeigen eine hohe Morbidität und verbrauchen disproportional viel der neonatalen Kapazitäten, obwohl sie weniger als 1,5 % aller Geburten ausmachen.11,31,61 Die Entwicklung chronischer Erkrankungen Frühgeborener führt zu einem hohen materiellen und personellen Aufwand. Es finden sich durchschnittliche Liegezeiten bei den VLBW-Frühgeborenen von 43 bis 122 Tagen.47,61 Daten aus dem Vermont-Oxford-Neonatal-Network zeigen, dass dies durchschnittliche Behandlungskosten von 49.457 Dollar pro Kind mit sich bringt.47 Langfristig kommt es zu erhöhten Folgekosten durch intensive Nachbetreuung und gehäufte stationäre Aufnahmen im weiteren Leben.

Somit zeigt sich, dass die akuten Erkrankungen und die Langzeitmorbidität, sowie die langen Liegezeiten der Frühgeborenen in der Neonatologie zentrale Probleme darstellen. Verbesserungen in diesem Bereich sind gefordert, können allerdings nur bedingt durch Einführung neuer Medikamente erreicht werden, so dass neue Wege zur Optimierung der Versorgung Frühgeborener erforderlich sind.

A.2 Benchmarking - eine Methode zur Verbesserung der Prozessqualität

A.2.1  Qualitätsunterschiede als Problem in der medizinischen Versorgung

Verschiedene Untersuchungen in Kanada, England und den USA zeigen, dass es deutliche Unterschiede in den medizinischen Interventionen und den sich daraus ergebenden klinischen Leistungen und Ergebnissen ansonsten vergleichbarer Zentren gibt.30,65 Diese Unterschiede in der medizinischen Praxis und den Behandlungserfolgen sind nicht nur geografisch zu finden, sondern auch innerhalb von Kliniken zwischen einzelnen Abteilungen. Entsprechende Variationen sind in beinahe jedem Bereich der medizinischen Praxis nachweisbar.8,21

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Unterschiedliche Untersuchungen zeigen, dass die Prozessqualität zwischen neonatologischen Abteilungen stark variiert und durch Qualitätsverbesserung die Inzidenz von chronischen Erkrankungen gesenkt werden kann.41,43

Beispielsweise gibt es bei Präventionsstrategien der chronischen Lungenerkrankung Frühgeborener deutliche Unterschiede, deren Effektivität sich in der Länge des Aufenthalts im Krankenhaus oder der Gesamtdauer der Sauerstoffgabe widerspiegelt.53 Prozess- und Effektivitätsparameter, aber auch die Arbeitsweise auf den Stationen und die Führungspolitik einer Klinikleitung haben einen erheblichen Einfluss auf den Erfolg der Behandlung.40

A.2.2 Grundprinzipien der Verbesserung medizinischer Qualität

Obwohl ein breites Spektrum an Möglichkeiten zur Verbesserung der medizinischen Qualität vorhanden ist, besteht eine große Lücke zwischen aktuellem Wissensstand und dem, was in der Praxis umgesetzt wird.29

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Um die Wirksamkeit und die Leistungsfähigkeit der medizinischen Versorgung zu verbessern, empfiehlt Roper einen vierstufigen Prozess.48

  1. Datenerfassung des Gesundheitsstatus einer breiten Population durch Querschnittsstudien zu verschiedenen Zeitpunkten sowie die Datenerfassung von verschiedenen medizinischen Praktiken, Ergebnissen und Kosten. Des Weiteren sollen nützliche und ungünstige Trends gesucht und erkannt werden.
  2. Gezielte Beschreibung und Definition von Unterschieden in der medizinischen Versorgung, in praktischen Modellen und im Outcome spezieller medizinischer Felder (z. B. die Mortalität nach aortokoronarer Bypass-Operation). Wenn ein ungünstiger Effekt oder ein Unterschied im Outcome entdeckt wurde, ist eine detaillierte Untersuchung gefordert.
  3. Untersuchung der gefundenen Unterschiede auf ihre Ursachen und Einflüsse. Dies bedeutet, dass analysiert wird, ob der Unterschied wirklich ein Ergebnis der Effektivität einer bestimmten Intervention ist oder ob er auf Unterschiede in der untersuchten Population zurückzuführen ist.
  4. In einem vierten und letzten Schritt sollen die gefundenen Ergebnisse veröffentlicht werden, um die Veränderung in der medizinischen Praxis zu fördern und umzusetzen.48

