Einleitung

↓1

Die Bürgerhäuser, die im 18. Jahrhundert in den mittelgroßen und kleinen Städten der Mark Brandenburg entstanden sind gelten als besonders einfach gestaltet. Sie werden als schlichte Fachwerk- oder Putzbauten, als barock oder klassizistisch und zumeist als „traditionell“ beschrieben. Die Häuser der ersten Jahrhunderthälfte charakterisiert man als „einfache zweigeschossige Fachwerktraufenhäuser“ oder als „fünfachsige Typenhäuser aus Fachwerk“. Die Eigenschaften der Fachwerkhäuser scheinen lediglich mit „bescheiden“, „einfach“ oder „schlicht“ beschreibbar; schnell konstatierte die bisherige Forschung dann auch „herbe Nüchternheit“ und „spartanische Schlichtheit“. In den Beschreibungen der im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts erbauten massiven Häuser überwiegt die kunsthistorische Terminologie. Die „barocken“, „spätbarocken“, „barock-klassizistischen“ oder „frühklassizistischen“ Bürgerhäuser dieser Zeit erscheinen in der Literatur teils als „kräftig gegliedert“ und „üppig verziert“, teils „nüchtern ausgewogen“ und „schlicht“. Besonders bei den um 1800 entstandenen Häusern wird der reduzierte Schmuck als „einfache Putzgliederung“ oder „sparsamer ornamentaler Dekor“ qualifiziert. Die symmetrische Grunddisposition der Fassade und die entsprechend axiale Anlage des Grundrisses gelten als barocke und damit übergreifende, das gesamte 18. Jahrhundert verbindliche Gestaltungsmerkmale. Die Übereinstimmung mit dem jeweils üblichen Baustil und die Schlichtheit der Fassaden, welche man in der Not der Zeit begründet sieht, werden gemeinhin als charakteristische Merkmale des brandenburgischen Bürgerhauses des 18. Jahrhunderts angeführt.

Die Zeitgenossen bemerkten an den Bürgerhäusern Brandenburg-Preußens ganz andere Eigentümlichkeiten. Unter dem Pseudonym Bellamintes verfaßte der Potsdamer Diakon Georg Belitz 1727 das Büchlein Das Itzt-blühende Potsdam.1 In seiner euphorischen Beschreibung der Stadt Potsdam spielen Stadtplanung und Bürgerhausbau neben der landschaftlichen Lage und den großen repräsentativen Bauten eine entscheidende Rolle:

↓2

„So bald die Mauer nur den grossen Platz umfangen,
Den man, um Potsdam her, zum Anbau abgesteckt;
So bald must’ auch die Stadt ein neues Kleid erlangen,
Das noch kein schnöder Schaum der Tadelsucht befleckt.
Die Häuser, welche schon der Würmer langes Nagen
Und der geschärffte Zahn der strengen Zeit verletzt,
Die wurden überall, aufs eiligst’, abgetragen
Und an derselben Stell’ ein neuer Bau gesetzt.
Viel’ andre wurden auch aufs netteste verbessert,
Wenn man noch Dach und Fach von guter Haltung fand;
Und Potsdam überhaupt erweitert und vergrössert,
Wobey die Ordnung selbst den Maaßstab angewandt.
[...]
Sprecht doch, ihr Völker, sprecht! ist dieses nicht ein Wunder
So fast unglaublich scheint, daß, in so kurzer Frist,
Ein Bau, ein solcher Bau, dergleichen sich itzunder
In Potsdams Mauren zeigt, errichtet worden ist?
Doch was erstaunet ihr? wo Friedrich Wilhelm bauet,
Da fallet alles das, was ordentlich geschieht,
Und Weile brauchet, weg: Indem man klärlich schauet
Wie selbst die schnelle Zeit sich ihm zu dienen müht.
[...]
Hier aber ist es Zeit daß ich die Feder wende,
Die Feder, welche zwar vom Schreiben noch nicht matt,
Und einen kurzen Blick hin auf die Häuser sende,
Die Potsdam, überhaupt, in seinen Mauren hat.
[...]
Die Häuser, welche dann so wohl an diesen Orten,
Als auch auf jeder Straß’, in unsrer Stadt, zusehn,
Sind (ich beschreibe sie nicht mit geschminckten Worten;
Nein! wie die Wahrheit spricht) durchgehends nett und schön.
Ja! damit unser Kiel der Wahrheit näher ziele,
Die zwar nur nackend ist, und doch den Ruhm gewinnt
Daß sie die schönste sey; so finden sich gar viele
Die (schauet sie nur an!) Pallästen ähnlich sind,
Denn ob die Bürgerschafft die meisten gleich besitzet,
Die dennoch, guten Theils, nicht auf gemeinen Schlag,
Indem die Kostbarkeit das Bauwerck unterstützet,
Und man von selbigen, mit Rechte, sagen mag:
Der schlecht’ste Bürger wohnt’ in unserm Potsdam besser,
als einer aus dem Rath in einer andern Stadt,
Weil sein geziertes Haus, nach seinem Maasse, grösser,
Und viel bequemliches in seinen Wänden hat; [...]“

