Templin. Das Bürgerhaus um 1730

„Regulirte Oerther“ – Idealvorstellungen von bürgerlicher Gemeinschaft, Stadt und Haus im ausgehenden 17. und frühen 18. Jahrhundert

Die „Civil societät“ als „volckreiche nahrhaffte Gemeinde“

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Die tragende Staatsidee der Neuzeit ist die Vorstellung vom ‘gemeinen Besten’, das, als Staatswohl verstanden, einzig und allein von einem souverän herrschenden Fürsten gesichert werden kann. Für eine solche Bindung des Gemeinwohls an den Souverän hatte Jean Bodin 1583 die klassische Formulierung gefunden. Er definierte Souveränität als die absolute und dauernde Gewalt eines Staates.29 Absolut sei die Souveränität, da ihr Inhaber, der Souverän, keiner irdischen Instanz, sondern nur Gott verantwortlich ist. Bis weit ins 18. Jahrhundert blieb diese Vorstellung Grundlage der Herrschaftsausübung. Dabei war der Herrscher zwar souverän, doch mußte er seine Gewalt im Rahmen einer rechtlich relevanten Ordnung ausüben. Das natürliche und göttliche Recht wurden mehr und mehr vom Rationalismus geprägt und nach mathematischen Methoden begründet. Das Ideal war der „more mathematico aufgebaute Staat mit monarchischer Spitze“.30 In einer weitgehend disziplinierten, streng hierarchisch geordneten und auf den souveränen Fürsten ausgerichteten Staatsordnung sah man die dem Gemeinwohl dienlichste Gesellschaftsform. Das Gemeinwohl wurde dabei mehr und mehr zu einer reinen „Passivierungs- und Disziplinierungsformel“.31 Hierarchie und Ordnung seien, so meinte man, im Staat wie in der Stadt und ebenso im Haus wie in der Familie die notwendigen Voraussetzungen für ein erfolgreiches, harmonisches und glückliches Zusammenleben.

Dem einflußreichen deutschen Staatstheoretiker Johann Joachim Becher gelang es 1688 in seinem Hauptwerk Politische Discurs, Von den eigentlichen Ursachen, deß Auff- und Abnehmens der Städt/Länder und Republickenin Auseinandersetzung mit den Ideen von Jean Bodin und Thomas Hobbes, das Gemeinwohls an das Prinzip der Souveränität zu binden.32 Mit der Vorstellung, daß die Obrigkeit die Wirtschaftskraft und Prosperität eines Landes zur Erhöhung des Steuereinkommens ständig steigern müsse, interpretiert er in dieser Schrift die fiskalischen Interessen des Souveräns als stetige Quelle für die Förderung des Gemeinwohls.33 Strukturelemente der Wirtschaft sind für Becher die Lebensmittel- und Rohstoffproduktion, deren Weiterverarbeitung und schließlich der Warentransport und der Verkauf, verteilt auf die Stände der Bauern, Handwerker und Kaufleute. Durch Consumption, durch den Kauf und den Verbrauch der Produkte, wird die Wirtschaft zur Gemein zusammengeschlossen. Die Gemein ist demnach bei Becher zunächst das Modell eines geschlossenen Wirtschaftssystems. Zur Förderung dieser Wirtschaft, deren Leistungskraft letztlich die Ursache für das Auff- und Abnehmen des Staates und des Souveräns sei, fordert Becher von der Politik, im Land eine solche Gemeinzu institutionalisieren und diese durch die Einrichtung einer Landes-Würthschaft oder territorialen Oeconomie politisch abzusichern. In diesem Sinne dienen die Einrichtung von Manufakturen und Banken, die Regulierung des Handwerks und des Handels und schließlich auch die feuerpolizeiliche, hygienische, bautechnische und ästhetische Verbesserung der Städte und Wohnhäuser dem Aufschwung der Oeconomie und damit der Steigerung der Steuereinnahmen. Wie Wolf-Hagen Krauth betont, wird dabei „über den Wunsch, viele und gute Steuerzahler im Lande zu haben, das ganze Leben der Bewohner in die Reichweite obrigkeitlicher Gestaltung gerückt“.34

Daß die Gemein für Becher mehr als nur ein Wirtschaftsmodell ist, wird schon in seiner ersten Definition der Civil societätals einerVolckreichen Nahrhafften Gemeinde deutlich:

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Gleich wie nun die Volckreichmachung auß der Nahrung eines Ortes quellet, also entspringet die Nahrung auß der Gemein [...] dann es besteht die Gemein nicht darin, daß die Leut eines Ortes nichts gemein, als die Unglückseligkeit, Sorge, Armuth, Arbeit, Steur, Auflagen und Contribution haben, sondern dieß ist die rechte Gemein, wann die Glieder der Gemein allso anstellen, daß einer von dem andern leben, einer von dem andern sein stuck Brod verdienen kan, ja einer dem andern die Nahrung in die Händ spielet.35

Weiter fordert Becher, daß der Stand der Handwerker in unterschiedliche Klassen unterteilt und es nicht jedem erlaubt werden soll, allein alles zuthun, damit nemblich andere auch etwas zu leben haben.36 Diese auf strenge Trennung der verschiedenen Stände in der societät (Bauern, Handwerker, Händler) und starke Konkurrenzregulierung innerhalb dieser Stände gerichtete Vorstellung muß, so deutet sich bei Becher an, auch Auswirkungen auf die äußere Gestalt der Civil societät haben.

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Bechers Hauptaugenmerk gilt der Bekämpfung der Monopolia, PropoliaundPolypolia. Bezüglich der Monopolia formuliert er den Grundsatz, daß es für eine Gemeinde besser sei, wenn sie statt eines reichen Monopolisten viel mittelmäßige reiche und ehrlicher Bürgerlicher Nahrung Leuthabe.37 Wie das Monopolium, so könne auch das Polypolium, bei dem begrenzte Nahrungsquellen auf zu viele Bürger verteilt und diese so in die Armut getrieben werden, nur dadurch verhindert werden, daß die Obrigkeit ein wachendes Aug auff die Handlung, Baurenstand und Zünffte der Handwercksleute habe und regulierend eingreife.38

Es fällt auf, daß Becher die Wohnhäuser einer Stadt immer wieder als Beispiel für Erfolg oder Mißerfolg obrigkeitlicher Regulierung anführt, daß er den Wert, aber auch die Gestalt der Häuser als Grundstein und sichtbaren Ausdruck für den Wohlstand der Gemeinde beschreibt. So bewirken die Monopolisten seiner Meinung nach,

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indem sie auf Kutschen fahren, köstliche Häuser bauen im Fraß und Wollust leben, daß andere ihre Mitbürger nicht einmal zu Fuß gehen, unter Dach kommen, einen Lumpen über den Leib, oder ein Stück Brod bekommen können [...].39

Grundsätzlich formuliert Becher die Erkenntnis:

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Wolfeyle schöne Häuser, und viele Bettler in einer Stadt, sind ein Zeichen des Untergangs der Commercien, wie hingegen theure Häuser, und viele Arbeits-Leut, die Blüth des gemeinen Wesens sind, die eine gute und fruchtbare Ernd verspricht.40

Insgesamt offenbart Becher ein auf Übersichtlichkeit, Ordnung und reguliertes Mittelmaß gerichtetes Verständnis von Stadt. Die regulirten Oerther der deutschen absolutistischen Staaten stellt er ausdrücklich gegen die frühkapitalistischen Metropolen, vor allem die großen Seehandelsstädte Italiens und der Niederlande. Becher formuliert damit letztlich jene Vorstellung von Stadt, die zur Grundlage der Städtepolitik Friedrich Wilhelm I. werden sollte:

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Große Städte mit einer übergrossen Menge Menschen, die an der See gelegen, und consuption von gantzen Provintzien und Königreichen an sich haben, dass da kan alles passiren, was Brod bringt, und heist es, proximes quisque sibi und kennet nit einmal ein Bürger oder Einsaß den andern in einem Hauß, will geschweigen, daß er reflexion machen sollte, ob er ihm durch seine negotien Schaden oder Nutzen thue, aber es ist gleich wohl nicht den Zeiten und Extravagantzen der Menschen, als der gemeinen Staats-Regul, und Vorsichtigkeit der Obrigkeit zuzuschreiben, welche befihlt, daß in einer Gemeinde man das Leben allso anstelle, daß keiner den andern verderbe, sondern mit gemeiner Hand einander unter die Arme greiffen, was ich derohalben [...] geschrieben, ist mehrentheils auf Teutschland, und andere regulirte Oerther zu verstehen.41

In Preußen führte die Übernahme derartiger Maximen in die königliche Politik unter anderem zur Gründung zweier Lehrstühle für diese neuen Staatswissenschaften an den Universitäten Halle und Frankfurt (Oder). Justus Christoph Dithmar, der an der Universität Frankfurt (Oder) Oeconomische - Policey - Und Cameral-Wissenschaften lehrte, veröffentlichte 1731 eine Einführung in sein Fachgebiet. Diese stellte eine Paraphrase und Analyse der aktuellen Verordnungen und Ziele der preußischen Staatsverwaltung dar und brachte bereits gültige Wertvorstellungen und Handlungsmuster in ein übergreifendes, lehrfähiges System. Das Buch, das in zahlreichen Neuauflagen42 großen Einfluß gewann, kann als Spiegel der in Preußen maßgeblichen Positionen gelesen werden.

Im Anschluß an Becher trennt Dithmar die Wissenschaften der Ökonomie, der Policey und der Kameralistik streng voneinander. Vor allem der Bereich der Policey-Wissenschaft berührt dabei auch das Wohnen und Bauen der Bürger. Die allumfassende Policeyberuht für Dithmar und seine Zeitgenossen auf dem Recht des Landesherren, seiner Unterthanen Handlungen und Sachen zu erhaltung des gemeinen Wesens zu regieren.43Policey besteht nach Dithmar in guter Ordnung und Verfassung der Persohnen und Sachen eines Staats. Die Wissenschaft von der Policey lehre, wie dasInnerliche und Aeußerliche Wesen eines Staats in guter Verfassung zu eines jeden und zur gemeinen Glückseeligkeit zu erhalten sey. Dabei umfaßt das Innerliche Wesen eines Staatesfür Dithmardie Menge der Einwohner, deroselben Christliches, Tugendhaffts Leben und Wandel, Gesundheit, Politesse, Nahrung und Reichthum. Seine Vorstellungen zielen also ebenso auf die Bevölkerungspolitik wie auf die geistige und moralische Regulierung des privaten Lebens und der Wirtschaftspolitik. Das Aeußerliche Wesen definiert Dithmar als die gute Ordnung und Nutzbare Zierlichkeit der Persohnen, Sachen und Publiquen Oerther auf dem Lande und in Städten.44 Zur Ordnung der Personen sei eine genaue Zählung der Einwohner und die Erfassung von Nahmen, Alter, Condition, Gewerbe und Vermögenerforderlich, um so ihre jeweiligen Pflichten mit speziellen Verordnungen detailliert regeln zu können. Auch bei den unbeweglichen Sachen – in den Städten sind dies die öffentlichen und privaten Gebäude – sei es notwendig, diese genauestens zu kennen, in guter Ordnung zu halten und sie dafür in Katastern, Lager- und Landbüchern, Grundrissenund Beschreibungen zu erfassen. Die gute Ordnung der Personen, Sachen und vor allem der Häuser ist für Dithmar die notwendige Voraussetzung für eine nutzbare Zierlichkeit:

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Der Zierath der Städte besteht in weiten, bequemen Gassen, zu dem ende selbige von den ausstehenden Treppen und Aerckern zu befreyen, mit gleichen und breiten steinen zu belegen, von Unflath zu reinigeni), mit Laternen zu erleuchten; und zu deren Conversation Gassen- und Laternen Ordnungen zumachen; wohl angelegten Publicquen und in einer ordentlichen Bau-Form, einstimmigen gleichheit, und gegen Feuers-Gefahr eingerichteten Privat-Gebäuden mit Wegschaffung der Scheunen, Stroh- und Schindel-Dächer, unter Direction und Auffsicht der Commissarium Loci, der Stadt-Obrigkeit, und Bau-Directoren, wie auch zu dem ende gemachten Bauii) und Feuer-Ordnungeniii), Feuer-Casseniv) und anderen Reglement.45

Die Sorge um den nützlichen Zierrath und die gute Ordnung der Städte sind für Dithmar von grundlegender Bedeutung für den Erhalt des aeußerlichen Wesenseines Staates. Sie gilt als Hauptaufgabe der vom Landesherrn dominierten Policey. Die Grundlage derartiger Bemühungen sieht man in der Erfassung aller Bereiche der Lebenswirklichkeit, um diese dann zu eines jeden und zur gemeinen Glückseeligkeit möglichst umfassend regulieren und ordnen zu können. Dabei versucht man große, homogene, übersichtliche und streng in sich geschlossene Komlexe abzugrenzen und diese abschließend zu gestalten. Eine im Sinne der merkantilistisch-kameralistischen Staatsdoktrin funktionierende und gut regulierte Bürgergemeinde konnte daher nur in Wohnhäusern realisiert werden, die, wie bei Dithmar beschrieben, in einer ordentlichen Bau-Formundeinstimmigen gleichheitgebaut waren.

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Der Staatstheoretiker Dithmar steht mit diesen Äußerungen beispielhaft für die vor und nach ihm im Dienste der preußischen Könige beschäftigten Minister, Finanzräte, Steuerräte, Oberbauräte und Bauinspektoren. Seine Vorschläge zur baulichen Ordnung des Gemeinwesens basierten auf einer langen Reihe von theoretischen und praktischen Vorbildern. Dithmar konnte sich zahlreicher Schriften unterschiedlichster Disziplinen von der Theologie, Philosophie und Mathematik bis hin zur Architekturtheorie und Festungsbaulehre bedienen, in denen die Ordnung ebenso im Zentrum des Interesses stand. Für diese allumfassende Bedeutung von Ordnung hatte Johann Heinrich Alsted schon 1630 in seiner Enzyklopaedia die folgende Definition gefunden:

Nichts ist schöner, nichts ist fruchtbarer als die Ordnung. Die Ordnung verschafft auf dem riesigen Theater dieser Welt allen Dingen Wert und Rang. […] Die Ordnung ist das stärkste Band im Staats- und Familienleben.46

Die Stadt

„Castrametatio“ und Städtebau47

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Eine für den Städtebau und den Bau von Bürgerhäusern in der Neuzeit maßgebliche Traditionslinie des Ordnens stammt aus der Militärarchitektur. Neben den Planungs- und Entwurfsprinzipien des im 16. Jahrhundert aufkommenden Festungsbaus waren es vor allem temporäre Feldlager und dauerhaftere Garnisonsstädte, deren rationale Entwurfsprinzipien sich im zivilen Städtebau durchsetzten. Zu denken ist hier beispielsweise an die schon zu Beginn des 14. Jahrhunderts von Florenz aus in der Toskana planmäßig angelegten, militärisch geprägten Terrae Muratae, deren strenges Straßenraster an die antiken römischen Feldlager und Städte erinnert.48 Ab Ende des 15. Jahrhunderts ist eine verstärkte Rezeption römischer Feldlager nachweisbar. So ließ Giovanni Lodovico Pallavicini 1480 in der Emilia Romagna ein “Castel Lauro“ errichten, das wenig später den Namen Cortemaggiore erhielt und bis heute von dem typischen strengen Rechteckraster römischer Feldlager und Stadtanlagen geprägt ist.49 Ein weiteres idealtypisches Projekt wurde im Rahmen der spanischen Reconquista umgesetzt. Zur Belagerung von Granada, der letzten ‘maurischen Bastion’ auf der iberischen Halbinsel, legten die Spanier 1491 vor den Toren der Stadt das befestigte Lager Santa Fé an. In diesem Feldlager, das später zur Stadt ausgebaut wurde, hielten sich während der Belagerung Königin Isabella von Kastilien und ihr Gemahl König Ferdinand II. von Aragon auf und beaufsichtigten die Belagerung persönlich. Die Anlage von Santa Fé war engstens mit einer neuen Kriegsführung verbunden. Diese stützte sich in einem bis dahin nicht gekannten Ausmaß auf die Artillerie, welches wiederum der Infanterie eine veränderte strategische Rolle zuwies. Der Feldzug gegen Granada, in dessen entscheidende Phase die Gründung von Santa Fé fällt, wird von Militärhistorikern heute als einer der maßgeblichen Kriege in der Zeit der „Early Modern Military Revolution“ angesehen.50 Der enormen Bedeutung des Krieges und seinem innovativen Charakter entsprach offensichtlich auch die städtebauliche Form des befestigten Feldlagers, das zugleich Hauptquartiers des spanischen Königspaars war. Der quadratische, streng gerasterte Grundriß der Stadt mit seinen schnurgeraden Straßen wird von zwei sich kreuzenden Hauptstraßen und einem zentralen Platz geprägt. Die Hauptstraßen führen jeweils zu einem Tor in der Stadtmauer, das genau in der Mitte einer Längsseite der Befestigung angeordnet ist. Die auffällige Gestalt von Santa Fé wurde in der Forschung nicht nur mit einigen am Hof der spanischen Könige lebenden italienischen Humanisten, sondern vor allem mit einer grundsätzlichen Wiederbelebung der „castramentación romana“ in Verbindung gebracht.51

Für eine solche, auch andernorts wiederbelebte Auseinandersetzung mit der antiken Baukunst und Kriegstechnologie gewannen im 16. Jahrhundert die Schriften des antiken Historikers Polybius besondere Bedeutung. In den Paragraphen 28 bis 32 seines fünften Buchs hatte Polybius ausführlich das römische Lagerwesen beschrieben. Die Kunst des Lagermachens, also die Kunst, einer großen Zahl streng hierarchisch geordneter Menschen auf Zeit oder dauerhaft eine angemessene Unterkunft in einem geordneten Gemeinwesen zu errichten, erweckte ganz offensichtlich das besondere Interesse der Zeitgenossen. 1529 wurde der Text aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt, eine 1538 fertiggestellte italienische Übersetzung wurde 1552 in Florenz gedruckt.52 Bereits 1521 hatte Nicolo Macchiavelli mit seinem Libro della arte della guerra eine Paraphrase des Polybius-Textes verfaßt und darin auch ein römisches Feldlager rekonstruiert. Albrecht Dürers Entwurf für eine mustergültige befestigte Stadt, der 1527 in seiner Befestigungslehre veröffentlicht wurde, rekurriert wohl auf Macchiavelli, bewegt sich aber letztlich ebenso in den Bahnen der Polybiusrezeption.53

Auch der italienische Architekt und Theoretiker Sebastiano Serlio bezog sich in seinem 1546 bis 1550 geschriebenen Traktat Della castramentatione di Polibio ridotta in una cittadella murata schon im Titel auf die antike Autorität.54 Den Angaben des Polybius folgend, entwickelte er den Plan für ein mustergültiges Zeltlager. Darüber hinaus aber enthält sein Traktat den Plan für eine cittadella murata, das heißt für ein dauerhaftes Lager, eine ummauerte Garnisonsstadt.

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Abb. 1: Sebastiano Serlio: citadella murata, aus: Ders.: Della castramentatione (1546-50)

Dieser Entwurf orientiert sich wohl auch an Polybius, mehr aber an erhaltenen Resten römischer Lagerstädte. Serlio bezieht sich ausdrücklich auf den Cardinal Marco Grimani, der ihm um 1540 eine Kopie seiner Arbeit über eine cità non molto grande ma bene ordinata et di perfeta quadrature in der ehemaligen römischen Provinz Dakien überreicht hatte.55 Die cittadella murata erscheint zwar als rein antiquarische Übung, doch indem Serlio wie Dürer die alltäglichen Bedürfnisse eines bürgerlichen Gemeinwesens in den Plan eines militärischen Lagers integriert, macht er daraus einen im Sinne absolutistischer Machtausübung mustergültigen Stadtentwurf.56 Dabei standen bene ordinata und perfeta quadrature, also die ‚gute Ordnung’ der Gebäude und Bewohner und die strenge Rechtwinkligkeit des Stadtgrundrisses, im Focus seines Interesses. Über einem annähernd quadratischem Grundriß, umwehrt mit einem Wassergraben und einer Mauer, die durch Rondelle verstärkt ist, teilt Serlio die streng gerasterte Stadt symmetrisch auf. An dem Ort, wo die zwei Hauptstraßen – VIA PRAETORIA und VIA LARGA – rechtwinklig aufeinanderstoßen, befindet sich mit dem praetorium, dem Palast des befehlshabenden Konsuls, das Zentrum der Stadt. Neben dem praetorium stehen hier das quaestorium und das forum. Entsprechend der Rangfolge sind um dieses Zentrumdie loggiamenti für die tribuni della militiaund prefettisowie für die cavalli et fanti eletti und cavalieri et fanti estraordinarijangeordnet. Eine Thermenanlage und ein Amphitheater vervollständigen dieses obere Drittel. Darunter sind die Unterkünfte der weiteren Truppen in zwölf rechteckigen insulae angeordnet, die vom Inneren der Stadt nach außen breiter werden. Wie für Dürers Plan einer befestigten Stadt ist auch für Serlios cittadella murata die Kombination von militärischer Planung und Organisation auf der einen Seite und zeitgenössischer städtischer Architektur auf der anderen Seite charakteristisch. Dabei werden Rechtwinkligkeit und Axialsymmetrie nicht nur zur Aufteilung des gesamten Stadtgrundrisses, sondern auch zur inneren Aufteilung nahezu aller Gebäude strikt angewandt. Die einzurichtende Gesellschaft wird so durch die ihr vorab gegebene bauliche Form reguliert und diszipliniert.57

Die Beschäftigung mit dem Festungsbau und der Tradition der castrametatio breitete sich schnell über ganz Europa aus. In Frankreich, wo 1542 und 1545 die ersten Übersetzungen des Polybius erschienen,58 griff unter anderem Jacques Perret die Vorstellung von einer quadratischen, beziehungsweise rechteckigen Stadtanlage mit sich rechtwinklig kreuzenden Straßen auf und übernahm sie neben anderen, polygonalen und sternförmigen Grundrissen in seine einflußreichen Traktate zum Festungsbau.59 Von größerer Bedeutung für die deutsche Architekturtheorie und Baupraxis des 17. und 18. Jahrhunderts war mit Blick auf den Städtebau die niederländische Theoriebildung. Im Zuge des langwierigen, letztlich erfolgreichen Kampfs gegen das habsburgische Spanien war es in den Niederlanden seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert zu einer intensiven und kreativen Auseinandersetzung mit antiker Kriegstaktik gekommen.60 Die daraus hervorgegangene Heeresreform der Oranier hatte Auswirkungen bis weit in die zivile Gesellschaft hinein. Als enger Vertrauter Moritz von Oraniens, des Statthalters und militärischen Oberbefehlshabers der Niederlande, gewann dabei der Mathematiker und Ingenieur Simon Stevin großen Einfluß.61 Stevin, der damals bereits eine Reihe wegweisender mathematischer Schriften verfaßt hatte, war 1593 als Ingenieur in den Dienst Moritz von Oraniens getreten und hatte auf dessen Betreiben 1600 die Ingenieurschule an der Universität in Leiden gegründet, für die er auch das Lehrprogramm erarbeitete.62 Ab 1604 diente Stevin als Generalquartiermeister in der niederländischen Armee. Seine Hauptaufgabe war das affteecken der quartieren, also das Abstecken der Quartiere der Feldlager, mithin die praktische Anwendung der seit mindestens 50 Jahren europaweit aufgekommenen Castrametatio-Traktate.63 Da die Taktik der niederländischen Armee in den Geusenkriegen vor allem auf der Belagerung wichtiger Plätze und Orte der Spanier und der Verteidigung der eigenen Befestigungen und Städte beruhte, wurde Stevin, der an den Feldzügen aktiv teilnahm, zu einem der wichtigsten Offiziere. Seine in diesen Jahren aus der Praxis heraus entstandenen Schriften über den Festungsbau waren besonders einflußreich.64 Auf der Grundlage vor allem italienischer Theoretiker65 propagierte Stevin darin die im Krieg gegen Spanien so erfolgreich umgesetzten Techniken. Diese basierten vor allem auf der strikten Anwendung mathematischer Prinzipien.

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Dabei wurden nicht nur die niederländischen Festungen, sondern auch die ausdrücklich an römischen Vorbildern orientierten Feldlager der niederländischen Armee wegen der darin herrschenden Ordnung und ihrer Effizienz in ganz Europa bewundert. Berühmt wurden die „’neo-Roman’ army camps“66, die 1597 vor Grol und 1610 vor der Festung Jülich aufgeschlagen worden waren. An beiden Feldlagern war Stevin direkt beteiligt. Das erste wurde nach seinem Plan und unter seiner Anleitung errichtet, das zweite beschrieb er ausführlich in seinem 1617 erschienenen Werk Castrametatio. Dat is Legermeting. Darin führt er die Lager der niederländischen Armee auf die römischen Feldlager zurück und rekonstruiert selbst eines nach den Angaben des Polybius. Das Lager, welches Moritz von Oranien 1610 vor Jülich errichten ließ, stellt Stevin als mustergültig vor. Dabei beschreibt er nicht nur den Entwurf auf dem Papier, sondern ebenso dessen vermessungstechnische Umsetzung in die Praxis. Auch über die innere Aufteilung der einzelnen quartieremacht er detaillierte Angaben – angefangen bei dem Quartier mit den Zelten des Prinzen über das der Offiziere, der Kavallerie und der Infanterie bis hin zu dem für einen Marct vorgesehenen Quartier.

Mit Blick auf seine Lehre zum Städtebau ist schließlich vor allem Stevins Vorstellung von der form eens Legher, die altijt de zelve mocht blijven, von Interesse.

Abb. 2: Simon Stevin: form eens Legher, die altijt de zelve mocht blijven, aus: Ders.: Castrametatio (1617)

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Wie Dürer und Serlio vollzieht er damit den Schritt von der eher antiquarischen Übung der Rekonstruktion eines temporären Feldlagers nach dem Text des Polybius zu dem eigenständigen Entwurf eines festen, stadtähnlichen Lagers. Das querrechteckige Lager wird von sich rechtwinklig schneidenden Straßen, die alle 50 Fuß breit sein sollen, in insgesamt 70 absolut identische quadratische vierkanten eingeteilt. In der Mitte befindet sich das quartier des Veltoversten, davor ein Versammlungs- oder Appellplatz, dahinter der Markt. Dieses Zentrum wird von den quartieren der Offiziere flankiert, darauf folgen die Kavallerie- und ganz außen die Infantriequartiere. Das ein derart regider Plan wenig Aussicht hatte, in vollem Umfang verwirklicht zu werden, war wohl auch Stevin bewußt. Schon W. H. Schukking betonte aber: “as an ideal army-camp it deserves as much appreciation as his ideal town-plan”.67 Damit benannte er Stevins Projekt nicht nur zurecht als Idealplan eines festen Feldlagers, sondern sprach auch die nicht zu übersehende Ähnlichkeit an, die zwischen den von Stevin propagierten Entwürfen für ein mustergültiges Feldlager und denen für eine ebensolche Stadt besteht.

Stevins umfangreiche Schrift Van de oirdening der Steden, die erst 1649 postum erschien, knüpft hier an.68 Wie bei seinem idealen Feldlager fordert er für die Grundform der Stadt das Rechteck, damit darin rechteckige Baublöcke (blocken), rechteckige Plätze und Märkte sowie rechteckige Grundstücke, Höfe, Häuser und Zimmer angelegt werden können.69

Abb. 3: Simon Stevin: Plan einer mustergültigen Stadtanlage, aus: Ders.: Van de oirdening der Steden (1649)

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Die mit den quartieren des Feldlagers formal identischen blocken sind wie diese unterschiedslos quadratisch. Einzige Ausnahme sind wieder die Blöcke der öffentlichen Gebäude und Plätze. Mit dem so gebildeten Rasterplan ist für Stevin unweigerlich die Forderung nach größtmöglicher Symmetrie (Lijcksijdicheydt) der gesamten Stadtanlage verbunden. Die rigide Durchstrukturierung des bürgerlichen Lebensbereichs erstreckt sich von den blocken bis hin zum einzelnen huys. Stevin fordert, jede der vier an der Straße liegenden Seiten eines Blocks müsse derart mit huysen beset sijn, daß man diese Häuser symmetrisch zu einem Ganzen ordnen und die gemeene burgerlicke huysen damit wie ein Vorstelick gesticht, also einen fürstlichen Palast aussehen lassen könne.70 Eine wesentliche Voraussetzung für diese angestrebte Wirkung ist, daß die Häuser nach Stevins Vorstellungen keine von der Straße sichtbaren individuellen Dächer und Schornsteine, dafür aber häuserübergreifend durchgehende, waagerechte Fensterreihen besitzen. In der strengen Ordnung und Gleichförmigkeit des angestrebten Stadt- und Straßenbildes wäre durch die lückenlose Bebauung der Parzellen mit den von Stevin empfohlenen Wohnhäusern eine im Sinne Bechers und Dithmers vollkommen einstimmige gleichheit erreicht worden.

Die wesentlichsten Eigenschaften der von Stevin entwickelten mustergültige Stadtanlage sind der aus rechteckigen Blöcken gebildete rigide Rasterplan und die absolute Symmetrie des Stadtgrundrisses und selbst noch der inneren Einteilung jedes einzelnen Hauses – mithin also die Allgegenwart eines mathematischen Systems. In diesen Eigenschaften sind Parallelen zu den Planungsschemata der architectura militaris unübersehbar. Wie bei Serlio, ist auch bei Stevin das Ordnungsschema der genormten, der Rangstufe angemessenen und in einer Reihe ausgerichteten Zelte des Feldlagers auf eine mustergültige Stadtanlage übertragbar. Der Weg vom streng militärisch geordneten Feldlager zur mustergültigen Stadtanlage ist nicht weit, ja, er scheint bei dem im 16. und 17. Jahrhundert alle Lebensbereiche prägenden Primat der hierarchischen Ordnung unausweichlich.

Der Einfluß Stevins und der gesamten in diesen Jahrzehnten entwickelten niederländischen Festungs- und Stadtbaukunst verbreitete sich über ganz Nordeuropa. Maßgeblich für die Vermittlung nach Brandenburg-Preußen war zunächst der direkte Kontakt, etwa durch die zahlreichen Reisen brandenburgischer Regenten71, Staatsbeamter und Baumeister in die Niederlande, sowie die Anwerbung niederländischer Baufachleute. Nicht zu unterschätzen ist aber auch die Verbreitung niederländischer Architekturtheorie über die schnell ins Deutsche übertragenen originalen Schriften oder deren Übernahme durch deutsche Theoretiker. Dem Mathematiker Nicolaus Goldmann kommt in diesem Vermittlungsprozeß eine besondere Bedeutung zu. Goldmann, der in Leiden zunächst ab 1632 Mathematik studierte und wohl auch Stevins Ingenieurschule besuchte, hielt sich dort von 1638 bis zu seinem Tod 1666 dauerhaft auf. Als angesehener Gelehrter erteilte er, wohl im privaten Rahmen, Unterricht und veröffentlichte mehrere Werke zur Geometrie. Sein Hauptwerk, die Vollständige Anweisung zur Civil Bau Kunst, an der schon der Große Kurfürst reges Interesse gezeigt und deren Entstehen dieser befördert hatte, wurde erst 1696, dreißig Jahre nach Goldmanns Tod, von dem in Wolfenbüttel als Mathematikprofessor lehrenden Leonhard Christoph Sturm herausgegeben. Goldmanns Schrift entfaltete eine bis weit ins 18. Jahrhundert reichende Wirkung.

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Unter anderem enthält sie die schriftliche Darstellung einer mustergültigen Stadtanlage, die deutlich von niederländischen Einflüssen geprägt ist.

Abb. 4: Nicolaus Goldmann: Mustergültige Stadtanlage, großer Schacht und kleiner Schacht, schematische Skizze nach Goldmanns Beschreibung von C. Baier

Goldmann beschreibt eine große Stadt für 10.000 Bürger und 20.000 Studenten, die aus einer quadratischen, einem Kreis eingeschriebenen inneren Stadt und einer zwischen 100 strahlenförmig ausgreifenden Straßen gelegenen Vorstadt gebildet sein soll. Innen- und Vorstadt sollen jede für sich mit regelmäßigen Festungswerken umgeben sein.72 Schon die Vorstadt, in der Handwerks-Leute, Künstler, Feldbauer und Gärtner angesiedelt sind, vor allem aber die quadratische Kernstadt ist einer rigorosen geometrischen Ordnung unterworfen. Wie Stevin teilt Goldmann seine Stadt in quadratische Schachte (Baublöcke)und wie diesem dienen ihm dazu Straßen, die er breit und sehr gerade haben möchte. Vergleichbar ist weiterhin die Bedeutung der bis ins Stadtzentrum geführten Kanäle und die Gruppierung der öffentlichen Gebäude um die tatsächlich im absoluten geometrischen Zentrum der Anlage gelegene Thumb-Kirche.

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Die großen Schachte mit der Wohnbebauung sind jeweils durch zwei sich kreuzende Reihen von größeren Grundstücken in vier kleinere Schachte geteilt. Die größeren Grundstücke besetzt Goldmann mit je einer Reihe von zehn Kirchen mit Kirchhof und angrenzendem Pfarr- sowie Küsterhaus und einer Reihe mit freistehenden Herren-Häusernmit anliegenden Gärtenvor die zehn Rathsherren. In die Mitte des großen Schachts stellt er den Hof vor einen Zehner-Herrn. Selbst die kleinen Schachte, in denen sich jeweils 16 quadratische Bürgerhäuser um einen gemeinsamen Hof ordnen, läßt Goldmann nicht ohne genaue Funktionszuweisung. Die Bewohner der zwei mittleren Häuser gegen Aufgang und Niedergang solten beamte Bürger seyn, der eine ein Friedemacher, oder Tausendmann, der andere ein Auffseher der Sitten und Gottesfrucht. Die Eckparzellen wünscht er mit einem Wirthshauß, einer Wohnung vor Alte und Kranke, einer Wohnung vor die Lehrer der Knaben und einer für die Lehrerin der Mägdlein besetzt.

Stevins blocken zieht Goldmann durch die Anordnung kleiner Nebenstraßen und breiter Streifen für Kirchen und Ratsherrenhäuser auseinander, die Grundordnung quadratischer Häuser um je einen kleinen, gemeinsamen quadratischen Hof behält er aber bei. Vor allem bei dieser Abteilung der Schachte fällt auf, wie eng die strenge geometrische Ordnung mit der Idee einer ebenso strengen Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft verbunden wird. Sowohl in den großen als auch in den kleinen Schachten mußte durch eine derartige Anordnung eine charakteristische symmetrische Rhythmisierung der Blockkanten und somit des Straßenbildes entstehen. Wieder ist auf die absolute Symmetrie und stereotype Wiederholung des quadratischen Grundrasters zu verweisen, welche die einzelnen Schachte, Höfe, Kirchen und Häuser einerseits einer strengen Hierarchie unterwirft, ihnen andererseits aber innerhalb ihrer Gruppe absolute Gleichheit zusichert. Keine der kleinen Kirchen, keines der freistehenden Ratsherrenhäuser und auch keines der Bürgerhäuser kann in dieser Ordnung Anspruch auf einen Zuwachs an Grundfläche oder auch nur an Größe oder Gestaltung durchsetzen, ohne das Bild des Ganzen zu stören. Es ist eben diese größtmögliche Einbindung jedes einzelnen Details in ein übergeordnetes, nach mathematischen Gesichtspunkten geordnetes System, was die Zeitgenossen an Goldmanns Vollständige[r] Anweisungbesonders schätzten.

In seiner Dedication zur Ausgabe des Goldmannschen Werks von 1696 stellt Sturm der Architekturtheorie in diesem Zusammenhang eine große Aufgabe:

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Wann nun der Grund eines wol eingerichteten Staats, hauptsächlich die Gerechtigkeit, Klugheit, und gesetzmässige Freyheit sind, deren die erste die Proportion oder Eben-Maasse, die andere die Ordnung, die letzte die Natur vor ihre Mutter erkennen: So kan ich ja die reine Bau-Kunst ein Vorbild eines glückseligen Fürstenthums nennen, weil alle Stärcke, Bequemlichkeit und Schönheit der Gebäude, von guter Ebenmaasse, richtiger Ordnung, und flüssiger Nachahmung der Natur entspringet.73

Vor diesem Anspruch hebt Sturm hervor, dass es Goldmanns größte Leistung gewesen sei, aus einer ungewissen Kunst, eine unfehlbare Wissenschaftgemacht zu haben. Goldmann selbst ist bezüglich seiner Beschreibung einer vorbildlichen Stadt auf den ersten Blick wesentlich bescheidener. Er beschließt diese mit den Worten: Aber unser Vorhaben ist die Stellen zu den Gebäuden anzuordnen, die Anstellung der Regierung ist nicht unseres Werckes, sondern bleibet denen, denen es von GOtt gegeben ist.74 Auch in seinen weiteren Ausführungen scheint ihm die skizzierte Stadtanlage auf den ersten Blick lediglich als didaktisches Ordnungsmuster für seine Darstellung gedient zu haben, aus welchem sich Größe und Proportion der einzelnen Gebäuden ableiten ließen. Und doch ist Goldmanns Abtheilung einer gantzen Stadt weit mehr als nur ein Beispiel für die Wissenschaft an was vor einen Ort der Stadt, jedes Gebäude anzulegen sey.75 Auf die falsche Bescheidenheit, die in dieser Bemerkung liegt, weist Sturm schon in seiner Inhaltsangabe zum dritten Buch hin. Darin, so Sturm, werde

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von der innern Außtheilung der Gebäude gehandelt, vorher aber machet der Auctor einen Entwurff einer ganz reguliren, aber unerhört großen Statt, nicht als ob dergleichen zu bauen wäre, sondern eine völlige Symmetrie von allerhand Gebäuden in einer recht vollkomenen idea vorzustellen, wie etwann Plato mit seiner Republica, Cicero mit seinem Oratore, und Plinius mit seinem Panegyrico mit dem Vorbilde eines vollkommenen Fürsten gethan.76

Ob die beschriebene regelmäßige und symmetrische Aufteilung der Stadt, der Baublöcke und der Häuser oder die Rhythmisierung der Blockfronten in Goldmanns Stadtentwurf nur das Ergebnis einer vordergründig künstlerischen Gestaltung ist, kann daher mit gutem Grund bezweifelt werden. Die geometrisch-mathematische Ordnung der Stadtanlage ist von Grund auf und untrennbar mit konkreten gesellschaftspolitischen Vorstellungen verknüpft. Wie das geometrische Modul des gesamten Stadtentwurfs nicht ohne Grund das Quadrat und der Mittelpunkt der Stadt die große Thumb-Kirche ist, so sind auch im kleinen die städtebaulichen Ordnungs- und Gliederungsmaßnahmen engstens mit Vorkehrungen zur Ordnung und Kontrolle der gesamten bürgerlichen Gemeinschaft verbunden. Ob es nun die Reihen von Ratsherrenhäusern und Kirchen oder die Eckhäuser und die Häuser der Friedemacher und Gottesfurchtaufseher sind – die bürgerliche Gesellschaft wird nach geometrischen Mustern geordnet. Dabei sind Hierarchie und Regulierung, das heißt Symmetrie und Gleichförmigkeit, die entscheidenden Merkmale sowohl der architektonischen als auch der gesellschaftlichen Ordnung.