Die multidisziplinäre Zusammenarbeit, wie beispielsweise die verstärkte Zusammenarbeit im Team untereinander, zwischen verschiedenen Arbeitsgruppen einer Klinik oder den verschiedenen Kliniken untereinander, bringt eine messbare Verbesserung in der Qualität und eine Reduktion der Kosten der Neonatologie.24,29

A.2.3 Methoden zur Verbesserung der Qualität in der medizinischen Versorgung

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Zur Verbesserung der Qualität in der medizinischen Versorgung wurden in den letzten Jahren unterschiedliche Untersuchungen mit verschiedenen Methoden durchgeführt. Im Folgenden seien zwei wichtige Beispiele genannt:

1. Evidenzbasierte Medizin (EBM)

Die evidenzbasierte Medizin ist eine Technik, die genutzt werden kann, um Veränderungen von Praktiken herbeizuführen oder die Aufnahme von neuen Praktiken in die klinische Routine zu fördern.57 In der Praxis bedeutet EBM die Integration individueller klinischer Expertise mit der bestmöglichen externen Evidenz aus systematischer Forschung unter Berücksichtigung der individuellen Besonderheiten des jeweiligen Patienten. Der Vorteil der EBM liegt in der Neubewertung bisher akzeptierter diagnostischer Tests und therapeutischer Verfahren und deren Ersatz durch wirksamere, genauere, effektivere und sicherere Verfahren. Allerdings kann externe klinische Evidenz die individuelle klinische Erfahrung ergänzen, aber niemals ersetzen. Selbst exzellente Forschungsergebnisse können für den individuellen Patienten nicht anwendbar oder unpassend sein.49

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2. Rapid Cycle Improvement

Eine weitere Methode ist die Verbesserung der Qualität durch „rapid-cycles“. Zuerst wird das Ziel festgelegt, z. B. die Reduktion der Inzidenz des Atemnotsyndroms um 50 % bei Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht von 501 bis 1500 g. Im nächsten Schritt wird die Meßgröße definiert: die Inzidenz des Atemnotsyndroms. Anschließend wird der Lernzyklus erstellt: Welche Veränderungen sind erforderlich beziehungsweise nötig, um das Ergebnis zu verbessern? Eine dieser Veränderungen wird in die klinische Praxis eingeführt und die klinische Routine entsprechend geändert. Nach einem vereinbarten Zeitraum erfolgt eine erneute Evaluation der definierten Messgröße, um so die Effektivität der Intervention zu beurteilen. Sollte das neue Verfahren vorteilhafte Ergebnisse erbracht haben, so wird es endgültig in die klinische Routine überführt. So entsteht ein „Plan-Do-Study-Act-Zyklus“, der schnell und oft hintereinander leicht verändert durchgeführt werden kann und somit zu einer schnellen Veränderung führt.43 Die Vorteile des Rapid Cycle Improvements liegen in der Beschleunigung des Fortschritts - kleine sofortige Veränderungen, statt großer Veränderungen nach langer Zeit. Jeder Zyklus ist informativ und bietet die Basis für weitere Entwicklungen. Der Nachteil der Methode liegt darin, dass das Team zwar Veränderungen der eigenen Prozesse und Leistungen misst, aber kein Qualitätsvergleich mit externen Daten stattfindet.

A.2.4 Klinisches Benchmarking

Eine erfolgreiche Technik zur Verbesserung der Qualität der medizinischen Versorgung ist das klinische Benchmarking. Die Technik des Benchmarking hat sich als erstes in der Industrie durchgesetzt und wird dort als kontinuierlicher Prozess beschrieben, der Produkte, Service und Arbeitsprozesse misst und mit dem stärksten Wettbewerbsteilnehmer vergleicht.42