↓3

Nur siebzig Jahre nach Bellamintes schlug die Bewertung des Städte- und Bürgerhausbaus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ins vollständige Gegenteil um. Der Hallenser Philosophieprofessor Johann August Eberhard fand dafür 1804 die deutlichsten Worte:

Man vermißt in einer nach Einem Plane gebaueten Stadt, worin alle Häuser von einerley Form, Farbe und Größe so nach der Schnur neben einander stehen, daß man von dem Mittelpunkte aller Hauptstraßen bis an die Thore durchschauen kann - in einer solchen Stadt, die durch ihre Regelmäßigkeit gefallen soll, vermißt man etwas, dessen Mangel das Gefühl auf eine peinliche Art anspricht, ohne daß man sich gleich Anfangs einen befriedigenden Grund von seinem Mißbehagen angeben kann. Man entdeckt aber bald, daß es gerade diese Regelmäßigkeit selbst ist, die uns so unangenehm auffällt. Denn sie benimmt allen Häusern die Eigenthümlichkeit des Charakters, welche die Verschiedenheit der Bedürfnisse, der Geschäfte und der Lebensweisen ihrer Bewohner andeutet; sie führt uns auf die Idee des Mangels an Willkühr und Wahl in ihrer Errichtung; sie zeigt uns diese Bewohner als bloße Werkzeuge einer fremden Willkühr, und ohne alle die Selbstständigkeit, die mit Freyheit für ihre eigenen Zwecke sorgt. Man hat sie als Sklaven, die man nicht zu Rathe zieht, und auf deren verschiedene Bedürfnisse man nicht achtet, darin eingesperrt, und sie haben sich als charakterlose Maschinen darin einsperren lassen.2

↓4

Der Potsdamer Diakon und der Hallenser Philosophieprofessor markieren die Pole, zwischen denen die Entwicklung des Bürgerhauses in Brandenburg-Preußen im 18. Jahrhundert verläuft. Hinter den so verschiedenartigen Beschreibungen steht mehr als nur eine veränderte ästhetische Beurteilung der Bauweise, die mit dem Wandel des allgemeinen Baustils oder des Baumaterials erklärbar wäre. Bellamintes und Eberhard bewerten die Häuser vor dem Hintergrund bestimmter staats-, wirtschafts- und architekturtheoretischer Idealbilder und weisen somit zugleich den Weg zu einem tieferen Verständnis des Bürgerhauses.

Beide Autoren entwickeln ihre Ansichten vornehmlich in Auseinandersetzung mit den preußischen Residenzstädten Potsdam und Berlin. Ihre Charakterisierung des Bürgerhauses und seiner städtebaulichen Einbindung läßt sich jedoch problemlos auf die Bürgerhäuser übertragen, die um 1730 und um 1800 in den ländlichen Kleinstädten der Mark Brandenburg entstanden sind. Dieser erstaunliche Prozeß der Überformung des mittelalterlichen Stadtgrundrisses und Hausbestandes nach Leitbildern der barocken Residenzstadt brachte eine prägende Kulturschicht der Stadtentwicklung hervor, die bei genauerer Betrachtung der brandenburgischen Städte immer augenfälliger wird. Eine ihm gebührende wissenschaftliche Aufmerksamkeit hat er erst in den letzten Jahren erhalten. Im Rahmen der von Ulrich Reinisch initiierten Erforschung der Kulturlandschaft Brandenburg haben sich bisher zwei Arbeiten dieses Themenbereichs angenommen.3 Ralph Jaeckel hat in seiner 1999 vorgelegten umfangreichen Dissertation, in der er die wesentlichen Zielsetzungen, Methoden und Entwicklungslinien des Etablissements und Retablissements der brandenburg-preußischen Städte nachzeichnet, einen umfassenden Überblick über die „Erneuerung der Städte in Brandenburg-Preußen im Zeitalter des Absolutismus zwischen 1640 und 1806/11“ geliefert.4 Dem unbestreitbaren Höhepunkt dieser Entwicklung, dem Wiederaufbau Neuruppins von 1786-1802, widmete Reinisch selbst eine vertiefende Einzeluntersuchung.5