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Von Goldmann über Stevin, Serlio, Dürer und Machiavelli bis hin zu Polybius ließ sich die Spur des idealen Feldlagers und der daraus abgeleiteten mustergültig geordneten Stadt zurückverfolgen. Werner Oechslin zieht diese Linie weiter bis hin zu dem von Moses beschriebenen israelitischen Feldlager, in dem die „Struktur des in zwölf Stämme geteilten Volkes wie auch die komplizierte Hierarchie ihrer religiösen Führung in ein geometrisches Muster übertragen wird“, oder zu der Stadtanlage des Hippodamus, von der Aristoteles berichtet.77 Überall läßt sich das Muster des regulären, von Quadraten und Linien bestimmten Stadtgrundrisses wiederfinden. Letztlich muß man darin ein disziplinierendes formales Modell, eine allumfaßende Formel sehen, die ab dem 16. Jahrhundert auf neue Art und Weise für das Befestigungswesen und die Stadtplanung genutzt wird. Dabei dient das städtebauliche Ordnungsmodell immer wieder auch der sozialen Ordnung der Gesellschaft.

Planstädte in Schweden und Brandenburg-Preußen

Realisiert wurde dieses formale Schema beispielsweise Anfang des 14. Jahrhunderts in den terrae murratae, in Cortemaggiore (1480), Santa Fe (1491) und La Valetta (1566), aber auch in Freudenstadt (1599), Richelieu (1631) oder Neubreisach (1699). Vom 16. Jahrhundert an war dieses Schema über diese berühmten Stadtplanungen hinaus die planerische Basis der meisten Stadtgründungen, Stadterweiterungen und Wiederaufbauprojekte zerstörter Städte. Dabei wurden neben den italienischen und französischen Theoretikern vor allem im nördlichen Europa in starkem Maße auch die Niederländer rezipiert. Die perfektionierte Landerschließung und der mustergültige Festungs- und Städtebau nach niederländischem Vorbild fiel in zwei Ländern auf besonders fruchtbaren Boden: Schweden und Brandenburg-Preußen.

In Schweden ging in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts mit der ungeahnten Expansion des Landes und der Zentralisierung der Verwaltung auch eine intensive Stadtplanungstätigkeit einher. Besonders am Beginn war diese obrigkeitlich betriebene Urbanisierung von der niederländischen Festungs- und Stadtbaukunst geprägt. In den 1620er Jahren beispielsweise war im schwedischen Bergamt, das zahlreiche urbanistische Projekte leitete, der niederländische Ingenieur Johan Carels angestellt. Dieser hatte in Leiden an der von Stevin eingerichteten Ingenieurschule studiert und war zudem mit diesem verwandtschaftlich verbunden.78 Carels entwarf u. a. die Stadtgrundrisse für den Wiederaufbau der Städte Säter und Sala.79

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Abb. 5: Sala (Schweden), Stadtplan von 1635

Hauptmerkmal der Stadtpläne, die von schnurgeraden, sich rechtwinklig kreuzenden Straßen geprägt sind, ist nach Gerhard Eimer, daß „zwei Reihen länglicher Rechteckquartiere von einer quadratischen Reihe durchschossen (werden), aus der der Markt ausgespart wird“.80 Auch der 1640 von Anders Thorstensen erarbeitete Generalplan für die nördlichen Vorstädte Stockholms variiert dieses Entwurfsprinzip. Ein Blick auf die Neuplanungspojekte von Olof Hansson Örnehufvud für die bedeutende Kupferstadt Falun (1624) oder Vänersborg (1641) offenbart weitere Merkmale der schwedischen Planstädte, die, wie die regelmäßige und spiegelsymmetrische Aufteilung der Parzellen im Blockinneren, der Logik des Planungsansatzes konsequent bis zu den kleinsten Grundeinheiten folgen.

Abb. 6: Vänersborg (Schweden), Projekt von Olof Hansson Örnehufvud um 1641

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Das Kurfürstentum Brandenburg erlebte nach dem Ende des 30jährigen Krieges einen mit der Expansion Schwedens in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts vergleichbaren Aufschwung. Spätestens mit dem Regierungsantritt Friedrichs III./I., der sich 1700 in Königsberg zum König in Preußen krönen ließ, schlug sich der Anspruch Preußens als europäischer Großmacht auch in städtebaulichen Projekten nieder. Wie in Schweden, wo immer wieder auch die königliche Hauptstadt Stockholm durch umfassende Straßenregulierungen und umfangreiche, ab 1640 angelegte Vorstädte prächtig zur Residenz ausgebaut wurde, zogen zunächst die preußischen Residenzstädte Berlin und Potsdam die baulichen Ambitionen auf sich. Neben großen repräsentativen Projekten wie dem Ausbau des Berliner Schlosses oder dem Bau des Zeughauses war es vor allem die Anlage neuer Vorstädte, die dem gewachsenen Anspruch Ausdruck verleihen und zugleich eine wirtschaftliche Belebung und damit eine Steigerung der königlichen Einnahmen bewirken sollten. Die ab 1688 nach Plänen von Johann Arnold Nering und Michiel Matthysch Smids angelegte Berliner Friedrichstadt folgt in vielem dem niederländischen Vorbild.81 Der Planung lag ein Rasterplan aus sich rechtwinklig schneidenden Straßen zugrunde. Mehrere Reihen längsrechteckiger Baublöcke flankieren einen mittleren Streifen von zwei Reihen mit fast quadratisch wirkenden Baublöcken, aus denen einige Jahre später dann der Gendarmenmarkt ausgespart wird. Nachdem die Bautätigkeit in der Friedrichstadt zwischenzeitlich stark nachgelassen hatte, geriet diese mit der von Philipp Gerlach ab 1721 geplanten und in den 1730er Jahren mit besonderem Nachdruck verwirklichten südlichen Erweiterung wieder verstärkt in den Blick des Königs und der Verwaltungsbehörden. Die schnurgeraden Straßen füllten sich schnell mit zweigeschossigen, in Gestalt und Materialität stark vereinheitlichten Häusern. Vollständig geschlossene Baublöcke von Bürgerhäusern entstanden. Die regulierte Gestalt der Häuser war Ausdruck eines streng reglementierten Entwurfs- und Bauvorgangs. Kein Haus konnte entworfen oder gar gebaut werden, dass nicht zuvor von den königlichen Baubeamten genauestens geprüft worden wäre. In dem in diesen Jahren nach Gerlachs Plänen angelegten Erweiterungsgebiet stößt man auf ein weiteres typisch barockes städtebauliches Gestaltungsmittel – die auf einen point de vue ausgerichtete Blickachse.82

Abb. 7: Berlin, Stadtplan von C. L. Oesfeld von 1789, Ausschnitt mit Friedrichstadterweiterung

So führte die Markgrafenstraße auf das Collegien-Haus (Gerlach, 1738/39), das spätere Kammergericht zu, die Kochstraße war zwischen Jerusalemer Kirche (Gerlach 1726-31) und Palais des Herrn von Vernezobreeingespannt, und die Jerusalemer Straße führte an der gleichnamigen Kirche vorbei direkt auf die Garde du Corps Ställe zu. Auch den Hauptachsen Unter den Linden, Leipziger- und Lindenstraße wurde mit den neu angelegten Torplätzen (Quadrat, Achteck, Rondel) ein point de vue gegeben. Ähnliches erreichte man durch die nach 1720 erbauten Kirchen (Bethlehems- oder Böhmische Kirche, Dreifaltigkeitskirche), die nicht mehr auf eigenen, aus dem Raster ausgesparten Plätzen stehen, sondern das Gebiet der Friedrichstadt ‘umkreisen’ und es so mit Blickpunkten bereichern.83

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Wie die Berliner Friedrichstadt war auch die ab 1732 nach Plänen von Pierre de Gayette und Andreas Berger angelegte zweite Potsdamer Stadterweiterung von schnurgeraden, ein strenges Raster bildenden Straßen und einer Bebauung mit regulierten Bürgerhäusern geprägt.

Abb. 8: Potsdam, Stadtplan von C. L. Oesfeld von 1778, Ausschnitt mit den drei Erweiterungsgebieten

Traufe und First, Zwischengesimse oder die Sohlbänke und Stürze der Fenster bildeten wie dort durchgehende Linien. Die Dachneigung zur Straße war einheitlich, so dass die Häuser unter einem durchgehenden Dach zu stehen schienen.84 Als weiteres „der städtebaulichen Komposition zugrunde liegendes Gestaltungsprinzip“ hat Mielke die „Symmetrie, die Verwendung von spiegelbildlich angeordneten Pendants“ herausgearbeitet.85 Diese charakteristische, heute kaum noch wahrnehmbare symmetrische Gestaltung der Blockfronten wurde durch die entsprechende Anordnung verschieden breiter Parzellen und die gestalterische Betonung der Fassaden der an den Ecken und in der Mitte des Blocks stehenden Häuser erreicht. Der Parzellenzuschnitt, mithin die dem einzelnen Bürger zugestandene Hof- und Wohnfläche, wurde so nach den Erfordernissen der symmetrischen Gestaltung der Karréeseiten geregelt.

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Das ab 1732 geplante und ab 1734 realisierte Holländische Viertel wurde in besonderem Maße als Mustersiedlung betrachtet. Die städtebauliche Disposition, die wohl von Gayette und Berger stammt, setzte die gestalterischen Prämissen der zweiten Stadterweiterung fort. Ausgehend von dem strengen Straßenraster nutzte man die Möglichkeit, das Straßenbild durch das Gestaltungsmittel des point de vue aufzuwerten: Direkt in der Achse der Mittelstraße platzierte man als zierlichen Blickpunkt auf einer Insel im südlich angrenzenden Bassin die Gloriette. Deutlich konsequenter als im bisherigen Erweiterungsgebiet verknüpfte man das Straßenraster und den Parzellenplan mit der architektonischen Gestaltung der Häuserzeilen. Hierfür lieferte der eigens zum Bau des Holländischen Viertels aus Amsterdam angeworbene Johann Boumann die Entwürfe. In der Mitte einer jeden Karréeseite hatte man eine Parzelle platziert, auf der unabhängig vom Namen und Beruf des Hausbesitzers die Brau-, Back-, Schlacht- und Apothekengerechtigkeit lag.86 Diese Anordnung der privilegierten, d. h. nur mit obrigkeitlichem Privileg zu betreibenden Gewerke erinnert stark an die von Goldmann beschriebene übereinstimmende Platzierung der Häuser der Friedemache oder Tausendmännerbzw. derAuffseher der Sitten und Gottesfrucht.87 Wie bei Goldmann kommt es hier zu einer direkten Verknüpfung des geometrisch-städtebaulichen mit dem sozialen Ordnungsprinzip. Dieses Ordnungsschema wird in Potsdam in auffälliger Weise als Gestaltungsprinzip eingesetzt und damit ästhetisch überhöht: Die Häuser auf den privilegierten Mittelparzellen stehen traufständig in einer Reihe giebelständiger Häuser. Durch ihre Breite, ihre Durchfahrt und ihre aufwendigere Verzierung markieren sie den symmetrischen Mittelpunkt der Häuserreihe. Zugleich bilden sie den gestalterischen Höhepunkt der jeweiligen Karréeseite. Schließlich entsteht so der charakteristische Rhythmus der Bebauung im Holländischen Viertel.

Die Erweiterungsgebiete der Residenzen Berlin und Potsdam sind geprägt von dem Rasterplan, der Anwendung des point de vue, der schnurgeraden Führung der Straßen sowie der starken Regulierung des straßenseitigen Erscheinungsbildes der Bürgerhäuser und deren Unterordnung unter die symmetrische und gleichförmige Gestaltung der geschlossenen Blockrandbebauung und der Parzellenstruktur.

Wie schon sein Vater wollte auch Friedrich Wilhelm I. das Bauen in den Vorstädten der Residenzen, besonders in der Friedrichstadt, hinsichtlich der Planung, Ausführung und des baulichen Ergebnisses grundsätzlich als Vorbild für die bauliche Erneuerung der größeren und kleineren Städte des Landes verstanden wissen88 Dem Ausbau der Residenzstädte folgten daher seit Ende des 17. Jahrhunderts zahlreiche Regulierungen von Stadtgrundrissen in den Provinzialstädten. In der nördlichen Kurmark erfuhren beispielsweise die Städte Schwedt (1684ff.), Bad Wilsnack (1690ff.), Neuruppin (1699), Lenzen (1704ff.), Angermünde (1705ff.), Gransee (1711ff.), Wittstock (1716ff.), Lychen (1732ff.), Biesenthal (1736/64ff.) und Rheinsberg (1740ff.) nach Bränden unter der Leitung führender königlicher Baumeister umfangreiche Veränderungen.89

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Im ersten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts wurde die Vorgehensweise bei einem Retablissement zunehmend kanonisiert. Die königliche Bauverwaltung entwickelte unter maßgeblicher Beteilung Martin Grünbergs einen methodischen Leitfaden, aber auch gestalterische Richtlinien für die Regulierung des Stadtgrundrisses und der Bürgerhäuser.90 Mehr oder weniger konsequent wurde dabei die gesamte Stadt oder auch nur Teilbereiche und bestimmte Straßenzüge durch Verbreiterung und rechtwinklige Führung der Straßen, partielle Begradigung der Straßenfluchten, Abschaffung der Giebelhäuser und Vereinheitlichung der wiederaufgebauten Fassaden reguliert. Angestrebt waren immer breite Straßen, die ein regelmäßiges Straßenraster mit annähernd rechteckigen Blöcken formen und standardisierte Häuser, die feuersicher und hygienisch sind und sich in die regelmäßige städtebauliche Struktur unauffällig einpassen.

Das Wohnhaus

Standardisiertes Bürgerhaus91

Im 16. Jahrhundert gaben die italienischen Theoretiker nicht nur den Anstoß für die theoretische Reflexion über die nach antiken Quellen wiederbelebte Castrametatio und die Anwendung der dort gefundenen Prinzipien auf den Festungs- und Städtebau. In Norditalien hatte man im Rekurs auf antike Quellen und auf Traditionen des venezianischen und generell des oberitalienischen Wohnhausbaus zudem erstmals architektonische Grundanforderungen für die Grund- und Aufrisse städtischer Wohngebäude entwickelt und diese in illustrierten Schriften zu verbreitet. In Sebastiano Serlios Traktat Della castramentatione lag ein Schwerpunkt auf der im militärischen Zusammenhang als notwendig erachteten Normierung der Wohnunterkünfte. In logischer Ableitung entwickelt er dabei Unterkünfte, die dem klar hierarchisch strukturierten und streng geordneten Stadtplan entsprechend genormt sind.

Abb. 9: Sebastiano Serlio: Unterkünfte für Fanti eletti und Cavalli eletti, aus: Ders.: Della castramentatione (1546-50)

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Die Fassaden der zumeist drei bis fünf Fensterachsen breiten und zwei Geschosse hohen Häuser spiegeln sowohl die Ansprüche des militärischen Umfelds an eine starke, an der dorischen Ordnung orientierte Gestaltung als auch die Hierarchie der Rangfolge. Der konsequent symmetrisch angelegte Grundriß ist aus einem zentral gelegenen Durchgang und rechteckigen, links und rechts des Durchgangs gelegenen Räumen zusammengesetzt. Eine firstparallele Mittelwand trennt jeweils einen straßenseitigen und einen hofseitigen Raum ab. Nach Myra Nan Rosenfeld sind diese Hausentwürfe „typical venetian in plan, with their central hallways“.92 Seinen Hausentwürfen, die im Grund also aus der zeitgenössischen Architektur kommen, gibt Serlio durch exakte Rechtwinkligkeit, symmetrische Verteilung und hierarchische Größenstaffelung der Räume einen dem militärischen Ordnungsanspruch gemäßen Grad an Standardisierung. Jedes Haus paßt in das Modul des übergeordneten städtebaulichen Ordnungssystems.

In seinem sechsten Buch, das den Titel Delle Habitationi di Tutti gradi degli Homini trägt und ab 1541 entstand, findet sich die systematische Ordnung und Standardisierung verschiedener Wohnhäuser wieder.93 Vor allem die Häuser der unteren und mittleren Schichten der Stadtbewohner zeigen in Grund- und Aufriß deutlich Ähnlichkeiten zu den Unterkünften der cittadella murata: Die Grundrisse sind konsequent symmetrisch und rechwinklig, die Fassaden sparsam verziert und durch die Anordnung der Fensterachsen streng reguliert und rhythmisiert. Die Wohngebäude sind durch ihre Größe und Gestaltung hierarchisch nach Wohlstand und sozialem Rang der Bewohner in elf Kategorien geordnet - vom ärmsten Bürger bis hinauf zum König. Diese strenge Ordnung der Wohnhäuser der städtischen Gesellschaft läßt zunächst an die Klassifizierung und gruppenweise Anordnung der Häuser der Soldaten in Della castramentatione denken.94 Doch waren Serlios Hausentwürfe im Sestro Libro insgesamt „non-specific, generalised designs perfectly adaptable to contemporary models of ownership - whether communal, feudal or freehold“.95 Serlio war bestrebt, dem Architekten möglichst anpassungsfähige Modelle und grundsätzliche Regeln an die Hand zu geben. Eine räumliche Trennung der Wohnhäuser verschiedener sozialer Klassen, wie er dies für die cittadella murata vorsah, war hier offensichtlich nicht angestrebt. Dennoch bleibt die Nähe zu den Unterkünften seiner streng hierarchisch geordneten Garnisonstadt zu beachten, denn auch die Entwürfe für den pouero artefice, accommodato artefice, ricco artefice, buon mercante, gentilhuomo nobile oder den palazzo del gouernatoresind in der vorausgesetzten exakten Rechteckigkeit der Parzelle, der Anlage und Gliederung des Grundrisses und der Gestaltung der Fassade streng standardisiert. Auch sie setzen einen der cittadella murata vergleichbaren Rasterplan mit rechteckigen Häuserblöcken und geraden Straßenfluchten voraus und verknüpfen die bauliche Form engstens mit der sozialen Hierarchie in dem grundsätzlich als Monarchie gedachten Gemeinwesen.96 Obwohl Andrea Palladio in seiner überaus einflußreichen Schrift I quattro libri dell’ architettura bei der Darstellung gelungener und anspruchsvoller Einzellösungen bleibt und zumeist städtische Wohnhäuser von größerem Zuschnitt beschreibt, findet man auch hier die grundsätzlichen gestalterischen Eigenschaften wieder. Aufschlußreicher sind jedoch seine 1548-55 im Auftrag Girolamo Gengas für den Hafen in Pesaro projektierten Wohnhäuser.97 In diesen Entwürfen begegnen wir „standardized row houses“ (Rosenfeld), die den Hausentwürfen aus Serlios Garnisonsstadt in allen wesentlichen Gestaltungsmerkmalen auffällig gleichen.

In Nordeuropa war es neben den französischen Theoretikern98 vor allem Simon Stevin, der die aus Italien stammenden Anregungen zum Bürgerhausbau aufnahm und in eigenen, überaus einflußreichen Schriften sowie über Schüler verbreitete. Für seine ideale Stadtanlage entwarf Stevin in der Schrift Van de oirdening der Stedenein standardisiertes Wohnhaus.99 Besonders im Inneren zeigt dieses mit dem nach strengen geometrischen Richtlinien organisierten, symmetrischen Grundriß deutlich Parallelen zu den geschilderten italienischen Entwürfen.

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Auch Nicolaus Goldmann entwickelte in seiner Schrift Vollständige Anweisung zur Civil Bau Kunst einen Wohnhaustyp, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit Serlios typisierter Unterkunft für Infanterie und Kavallerie aufweist.

Abb. 10: Nicolaus Goldmann: Ein Burgherliches WohnHauß, aus: Goldmann 1699, Abb. 71

In seinem System einer idealen Stadtanlage steht dieses standardisierte Haus als allgemeines, formelhaftes Bild für die Bauaufgabe Bürgerhaus. Goldmann setzt dieses Standardbürgerhaus immer wieder generalisierend ein, etwa wenn es gilt, Fachbegriffe oder den Vorzug der schachtförmigen und rechteckigen Grundrisse zu erläutern (Kupfertafel 1, 6), oder auch, wenn er von den Aussprüchen, welche auf die Bequemlichkeit ihr Absehen haben, handelt.100 Die Anordnung von Tür und Durchgang in der exakten Mitte der Fassade beziehungsweise des Grundrisses und die Forderung, beyderseits soll die Anzahl und ganze Gestalt der Fenster ein ander zu sagen, begründet er nicht nur damit, das dies die bequemste Art der Einrichtung sei, sondern sie gilt ihm wegen des so ausbalancierten Gewichtspunkts des gesamten Hauses auch als die stabilste.101 Wie selbstverständlich zieht Goldmann den standardisierten Hausentwurf ebenfalls heran, um die Aussprüche zu erläutern, welche ihr Absehen auf die Zierlichkeit hätten (Kupfertafel 7).Hier geht es ihm um die grundsätzlich angemessene Proportionierung des Gebäudekörpers und seiner inneren Aufteilung, aber auch darum, daß die inwendige linke Helffte, der rechten in allen zustimme.102 Die symmetrische Einteilung liegt also sowohl in der Stärke als auch in der Bequemlichkeit und der Schönheit des Hauses begründet. Gerade in diesem Stück, so hebt Goldmann hervor, preisen wir Palladii Erfindungen vor allen.

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Sturm behielt die Grunddisposition des Bürgerhauses in seiner auch sonst auf der Grundlage Goldmanns erarbeiteten und 1721 in Augsburg erschienenen Vollständigen Anweisung alle Arten von bürgerlichen Wohn-Häusern wohl anzugeben bei.

Abb. 11: Leonhard Christoph Sturm: Bürgerhausentwürfe, aus: Sturm 1721, Tab. 11 (Ausschnitt)

In verschiedenen Entwürfen veränderte er Goldmanns Haus und ordnete es variantenreich zu einer geschlossenen Blockrandbebauung und zu ganzen Häuserblöcken. In seiner geometrischen Regelmäßigkeit und Symmetrie wurde das von Goldmann und Sturm popularisierte Standardbürgerhaus einer der wichtigsten Bezugspunkte in der Architekturtheorie und Baupraxis des deutschsprachigen Raums im 18. Jahrhundert. Als Beispiel sei hier die fünfachsige Version eines bürgerlichen Wohnhauses abgebildet, die Paulus Decker in den dritten Teil seines um 1719/20 postum veröffentlichten Stichwerks Ausführliche Anleitung zur Civilbau-Kunst aufnahm.

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Abb. 12: Paulus Decker: Bürgerliches Wohnhaus 1719/20

Als Schüler Andreas Schlüters dürfte Decker in diesem Hausentwurf auch die im späten 17. Jahrhundert in Berlin verbreiteten Vorstellungen zu diesem Thema wiedergegeben haben. Noch Johann Friedrich Penther benutzt im ersten Teil seines BuchsAusführliche Anleitung zur Bürgerlichen Bau-Kunst im Jahre 1744 an mehreren Stellen diese standardisierte Bauform, um etwa das Entwickeln eines Aufrisses aus dem Grundriß oder auch um den Aufbau eines vorbildlichen Fachwerkhauses zu demonstrieren.

Abb. 13: Johann Gottrfried Penther: Anweisung zum Zeichnen eines Aufrisses, aus: Penther 1744, Tab. XIX.

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Die Gestaltungsprinzipien dieses formelhaften Bürgerhausentwurfs sah man jedoch nicht nur in der Architekturtheorie als allgemeingültig an. Man begegnet ihnen beispielsweise auch in einem der opulentesten und maßgeblichsten Werke der sogenannten Hausväterliteratur des 18. Jahrhunderts: Franciscus Philippus Florinus’ 1702 erstmals erschienenem mehrbändigen Werk Oeconomus Prudens Et Legalis. In den Kapiteln zum Bauen übernimmt Florinus nicht nur wörtlich große Textpassagen aus den Vollständigen Anweisungen Goldmanns, sondern er illustriert diese auch mit dessen ohne jede Änderung übernommenem Bürgerhausentwurf.

Der hier eingeführte Begriff ‚standardisiertes Bürgerhaus’ meint etwas anderes als die in den schriftlichen Quellen genannten Modellen oder Häußlein, Modelle, NormalbaurißeundNormal Anschläge oder die in der Forschungsliteratur zur Bezeichnung des Phänomens gebräuchlichen Begriffe „Modellhaus“ und „Typenhaus“.103 Er beschreibt vielmehr eine bauliche Form und ein einprägsames bildliches Motiv für eine mustergültige stadtbürgerliche Existenz. Wohl taucht das Motiv in den Normalbaurissen immer wieder auf und auch die etwa von Mielke für Potsdam rekonstruierten Typenhäuser sind im Grunde Variationen dieses Themas. Während ‚Typ’ und ‚Normal’ jedoch eindeutig praxisbezogenen Planungsmethoden und Kalkulationsverfahren entspringen, bezeichnet der erst im 19. Jahrhundert in die deutsche Sprache eingeführte Begriff ‚Standard’ „etwas Mustergültiges, als klassisch anerkanntes“.104 Er umfaßt „das systematische Ausarbeiten, Durchsetzen, Kontrollieren und Überarbeiten von Standards als verbindliche Vorschriften für Bestlösungen.“105 Mit den baulichen Prinzipien des standardisierten Bürgerhauses wurden hinsichtlich Feuersicherheit, Hygiene, Funktionalität und Rationalisierung des Entwurfs- und Bauvorgangs neue Standards im wörtlichen Sinne gesetzt. ‚Standard’ bezieht sich jedoch nicht nur auf die (Bau-)Technik, sondern auch auf die Wertevorstellungen der Gesellschaft. Für das Bürgerhaus folgt daraus, daß die Standardisierung nicht nur die bauliche Form betrifft, sondern auch die dieser Form angemessene und durch sie reglementierend angestrebte Lebensform.

Das standardisierte Bürgerhaus in den deutschen Planstädten

Eine Standardisierung der Bauaufgabe Bürgerhaus fand auch in Deutschland zuerst in den Planstädten des 17. und 18. Jahrhunderts statt. Die planmäßig angelegten oder erweiterten Residenzstädte und Städte für Religionsflüchtlinge (‘Hugenottenstädte’) waren für die Verbreitung des „neuen“, stark geometrisch regulierten Bürgerhauses seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts von zweifacher Bedeutung. In ihnen wurden zum einen die meisten Hausneubauten realisiert. Darüber hinaus entfalteten die neugebauten Wohnhäuser der Residenzen und fürstlichen Stadtgründungen eine starke Vorbildwirkung für das Baugeschehen in den Provinzialstädten. Das bürgerliche Bauen in den Planstädten wurde durch übergreifende gestalterische Vorgaben, vor allem durch die regulierte Einbindung in die geschlossene Blockrandbebauung maßgeblich geprägt. Dabei spielten Bauvorschriften und Modell- oder Musterhäuser eine besondere Rolle. In diese Musterhausentwürfe, die von im Dienst der Obrigkeit stehenden Architekten erarbeiteten wurden, flossen dann auch die Formen des standardisierten Bürgerhauses ein.

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Georg Andreas Böcklers Entwurf für die fürstliche Residenzstadt Onoltzbach von 1686 ist ein charakteristisches Beispiel für die Bedeutung von Musterhäusern im Kontext absolutistischer Planstädte. Als Herausgeber der 1698 erschienenen deutschen Palladio-Ausgabe Die Baumeisterin Pallas/Oder der in Deutschland erstandene Palladius hatte Böckler ohne Zweifel genauere Kenntnis der neuesten niederländischen und französischen, vor allem aber der italienischen Architekturtheorie. Wie die meisten Stadtgründungen und Stadterweiterungen dieser Zeit besitzt auch sein nicht in die Realität umgesetzter idealisierter Stadtentwurf einen hohen Grad an Regulierung und Standardisierung. Die drei exemplarischen Entwürfe für Kleinste Häußer, Mittelmasßige Häußer und Gröste Häußer auff dem Marckt, die den regulierten Charakter der Stadt maßgeblich bestimmt hätten, variieren das standardisierte Bürgerhaus lediglich in den Abmessungen. Wie die Untersuchung von Ursula Merkel zu den „Modellhausbauten in Karlsruhe“ gezeigt hat, konnte die so angestrebte Einheitlichkeit der Stadt allerdings selbst in Residenzstädten nicht immer vollständig umgesetzt werden.106 Es hing von der finanziellen und machtpolitischen Stellung des jeweiligen Stadtherrn, der Stringenz in der Durchsetzung der Vorschriften und von deren Akzeptanz bei den Bürgern ab, in welchem Maße Abweichungen von der Bauordnung das Stadtbild bestimmten oder nicht.

Die Erweiterung der preußischen Residenzstadt Berlin war eines der größten Stadtbauprojekte des ausgehenden 17. und frühen 18. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum. In großer Strenge und langanhaltender Prägekraft wurde hier das Prinzip des standardisierten Bürgerhauses angewandt und vielfach variiert. Über Normalbaurisse, das heißt zeichnerische Vorgaben für die Konstruktion und die Gestalt der Häuser, sowie über die Einbindung des Bauprozesses in einen strengen Kontrollmechanismus konnte man eine große Anzahl von musterhaften Bürgerhäusern errichten. Schon die ersten städtebaulichen Erweiterungen unter dem Großen Kurfürsten, Friedrichswerder und Dorotheenstadt, zeigen die Übernahme eines vorher im brandenburgischen Raum nicht bekannten Haustyps.107 Waltraut Volk führt das zumeist dreiachsige, mehrgeschossige „kleinbürgerliche Wohnhaus“ mit Stockwerkseigentum, das vor allem durch seine charakteristische Doppeltüranlage geprägt war, auf niederländische Vorbilder des frühen 17. Jahrhunderts zurück. Aus dieser bereits stark standardisierten Hausform seien durch Kombination zweier Häuser und Umwandlung des Stockwerkseigentums in kleine und größere Mietwohnungen die zumeist fünfachsigen Häuser des frühen 18. Jahrhunderts entwickelt worden.108 Laurenz Demps konstatiert in den Jahrzehnten um 1700 in Berlin zwei „Wellen“ des Häuserbaus. Um 1700 sei ein von Nering entworfener Typ in der Friedrichstadt gebaut worden, der ein bis zwei Geschosse hoch, fünf bis sieben Achsen breit, über eine symmetrisch angeordnete Durchfahrt erschlossen und zumeist nur von einer Familie bewohnt war. Während der Erweiterung der Friedrichstadt sei unter Philipp Gerlach ein fünf- zumeist aber siebenachsiger, zweigeschossiger Haustyp entwickelt worden, der von vornherein für mehrere Familien angelegt und mit abgeschlossenen Wohnungen und mehreren Küchen zur Vermietung eingerichtet gewesen sei.109 Ein Blick auf die Architekturtheorie des 16. und 17. Jahrhunderts zeigt, daß sich die gut ausgebildeten Architekten des Königs, die diesen Prozeß prägten, auf eine längere Tradition der Standardisierung der Bauaufgabe Bürgerhaus stützen konnten. Die dem generellen, streng rationalen und mathematisierten Planungsansatz und damit den gesellschaftspolitischen und städtebaulichen Vorstellungen entsprechenden standardisierten Hausformen, die in den Stadterweiterungen Berlins unter strenger Aufsicht gebaut wurden, reihen sich somit nahtlos in die von Spanien und Italien über die Niederlande bis Schweden nachweisbaren theoretischen Überlegungen und Realisierungsversuche von befestigten Lagern, Festungs- und Planstädten der Neuzeit ein.

Auch bei privaten Bauvorhaben in der Berliner Altstadt kam diese Bauform zur Anwendung. Der einflußreiche Berliner Baudirektor Martin Grünberg, der als Nachfolger Nerings ebenfalls Normalbaurisse für den Bau der Wohnhäuser in den Berliner Stadterweiterungen anfertigte und als Ingenieur und Inspecteur vor das Bauwesen in denen Städten der Chur- und Marck Brandenburg, so sein Titel mit dem Zusatz besonders in Betreff der Feuersgefahr auch für den provinzialstädtischen Wohnhausbau Maßstäbe setzte, hatte bereits 1689/90 das Haus Breite Straße 23 in Berlin errichtet.110 Zusammen mit einem weiteren Haus publizierte Jeremias Wolff den Entwurf noch 1730 als Kupferstich. Schließlich folgte auch das 1703 nach Grünbergs Entwurf errichtete Haus Märkisches Ufer 18 in Berlin den Prinzipien des standardisierten städtischen Wohnhauses.

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Während derartige Häuser in Berlin nur über ältere Abbildungen zu erschließen sind, prägen sie in Potsdam noch heute das Stadtbild. Wenn Friedrich Mielke die Grunddisposition des Potsdamer Bürgerhauses der Regierungszeit Friedrich Wilhelm I. als „Mittelflur oder Durchfahrt mit nahezu gleichwertigen Räumen links und rechts, dazu eine tragende Mittelwand“ beschreibt, so formuliert er damit die Eigenschaften des in den Jahren nach 1700 in Berlin aus den Vorgaben der Theorie entwickelten standardisierten Bürgerhauses.111 In Grund- und Aufriß sollten diese Häuser für das gesamte 18. Jahrhundert in der Mark Brandenburg beispielgebend bleiben.

Exkurs: Der modernisierte Fachwerkbau und seine „mathematische Schönheit“

Beim Wiederaufbau Templins entschied man sich, die Wohnhäuser als Fachwerkbauten zu errichten. Da sich die bisher untersuchten Schriften mit dem massiven Hausbau beschäftigten, ist es von besonderem Interesse zu sehen, daß im Fachwerkbau um 1700 dieselben auf mathematischen Grundlagen basierenden Prinzipien bestimmend wurden, die den Städtebau und den Bau massiver Häuser in dieser Zeit prägten. Seit Anfang des 18. Jahrhunderts zeigten sich im Fachwerkbau einiger Regionen Deutschlands neuen Gestaltungstendenzen, die von der Forschung bisher zumeist als Verarmung und Niedergang beschrieben wurden.112 Unbestreitbar gewann in diesen Jahrzehnten der Einfluß der vom Massivbau abgeleiteten gestalterischen Leitbilder auf den traditionellen Fachwerkbau an Bedeutung. Diese Bezugnahme ist jedoch mit dem Hinweis, das Fachwerk werde auf seine rein konstruktiven Aufgaben reduziert und diene fortan lediglich als Putzträger, keineswegs hinreichend beschrieben. Die Modernisierung des Fachwerkbaus ist sowohl hinsichtlich der darin angewandten Methoden als auch der Intention weitaus komplexer. Bei einem Blick auf die zeitgenössische Architekturtheorie überraschen Anzahl und Umfang der in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts in Deutschland publizierten Schriften, die sich dem Fachwerk widmen. Bedeutende Theoretiker wie Johann Wilhelm113, Leonhard Christoph Sturm, Johann Vogel, Jost Heimburger114, Johann Jacob Schübler oder Johann Friedrich Penther115 setzten sich in ihren viel gelesenen Abhandlungen intensiv mit dem Fachwerkbau auseinander.

Bereits in einer Anmerkung von dem Zimmerwerck, die Sturm seiner 1699 erschienenen Daviler-Übersetzung hinzufügt, betrachtet dieser den Fachwerkbau vor allem mit dem Ziel, die vornehmsten Fehler, die dabey vorgehen, zu bekämpfen.116 Sturm kritisiert die traditionelle Bauweise, die Geschosse obenauff immer zu erweitern, und eines über das andere hinaus zu bauen, da solche Gebäude erstens, wie die tägliche Erfahrung lehret, kaum hundert Jahr, ja dies nicht wohl zu stehen vermögen und da sie zweitens eine Mißgestalt (...) in einer Stadt verursachen. Neben der Feuersicherheit werden zudem bautechnische und statische Probleme angesprochen. Zu beachten bleibt aber vor allem, daß Sturm zur Beurteilung des Fachwerkbaus nicht nur Maßstäbe der Dauerhaftigkeit, sondern auch solche der Schönheit wie selbstverständlich heranzieht. Dies wird an einer anderen Stelle noch deutlicher. Zur Menage sowohl als zur Schönheit des Hauses und zu mehrerer Stärcke schlägt er eine Abstufung der Holzstärken vor.117 Die Ständer sind dabei als tragende Elemente die kräftigsten Stücke. Sie sollen leicht aus der Wand hervorstehen, um allerhand Zierlichkeit direkt in diese schneiden zu können, und solcheZierrathen nicht annageln zu müssen. Auch wenn Sturm an anderer Stelle beschreibt, welche Vorteile das Verkleiden und Bewerffen höltzerner Wände hat, gesteht er dem Fachwerk grundsätzlich zu, in gewissen Grenzen schön und zierlich sein zu können.

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Während Sturms Lehrtätigkeit als Mathematikprofessor an der Universität in Frankfurt (Oder) entsteht 1707 eine Schrift über den Kurtzen Begriff der gesambten Mathesis. Sturm spricht in der darin enthaltenen Abhandlung zur Zivilbaukunst von der Zierlichkeit und antwortet auf die fiktive Frage, ob man den wahren Grund der Zierlichkeit der Gebäudedenn nicht kenne:

Ich aber scheue mich gar nicht zu sagen, daß wenn man wegen der Stärcke und Bequemlichkeit so gute und gewisse Principia hätte, als bey der Schönheit, die Architektur unter die besten Mathematischen Wissenschaften mit zu zehlen wäre.118

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Die Baukunst erscheint hier als Teil einer von mathematischen Grundsätzen bestimmten Welt. Die aus dieser Maxime abzuleitenden gestalterischen Konsequenzen für den Fachwerkbau mußten im Rahmen der mathematischen Methode den Ansprüchen von Berechenbarkeit, Ordnung und Exaktheit genügen. In einer etwas später erschienenen Schrift bezieht Sturm diese rationale Durchdringung beziehungsweise Aufbereitung des Themas explizit auch auf den Fachwerkbau. In seiner 1718 erstmals publizierten Kurze(n) Vorstellung der gantzen Civil-Bau-Kunst betont er zunächst, daß das Zimmer-Handwerck [...] in seiner Vollkommenheit eine sehr künstliche Professionsei.119Danach beginnt er, die verschiedenen Fachbegriffe anhand zweier Kupferstiche zu erläutern.