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Abgeleitet von der Landvermessung in England wird das Setzen von Peilgrößen (Benchmark) zunehmend im Management und im Gesundheitssektor propagiert. Ziel des Benchmarking ist ein Vergleich mit den Besten, beziehungsweise sich selbst als Besten zu erkennen. Man soll aus den Erfahrungen und Erfolgsbeispielen anderer schnell und effizient und mit wenig Irrtum lernen.45 Benchmarking-Darstellungen erlauben eine schnelle Einschätzung der Position des eigenen Unternehmens. Sie spiegeln Stärken und Schwächen wider und helfen, systematisch erkannte Defizite zu beseitigen.46

Die Grundlagen des Benchmarking sind relativ einfach: Als Grundgerüst steht die Idee, die Leistung der zu bewertenden Gruppe oder Einheit mit einer festgelegten Leistungsmarke oder einem Standard zu vergleichen. Meist ist dies die Durchschnittsleistung einer Referenzgruppe.54

Patrick und Alba entwickelten ein Benchmarking-Modell, das sich im klinischen Alltag bereits bewährt hat.42 Dieses Modell besteht aus fünf Phasen: 1. Planung, 2. Analyse, 3. Entdeckung,
4. Ausführung und 5. Monitoring.

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  1. Planung: In der Plan-Phase wird zunächst ausfindig gemacht, welche Maße und welche Prozesse gemessen und verglichen werden sollen. In dieser Phase ist ein reger Austausch zwischen den am Benchmarking teilnehmenden Krankenhäusern erwünscht. Aus jeder Benchmarking-Einheit sollten je ein oder zwei Personen zu regelmäßigen Besuchen und Hospitationen zusammenkommen.
  2. Analyse: In der Analyse-Phase wird jede Einheit ihre Schlüsselprozesse und Maße identifizieren, die für sie relevanten Prozesse definieren, und ihre Kriterien für die Auswahl der Daten festlegen. Als letzten Schritt in dieser Phase werden die Daten gesammelt und analysiert. Um dies sinnvoll durchführen zu können, müssen die teilnehmenden Gruppen jeweils ihre Prozesse sehr genau und detailliert definieren und die Daten zum Vergleich sammeln.
  3. Entdeckung (Aufdeckung von Defiziten und guten Leistungen): In dieser Phase werden die Prozesse und Leistungen unter den Benchmarking-Teilnehmern verglichen. Nachdem die Daten zuvor gesammelt wurden, treffen sich die Repräsentanten jeder am Benchmarking teilnehmenden Klinik, um die Daten, Prozesse und Messungen zu vergleichen. Durch diesen Vergleich kann jedes Krankenhaus erkennen, wo seine spezifischen Leistungslücken liegen und kann gleichzeitig identifizieren, welches die besten Praktiken sind.
  4. Ausführung: Diese Phase ist eine sehr entscheidende Phase für den Erfolg des Benchmarking. Jede medizinische Einheit muss bestimmte Ziele für Qualitätsverbesserung festsetzen, z. B. Reduktion der Hypothermie-Rate Neugeborener im Kreissaal auf unter 40 %. Nachdem das Ziel festgelegt wurde, kann ein Ausführungsplan erstellt werden. Dieser Plan sollte auf den Praktiken basieren, die als beste Praktiken zum gewünschten Ziel führen, so genannten „potentially better practices“ (PBP). Im oben genannten Fall waren dies z. B. die Einführung einer neuen chemischen Wärmematratze sowie die Schulung des Personals zur Thermoregulation des Neugeborenen und in der Anwendung dieser Matratze direkt auf der Entbindungsstation.35
  5. Monitoring - Überwachung: Nach der Umsetzung der Schritte eins bis vier, sollte die letzte Stufe in einen Prozess überleiten, in dem kontinuierlich die eigene Leistung bewertet wird. Die Leistung soll fortlaufend mit den Benchmarken und den eigenen Maßen beziehungsweise Zielgrößen verglichen werden. Eines der Hauptziele des Benchmarking ist die kontinuierliche Messung und Verbesserung von Prozessen und Qualität.