Die folgende Arbeit untersucht den Bürgerhausbestand der Städte Templin und Zehdenick, der sich jeweils den eingangs skizzierten Polen Bellamintes (Templin) und Eberhard (Zehdenick) zuweisen läßt. Damit sollen Anfang und Ende des so tiefgreifend in die Städtelandschaft Brandenburgs eingreifenden Prozesses anhand von zwei markanten Fallbeispielen zu untersuchen. Die Bauaufgabe Bürgerhaus, in der sich die Interessen des Staates und des Bürgers direkt begegnen, steht dabei im Zentrum der Untersuchung. Die Arbeit vertieft und konkretisiert die von Jaeckel gezeichnete Entwicklung und ergänzt zugleich die Neuruppin-Studie von Reinisch.

↓5

Im Sinne des Architekturtheoretikers Friedrich Christian Schmidt, der 1790 schrieb, alte Städte hättenfür gewöhnlich ihre größte architektonische Schönheit großen Bränden zu verdanken,6 wurden mit Bedacht die beiden uckermärkischen Kleinstädte Templin und Zehdenick gewählt. Die Immediatstadt Templin brannte 1735 bis auf die mittelalterliche Stadtmauer und die kleine Georgenkapelle vollständig ab. Der folgende Wiederaufbau, bei dem bis 1750 über 300 Bürgerhäuser, ein Rathaus und eine Stadtpfarrkirche entstanden, fiel in das letzte Jahrzehnt der Herrschaft Friedrich Wilhelm I. Im Zuge der Intensivierung der absolutistischen Städtepolitik brachten diese Jahre auch für die Uckermark eine ganze Reihe einschneidender Veränderungen. Die Durchsetzung der Magistratsverfassung mittels Rathhäuslicher Reglements und andere Maßnahmen zur Verstärkung der staatlichen Kontrolle der Städte erreichten hier in den 1730er und 1740er Jahren unbestreitbar einen Höhepunkt. Auch im Hinblick auf die obrigkeitliche Regulierung des Bauens können die 1730er Jahre als außerordentlich produktiv angesehen werden.7 In diesen Jahren eines verstärkten Zugriffs des Staates wurde mit dem Wiederaufbau der kleinen Immediatstadt Templin ein überaus ehrgeiziges Projekt in kürzester Zeit verwirklicht. Verborgen hinter der eindrucksvollen mittelalterlichen Stadtmauer, die bis heute das allgemeine Stadtbild und das Image Templins prägt und verschleiert durch den scheinbar ärmlichen Fachwerkbau, wurde dieser Wiederaufbau, der mit Sicherheit eine der herausragenden städtebaulichen Leistungen der Regierungszeit Friedrich Wilhelm I. darstellt, bisher nahezu vollständig übersehen. Da zudem Crossen/Neumark, das wichtigste Beispiel für die frühe brandenburg-preußische Retablissementspolitik außerhalb der Residenzen, im 2. Weltkrieg fast völlig vernichtet wurde, fällt der Stadt Templin und ihrem Bestand an Bürgerhäusern ein besonders hoher Zeugniswert zu.

Die etwa 20 Kilometer südwestlich von Templin gelegene Mediatstadt Zehdenick, die dem königlichen Amt gleichen Namens zugeordnet war, wurde 1801 ebenfalls durch einen Großbrand eingeäschert. Ihrem fast abgeschlossenen Retablissement setzte 1806 der Einmarsch der französischen Truppen ein jähes Ende. Fiel der Wiederaufbau Templins in eine Hochzeit absolutistischer Machtentfaltung, so ist die Zeit um 1800, als Zehdenick abbrannte und wieder aufgebaut wurde, von deutlichen Krisenerscheinungen eben dieses Staatsmodells gekennzeichnet. Es waren die letzten Jahre des alten Preußen, bevor mit der Niederlage gegen Napoleon, den Befreiungskriegen und den Stein-Hardenbergschen Reformen eine neue Zeit begann. Deutlich verstärkte sich schon um 1800 der Anspruch der Bürgerschaften auf Selbstverwaltung. Beim Wiederaufbau Zehdenicks wurde er mit neuartiger Schärfe vorgetragen und führte zu langwierigen Gerichtsprozessen und sogar zu kleineren Unruhen. Obwohl es bereits seit den 1790er Jahren Ansätze dazu gab, reagierte der preußische Staat erst 1808 mit der Städteordnung auf die veränderten Bedingungen. In dieser Situation führte der Wiederaufbau Zehdenicks, obwohl eingebunden in die 100jährige Tradition preußischer Retablissementspolitik, zu einem Ergebnis, das den in Templin und auch noch in Neuruppin verwirklichten baulichen Formen in wesentlichen Punkten nicht mehr entsprach. Vor allem die Bewertung des Privateigentums an Grund und Boden und die daraus resultierende städtebauliche und bauliche Disposition des einzelnen Hauses hatten sich gravierend geändert. Als eines der letzten großen Retablissementsprojekte in der Mark Brandenburg und als Zeitdokument eines epochalen Wandels der brandenburgischen Gesellschaft gewinnt das Beispiel Zehdenick mit seinem Bestand an Bürgerhäusern seinen besonderen Aussagewert. Mit Templin und Zehdenick sind zwei Städte gewählt, die es ermöglichen, zwei entscheidende Abschnitte in der Entwicklung des brandenburgischen Bürgerhauses im Rahmen der staatlichen Retablissementspolitik exemplarisch darzustellen.