Abb. 14: Leonhard Christoph Sturm: Ein nach alter Teutscher Art und ein nach neuerer Art gezimmertes Haus, aus: Sturm 1745, Tab. 10

Zu Fig. 2 (B), bemerkt er, dies sei ein nach alter Teutscher Art gezimmertes Haus. Zu Fig. 3 (A) heißt es entsprechend, dies sei ein nach neuerer Art gezimmertes Haus.120 Die altertümliche Fachwerkfassade ist als vertikal, das heißt giebelständig charakterisiert, die moderne hingegen als breit gelagert, waagerecht und traufständig. Beide Fassaden sind symmetrisch aufgebaut. Während es aber an der veralteten noch die von Sturm bereits 1699 kritisierten vorkragenden Obergeschosse gibt, finden sich diese an der modernen nicht. Neben der Proportionierung der Gesamtfassade sind Zahl und Form der Schmuckelemente die wesentlichsten Unterscheidungsmerkmale. Findet man an der Fassade ‚nach alter Art’ eine große Zahl von sich kreuzenden und rhombenförmig angeordneten Streben, so sucht man diese an der modernen vergeblich. Die vier eingezeichneten Streben, Sturm nennt sie Bänder, sind deutlich als nicht sichtbar dargestellt. Auch der erläuternde Text geht auf den so gravierenden Unterschied in der Verwendung dieser Bänder ein:

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Bänder sind schrägs stehende Höltzer, welche eingebunden werden, wo am ersten Sorge ist, daß das Zimmerwerck ausweichen möge. Die Alten haben sie gern Creutz-weiß und noch darzu mit großer Mühe krumm ausgearbeitet.121

Die funktionelle Notwendigkeit der Streben ist für Sturm der wesentliche Aspekt. Die Verwendung zur Verzierung der Fassade hingegen stellt er als sehr mühevoll, traditionell und veraltet dar. Die Ständer der alten Fassade stehen in strenger Abfolge und lassen eine Rhythmisierung der Fläche durch die Lage der Fenster nicht zu. Ganz anders an der neuen Fassade. Auch hier sind die Ständer in Erd- und Obergeschoß einander senkrecht zugeordnet; selbst die Köpfe der Deckenbalken folgen dieser nach den Fensterachsen ausgerichteten vertikalen Ordnung. Indem aber die Fensterachsen "gekoppelt" oder isoliert werden, entstehen unterschiedliche Abstände der Ständer, womit Sturm hier eine zurückhaltende Rhythmisierung der Wandfläche erreicht. Nicht nur die Mittelachse mit dem Eingang, sondern auch die beiden seitlichen Fensterachsen werden durch die Größe der sie umgebenden Wandflächen betont und risalitartig hervorgehoben. Regelmäßigkeit, Symmetrie, breite Lagerung und Rhythmisierung prägen die Fachwerkfassade des modernen Hauses. Mit dieser Gegenüberstellung gelingt Sturm die prägnanteste bildliche Umsetzung der zeitgenössischen Forderungen an den modernen Fachwerkbau. Deutlich wie kein anderer Theoretiker seiner Zeit stellt er die alte, traditionelle der neuen, modernen Fachwerkkunst gegenüber.

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Fachwerkhäuser, die in der von Sturm dargestellten neueren Art gezimmert sind, präsentiert auch Johann Vogel in seinem 1708 in Hamburg veröffentlichen Buch Die moderne Baukunst. Die bis nach 1800 immer wieder aufgelegte Schrift122 ist hier von besonderem Interesse, weil sie in hohem Maße von den baulichen Gepflogenheiten und architektonischen Vorstellungen geprägt ist, die um 1700 in Berlin und der Mark Brandenburg aktuell waren. In seiner Vorrede hebt Vogel diese Verbindung ausdrücklich hervor:

nechstdem aber bin ich dem vortrefflichen und berühmten Königl. Preußischen Architecto, Land und Ober-Bau-Director, Hern Martin von Grünenberg seel. höchstens verbunden, dessen Andencken auch Lebenslang veneriren werde, daß durch dessen recht gütige und väterliche Anleitung zu rechter Ausübung gelangen können, indem einige Jahre unter dessen Direction kostbare und vortreffliche Gebäude aufführen helfen und in obliegenden Geschäfften mit Hand angelegt, daraus endlich solches Werck gezeuget und zum Stande gebracht worden.123

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Indem er solchermaßen auf die Quelle verweist, zeigt Vogel die Herkunft oder zumindest den Entstehungszusammenhang seines Werkes an, dessen Inhalt damit ohne Zweifel auch als Illustration des von Berliner Baumeistern geprägten Bauwesens der Jahrzehnte um 1700 gesehen werden kann.

Auf Tab. XVIII zeigt Vogel ein zweigeschossiges siebenachsiges Rathaus. Durch die Verzierung der Eingangstür erscheint die Fassade deutlich als Fläche gekennzeichnet, die nicht zu verputzen, sondern höchstens einheitlich zu tünchen oder zu schlemmen ist, womit dem Fachwerk auch eine gestalterische Aufgabe zugewiesen wird. Breit gelagert, mit exakter Symmetrie, konsequenter Axialität der Fenster- beziehungsweise Ständeranordnung und dem vollständigen Verzicht auf schräg verlaufende Elemente präsentiert diese Fachwerkfassade ihre Modernität. Die Rhythmisierung durch unterschiedliche Ständerabstände reduziert sich auf eine ganz leichte Isolierung der Mittelachse und eine deutliche Betonung der Gebäudekanten. Die mehrfache Profilierung von Haupt- und Zwischengesims ist durch Abstufungen der Balken oder aufgenagelte, profilierte Bretter oder Bohlen erreicht. Neben dem obligatorischen Türmchen, der Freitreppe und dem Erker besteht der Schmuck dieser Fachwerkfassade vor allem in ihrer strengen symmetrischen Ordnung und ihrer zurückhaltenden Rhythmisierung. Dies scheint selbst für die doch eigentlich gehobene Bauaufgabe genügt zu haben. Es war offensichtlich hinreichend modern. Tab. XXIII zeigt in derselben Formensprache ein Bürgerliches Gebäude von Holtz.

Abb. 15: Johann Vogel: Bürgerliches Gebäude von Holtz, aus: Vogel 1726, Tab. 23

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Deutlicher als an der Rathausfassade ist die Mittelachse durch zusätzliche Ständer und Gefache separiert und damit risalitartig hervorgehoben. Auch hier beherrschen sich rechtwinklig kreuzende Hölzer und rechteckige Gefache das regelmäßige Bild. Auffallend ist wieder die starke Betonung des Zwischengesimses durch breite, wulstige Schwell-, Rähm- und Füllhölzer, wie sie in der Kurmark Brandenburg an Häusern, die um 1700 errichtet wurden, häufig anzutreffen ist. Auch an Vogels Wohnhaus besteht der Schmuck neben den Gesimsen und der Rahmung der niedrigen Tür in strenger Ordnung und zurückhaltender Rhythmisierung.

Ausführlich hat sich auch der Nürnberger Mathematiker Johann Jacob Schübler mit dem Fachwerkbau beschäftigt. Zwei seiner Schriften sind zum tieferen Verständnis der neuen Fachwerkformen besonders aufschlussreich, darunter zunächst die Nützliche Anweisung zur unentbehrlichen Zimmermanns-Kunst, die Balthasar Neumann gewidmet ist. Das erfolgreiche Buch erschien erstmals 1731 in Nürnberg. In einer umfangreichen Vorrede beschwört Schübler zunächst die Theoriewürdigkeit der Zimmermannskunst. Dabei fehlt weder der Verweis auf die Bibel noch die Beschwörung der Autorität antiker Baukunst.124 Besonders der Rückgriff auf berühmte antike und neuzeitliche Wissenschaftler und Baukünstler zeigt eine markante Zuspitzung auf das vernünfftige Verfahren in dieser Kunst und auf die Beiträge der herrlichsten Mathematicis sowie der Ingenieurs, Gelehrten, Mechanicis und Werckmeister, welche die Ars Tignaria zu einer Bau-Kunst mit Regeln und damit zu einer unentbehrlichen Wissenschafftgemacht hätten.125 Schon in dieser Einleitung wird die eigentliche Faszination des Fachwerkbaus für die Mathematiker des frühen 18. Jahrhunderts deutlich: Man betrachtete den Fachwerkbau in erster Linie als eine regelmäßige, der Vernunft verpflichtete Kunst, man rühmte das ihm innewohnende vernünftige Verfahren. Mithin begeisterte am Fachwerkbau die Möglichkeit zu anschaulicher Rationalität.

Schübler folgt dieser Prämisse konsequent. Als einer der ersten Theoretiker wendet die Regeln der Vernunfft, das heißt das mathematische Verfahren, auf die exakte Berechnung von Tragen, Lasten und Schieben in der Fachwerkkonstruktion an. Nebenher polemisiert er aber wie Sturm und Vogel gegen die traditionelle Fachwerkkunst. In Bezug auf die Dachkonstruktion, der sein besonderes Interesse gilt, betont er, es sei aus der Erfahrung zur Genüge bekannt, daß bey verschiedenen Dächern wenig oder gar keine Proportion und also keine mathematische Schönheit dem Bau-Meister daraus zuwachsen kann.126 Den Grund für diesen Übelstand, der bei denen, die von der Sache wie sie seyn soll recht künstlich und bündig zu urtheilen wissen, ohnfehlbar das Auge choquiren muss, sieht Schübler im Hazard, imNational-Gousto, in deneingerissenen Maximenundin dem noch reichlich vorhandenen Holz. Dies alles zusammen genommen lasse keine Spuren guter Erkenntnus der Verhältnus-nöthigen Stärke zu.127 Deutlich folgt Schübler in diesem Kontext rationalen Erwägungen, wenn er feststellt, daß viel Holz im Fachwerk keineswegs die gute Erkenntnis des möglichen und wahren Schönen zeige, sondern vielmehr nur den Überfluß an Baumaterial zu Schau stelle.128 Die höchste Wahrscheinlichkeit von der Schönheit könne man dagegen allein durch die mathematische Methode erreichen. Traditionelles Fachwerk, so ließe sich Schüblers Ansicht zusammenfassen, ist die hausgewordene Unvernunft und damit per se unförmig und häßlich; Fachwerk, das auf der Grundlage der rationalen mathematischen Methode entwickelt wird, ist hingegen fast zwangsläufig schön, es besitzt mathematische Schönheit.

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Schüblers 1736 in Nürnberg erschienene Sciagraphia Artis Tignariaeführt diese Gedanken fort. Im 8. Kapitel erläutert er in mathematisch-geometrischen Operationen ausführlich die

General-Vorstellung, wie durch eine geometrische Aufreisung gewisser Winckel, jedesmal könne das Vermögen eines Schieb- Creutz- oder Trag- Bieges gefunden, und die Länge der gegen einander proportionirten Höltzer ausgedrücket, und auf mechanische Weise der Beweiß der tragenden und schiebenden Krafft, durch ein kleines höltzernes Modell, jedesmal vor Augen gestellet werden(...).129

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Diese umständliche Operation sei letztlich nötig, wenn man bey einem Gebäude das benöthigte Holtz-Werck nicht überflüssig häuffen, sondern jedes nach seinem beywürckenden Nutzen zu Unterstützung der Haupt-Last verknüpffen will.130 Nach der modernen zeitgenössischen Theorie – so stellt sich Schüblers Berechnungsexempel dar – benötigt das sachgemäße Einmessen der schrägen Streben sehr viel Geschick, Fachkenntnis und Zeit. Beides, Wissen und Zeit, ist durch ein einfaches, rational organisiertes Fachwerk ebenso einzusparen wie das wertvolle Bauholz. Der mathematisch errechnete und daher sparsame Einsatz von Holz muß in dieser Logik unweigerlich zu einem ästhetisch ansprechenden Ergebnis führen, zu einer mathematischen Schönheit, welche der traditionellen verschroben-vielteiligen Schönheit des nach alter Teutscher Art gezimmerten Hauses vorzuziehen sei.

Der Fachwerkbau führt, dies mögen die Beispiele gezeigt haben, in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der deutschen Architekturtheorie keineswegs ein Schattendasein. Sturm und Schübler verdeutlichen, daß ästhetische Überlegungen dabei nicht weniger im Mittelpunkt ausgreifender theoretischer Betrachtungen standen als konstruktive und baupraktische Belange. Sturms Gegenüberstellung von altem und neuem Fachwerkbau enthält einen wichtigen Hinweis darauf, daß die hier skizzierte Entwicklung nicht als Übernahme von gestalterischen Normen des Massivbaus verstanden und dementsprechend als Niedergang der Fachwerkbaukunst gewertet werden kann: Sein nach alter Teutscher Art gezimmertes Haus trägt ein hohes, im Verständnis der Zeit ‚holzfressendes’ Dach, welches auf einem schlichten, doppelt stehenden Stuhl ruht. Auf dem nach neuerer Art gezimmerten Haus sitzt dagegen ein flacheres, recht eigenartig anmutendes Dach. Es steht nicht, wie bei einem traufständigen Haus zu vermuten, mit dem Dachfirst parallel zur Fassade. Auch weist der hier dargestellte liegende Dachstuhl einige Eigenheiten auf. Sturm schreibt, dieses Dach sei so eingerichtet, daß es dem Gespärre, das Vitruv im 2. Kapitel seines 4. Buches beschreibe, am nähestenkomme.131 Vitruvs Kapitel, nach dem Sturm das Dachwerk rekonstruiert, ist im Hinblick auf den regelkonformen, neuen Fachwerkbau generell von großer Bedeutung. Darin wird die Entstehung des Säulenschmucks beschrieben und der zimmermannsmäßige Holzbau als Ursprung der Säulenordnungen benannt.132 Sturm setzt sein innovatives ‚vitruvianisches Dach’ auf ein Fachwerkgerüst, dessen Modernität sich in Regelmäßigkeit und Symmetrie ebenso wie in wohldurchdachter Proportionierung und Rhythmisierung der Wandfläche zeigt. Diese Eigenschaften sind aus dem Regelkanon der Säulenordnungen abgeleitet. Mit der Wahl der Dachkonstruktion und dem ausdrücklichen Verweis auf die überaus prominente Vitruvstelle unterstreicht Sturm die Orientierung des modernen Fachwerkbaus an der Autorität Vitruvs und damit an den Normen der Säulenordnungen. Er bindet den modernen, regelmäßigen Fachwerkbau an allgemeingültige Normen, nicht indem er ihn auf den zeitgenössischen Steinbau, sondern direkt auf die Wurzeln aller Baukunst zurückführt. Damit besitzt diese Bauart eine eigenständige Tradition, die, wie auch Schübler andeutet, direkt mit den Anfängen aller Baukunst und dem hölzernen Ursprung der Säulenordnungen verbunden ist. Das nach neuerer Art gezimmerte Haus erscheint so als Modernisierung und streng regulierte Neuordnung der verwahrlosten Fachwerkbaukunst auf der Grundlage der schon in der antiken Baukunst vorgegebenen, mathematisch begründeten Grundregeln der Architektur.

Im Umfeld des seit dem 16. Jahrhundert auf der Grundlage der Beschäftigung mit der antiken Theorie und der Einbindung in mathematisch-geometrische Systeme aufblühenden Militärbauwesens hatte sich die Vorstellung von einem mustergültigen Wohnhaus entwickelt. Die Feldlager und Garnisonsstädte stellten, sei es nun in den theoretischen Schriften und Entwürfen zur castrametatio und zu mustergültigen Stadtanlagen, oder in der Praxis etwa der Geusenkriege, zuerst jene Anforderungen an die Organisation und bauliche Gestaltung des Lager- beziehungsweise Stadtlebens, die wenig später zu allgemeinen Prämissen des Städtebaus und darin eingebettet des Hausbaus werden sollten. Die Berücksichtigung der Feuerwaffen führte zu einer Proportionierung in die Breite und zu einer Reduzierung der Gebäudehöhe; Feuersicherheit und Hygiene verlangten Massivbau, Traufständigkeit, Breite der Straßen, Auflockerung und Regulierung des Blockinneren sowie Licht und Luft in den Wohnräumen; die streng regulierte Übersichtlichkeit und eindeutige Begrenzung der einzelnen baulichen Komponenten führten zu einer gesteigerten Regularität des Parzellenzuschnitts und der Häuser sowie zur Nummerierung jeder Parzelle und jedes Hauses; Hierarchisierung und Nivellierung der soldatischen oder städtischen Gesellschaft hatte eine Abstufung von großen Häusern im Zentrum, mittelgroßen im zentrumsnahen Bereich und kleinen an der Peripherie, geschlossene Blockkanten sowie die Regulierung der Fassadengestaltung, Traufhöhe und Dachneigung zur Folge. Das Fortifikationswesen beeinflußte mit seiner auf streng mathematischen Prinzipien beruhenden Vermessungskunst den bald auch bei Stadtgrundrissen, Parzellen und Bürgerhäusern hochgradig rationalisierten Entwurfsvorgang. Der rechte Winkel erlangte dabei als einfachstes Mittel zur regulären Abgrenzung von Flächen besondere Bedeutung. In den niederländischen, vor allem aber in den deutschen architekturtheoretischen Schriften des 17. und frühen 18. Jahrhunderts wurden diese Ideen dann in dem Bild des standardisierten Bürgerhauses fokussiert und um 1700 sogar mit hohem Anspruch auch auf den Fachwerkbau übertragen.

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Die Standardisierung einzelner Planungselemente wie der Unterkunft beziehungsweise des Wohnhauses diente im Feldlager wie in der Planstadt des 17. und 18. Jahrhunderts dazu, Planung und Durchführung berechenbar zu machen und zu beschleunigen. Darüber hinaus wurde die im Militärwesen zuerst erprobten Ordnungsprinzipien dazu genutzt, die reale Lebenswelt nach rationalen Mustern zu ordnen. Die größtmögliche Einheitlichkeit des Erscheinungsbilds der Stadt, die sich am effektivsten durch eine einfache Gestaltung der Häuser und ihrer Fassaden erreichen ließ, war demnach mehr als ein Stilprinzip des absolutistischen Städtebaus.133 Die im streng rationalen, mathematisierten Entwurfs- und Planungsverfahren und in dessen Relevanz für soziale Ordnungsvorstellungen begründete Verwandtschaft des standardisierten städtischen Wohnhauses mit den streng hierarchisierten Unterkunftsgebäuden der Festungsstädte und Feldlager zeigt vielmehr, wie grundlegend jener Modernisierungsschub, der im 16. Jahrhundert im Spannungsverhältnis von Kanone und Festung seinen Ausgang genommen hatte, die Zivilbaukunst der folgenden 200 Jahre prägte.

Das provinzialstädtische Bürgerhaus im Wiederaufbau Templins 1735-1750.

Die bauliche Beschaffenheit Templins vor dem Brand

In der Nachricht von der in der Uckermarck belegenen immediat-Stadt Templin, dievon Bürgermeister und Rathmannen der Stadt Templin 1743 als Zuarbeit für die Topographia von Johann Christian Bekmann verfaßt wurde, heißt es:

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Die Stadt hat vor Alters aus 300 Bürger-Stellen bestanden, und ist dabey verordnet gewesen, daß selbige weder von binnen noch buthen vergroßert werden solle, daher es dann geschehen, daß keine Häuser vor den Thoren erbauet werden dürffen, weshalb bey dieser Stadt gar keine Vorstädte zu befinden.134

Das städtebauliche Bild des alten Templin ist heute nur noch anhand eines Stadtplans von Christoph Dietrich Wanckenheim und einer Ansichten von Daniel Petzold zu rekonstruieren.135 Der 1725 zusammen mit einem Kataster angefertigte Special Plan von Wanckenheim zeigt noch das Bild der mittelalterlichen Stadtgründung.136

Abb. 16: Christoph Dietrich Wanckenheim: Spezialplan von der uckermärkischen Immediatstadt Templin, 1725

(schematische Umzeichnung, C. Baier)

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Vor allem um den Markt ist der für die ostelbischen Gründungen der Mitte des 13. Jahrhunderts typische Rasterplan erkennbar. Von den drei Toren führten die drei Hauptstraßen (Prenzlauer-, Mühlen- und Königstraße) zum Marktplatz, dem Zentrum der Stadt. Der durch kleine Quartiere in zwei Bereiche geteilte Markt war so zwischen diese drei Hauptstraßen gelegt, daß keine Straße direkt ein Tor mit dem anderen verband. Auch die breite Schulzenstraße war von herausgehobener Bedeutung. Zum einen wohnten hier so wichtige Bürger wie der königliche Zisemeister, der Chirurgus und der Müller, zum anderen lief die Straße, sich stark verjüngend, direkt auf den Markt, genau auf eine Schauseite des Rathauses zu. Variantenreich war die Gestaltung der Zugänge zum Markt. Vom Prenzlauer Tor aus scheint die Schulzenstraße zunächst auf einen besonderen Vorsprung (Erker) am Haus des wohlhabenden Senators und Handelsmannes Johann Schmidt zugelaufen zu sein, ehe sie in scharfer Rechtskurve auf den Markt führte. Außer der Königstraße führten alle Straßen und Gassen so auf den Marktplatz, daß spätestens die gegenüberliegende Platzkante den Blick begrenzte. Der zweite städtebauliche Schwerpunkt lag um die Maria-Magdalena-Kirche. An dem kleinen, schmalen Kirchplatz, auf dem sich der Friedhof befand, waren die kirchlichen Institutionen Küsterey, Diakonat, Inspectoratund die Schuhleversammelt. Ein weiterer, allerdings deutlich untergeordneter Schwerpunkt des kirchlichen Lebens lag in der Königstraße. Hier standen nahe dem Berliner Tor das Hospital St. Georg und die Georgskapelle. Neben dem Marktplatz und dem Friedhofsgelände um die Kirche gab es an der Stadtmauer eine Reihe von unbebauten beziehungsweise landwirtschaftlich (als Garten) genutzten Flächen. In diesem Bereich befanden sich auch fast alle im Kataster von 1725 erwähnten wüsten Stellen.

Es gab eine deutlich ausgebildete Hierarchie der Straßen. Während einige größere Straßen wie Mühlenstraße, Königstraße-Hoher Steinweg, Schulzenstraße oder Fischerstraße über weite Strecken durchliefen, stießen die kleineren Straßen und Gassen an Kreuzungen immer auf die gegenüber liegende Straßenfront (z. B. Mittelstraße, Probsteistraße). Weiter sei auf die nicht geringe Zahl der sehr schmalen Gassen hingewiesen. Eine gewisse Sonderstellung nahmen Vogel-Gesang und Grünstraße ein, welche in ihrem krummen Verlauf gut einem Drittel der Stadtmauer folgten. Die Quartiere waren, beginnend mit dem zwischen Probstei-, Mühlenstraße und Hoher Steinweg von I bis XXII ohne erkennbare hierarchische Ordnung durchnummeriert. Das Stadtgebiet war geviertelt, d. h. es gab das Mühlen Viertel, das Prentzlowsche Viertel, das Berlinische Viertel und das Lichensche Viertel.137 Die Parzellen waren grundsätzlich in rechteckigen Quartieren zusammengefaßt. Die immer nur auf geringe Distanz parallel verlaufenden Straßen ergaben jedoch kein streng geordnetes Raster. Die Grundstücke der Bürger, die in Größe, Form und Breite an der Straße stark schwankten, erstreckten sich längsrechteckig ins Blockinnere. Die Parzellen wurden im Kataster in drei Gruppen geteilt: Braustellen, Bürgerstellen und Budenstellen. Einzig vor dem Prenzlauer Tor ist ein Scheunenviertel verzeichnet. Die Gebiete vor dem Mühlen- und dem Berliner Tor, wo derartige Viertel ebenso zu vermuten sind, wurden auf dem Plan nicht verzeichnet. Zahlreiche Scheunen standen aber noch innerhalb der Stadt, direkt neben oder hinter den Wohnhäusern.

Die dichte Bebauung auf vielgestaltigen Parzellen, schmale, verwinkelte Straßen und Gassen, der durch Bebauung geteilte und verkleinerte Marktplatz sowie die Leere entlang der Stadtmauer bestimmten das städtebauliche Bild der Stadt. Typisch für die von der mittelalterlichen Gründungsphase bestimmte Gestalt war auch der ovale Mauerring. Diese beeindruckende, aus der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts stammende Feldsteinmauer prägte die Stadt nicht nur nach innen, sie beherrschte vor allem ihre Außenwirkung.

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Dies wird auf der Ansicht von Templin deutlich, die Daniel Petzold um 1710 schuf. Da auch hier die Wiedergabe der Bürgerhäuser einer gewissen Schematisierung unterliegt, muß sie mit den gleichzeitig entstandenen Ansichten von Prenzlau und Lychen verglichen werden. In allen drei uckermärkischen Städten sind giebelständige Häuser auszumachen. Die Giebel folgen einer einheitlichen Darstellungsweise: Das Giebeldreieck ist mit einer einfachen geometrischen Figur versehen, die sowohl den Fachwerkcharakter generell als auch die künstlerische Gestaltung andeuten soll. Auf der Ansicht Lychens erkennt man zudem Kopfbänder, welche im Obergeschoß um Giebel und Traufseite herumlaufen. In der Ansicht von Templin sind solche Kopfbänder, zusammen mit Fußbändern, nur an dem vor dem Mühlentor gelegenen Mühlengebäude sichtbar. Im Vergleich zu Prenzlau, wo von den Toren ausgehend Reihen von traufständigen Häusern dem Verlauf der Straßen folgen, zeigt das Templiner Stadtbild deutlich mehr giebelständige Häuser. Fast alle Dächer sind sehr steil und hoch. Die Mehrzahl der Häuser scheint nach dieser Ansicht ein- oder zweigeschossig gewesen zu sein, nur wenige Dächer überragen die anderen. Aber es gibt solche mehrgeschossigen Häuser, besonders zwischen Kirche und Rathaus. Rechts des Mühlentors, wo mit Sicherheit die Mühlenstraße verlief, zeigen zwei Häuser den Giebel zur Straße. Ebenso erkennt man links des Mühlentors eine Gruppe von drei gleich hohen spitzen Giebeln, die in dieser Form nur von drei nebeneinander stehenden Giebelhäusern stammen können. Der auffallende Unterschied zu Prenzlau verleiht der Darstellung eine gewisse Glaubwürdigkeit.

Petzolds Ansicht zeigt Templin in dem Zustand, der nach dem letzten großen Brand, der die Stadt zu Beginn des 30jährigen Krieges verwüstet hatte, entstanden war. In der Folge dieses Krieges, der auch Templin fürchterlich heimgesucht hatte, gab es 1628 es nur noch 156 Bürger in 161 Häusern, 1645 dann gar nur noch 30 Bürgerfamilien.138 Wie in zahlreichen Städten der Mark Brandenburg dürfte demnach ein großer Teil der 1735 abgebrannten Wohnhäuser aus der Zeit um beziehungsweise nach 1650 gestammt haben. Eine ganze Reihe von Hausstellen wurde wohl auch erst am Ende des 17. Jahrhunderts wieder bebaut. Einige sehr allgemeine Angaben über das Bild des Templiner Hauses vor 1735 lassen sich auch aus den Zahlen erschließen, welche Friedrich Wilhelm August Bratring in seiner Statistisch-topographischen Beschreibung anführt. Danach gab es 1730 kein einziges massives Haus in der Stadt, das heißt alle Häuser bestanden aus Fachwerk. Von den insgesamt 267 Häusern war über die Hälfte mit Ziegeln, der Rest noch mit Stroh gedeckt. Außerdem gab es 108 Scheunen und 33 wüste Stellen.139 Weiteren statistischen Angaben ist zu entnehmen, daß es 1733 dann wieder 271 Häuser in Templin gab, von denen 182 mit Ziegeln und 89 mit Stroh oder Schindeln gedeckt waren. Außerdem sind in diesem Jahr 29 wüste Stellen nachweisbar und es gab immerhin drei neugebaute und drei reparierte Häuser.140

Der 1672 verstorbene Pfarrer Sühring schildert in seiner handschriftlichen Chronik Prenzlaus die Häuser dieser benachbarten Stadt wie folgt:

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Die Häuser selbst waren genau wie die Bauernhäuser Lehmfachwerkbauten, die zumeist mit Stroh oder Holzschindeln gedeckt waren, und standen mit dem Giebel zur Straße. Die Gehöfte der Ackerbürger waren ganz in fränkischer Art aufgeführt, das will sagen, sie hatten den Hof zur Seite, der hinten von der Scheune und seitwärts von einem Stall eingeschlossen war.141

Ein ganz ähnliches, zu seiner Zeit noch vorhandenes älteres Haus beschreibt der Templiner Stadtchronist Hans Philipp 1925.142 Das giebelständige, aber traufseitig erschlossene Haus stand so auf der Parzelle, daß daneben Raum für eine Durchfahrt zum Hof war. Dieser Haustyp dürfte zu Beginn des 18. Jahrhunderts im Templiner Hausbestand jedoch schon eine Ausnahme gewesen sein. Die nach dem Brand von 1618 wieder aufgebauten Häuser waren, auch wenn sie den oben beschriebenen Haus- und Parzellentypus im Kern weiter beibehielten, zu einem großen Teil traufständig.

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Wie in den meisten brandenburgischen Städten standen aber auch diese traufständigen Häuser nicht direkt Giebel an Giebel. Vielmehr gab es zwischen den Häusern nicht überbaute Gänge, sogenannte Bauwiche.143 Erhalten ist eine derartige Situation beispielsweise noch in einigen Straßenzügen von Angermünde. Um 1720 gab es dort fast neben jedem Haus einen Bauwich.144 Auch zwischen den Häusern in Templin gab es deutlich ausgebildete, nicht überbaute Gänge. Diese Gänge können jedoch nicht in allen Fällen als Durchfahrt zum Hof gedient haben. Dafür gab es die von Blankenburg benannten Auffahrten.

In Bezug auf die Geschoßzahl muß von einem sehr uneinheitlichen Bild ausgegangen werden. Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Templiner Bürger lassen die Vermutung zu, daß selbst in den Hauptstraßen nicht wenige Häuser nur eingeschossig waren. Einen wichtigen Hinweis gibt ein Schreiben des Steuerrats Wittichs an den Templiner Magistrat vom Oktober 1732. Darin fordert er, daß(...) die Luken in denen Häusern absolute abgeschaffet, und statt derselben Fenster eingesetzet werden müssen (...).145 Einer Randnotiz ist zu entnehmen, daß damit die Abschaffung der Lucken in den obersten Etagengemeint ist. Viele Häuser besaßen demnach besonders in den oberen Etagen nur kleine, glaslose Luken. Diese Lucken meinten wohl ebenso die Wandöffnungen der Obergeschosse bei Giebelhäusern wie auch die Obergeschoßfenster der zweigeschossigen traufständigen Häuser.

Die Templiner Häuser vor dem Brand waren also, dies läßt sich aus den schriftlichen und bildlichen Quellen schließen, zumeist ein- oder zwei-, selten dreigeschossige Fachwerkbauten, die trauf- oder giebelständig so auf einer Parzelle standen, daß neben ihnen Raum für einen Gang und/oder eine Durchfahrt blieb. Fachwerk mit Lehmstaakenausfachung, Ziegel- wie auch Strohdächer und kleine Luken in den Obergeschossen prägten weiterhin die äußere Erscheinung. Konkretisieren läßt sich dieses Bild, wenn man überblickt, wie die Häuser aussahen, die Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts in der Gegend gebaut wurden. Nach Hans J. Rach waren es nach dem 30jährigen Krieg vor allem die größeren und prächtigeren Häuser, die noch in traditioneller giebelständiger Form gebaut wurden.146 Typisch und vielgenannt als Beispiele für solche längsgegliederte Bauten, wie es sie auch in Templin gegeben haben dürfte, sind die Häuser Johann-Sebastian-Bach-Str. 44 (1667) und 35 (um 1680) in Kyritz. Besondere Merkmale ihres Fachwerks sind die vorspringenden Obergeschosse, die Reihung von Fuß- und Kopfstreben, durchkreuzte Rauten und Andreaskreuze, die dekorative Gestaltung der Zwischengesimsbereiche und die Verwendung der Spitzsäule oberhalb des Hahnenbalkens.147 Zwei dieser konstruktiven und dekorativen Elemente, die Kopf- und Fußbänderreihung und die Spitzsäule über dem Hahnenbalken hatte Petzold als charakteristisch auch für Templin dargestellt. Neben diesen großen Giebelhäusern gab es aber auch eine Reihe kleinerer giebelständiger Häuser.148 Nach Rach erscheinen diese Häuser äußerlich den ländlichen Mittelflurhäusern verwandt, jedoch waren sie zumeist zweigeschossig und gehörten Handwerkern oder Gewerbetreibenden.149 Seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert150, häufiger dann im 17. und 18. Jahrhundert, entstanden traufständige Häuser, oft mit großer Durchfahrt. Häufig zeigen diese Häuser schon den Einfluß des von der königlichen Bauverwaltung angewandten standardisierten Bürgerhauses. Ein mit geringen Abstrichen auch in Templin denkbares Bild des Bestandes der solcher quergegliederter Bürgerhäuser der Zeit um 1700 zeichnet Matthias Metzler in der Denkmaltopographie der Stadt Neuruppin. Als Beispiel sei das Haus Schulzenstraße 6 (1689) in Neuruppin genannt.151 Typisch für diese Zeit sind „traufständige, zweigeschossige Fachwerkhäuser, die meist an dem leicht überstehenden oberen Stockwerk erkennbar sind. Charakteristisch ist ein breiter, von abgerundeten, bzw. profilierten Schwell-, Rähm- und Füllhölzern eingenommener Bereich zwischen den Geschossen. Auch die Balkenköpfe sind hier entsprechend bearbeitet. [...] Die längsrechteckigen bzw. quadratischen Gefache weisen Lehmstaaken- und Ziegelausfachung auf.“152 Ergänzen lassen sich hier noch die recht konsequente Axialität der Fensteröffnungen und das Fehlen von schrägen Streben oder weiteren traditionellen Schmuckformen an der Traufseite.

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Verallgemeinert man diese Merkmale, so lässt sich die äußere Form der Templiner Bürgerhäuser vor 1735 etwa so beschreiben: Alle Häuser waren zumeist unverputzte Fachwerkhäuser. Das Straßenbild war von einer Vielfalt verschieden hoher, trauf- und giebelständiger Häuser geprägt und erschien daher sehr uneinheitlich. Ebenso heterogen waren die Dachdeckungen. Zwar besaß die Mehrzahl der Häuser schon ein Ziegeldach, doch gab es ebenso Stroh- und Holzschindeldächer, welche bei den Wirtschaftsgebäuden noch die Regel waren. Die Häuser standen nicht dicht an dicht, sondern waren durch einen Bauwich oder eine Auffahrt voneinander getrennt. Die Aufteilung der Fassaden, das heißt die Anordnung der Fenster, wies zwar schon Ansätze von Axialität auf, doch gab es auch bei der Fensterstellung zahlreiche Abweichungen und Variationen. Die Fenster waren, zumal in den vorspringenden Obergeschossen sehr klein, oft nur einfache Lucken. Das Fachwerk zeigte sich auch zur Straße mit schrägen, dekorativ angeordneten (Kopf- und Fuß-) Bändern. Vor allem an den Giebelhäusern gab es die üblichen Schmuckformen wie Bänderreihungen und Andreaskreuze. Die Verzierung der Gesimszonen durch die mehrfache Profilierung der Schwell-, Rähm- und Füllhölzer prägte dagegen sowohl die giebel- als auch die traufständigen Häuser.

Auch über die Grundrisse lassen sich einige allgemeine Aussagen treffen. Die oben zitierten Schilderungen von Sühring und Philipp verweisen auf das von ihnen als ‘fränkisch’ bezeichnete Haus. Robert Mielke benutzte ebenfalls den Begriff ‘fränkisches Haus’. Ein Fischerhaus in Zolchow, welches diesem Typ entspricht, beschreibt er wie folgt: „Danach ergeben sich rechts zwei Stuben (...) links sind der ehemalige Stall, der heute in Wohnräume umgewandelt ist und in der Mitte der Flur, in dem die Herdstelle als massiver Schlot ummauert ist.“ Hinter dem Herdraum folgt ein kleiner Hinterflur.153 Dies entspricht der heute gebräuchlichen Bezeichnung ‘mitteldeutsches Ernhaus’ für ein solcherart quergegliedertes Herdraumhaus.154 Auch einige der angeführten Beispiele weisen in ihrer Grundrißdisposition deutlich in diese Richtung. Die giebelständigen Häuser Templins waren ähnlich erschlossen wie die angeführten giebelständigen Häuser in Angermünde, Bad Freyenwalde oder Kyritz. Auch bei den Grundrissen überwogen in Templin bereits die quergegliederten Häuser. Ähnlichkeiten mit dem mitteldeutschen Ernhaus sind hier wahrscheinlich. Der daneben noch vorhandene Grundriß der von der Giebelseite her erschlossenen Häuser wird Ähnlichkeiten mit dem Mittelflurhaus gehabt haben. Vorherrschend war der unbelichtete, quadratische und etwa in der Hausmitte gelegene, ummauerte Herdraum mit offenem, trichterförmigem Rauchabzug (Schwarze Küche). Straßenseitig lagen die hochwertigeren Wohnräume und hofseitig die Kammern oder Wirtschafträume (Ställe). Die Erschließung erfolgte bei den Giebelhäusern noch über große Dielen, bei den Traufhäusern schon über von der Straße zum Hof führende, oft allerdings noch dielenartig geräumige Flure.

Die „heftige Feuersbrunst“ vom 24. August 1735

Am Nachmittag des 24. August 1735 brach in einem Haus in der Mühlenstraße bei einem Bäcker ein Feuer aus.155 Die Tuchmacher Templins berichten über diese Katastrophe in ihrem 1736 neu angelegten Protokollbuch:

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Nachdem der große und allmächtige Gott diese arme Stadt am 24. August verwichenen Jahres mit einer so heftigen und plötzlichen Feuersbrunst nach seinem Gerichte heimgesuchet, daß dadurch die gantze Stadt mit allen ihren publiquen und privaten Gebäuden als Kirchen, Schulen, Pfarrwohnungen, Rathhause, Hauptwache, sämtliche Mühlen und dergleichen mehr, ingleichen mit 271 Bürger Häusern, wie nicht weniger auch mit allen vor dem Mühlenthor befindlichen etlige 70 Scheunen mit allem darin vorhandenen Winter und Sommer Getreyde in wenigen Stunden gantz erbärmlicher Weise in die Asche gelegt worden: so hat auch vor andern daß hiesige Löbl. Tuchmachergewerke bey diesen hefftigen Brande grossen Schaden gelitten, in dem nicht nur sämtliche Gewerks Meistern ihre Häuser und Wohnungen, sondern auch noch darzu ihre mit großen Kosten nur erst angeschaffte Wolle und wollene Wahren samt Handwerkszeige darin verlohren haben und eingebüßet; gleichwie dann auch die Gewerks Lade mit darin vorhandenen Baarschafft, so ungefehr aus 178 Rthlr. bestanden, Neuen Privilegio, Lehr- und Geburtsbriefen und allen übrigen Briefschafften, [...] sodaß von den Gewerks Sachen weiter nichts als das Neue schwarzliechene Leichenlaken und der Wilck Kommen gerettet worden.156

Der hier von den Tuchmachern beschriebene Umfang der Katastrophe, der von anderen Quellen bestätigt wird, bedrohte die Templiner mit dem Verlust der Erwerbsmöglichkeit und mit großer Armut, zunächst und für den kommenden Winter aber mit Hungersnot und Obdachlosigkeit. Daher war sofortige Unterstützung mit Lebensmitteln und Kleidung am Anfang die dringlichste Aufgabe. Hierbei dürften, wie in anderen Fällen überliefert, die Städte und Dörfer der näheren Umgebung ihre Solidarität mit den Abgebrannten bewiesen haben. Schnell wurde zudem eine landesweite Collecte eingerichtet. Überliefert ist eine Sammelspende von 300 Talern, die der Kriegs- und Domänenrat bei der Kurmärkischen Kammer Ludwig Wilhelm von Münchow organisierte und überreichte.157 Auch Kronprinz Friedrich hatte in Neuruppin von dem Unglück erfahren. Am 2. September 1735 schrieb er an den Kriegsrat Rohwedel: Für die Kollekte in Templin werde ich gern einige hundert Taler geben, denn diese Leute sind bedauerlich von der Zerstörung betroffen.158 Eine beträchtliche Spende von 611 Talern kam aus dem fernen Hamburg, wohin die Templiner wohl geschäftliche Beziehungen hatten.159 Insgesamt ergab die Kollekte eine Summe von immerhin 6158 Talern, 15 Silbergroschen und 11 Pfennigen. Die Spenden können aber wohl wenig mehr als die größte Not gelindert und bestenfalls die Versorgung für den nahenden Winter sichergestellt haben. Für die Wiederherstellung der Stadt bedurfte es ganz anderer Mittel und Wege.