Im Gegensatz zu dem Rapid Cycle Improvement liegen die Vorteile des Benchmarking in der Verbindung interner klinischer Expertisen mit dem externen Vergleich. Durch den zusätzlichen Vergleich mit anderen Einrichtungen kommt es mehr zur Aufdeckung von Leistungsdefiziten als beim reinen Modell der Rapid-Cycles. Da Prozesse definiert und bewusst gemacht werden müssen, kommt es zu einer Verbesserung der Kommunikation mit verstärkter Teamarbeit sowie zu einem verbesserten Bewusstsein über die ablaufenden Prozesse. Insgesamt liegt der hohe Nutzen des klinischen Benchmarkings in der Förderung des Wettbewerbs und des Fortschritts. Kliniken, die an einem Benchmarking teilnehmen, sind ständig gezwungen, ihre eigene Leistung zu diskutieren und gegebenenfalls zu verbessern.

Die Nachteile dieser Methode liegen in der großen Datenmenge, die bearbeitet und analysiert werden muss. Dies bringt einen höheren Zeitaufwand (als z. B. die Rapid-Cycles) mit sich und es verstreicht somit häufig viel Zeit, bis es schließlich zu Veränderungen kommen kann.

A.3 Qualitätsverbesserung und Reduktion chronischer Erkrankungen in der Neonatologie durch klinisches Benchmarking

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In der Bundesrepublik Deutschland werden laut Statistischem Bundesamt ca. 8.500 Kinder pro Jahr mit einem Geburtsgewicht unter 1500 g geboren. Somit machen die VLBW-Frühgeborenen zwar nur 1 % aller Lebendgeborenen aus, sie binden aber in der Neonatologie die meisten Ressourcen. Die postnatale Unreife mündet - je nach Prozessqualität - in Langzeitmorbidität, wie z. B. chronische Störungen der Atemorgane oder der körperlichen und/oder geistigen Entwicklung. Diese Erkrankungen erfordern einen hohen materiellen und personellen Aufwand in der Nachbetreuung und sind häufig mit einer reduzierten Lebensqualität sowohl der betroffenen Kinder als auch ihrer Familien verbunden. Die oben genannten Variationen in der Prozessqualität verschiedener neonatologischer Abteilungen lassen vermuten, dass ein Teil der Langzeitmorbidität als vermeidbar zu klassifizieren ist.

Methoden wie interne Datenanalyse, Mitarbeiterqualifikation und Weiterbildung, Einrichtung von evidenzbasierten Leitlinien, Qualitätszirkel und Benchmarking-Besuche steigern die Effektivität der Arbeit und führen zu einer Qualitätsverbesserung.10,12,28,53 So führten Mitarbeiterschulungen sowie die Optimierung des Monitoring zu einer signifikanten Reduktion der schweren Frühgeborenenretinopathie.12 Techniken der Qualitätsverbesserung wie systematische Literatursuche, Benchmarking-Besuche und interne Datenanalyse verbesserten die Prävention und reduzierten damit die Inzidenz der bronchopulmonalen Dysplasie mit.53 Durch Erstellen interner Richtlinien zur Hygiene und Desinfektion der Hände, ließ sich eine deutliche Reduktion der nosokomialen Infektionen von 25 % im Jahr 1997 auf 16 % im Jahr 2000 erreichen. Die Erfolge werden auf evidenzbasierte Handlungsweisen und Richtlinien, Literatur-Überblicke (Reviews), Benchmarking-Besuche und Veränderungszyklen zurückgeführt.28 Auch auf dem Gebiet der intrakraniellen Blutungen bei Frühgeborenen ließ sich zeigen, dass die Zusammenarbeit mit Benchmarking-Gruppen zu einer Reduktion der intrakraniellen Blutungen führte. Die Teams analysierten ihre klinischen Praktiken, evaluierten diese anhand der aktuellen Forschungsliteratur und entwickelten 10 PBP-Leitlinien. Nach Einführung dieser PBPs konnte die Inzidenz der intrakraniellen Blutungen gesenkt und die Reliabilität der Interpretation von Schädelsonogrammen verbessert werden.10

A.3.1  Datenerfassung in der Bundesrepublik Deutschland

Beim heutigen Entwicklungsstand der neonatologischen Versorgung besitzt die stets auch reifeabhängige Morbidität und Letalität bestimmter Erkrankungsgruppen eine herausragende strategische Bedeutung für die Organisation der perinatologischen Versorgung. Gleichzeitig stellen diese Daten eine wichtige Voraussetzung dar, um die verfügbaren Ressourcen für Forschung und Entwicklung zielgerichtet und effektiv einzusetzen.