Ausgangspunkt der vorliegenden Untersuchung ist die von Reinisch und Jaeckel untermauerte These, die „Bürokratie des neuzeitlichen, des modernen Staates“ sein das eigentliche „Subjekt des Bauens und Umgestaltens“in Brandenburg-Preußen im 18. Jahrhundert.8 Auch die Gestalt der Bürgerhäuser ist stark von der Verwaltung und den einzelnen Verwaltungsbeamten geprägt. Dies gilt in besonderem Maße für Templin und Zehdenick, bei deren Wiederaufbau der königlichen Verwaltungsbürokratie und der darin eingebetteten Bauverwaltung eine entscheidende Rolle zukam. Der Wiederaufbau nach einer großen Brandkatastrophe bietet hier die Möglichkeit, genaueres über diese „bürokratische Prägung“ des Bürgerhausbaus und den jeweiligen gestalterischen Ausdruck obrigkeitlicher Einflußnahme zu erfahren. Die Beamten des Generaldirektoriums und der Kurmärkischen Kriegs- und Domänenkammer waren gut ausgebildet. Sie hatten zumeist an einer der beiden preußischen Universitäten, Halle oder Frankfurt/Oder, studiert und waren mit dem staatstheoretischen, dem wirtschafts- und finanzpolitischen, aber auch mit dem architekturtheoretischen Wissen der Zeit vertraut.9 Als loyale Staatsdiener standen sie treu zu ihrem König und seinem absolutistischen Staatsmodell. Ohne Zweifel gehörten auch die königlichen Baubeamten, besonders die Mitglieder der obersten Bauverwaltung, die Oberbaudirektoren, Hofbaumeister und Geheimen Oberbauräte, zu diesem Kreis. Die Steuerräte und Bürgermeister besaßen zwar nicht immer ein vergleichbares Bildungsniveau, doch waren sie durch die Zentralisierung der Verwaltung, durch detaillierte Instruktionen, Reglements und Edikte an denselben Wertehorizont gebunden.

↓6

Will man die Gestalt der in Templin und Zehdenick nach den Bränden errichteten Bürgerhäuser genauer bestimmen, will man vor allem die gravierenden Unterschiede der beim Wiederaufbau jeweils entstandenen städtebaulichen Situation und Häuser verstehen, so ist es unerläßlich, dem Idealbild von Bürger, Haus und Stadt in den entsprechenden theoretischen Schriften nachzugehen. Folgerichtig bildet die Thematisierung des Bürgerhauses in der Architektur- und Staatstheorie des 18. Jahrhunderts einen Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit.

Der Bürger, um dessen Haus es im Folgenden geht, ist aber auch im 18. Jahrhundert keineswegs nur Objekt der obrigkeitlichen Fürsorge. Besonders im Bezug auf Haus und Parzelle, die unverzichtbaren Grundlagen stadtbürgerlicher Existenz, ist der Bürger zuallererst Subjet. Er versucht immer, sein eigenes Haus nach seinen Vorstellungen zu errichten. Um seinen Anteil an der Gestalt des Hauses zu klären, ist es nötig, die jeweilige Situation des Bürgers – Besitzverhältnisse, wirtschaftliche Lage, gewerbliche Struktur und Selbstverwaltung der bürgerlichen Gemeinschaft – so genau wie möglich zu beschreiben. Schließlich muß das Kräfteverhältnis zwischen staatlicher Verwaltungsbürokratie und Bürgerschaft vor Ort bestimmt werden. Hierfür bietet sich neben den Statistiken und Berichten, die sich in den Archiven der königlichen Verwaltung erhaltenen haben, auch der in den Akten überlieferte Wiederaufbauprozeß selbst als wichtige Quelle an.