Der Wiederaufbau

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Seit Ende des 17. Jahrhunderts waren der Ausbau und die bauliche Verbesserung der Provinzialstädte in Preußen mehr und mehr zur Aufgabe des Staates geworden. Der Wiederaufbau abgebrannter Städte wurde nach zunehmend kanonisierten Richtlinien vom Staat organisiert und reguliert, aber auch finanziell unterstützt. Modalitäten und Verlauf eines solchen Retablissements prägten neben der städtebaulichen Disposition auch die Gestalt jedes einzelnen Bürgerhauses. Zugleich entwickelte sich jedoch jedes größere Retablissement bei aller Machtentfaltung des absolutistischen Staates auch aus den konkreten zeitlichen, regionalen und örtlichen Verhältnissen. Es ist daher zum Verständnis des gesamten Wiederaufbaus und der Gestalt der dabei entstandenen Bürgerhäuser notwendig, die politische und wirtschaftliche Situation Templins, der Uckermark und Preußens insgesamt zu berücksichtigen.

Landesherrschaft, Region und Stadt. Politische und wirtschaftliche Voraussetzungen

Wichtigstes Ziel der Städtepolitik Friedrich Wilhelms I. war es, die wirtschaftliche Kraft der Städte und damit zugleich die eigenen finanziellen Erträge aus deren Besteuerung zu erhöhen. Reorganisation der Verwaltung und Regulierung des Gewerbes waren dabei wesentliche Eckpunkte des umfassenden Reformwerks, Statistik und Kartographie die notwendigen Instrumente der intensivierten Herrschaftsausübung. Die Grundlagen der neuen, absolutistischen Stadtpolitik suchte der König durch eine umfangreiche Reform der Kommunalverwaltung zu schaffen. Dabei bemühte er sich auf der untersten Verwaltungsebene um größtmöglichen Einfluß auf die städtische Verwaltung. Die von Kurfürst Friedrich Wilhelm und König Friedrich I. geschaffenen Institutionen wie das Akzisewesen wurden weitergenutzt und ausgebaut. Wie schon seine Vorgänger setzte Friedrich Wilhelm I. seine Reform des Städtewesens nicht in Form einer allgemeinen Stadt-Policey-Ordnung durch. Wohl in richtiger Einschätzung der Auswirkungen einer solchen scharfen Konfrontation beschränkten sich die durchaus massiven Eingriffe auf einzelne Orte oder Gebiete. Selbst eine so zentrale Aufgabe wie die Einführung der Magistratsverfassung verlief weder zeitlich noch regional kontinuierlich.

In der Uckermark war das rathhäusliche Wesen der Hauptstadt Prenzlau schon 1688 durch eine kurfürstliche Verordnung und 1691 durch ein Kommissionsrezeß das der Stadt Strassburg reguliert worden. Dieser Prozeß beschleunigte sich, nachdem 1719 die Einführung von Magistratsverfassungen generell verfügt worden war. Wie die Vorrede des Templiner Rathäuslichen Reglements offenbart, wurde dasRath-Häußliche und Stadt Wesen in der Uckermarck erst über zehn Jahre später, 1732, auf königliche Weisung durch eine spezielle Kommission untersucht.160 In Prenzlau sollte daraufhin durch ein nochmaliges gesondertes Reglement der Wechsel zwischen den Bürgermeistern endgültig abgeschafft werden.161 Als Ergebnis wurde weiter verordnet, daß, um beßer Ordnung willen, auch damit ein jeder wißen möge, waß ihm zu verrichten obliege, ein Rath Häußliches Reglement angefertigt werden soll.162 Für wenigstens drei Immediatstädte der Uckermark Templin (1738), Lychen (1739) und Gransee (1740) wurden in unmittelbarem Anschluß Rathhäusliche Reglements erarbeitet.163 Zur gleichen Zeit wurden auch die rathäuslichen Verhältnisse von Angermünde geregelt.

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Dennoch scheint das Templiner Rath Häußliche Wesen schon im direkten Gefolge der Magistratsordnung von 1719 zu weiten Teilen reguliert worden zu sein - also weit vor der schriftlichen Fixierung im Rathäuslichen Reglement.164 Neben der personellen Zusammensetzung und Geschäftsverteilung waren auch die Finanzen der städtischen Kämmerei schon vor 1738 unter staatliche Aufsicht und Einflußnahme genommen worden. So sah sich der Magistrat 1714 gezwungen, ein corpus bonorum anzufertigen, in welchem, wie dann nochmals 1740, der Templinschen Stadt und Cämmerey Gütter, derselben Regalien, Gnaden, Zucht und Gerechtigkeiten und dazu gehörige Pertinentien165 exakt aufgelistet werden mußten. Außerdem mußte die Stadtkämmerei der Kurmärkischen Kammer regelmäßige Berichte in Form Vierjähriger Raths-Cämmerey Extracte liefern.166 Die Untersuchung des uckermärkischen Städtewesens von 1732 läßt sich auch in dieser Hinsicht für Templin konkretisieren. In einem Brief vom 31. Juli 1732 berichtet der Templiner Bürgermeister Johann Friedrich Berger an den Bürgermeister von Angermünde, daß die beiden Commissare v. Münchow und v. Klinckgräff von Zehdenick aus in Templin eingetroffen seien, um dort das sämtliche Eigenthum des Rathhauses und der gemeinen Stadt zu untersuchen. Dabei hätten sie das corpus bonorum von 1714 geprüft und mit der letzten Kämmereirechnung der Stadt von 1731 verglichen.167

Die 1730er Jahre brachten für Templin hinsichtlich der Kontrolle der städtischen Finanzen ebenso wie bei der grundsätzlichen Regelung der kommunalen Verwaltung eine deutliche Verschärfung. Als dasRathhäusliches Reglement der Stadt Templin im Januar 1738 von der Kurmärkischen Kriegs- und Domänenkammer, das heißt den zuständigen Kriegs- und Domänenräten Ludwig Wilhelm von Münchow168 und Karl Franz Reinhard, zur königlichen Bestätigung eingereicht wurde und im Mai 1738 durch den König approbirt confirmirt und bestätigt wurde, war dieser Prozeß zu einem vorläufigen Ende und Höhepunkt gebracht.169 Wie üblich besteht auch das Templiner Reglement aus Vorgaben zur personellen Zusammensetzung und Geschäftsverteilung innerhalb des Magistrats. In § 1 wird festgelegt, daß der Magistrat aus folgenden Amtsträgern bestehen soll, aus: 1 Consul Dirigente der zugleich Judex ist, 1 Pro Consul, 1 Consul tertio, welcher zugleich Secretarius ist, 1 Camerario, 2 Senatoribus ordonarius.170 Dazu kamen noch die Stadtverordneten, wahrscheinlich vier, für jedes Stadtviertel einen. Während der Magistrat Unterbediente wie Ratsdiener selbst wählen durfte und für neue Mitglieder immerhin ein Vorschlagsrecht171 besaß, wurde der Bürgermeister, der in den 1720er bis 1740er Jahren nie aus Templin selbst kam, von der Kurmärkischen Kammer benannt.172 Der § 3 offenbart, in welchem Umfang der Magistrat als Stellvertreter des Königs regulierend in das städtische Gemeinwesen und die Lebensumstände jedes einzelnen Templiners eingreifen sollte:

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Magistratus soll in Ecclesiasticis, Politicis, et Criminalibus die Nothdurft pflichtgemäß besorgen, und zu dem Ende mit der allergrößten Emsigkeit dahin sehen, daß die Gerechtsame der Stadt erhalten, die Justiz prompt unparteyisch und richtig administriret, die Königl. Edicta und Verordnungen gehörig publiciret, die Bürgerschafft zu deren genauer Beachtung mit Nachdruck angehalten, von derselben Laster und Untugend, Üppigkeit und Müßiggang, so viel immer möglich abgeschaffet, tüchtige Prediger und Schulbediente, die ein unsträfflichen Wandel in den Ambts-Geschäfften und den gemeinen Umgang führen, erwehlet, die Tugend sowohl in privat Häusern von ihren Eltern, von den Schulbedienten fleißig und treulich erzogen und unterrichtet werden.

Weiterhin soll auf Mehrung der städtischen Nahrung, also wirtschaftliches Wachstum, gesehen werden, wozu unter anderem der Anbau neuer und mit bequemen Logiamenten versehenen Häuser, Reparirung der Alten, Abschaffung der gefährlichen Feuer-Stellen, Brauchbarmachung wüster Ländereyen und Reinigung der Straßen dienen soll.173 Der vorgeschriebene Aufgabenbereich des Magistrats und damit der staatliche Regelungsanspruch machte ebensowenig an den Türen der privat Häuser halt wie die Bestimmungen zum Wiederaufbau. Die geforderte bauliche Modernisierung war engstens mit der Sorge um die Wirtschaftskraft, aber auch um den moralischen Zustand der bürgerlichen Untertanen verbunden.

In der Eintheilung der Rath Häuslichen Departements wurden die Aufgabenbereiche der einzelnen Magistratsmitglieder genauestens festgelegt. Der Consul dirigens hatte die Oberaufsicht über alle städtischen Geschäfte. In Templin hatte der Consul dirigens Johann Friedrich Berger wie schon sein Vorgänger zudem das Amt des Stadtrichters inne.174 Dem Senator honorarius (auch zweyte Setantor), diese Position nahm in den 1730er Jahren der Barbier Christian Freyschmidt ein, war die Aufsicht über das städtische Bau-Wesen aufgetragen.175 Dabei erscheint die bauliche und rechtliche Kontrolle und Regulierung des privaten Bauens und der häuslichen Existenz als seine vorrangige Aufgabe.176 Neben der bau- und feuerpolizeilichen Überwachung der Bauausführung und der Gewährleistung eines ordentlichen und sauberen Bauumfeldes war er vor allem für die Vermeidung von baulich bedingten nachbarlichen Streitigkeiten zuständig. Da die Feuerpolizei eine der wichtigsten baupolizeilichen Aufgaben war, genügte es nicht, nur beim Bau der Häuser auf Feuersicherheit zu achten. Für jedes der vier Viertel der Stadt wurde ein Magistratsmitglied und jeweils ein Stadtverordneter dazu bestimmt, in regelmäßigen Abständen Feuervisitationen durchzuführen und Verstöße streng, bis hin zum Hausabriß, zu ahnden.177

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Ein weiterer wichtiger Aufgabenbereich des Magistrats wurde ebenfalls 1738 durch eine spezielle Holtz-Ordnung für die Stadt Templin schriftlich fixiert. Diese sollte den Umgang mit den stadteigenen Heyden und dem daraus gewonnenen so bedeutenden Rohstoff Holz und dessen Verwendung schon auf kommunaler Ebene möglichst umfassend regulieren.178 Die Bürgerschaft war nun auch über die Verwendung des aus ihren eigenen Waldungen gewonnenen Holzes Rechenschaft schuldig.

Nicht nur der Hausbau, sondern auch der alltägliche Umgang mit den Häusern, ja das tägliche Leben in den Häusern sollten in den 1720er und 1730er Jahren verstärkt in das Netz obrigkeitlicher Überwachung einbezogen werden. Regulierung der innerstädtischen Verhältnisse und hierarchische Unterstellung der städtischen Verwaltung unter königlichen Befehl standen bei den ab 1720 in Templin wirksam werdenden obrigkeitlichen Aktivitäten im Vordergrund.

Neben der Regulierung des Rath Häußlichen Wesens stellte der Ausbau der Position des Commissarius locioder Steuerrats das wichtigste Mittel dar, um die städtische Verwaltung in ein rational arbeitendes staatliches Behördensystem einzubinden, deren Finanzen zu überwachen und deren Wirtschaft im Sinne des Staates zu beeinflussen. In mehreren Instruktionen, 1703, 1712, 1730, 1766 und 1779, wurden die Aufgaben der Steuerräte formuliert, konkretisiert und den Verhältnissen angepaßt. Die Instruction vor alle und jede Kriegs- und Steuer-Commissarien vom 6. Mai 1712, die bis zur Neufassung 1766 formell gültig blieb, schrieb jene Pflichten vor, welche dem Steuerrat zufielen.179 Danach hatte der um 1730 für die Uckermark und damit auch für Templin zuständige Steuerrat Wittich das Erheben der Akzise ebenso zu überwachen wie die Arbeit des Templiner königlichen Ziesemeisters180 Johann Schmidt. Sämtliche Steuerregister, die Service- und Einquartierungskataster mußte er zusammen mit dem Templiner Magistrat regelmäßig kontrollieren. Neben solchen vom Steuerinteresse bestimmten Aufgaben hatte Wittich aber noch eine Reihe von eher polizeilichen Funktionen zu übernehmen.181 Zudem hatte er die Ansiedlung neuer Bürger, im merkantilistischen Wirtschaftssystem eine wichtige wirtschaftspolitische Maßnahme, etwa durch Hilfe beim Hausbau zu befördern und zu kontrollieren.182 In den feuerpolizeilichen Aufgaben des Steuerrats, wie sie die Instruktion von 1712 nachdrücklich formulierte, spiegeln sich schließlich die wesentlichen Ziele der preußischen Retablissementspolitik des 18. Jahrhunderts:

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Haben die C. und Magisträte dahin zu sehen, daß die Stroh-, Rohr-, und Schindel-Dächer, gänzlich aus den Städten abgeschaffet, und in sonderheit keine Scheunen mehr darinn geduldet werden, sondern wie dieselbe in denen Städten, zu Stallungen und andern behuf adaptiret werden können, also müssen sie auch gleich denen Wohn-Häusern mit Ziegeln gedecket, und dagegen denen Leuten andere Plätze vor deren Thoren angewiesen werden, worauf sie Scheunen setzen können. Solten sich aber die Einwohner dabey säumig oder gar wiedersetzlich erweisen, so sind solche Stroh-, Rohr- und Schindel-Dächer indistincte und ohne Ansehung der Person, nach vorhergegangener nochmaliger Verwarnung, auf des Eigners Kosten, durch die Soldatesque, welche vom Commissario und Magistrat darum zu requiriren, herunter zu werffen, [...].183

Der für Templin zuständige Steuerrat Wittich hat sich in regelmäßigen Abständen von den Feuersicherheits-Visitationen, welche von je einem Magistratsmitglied und einem Stadtverordneten durchgeführt wurden, schriftlich berichten lassen. Schriftlich oder bei seinen Besuchen vor Ort erfuhr er von den größeren Bauvorhaben und Grenzstreitigkeiten der Bürger und versuchte sie, wenn dies dem Magistrat nicht gelang, Kraft seines Amtes zu regulieren und zu schlichten. Wie der Magistrat vor allem in den wesentlichsten Entscheidungen an das Urteil des Steuerrats gebunden war, so war dieser wiederum an die Weisungen der Kurmärkischen Kriegs- und Domänenkammer gebunden. Über dieser stand das Generaldirektorium und an der Spitze der streng hierarchisierten Verwaltung war der König in allen Fragen die letzte und erste Instanz.

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An einem für das Bürgerhaus zentralen Beispiel läßt sich dieser unter Friedrich Wilhelm I. in unmittelbarer zeitlicher Nähe zum Stadtbrand und Wiederaufbau weitgehend durchgesetzte Dienstweg veranschaulichen. Am 14. Dezember 1731 war ein königliches Patent erlassen worden, daß die künftige Unterstützung des bürgerlichen Hausbaus festlegte.184 Dieses Patent wurde am 16. März 1732 dahingehend erweitert, daß auch der Ersatz der feuergefährlichen Häuser und Dachdeckungen durch neue, feuersichere finanziell gefördert werden sollte. Der Steuerrat Wittich setzte den Magistrat von Angermünde über diese Declaration in Kenntnis und drang darauf, daß in den nächsten vier Jahren nicht nur die wüsten Stellen bebaut, sondern auch die gefährliche Feuer Nester beseitigt werden sollten.185 Er unterstrich die Forderung der Declaration, daß jene Häuser, deren Dachkonstruktion sich nicht für eine Ziegeldeckung herrichten ließen, abgerissen und völlig neu gebaut werden müssten. Einige Monate später ermahnte Wittich auch den Templiner Magistrat zum wiederholten Mal, die Stroh- und Holzschindeldächer abzuschaffen und wies an, das dafür nötige Bauholz und die Ziegel anfertigen und bereitstellen zu lassen.186 An den Rand dieses Schreibens notierte der Templiner Bürgermeister Berger:

Dieses Schreiben ist dato in Pleno zu Rathhause der Bürgerschafft vorgelesen und derselben dabey anbefohlen worden, in Anschaffung der Ziegeldächer [...] sich gehorsamst Zurichten, und darwider bey schwehrer Verantwortung nichts zu negligiren.

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In den Jahren des Wiederaufbaus wurde auch das Wirtschaftsleben Templins durch königliche Verordnungen grundlegend neu geordnet. Wie die Neuordnung des rathäuslichen Wesens nicht allein der Durchsetzung einer zentralisierten Verwaltungsdisziplin diente, so sollte auch durch die Regulierung des gewerblichen Lebens nicht nur die Wirtschaftskraft der Städte gefördert, sondern auch das Gewerbe im Sinne der absolutistischen Ordnungsvorstellungen reguliert werden. In den General-Privilegia und Gülde-Briefefür die TemplinerGlaser, Tuchmacher, Bäcker, Nagelschmiede und Schneider, die in den Jahren 1734 und 1735 ausgefertigt wurden, ging es in erster Linie darum, die überkommenen „Korporativstrukturen des Gewerbes in zünftischen Formen“ zu reorganisieren.187 „Ältere Privilegien wurden“, wie Wolfgang Neugebauer betont, „kassiert, neue Normen zum Erwerb des Meisterrechts gegeben und vor allem in das Lehrlings- und Gesellenwesen eingegriffen; Verbindungen mit auswärtigen Zünften wurden strikt reglementiert, die Strafgewalt der Zünfte neu geregelt."188 Ein Beispiel sind General-Privilegium und Gülde-Brief des Glaser-Gewercks in Templin von 1734.189 In den ersten Artikeln werden Bedingungen und Verfahrensweise beim Erwerb des Meisterrechts geregelt. Weiter wird die Strafgewalt des Gewerks eingeschränkt und neu formuliert. Auf Quartalsversammlungen und bei allen anderen wichtigen Entscheidungen muß von nun an ein Beysitzer aus des Magistrats Mittel anwesend sein – das heißt das Gewerk wird unter die Kontrolle des Magistrats und damit unter königliche Kontrolle gestellt. Als Verschwendung erscheinende nichts-bedeutende Processe und unnütze Schmausereyen werden kurzerhand verboten. Schließlich werden auch Rechte und Pflichten der Gesellen und Lehrjungen festgesetzt. Bis 1740 war zudem das Arbeitsleben des wichtigsten Templiner Berufsstands, der Ackerbürger, durch eine neue Feld- und Bau-Ordnung im Sinne des absolutistischen Staates reguliert.190

Das Brauwesen der Stadt wurde durch das Braureglement von 1739 völlig neu geordnet.191 Die Kontrolle des Brauens wurde einem Brau-Directorium übergeben.192 Dieses Direktorium hatte nicht nur die Feuersicherheit der Braustellen und die Maße der Bierfässer zu überwachen, sondern es mußte auf seinen Sitzungen und bei Visitationen regelmäßig auch die Qualität, das heißt Geschmack, Farbe und Stärke, des Biers prüfen.193 Weiterhin wurde genauestens die Prozedur festgelegt, nach welcher die bey der Stadt vorhandenen Dörffer und Krüge, aber auch das Beliefern von Taufen, Hochzeiten und Erntedankfesten jährlich neu unter die Brauer verteilt werden sollten. Der bei weitem radikalste staatliche Eingriff in das Templiner Brauwesen war die beim Wiederaufbau befohlene, in diesem Reglement ebenfalls festgeschriebene Verringerung der traditionellen Anzahl der Braustellen. Brauen oder eine Brauerei in seinem Haus oder in einem separaten Brauhaus einrichten durfte danach nur, wer nach dem neuen, von Sr. Königl. Majestät allergnädigst approbirten Plan, eine Eck-Brau-Stelle, oder im Quarre, deren letztere nicht mehr als 7 hier seyn, besitzet. Gab es vor dem Brand 136 Brauhäuser195, also Häuser, die auf Parzellen mit Braugerechtigkeit standen, so wurde die Zahl der brauberechtigten Stellen nun auf lediglich 39 begrenzt.196 Fast 100 Bürgern wurde mit dieser Verordnung die Braugerechtigkeit entzogen. Weiterhin hatte der König nach 1735 durchgesetzt, daß auch das sogenannte Erntebrauen uns das Brauen eines Haustruncks, bis dahin üblich und geduldet, abgeschafft wurde.197 Der eigentliche wirtschaftspolitische Zweck dieser Verordnung wird in den Bestimmungen des § 13 deutlich:

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Es muß auch niemand, der ein Brau-Hauß bereits hat, ein ander Brau-Hauß Mieths- oder Kauff-Weise an sich bringen, es wäre denn, daß er letzteres in solutum annehmen müßte.198

Für den Fall, daß ein Brauer ein Brauhaus durch Erbschaft oder Heirat erwerbe, solle er die Brau-Nahrung durch einen Mieths-Mann exerciren lassen. Ziel der massiven Eingriffe in das Templiner Brauwesen war es, die Brau-Nahrung für eine bestimmte Zahl von Bürgern zur hauptsächlichen Erwerbsquelle zu machen, sie unter diesen aber möglichst gleichmäßig zu verteilen. Nivellierende Regulierung der wirtschaftlichen Verhältnisse und Erhöhung der Akziseeinnahmen standen hier als Ziele gleichberechtigt nebeneinander. Wie von J. J. Becher gefordert, war die Obrigkeit bemüht, Polypolium und Monopolium gleichermaßen zu bekämpfen.

Das Ziel der vom Staat in den 1730er Jahren so aufwendig betriebenen Regulierung der Gewerbe, nicht nur des Brauwesens, offenbart ein Bericht der Kurmärkischen Kammer von 1744. Darin wird bezüglich des Erfolgs des Braureglements festgestellt, daß zwar das Brauwesen insgesamt nicht unbedingt zugenommen habe, daß aber

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jetzo mehr Brauer von Brauen Nahrung erhalten, da vorhin, wie der Krug-Verlag frey gewesen, etwa 4 Brauer den gantzen Krug-Verlag an sich genommen gehabt indem derjenige, welcher die meiste douceurs dem Krüger accordiren können, den stärcksten Verlag gehabt.199

Im Mittelpunkt dieser staatlichen Konkurrenzregulierung stand nicht der einzelne Bürger, sondern die Summe der Templiner Bürger als städtische Gemeinschaft. Möglichst viele sollten vom Brauen ordentlich leben können und nicht nur einige wenige in großem Wohlstand. All diese Reglements, Ordnungen und Vorschriften, die sich in den Jahren um 1735 häuften, hatten letztlich das Ziel, die kommunale Wirtschafts- und Sozialstruktur im Sinne einer merkantilistisch-kameralistischen Finanz- und Wirtschaftspolitik zu regulieren. Im Bezug auf die Ausgestaltung des Templiner Wiederaufbaus sind Konkurrenzregulierung, Nivellierung und absoluter Gestaltungsanspruch des Königs von besonderem Interesse.

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Die angestrebte Ausweitung der königlichen Macht durch die Zentralisierung behördlicher Kontrollmechanismen setzte vor allem die konsequente Anwendung zweier Prinzipien voraus: Rationalität und Wissen. Nur ein möglichst umfassender Überblick und detailliertes Wissen ermöglichten die Intensivierung der Herrschaftsausübung. Wichtigste Mittel der königlichen Städtepolitik waren daher Statistik und Kartographie. Mit ihrer Hilfe sollte das für einen solchen Überblick erforderliche Wissen bereitgestellt werden sollte.

Die 1724 erlassene INSTRUCTION Vor die Bau-Inspectores und Conducteurs bey Vermessung der Städte Aecker in der Chur-Marck sah dementsprechend vor, daß zu einer jeden Stadt 3. Charten, als eine General- oder Situations-Charte, eine Special-Charte und Plan intra moenia nach dem Rheinländischen Maaß, imgleichen ein Feld-Catastrum und General-Tabelle verfertiget werden.200 In der Generalkarte mußte der Stadtgrundriß mit Markt, Straßen, Kirchen und Toren, den Vorstädten, Feldern, Wiesen und Gärten nur nach ihrer Circumferentz und also Figur-Weise oder generaliter eingetragen werden. Für die Vermessung und zeichnerische Präsentation des Gebietes innerhalb der Stadtmauern wurde bestimmt:

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In dem Plan intra moenia sollen sowohl die bebauten als wüsten Stellen mit ihren Num. nach der Ordnung, wie Schema sub Aa. zeiget, und ihre Längen und Breiten nur, die darauf befindlichen Gebäude und Gärten aber nicht besonders verzeichnet, und mit nachstehenden distinguirenden Couleuren marquiret werden, als: die AEdificia publica samt der Scharffrichterey starck carmin roth; die Brau- oder grossen Bürger-Stellen blaß carmin; die Bürger- oder Mittel-Stellen gantz bleich carmin; die Buden-Stellen blaß gelb; die wüsten Stellen werden weiß gelassen, um solche wenn sie bebauet werden, zu coloriren.201

Diese Anordnung zeigt, daß wohl Größe, Qualität und Verteilung der Parzellen, nicht aber die darauf befindliche bürgerliche Bebauung für den Staat von Interesse waren. Sehr genau wurde darauf geachtet, daß der Status der Bürgerstelle erkennbar war, daß auf den ersten Blick zwischen Brau- oder Großbürgerstelle, Bürger- oder Mittelstelle und Budenstelle unterschieden werden konnte. Neben der Übersicht über die wüsten Stellen, deren Besiedelung direkt wirtschaftlichen Aufschwung und damit eine Zunahme der Steuern versprach, bestand das Ziel der standardisierten Kartierung der Stadtgrundrisse vor allem darin, deren räumliche Situation zu überschauen und zu erfassen, wie die Straßen und Plätze in den Städten beschaffen waren, ob es schmale oder breite, winklige oder gerade Straßen, ob es große weite oder kleine verwinkelte Plätze gab.

Die zeichnerische Erfassung der bürgerlichen Verhältnisse innerhalb der Mauern genügte der staatlichen Verwaltung allerdings nicht. Zur detaillierten Erfassung von Größe und Qualität des bürgerlichen Grundbesitzes war außerdem ein spezielles und umfangreiches Catastrum erforderlich.202 Ein solches Kataster besaß außerdem einen rechtlichen Impetus. Im Rahmen der Erstellung der Stadtpläne waren die lokalen Behörden angehalten, rechtliche Ordnung zu schaffen und beispielsweise nachbarliche Grenzstreitigkeiten vorab zu regeln. In den Plänen sollte ausdrücklich nur der rechtlich gesicherte Status der Parzellengrenzen und Grundstücksqualitäten festgehalten werden.203 Die staatliche Instruktion zur kartografisch-statistischen Erfassung drängte damit die Bürger, ihre Streitigkeiten zu regeln. Allgemeiner formuliert hieß das: Der Staat sah die Regulierung innerstädtischer Rechtsverhältnisse auch in Bezug auf so ein „privates" Eigentum wie die Parzelle als seine Aufgabe an und verband dies engstens mit der eindeutigen Darstellbarkeit der geordneten Verhältnisse im Stadtgrundriß. Die zu anzulegenden Pläne und Kataster dienten nicht nur dazu, die behördliche Arbeit auf eine sichere, übersichtlich und einheitlich präsentierte Grundlage zu stellen. Vielmehr sollten mit der zeichnerischen und schriftlichen Fixierung auch innerstädtischer Rechtsfrieden und Rechtssicherheit hergestellt und festgehalten werden.

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Gemäß der Instruktion von 1724 nahm Wanckenheim im Jahr darauf in Templin und Angermünde die Vermessungen vor und erstellte die Pläne und Kataster in der gewünschten Form.204 Er hielt sich genauestens an die Vorgaben und verwendete die geforderten Farben. Die Angaben wurden zunächst von Bürgermeister und Rathmannen bestätigt.205 Dem rechtsverbindlichen Charakter gemäß, der Accuratesse halber, mußten der Oberbaudirektor und schließlich der zuständige Steuerrat mittels Unterschrift die Richtigkeit der in den Plänen und Katastern gesammelten Daten garantieren.206 Mit dieser Instruktion war die staatliche Verwaltung bemüht, sich einen Überblick über die räumliche Ordnung und die Besitzverhältnisse der Stadt und der Bürger zu verschaffen. Gleichzeitig sollte diese scheinbar nur der Wissensaneignung dienende Arbeit nicht nur indirekt, auf dem Wege langfristiger Verbesserungen, sondern ganz direkt schon durch die zeichnerisch/schriftliche Fixierung ordnungsstiftend in bürgerliche Besitzstände eingreifen. Wichtigster Effekt war aber der standardisierte Wissensgewinn.

Solche Erkenntnisse reichten jedoch nicht aus, um etwa das von Max Weber beschriebene Streben nach „‘aktenkundigen’ Tatsachenkenntnissen“ zu befriedigen.207 Noch wesentlich weiter in den Bereich des heute Privaten gingen daher die Erhebungen für die Bürger-Rolle der Stadt Templin aus dem Jahre 1735.208 Diese Tabelle mußte vom Magistrat der Stadt auf Anweisung des Steuerrats Wittich im Frühjahr 1735 angefertigt werden. Kurz vor der vollständigen Vernichtung der alten Stadt, wurde diese Bürgerrolle dann am 28. April fertig. Erstaunlich ist der Umfang dessen, was mit dieser Liste erfaßt wurde. Außer Name, Alter und Beruf mußte angegeben werden, ob der Bürger seinen Beruf wohl verstehe, ob und wann er selbige niedergeleget, womit er sich sonst ernähret, ob er bemittelt, oder doch sein ziemliches Auskommen habe, ob und was vor Immobilien er besitze, ob er arm und wo die Armuth herrühre, ob er den seinigen wohl vorstehet und wie er sich sonst aufführet, wie viel Söhne er habe und wie alt sie sind, was sie vor eine Profession ergriffen haben und schließlich wo selbige sich anjetzt aufhalten. Das individuell-bürgerliche Leben der Templiner Hausbesitzer wurde durch die staatliche Verwaltung benotet. Der Lebenswandel der meisten Bürger bekam die Note guth. Es gab aber auch jemanden, über den es hieß: [...] den seinen stehet er noch ziemlich vor, ist aber dabey sehr zänkisch, oder einen anderen, bei dem vermerkt wurde, auch er stehe den Seinen noch recht ordentlich vor, [...] liebet dabey aber den Trunck, und ein dritter schließlich, stehet zwar den seinen wohl vor, ist aber dabey frevelhafft.209

Als nun Templin einige Wochen nach Fertigstellung der Bürgerrolle abbrannte, waren Steuerrat und Kurmärkische Kammer durch diese statistisch-kartographischen Wissenssammlungen bestens über die Gestalt der alten Stadt, über Verlauf und Breite der Straßen und die Beschaffenheit der Plätze und öffentlichen Gebäude informiert. Sie hatten einen Überblick über Lage, Größe und Ertrag des städtischen Besitzes und wußten, wie es um die städtische Verwaltungsarbeit und die Finanzen der Stadt bestellt war. Man war dabei, die Verwaltungspraxis durch ein schriftlich fixiertes Rathhäusliches Reglement streng hierarchisch zu ordnen und ebenso das Wirtschaftsleben der Stadt durch Gülde-Briefe in feste, hierarchisch geordnete Strukturen zu binden. Schließlich kannten die königlichen Beamten auch die bürgerlichen Besitzverhältnisse in und außerhalb der Stadt und waren über die Verhältnisse in den Haushalten der meisten Templiner bestens im Bilde.

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Eine der radikalsten Maßnahmen im Umfeld des Wiederaufbaus war die Neuregelung des Brauwesens, die mit der massiven Beschneidung der Braugewohnheiten zahlreicher Bürger einherging. Gegen diesen Eingriff, an dessen Durchsetzung sich der Magistrat als obrigkeitliches Vollzugsorgan aktiv beteiligt hatte, gab es mehrfach Proteste aus der Bürgerschaft.210 Neben der Beschränkung der Braustellen ist es immer wieder das Verbot des traditionellen Erntebraurechts, welches Widerspruch erregt. Schon 1738 antwortete der König auf eine solche vom Steuerrat Wittich übermittelte Eingabe, daß die darin angeführten Forderungen wieder das Brau-Reglement, wieder Unsern Accise Interesse auch das publique Beste gingen.211 Doch dieser Machtspruch Friedrich Wilhelms I. unterdrückte die Klagen nicht endgültig. Zunächst versuchte die Templiner Bürgerschaft im Februar 1741 durch die Vermittlung der Chur-Märkischen Landschafft wieder die Möglichkeit zu erlangen, in der Erndte einen Haußtrunck zu machen.212 Da der Steuerrat Züllich das Ansinnen der Templin ablehnte, wandte man sich, abermals durch Vermittlung der Chur-Märkischen Landschafft, im April 1742 an die Kurmärkische Kammer. Die Argumentation der Bürger beruhte wieder auf dem tradierten Recht.213 Doch auch die Kammer lehnte das Ansinnen der Templiner mit dem Verweis auf den königlich approbirten Plan der neuen Stadt und das Braureglement entschieden ab und betonte, daß diese Anordnung gültig sei, ob sie gleich verschiedene mahl bey Sr. Königl. Majestät allerunterthänigst supplicando eingekommen seien.214 Doch gaben die Bürger noch immer keine Ruhe. Schließlich wurde die Bürgerschafft zu Templin wegen der Brau-Gerechtigkeit wieder die Eigenthümer der Eckhäuser daselbst erneut supplicando bei Friedrich II. vorstellig.215 Dieser verwies die Bürger nochmals auf die Resolution seines Vaters aus dem Jahre 1738 und stellte endgültig klar, daß es Einwandes ohngeachtet bey der Ordre bleiben, und sie sich darnach richten auch keinesfalls davon abgegangen werden solle.216 In diesem jahrelangen Streit zwischen der auf einem traditionellen Recht beharrenden Partei von Bürgerschaft und Kurmärkischen Landschaft auf der einen und dem König auf der anderen Seite, setzte sich letztlich das königliche Interesse durch. Dieses war von Konkurrenzregulierung und Feuerschutz zum publiquen Besten sowie ureigenes finanzielles Interesse bestimmt.

Die Vorgänge um die Neuregelung des Templiner Brauwesens haben zwei grundsätzliche Einsichten gebracht. Zunächst zeigte sich, wie weitreichend und radikal die staatlichen Gestaltungsansprüche in die städtische Gesellschaft eingriffen und wie erfolgreich diese und ähnliche Eingriffe letztendlich, zumindest in der Templiner Sondersituation waren. Zugleich aber wurde deutlich, daß die Bürger keineswegs gewillt waren, derartige Beschränkungen ihres hergebrachten Rechts und ihrer Selbstbestimmung hinzunehmen. Vielmehr schöpften sie alle rechtlichen Mittel und Widerspruchsmöglichkeiten aus, um ihre Ansicht durchzusetzen. Daß sie damit letztlich keinen Erfolg hatten, sagt etwas über die damaligen Kräfteverhältnisse aus, jedoch mußte die königliche Verwaltung auch in dieser Hochzeit absolutistischer Machtentfaltung immer mit dem massiven Widerspruch der Bürgerschaft rechnen. Bei anderen, im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau aktenkundig gewordenen Streitfällen, zeigt sich ein vergleichbares Bild – den am traditionellen Recht festhaltenden und streitbereiten Bürgern steht ein König mit seinem Verwaltungsapparat gegenüber.217 Die Templiner Bürgerschaft hatte sich mit der obrigkeitlichen Machtfülle von Magistrat und Steuerrat aber nicht abgefunden. Unter Umgehung der unteren staatlichen Verwaltungsebenen (Magistrat, Steuerrat und sogar Kurmärkische Kammer) versuchte sie immer wieder, Einsicht in und Einfluß auf die städtischen Geschäfte zu gewinnen. Ebenso eindeutig zeigt aber der Verlauf dieser Streitsachen wie die Kraftverhältnisse lagen. Ob zu Recht oder zu Unrecht, nicht in einem der überlieferten Fälle bekam die Bürgerschaft Recht zugesprochen, alle Fälle endeten mit empfindlichen Strafen für die beteiligten Bürger.

In den Augen der Bürger verlief der Wiederaufbau also durchaus nicht nach ihren Vorstellungen. Besonders unzufrieden waren sie immer wieder mit der Arbeit des Magistrats, besonders des Consul dirigens Berger. Die königliche Verwaltung beurteilte Verlauf und Ergebnis des Wiederaufbaus dagegen durchweg positiv. Wie zufrieden man dort vor allem mit der Arbeit des Magistrats war, zeigt das überaus positive Zeugnis, welches die Kurmärkische Kammer (v. Münchow, Reinhardt) dem Templiner Magistrat 1738 in einem Ad Regem gerichteten Schreiben ausstellte. Die Kammer erbat für die Mitglieder des Magistrat Gehaltserhöhungen, die t. w. Verdoppelungen gleichkamen. Zur Begründung schrieben die Räte:

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Wir hoffen daß Ew. Königl. Majestät umb so eher diese kleine Zulage allergnädigst accordiren werden, als keine dero Cassen dadurch etwas entgehet, und wir pflichtmäßig versichern können, daß dieser Magistrat einer der besten unserer Provintz, und der Consul dirigens Berger ins besondere ein so geschickter treuer und fleißiger Mann ist, welcher zu wichtigern Verrichtungen, und in einem dero Collegien alligirt mit nutzen zu gebrauchen. Es haben diese Magistratspersonen auch diese kleine Zulage, um soviel ehr verdienet, als dieselbe ein groß theil ihres ohnedem geringen Vermögens im Brande, und darauf folgenden neuen Bau verlohren, und bey so promter und guter Wiederaufbauung der Stadt, ihren Fleiß, Tüchtigkeit, und accuratesse gezeiget haben.218

Deutlicher als durch dieses einseitige Lob kann die Position des Magistrats als voll funktionstüchtige unterste Ebene der königlichen Verwaltungsarbeit nicht zum Ausdruck gebracht werden.

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Auch an zwei anderen, für den Erfolg des Wiederaufbaus maßgeblichen Positionen innerhalb der staatlichen Verwaltung waren zwei junge Beamte angestellt, die am Beginn einer großen Karriere im Dienst des Königs standen. Sie verdienten sich bei der Bearbeitung dieser besonderen Aufgabe offensichtlich die ersten Meriten. Der Steuerrat Martin Heinrich Wittich, von der Kammer schon 1738 unter dem Eindruck des Templiner Wiederaufbaus als einer der besten Kurmärkischen Steuerräte gelobt, machte nach dem ersten Schlesischen Krieg in der Breslauer Kriegs- und Domänenkammer Karriere.219 Der Kriegs- und Domänenrat Ludwig Wilhelm von Münchow, der das Templiner Retablissements in der Kurmärkischen Kammer betreute, wurde 1739 mit nur 30 Jahren Direktor dieser Kammer.220 Nach dem ersten Schlesischen Krieg wurde er dann in den Rang eines Wirkl. Geh. Etats-Ministers erhoben stand der wichtigen Schlesischen Kammer als Chef und Präsident vor.