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Im Kontrast zu diesem seit Jahren bestehendem Bedarf sind in Deutschland landesweit gültige und valide epidemiologische Daten zur Mortalität und Letalität bisher lediglich für bestimmte Bevölkerungsgruppen verfügbar. Es gibt in Deutschland keine umfassende flächendeckende Erhebung von neonatalen Erkrankungen und Fehlbildungen. In der Regel ist man immer noch auf Morbiditätsstatistiken größerer Einrichtungen angewiesen, die zur Kompensation von Schwankungen im Patientenaufkommen die Patienten über mehrere Jahre poolen.

Eine weitere Quelle sind die Perinatal- (seit 1989 in § 137 SGB V in der BRD gesetzlich verankert) und die Neonatalerhebungen der Bundesländer, die als Qualitätssicherungsmaßnahme (1988 Verankerung der Verpflichtung der Ärzte zur Qualitätssicherung in der Berufsordnung durch den Deutschen Ärztetag; Qualitätssicherung ist seit 1.1.1993 im Gesundheitsstrukturgesetz gesetzlich festgeschrieben) über die jeweiligen Landesärztekammern organisiert werden. Das Datenmaterial bezieht sich auf die Gesamtzahl aller Geburten in der Bundesrepublik. Leider ist es bisher landesweit nicht gelungen, die Perinatalerhebung mit der Neonatalerhebung (erfasst werden nur die bis zum 10. Lebenstag erkrankten und stationär aufgenommenen Neugeborenen) der Bundesländer zusammenzuführen. Letztere kann als größte deutsche neonatale Datensammlung angesehen werden.71 Die Daten der Neonatalerhebung sind jeodch, wegen der unterschiedlichen Bezugsgröße (Gestationsalter), nicht direkt mit den Daten des VONN (Geburtsgewicht) vergleichbar.

A.3.2 Das Vermont-Oxford-Neonatal-Network (VONN)

Dieses Netzwerk wurde 1988 in den USA zur Datenerfassung in der Neonatalogie gegründet, wird mittlerweile aber auch von Neugeborenen-Intensivstationen in Kanada, Europa, Asien und Afrika genutzt. Das Netzwerk unterhält eine Datenbank, welche Informationen über die medizinische Behandlung von extrem untergewichtigen Frühgeborenen und Hochrisiko-Frühgeborenen und die Effektivität der gewählten Therapie enthält. Inzwischen nehmen mehr als 400 Kliniken an der Datenerhebung teil und speisen die Datenbank pro Jahr mit Informationen von über 30.000 Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht unter 1500 g.

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Die Daten werden im Rahmen verschiedener Programme ausgewertet und schon seit geraumer Zeit für Benchmarking-Vergleiche im amerikanischen Raum genutzt, 21,23,69 während die Daten in der Bundesrepublik Deutschland noch selten verwendet werden.

Ziel der Datenerfassung ist die Qualitätssicherung. Erfasst werden 45 Eckdaten von der Pränatalzeit bis zur Entlassung, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten erhoben werden.

Es erfolgt eine komplette Datenerhebung aller Frühgeborener unter 1500 g. Falls diese Kinder bereits im Kreissaal versterben, wird ein gesondertes Formblatt ausgefüllt (siehe im Anhang delivery room death booklet). Die Datenerhebung beginnt bei Aufnahme der Kinder auf der Station, am 28. Lebenstag erfolgt die Information an die Zentrale des Vermont-Oxford-Neonatal-Network mittels speziellem Aufnahmebogen (siehe Anhang). Dieser umfaßt neben den Perinataldaten wie Gewicht und APGAR-Index auch Daten zum Schwangerschaftsverlauf. Ein weiterer Datenbogen wird unmittelbar nach Entlassung ausgefüllt und verschickt. Außerdem erfolgt die Erfassung eines Patiententransfers oder einer Wiederaufnahme durch ein gesondertes Formblatt.

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Das Versenden des initialen Formulars gewährleistet die Erfassung aller Frühgeborener. Durch das VONN erfolgen kontinuierliche Rückfragen bezüglich des Verbleibs der Kinder, so dass eine Erfassung aller nachfolgenden Daten gesichert ist. Durch die externe Validierung erfolgt eine Überprüfung der Datenplausibilität und Vollständigkeit. Damit ist eine hohe Qualität der Datenerfassung gewährleistet.