Mit einem auf diese Weise geschärften Blick gilt die Aufmerksamkeit im Hauptteil dieser Arbeit den Bürgerhäusern in Templin und Zehdenick. Durch zahlreiche intensive Hausbegehungen, Fotodokumentationen und durch die Auswertung der in den Stadtarchiven überlieferten Bauakten zu den einzelnen Häusern konnte hier eine breite Materialbasis geschaffen werden.

↓7

Auf dieser Grundlage werden Fassade und Grundriß der einzelnen Häuser eingehend untersucht, um so zu verallgemeinerbaren Aussagen über deren Gestalt zu gelangen. Die Untersuchung der zeitgenössischen Theorie, des Bauvorgangs und des heute erhaltenen Baubestands soll schließlich zeigen, in welcher Art und Weise die im 18. Jahrhundert in Brandenburg-Preußen errichteten Bürgerhäuser in die Einflußsphäre des Staates einerseits und die bürgerliche „Privatsphäre“ andererseits eingebettet waren und wie sich das konkrete Machtgefüge und die theoretischen Vorstellungen von einem mustergültigen bürgerlichen Dasein in Haus, Stadt und Staat auf die Gestalt des Hauses auswirkten. Nur so kann das Bürgerhaus des 18. Jahrhunderts jenseits der wenig aussagekräftigen stilistischen Charakterisierung als barockes oder klassizistisches Bürgerhaus beschrieben werden.

Der umfassendste theoretische Ansatz zur Erforschung von Wohnhäusern wurde in den letzten Jahrzehnten von der volkskundlichen Hausforschung entwickelt. Bezogen auf die Frage, wie sich Neuerungen im Bereich des Bauens und Wohnens ausbreiteten, welche Faktoren also die Entwicklung der Häuser beeinflußten, steht noch heute das von Günter Wiegelmann 1977 in die volkskundliche Theoriebildung eingeführte Modell der „Zentraldirigierung“ im Zentrum des Forschungsinteresses. Den neuesten Stand dieser Forschungsrichtung, die für die Fragestellung und Methodik der vorliegenden Arbeit von Bedeutung ist, hat Thomas Spohn in der Einleitung zu dem 2002 erschienenen Sammelband „Bauen nach Vorschrift“ zusammengefaßt. Nach Spohn bietet die Zentraldirigierung einen Erklärungsansatz für die Wandlung des Bauens und Wohnens, mit dem zugleich nach den bestimmenden Faktoren der obrigkeitlichen Einflußnahme und nach deren Wirksamkeit im jeweiligen historischen Zusammenhang gefragt wird. Die Erforschung der „Intentionen der Obrigkeit“ und der „womöglich erreichten Ergebnisse“, einschließlich der damit verbundenen Auseinandersetzungen zwischen der Obrigkeit und den ‘Betroffenen’, dient, so Spohn, der Suche nach „Regelhaftigkeit hinsichtlich der Erfolge und Mißerfolge obrigkeitlicher Einflußnahme“.10 In diesem Zusammenhang beschäftigt sich die volkskundliche Hausforschung mit einer ganze Reihe grundsätzlicher Fragen. Zu nennen sind hier die Untersuchung der veränderten Bedeutung ästhetischer Motive in der obrigkeitlichen Einflußnahme auf den Haus- und Städtebau seit dem 17. Jahrhundert, die Frage nach der „Beziehung zwischen obrigkeitlicher Lenkung und den kulturellen Prozessen der Betroffenen“, nach der Verfassung, der Organisation und der Zielsetzung der zentralen Institutionen, die Frage nach deren Motiven11 und nach den Formen12 der Einflußnahme. Die zahlreichen Untersuchungen der volkskundlichen Hausforschung behandeln jedoch in der Mehrzahl das ländliche Bauen. Zudem gibt es bislang keine volkskundlichen Arbeiten, die sich des kleinstädtischen Hausbestand im heutigen Land Brandenburg auf einem Niveau annehmen, das dem der Untersuchung zahlreicher Städte der alten Bundesrepublik vergleichbar wäre.13 Bei allen Bemühungen um eine thematische und methodische Ausweitung der volkskundlichen Hausforschung drängt auch in den neueren Arbeiten die detaillierte Untersuchung einzelner Häuser nicht selten die Erforschung des historischen und künstlerischen Kontextes der jeweiligen Formgebung in den Hintergrund; die theoretische Diskussion um Architektur und Staatsverfassung wird nur in sehr begrenztem Maße als Quelle herangezogen und auch bei der Beurteilung der machtpolitischen und wirtschaftlichen Entstehungsbedingungen bleibt man oft im allgemeinen.