Der Templiner Bürgerschaft standen mit v. Münchow, Wittich und Berger demnach drei bestens ausgebildete Verwaltungsbeamte gegenüber, die sich voll und ganz mit den Zielsetzungen der absolutistischen Städtepolitik identifizierten und diese geschickt und selbstbewußt umzusetzen wußten.

Der Brand von 1735 und der folgende Wiederaufbau hatten kaum längerfristige Auswirkungen auf Zahl und Zusammensetzung der Templiner Einwohnerschaft.221 Charakteristisch ist, daß die Gesamtzahl der Einwohner zwar im Zeitraum von 1730-1740 von 1690 auf 1731 Personen stieg, von dieser Steigerung aber nicht alle Bevölkerungsschichten gleichmäßig erfaßt wurden. Während die meisten Bürger und die wenigen Einlieger mit ihren Familien in der Stadt blieben, dort auf königliche Anweisung verbleiben mußten, verließ das Dienstpersonal von den Gesellen bis zu den Mägden in großer Zahl die abgebrannte Stadt. Nur sehr langsam nahm in den folgenden Jahren die Zahl dieser Bevölkerungsgruppe wieder zu. Bei den Bürgern dagegen setzte sich der mäßige Zuzug der Jahre vor 1735 weiter fort. Der Wiederaufbau führte, dies gilt es festzuhalten, nicht zu einer Peuplierung, also einer raschen Vermehrung der Einwohnerzahl; wohl aber konnten die vormaligen Bewohner im Ort gehalten werden.222

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Die Bürgerrolle von 1735 enthält auch Angaben über die die Besitzverhältnisse der Bürger und über ihr Auskommen. Selbstverständlich verfügten alle 246 in dieser Liste aufgeführten Bürger über Ein Hauß cum Pertinentiby. Land welcher Art auch immer besaßen 137 Bürger (56%). Einen oder mehrere Erbgärten oder Erbwiesen besaßen 126 Bürger (51 %). Eine viertel Hufe oder mehr Land nannten immerhin noch 73 Bürger ihr eigen (30%). Einige wenige Bürger besaßen größere Flächen.223 Die Mehrzahl der Templiner hatte nur ein nothdürftigesAuskommen. Als bemittelt galten nur 15 Bürger.224 Zu den ärmsten Bürgern, deren Auskommen nur als kümmerlich galt gehörten Tagelöhner, Tuchmacher oder Bäcker. In dieser Einkommensgruppe befanden sich auch auffallend viele alte Bürger, die wegen ihres Alters nicht mehr arbeiten konnten.

In Beckmanns Nachlaß finden sich in der Nachricht von der (...) immediat-Stadt Templin, die wohl direkt auf Auskünften des dortigen Magistrats von 1743 beruht, folgende Angaben:

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Die Nahrung der Stadt bestehet hauptsächlich in Ackerbau und Viehzucht, und ist das commercium derselben von keiner besonderen consideration, weile es ihr an gehöriger Landschafft und Passage zu wasser fehlet, indem dieselbe meistentheils mit Heyde circum circa umbgeben und nur wenige und schlecht conditionirte Dörffer hat, so ihre Nothdurfft an Bier Brandtewein und anderen Victualien aus hiesiger Stadt holen.225

Nach den Angaben in der Bürger Rollevon 1735 machte der Ackerbau 41 % der Wirtschaft der Bürger aus.226 Engstens mit dem Ackerbau verbunden war das Brau- und Brennereiwesen, jedoch gab es kein ausgedehnteres Brauwesen oder gar den Export von Bier in größerem Umfang. Weitere agrarisch bestimmte Berufe wie Müller, Bäcker, Schlächter oder Fischer vervollständigen das Bild des von der Landwirtschaft geprägten Wirtschaftslebens. Das Textilgewerbe war zwar wie in den meisten märkischen Städten gut vertreten, aber mit knapp 16 % nicht dominierend. Der Handel schließlich war nur dürftig entwickelt. Templin entspricht dem typischen Bild einer agrarisch geprägten kurmärkischen Kleinstadt, in der neben dem Ackerbau einzig die Tuchproduktion eine gewisse Rolle spielte. Es ist also durchaus gerechtfertigt, Templin mit Blick auf die gewerbliche Struktur als „Ackerbürgerstadt“ zu bezeichnen.

Organisation, Kontrolle und zeitlicher Ablauf

Der König war auch beim Wiederaufbau Templins die oberste Instanz. Er griff persönlich in dessen Verlauf ein. Diese direkte Einflußnahme zeigte sich beispielsweise, als Friedrich Wilhelm I. im Mai 1737 von Liebenwalde über Zehdenick nach Templin fuhr, um den Fortgang des Retablissements zu begutachten. Er fand die Stadt mitten im Wiederaufbau, verfügte aber noch vor Ort unzufrieden,

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daß die Hütten in dieser abgebrandten Stadt mit den fordersamsten abgebrochen und weggeschaffet werden sollen und dann zu Verhütung aller Feuers Gefahr die höchste Nothwendigkeit erfordert, daß die Hütten, sonderlich zwischen denen Häusern in der Stadt stehen, mit Spelze gedeckt und keine massive Schornsteine haben, unverzüglich abgebrochen und weggeschafft werden sollen, um so viel mehr, da in verwichenen Pfingstfeste in des Postillion Schmockens seiner Hütte ein Brandt entstanden, wodurch leichtlich ein groß Unglück in der Stadt wiederum aufs neue verursacht werden können.227

In einer Reihe von Aktenstücken richtete sich der König zudem direkt an den Steuerrat oder den Magistrat. Wichtige Entscheidungen, etwa die finanzielle Unterstützung des Wiederaufbaus, die Festlegung des neuen Stadtplans oder die Vergaberichtlinien für Feuerkassen-, Bauhilfs- und Spendengelder mußten von ihm genehmigt werden.

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Entsprechend der seit 1723 bestehenden Verwaltungsgliederung war im Generaldirektorium Chef des II. Departements, Minister Franz Wilhelm von Happe, für die kurmärkischen und magdeburgischen Kammersachen und damit auch für den Templiner Wiederaufbau zuständig. Doch gibt es nur sehr wenig von dem Minister von Happe unterschriebene Aktenstücke. Auch im sonstigen Schriftverkehr ist nicht ersichtlich, welche Bedeutung ihm für den Wiederaufbau zukam. Zwar ging der gesamte Schriftverkehr zur Einführung der Rathäuslichen Reglements ebenso über seinen Tisch wie die Erarbeitung des Bauhilfsgelder-Reglements für die Kurmark von 1739, so daß er mit der Materie bestens bekannt war, doch sind dies alles Vorgänge, die mehrere Städte, wenn nicht das gesamte Gebiet der Kurmark betrafen. Einen sehr viel größeren Einfluß auf das Templiner Retablissement übten einzelne Mitgliedern der Kurmärkischen Kammer aus. In einem Schreiben vom 19. Oktober 1739 drang das Generaldirektorium darauf, daß der Umgang mit den Baufreiheitsgeldern nicht nur dem Gutdünken der Steuerräte überlassen bliebe, sondern auch der Direktor und der Präsident der Kammer persönlich Aufsicht führen sollten.228 Zum Zeitpunkt des Templiner Wiederaufbaus waren die Kriegs- und Domänenräte Ludwig Wilhelm von Münchow und Karl Franz Reinhardt für diese Belange zuständig, so bearbeiteten sie in dieser Zeit beispielsweise das Rathhäusliche Reglement für Templin. Wie die Akten belegen, bestimmten sie den Wiederaufbau maßgeblich mit. Sie legten die Rahmenbedingungen fest und koordinierten die Durchführung und Überwachung der Arbeiten. Neben der Kurmärkischen Kammer musste auch der Steuerrat beim Wiederaufbau einer in seinem Kreis liegenden Stadt zwingend eine führende Rolle einnehmen. Zum Zeitpunkt des Brandes und der ersten konzeptionellen Orientierung zum Wiederaufbau hieß der für Templin zuständige Steuerrat Martin Hennig Wittich. Mit Sicherheit kann eine maßgebliche Beteiligung Wittichs an der Ausarbeitung des Bau-Reglements und der darin enthaltenen Bestimmungen zur neuen Stadtgestalt und zur Organisation des Wiederaufbaus vor Ort angenommen werden.229 In die Zuständigkeit des Steuerrats fiel vor allem die Kontrolle des Wiederaufbaus. Wittich hatte zunächst den Bauablauf zu organisieren. Er war weiterhin verantwortlich für die Organisation und Überwachung einer gerechten Vergabe der neuen Parzellen, der materiellen und der finanziellen Beihilfen. Dazu mußte er die Richtlinien zur Verteilung erarbeiten sowie die Taxation der fertigen Gebäude genauestens überwachen. Letztere war ausschlaggebend für die Höhe der Zuschüsse und der Versicherungsbeiträge für die Feuersozietät. Schließlich hatte Wittich die rechtlichen Streitfälle, so weit möglich, vor Ort zu klären. Die unterste Instanz der königlichen Verwaltungshierarchie, der Magistrat, war schließlich für die Umsetzung aller Anweisungen der übergeordneten Behörden verantwortlich. Hier ist vor allem der Consul dirigens Johann Friedrich Berger zu nennen.

Nachdem die Versorgung der Templiner mit Nahrungsmitteln und die Bereitstellung von Notunterkünften sichergestellt war, gingen Magistrat, Steuerrat und Kurmärkische Kammer wohl noch im Herbst 1735, spätestens aber bis zum nächsten Frühjahr daran, einen neuen Stadtplan und die grundsätzlichen Modalitäten des Wiederaufbaus wie zum Beispiel die Verteilung und Zuweisung der Parzellen oder die Finanzierung zu erarbeiten. Wahrscheinlich nach dem Vorbild des Crossener Baureglements von 1708 erarbeitete man ein Bau-Reglement vor die abgebranndte Stadt Templin erarbeitet, welches 1736 von der Kurmärkischen Kammer bestätigt wurde.230 Auch der zugleich ausgearbeitete neue Stadtplan muß spätestens im Frühjahr dieses Jahres die königliche Approbation erhalten haben, damit schnell mit dem Abstecken der neuen Straßenfluchten und der Zuweisung der neuen Parzellen begonnen werden konnte. Der nun einsetzende Wiederaufbau ging zügig voran. Bis 1741, so berichtet Philipp nach heute verlorenen Quellen, war die Stadt „zum größten Teil wieder erstanden.231 Zwei Jahre später waren nach Angaben des Templiner Magistrats von den 320 Haußstellen bereits308 würcklich wieder bebauet.232 Es verwundert daher, daß die zweite Rate der unter Friedrich II. zugesagten Baufreiheitsgelder erst 1748 ausgezahlt wurde. Wie lange vor allem der innere Ausbau der Häuser teilweise dauerte, zeigt der Fall des Schneiders Matthias Zahl, der noch 1748 in der Bürgerheide eine Eiche entwendete, um daraus Dielen für sein Wohnhaus zu machen, in welchem er bereits seit 1737 wohnte.233 Der Großteil der Häuser dürfte fertig gewesen sein, als man 1746 daran ging, zunächst das Rathaus und ab 1749 dann auch die Kirche zu errichten. Als Rathaus und Kirche im Jahr 1751 fertiggestellt wurden, war damit der gesamte Wiederaufbau, der insgesamt 15 Jahre gedauert hatte, abgeschlossen.

Finanzierung

Nach den seit 1732 geltenden Verordnungen über staatliche Bauunterstützung in der Kurmark hätte der Neubau eines Hauses mit 23% Baufreiheitsgeldern, bestehend aus 8 % Holtz-Geld und 15 % Bau-Freyheits-Geld, bezuschußt werden müssen.234 Parallel zum Wiederaufbau Templins wurde eine landesweit einheitliche Neuordnung dieses wichtigen Förderinstruments diskutiert.235 Diese Diskussion fand ihren Abschluß in dem 1739 publizierten und ab 1740 bis 1806 gültigen Baufreiheitsgelder-Reglement.236 Grundsätzlich übernahm man in dieser neuen Regelung die schon zuvor in der Kurmark gültigen Bestimmungen, wie etwa den Umfang der Unterstützungen. Der Wiederaufbau Templins fiel demnach nicht nur hinsichtlich der Neuordnung der städtischen Verwaltung und des Handwerks in die Zeit intensivster obrigkeitlicher Regulierungsanstrengungen. Auch die staatliche Bauunterstützung und Bauförderung wurde gerade in den Jahren des Wiederaufbaus nach ausgedehnter Diskussion in eine für den Rest des Jahrhunderts gültige gesetzliche Form gebracht.

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So nah aber diese Diskussion dem Problem der Finanzierung des Templiner Wiederaufbaus in zentralen Punkten auch stand, so sehr waren die Bau-Freyheits-Gelder doch in erster Linie zur Unterstützung des normalen Anbaus von Bürgerhäusern gedacht, nicht zur Finanzierung des weitläufigen Wiederaufbaus ganzer Städte. Wie Ralph Jaeckel betont, standen zu Beginn des 18. Jahrhunderts bei kurzfristigen großflächigen Wiederaufbauprojekten andere Fördermittel im Vordergrund.237 Unentgeltliche Bereitstellung von Baumaterialien und befristete Abgaben- und Lastenbefreiungen waren sowohl in Crossen (1708) als auch in Teltow (1711) die wichtigsten Mittel zur Unterstützung des Wiederaufbaus. Finanzielle Zuwendungen wie die Gelder der Feuersozietät, Bauhilfsgelder oder Spenden waren dagegen für eine rasche Hilfe aus verschiedenen Gründen von untergeordneter Bedeutung – gemessen am tatsächlichen Aufwand der Bürger waren sie sehr gering bemessen; zudem wurden sie erst nachträglich und oft sehr zögerlich ausgezahlt.

Auch beim Wiederaufbau Templins sollte eine Mischung aus steuerlichen Erleichterungen, Sachzuwendungen und finanziellen Unterstützungen zum Erfolg führen. Über die steuerlichen Entlastungen gibt eine Petition des Templiner Magistrats an die Chur Märkische Landschafft vom Dezember des Jahres 1735 Auskunft:

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Wann wir nun und sämtliche Einwohner dieses Orths durch dieses große Unglück [den Brand, C.B.] in dem ehlendesten und kläglichsten Zustand gesetzt worden. So haben Ihro Königl. Majäst. solchen dergestalt allergnädigst zu Hertz genommen, daß Sie dieser abgebrandten Stadt unter andern reichen hohen GnadenBezeigungen auch eine dreyjährige Accise freyheit allergnädigst geschenckt.238

Von der Landschaft fordern die Templiner nun

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unß nach dem hochrühmlichen und allergnädigsten Exempel Seiner Königl. Majestät eine gleichmäßige dreyjährige Freyheit des Neuen Bier Geldes, Mahlziese und andere dergleichen Gefälle hochgeneigt angedeien laßen.

Neben der dreijährigen Akzisefreiheit gewährt man den Templiner Brauern schließlich,

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sechs nach einander folgende Jahre ein brauen um das andere ohne Erlegung des Landschafftlichen Neuen Bier Geldes.

Zur Förderung des Wiederaufbaus der Bürgerhäuser, aber auch der öffentlichen Gebäude wie Rathaus, Schule, Hauptwache und Akzisehäuser an den Toren, stellte König Friedrich Wilhelm I. außerdem insgesamt 18.000 Taler Baufreiheitsgeld zur Verfügung.239 Dazu kam die unentgeltliche Abgabe von Bauholz im Wert von 13.908 Talern und 400 Landprahme Kalk aus Rüdersdorf gegen Zahlung des Brecherlohns im Wert von 1.250 Talern. Unter Friedrich II. wurde der Templiner Wiederaufbau nochmals mit 23.693½ Talern Bauhilfsgeld unterstützt. Insgesamt betrugen die finanziellen Zuschüsse demnach knapp 42.000 Taler, und die Zuwendungen an Baumaterialien hatten einen Wert von rund 15.000 Talern. Der Wert der steuerlichen Erleichterungen läßt sich dagegen nicht exakt bestimmen. Ein Blick auf die insgesamt 197.205 Taler, welche allein für den Wiederaufbau der Häuser veranschlagt wurden,240 macht deutlich, daß die finanziellen und materiellen Zuschüsse des Staates, die ja für die Bürgerhäuser und die öffentlichen Gebäude gedacht waren, kaum ein Viertel der Gesamtkosten des Bürgerhausbaus ausmachten. Damit näherte sich der Umfang der Unterstützung jenen 23% Bauhilfsgeld, welche nach einem königlichen Patent von 1731 bis 1735 als Unterstützung beim Bürgerhausbau vorgesehen und auch nach dem ab 1740 geltenden Baufreiheitsgelderreglement üblich blieben.241 Wenn man nun noch die nicht näher zu bestimmende Summe der Gelder aus der Feuersozietät mit berücksichtigt, lässt sich festhalten, daß die Bürger mindestens zwei Drittel der Baukosten selbst bestreiten mußten. Diese Beträge, die etwa zwischen 200 Talern bei einem eingeschossigen Budenhaus und 800 Talern bei einem Eckbrauhaus lagen, bedeuteten für die Bürger, die in der Regel zunächst auch die erst nachträglich ausgezahlten Bauhilfsgelder aufbringen mußten, eine erhebliche Belastung.

Das Bau-Reglement vor die abgebranndte Stadt Templin. Ein absolutistischer Machtspruch

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Nach dem letzten Brande ist ein neuer Plan, wornach diese abgebrandte Stadt wieder erbauet werden müssen, mit Königl. allergnädigster Approbation formiret worden [...].242

Der Hinweis auf einen königlich approbirten Plan für den Wiederaufbau der Stadt findet sich immer wieder. Im frühen 18. Jahrhundert beschrieb der Begriff Plan nicht nur einen gezeichneten Stadtgrundriß, sondern ebenso ein für ein derart großes Projekt unerläßliches schriftlich fixiertes Regelwerk. Die Existenz eines derartigen Baureglements für Templin ist durch ein Schreiben belegt, in dem ein bereits 1737 zur Genehmigung eingesandtes Bau-Reglement vor die abgebranndte Stadt Templin genannt wird.243 Dieses heute verschollene Reglement war neben der ebenfalls verlorenen Zeichnung des regulierten Stadtgrundrisses das wichtigste Instrument, mit dem die Obrigkeit den Templiner Wiederaufbaus beeinflußte.244

Die Verordnung, wegen Wiederaufbauung der abgebrandten Stadt Crossen, und wie es damit gehalten werden soll von 1708, die wie das Retablissement dieser Stadt selbst lange Zeit Maßstäbe setzen sollte, wurde 1740 mitten im Wiederaufbau Templins erstmals publiziert.245 Es ist daher sehr wahrscheinlich, daß auch das Templiner Bau-Reglement sich in wesentlichen Punkten darauf bezog. Das Crossener Reglement bestand aus drei Teilen: Zunächst gab es 10 Puncte, welche Verfahrensfragen, Finanzierung und Bauunterstützung regelten, dann folgte das aus acht Puncte[n] zu baulichen Fragen bestehende eigentliche Reglement und schließlich gab es weitere 12 Puncte, welche die Regulierung der Plätze, Strassen und Gassen behandelten. Das von der Kurmärkischen Kammer 1736 genehmigte und wohl erst 1739 vom König confirmirte Baureglement für Templin umfaßte dagegen über 24 fortlaufend nummerierte Paragraphen. Es scheint somit rein formal eine Weiterentwicklung und Umformung des Crossener Vorbildes gewesen zu sein.246

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Wie im Crossener Bau-Reglement waren die Bestimmungen zum Wiederaufbau auch im Templiner Reglement in drei Gruppen gegliedert: Es gab erstens Maßnahmen zur Regulierung des Stadtgrundrisses und Bestimmungen für die Realisierung des Stadtumbaus, zweitens feuerpolizeiliche, hygienische und bautechnische Vorgaben mit besonderem Bezug zum Fachwerkbau sowie ästhetische Richtlinien für eine größtmögliche Regularität der Häuser an den Straßen- und Platzfronten. Drittens beinhaltete das Reglement Verfahrens- und Organisationsvorschriften, Bestimmungen zur Finanzierung und Unterstützung sowie Regelungen der Notunterkünfte und der Verpflegung.

Zur ersten Gruppe gehörte in Templin die königlich approbirte Zeichnung des neuen Stadtgrundrisses. Die geplanten städtebaulichen Veränderungen wurden üblicher Weise jedoch nicht nur zeichnerisch, sondern auch schriftlich fixiert. Daher dürften auch zunächst auch die im neuen Templiner Stadtgrundriß vorgesehenen Begradigungen und Verlegungen von Straßen und Platzkanten, die Grundstücksveränderungen, die Anlage neuer Stadttore und die Lage der öffentlichen Gebäude kurz und präzise erläutert worden sein. Blankenburg berichtet in seiner Templiner Chronik von einer weiteren entscheidenden städtebaulichen Festlegung:

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Ferner wurde die Länge der Straßenfront der zu errichtenden 320 Hausgrundstücke sowie die der Eckgrundstücke besonders festgesetzt, um ein einheitliches Bild entstehen zu lassen. Außer den Eckgrundstücken war für jedes Wohngrundstück eine Straßenfront von 40 Fuß vorgeschrieben.247

Neben den normalen, auf 40 Fuß Breite festgelegten Bürgerstellen wurde nach dem neuen Plan nur den 32 Eckbrau-Stellen und 7 Brau-Plätzen im Quarre eine Straßenfront von 60 Fuß zugestanden. Die wirtschaftspolitisch begründete drastische Verringerung der Braustellen wird hier in ein grundlegendes städtebauliches Ordnungs- und Gestaltungsmittel – die Breite der Straßenfront – transformiert. Diese tief in das traditionelle Gefüge der Stadt und der bürgerlichen Rechte eingreifende Maßnahme muß, damit sie umgesetzt werden konnte, in irgendeiner Form schon im Baureglement und nicht erst im 1739 erstmals publizierten Braureglement festgehalten gewesen sein.248

An derartige städtebauliche Vorgaben schlossen sich, wie das schon im Crossener Reglement der Fall war, Bestimmungen über die in diesem Zusammenhang notwendigen Entschädigungen an.249 In einem Schreiben des Templiner Lehrers Parisius von 1738 heißt es beispielsweise: Die massive Keller sind bezahlt vor ungefehr drey Wochen a dato.250 Es gab also für die nach dem neuen Plan abzubrechenden alten massiven Keller eine Entschädigung. Vermutlich galt dies wie in Crossen auch für die Fundamente. Ebensowenig kann mit Sicherheit gesagt werden, wie die Veränderung der Parzellen insgesamt gehandhabt wurde. In mehreren Fällen sind Beschwerden der Bürger über den Verlust von Garten- oder Grundstücksfläche nach dem neuen Plan und Forderungen nach Entschädigung überliefert. Die Regeln für die Verteilung der neuen Parzellen, welche es wegen des Umfangs und der Komplexität dieser für das innerstädtische Klima entscheidenden Aufgabe gegeben haben muß, lassen sich nicht vollständig rekonstruieren. Unklar bleibt, ob und wenn ja, in welchem Umfang die Eigenschaften der alten Parzellen wie Flächeninhalt und Breite an der Straße mit denen der neuen abgeglichen wurden.

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Eine Vorstellung vom Tonfall des gesamten Baureglements und von der Art und Weise, wie nicht nur mit der Frage der Entschädigungen, sondern auch mit anderen Ansprüchen der Bürger umgegangen wurde, vermittelt der Paragraph 24, der annähernd in seinem Wortlaut überliefert ist:

Nun disponiret das von der p. Cammer ad 1736 approbirte Bau-Reglement vor die abgebranndte Stadt Templin § 24: daß jeder die ihm angewiesene Stelle innerhalb von 4 Jahren bebauen oder gewärtigen solle, daß selbige nebst darauf hafftenden Feuer Societäts- und Pro Cent-Geldern demjenigen, der solche bebauen will, gegeben werde.252

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Diese in Templin offensichtlich erfolgreich angewandte Methode, die Bebauung wüster Stellen durch massive Drohungen – bis hin zum völligen Verlust des Eigentums – zu beschleunigen, hatte 1735 in der kurmärkischen Verwaltung schon eine aktenkundige Tradition.253

In der zweiten Gruppe von Bestimmungen waren zunächst feuerpolizeiliche, hygienische und bautechnische Vorgaben mit besonderem Bezug zum Fachwerkbau aufgeführt. Eine einschlägige Bestimmung aus diesem Bereich war ein 1708 erlassenes Edikt. Da es dem gemeinen Wesen zuträglich sei, ordnete das Edikt an,

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allemahl zwischen vier, fünff oder auch sechs Häuser, von einer Straße zur anderen, eine Brandfreye Mauer, die einen oder zwey Fuß über die Dächer der beyden daran stoßenden Häuser […] hervorragen müste, aufführen zu lassen.254

Da sich die Brandmauer nur bei nicht aneinander gebauten Häusern verwirklichen ließ, wurde weiter bestimmt:

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Wo sich befinden möchte, daß zwischen dem fünfften oder sechsten Hause kein Spatium zur Mauer wäre, sondern die zwey Häuser, zwischen welchen diese Mauer aufgeführet werden soll, dergestalt aneinander stehen, daß sie sich berühren; Da ist eine von denen Wänden hinweg zu nehmen, und statt deren die Mauer zwischen den Häusern hinauf zu führen. Die zu sothanen Bau erforderte Unkosten gehen über diejenige, so in der Gegend wohnen, nach einer billigmäßigen und proportionirten Eintheilung.

Ausdrücklich wird hier betont, daß diese Anordnung sowol in denen Neuanzubauenden, als denen schon angelegten Städten zu befolgen sei. Der Wiederaufbau von Crossen setzte, wie die über die Dächer ragenden Brandmauern zeigen, diese Verordnung konsequent um. Da die Forderung nach Brandwänden auch in der Allgemeinen Feuer-Ordnung in denen Städten der Chur-Marck von 1718 wiederholt wurde, kann man davon ausgehen, daß sie in das Templiner Reglement aufgenommen wurde. Weitere feuerschutztechnische Bestimmungen forderten das bei Gebäuden in der Stadt obligatorische Ziegeldach, die Ziegelausfachung zur Straße und die massive Ummauerung der Feuerstellen. Die Scheunen wurden aus der Stadt in die Scheunenviertel vor den Mauern verwiesen. Das feuergefährliche Brauen war durch spezielle Vorschriften geregelt. Ein Brau-Haußmußte denen Königl. Verordnungen gemäß, also aptiret (sein), daß darin ohne Feuers-Gefahr gebrauet werden könne. Die Wände, welche die Braustelle umgaben, mußten massiv, der Schornstein gemauert und der Fußboden durfte nicht hölzern sein. Für die Darren war vermutlich festgelegt, es müßten

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für Feuers-Gefahr sichere, entweder gantz massive mit einem Gewölbe oder Schwiebbogen umschlossene, und mit einen massiven Schornstein versehene, oder in der Erde gewölbbte, massive, mit draternen Borden, oder kupfernen, eisernen, oder töpfernen Platten, welche auf eisernen Stäben ruhen, versehene Räume sein.

An der Schnittstelle zwischen Feuerschutz und Hygiene ist eine im Baureglement mit großer Wahrscheinlichkeit enthaltene Verfügung anzusiedeln, die das Verbot von Giebelhäusern und von Gängen zwischen den Häusern betraf. Gegen beides gab es neben feuerpolizeilichen und wohl kaum formulierten ästhetischen Gründen auch hygienische Bedenken. In einer diesbezügliche 1691 erlassenen Verordnung heißt es:

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Wir haben Uns unterthänigst berichten lassen, welcher gestalt in denen meisten Gängen, so zwischen denen Häusern in Unsern Residentzien sich befinden, Priveter und Cloacen angeleget seyn, also daß bey einfallenden Regenwasser alle Unreinigkeiten davon nachher denen Strassen hinfliesset, welches nicht allein grossen Stanck erwecket, sondern gar Contagien und Kranckheiten veruhrsachen kann.257

Daher seien, so die Verordnung weiter, diese Priveter und Cloacen abzuschaffen und durch Sickergruben zu ersetzen. Wir haben es also bei der Beseitigung der Gänge zwischen den Häusern, die oft als letzter Rest von der ehemaligen Giebelständigkeit geblieben waren und zur lückenlosen Blockrandbebauung mit traufständigen Häusern führte, nicht nur mit einer feuerpolizeilichen und ästhetischen, sondern auch mit einer dezidiert gesundheitspolizeilichen Maßnahme zu tun.

Weitere gesundheitspolizeiliche Ziele des Wiederaufbaus, die vor allem beim Hausbau angestrebt waren, sind im Text des Baureglements wohl nicht ausdrücklich benannt worden. Im Stadtarchiv von Angermünde hat sich aus den ersten zwei Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts eine größere Zahl von Verordnungen in Punkto der Contagion, also bezüglich der Pest und anderer ansteckender Krankheiten, erhalten.258 Ein wichtiger Punkt ist darin immer wieder die Reinigung derer von der Pest inficirten Häuser. In dem diesbezüglichen Reglement von 1710 wird geregelt, daß die

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bey der Infection theils gäntzlich ausgestorbene und zugenagelte, theils nur sonst eine zeitlang gesperrete Häuser und Wohnungen, mit und nebst allen darin befindlichen Mobilien, nachdem auffs wenigste in sechs Wochen niemand mehr in solchen Häusern gestorben, und die überbliebene Gesunde völlige Quarantaine gehalten, wieder geöffnet, behöriger massen gereiniget, und zur künfftigen sicheren Wohnung zubereitet werden müssen.

Für den Vorgang selbst wird folgendes festgelegt:

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die Reiniger, welche unter starcken Rauch in das inficirte Hauß eingehen, sollen alle Fenster und Thüren weit auffgesperret, und 2. biß 3. Tage nacheinander einige Stunden, und zwar so viel möglich an einem hellen Tage, wann die Sonne schon zimlich hoch gekommen ist, offen gehalten werden, damit selbige die Lufft wohl durchstreichen und auswittern könne. Muß durch die Reiniger hierauf etliche Tage nacheinander ein starcker Rauch, entweder durch angezündetes Büchsen-Pulver oder puren Schwefel, gemachet, Thüren und Fenster, biß der Dampf alle Gemächer wohl durchzogen, zu gehalten; Nachhero die Fenster und Türen, damit die durchgehende Lufft sie durchstreichen könne, wieder eröffnet werden.

Zu diesem letzten Punkt heißt es weiterführend, die Häuser sollten

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nachgehends aber mit denen in allen Apotheken befindlichen Räucher-Kertzen oder anderen wohlrichenden Speciebus, als Wacholder-Beeren, Bernstein, Mostrich und Myrrhen, die Logementer von dem scharffen schwefflichten Rauch-Dampff wieder befreyet, und wann sie wenigstens annoch 14. Tage offen gestanden und wohl durchwittert seyn, mit sicherheit wieder bezogen werden.

Die Räume eines den Hygienevorstellungen gemäß eingerichteten Hauses, so ließe sich diese Verordnung verallgemeinern, sollten regelmäßig von durchgehender Luft durchstrichen werden können. Die Vorstellung einer Durchlüftung ist eng verknüpft mit dem Gedanken, nur die ‘helle trockene Luft’ eines sonnenreichen Tages sei wirklich gesund. Folglich mußten die Häuser möglichst hohe, nicht verschachtelte Räume besitzen, die über große Fenster gut zu Belichten und durch entsprechende Grundrißanordnung querzulüften sind – kurz regelmäßige Grundrisse, hohe Räume und viele große Fenster waren gefordert.

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Da man sich in Templin entschlossen hatte, die Bürgerhäuser in Fachwerk erbauen zu lassen, muß es im Baureglement neben den unter der Rubrik Feuerpolizei angeführten weitere Vorschriften zum Fachwerkbau gegeben haben. Aus den Paragraphen des ab 1734 nach dem Vorbild der Kurmärkischen für die Neumärkische Kammer erarbeiteten Bau-Reglements, welches 1739 in Kraft trat, lassen sich einige vergleichbare Vorgaben abgeleiten.259 Auch in Templin war mit Sicherheit gefordert,

daß zu denen Fundamenten Feld-Steine, wann sie nahe bey zu haben, genommen, die Fundamente bey höltzernen Häusern an den Ort, wo der Bau-Platz am allerhöchsten ist, 1 Fuß über der Erde geführet, damit die Schwellen so hoch zu liegen kommen, und solche in den Türen halbausgeschnitten.

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Die Schwellenmußten von dem besten kienigen Holtz genommen und alle Balcken auf die hohe Kante gelegt werden. Die Gefache sollten, wenn sie nicht wie an den Fassaden und Giebeln massiv auszufachen waren,

tüchtig gestaacket, und jede Staacke 3 biß 4 mahl mit Lehm Draht umgeschlagen [werden], niehmalen einseitig, sondern auch inwendig gegengeworfen, und mit dem Holtze gleich gelehmet, an denen Orten, wo die Steine nicht kostbahr und weit zu hohlen sind, so wohl an denen Scheunen, insonderheit denen Ställen die unterste Fächer mit guten Kalck ausgemauert, [...], die Windel-Boden, so inwendig mit Kalck überzogen, werden nicht dem Holtze gleich beworffen, auch überhaupt alle gemauerte Fächer, so auswendig mit Kalck abgetünchet die Steine darinn denen Stiehlen und Riegeln außerhalb nicht gleich, sondern so weit hineingesetzet werden, damit der Kalck nicht über das Holtz komme, inmaßen solcher gestalt die Fächer auswendig viel länger, als im wiedrigen Fall conserviret bleiben, und inwendig mit wenigern Lehm ausgeworffen werden dürffen.

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Schließlich war im Templiner Baureglement wohl auch bestimmt, daß jedes Geschoß zweifach zu verriegeln sei und daß es keine vorspringenden Obergeschosse geben dürfe.

Schon in den Bereich ästhetischer Richtlinien fällt ein offensichtlich berücksichtigtes Verbot für schräge Streben an den Straßenseiten. Diese und andere heute ästhetisch anmutende Vorgaben waren wohl nicht ins Baureglement aufgenommen worden. Wahrscheinlicher ist, daß sie in mündlichen Absprachen oder mittels eines Musterentwurfs vermittelt wurden. Beim Wiederaufbau von Wittstock nach 1716 hatte man die bautechnischen und gestalterischen Ziele durch einen von Johann Friedrich Dölle angefertigten Normalbaurißzu erreichen gesucht. Wie Wilhelm Polthier nach heute verlorenen Akten berichtet, mußten nach den zum Normalbauriß gehörenden Verordnungen die Schwellenin Gegenwart des Magistrats gestreckt“und gleich hoch gelegt werden, dieunterste Etage sollte „von der Schwelle bis zum Balken 10 Fuß und die oberste vom Balken bis zum Balken 10 Fuß hoch“sein.260 Schließlich legte man mit Verweis auf den Normalbauriß sogar fest: die „Ständer sind in der Ordnung zu setzen wie der Döllesche Riß zeigt“. Die Musterzeichnung bestimmte mit der Anordnung der Ständer auch die Anordnung der Fenster und somit die Gestalt der Fassade. Ähnliches muß es auch in Templin gegeben haben.

In der dritten Gruppe der Bestimmungen des Baureglements gab es Festlegungen zu den Modalitäten bei der Grundstücks- und Baumaterialzuweisung. Die rechtlich verbindliche Zuteilung der neuen Parzelle in ihren genau abgesteckten Grenzen wurde durch den Oberbaudirektor Stolze, den Steuerrat Wittich und einen weiteren Baubediensteten vorgenommen. Um späteren Rechtsstreitigkeiten vorzubeugen, war das Beisein der Nachbarn vorgeschrieben.261 Die Bereitstellung des wichtigsten Baumaterials Holz war wohl entsprechend der Templiner Holzordnung von 1738 geregelt.262

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Auch war schon im Baureglement festgeschrieben, wie das Geld unter die bauenden Bürger aufzuteilen war. Der Paragraph 22 regelte diese bei der Verteilung des Geldes (Feuerkassen-, Bauhilfs- und Kollektengelder) notwendigen Formalitäten. Selbst bezüglich der Spendengelder befahl Steuerrat Wittich 1737,

daß wegen der Collecten Gelder, eine Repartition gemachet, zur Königl. approbation fordersamst eingesand, und hiernegst nach dem 22§ des Bau Reglements, gegen Asignation und Quitung zum Bau außgezahlet werden sollen.263

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Sämtliche Gelder, ob sie nun als Spenden, als rechtlich zugesicherte Feuerkassengelder oder als königliche Bauhilfsgelder zur Verfügung standen, wurden demnach im Baureglement unter obrigkeitliche Verwaltung genommen, repartirt, d. h. nach bestimmten Schlüsseln möglichst gerecht auf die Bürger verteilt, und nur gegen Asignation und Quitung zum Bau, d. h. nur baugebunden und streng kontrolliert, an die Bürger ausgezahlt. Die königliche Verwaltung machte selbst vor dem Zurückhalten der Spendengelder nicht halt und verknüpfte deren Auszahlung mit der Einhaltung der baulichen Vorgaben. Zwar wehrte sich die Bürgerschaft gegen diese Maßnahme, mußte sich aber letztlich den Machtverhältnissen beugen.264 Neben dem Nachweis der vorschriftsmäßigen Verwendung der Gelder, der auch bedeutete, daß die Bürger die Zuschüsse erst ausgezahlt bekamen, nachdem sie eine bestimmte Menge Bauholz gekauft oder die notwendigen Baufortschritte gemacht hatten, war eine Auszahlung in Raten vorgeschrieben. Die anteils- und ratenmäßige Auszahlung der Feuerkassen- und Bauhilfsgelder war wohl so geregelt, wie es die Holzordnung für die Holzvergabe vorsah. Danach ließ sich der Bürger auf seiner Parzelle vom Steuerrat, einem Mitglied des Magistrats und/oder einem Bauinspektor seinen nach der Größe des Hauses, dem angekauften Baumaterial und/oder dem Baufortschritt bemessenen berechtigten Anteil asignieren, ging damit zum Magistrat, der ihm gegen Quittung diesen Betrag auszahlte und die Quittungen zur Kontrolle und Übersicht an den Steuerrat weiterleitete.

Die Bestimmungen des Bau-Reglements vor die abgebranndte Stadt Templin zeigten deutlich die städtebaulichen und gesellschaftspolitischen Zielsetzungen des Königs und der Staatsbehörden. Die Tiefe der bürokratischen Reglementierung und der Umfang des staatlichen Regelungsanspruchs, der sich schon auf den ersten Blick im grundlegend veränderten Stadtgrundriß offenbart, prägten Inhalt und Tonfall des Baureglements. Die Regulierung des städtischen Raums, zu der außer dem geometrisch geordneten Straßenraster die exakte Bauflucht und die einheitliche Gestaltung der Blockkanten gehörte, die Erhöhung der Feuersicherheit, die Verbesserung der hygienischen Zustände und die Aufrechterhaltung beziehungsweise Schaffung klarer rechtlicher Verhältnisse bezüglich des Grundstückseigentums waren die Hauptziele der Obrigkeit beim Retablissement Templins. Die Interessen der Templiner, die wohl zumeist auf Bewahrung des Besitzstandes an Grund und Boden sowie möglichst schnellen und preiswerten Wiederaufbau der zum Leben notwendigen Gebäude gerichtet waren, fanden keinen Eingang in das Baureglement.