Die Auswertung der Daten erfolgt jährlich. Die Analyse enthält die Inzidenz der erhobenen Parameter in der eigenen Klinik, die Inzidenz im gesamten VONN - angegeben als Median und Interquartildistanz (interquartile range, IQR, Bereich zwischen 25. und 75. Perzentil) - sowie den relativen Rangplatz der eigenen Klinik. Dabei ist eine Unterteilung der beteiligten Kliniken entsprechend der Ausstattung möglich. Die Angabe der Daten erfolgt in Bezug auf das Geburtsgewicht.

Im Rahmen des jährlichen Treffens der Mitglieder des VONN werden Projekte zum Benchmarking vorgestellt, ausgewertet und Probleme besprochen. Die Datenbank liefert den teilnehmenden Zentren einmalige und zuverlässige Daten zur Nutzung im Qualitätsmanagement, in der Prozessentwicklung und der internen Evaluation.

A.3.3 Klinisches Benchmarking in Berlin und Innsbruck - detaillierte Beschreibung und Zielstellung der Arbeit

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Die Klinik für Neonatologie der Charité, Universitätsmedizin Berlin, des Campus Charité Mitte (Neo-CCM) und die Abteilung für neonatologische Intensivmedizin der Universitätskinderklinik Innsbruck (Neo-UKI) nehmen seit einigen Jahren an der Datenerfassung des VONN teil. In der vorliegenden Arbeit wird anhand der im Rahmen des VONN erhobenen Daten an der Neo-CCM und der Neo-UKI ein Benchmarking-Projekt für die Jahre 1997 bis 2001 durchgeführt. In beiden Einrichtungen kam es in den letzten Jahren zu einem Wechsel des klinischen Leiters, der mit mehr oder weniger großen Veränderungen in der klinischen Routine einherging. Um diese veränderungsbedingten Schwankungen vernachlässigen zu können, erfolgte eine Auswertung der Daten nur bis zum Jahr 2001. Damit bietet die vorliegende Arbeit gleichzeitig eine Grundlage, um die Effektivität der Veränderungen in der klinischen Routine der letzten Jahre beurteilen zu können.

  1. Analyse des Outcome:
    Ziel des Vergleiches ist es zunächst, für jede Klinik „Exzellenz“- bzw. „Problem“-Parameter zu definieren, das heißt Bereiche, in der die jeweilige Klinik außerhalb der IQR des VONN liegt. Im nächsten Schritt soll der Vergleich beider Kliniken die jeweilige Stärke beziehungsweise Schwäche einer Klinik im Vergleich zu der anderen zeigen.
  2. Analyse von Literatur und evidenzbasierten Richtlinien (externe Evidenz)
    Basierend auf den „Problem“- beziehungsweise „Exzellenz“-Feldern wird die Literatur bezüglich Therapie und Präventionsstrategien analysiert. Von Interesse sind hier klinische Parameter und Interventionen, welche die Outcome-Parameter beeinflussen.
  3. Erfassung interner Handlungsrichtlinien:
    Auf Basis der externen Evidenz wird ein Fragebogen entworfen, der die Handlungsrichtlinien der jeweiligen Klinik (während der analysierten Jahre) erfasst und untereinander vergleicht.
  4. Ausblick:
    Die vorliegende Arbeit bietet die Grundlage, in weiteren Schritten gemeinsame Handlungsrichtlinien, basierend auf internen Therapierichtlinien und externer Evidenz, zu entwickeln. Diese Hanglungsrichtlinien sollen durch eine verbesserte Qualität in der Betreuung Frühgeborener zu einer Senkung der Inzidenz chronischer Erkrankungen Frühgeborener, einer Verkürzung der Liegedauer und einer Senkung der Kosten führen.

Diese Arbeit ist ein Grundbaustein für ein zu entwickelndes Neonatologie-Netzwerk. Dieses nationale oder europäische Netzwerk könnte eine einheitliche Datenerfassung und umfassende Analysen der Qualität der stationären und ambulanten Betreuung Frühgeborener ermöglichen.


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01.09.2006