Die Geschichtswissenschaft schenkt der Untersuchung kleinstädtischer Verhältnisse und der Beschäftigung mit Regionalgeschichte seit den 1980er Jahren ebenfalls vermehrt Aufmerksamkeit. Neben der immer wieder untersuchten alten und neuen Hauptstadt Berlin14 wurden auch die kleineren Städte des brandenburgischen Kulturraums zum Gegenstand eingehender Studien. Eine neue Qualität erreichte die Erforschung der Regionalgeschichte durch die Arbeiten von Liselott Enders. Herauszuheben sind hier die grundlegenden Untersuchungen zum Städtewesen der Uckermark.15 Die Arbeiten von Evamaria Engel, Birgitte Meier, Klaus Vetter und Ralf Pröve betrachteten die größeren und kleineren Städte des Landes Brandenburg unter neuen Gesichtspunkten, etwa der Frage nach der oft schwierigen Trennung von städtischer und dörflicher Existenz im 17. und 18. Jahrhundert, der Rolle der Bürgerschaften der märkischen Kleinstädte im Prozeß der Städtereform des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts und der politischen Kultur des Gemeindeliberalismus oder der Offenlegung von stadtrepublikanischen Traditionen in Brandenburg.16 Neben älteren und neueren Übersichtsdarstellungen zur Geschichte Brandenburgs,17 in denen der Erforschung der kleineren Städten zunehmend mehr Raum gegeben wird, sind im Zusammenhang dieser Arbeit auch die grundlegenden Forschungen von Rolf Straubel zu sozialer Rekrutierung, Karriereverlauf und Entscheidungsprozessen von Beamten im „altpreußischen Staat“ wichtig.18

↓8

Obwohl die vorliegende Arbeit in wichtigen Fragestellungen und theoretischen Grundlagen auf den Vorarbeiten der volkskundlichen Hausforschung aufbaut und obwohl sie sich von den jüngsten Forschungen der Geschichtswissenschaft in der Relevanz der Fragestellung bestätigt sieht, ist sie letztlich darauf gerichtet, die baukünstlerische Form des Bürgerhauses präziser zu beschreiben und deren Herkunft zu erklären. Überblickt man folglich die kunstgeschichtliche Forschung der letzten Jahrzehnte, so ist festzuhalten, daß es zwar eine kaum noch zu übersehende Zahl von Publikationen zur Baukunst in Berlin-Brandenburg gibt, daß aber bisher weder der provinzialstädtische Bürgerhausbau des 18. Jahrhunderts in der Mark Brandenburg insgesamt, noch der Bürgerhausbestand der Städte Templin und Zehdenick eingehend untersucht wurden.19 Ansätze aus den 1910er und 1920er Jahren20 fanden nach dem Zweiten Weltkrieg und während des Bestehens der DDR, auch bedingt durch die politische Situation, kaum eine Nachfolge.21 Wenn es Untersuchungen gab, so konzentrierten sich diese lange Zeit auf Berlin und Potsdam. Vor allem Jonas Geist und Klaus Kürvers sowie Friedrich Mielke erzielten dabei beachtliche, bis heute Maßstäbe setzende Ergebnisse.22 Einzelne Untersuchungen widmeten sich gezielt dem „kleinbürgerlichen Wohnhaus“ oder dem „Untertanenhaus“ in Berlin und schufen damit wichtige Grundlagen für die vorliegende Arbeit.23 Ab den 1980er Jahren und nochmals verstärkt seit 1989 ist ein langsam zunehmendes kunstgeschichtliches Interesse am provinzialstädtischen Bürgerhausbau des Landes Brandenburg zu verzeichnen.24 Dabei haben sich die seit 1990 vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege erarbeiteten Denkmaltopographien mittlerweile zu einer unverzichtbaren Quelle entwickelt.25