Einer langen Reihe obrigkeitlicher Forderung, die massiv in bürgerliches Eigentum eingriffen standen zu ihrer Durchsetzung nur geringe Mengen an materiellen und finanziellen Fördermitteln, vor allem aber massive Drohungen – bis hin zu Eigentumsentzug und Festungshaft – gegenüber. Bestimmend für die Gestaltung des Retablissements wurde die Machtposition der Verwaltungsbeamten des absolutistischen Staatsapparats, der im Zenit seiner Leistungsfähigkeit stand.

Wer entwarf Stadtgrundriß, Wohnhäuser und öffentliche Bauten?

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Der Baumeister Philipp Gerlach war als königlicher Oberbaudirektor im Zeitraum des Templiner Wiederaufbaus für das Bauwesen der Kur- und Neumark verantwortlich. Dabei trat er auf dem Gebiet der Stadtplanung etwa mit den Berliner Stadterweiterungen der 1730er Jahre, der Potsdamer Stadterweiterungen der 1720er und 1730er Jahre, einem Baubauungsplan für Neustadt-Eberswalde (1721) und der Anlage der Cottbusser Neustadt (1726 bis 1730) hervor und bewies besonders in Berlin sein Können. In den Jahren 1735 und 1736, in denen der neue, königlich approbirte Plan für Templin entstand, ist im Templiner Cämmerey-Extract jeweils ein Posten von 16 Talern für den Geh. Rath Gerlach verzeichnet. Diese städtischen Ausgaben sind einmalig und tauchen weder danach noch davor in den Rechnungen der Kämmerei auf. 265 Diese aktenkundige Erwähnung Gerlachs zusammen mit seiner Zuständigkeit und Befähigung für diese Angelegenheit und vor allem die Ähnlichkeit des Templiner Stadtplans mit der südlichen Friedrichstadterweiterung in Berlin lassen kaum einen Zweifel daran, daß der neue Stadtplan von Gerlach stammt.

Zur Kurmärkischen Kammer gehörten seit der Verwaltungsreform der 1720er Jahre auch zwei bis drei Bau-Departementsräte.266 Einer dieser Baufachleute war 1735 der Oberbaudirektor und Hofbaumeister Johann Karl Stolze.267 Schon einige Jahre zuvor, erstmals 1723 in Luckenwalde268 und dann zwischen 1726 und 1730 in Spandau, war Stolze an vergleichbaren Projekten beteiligt. Wahrscheinlich beaufsichtigte er in Templin die Wiederaufbauarbeiten. Ganz sicher war er für die Aufmessung, Verteilung und rechtsverbindliche Zuweisung der neuen Bürgerstellen, die Organisation des Arbeitsablaufs und die Überwachung der königlichen Vorgaben verantwortlich.269Welchen Anteil Stolze darüber hinaus an der Planung des Wiederaufbaus und der Erarbeitung des neuen Stadtgrundrisses hatte, ist nicht zu bestimmen. Mit Stolze ist ein weiterer versierter Fachmann und ranghoher preußischen Baubeamter beim Wiederaufbau Templins nachweisbar. An anderer Stelle erwähnt der Templiner Bürger Matthies Zahl, daß zur Ausmessung und Vergabe der neuen Stellen ein Bauinspektor verordnet gewesen sei.270 Wer dieser Bauinspektor war, der Stolze vor Ort zur Hand ging, muß offenbleiben. Die Entwürfe für die einzelnen Bürgerhäuser dürften von den ortsansässigen oder auswärtigen, zur Zeit des Wiederaufbaus in der Stadt anwesenden Zimmermeistern stammen. Die Analyse der Fassaden und Grundrisse macht es aber wahrscheinlich, daß es bezüglich der Bürgerhäuser Musterentwürfe von Gerlach, Stolze oder einem anderen königlichen Baubeamten gegeben hat.

Auch die Entwürfe für das Rathaus und die Kirche lassen sich nicht einem einzelnen Architekten zuzuordnen. Ein heute verlorenes Aktenstück führte aus: Bau-Inspektor Schmidt aus Berlin hat nicht nur unter Hinzuziehung des Hof Zimmer- und Maurermeisters 1737 sondern auch nochmals Febr. 1743 unter Zuziehung des Hof-Zimmermeisters Suckow und des Maurermeisters Indiger Riss und Anschläge zum Wiederaufbau der Kirche und des Rathhauses angefertigt und die Baukosten berechnet. Diesselben sind vom König approbiert, soweit sie das Rathaus betreffen. Der Plan für den Kirchenneubau von Bau-Direktor Kemmetern revidiert. Letzterer wurde von der Stadt ersucht, beide Pläne herzustellen.271 Für die Kirche gab es also einen Entwurf des Bauinspektor Karl Samuel Schmidt, nach dem auch gebaut wurde. Für das Rathaus scheint neben Schmidt auch, wie von den Templinern gewünscht, der Baudirektor der Kurmärkischen Kammer Johann Gottfried Kemmeter einen Entwurf angefertigt zu haben.272 Von diesem soll der König aber nur die Fassade genehmigt haben. In einem Brief an Friedrich Nicolai berichtet Friedrich Wilhelm Diterichs dann allerdings, er habe den architectonischen Riß vom Rath Haus zu Templin angefertigt.273 Es scheint demnach so, daß das Rathaus ab 1746 nach einem Entwurf Diterichs ausgeführt wurde, der sich wohl an dem Fassadenentwurf Kemmeters orientierte. Der Bauinspektor Schwattken und der Kriegsrat Gerber fertigten die Ausführungszeichnungen und konkreten Anschläge an und leiteten den Bau vor Ort. Auch wenn letztlich nicht genau zu klären ist, wer die Entwürfe für Kirche und Rathaus anfertigte, so zeigt gerade die Vielzahl der Beteiligten, ihr hoher Rang innerhalb der königlichen Verwaltung und ihre Nähe zum baukünstlerischen Zentrum des Landes, welche Beachtung man dieser Bauaufgabe und dem gesamten Templiner Retablissement schenkte.

Das neue städtebauliche Bild

Regulierter Stadtgrundriß

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Der Templiner geistliche Inspektor Johann Thomas Haupt hebt 1749 hervor, die neuen Häuser seien in gerader Linie und in gleicher Höhe aufgebaut worden. Weiter schreibt er:

Die Straßen der Stadt sind breit und geräumig und reichen von einem Ende der Stadtmauer bis zum anderen.274

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Noch 1805 bemerkt Bratring:

Templin ist unter allen Uckermärkischen Städten, wenn man allenfalls Schwedt ausnimmt, am regelmäßigsten angelegt. Die Hauptstraßen sind breit und gerade [...]. Der Marktplatz ist nach Verhältniß sehr groß und bildet ein regelmäßiges Viereck.275

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Abb. 17: Templin, Stadtplan von 1810, Umzeichnung C. Baier

Die Reihe solcher Beschreibungen ließe sich fortsetzen. Immer wieder ist vermerkt, daß den neuen Templiner Stadtgrundriß vor allem seine Regularität auszeichne. Die vor dem Brand so vielgestaltigen und einer gewissen Hierarchie unterworfenen Straßen sind jetzt reguliert, d. h. von gleicher Breite und gleicher Gestalt. Mehr oder weniger exakt vier Ruten breit kreuzen sich drei Längs- und sechs Querstraßen rechtwinklig.276 So wird ein übersichtliches Raster aus parallel verlaufenden Straßen gebildet, zwischen welchen rechteckige, nur entlang der Stadtmauer unregelmäßig abgeschnittene Baublöcke für die Parzellen entstehen.

Die Grundidee, die hinter diesem Plan steht, könnte man auch folgendermaßen rekonstruieren: Zwei Reihen mehr oder weniger vollständig verwirklichter länglicher Rechteckquartiere flankieren eine Reihe annähernd quadratischer Quartiere, aus welcher der Markt ausgespart ist. Auch wenn dieses abstrakte Grundschema nicht vollständig umgesetzt wurde, scheint der neue Stadtgrundriß mit seiner absoluten Rechtwinkligkeit und der Gleichförmigkeit der Straßenbreiten in erster Linie von einfachen mathematisch-geometrischen Prinzipien beherrscht und somit völlig losgelöst vom alten Grundriß gestaltet zu sein. Doch sind die Beziehungen zwischen altem und neuem Stadtgrundriß weit komplizierter. Zunächst gibt es drei Fixpunkte für die Neuanlage. Dies sind erstens die Kirche mit dem sie umgebenden Friedhof, zweitens das Rathaus mit dem Marktplatz und drittens die Stadtmauer mit den Toren. In dieses Gefüge von ideellen und materiellen Konstanten mußte die neue Grundrißfigur so hineinkomponiert werden, daß sie dennoch den Ansprüchen einer zeitgenössisch-modernen Gestaltung entsprach.

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Die Königsstraße (Berliner Straße/Pestalozzistraße)277, in Verlauf und Breite nur unwesentlich reguliert, wird dabei als senkrechte Achse für die gesamte Gestaltung bestimmend. Die Straße läuft, wie schon vor dem Brand, im Süden direkt auf das als Point de vue dienende Berliner Tor zu.278

Abb. 18: Templin, Berliner Straße, Blick auf das mittelalterliche Berliner Tor

Im Norden, in Richtung See, stößt sie auf einen neu angelegten Mauerdurchbruch, das sogenannte Wassertor. Dieses baukünstlerisch nicht gestaltete „Tor“ dient hauptsächlich dem ungehinderten Zugang zum Wasser und ist in erster Linie feuerpolizeilich motiviert. Im rechten Winkel zur Königsstraße führt man die Mühlenstraße (Mühlenstraße) direkt auf das Mühlentor zu, das wiederum als Point de vue dieser Straße dient. Diese Straße bildet die bestimmende waagerechte Achse, die künftige Haupt-Straße279. Die herausgehobene Bedeutung dieser Straße kommt in der Anlage des Neuen Tors an ihrem östlichen Ende zum Ausdruck.

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Abb. 19: Templin, Akzisehaus und Neues Tor am südöstlichen Ende der Mühlenstraße, Aufnahme 1925

Sie wird jedoch nicht, was möglich und üblich gewesen wäre, zusätzlich durch eine besondere Breite als Hauptachse markiert.280 Alle Straßen sollen gleich breit sein. Königsstraße und Mühlenstraße definieren zugleich die nordwestliche und die nordöstliche Platzkante für den Marktplatz, der im südlichen Winkel des von den beiden genannten Straßen gebildeten Straßenkreuzes platziert wird. Mit diesen Straßen und dem Marktplatz sind auch die Schwerpunkte des neuen „Verkehrskonzepts“ markiert. Anstelle dreier „Stichstraßen“ sollte nun vor allem die Mühlenstraße den Verkehr als Hauptstraße zum Markt und durch die Stadt führen.281

Doch ist die Definition der Hauptverkehrswege nur ein erster Schritt bei der Gestaltung des Stadtgrundrisses. Um die Kanten für die Baublöcke zu gewinnen, müssen auch die Fluchten der übrigen Straßen abgesteckt werden. Für die Lage der zweiten Längsstraße, der Werderstraße, gibt es mehrere Anhaltspunkte. Zum einen wird die Blockkante des alten Stock No. I abgesehen von den üblichen Begradigungen auch an dieser Stelle komplett beibehalten. Zum anderen wird diese Straße parallel zur Mühlenstraße und direkt auf das wiederum als Point de vue dienende Prenzlauer Tor zugeführt.

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Abb. 20: Templin, Werderstraße, Blick auf das mittelalterliche Prenzlauer Tor; links Eckhaus Werderstraße 28, rechts Giebel des Hauses Werderstraße 13, davor ehemals bebaute Eckparzelle

Schwieriger erscheint es zunächst, die Lage der Schulzenstraße(Schinkelstraße/Rühlstraße) zu begründen. Diese Straße bildet vor allem die südwestliche Platzkante. Jedoch ist sie in ihrer Lage nicht von der geometrischen Figur des Platzes bestimmt. Um einen exakt quadratischen Platz zu bilden, hätte diese Straße in Anlehnung an die alte Judenstraße und die Parzellenflucht des Stock No. XVII angeordnet werden müssen. Sie wurde aber um fast zwei Meter Richtung Südwesten verschoben und direkt auf den Eulenturm der mittelalterlichen Stadtmauer orientiert. Für das somit in Kauf genommene Abweichen von der quadratischen oder überhaupt mathematisch proportionierten Gestalt des Marktes und von den alten Parzellengrenzen muß es allerdings einen schwerwiegenderen Grund als die Orientierung am Eulenturm gegeben haben.

Nicht nur die waagerechten Längsstraßen, sondern auch die senkrechten Querstraßen folgen in ihrer Anordnung bestimmten Regeln und Voraussetzungen. Parallel zur Königsstraße wird, in Anlehnung an die alte Parzellenflucht, entlang der alten Stöcke XII und XIII die südöstliche Marktplatzkante festgelegt. Dabei nimmt man in Kauf, daß die Verlängerung dieser Kante als Prenzlauer Straße (Ernst-Thälmann-Straße) nicht mehr direkt auf das Prenzlauer Tor zuführt; dies umso mehr, da ihre Bedeutung als Hauptverkehrsachse generell aufgehoben werden sollte. Die Fischerstraße (Fischerstraße) folgt mit der Orientierung auf den Pulverturm wieder mehr dem Prinzip des Point de vue. Für Karree Nr. XII, VI, II und VII gibt der alte zwischen Königsstraße und Kirchplatz gelegene Stock No.I die Breite und damit die Lage der Probsteistraße(M.-Luther-Straße) vor. Die Kirche, d. h. der Raum, den sie zwischen zwei senkrecht zur waagerechten Hauptachse verlaufenden Straßen einnimmt, bestimmt die Breite der schmalsten Karrees (Nr. XIII, XIV, XV, XVI) und so die Lage der Diakonatstraße (Kantstraße). Bei der Anordnung der Grünstraße (Goethestraße) wird dann aber weder auf alte Parzellenfluchten noch auf Flucht- oder Blickpunkte Bezug genommen.

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Die Grünstraße und die Schulzenstraße lassen sich in ihrer Anordnung nur erklären, wenn man einen weiteren Gestaltungsgrundsatz für den neuen Stadtplan annimmt – die Symmetrie. Neben der grundlegenden Ordnung durch das Kreuz der Hauptverkehrsachsen sind entlang von Achsen immer wieder spiegelsymmetrische Entsprechungen festzustellen.

Abb. 21: Templin, Symmetrieachsen („Rathausachse“ und „Kirchenachse“) mit symmetrischer Anordnung der Parzellen, Zeichnung auf der Grundlage des Plans von 1810 von C. Baier

Die wichtigste Symmetrieachse verläuft durch das Rathaus und somit durch die Reihe annähernd quadratischer Quartiere. Auf dieser parallel zur Mühlenstraße geführten Achse steht rechtwinklig die zweite, durch die Kirche verlaufende Achse. Damit sind die beiden bedeutendsten kommunalen Gebäude Ausgangspunkte für die Grundrißfindung. Aufgrund der örtlichen Gegebenheiten, d. h. vor allem der durch Stadtmauer und Lage des alten Rathauses gegebenen Beschränkungen der Planungsfreiheit, kann die Spiegelung entlang der ‘Rathausachse’nur unvollständig umgesetzt werden. Wichtig wird diese Spiegelung für die Lage der Schulzenstraße, denn diese ordnet man in der gleichen Entfernung zum Rathaus an wie auf der anderen Seite die Mühlenstraße; die Schulzenstraße entsteht also durch deren Spiegelung.282 Im Bereich des Marktes ist die spiegelsymmetrische Entsprechung entlang der ‘Rathausachse’auch für die Anordnung der Parzellen relevant. Im Verlauf von Mühlenstraße und Schulzenstraße folgen hier am Markt je ein Eckbrauhaus (60 Fuß), zwei Bürgerhäuser im Quarrée(je 40 Fuß), ein Brauhaus im Quarrée(60 Fuß) und ein weiteres Eckbrauhaus (60 Fuß) aufeinander. Diese beiden Platzkanten zeichnen sich somit durch ihre symmetrische Entsprechung aus. Die Gestaltung anderer Parzellenzuschnitte entlang dieser ‘Rathausachse’bestätigt diese als eine grundlegende Planungsidee.

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Die Spiegelung entlang der ‘Kirchenachse’kann besser in gebaute Realität umgesetzt werden. Anzahl und Lage der verschiedenen Parzellentypen im nördlich benachbarten XIX. Karree und im südlich neben der Kirche liegenden VI. Karree entsprechen sich entlang der Mühlenstraße exakt. Nach dem Plan von 1810 und der Vorgabe der Parzellenbreiten (60 und 40 Fuß) sind die beiden gespiegelten Karrees jeweils 320 Fuß breit.283 Wie bei der Schulzenstraße wird somit die Lage der Grünstraße letztlich durch Spiegelung entlang einer der Hauptsymmetrieachsen bestimmt. Schließlich lassen sich auch entlang dieser ‘Kirchenachse’immer wieder symmetrische Entsprechungen bei der Gestaltung der Parzellenzuschnitte finden.

Wo der Staat so deutlich in den Stadtgrundriß eingreift, sollte man auch eine grundlegend neue, rationale Verteilung der Parzellen an die Bürger vermuten. Zunächst dürfte jedem Besitzer einer Parzelle auch wieder ein Bauplatz zugestanden haben. Die Entsprechung von alten und neuen Parzellen in Bezug auf die flächenmäßige Größe und auf die Breite der Straßenfront wird durch das in der Vorgabe von nur zwei Parzellenbreiten offensichtliche Streben nach Regularität und durch die vom Straßenraster bestimmten Grenzen der neuen Karrees von vornherein ausgeschlossen. Selbst die Qualität vieler Parzellen – ob Brau-, Bürger- oder Budenstelle – blieb nicht gleich. Von der Vielfalt der Parzellenformen und Größen, welche vor dem Brand als Ergebnis jahrhundertelanger Entwicklung bestand, wird nichts in den neuen, königlich approbirten Plan übernommen. Im Grunde lassen sich noch auf dem Plan von 1810 nur große, mittelgroße und kleine Parzellen unterscheiden. Unter sich sind die großen wie die mittelgroßen und die kleinen Parzellen jeweils von annähernd einheitlicher Größe. Die Parzellengrenzen in den neuen Karrees sind weniger nach den ehemaligen Grundstücksgrößen, sondern in erster Linie nach mathematisch-geometrischen Ordnungsprinzipien festgelegt. Die durch die Stadt geführten Symmetrieachsen wirken sich in nicht wenigen Fällen direkt auf Zuschnitt und Verteilung der Parzellen aus. Auch spiegelsymmetrisch angelegte Tiefenstaffelungen wie im V. oder XIX. Karree sind deutlich geometrische Kunstformen, die hier zur Grundlage der bürgerlichen Grundstücksgröße und damit des bürgerlichen Besitzes werden.284

Auch bezüglich der Eckparzellen offenbart das Vorgehen die bei reinen Planstädten dieser Zeit regelmäßig auftretenden Probleme. Die gewünschte Rechtwinkligkeit des Baublocks und seiner Parzellen mußte mit der ebenso angestrebten Geschlossenheit der Blockrandbebauung in Übereinstimmung gebracht werden. Da sich aber hinter jedem traufständig in der geschlossenen Straßenfront stehenden Haus ein für die Wirtschaft des Bürgers unverzichtbarer Hof mit anschließendem Garten in die Tiefe erstreckte, mußte es, wenn diese Parzelle an einer Blockecke lag, Probleme mit der Geschlossenheit der Bebauung geben. Da sich das traufständige Haus zur höherwertigen Straße orientierte, bestand die Gefahr, daß in der Bebauung der Nebenstraße hinter dem Haus eine Lücke entsteht. Wenn man dieses Problem nicht städtebaulich-planerisch, etwa durch die Plazierung besonderer Gebäude an den Blockecken löste, mußte man versuchen, den Besitzer der Eckparzelle dazu zu bewegen, die an die Nebenstraße grenzende Seite seiner Parzelle mit möglichst ansehnlichen Seitengebäuden zu bebauen. In Templin versuchte man nicht, die Bebauung der Blockecke schon bei der Planung des Stadtgrundrisses gestalterisch und einheitlich zu lösen. Man bemühte sich den offensichtlich bemerkten Mißstand erstens dadurch zu entschärfen, daß man die Eckparzellen und damit die wahrscheinlichen Lücken in der Nebenstraßenbebauung so klein wie möglich hielt. Da aber selbst auf einer derart verkleinerten Eckparzelle die Geschlossenheit der Blockkante nur mit dem Bau eines möglichst zweigeschossigen Seitengebäudes erreicht werden konnte und dies für den Bauherren wesentlich höhere Aufwendungen bedeutete, verfiel man zweitens auf die Idee, diesen aus städtebaulichen Gründen erwünschten Mehraufwand durch eine Aufwertung der Eckparzellen auszugleichen. Man versah die Eckparzellen größtenteils mit dem Privileg des Braurechts und verknüpfte so die aus wirtschaftsdirigistischen, konkurrenzregulierenden Gründen als notwendig erachtete zahlenmäßige Verringerung der Braustellen mit dem für das städtebauliche Erscheinungsbild notwendigen baulichen Mehraufwand. Trotz aller Bemühungen blieben einige der kleineren Eckparzellen zur Nebenstraße hin unbebaut, andere, auch Braustellen, erhielten nur ein eingeschossiges Seitengebäude.

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Erstaunlich ist bei der geschilderten Rigorosität der staatlichen Eingriffe, daß mit den Besitzverhältnissen auf einer anderen Ebene überaus vorsichtig umgegangen wurde. Aus dem Stadtplan und dem Kataster, welche Wanckenheim 1725 anfertigte, sind die Besitzer aller Parzellen und die Lage dieser Parzellen genau zu rekonstruieren. Fast ebenso umfassend lassen sich Besitzer und Lage der neubebauten Parzellen für die Zeit um 1740 feststellen.285 Ein Vergleich der Besitzverhältnisse vor und nach dem Wiederaufbau ergibt, daß die Templiner Parzellenbesitzer, wo es ging, auf ihrer angestammten Parzelle verblieben. Wo dies nicht möglich war, bekamen sie ihre neue Parzelle in unmittelbarer Nähe der alten zugewiesen.286 Sie konnten also der Parzelle, der sie rechtlich und emotional verbunden waren, nahe bleiben, sozusagen einen Fuß auf dem angestammten Boden behalten und dennoch durch einen Schritt nach vorne, hinten, links oder rechts in die vom Staat geforderte geordnete Linie treten und Fronte machen.287

Aus dieser Untersuchung läßt sich ein überraschender Schluß ziehen. Zunächst zeigt sich die vermutete Regularität auch bei der Parzellenstruktur. Konsequent sollte durch die Einführung von nur drei Parzellengrößen im Rahmen des Möglichen Gleichheit und durch deren exakte Rechtwinkligkeit in Bezug auf die Parzellengrenzen größtmögliche Rechtssicherheit hergestellt werden. Schon bei den Stadtplänen und Katastern Wanckenheims von 1725 hatte sich die Entwirrung der zum Teil ungeklärten innerstädtischen Besitzverhältnisse als wichtige Intention gezeigt. Templins neue Parzellenstruktur ist auch in diesem Sinne ein Ideal an Übersichtlichkeit. Bei aller Modernität und radikalen, machtbewußten Umgestaltung des alten Stadtgrundrisses kann man beobachten, daß im Detail erstaunliche Kontinuitäten bestanden. Die alten Besitzer blieben nicht nur größtenteils an ihrer alten Stelle oder in deren unmittelbarer Nähe, auch die sozialen Bindungen der Nachbarschaften blieben bestehen. Die Bürger und ihre traditionellen Besitzstände wurden bei der Neugestaltung des Stadtgrundrisses sehr wohl beachtet, und es steht außer Frage, daß die Berücksichtigung traditioneller, individueller Besitzstände neben Regularität, Rechtwinkligkeit und Symmetrie eine eigenständige Planungskategorie für die königlichen Beamten war.

Neben den Flucht- oder Blickpunkten (Tore, Türme), den Fixpunkten (Rathaus, Kirche) und anderen Vorgaben des mittelalterlichen Grundrißes waren rechter Winkel und Symmetrie die wichtigsten Grundlagen für die Anordnung der neuen Straßen, Karrees und Parzellen. Die sich ausnahmslos im rechten Winkel kreuzenden Linien sind im Stadtgrundriss gewissermaßen die Fußspuren des mathematisierten Entwurfsansatzes und der Planungstechnik der Verwaltung. Der einfach abzusteckende rechte Winkel war die praktikabelste und geometrisch klarste Möglichkeit der baulichen Ordnung des Raums. Die Symmetrie als ebenso abstraktes und obrigkeitliches Ordnungsmuster diente der Hierarchisierung ebenso wie der ästhetischen Gestaltung. Außer den zwei prägenden Symmetrieachsen (Rathaus- und Kirchenachse) bestimmt eine Vielzahl weiterer symmetrischer Entsprechungen Grund- und Aufriß der neuen Stadt. Mühlenstraße, Königstraße und Werderstraße führen auf die mittelalterlichen Tore zu; Schulzenstraße und Fischerstraße nehmen auf andere markante Türme der Stadtmauer Bezug. Die Nutzung des Point de vue für die Strukturierung der Stadt ist unübersehbar. Viel mehr als vor dem Brand bestimmten diese mittelalterlichen Bauten auch das ‚innere Bild’ der Stadt. Die Geschichte der Stadt wurde inszeniert. Die Tore und Türme wurden durch ihre absichtsvolle Präsenz im regulierten Straßenbild zu Identifikations- und Orientierungspunkten – sie machten den Templiner Bürger ihre neue, regulierte Stadt vertraut. Weiterhin wurde der Verlauf einiger wesentlicher Bebauungskanten der alten Stadt wurde aufgenommen. Die Parzellen wurden zwar in Lage, Größe und Form reguliert und nach geometrischen Ordnungsprinzipien angeordnet, jedoch wurden sie nicht neu verteilt. Vielmehr konnte jeder Hausbesitzer grundsätzlich in der unmittelbaren Nähe seiner alten Parzelle bleiben. Die spezifische Gestalt des neuen Templiner Stadtgrundrisses entstand so durch eine umfassende Neuordnung der Parzellen, Karrees und Straßen, welche moderne städtebauliche Gestaltungs- und Ordnungsprinzipien mit den unveränderbaren Vorgaben der alten Stadtstruktur zu einem modernen und dennoch charakteristischen Grund- und Aufriß verband. Dabei war der rein rationale obrigkeitliche Planungsansatz zwar einerseits grundsätzlich vom städtischen, an die örtliche Traditionen gebundenen bürgerlichen Leben abgehoben, andererseits aber nahm er nicht nur die alten zentralen Orte des stadtbürgerlichen Gemeinwesens zum Ausgangspunkt, sondern berücksichtigte im Detail auch wesentliche Grundlagen der tradierten bürgerlichen Existenz.

Straßenbild

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Eine lückenlose Blockrandbebauung gibt den Straßen und Plätzen des wiederaufgebauten Templins einen ebenso gleichförmigen wie fest geschlossenen Rahmen. Zugleich wird jeder Blick in das stärker individuell bestimmte, potenziell ungleichförmige Blockinnere verstellt. Die Reihe der Bürgerhäuser ist einzig an den Blockecken unterbrochen, wo hinter den Eckhäusern oft niedrigere Seitengebäude an den Straßen stehen. Traufe und First bilden häuserübergreifend durchgehende Linien. Auch die Zwischengesimse, Fensterstürze und -brüstungen sind so angeordnet, daß sie sich an einer Blockkante auf gleicher Höhe befinden. Dieses typisch barocke Gestaltungselement wird überaus konsequent eingehalten, nur von Karree zu Karree gibt es mitunter leichte Abweichungen der Höhenlinien. Es gibt eine Abstufung von hohen zweigeschossigen Häusern in den Hauptstraßen, über etwas niedrigere in einigen untergeordneten Straßen (Luther-, Kant-, Fischerstraße, Teile der Werderstraße), bis hin zu eingeschossigen Häusern am Ende der unmittelbar auf die Stadtmauer zuführenden Nebenstraßen.288

Abb. 22: Templin, Blick vom Kirchturm in die Lutherstraße, Aufnahme April 1998

Abb. 23: Templin, Werderstraße 31 mit Blick in Lutherstraße, Aufnahme Nov. 1997

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Zum Bild der einheitlichen Straßenfluchten trägt schließlich ganz wesentlich auch die zur Straße einheitliche Dachneigung bei.

Im Vergleich zu anderen Retablissements etwa in Krossen (1709ff.) oder im mecklenburgischen Grabow (ab 1725) fällt auf, daß es in Templin keine deutliche Betonung der Zentrumsbereiche durch dreigeschossige Bauten gibt. Die Abstufung vom Zentrum zur Peripherie ist nur durch geringfügige Höhenunterschiede der zweigeschossigen Häuser angedeutet. Einmal mehr wird beim Templiner Wiederaufbau auf ein beliebtes städtebauliches Gestaltungsmittel verzichtet, um so eine größere Einheitlichkeit des Stadtbildes und Gleichwertigkeit der einzelnen Häuser – eben jene von Dithmer geforderte einstimmige gleichheit – zu erzeugen.289

Wie in der barocken Stadtweiterung Potsdams290 ist die Symmetrie nicht nur bei der Anordnung und Abmessung der Karrees und der verschiedenen Parzellentypen darin, sondern auch für die übergreifende Gestaltung der Straßenzüge durch aufeinander Bezug nehmende Fassaden das herausragende Ordnungs- und Gestaltungsmittel. In der Regel sind dabei zwei nebeneinander, oder sich gegenüber stehende Häuser aufeinander bezogen. Besonders auffällig ist dies am Marktplatz, wo die Fassaden in ihrer Breite fast durchgängig aufeinander bezogen sind und ein symmetrisches Gesamtbild erzeugen sollen. Darüber hinaus fällt die generelle gegenseitige Zuordnung von 60 Fuß breiten Brauparzellen über die Straße hinweg auf. Entlang der Mühlenstraße oder der Schulzenstraße liegt beispielsweise einer 60 Fuß breiten Brauparzelle fast immer auch eine solche gegenüber. Immer wieder lassen sich derartige symmetrische Entsprechungen, die nicht nur die Breite, sondern auch die Gestaltung der Fassaden, d. h. die Anordnung der Fenster, Türen und Tore betreffen, auch bei anderen Häusern nachweisen. Dabei tritt bei der Spiegelung benachbarter Fassaden neben den Effekt der Symmetrie das Bestreben auf, eine besonders große Fassade und damit einen besonders wohlhabenden Bewohner vorzutäuschen.

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Einige besonders deutliche Beispiele für die Spiegelung über die Straße hinweg, also die Spiegelung der Straßenseiten, seien aus der Schulzenstraße aufgeführt. Bei den 7-achsigen Brauhäusern im Quarreé Nr. 307 und Nr. 103 (Schinkelstraße 3) entsprachen sich nicht nur die Fensteranordnung, sondern auch die Lage der Durchfahrten. Die beiden sich gegenüberliegenden Eckbrauhäuser Schulzenstraße 288 und 118 stimmten selbst in der asymmetrischen Verschiebung der Fensterachsen in Richtung der Nebenstraße überein.291

Abb. 24: oben: Templin, Schulzenstraße 118 (=Schinkelstr. 10), Zeichnung 1920; unten: Templin, Schulzenstraße 288, Ausschnitt aus Designation von 1864

Die zweite Möglichkeit, die Spiegelung, die zwei Häuser im Straßenbild hinter einer symmetrischen, großen Fassade zusammenfaßte, fand sich beispielsweise bei den Häusern Werderstraße 246 und 247. Nimmt man hier noch die beiden Häuser 245 und 248 hinzu, so ist fast die gesamte Blockkante symmetrisch aufgeteilt.

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Insgesamt läßt sich zwar eine beachtliche Zahl von gespiegelten Bürgerhausfassaden feststellen, doch ist dieses städtebauliche Gestaltungsmittel nicht so rigoros umgesetzt wie etwa die Einheitlichkeit von Trauf- und Firsthöhen oder Dachneigungen. Dieser obrigkeitliche, auf Anordnung und Aufteilung der einzelnen Hausfassade gerichtete Gestaltungsanspruch war anders als etwa in Potsdam nicht unverzichtbar. Das Ergebnis des Wiederaufbaus erscheint diesbezüglich als Kompromiß zwischen Staat und Bürger.

Das neue Bürgerhaus

Normalanschläge oder Typenhäuser? Der Entwurf der Bürgerhäuser

Walter Blankenburg berichtet in seiner Chronik, daß es beim Wiederaufbau Templins fünf verschiedene Normalanschläge gegeben habe. Danach waren die Baukosten für ein Eck-Brauhaus mit 1060 Talern, für ein Brauhaus im Quarrée und für ein Eck-Bürgerhaus mit je 711 Talern 18 Groschen, für ein Bürgerhaus im Quarrée und ein Eck-Budenhaus mit je 632 Talern 16 Groschen, für ein Budenhaus im Quarrée mit 540 Talern und für ein Budenhaus mit einer Etage mit 220 Talern veranschlagt.292 Die Benennung der Hausqualitäten (Brau-, Bürger- und Budenhaus) zeigt, daß sich diese Normalanschläge auf die allgemeine, nicht nur in Templin übliche Einteilung der städtischen Gesellschaft gründete. Die realen Besitzverhältnisse vor dem Brand spielten hingegen keine Rolle. Die dem Normal zugrunde gelegte Größe und Lage der Parzelle richtete sich ausschließlich nach dem in dieser Hinsicht stark regulierten neuen Stadtgrundriß. Die Erstellung der Normalanschläge und damit die Kostenschätzung beruhten somit nicht auf der Qualität der alten, sondern auf der Qualität der neuen Parzellen. Nicht den alten tradierten, sondern den neu geordnete Zustand der bürgerlichen Besitzes nahm man als Maßstab für die Verteilung der Bauhilfsgelder, denn zu deren Abschätzung und Handhabung dienten die Normalanschläge das gesamte 18. Jahrhundert über in erster Linie.293

Wo so detaillierte Kostenanschläge ausgearbeitet wurden und wo selbst die neuen Parzellen in ihrer Breite an der Straße nur zwei Maße (40 und 60 Fuß) kannten, sind als Instrument der Regulierung des privaten Bauens neben dem Baureglement auch entsprechende Modellhäuser beziehungsweise Modellhausentwürfe wahrscheinlich. Dies legt nicht nur ein Vergleich zu anderen Planstädten des 17. und 18. Jahrhunderts, sondern auch die bereits erwähnte Nachricht von einem Normalbaurißfür den Wiederaufbau der Stadt Wittstock 1716 nahe.294 Es ist jedoch fraglich, ob ein solcher Modellhausentwurf, wie etwa der Böcklers für Onoltzbach, verschiedene Typenhäuser mit exakten Maßen vorschrieb, nach denen dann verbindlich zu bauen war, oder ob nicht ein derartiger musterhafter Entwurf nur die grundsätzlichsten Eigenschaften, vor allem in Hinsicht auf die zu regulierende Beziehung zu den Nachbarhäusern und die Gestaltung von Grundriß und Fassade vorgab. Mittels eines Musterentwurfs könnten für das Innere des Hauses die traufständige Erschließung, die Einteilung des Grundrisses, die Anlage der Feuerung und die Raumhöhen, für das Äußere die Trauf- und Firsthöhe, die Dachneigung, die Anordnung und Größe der Fenster und vor allem die Gestalt des Fachwerks vorgegeben worden sein. Im Hinblick auf das Fachwerk wäre etwa an den steinernen Sockel zu denken, auf dem die Schwellen zu ‘strecken’ waren, an die Stellung der Ständer, die Zahl der Riegelketten pro Stockwerk und die Verwendung der Streben.

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Insgesamt ist davon auszugehen, daß dem Entwurf des einzelnen Bürgerhauses mit den verschiedenen, im neuen Stadtplan, im Baureglement, in Normalanschlägen, in den Finanzierungsmodalitäten oder in den Modellhäusern festgelegten Bestimmungen ein enger Rahmen gesteckt wurde. Für individuelle Lösungen gab es aufgrund der staatlichen Vorgaben kaum wirklichen Spielraum. Die Standardisierung der Grund- und Aufrißformen ist daher eine der wesentlichen, schon im Planungsprozeß des Stadtgrundrisses angelegten Eigenschaften der neuen Bürgerhäuser. Das Rechteckraster des Stadtgrundrisses, in das die rechteckigen Parzellen eingepaßt wurden, ließ in allen Häusern ausschließlich rechteckige Räume entstehen.295 Es fällt auf, daß es darunter erstaunlich viele quadratische Räume gibt.296 Wie wenig Möglichkeiten der Grundrißgestaltung es gab, belegen die Grundrißzeichnungen von 1864. Sie zeigen, daß es im Grunde nur die Kombination von zwei Grundwohneinheiten gab. Die kleinere, zugleich die Kleinstwohneinheit, bestand aus einer straßenseitigen Stube und dem hofseitigen Nebeneinander von Kammer und Küche. Die größere Wohneinheit setzte sich aus Stube und Kammer straßenseitig sowie Stube beziehungsweise Kammer und Küche hofseitig zusammen. Aus diesen Einheiten, zusammen mit Flur und Durchfahrt, wurde durch Angliederung von zusätzlichen Räumen oder durch Verdoppelung der Grundriß gebildet.

Auch die Fassaden weisen deutliche Anzeichen für eine Standardisierung der Bauformen auf. So ist es leicht möglich, die Fassaden nach Größe und Aufteilung in Gruppen zu untergliedern. Die zweigeschossigen Häuser mit vier Fensterachsen lassen sich zur ersten Grundrißgruppe zusammenfassen. Die vierachsige ist die kleinste in Templin zugelassene Fassadenbreite. Innerhalb dieser Gruppe gibt es die geringsten Variationen. Die Erschließungsachse befindet sich mal links, mal rechts der Hausmitte, jedoch nie in einer der äußeren Achsen. Der Grundriß zeigt pro Etage nur eine Kleinstwohneinheit mit einer Küche.

Abb. 25: Beispiele für das vierachsige Haus: Links: Templin, Werderstraße 30, Aufnahme Juni 1997; rechts: Templin, Schulzenstraße 295, Designation von 1864

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Abb. 26: Beispiel für das fünfachsige Haus: Templin, Goethestraße 4 (= Grünstraße 153); links Aufnahme Juni 1997, rechts Designation von 1864

Eine zweite Gruppe bilden die fünfachsigen Häuser, bei denen Flur und Haustür in der Symmetrieachse liegen. Hier ist links und rechts der Erschließungsachse je eine Kleinstwohneinheit spiegelbildlich angeordnet. Zur vielfältigen Erscheinungsform dieser Gruppe trägt vor allem die Anordnung einer Durchfahrt bei. Diese kann mittig, an der Stelle des Flurs liegen oder die äußerste linke beziehungsweise rechte Achse einnehmen. Die Mehrzahl der Templiner wählte ein Haus aus dieser Gruppe. Eine dritte Gruppe bilden jene fünfachsigen Häuser, die in Grund- und Aufriß nicht symmetrisch gestaltet sind. Bei den oft recht großen Häusern ist die Durchfahrt an eine der Giebelseiten verlegt. Diese Verlegung des wohl als störend empfundenen Eingangsbereichs diente immer der Gewinnung zusätzlichen Wohnraumes und der Schaffung eines größeren, zusammenhängenden Wohnraumgefüges. Eine Mischform stellen jene Häuser dar, bei denen die Grundform der zweiten Grundrißgruppe um eine Fensterachse erweitert und so auf einer Seite des Flurs eine kleine und auf der anderen eine große Wohneinheit geschaffen wurde.

Abb. 27: Beispiele für siebenachsige Häuser: Links: Templin, Schinkelstraße 3, Aufnahme Febr. 1998; rechts: Templin, Schulzenstraße 282, Designation von 1864

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Zur vierten Gruppe gehören die meisten Brauhäuser. (vgl. Abb. 24) Die Häuser dieser Gruppe sind siebenachsig. Am häufigsten ist auch hier eine symmetrische Organisation des Grundrisses mit axialer Erschließung, an die sich je eine Stube und eine Kammer anschließt.

Trotz des dominierenden Einflusses der obrigkeitlichen Bestimmungen zur Regulierung des Bauens gleicht in Templin kaum ein Haus wirklich exakt dem anderen. Gestalt und Größe blieben bei aller Beschränkung für die Ansprüche und finanziellen beziehungsweise wirtschaftlichen Möglichkeiten des bauenden Bürgers bis zu einem gewissen Grad offen.

Äußeres Erscheinungsbild

Das einzelne Wohnhaus ist in Templin stark in übergreifende Gestaltungszusammenhänge eingebunden. Seine Lage und Größe wird in erster Linie durch die neuen städtebaulichen Ordnungs- und Gestaltungsmuster bestimmt. Das einzelne Haus ist schon im Stadtgrundriß immer Teil des Ganzen, es formt, diesem eindeutig untergeordnet, das Gesamtbild der Stadt. Nicht der individuelle Ausdruck des einzelnen Hauses, sondern seine Beziehung zu anderen Häusern und zum Bild der städtischen Gemeinschaft in Stadtgrundriß, Straße und Platz prägen Parzellenzuschnitt und äußere Gestalt des neuen Bürgerhauses. In diesem Sinne beschrieb der Templiner Magistrat schon 1743 die besondere Qualität der neuen Häuser:

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Sie sind von Quarrée zu Quarrée von 2. Etagen regulair erbauet worden, und wird solche [die neue Stadt, C.B.] einen guten prospect geben, wenn erst die Kirche und Rathhaus erbauet sein wird, [...].297

Zweigeschossigkeit und stadtübergreifende Regularität zeichnen auch für die Templiner Honoratioren das äußere Erscheinungsbild der Häuser als Teil des prospects ihrer Stadt aus. In dieser einzigen zeitgenössischen Wertung aus dem städtischen Umfeld wird somit bezeichnender Weise nicht das einzelne Haus gelobt, sondern die städtebauliche Qualität des prospects, den erst alle Häuser zusammen ergeben. Das vor diesem Hintergrund augenfälligste Merkmal der Templiner Bürgerhäuser ist ihre gleichmäßige Zweigeschossigkeit. Die wenigen eingeschossigen Häuser, die nach einer Übersicht von ca. 1738 etwa 6 % ausmachten, fallen, zumal sie in den Randzonen der Stadt entlang der Stadtmauer stehen, im Straßenbild kaum ins Gewicht.298 Bestimmend für die Fassaden ist außer ihrer Zweigeschossigkeit ihr regulairer Bezug zu den Nachbarhäusern. Die Fassaden der Bürgerhäuser sind somit integrativer Bestandteil der Blockfront, des Straßen- oder Platzraums, letztlich also des Gesamtbildes der städtisch-bürgerlichen Gemeinschaft: des prospects.

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Neben den Höhen- und Breitenregulierungen und den symmetrischen Beziehungen zu benachbarten Häusern, die dem städtebaulichen Leitbild geschuldet waren, lassen sich noch eine Reihe weiterer, allgemein gültiger Ordnungs- und Gestaltungsprinzipen für die Bürgerhausfassaden benennen. So ist die spiegelsymmetrische Disposition auch für die einzelne Hausfassade ein dominierendes Gestaltungsmittel. Bevorzugt wird hier die streng axialsymmetrische Aufteilung mit Tür oder Tor in der Mittelachse. Nach einer Analyse der aus den Grundrissen von 1864 zu rekonstruierenden Fassaden sind etwa 45% aller Häuser symmetrisch angelegt.299

Das äußere Erscheinungsbild der Häuser wurde in hohem Maße auch von dem gewählten Baumaterial und den daraus entwickelten Bauformen bestimmt.

Abb. 28: Templin, Werderstraße 28 (= Werderstraße 191), links Haupt- und Nebenfassade, Aufnahme Juni 1997; rechts Designation von 1864

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Das Fachwerk der Templiner Bürgerhausfassaden wird senkrecht aus Ständern, waagerecht aus Schwell- und Rähmhölzern und je zwei Riegelketten pro Stockwerk zusammengesetzt. Die Stärken der Hölzer sind sehr verschieden und auch innerhalb der Gruppe der Ständer oder der Riegel nicht einheitlich.300 Die Gefache der Haupt- und Nebenfassaden sind, von wenigen Ausnahmen abgesehen, mit Ziegeln ausgefacht und verputzt. Alle zweigeschossigen Wohnhäuser Templins waren Stockwerksbauten. An keinem Haus der Stadt ist ein vorkragendes Obergeschoß nachzuweisen. Dieses traditionelle Gestaltungsmittel von Fachwerkfassaden ist radikal beseitigt. Die Fassaden sind durchgängig flach und weisen außer dem Hauptgesims und dem Sockel weder horizontal noch vertikal Vor- oder Rücksprünge auf. Über die Farbigkeit der Fachwerkfassaden läßt sich nur schwer etwas sagen. Nach neueren Farbuntersuchungen301 war das Fachwerk unverputzt sichtbar. Jedoch konnte die sonst für diese Zeit typische, steinfarben-monochrome, über Fachwerk und Gefache unterschiedslos hinweggehende Schlemme ebensowenig nachgewiesen werden wie eine für alle Häuser verbindliche Farbigkeit. Vielmehr fanden sich in den ersten nachweisbaren Fassungen in verschiedenen Farben dunkel gestrichene Holzteile und hellere Gefache. Die regelmäßige und rechtwinklige Anordnung der Hölzer trat so deutlich sichtbar hervor und gehörte damit zum kalkulierten Erscheinungsbild der Fassade.

Grundsätzlich ordnen sich die Fenster nicht mehr einem regelmäßigen Wandgefüge unter. Im Gegenteil: Lage und Größe der Fenster und Türen bestimmen die Anordnung des Fachwerks.302 Es gibt keine gleichmäßigen Ständerabstände, sondern gleichmäßige Abstände der Fenster, zwischen welchen oft nur „Doppelständer“ verbleiben. Wie schon für den Stadtgrundriß und die Proportionen der Häuser ist auch für das Fachwerk der rechte Winkel grundlegend. Prägend ist das rigoros durchgesetzte Primat rechteckiger Gefache an den Straßenfronten. Nicht an einer einzigen Stelle konnte für eine Fassade eine schräge Strebe ermittelt werden. Die zur Aussteifung der Verbindung nötigen Streben gibt es sehr wohl, jedoch gleichsam versteckt im Inneren der Häuser und an den Rückfronten.

Abb. 29: Templin, Werderstraße 30-28, Rückfronten, Aufnahme Juni 1997

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Auch die Giebelwände weisen Verstrebungen auf, jedoch nur, wenn sie nicht im Straßenraum sichtbar sind. (vgl. Abb. 20) Alle nicht rechtwinkligen Konstruktionselemente sind bewußt aus dem Straßenbild verdrängt. Rechteck und Quadrat werden an den Straßenfronten als Gestaltungsmittel eingesetzt. Besonders deutlich ist das an den Nebenfassaden der Eckhäuser abzulesen. (vgl. Abb. 28) Hier konnte für mindestens sechs Häuser303 eine aus überwiegend quadratischen Gefachen regelmäßig zusammengesetzte Fassade nachgewiesen werden. Aber auch die Hauptfassaden sind von der Anordnung rechteckiger Gefache geprägt. Diese rechteckige Regelmäßigkeit wird weiter durch die strenge Axialität der Fenster- und der Ständerstellung unterstrichen.304

Daß hinter einem Tor eine Durchfahrt und hinter einer Haustür zumeist ein Flur liegt, ist durchaus selbstverständlich. Ein weiteres, ebenso einfaches wie traditionelle Prinzip der Verknüpfung von Fassade und Grundriß ist es, einer Stube immer zwei Fenster und einer Kammer immer ein Fenster zuzuordnen. Die zwei Stubenfenster bilden dabei eine Gruppe, erscheinen fast „gekuppelt“, während die Kammerfenster isoliert werden. Die Konsequenz und Regelmäßigkeit aber, mit welcher diesem Motiv in Templin eine gestalterische Qualität abgewonnen wird, ist im Bürgerhausbau der Region durchaus neu: Durch die Anordnung der Öffnungen wird eine Rhythmisierung der Wand erreicht. Zwei der wichtigsten Rhythmen lassen sich als Zahlenverhältnis wie folgt ausdrücken: 2:1:2 (Stube:Kammer/Flur:Stube) und 1:2:1:2:1 (Kammer:Stube:Kammer/Flur:Stube:Kammer). Diesem Grundsatz ist auch die Stellung der Ständer der Fachwerkkonstruktion, zwischen welchen die Fenster liegen, untergeordnet. Sie stehen nicht nur im Obergeschoß immer genau über denen im Erdgeschoß sondern die verschiedenen Abstände der einmal engstehend, ein anderes Mal weiter auseinander gezogen angeordneten Ständer werden für gestalterische Zwecke genutzt.305 Zum einen unterstützt die Anordnung der Ständer die Rhythmisierung und symmetrische Aufteilung der Fassade. Zum anderen erzeugen die Ständer eine risalitartige Betonung der Achse mit einem Eingang (Haustür oder Tor), der Mittelachse und/oder der beiden äußeren Achsen. An der völlig planen Fassade wird eine Fensterachse durch die Anordnung von zwei Ständerpaaren links und rechts isoliert und risalitartig eingefaßt. Die für diese einfachste Gestaltung notwendige Isolierung von Fensterachsen wird oft noch dadurch verstärkt, daß die flankierenden Gefache besonders breit sind.

Alle Templiner Bürgerhausfassaden sind großzügig und gleichmäßig mit Fensteröffnungen ausgestattet. Die Fachwerkkonstruktion erlaubt es, die Wandflächen zwischen den Fenstern, Türen und Toren größtenteils sehr schmal zu halten. Auch wenn die Obergeschosse manchmal etwas niedriger als die Erdgeschosse sind, besitzen sie annähernd gleich große Fenster.306 Erinnert man sich an die Luken in den obersten Etagen307, auf deren Abschaffung Steuerrat Wittich und Bürgermeister Berger schon vor dem Brand drangen, so zeigt sich hier, an der Größe und Anzahl der Fenster, eine programmatische Veränderung und Modernisierung. Licht und Luft kommt in alle Wohnräume des Hauses.

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Die Türen sind deutlich niedriger als heute. Reste von Türstürzen lassen auf eine durchschnittliche Höhe von 1,70m bis 1,80m schließen.308 In dem Bereich über dem Türsturz gibt es von Anfang an Oberlichter zur Belichtung des Flurs. Tore, die geräumige Durchfahrten verschließen, sind für die Wirtschaft der überwiegenden Zahl der Templiner Bürger unverzichtbar. Nach den Grundrissen von 1864 besitzen 227 von 314 Häusern (72,3%) zu diesem Zeitpunkt eine Durchfahrt zum Hof. Davon liegen 46 in oder neben dem Seitengebäude und immerhin 181 direkt im Wohnhaus (57,6% von allen 314 Häusern). Daraus läßt sich schließen, daß schon nach 1740 über die Hälfte aller Häuser eine Durchfahrt besaß.

Nirgends, auch nicht an den Giebeln sind traditionelle Fachwerk-Schmuckformen wie Andreaskreuze oder Rautenmuster nachweisbar. Auch auf die noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts in dieser Gegend so beliebte Verzierung des Zwischengesimses mit profilierten Schwäll-, Rähm- und Füllhölzern oder Inschriften wird vollständig verzichtet. Die sparsame Verzierung der Fassaden beschränkt sich auf das Hauptgesims und die Wandöffnungen. Das Hauptgesims orientiert sich in seiner Profilierung in den meisten Fällen an der toskanischen Säulenordnung. Die ursprünglich recht niedrigen Türöffnungen mit Oberlicht waren wie auch die Tore zumeist durch einfache Profilierungen in den umliegenden Hölzern (Ständer, Sturz) gerahmt.309 Nach und nach, bei wohlhabenderen Bürgern wohl auch sofort, wurden anstelle dieser schlichten Rahmungen aufgesetzte profilierte Bretter verwendet. Ein aufwendiger barocker Haustürschmuck wie in der ehemaligen Kirsteinstraße 9 ist nur einmal nachzuweisen.310 Die Fenster scheinen von Anfang an durch aufgesetzte Rahmungen geschmückt gewesen zu sein.311 Die noch heute an zahlreichen Fenstern vorhandene Rahmung erinnert an eine Ädikula.

Abgesehen von der Farbigkeit und einigen wenigen aufwendigen Türrahmungen fehlte den Templiner Fachwerkhäusern demnach jede individuelle Verzierung, etwa durch profilierte Hölzer, Andreaskreuze, Rautenmuster oder Inschriften. Die Gestaltung war grundsätzlich sehr sparsam und einfach. Dies darf aber nicht mit Schmucklosigkeit gleichgesetzt werden. Vielmehr wurden Regelmäßigkeit, Rechteckigkeit, Proportionierung, symmetrische Anordnung und rhythmische Gruppierung auch als schmückend empfunden. Die Schriften von Sturm und Vogel, besonders aber die von Schübler bestätigen dies eindringlich. In diesem Sinne wird in Templin dem ‚minderwertigen’ Fachwerk eine neuartige ordnende und schmückende Qualität abgewonnen.

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Bei den Dächern der Templiner Bürgerhäuser handelt es sich ausnahmslos um Satteldächer. Alle Dächer sind mit Dachziegel gedeckt. Diesen überaus wichtigen feuerpolizeilichen Erfolg des Wiederaufbaus bestätigt Bratring schon für das Jahr 1740. Es dürfte sich um eine einfache Eindeckung mit Biberschwanzziegeln gehandelt haben.312 Da Hausgiebel an Hausgiebel stößt, sind nur die Dächer der Eckhäuser abgewalmt. Der Walm ist immer bis zur Traufe heruntergezogen und entspricht in seiner Neigung den umliegenden Dachflächen. Nach einer Zeichnung von 1929 hatte das Haus Schinkelstraße 10 straßen- und hofseitig eine Dachneigung von 45°. Dieselbe regel- und vorschriftsmäßige Dachneigung besitzen noch heute zahlreiche andere Häuser. Es handelt sich dabei um ein nach den Vorstellungen des frühen 18. Jahrhunderts um ein „Neudeutsches Dach“, bei dem die Sparren am First ein rechtwinkliges Dreieck bilden.313 Viele andere Häuser weichen aber von dieser Dachform ab. Deutlich sichtbar ist dies an dem heute freistehenden Giebel des Hauses Werderstraße 13.314

Abb. 30: Templin, Werderstraße 13 (= Werderstraße 196), links Aufnahme Juni 1997; rechts Designation von 1864 (vgl. auch Abb. 20)

Diese Unregelmäßigkeit ist das Ergebnis der Anpassung der wirtschaftlichen und finanziellen Möglichkeiten und Bedürfnisse des einzelnen Hausbesitzers an die staatlichen Vorgaben: Bei vorgegebener Fassadenbreite, Trauf- und Firsthöhe ist die Verkleinerung des Hauses nur in der Tiefe möglich. Da aber die Dachneigung zur Straße ebenfalls vorgegeben ist, kann der Hausbesitzer die Tiefe seines Hauses nur verringern, indem er die hofseitige Neigung des Daches vergrößert. Das an der Straße gezwungenermaßen groß wirkende Haus kann der Bürger nur im geheimen seinen individuellen Erfordernissen anpassen.

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Wie sowohl die historischen Abbildungen als auch die untersuchten Häuser zeigen, wurde eine der mit Sicherheit im Wiederaufbaureglement enthaltenen feuerpolizeilichen Bestimmungen nur sehr mangelhaft umgesetzt: die Forderung, zwischen zwei direkt aneinander stoßenden Häusern oder Häusergruppen eine massive Brandwand möglichst bis über die Dachfläche aufzuführen. In den Häusern Schinkelstraße 4, Werderstraße 31 und Lutherstraße 16 fanden sich zwar mit Ton- und Lehmziegeln ausgefachte Fachwerkgiebelwände, doch verweisen diese wenigen Befunde eher auf einen vor Ort gefundenen Kompromiß oder eine schon im Reglement den regionalen Verhältnissen angepaßte, abgeschwächte Forderung, in gewissen Abständen die Fachwerkwände der Giebelseiten wenigstens massiv auszufachen. Vielleicht zeugen diese Befunde aber auch von der Nichteinhaltung der Vorschrift.

Für die Rückfronten der Häuser lassen sich weit weniger gemeinsame Gestaltungsmerkmale benennen. (Vgl. Abb. 29) Wie schon die Dachneigung gezeigt hat, weicht ihre Gestaltung auffällig von der Ordnung und Regularität der Fassaden ab. Weder gibt es hier rhythmische Ständer- und Fensterstellungen, noch symmetrische Beziehungen oder eine konsequent durchgeführte senkrechte, axiale Zuordnung von Fenstern oder Ständern. Von staatlicher Reglementierung unberührt, finden sich hier noch heute die Reste einfacher traditioneller Fachwerkbauweise wie kleine lukenartige Wandöffnungen, je Raum nur ein Fenster, schräge Verstrebungen und vor allem die Ausfachung mit Lehmstaaken.

Innere Gestalt

Die überraschende Gleichförmigkeit der Grundrisse, die in den über 300 Zeichnungen von 1864 dokumentiert ist, läßt auf den ersten Blick zwei grundlegende Prinzipien erkennen. (vgl. Abb. 24, 25, 26, 27, 28) Erstens erschließt immer ein senkrecht zur Straße (=Traufseite) liegender Flur oder eine Durchfahrt das Haus in der Tiefe. Die Wohnräume befinden sich links und/oder rechts davon. Der Flur beziehungsweise die Durchfahrt ist zumeist als reiner Verkehrsraum ausgebildet und deutlich vom eigentlichen Wohnbereich getrennt. Stärker in den Wohnbereich integriert sind Flur und Durchfahrt, wenn, wie bei einigen kleineren Häusern, die straßenseitigen und hofseitigen Räume keine direkte Verbindung haben und Flur und Durchfahrt auch als Verbindung der Stube mit der Küche dienen; mitunter liegt im Durchgang auch die Küche. In einigen wenigen Fällen zeigen die Flure und Durchfahrten noch Anklänge an die traditionelle Diele als multifunktionalen zentralen Hauptraum. (Vgl. Abb. 30) Immer ist dabei die Durchfahrt, die nicht an einer der beiden Giebelseiten liegt, zu einer Seite aufgeweitet. Dadurch ergeben sich wie im Haus Werderstraße 196 (= Werderstraße 13) große Räume, in denen neben dem Gewerbe der Durchgangsverkehr, die Treppe ins Obergeschoß und noch weitere Nutzungen versammelt sind. Solche dielenartigen Erschließungssysteme bleiben aber die Ausnahme. Bei den größeren Häusern findet man neben direkten Verbindungen zwischen den straßen- und den hofseitigen Räumen auch eine anspruchsvollere, enfiladeartige Erschließung. Auch in den meisten kleineren Häusern liegen sich die Zimmertüren, z. B. im Flur, direkt gegenüber. Mitunter gibt es aber, besonders in den Seitenflügeln der Eckhäuser, auch eine einhüftige Erschließung durch einen hofseitigen Flur. Als zweites Grundprinzip läßt sich die Teilung des Hauses in einen hofseitigen und einen straßenseitigen Bereich beschreiben. Dazu dient die tragende, firstparallele Mittelwand, die fast nie in der Mitte der Haustiefe liegt, sondern immer einige Fuß weit nach der Hofseite verschoben ist. Damit verdeutlicht schon die Lage der Mittelwand die unterschiedliche Wertigkeit der Räume. Der kleinere hofseitig gelegene Bereich wird grundsätzlich in zwei Räume geteilt; hier befinden sich in den Bürger- und Budenhäusern sehr oft zwei etwa gleich große rechteckige Räume (Küche und (Speise-)Kammer). Die Vorderzimmer zur Straße waren dagegen bei diesen Häusern fast nie unterteilt. Bei den großen Häusern ist neben der beschriebenen Teilung der Hinterzimmer immer auch eine Untergliederung der Vorderzimmer in Stube und Kammer oder in zwei Stuben zu beobachten.

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Auch bei der Grundrißgestaltung überwiegen axialsymmetrische Grunddispositionen. (Vgl. Abb. 26) Erstaunlicherweise gibt es aber nur ganz wenige wirklich symmetrische Grundrisse. Selbst bei einer scheinbar so symmetrischen Einteilung wie bei dem Haus Grünstraße 151 unterscheiden sich die beiden Wohnbereiche links und rechts des Flurs in ihrer Breite mindestens um einen Fuß. Absolut symmetrisch bis in die Maße, wie das Haus Grünstraße 153, sind die allerwenigsten Häuser.315 Es bleibt die Frage warum man diese Unterscheidung wählte. Die Hierarchisierung der Haushälften und Räume muß ihren Grund in der Nutzung haben. Zunächst könnte man in der größeren Hälfte den Hausbesitzer und in der kleineren einen Mieter vermuten. Erinnert man sich an die oben beschriebenen Beziehungen der traditionellen Bürgerhäuser zur ländlichen Bauweise, so findet man beim mitteldeutschen Ernhaus eine ganz ähnliche Teilung. Hier beherbergten die schmaleren Räume zumeist Stallungen. Zwar ist diese Nutzung für die meisten Häuser in Templin auszuschließen, aber der Gebrauch einer Haushälfte für das Gewerbe ist doch wahrscheinlich. Noch 1864 läßt sich diese Nutzung für einige der Häuser, wie beispielsweise Werderstraße 245, nachweisen. Die ‘wohnliche’ Seite mit der Küche und einer großen, fast quadratischen beheizbaren Stube ist hier breiter als die rechte Haushälfte, die als Werkstätte bezeichnet ist. Beim Haus Königstraße 228 ist diese funktionale Unterteilung noch deutlicher, hier ist das ganze Hauses auf der ‘wohnlichen’ Seite um eine Fensterachse verbreitert.316

Abb. 31: Templin, Schulzenstraße 282, Designation von 1864

Offensichtlich fand in dieser asymmetrischen Grunddisposition die Nutzung des Hauses als Ort von Familie und Beruf ihren baulichen Ausdruck.

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Das Wohnen und Arbeiten unter einem Dach beschreibt auch die zwei großen Funktionsbereiche im Haus: Wohnen und Wirtschaften auf der einen und das Gewerbe auf der anderen Seite.

Grundsätzlich läßt sich neben der Querteilung der Häuser auch eine deutliche funktionale Längsteilung in einen straßenseitigen Wohnbereich und einen hofseitigen Wirtschaftsbereich erkennen. Dem Wohnen dienen neben der heizbaren, gut belichteten Stube zumeist eine oder mehrere Kammern. Schon seltener sind zwei oder mehr heizbare Stuben. Die Wohnstuben zeichnen sich durch ihre straßenseitige Lage, ihre Größe, die Beheizbarkeit durch Öfen und/oder Kamine aus. Häufig sind sie zudem quadratisch. Sie haben immer einen direkten Zugang zum Flur. Auffällig ist weiterhin, daß die Fenster in diesen Stuben zumeist symmetrisch angeordnet sind, d. h., die zwischen Fenster und Raumecke verbleibenden Wandstücke sind auf beiden Seiten gleich bemessen.

Ein wichtiger Wohnraum ist der Alkoven. Generell ist diese Schlafnische nicht durch ein eigenes Fenster beleuchtet. Das heißt aber auch, daß der 1864 schlicht als „Kammer“ angegebene fensterlose Raum neben der Stube zumeist ein Alkoven ist. Dieser Schlafraum ist oft nicht sehr groß.317 Häufig ist ein hofseitig gelegener Kammerraum neben der Küche so in der Tiefe quergeteilt, daß ein kleiner durch ein Fenster zum Hof belichteter Raum die Speisekammer und ein fensterloser Raum zur Stube hin den Alkoven ergibt. In mehreren Fällen findet sich neben der Stube mit ihren zwei Fenstern ein weiterer Raum. Dieser ist dann in der Tiefe so geteilt, daß eine belichtete, straßenseitig gelegene Kammer und ein unbelichteter Raum in der Hausmitte (Alkoven) entsteht. (Vgl. Abb. 31) Richtige Schlafräume, die größere Abmessungen wie in dem ehemaligen Haus Kirsteinstraße (Diakonatstraße) 9 haben, sind dagegen wohl eher selten. Der Schlafraum ist immer, wenn er nicht überhaupt mit der Stube zusammenfällt, dieser direkt zugeordnet. Mitunter sind diese privatesten Räume auch besonders geschmückt. Ein aufwendiges Beispiel bietet das heute zerstörte Haus Diakonatstraße 9.318 In kleineren Häusern kann ein solcher Alkoven, wie im Haus Lutherstraße 14, durch die Abrundung der Wandöffnung hervorgehoben sein. Bei den sonstigen Kammern, die dem Wohnbereich zugeordnet sind, läßt sich keine eindeutige Funktion feststellen.

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Zu den Räumen, die für die Hauswirtschaft nötig sind, gehören Küche, Speise- und Gesindekammer und Keller, außerdem die Ställe und andere Hofgebäude. Die Küche kann als fensterlose „schwarze Küche“ etwas zur Hausmitte verrückt liegen. (Vgl. Abb. 28) Im Anschluß an ältere Traditionen stellen diese Küchen die einfachste und ärmlichste Form dar. Es handelt sich dann immer um einen vollständig mit Lehm- und Tonziegeln ummauerten, engen und dunklen Raum, der in einen weiten, sich nach oben nur leicht verjüngenden Schlot übergeht.319 Eine solche zugleich als Durchgangsraum dienende Küche befindet sich zumeist direkt im Flur und teilt diesen in einen Vorder- und einen Hinterflur. Andere Küchen liegen hofseitig neben dem Durchgang und werden durch ein Fenster gut belichtet und belüftet. (Vgl. Abb. 24, 25, 26, 27, 31) Diese moderneren und etwas geräumigeren Küchen besitzen einen nur an zwei oder drei Seiten ummauerten Herdbereich, welcher mit einer großen Abzugshaube in den Schlot übergeht.320 Der gut belichtete Arbeitsbereich ist somit von dem eigentlichen Herdbereich getrennt. Während die erste Gruppe von Küchen in den allermeisten Fällen nur einmal in einem Geschoß auftritt, ist die Küche bei der zweiten Gruppe zumeist ausschließlich einer Wohnung zugeordnet, so daß es mitunter auch zwei Küchen auf einer Etage gibt. Darüber hinaus gehört eine Reihe der Kammern dem Wirtschaftsbereich des Hauses an. Die Speisekammern sind oft in eigenartig geschnittenen Verschlägen direkt neben dem Herd oder in der Kammer neben der Küche eingerichtet. Die Räucherkammern liegen noch 1864 häufig im Obergeschoß.321 Oft wird auf diese Weise der zunächst nicht benötigte Küchenbereich des Obergeschosses genutzt.

Für die Lage der Keller scheint es keine allgemein gültigen Regeln gegeben zu haben. Sie liegen entweder straßenseitig oder an der Hoffront, unter der Stube oder unter dem Durchgang.322 Die Kellerwände in den untersuchten Häusern sind überaus exakt gemauert und mit sorgfältig ausgesparten Vorratsnischen ausgestattet. Schon das Feuersozietätskataster von 1810 verzeichnet zwei Konstruktionsmöglichkeiten. Überwiegend handelte es sich um Balckenkeller. Diese Keller bestehen aus einem sauber aus Feldsteinen (mitunter auch Ziegelschutt) gemauerten rechteckigen Raum, über welchem eine Balkendecke lag. Zumeist liegen diese Balken, wie in dem Haus Lutherstraße 15, direkt auf dem Mauerwerk auf und überspannen den Raum von Mauer zu Mauer. Bei größeren Kellerräumen, wie dem quadratischen Keller in dem Haus Schinkelstraße 3, werden die Balken durch eine Rähmkonstruktion mit Rähmhölzern, Stützen und Kopfbändern gestützt. Daneben gibt es auch einige gewölbte Keller. Diese bestehen ebenfalls aus einem sorgfältig aus Feldsteinen und Ziegelschutt gemauerten rechteckigen Raum. Über einem nicht sehr hohen Sockel323 erhebt sich ein Tonnengewölbe.

Neben dem Wohnen und Wirtschaften musste das bürgerliche Wohnhaus auch den Anforderungen des Gewerbes entsprechen. Es ist davon auszugehen, daß es für die wenigsten Gewerbe separate Arbeitsräume, etwa in den Hofgebäuden, gab. Da nicht alle Gewerbe besonders ausgestattete Räume benötigten, ist der Arbeitsraum heute nicht immer klar zu bestimmen. Die Tuchmacher beispielsweise konnten ihre Stühle in jeder Stube aufstellen. Vor allem die mit Feuer arbeitenden Gewerbe waren jedoch auf spezielle Gerätschaften und Einrichtungen angewiesen. Die Braustätten der um 1740 nachweisbaren Brauer dürften zumeist in den Nebengebäuden gelegen haben. Wie wenig Aufwand es brauchte, um etwa eine Darre einzurichten, zeigt sich noch 1864 im Haus Werderstraße 31, wo Darre und Darrboden einfach die linke Seite des Erdgeschosses einnehmen. Auch die Mehrzahl der anderen mit Feuer arbeitenden Handwerker wie etwa Schmiede, Töpfer oder Bäcker hatten ihre Werkstellen im Wohnhaus.324 Zusammenfassend läßt sich in Bezug auf den Einfluß der Gewerbe auf die Grundrißgestalt der Templiner Häuser sagen, daß die unterschiedlichen Berufe der Bewohner zu keinem jeweils speziellen Hausgrundriß geführt haben. Die geringen Ansprüche selbst der mit Feuer arbeitenden Gewerbe konnten ohne große Umbauten in den Wohnhäusern verwirklicht werden. Zwar ist vor allem bei den Brauhäusern mit feuerschutztechnischen Vorkehrungen zu rechnen, doch werden diese im Grundriß nicht sichtbar. Selbst bei diesem wohl aufwendigsten Gewerbe Templins waren besondere räumliche Verhältnisse im Wohnhaus nicht nötig. Aus diesem Befund läßt sich nicht nur schließen, daß der Spezialisierungs- und Technisierungsgrad des Templiner Handwerks sehr niedrig war, sondern auch, daß die Häuser mit ihren regelmäßigen Räumen groß genug waren, um alle Gewerbe darin betreiben zu können.

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Wie leicht sich selbst eine Linnen-Fabrique auf einer Eckbraustelle unterbringen ließ, zeigt das Projekt des Commercien-Rath und Fabriquen-Inspektor Johann Daniel Moenecke. Der Oberbaurat Christian Friedrich Feldmann schreibt bei seiner Revision am 24. Februar 1754:

Der Gelaß in diesen Gebäuden bestehet aus einer geräumigen Wohnung vor den Fabrique Herrn von 4 Stuben und 3 Kammern einer Küche und gewölbten Keller oben im Vorder Hause und in beyden Etagen des Seiten Gebäudes können in die dazu angelegten Stuben wohl 20 Weber Stuhls placiret werden, wobey noch eine lange Kammer, die ketten zu machen befindlich, und noch 2 aparte Kammern zum Vorrath zu Flachs und Garn.325

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Anders als das Gewerbe führte die Einquartierung von Soldaten zu erheblichen Eingriffen in die Gestalt der Grundrisse. Seit 1715 hatte Templin dauerhaft eine Garnison.326 Bis zu vier Kompanien und die Hälfte des Regimentsstabes des 12. Infanterieregiments unter Markgraf Heinrich von Brandenburg lagen hier in Bürgerquartieren. Nach 1742, als die Stadt wieder aufgebaut war, lagen dann zwei Grenadierkompanien des Garnisonsregiments Nr. 7 in der Stadt. Das Militär war wie in allen brandenburgischen Garnisonstädten auch in Templin ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und begünstigte vor allem das Textilgewerbe. Dieser nicht unbeträchtlichen militärischen Prägung entsprechend wurde der Marktplatz im Rathhäuslichen Reglement von 1738 Paradeplatz genannt. Bei schlechtem Wetter nutzten die Kompanien zudem bis 1780 den großen Rathaussaal zum Exerzieren.327 Verschiedene Sekundärquellen geben an, daß das Quartier für die Soldaten beim Wiederaufbau der Wohnhäuser von Beginn an mitgeplant werden mußte. Es spricht wieder für die großzügige Bemessung der neuen Häuser, daß die Soldatenstuben nicht, wie es in Potsdam so charakteristisch ist, in Dacherkern Platz fanden, sondern überwiegend im Erd-, seltener im Obergeschoß untergebracht werden konnten. Üblicherweise lagen die Unterkünfte straßenseitig, um zu gewährleisten, daß die Garnison Tag und Nacht von der Straße aus alarmiert werden konnte.328 Daß die Soldaten eindeutig als Fremde von der „privaten Sphäre“ der bürgerlichen Familie ferngehalten wurden, zeigen die zumeist separat vom Flur zugänglichen, gleichsam isolierten Soldatenstuben, die oft nichts als einfache Kammern waren. (Vgl. Abb. 31) Als Fremdkörper im Haus bewirkten diese Soldatenkammern mitunter komplizierte Grundrißlösungen und unpraktische Aufteilungen.

Über weitere Eigenschaften der Innenräume lassen sich nur wenige Angaben machen. Die Raumhöhe des Erdgeschosses schwankt zwischen 2,70 m und 2,80 m. Die Räume des Obergeschosses waren durchschnittlich 2,70m hoch. Abweichungen wie in dem Haus Lutherstraße 15, wo das Obergeschoß deutlich niedriger als das Erdgeschoß war (30cm), hat es insbesondere in den Seitenstraßen gegeben. In der zeitgenössischen Maßeinheit beträgt die durchschnittliche Raumhöhe etwa 8-9 Fuß (2,51m-2,82m). Die Treppen und Türen scheinen in sehr einfachen Formen gehalten gewesen zu sein, die den schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen der Erbauungszeit entsprachen.

Das Templiner Bürgerhaus im Vergleich zu zeitgleichen Bauten in anderen Provinzialstädten der Mark Brandenburg

Die nach dem Brand in Templin entstandenen Bürgerhäuser besitzen in Grund- und Aufriß, wie von Friedrich Wilhelm I. gefordert, große Ähnlichkeit mit den Häusern in den Stadterweiterungen der beiden Residenzen Berlin und Potsdam. Diese Orientierung des Bürgerhausbaus an den Vorbildern der Residenzstädte ist im ausgehenden 17. und frühen 18. Jahrhundert in zahlreichen Provinzialstädten zu beobachten. Überall entstanden Häuser, die dem in Templin nachgewiesenen Grad an Standardisierung in nichts nachstanden oder diesen wenigstens mit ihrer Fassade vorgaben. Ein frühes Beispiel für die Übernahme der in der Residenz unter herrschaftlichem Einfluß eingeführten standardisierten Hausformen ist Nauen. Beim Wiederaufbau nach dem Brand von 1695 und bei der 1705 auf königlichen Befehl angelegten Stadterweiterung fanden Häuser mit Doppeltür Verwendung – hier allerdings schon in der auf sechs beziehungsweise fünf Fensterachsen modifizierten und damit dem standardisierten Bürgerhaus angenäherten Form. Die Pfarrhäuser in Eberswalde, die 1722 nach Entwürfen Philipp Gerlachs errichtet wurden,329 oder das Pfarrhaus in Angermünde machen in der rationalen Regelmäßigkeit ihrer Gestalt deutlich, daß sie trotz aller Ähnlichkeit etwa mit dem älteren Ernhaus nicht in der Region gewachsen sind, sondern vielmehr eine von der Obrigkeit propagierte und durchgesetzte Hausform darstellen. Auch in Lychen entstanden nach dem Brand von 1732 Bürgerhäuser in den beschriebenen Formen. Beim Neuruppiner Predigerwitwenhaus, das den siebenachsigen Templiner Bürgerhäusern nahezu identisch ist und zeitgleich mit diesen 1735/36 nach einem Entwurf des Neuruppiner Stadtphysikus Bernhard Feldmann errichtet wurde, zeigt sich zum einen die weite Verbreitung dieser Bauweise. Zum anderen wird nochmals deutlich, daß es sich nicht um eine durch die Tradition der Bauhandwerker, sondern um eine obrigkeitlich vermittelte Bauform handelt.330 Ein besonders anschauliches Beispiel für die Anwendung des fünfachsigen Haustyps außerhalb der Kurmark ist der Entwurf für sechs Wohnhausfassaden an der Großen Klosterstraße in Magdeburg, den der Ingenieur-Hauptmann Georg Preusser 1724 anfertigte.331 Schließlich seien noch die Handwerker- und Soldatenhäuser im Fort Preußen bei Stettin als Beispiele aus dem Grenzbereich zwischen Militär- und Zivilbaukunst erwähnt. Sie wurden um 1725 nach Plänen von Gerhard Cornelius von Walrave errichtet.

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Ein Überblick über den Baubestand zeigt, daß das in Grund- und Aufriß standardisierte, symmetrische und häufig fünfachsige Wohnhaus, ob zweigeschossig oder eingeschossig, im 18. Jahrhundert in der Kurmark ein überaus erfolgreichster Haustyp war. Er findet sich in den Weberkolonien von Nowawes und Zinna ebenso wie in den Kolonistendörfern des Havelländischen und des Rhinluchs oder des Oderbruchs; man begegnet ihm in den mit Etablissements- und Retablissementsprojekten bedachten Provinzialstädten ebenso wie in den Residenzen Berlin und Potsdam. Dabei läßt sich häufig, wie bei den Häusern Werderstraße 28 oder Lutherstraße 9 in Templin, beobachten, daß die Fassade den Anschein erweckt, es handele sich um ein in seiner Gestalt hochgradig standardisiertes und daher modernes Wohnhaus. Im Inneren aber muß das Haus diesen Erwartungen keineswegs entsprechen. Die bei den Templiner Häusern unübersehbare Tendenz zur Standardisierung der Bauaufgabe Bürgerhaus war im Baugeschehen Brandenburg-Preußens demnach kein Sonderfall. Vielmehr reiht sich Templin in dieser Hinsicht, wie auch bezüglich des Stadtgrundrisses auf quantitativ und qualitativ hohem Niveau in eine weitläufige Entwicklung ein. Die gesellschaftlich und baulich ordnenden und hierarchisierenden Ansprüche der Obrigkeit wurden dabei auch im provinzialstädtischen Wohnhausbau verstärkt durchgesetzt. Das in Theorie und Praxis zu Beginn des 18. Jahrhunderts zunehmend verbreitete standardisierte Bürgerhaus spielte bei der Durchsetzung der staatlichen Ordnungsansprüche eine entscheidende Rolle.