Auch außerhalb des brandenburgischen Kulturraums hat der Wohnhausbau der mittleren und unteren bürgerlichen Schichten, zumal des 18. Jahrhunderts und jenseits der großen (Residenz-) Städte, in der Kunstgeschichte neben den klassischen architekturgeschichtlichen Themenfeldern wenig Interesse gefunden. Wenn doch, überwog dabei in der älteren Literatur die Analyse der Bauformen und deren kunsthistorische Beschreibung und Einordnung. Selbst in dem für den brandenburgisch-preußischen Raum noch immer grundlegenden zweibändigen Werk von Friedrich Mielke über das „Bürgerhaus in Potsdam“, das 1972 als Teil XV der Reihe „Das deutsche Bürgerhaus“ erschien, ist nur wenig darüber zu erfahren, warum die so eingehend analysierten Bauformen auftraten und welche Vorstellungen sich damit verbanden. Für die thematische Ausrichtung der vorliegenden Arbeit erweisen sich daher im Bereich der kunsthistorischen Forschung vor allem die in den letzten 20 Jahren erschienenen Untersuchungen zu den „Planstädten der Neuzeit“26, zur Architekturtheorie27 und zum Einfluß der Bauverwaltung28 als fruchtbar. Eine umfassende Geschichte der deutschsprachigen Architekturtheorie zum bürgerlichen Wohnhaus fehlt allerdings bis heute.

Die exemplarische Erforschung des Bürgerhausbestandes der Retablissementsstädte Templin und Zehdenick, die Untersuchung der staats- und architekturtheoretischen sowie politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen der jeweils spezifischen baukünstlerischen Formgebung schließt demnach in mehrfacher Hinsicht Forschungslücken. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es zudem, die oft unscheinbaren und in ihren besonderen Qualitäten leicht zu übersehenden Bürgerhäuser der Kleinstädte des heutigen Landes Brandenburg als konstitutiven Bestandteil der brandenburgischen Kulturlandschaft herauszustellen.

↓9

Die Auswahl der Wiederaufbauprojekte in Templin und Zehdenick gibt die Gliederung dieser Arbeit in zwei Teile vor. Der symmetrische Aufbau der beiden Hauptteile – zum Bürgerhaus um 1730 (Templin) und zu dem um 1800 (Zehdenick) – ist auf Vergleich angelegt und ermöglicht grundsätzlich zwei Arten der Lektüre.

Die Hauptteile beginnen jeweils mit einer knappen Übersicht über jene architektur- und staatstheoretischen Positionen, die für den Bürgerhausbau und sein zeitliches sowie geographisches Umfeld relevant sind. In diesem ersten Abschnitt werden die Vorstellungen skizziert, welche die Zeit vom bürgerlichen Dasein und der Einbindung des Bürgers in die Gesellschaft generell sowie konkret von der Gestalt des Bürgerhauses hatte. Daran schließen sich die Untersuchungen zum zeitlichen und räumlichen Umfeld der Bürgerhäuser in Templin und Zehdenick an. Eine Schilderung des baulichen Zustands und der politischen wie auch wirtschaftlichen Verhältnisse der jeweiligen Stadt zum Zeitpunkt des Brandes dient zunächst dazu, dem staats- und architekturtheoretischen Hintergrund die realen Bedingungen zur Seite zu stellen und somit die Ausgangslage für den Wiederaufbau der Stadt und den Bau der Bürgerhäuser genau zu bestimmen. Auch Organisation, Finanzierung und Verlauf des Wiederaufbaus zählen noch zu den Faktoren, die Einfluß auf die Gestalt des Bürgerhauses hatten. Die jeweils folgenden zwei Abschnitte bilden den Kern der vorliegenden Arbeit. Sie sind den beim Wiederaufbau entstandenen Bürgerhäusern gewidmet und beschreiben die städtebauliche Einordnung sowie die äußeren Gestaltung und die inneren Aufteilung der Häuser. Abschließend wird, bezogen auf die Bürgerhäuser, eine Bilanz des Wiederaufbaus gezogen.

Die symmetrische Entsprechung der beiden Hauptteile ermöglicht auch eine synchrone Lektüre einzelner Abschnitte aus beiden Teilen. Der Aufbau der Arbeit mag zunächst wie eine formale Referenz an eines der grundlegenden gesellschaftspolitischen und baulichen Ordnungsmuster des 18. Jahrhunderts – die Symmetrie – wirken. Doch er ist durchaus inhaltlich begründet. Da es bisher nur wenige Detailstudien gibt, lassen sich übergreifende, für die Zeit vom späten 17. bis ins frühe 19. Jahrhundert maßgebliche gestalterische Prinzipien und Entwicklungslinien des Bürgerhausbaus in der Mark Brandenburg am besten durch die Gegenüberstellung eines jeweils exemplarischen Baubestands und seiner Entstehungsbedingungen gewinnen. So können sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede herausgearbeitet werden. Es ist möglich, die Bürgerhäuser von Templin und Zehdenick einerseits genau zu untersuchen und dabei andererseits übergreifende Entwicklungslinien des Hausbaus in den Provinzialstädten des heutigen Landes Brandenburg im 18. Jahrhundert zu erkennen.


Fußnoten und Endnoten

1  Bellamintes 2001, S. 30f., 59f. Wie sehr die Beschreibung des Bellamintes den Nerv der Zeit traf zeigt sich darin, daß Paul Jacob Marperger diese Äußerungen in sein 1733 erschienenes, weit verbreitetes Miscellaneorum Curiosorum aufnahm. Marperger 1733, S. 309.

2  Eberhard 1804, S. 205f.

3  Zur Erforschung der Kulturlandschaft Brandenburg vgl. die Aufsätze in: kritische berichte, 2/2000. Besonders die Aufsätze von John Chaplitzka (Cultural Landscape as a Discursive Framework), Ulrich Reinisch (Kulturlandschaft: z. B. Haus und Stadt in Brandenburg) und Annett Gries (Wege zur Herausbildung einer Kultur- und Denkmallandschaft in der Mark Brandenburg).

4  Jaeckel 1999. Zusammenfassung der Ergebnisse in: Jaeckel 2000.

5  Reinisch 2001.

6  Das vollständige Zitat lautet: Alte Städte haben für gewöhnlich ihre größte architektonische Schönheit großen Bränden zu verdanken, und ich habe schon oft die Bemerkung gemacht, daß sich Städte, welche ganz schlecht gebaut sind, leichter verschönern, weil man kein großes Bedenken trägt, die alten Nester von Grund auf abzureissen, dahingegen in Städten, deren hölzerne Gebäude noch erträglich und für nicht sehr ekele Personen bewohnbar sind, Jahrhunderte an den alten Häusern geflickt wird, so, daß sie sich nach und nach Wand für Wand erneuern, und doch ihre fehlerhafte Einrichtung unverändert behalten. Schmidt (1790), S. 189.

7  Nach jahrelanger Arbeit und Diskussion wurden 1739 das Reglement für die Gewährung von Baufreiheitsgeldern und das Baureglement für die Neumark erlassen, denen zwei Jahre später dasjenige für die Kurmark folgte. Vgl. Jaeckel 1999, S. 350ff., 377ff.

8  Reinisch 2000, S. 30.

9  Straubel 1998.

10  Spohn 2002, S. 3f.

11  Spohn unterscheidet ästhetisch-ideologische Motive, Schutz von Leib und Leben (Feuersicherheit, Hygiene) sowie ökonomische Motive. Spohn 2002, S. 44ff.

12  Spohn nennt schriftlich fixierte Ge- und Verbote, materielle Restriktionen und Vergütungen sowie propagandistische und strukturelle Maßnahmen. Spohn 2002, S. 47f.

13  Kaspar 1985; Braun 1994; Spohn 1995; Striewe 1996.

14  Duchard 1991; Demps 1988, 1994.

15  Enders 1990; Enders 1992.

16  Meier 1993, 1999, 2001; Engel 1997, 1999; Vetter 1996; Pröve 1998.

17  Heinrich 1981; Kaufhold 1994; Neugebauer 1995, 2001.

18  Straubel 1998.

19  Älteren Arbeiten, wie denen von Philipp (1925) zu Templin und Mann (1900) zu Zehdenick, kann heute nur noch ein gewisser Quellenwert zugesprochen werden.

20  Eicke 1917; Grübnau 1927, Gut 1917, Kuhn 1915, Polthier 1933/1998.

21  Zu nennen sind aber die Ergebnisse der 15. Jahrestagung des Arbeitskreises für Haus und Siedlungsforschung von 1975: Baumgarten 1975; Radig 1975.

22  Geist/Kürvers 1980, Mielke 1960 und 1972.

23  Kiem 1988, Volk 1991.

24  Biller 1986, Rach 1992.

25  Für diese Arbeit besonders wichtig: Cante 1994; Metzler 1996; Rohowski 1997; Schwarz/Metzler 2004.

26  Vor allem die Beiträge des Katalogs: Himmelein, Volker (Hg.): „Klar und Lichtvoll wie die Regel“. Planstädte der Neuzeit vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, Karlsruhe 1990.

27  Bisky 2000; Köhler 1994; Kruft 1995; Philipp 1997; Uppenkamp 1996.

28  Mertens 1990; Schendel 1982; Strecke 2000.



© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
23.01.2007