Der „prospect“ einer vorbildlich geordneten „civil societät“. Ergebnisse und Folgen des Wiederaufbaus

Die weitgehende Konzentration der Entscheidungen zum Wiederaufbau Templins in der königlichen Verwaltung zeigt auffallende Übereinstimmungen mit der politischen Entwicklung der 1730er Jahre. So wie die königlichen Provinzialbehörden in diesem Jahrzehnt durch eine große Zahl von Verordnungen, Reglements und Gildebriefen die innerstädtischen Belange der uckermärkischen Immediatstädte mehr und mehr der königlichen Kontrolle unterstellten und damit eine neue Qualität der absolutistischen Machtausübung erreichten, so zeitigte die übermächtige Präsenz des obrigkeitlichen Willens auch in den Formen der wiederaufgebauten Stadt Templin, im Stadtgrundriß wie in jedem einzelnen Haus, eine Regelmäßigkeit, die in dieser Konsequenz in Brandenburg außerhalb der königlichen Residenzen einmalig ist. Den am Wiederaufbau beteiligten Verwaltungsbeamten und Baumeistern gelang es, einem wohlgeordneten bürgerlichen Gemeinwesen eine nach den Vorstellungen der Zeit in vielfacher Hinsicht mustergültige bauliche Form zu geben. Vom streng rechtwinklig regulierten und hierarchisierten Stadtgrundriß über die einheitliche Gestaltung des äußeren Erscheinungsbildes des Stadt, d. h. der Platz- und Straßenkanten, bis hin zu der dafür notwendigen Standardisierung des Bürgerhausbaus folgten sie dabei jenen Mustern, die seit dem späten 16. Jahrhundert in der Staats- und Wirtschaftstheorie, vor allem aber in der Theorie zur Architectura Militarisund Architectura Civilesentwickelt worden waren.

Schon der neue Stadtgrundriß setzte den nach dem Brand gebauten Bürgerhäusern mit seinen schnurgeraden Straßenfluchten, den rechtwinkligen Baublöcken und Parzellen und den vorgegebenen zwei Parzellenbreiten einen engen Rahmen. Die regulierende Einbindung des einzelnen Hauses in übergeordnete städtebauliche Zusammenhänge wurde durch die verbindliche Vorgabe der Stockwerks-, Trauf- und Firsthöhe sowie der Dachneigung noch verstärkt. Das einheitliche äußere Bild der neuen Häuser, das noch heute von ununterbrochen durchlaufenden Trauf- und Firstlinien, symmetrisch und rhythmisch geordneter Fensterstellung und streng regulierter Fachwerkgestalt geprägt ist, macht die Vielzahl von Ungenauigkeiten und Abweichungen von den Vorschriften, die den Wiederaufbauprozeß und dessen Ergebnis in nicht geringem Maße prägten, so gut wie unsichtbar. Kaum wahrnehmbar sind beispielsweise die Differenzen in der Straßenbreite, die teilweise deutlich über einen halben Meter vom rekonstruierten Planungsmaß von vier Ruten (15,08 m) abweicht. Die Gründe für diese Abweichungen können sowohl in der Art der Vermessung des Straßenrasters oder der Vermessung und Verteilung der Parzellen als auch in Art und Verlauf der sukzessiven Bebauung mit einzelnen Häusern gelegen haben. Ebensowenig fallen die zum Teil gravierenden Unterschiede in der Parzellenbreite auf, die doch mit 40 beziehungsweise 60 Fuß eindeutig vorgeschrieben war. Die tatsächlichen Maße reichten bei den 40-Fuß-Stellen von 35 bis zu 44 Fuß und bei den 60-Fuß-Stellen von 56 bis über 66 Fuß. Diese Abweichungen sind eine Folge des Planungsansatzes, bei dem zunächst ein Raster aus sich rechtwinklig schneidenden Straßen angelegt wurde, zwischen denen sich dann Baublöcke für die Bürgerhäuser ergaben. Obwohl die Zahl und Breite der jeweils an einer Blockkante abzusteckenden Parzellen hierbei von vornherein berücksichtigt werden mußte, lag das Hauptaugenmerk auf dem geometrisch zu regulierenden Straßenraster. Erst danach wurden die Blöcke mit Parzellen 'aufgefüllt', so daß die Blöcke unter sich immer gleich breite Blockkanten aufweisen, die darin abgesteckten Parzellen jedoch nicht notwendig ein Vielfaches von 40 und 60 Fuß ergaben. Entscheidend war hier wie auch im Straßenbild die große Form des Straßenrasters und des einheitlich bebauten Blockrands. Diese sollte möglichst exakt regelmäßig sein und nicht die Breite des einzelnen Hauses. Bei diesem genügte es, wenn es sich in die große Form 'Block' harmonisch und unauffällig einordnete, wozu neben der zum Nachbarn genau gleichen Höhe eine ungefähr maßgenaue Breite ausreichend war.

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In den tatsächlichen Parzellenbreiten spiegelt sich neben diesem Planungsansatz zudem das Bemühen, die alten Besitzverhältnisse, die ja weit vielgestaltiger waren, als es die neuen sein konnten, nicht vollständig zu ignorieren. Der in der Planung und baulichen Umsetzung bewußt verfolgte Grundsatz, den Bürgern innerhalb größerer, städtebaulich relevanter Bauformen letztlich doch einigen Freiraum zu lassen, solange dieser das Gesamtbild und die reguläre Grundgestalt nicht beeinträchtigte, offenbart sich auch in der Anordnung der neuen Parzellen: dem Eigentümer wurde im neuen Stadtplan möglichst eine Baustelle in unmittelbarer Nähe seines alten Grundstücks zugewiesen. Einen ähnlich pragmatischen Umgang mit den Ordnungs- und Gestaltungsprinzipien offenbart die nicht systematisch umgesetzte Gestaltung des Straßenbildes durch Spiegelung mehrerer Bürgerhausfassaden.

Auch bei der Gestaltung der einzelnen Bürgerhäuser spielte dieses Prinzip eine Rolle. Einerseits folgen die Häuser erstaunlich konsequent und einheitlich dem in der Architekturtheorie entwickelten standardisierten Bürgerhaus: links und rechts eines zum Hof durchgehenden Flurs liegt straßenseitig je eine Stube und hinter einer tragenden Mittelwand liegen hofseitig je zwei Kammern, die Häuser sind zweigeschossig und besitzen eine symmetrische, streng regulierte Fassade. Im einzelnen sind die Variationen dieses Grundmusters aber so zahlreich wie die Breiten der Parzellen. Auch bei der Farbigkeit des ansonsten streng regulierten Fachwerkgerüsts konnte man den Ansprüchen der Bürger entgegenkommen, da es nicht um eine vollständige Ausschaltung jeglicher Individualität, sondern um die (An-)Ordnung und Regulierung des Individuellen ging. Solange die Häuser mittels durchlaufender Trauf- und Firstlinien streng in die gewünschte Ordnung integriert blieben und in der Anordnung des Fachwerks den Vorgaben folgten, konnten sie auch Anzeichen von individueller Gestaltung aufweisen. Das größte Zugeständnis der königlichen Verwaltung an die Templiner Bürger war es aber, auf den in der Theorie der Zeit unisono geforderten Massivbau zu verzichten und die feuerpolizeilichen Forderungen auf die massive Ausmauerung der Gefache, die Dachdeckung mit Tonziegeln und die nur teilweise durchgesetzte Anlage von massiven Brandwänden zwischen den Häusern zu beschränken.

Insgesamt ergibt sich das Bild einer staatlichen Einflußnahme, die zwar machtbewußt und prägend die baulichen Ansprüche der Bürger festlegte und deren Umsetzung kontrollierte, den Bauenden aber auf der anderen Seite einen offensichtlich bewußt kalkulierten Freiraum ließ und versuchte, ihnen, wo es ohne die Verletzung des eigenen Souveränitätsanspruchs ging, entgegenzukommen. Angestrebt war nicht die maßgenaue Regulierung bis ins kleinste Detail, die weitaus langwieriger und teuerer gewesen wäre, sondern der schnelle Wiederaufbau mit einem bald sichtbaren Ergebnis. Dieses mußte sowohl durch die Fortschritte in der Feuersicherheit und Hygiene als auch durch die anschauliche Regularität der großen Formen wie Stadtgrundriß, Straßenbild und Prospekt überzeugen.

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Wie sehr beim Wiederaufbau Templins die regulierte Gestaltung des öffentlichen Raums, also die (An)Ordnung einer mustergültigen bürgerlichen Gemeinde im Zentrum des Interesses stand, zeigen – ex negativo – die Rückfronten der Häuser. Hier ist von der einheitlichen, regulierten Wirkung der Vorderseiten nichts wiederzufinden. Wechselnde Dachneigungen, wenige, unregelmäßig verteilte und kleine Fenster sowie ein unruhiges, von teilweise sehr breiten Gefachen und schrägen Streben bestimmtes Fachwerk erzeugen hier, versteckt im privaten Hofbereich, ein auffällig mannigfaltiges Erscheinungsbild.

Diese Ausrichtung läßt sich auch an den Obergeschossen der Bürgerhäuser ablesen. Die neuen zweigeschossigen Häuser waren für die Mehrzahl der Bürger viel zu groß. Im Jahre 1769 berichtete der Steuerrat Trost über die Städte der Uckermark:

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In den Häusern gab es Unvermögens halber 391 unausgebaute [obere] Etagen; in Prenzlau benutzten die Eigentümer die zweite Etage zum Kornaufschütten.332

Da die Zahl der Einwohner Templins zwischen 1740 und 1770 von 1731 auf 1902 stieg, dürften um 1740 noch weniger Obergeschosse als Wohnraum genutzt worden sein.333 Auch die bereits zitierte Forderung des Templiner Rathhäuslichen Reglements von 1738 bezog sich auf Kornaufschüttungen oder ähnliche Nutzungen des Obergeschosses zu Lagerzwecken.334 Nach Aussage der Designationen von 1864 wurden noch 120 Jahre nach dem Wiederaufbau 18% der Obergeschosse vollständig oder überwiegend als nicht ausgebaute Bodenräume genutzt. (Vgl. Abb. 27) Nicht nur bei kleineren Häusern, sondern auch bei großen Brauhäusern ist das Obergeschoß häufig nur Bodenraum. In anderen Häusern befinden sich hier übergroße Kammern, Flure und sogar Räucherkammern. Diese traditionelle Art der Nutzung des Obergeschosses als Lager und Schüttboden hatte bisher immer zu der entsprechend niedrigeren Ausbildung des Obergeschosses mit einigen wenigen, kleinen Fensterluken geführt. Bei den Templiner Neubauten wurden die Obergeschosse zwar häufig weiterhin als Lagerräume genutzt, traten aber nach außen als vollwertige Wohnetagen in Erscheinung. Örtliche Tradition und tatsächliche Nachfrage wurden hier beim Wiederaufbau auffallend ignoriert. Vermutlich verfolgte man mit der durchgängigen Zweigeschossigkeit auch das Ziel, einem erwünschten starken Bevölkerungswachstum Raum zu bieten. Vor allem aber wollte man damit ein bestimmtes Bild erzeugen.

In diesem Zusammenhang ist auch das vollständige Fehlen der in den meisten Städten der Kurmark anzutreffenden dreiachsigen Budenhäuser zu sehen. In Templin sind die Budenhäuser mindestens vier, oft sogar fünf Achsen breit. Sie weisen dafür eine geringere Haustiefe auf. Die Häuser dieser ärmsten Schicht der Hausbesitzer wurden an der Straßenseite gewissermaßen in die Breite gezogen und somit in ihrem äußeren Erscheinungsbild den mittelgroßen Bürgerhäusern angeglichen. Die in den Normalanschlägen noch erkennbare Unterscheidung zwischen den Baukosten für ein Buden- und denen für ein Bürgerhaus wurde somit im Straßenbild verwischt. Zweck dieser Regulierung war es offensichtlich, das Bild der bürgerlichen Gemeinschaft auf einem höheren als dem eigentlich vorhandenen Standard zu nivellieren.

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Bereits zehn Jahre nach Ende des Wiederaufbaus benannte der Oberbaudirektor Feldmann eine charakteristische Folge dieser Politik. In Bezug auf den Bau des Commercien-Raths Monecke, der in Templin eine Linnen-Fabrique anlegen wollte, schrieb er 1754:

Es will der Monecke mit diesen Gebäuden dem Magistrat zu Templin vor die aus der Cämmerei erhaltenen 2000 rtlr. zwar Caution machen, das Haus mag ihn auch wohl ein mehres kosten, da er alle Mauer- und Dachsteine per Achse von Gransee mußte kommen laßen: Da aber die Häuser in Templin nicht viel gelten, und wenig Interesse tragen, so träget Magistratus Bedenken, solches zur Caution anzunehmen, weil die Cämmerey dadurch nicht gesichert ist.335

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Feldmann spricht hier von einem erstaunlichen Wertverfall der nagelneuen und modernen, gerade erst 15 Jahre alten Templiner Bürgerhäuser. Dessen Ursache lag nicht zuletzt in der puren Masse der gebauten Häuser, in dem übergroßen Angebot an Wohnraum, welches durch die königliche Baupolitik in kürzester Zeit geschaffen worden war. Der Haus- und Grundstücksmarkt der Stadt Templin war durch den vom Staat vorangetriebenen, in seinem Ausmaß künstlichen Bauboom ruiniert worden.

Ernst Consentius beschreibt für die Regierungszeit Friedrich Wilhelms I. dasselbe Phänomen. In Berlin war durch den königlich geförderten und erzwungenen Hausbau, der an jedem Bedarf vorbei ging, der Wert der Häuser ins Bodenlose gefallen, viele Häuser standen wie die Templiner Obergeschosse gar leer und Consentius stellt dementsprechend fest:

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Eine ungeheuere Entwertung der Berliner Häuser war die Folge der grenzenlosen Bausucht des Königs. Friedrich Wilhelm I. sparte dabei nicht Geld und Unterstützung. Das Bauen war seine Leidenschaft.336

Unterstellt man, die beschriebenen Folgen seien mehr oder weniger bewußt in Kauf genommen worden, so muß sich mit der Förderung des Hausbaus ein anderes, übergeordnetes Ziel verbinden lassen. Hier ist zum einen an die Peuplierung des Landes zu denken, die zur Vermehrung der bürgerlichen Nahrung und damit zur Steigerung der königlichen Akziseeinnahmen dienen sollte. Zum anderen sah man die moralische und sittliche Besserung der bürgerlichen Gemeinschaft als Aufgabe des Landesherrn und seiner Verwaltung an. Für beide Ziele spielte das Bürgerhaus und seine Gestalt eine herausragende Rolle.

Die Bereitstellung von Wohnraum, also der Bau von vielen Bürgerhäusern, war ein bedeutendes wirtschafts- und finanzpolitisches Machtinstrument. Da nach den Vorstellungen der Zeit Konkurrenzregulierung, Nivellierung und strenge Ordnung die Grundlagen einer guten Wirtschaftspolitik waren, mußten das Haus und seine Einbindung in das städtische Umfeld diesen Anforderungen folgen. So konnte schon das Haus selbst, zumal das standardisierte Bürgerhaus, ein wichtiges Instrument der königlichen Politik und gleichzeitig das Sinnbild eines 'Fortschritts der Landeskultur', des Zuwachses an Reichtum werden. Viele zweigeschossige und mindestens vierachsige Bürgerhäuser boten in diesem Sinne nicht nur das Bild einer nahrhaften, prosperierenden Bürgergemeinde und damit einer erfolgreichen Wirtschafts- und Finanzpolitik, sie galten auch als dessen ordnungspolitische Grundlage. Erfolgreiche Wirtschaftsförderungspolitik sollte sofort sichtbar sein. Darüber hinaus war sie nur denkbar und konnte sie ihre für alle Einwohner des Staates wohltätige Wirkung nur dann erzielen, wenn sie als Bild visuell erfahrbar war.

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So wie in den Residenzen neben den öffentlichen oder königlichen Bauten vor allem die neu angelegten Vorstädte von Wohlstand, Macht und Erfolg des Königs kündeten und diesen zugleich erzeugen sollten, so war auch mit dem Wiederaufbau der kleinen Immediatstadt Templin der Wunsch verbunden, eine funktionierende, besser geordnete Stadt zu gewinnen. Dazu sollte neben allen finanziellen und wirtschaftlichen Regulierungsmaßnahmen und Zuwendungen auch die von der geometrischen Form und bildlichen Wirkung her gedachte bauliche Neuordnung des Gemeinwesens beitragen. Dabei maß man, wie es der Templiner Magistrat 1740 betonte, dem prospect der Stadt einebesondere Bedeutung zu. Prospect, das umfaßte neben dem Stadtgrundriß und den hierarchisch auf die Profanbebauung bezogenen Gemeinschaftsbauten Rathaus und Kirche als konstituierende Bestandteile auch Bürgerhäuser, die zu einer möglichst homogenen Reihe zusammengeschlossen sein mußten. Die Fokussierung der königlichen Wiederaufbaupolitik auf ein bestimmtes Erscheinungsbild beinhaltete demnach zweierlei, erstens eine konkrete Wirtschaftsförderung und zweitens die anschauliche Repräsentation der Erfolge dieser Maßnahmen. Die Gestalt des Bürgerhauses war zugleich Instrument und Bild königlicher Politik.

Das in seinem Bezug zu den Nachbarhäusern regulierte und in seinen Formen standardisierte Bürgerhaus war aber nicht nur ein Mittel der Wirtschaftsförderung. Seine Gestaltung sollte auch der sittlichen und moralischen Besserung der bürgerlichen Gemeinschaft und jedes einzelnen Bürgers dienen. Bei der Festlegung der baulichen Rahmenbedingungen für den Wiederaufbau Templins wußten die Beteiligten sehr wohl um die etwa von J. J. Becher formulierten Zusammenhänge. Nicht nur bei der Regulierung des Brauwesens wurde auf die Verhinderung des Monopoliums und des Polypoliumsgeachtet. Auch die Regulierung der anderen Gewerke hatte das Ziel, viel mittelmäßig reiche Bürger in der Stadt zu haben. Monopolium und Polypolium sollten durch die Wirtschaftspolitik und die untrennbar mit dieser verbundene bauliche Ordnung verhindert werden. Als Ausdruck von zügelloser Eigensucht, dem Gegenteil der Orientierung am Gemeinwohl, wurden Monopolium und Polypolium auch als moralisch und sittlich verwerflich gewertet. Um lasterhafter Üppigkeit, Müßiggang, Fraß und Wollust vorzubeugen, regulierte der Templiner Wiederaufbauplan mit seinen zwei Parzellenbreiten und der Vorgabe von einheitlichen Traufhöhen die städtische Gesellschaft sowohl nach oben als auch nach unten. Kein Bürger sollte mit seinem übergroßen und überreich verzierten Haus etwa als reicher, wirtschaftlich und moralisch schädlicher Monopolist auffallen. Ebensowenig sollten kleine und schlecht gebaute Häuser ihre Bewohner als verarmte Opfer von Monopolium und Polypolium und damit als Opfer fehlender oder fehlerhafter obrigkeitlicher Einflußnahme erscheinen lassen. Nur die größtmögliche, auf Gleichförmigkeit zielende Regulierung der Straßen, Karrees und nicht zuletzt auch der Bürgerhäuser konnte die Existenz einer vorbildlichen civil societät, also einer volckreichen nahrhafften Gemeinde (J. J. Becher), in den Grundfesten sichern und angemessen repräsentieren. Die Vorstellungen von einer geordneten, tugendhaften bürgerlichen Gesellschaft wurden engstens mit einem ebenso regulierten äußeren Bild dieser Gemeinschaft verbunden. Die durch Symmetrie ausgedrückte Hierarchie und die durch nivellierende Regulierung erzeugte einstimmige gleichheit sind die auffälligsten Eigenschaften des neuen Stadtgrundrisses und der neuen Bürgerhäuser. Sie waren zugleich die wichtigsten Instrumente der staatlichen Politik.


Fußnoten und Endnoten

29  Jean Bodin, Über den Staat. Hier zitiert nach: Rationalismus (Geschichte der Philosophie in Text und Darstellung, Bd. 5), hrsg. v. Rainer Specht, Stuttgart 1979, S. 26.

30  Heinrich Mitteis, Deutsche Rechtsgeschichte. Ein Studienbuch, neubearb. v. Heinz Lieberich, München 1988, S. 382.

31  Herfried Münkler, Harald Bluhm, Gemeinwohl und Gemeinsinn als politisch-soziale Leitbegriffe, in: Herfried Münkler, Harald Bluhm (Hg.): Gemeinwohl und Gemeinsinn. Historische Semantiken politischer Leitbegriffe, Berlin 2001, S. 24.

32  Wolf-Hagen Krauth, Gemeinwohl als Interesse. Die Konstruktion einer territorialen Ökonomie am Beginn der Neuzeit, in: Herfried Münkler, Harald Bluhm (Hg.): Gemeinwohl und Gemeinsinn. Historische Semantiken politischer Leitbegriffe, Berlin 2001, S. 191-212.

33  Frank Becker: Rezension von Münkler/Bluhm 2001, in: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=1224&type=rezbuecher.

34  Krauth 2001, S. 209.

35  Becher 1688, S. 3. Nahrung meint im 17. und 18. Jahrhundert immer das, was man heute als Erwerbsquelle bezeichnen würde, also nicht das Brot selbst, sondern die Arbeit, das Handwerk, mit dem der Bürger sein Brot verdient.

36  Ebenda, S. 7.

37  Ebenda, S. 110f.

38  Ebenda, S. 113.

39  Ebenda, S. 111.

40  Ebenda, S. 266.

41  Ebenda, S. 234.

42  1769 erschien bereits die 6. Auflage.

43  Dithmar 1731, S. 134.

44  Ebenda, S. 219.

45  Ebenda, S. 222. Die Anmerkungen im Originaltext verweisen auf die folgenden königlich-peußischen Edikte und Verordnungen:i) Ed. d. 1. Dec. 1700; ii) Ed. 14. May 1710, 4. Juli 1716, Nov. 1721, 24. Oct. 1722; iii) K. Pr. Feuer-Ordnung in denen Städten d. 4. May 1719; 12. Jun. 1723. Confirmirte Feuer-Ordnung der Stadt Neu-Ruppin d. 25. Nov. 1705, der Stadt Cüstrin d. 14. Jan. 1687, K. Schloß Feuer-Ordnung 13. Jan. 1719.; iv) 1. u. 10. Jan. 1706, 31. Aug.1708, 29. Dec. 1718.

46  Zitiert nach Jakob 1990, S. 189.

47  Nach dem Titel des Aufsatzes von Heinfried Wischermann: Castrametatio und Städtebau im 16. Jahrhundert: Sebastiano Serlio, in: Bonner Jahrbücher, Bd. 175 (1975), S. 170-186. Zur Castrametatio allgemein vgl. Architekt und Ingenieur 1984, S. 393ff.

48  Vgl. Friedman 1988.

49  Vgl. Cervellati 1991, S. 29ff, 56ff.

50  Vgl. dazu McJoynt (2002), S. 239-252. Zum Krieg gegen Granada auch Weston F. Cook Jr.: The cannon conquest of nasrid spain and the end of the reconquista, in: McJoynt (2002), S. 253-284.

51  Vgl. Mata Carriazo (1969). Hier ist besonders Kapitel 31 von Interesse: Campamento del Gozco y villa de Santa Fé, S. 809ff. Vgl zu Santa Fé auch R. G. Peinado Santaella: La fundación de Santa Fé (1491-1520). Estudio y documentos, Granada 1995.

52  Janus Lascarus, De militia romanorum et castrorum metatione liber, Venedig 1529. Italienische Übersetzung von Philippo Strozzi. Vgl. Rosenfeld 1996, S. 46.

53  Vgl. dazu und zu den Zusammenhängen zu Dürers Idealstadtentwurf von 1527, zu der Paraphrase des originalen Polybius-Textes in Macchiavellis 1521 in Florenz veröffentlichem Werk Arte della guerra und zum Bau der Fuggerei in Augsburg , Rosenberg, S. 35ff. u. S. 46f. Weiterhin Serlio 2001, Introduction, S. XXXVIIff.

54  Zur Bedeutung von Polybius Castrametation für Serlio vgl. Wischermann 1975; Kruft 1995, S. 124; Myra Nan Rosenfeld, in: Serlio 1996, S. 1ff.; Vaughan Hart und Peter Kicks in: Serlio 2001, Introduction, S. XXVIff.

55  Zitiert nach Wischermann 1975, Abb. 1. Zu Serlios Quellen vgl. auch Serlio 2001, Introduction, S. XXXIXf.

56  Darauf wies schon Wischermann hin: „Ersetzt man die Soldatenunterkünfte durch Bürgerwohnungen, das Prätorium durch einen Tempel und ein Rathaus, so läßt sich die Militärgarnision unschwer in eine leicht befestigte Landstadt umwandeln.“ Wischermann 1975, S. 178.

57  Welche Anziehungskraft die aus antiken Vorbildern entwickelte Festungsbaukunst und die darin integrierte Kunst des Lagermachens seit der Mitte des 16. Jahrhunderts auf Architekten und hochgestellte Bauherren ausübte, belegen die illustrierten Kommentare Andrea Palladios zu Cäsar und Polybius, an denen sein Interesse für Militärarchitektur und Castrametatio augenfällig abzulesen ist. (Andrea Palladio: Hannibal belagert Taranto, Polybius-Kommentar um 1575, Abbildung in: Kruft 1995, Abb. 49). Daß die auf eine ideale Stadtplanung bezogene Beschäftigung mit Polybius und der römischen Lagerbaukunst nach Serlio nicht abriß, zeigt sich etwa bei dem sienesischen Architekt Pietro Cataneo, der sich gut zwanzig Jahre nach Serlio ausführlich mit Festungsstädten beschäftigte. Cataneo entwarf eine den Entwürfen Serlios und Dürers ähnliche città quadrata und versuchte, ebenfalls im ausdrücklichen Rückgriff auf Polybius, bei seinen im Inneren regelmäßig aufgeteilten Festungsstädten die Form des römischen castrums auf die Stadtplanung zu übertragen. Zu Pietro Cataneo vgl. dazu Kruft 1989, S. 70 und Kruft 1995, S. 87f.

58  Die Übersetzung von Loys Maigret erschien 1542 und 1545 in Paris. Vgl. Serlio 2001, Introduction, S. XL.

59  Jacques Perret: Architectura Et Perspectiva, Des Fortifications & Artifices de Iaqves Perret , Paris 1594. Vgl. dazu Köhler 1994, S. 23ff.

60  Vgl. Hahlweg 1987.

61  Allgemein zu Stevin vgl. Grabow 1985 und De Rou/vanden Berghe/van Hooydonk 1998.

62  Zur Ingenieurschool und ihrem Lehrprogramm vgl. http:www.xs4all.nl/~adcs/stevin/varia/ingenieurs.html (23.09.2005).

63  Der originale Wortlaut der Vereidigung Stevins zitiert nach Grabow 1985, S. 80.

64  De Stercktenbouwing (1594). Bereits 1608 und dann wieder 1623 in deutscher Übersetzung erschienen unter dem Titel Festung-Bawung. 1617 erschien Stevins Nieuwe Maniere van Sterctebou door Spilsluysen.

65  Neben Serlio und Cataneo wäre an Nicolo Tartaglia oder Marcus Aurelius De Pasino zu denken. Vgl. De Rou/van den Berghe/van Hooydonk 1998, S. 43f.

66  Als Beispiel der auch von Stevin hervorgehobenen Ableitung und Weiterentwicklung von römischen Feldlagern wählte W. H. Schukking diese Bezeichnung in seiner Einleitung zur Neuausgabe der Castrametatio, in: Stevin 1964, S. 256.

67  Ebenda, S. 254.

68  Simon Stevin: Materiae politicae, Burgherlicke Stoffen (...), Leiden 1649.

69  Vgl. Eimer 1961, S. 124.

70  Die Häuser sollen im Block so angeordnet werden, datmen in sulcke oirdening de Lijcksijdicheyt can gaslaen, sulcx dat soodanich block mette selve cost better een Vorstelick gesticht soude gelijken dan versamelingh van gemeene burgerlicke huysen. Vgl. Materiae politicae, S. 24.

71  So hielt sich der spätere Große Kurfürst ab 1634 in Leiden auf, wo er den Gepflogenheiten der Zeit und seinen Neigungen entsprechend im Umfeld der nach Stevins Angaben eingerichteten Ingenieurschule auch Studien des Festungsbaus und der zivilen Baukunst betrieben haben dürfte.

72  Wie sehr die in diese Gestalt einer mustergültigen Stadt aufgenommenen, seit dem 16. Jahrhundert entwickelten theoretischen Vorstellungen der europäischen Festungsbautheorie noch um 1700 europaweit gültig waren, zeigt die nach Vaubans Entwurf um 1700 errichtete Festungsstadt Neubreisach, in der auf vergleichbare Weise einer aus einem Kreis entwickelten Fortifikation ein aus quadratischen Blöcken bestehender Rasterplan für die Stadt eingeschrieben ist.

73  Goldmann 1696, Dedication.

74  Goldmann 1696, S. 113.

75  So leitet Goldmann seine Abtheilung ein. Goldmann 1696, S. 112.

76  Goldmann 1696, Vorrede.

77  Oechslin 1983, S. 44ff. Hier S. 47f.

78  Stevin war zudem mit Carels Schwester Katharina Kraai of Caerls verheiratet und hatte seinem Schwager 1618 in einem ausführlichen Brief an den schwedischen König Gustaf II. Adolf empfohlen. Eimer 1961, S. 175.

79  Sala war als Hauptort der schwedischen Silbergewinnung von beträchtlichem gesamtstaatlichen Interesse.

80  Eimer 1961, S. 174f.

81  Nach Laurenz Demps „stammt die Grundidee von Smids, während Nehrings Aufgabe darin bestand, die Straßen abzustecken und die Häuser zu entwerfen“. Demps 1988, S. 28. Neben der schon damals traditionellen Orientierung an den Niederlanden legen auch die beteiligten Baumeister dieses nahe. Smids war in Breda geboren und in den Niederlanden ausgebildet worden. Nering wurde vom Großen Kurfürsten ausdrücklich zur Ausbildung im Befestigungswesen in die Niederlande geschickt. Heckmann 1998, S. 70 u. 117. Onder den oranje boom. Niederländische Kunst und Kultur im 17. und 18. Jahrhundert an deutschen Fürstenhöfen, Red. Makus Schacht und Jörg Meiner, München 1999.

82  Vgl. Rößger 1985, S. 20ff.

83  Eine für die Planungen zur Friedrichstadterweiterung fruchtbare Verbindung Friedrich Wilhelms I. zu Goldmann und Sturm versucht Laurenz Demps nachzuweisen. Dazu und zu seinem Vorschlag einer religiösen Deutung des Dreiklangs von Kreis, Achteck und Quadrat vgl. Demps 1994, S. 18ff.

84  Die Hauptstraßen waren durch die Materialwahl betont: Hier besaßen die Fachwerkhäuser massive Fassaden, während diese an den Nebenstraßen zumeist nur fachwerksichtig waren. Mielke 1972, S. 294.

85  Mielke 1972, S. 297-301.

86  Blumert/Streidt 1990, S. 6.

87  Vgl. oben Kap. Castrametatio und Städtebau. Selbst die von Goldmann an den Ecken der Karrées vorgsehene Bebauung mit Häusern von besonderer Bedeutung (Wirthshauß, Wohnung vor Alte und Kranke, Wohnung vor die Lehrer der Knaben, Wohnung vor die Lehrerin der Mägdlein) findet sich in den traufständigen Eckhäusern des Holländischen Viertels wieder.

88  Das Friedrich Wilhelm I. die Vorbildlichkeit der Berliner Friedrichstadt auch in anderer Hinsicht sehr wörtlich nahm, hat Ralph Jaeckel nachgewiesen. In einer auf das Retablissement vorpommerscher Städte gerichteten Ordre hatte der König 1724 verfügt: (...) mit dem Bau soll es so gehalten, und derselbe auf eben den Fuss tractiret werden wie auf der Friedrichstadt. Jaeckel 2000, S. 15.

89  Beispielsweise lassen sich in Schwedt M. M. Smids und C. Ryckwaert nachweisen; in Bad Wilsnack, Lenzen und Angermünde leitet Martin Grünberg den Wiederaufbau; Rheinsberg planen H. G. W. v. Knobelsdorf und Chr. F. Feldmann. Angaben nach Jaeckel 1999, Katalog.

90  Vgl. Jaeckel 1999, S. 395ff.

91  Den Begriff Standard gab es im 17. und 18. Jahrhundert nicht. Er wird hier im modernen Sinne benutzt, etwa in Anlehnung an die Begriffsbestimmung im Lexikon der Kunst, Bd. 7, 1994: „Standardisierung in manchen Ländern auch mit Normung bez., umfaßt das systemat. Ausarbeiten, Durchsetzen, Kontrollieren und Überarbeiten von Standards als verbindl. Vorschriften für Bestlösungen.“

92  Myra Nan Rosenfeld, Preface to the Dover Edition, in: Serlio 1996, S. 47. Ihre Angaben beziehen sich auf das von ihr publizierte Manuskript der Avery Architectual Library der Columbia University.

93  Zum Verhältnis dieser beiden Publikationen zueinander vgl. die Einleitung von Vaughan Hart und Peter Kicks in: Serlio 2001, Introduction.

94  Rosenfeld sieht Serlios Klassifikation der städtischen Wohnhaustypen als part of the didactic methodology of Book VI, which was based upon the process of generalization on the one hand, and the observation of individual characteristics on other und vergleicht diese Methode mit der ebenfalls empirischen Methode zeitgenössischer Naturwissenschaftler, etwa Andreas Vesalius’. Serlio 1996, S. 4f.

95  Serlio 2001, Introduction, S. XXX.

96  Serlio 2001, Introduction, S. XXVII.

97  Vgl. das Vorwort von Myra Nan Rosenfeld in: Serlio 1996, S. 69. Dort auch eine Abbildung.

98  Zu denken wäre hier an Pierre Le Muet oder Charles Augustin D’Aviler. Vgl. Köhler 1994.

99  Veröffentlicht in dem Sammelband: Simon Stevin: Materiae politicae, Burgherlicke Stoffen (...), Leiden 1649.

100  Noch Johann Friedrich Penther benutzt in der Tradition Goldmanns 1744 das formelhafte Bild für die Bauaufgabe Bürgerhaus, um an dieser häufigen und geläufigen Bauaufgaben grundlegende Entwurfsprinzipien darzustellen. Vgl. v. a. Penther 1744, Tab. XIX.

101  Goldmann 1696, S. 26f.

102  Zur Proportionierung schreibt Goldmann: Die großen Gebäude erfordern große Abtheilungen, die mittelmäßigen vergnügen sich mit mittelmäßigen, und die kleinen mit kleinen. Dies und das folgende: Goldmann 1696, S. 29.

103  In diesen Begriffen sind zumeist mehrere Dinge zusammengefaßt: 1. Planungs- Kalkulationsverfahren (Kostenplanung), 2. Vorgabe von hausübergreifend wirksamen feuerpolizeilichen, hygienischen, bautechnischen und ästhetische Richtlinien, 3. Tatsächliche verbindliche Vorgabe eines Modells, nach dem alle Häuser zu errichten sind. Betrachtet man nur die Planungspraxis, so ist eine deutliche Entwicklung von der tatsächlich modellhaft gemeinten Vorgaben einer verbindlichen Gebäudeform hin zur reinen Kalkulationsgrundlage des Normalanschlags festzustellen.

104  Brockhaus Handbuch des Wissens in vier Bänden, Bd. 4, Leipzig 1925, Stichwort: Standard.

105  Lexikon der Kunst , Bd. 7, 1994.

106  Merkel 1990, S. 246ff.

107  Zur Gründung der Erweiterungsgebiete Friedrichswerder und Dorotheenstadt vgl. Schachinger 1993, Schachinger 2001.

108  Volk 1991, S. 42f.

109  Demps 1988, S. 100f.

110  Grünberg wurde 1688 als Ingenieur und Inspector angestellt und erhielt 1699 die Ernennung zum Baudirector bei dem Landbauwesen und in den Städten. Zu Grünberg allgemein vgl. Heckmann 1998, S. 136ff. Zu seiner Bedeutung für die unter Friedrich III./I. einsetzende Retablissementspolitik vgl. Jaeckel 1999, S. 396ff.

111  Mielke 1972, S. 163.

112  Die Lehrmeinung zu diesen Veränderungen des Fachwerkbaus um 1700 formuliert Günter Binding in seiner Kleinen Kunstgeschichte des deutschen Fachwerks: „Die Baukunst des Barock ist auf den Massivbau ausgerichtet, der Fachwerkbau ist schon seit dem Ende des 17. Jahrhunderts zurückgedrängt und nur noch ausnahmsweise mit Schmuckgliedern versehen, zumeist mehr konstruktiv und für Verputz geplant.“ Binding 1989, S. 47f.

113  Das Werk des schon von den Theoretikern des beginnenden 18. Jahrhunderts als Ahnherr der theoretischen Beschäftigung mit Holzbaukunst gepriesenen Johann Wilhelm wurde bis ins 18. Jahrhundert mehrfach wieder aufgelegt. Johann Wilhelm, Architectura Civilis (...) Beschreib= oder Vorreissung der fürnembsten Tachwerck, Nürnberg 1649.

114  Jost Heimburger, Neu eröffneter Bau- und Zimmer-Platz, Frankfurt (Main) und Leipzig 1729.

115  Johann Friedrich Penther, Ausführliche Anleitung zur Bürgerlichen Bau-Kunst, Erster Theil, Augsburg 1744-48.

116  Das Original erschien 1691 in Paris unter dem Titel: Augustin Charles Daviler, Cours d’architecture qui comprend les ordres de Vignole (...). Im folgenden zitiert nach Sturms erstmals 1699 in Amsterdam publizierten Übersetzung und ausführlichen Kommentierung in der Ausgabe von 1725. Augustin Charles Daviler, Ausführliche Anleitung zu der gantzen Civil-Baukunst, Augsburg 1725, S. 381.

117  Ebenda, S. 382.

118  Sturm 1707, 2. Theil 4. Hauptstück: Von der Civil-Bau-Kunst, S. 204f.

119  Hier zitiert nach der Ausgabe von 1745. Sturm 1745, S. 21.

120  Ebenda.

121  Sturm 1745, S. 22.

122  Mir bekannte Ausgaben sind die von 1716, 1726, 1795 und 1806. Hier benutzt die Ausgabe Hamburg 1726.

123  Vogel 1726, Vorrede.

124  Daß das Zimmerwerck dem Ursprung nach von den allerersten Zeiten herzuleiten ist und eine sehr alte Wissenschafft sey, das Holtz-Werck künstlich mit einander zu verbinden; solches erhellet zur genüge aus Göttlicher heiliger Schrifft, als auch ferner aus der sämtlichen Historie der weitläuffigten Bau-Kunst selbsten. Johann Jacob Schübler, Nützliche Anweisung zur unentbehrlichen Zimmermanns-Kunst, Augsburg 1731, S. 5.

125  Als aber nach der Zeit der Invention die Iasonis, Patholi, Stephani und Hegeoe mehr Stärke und Bequemlichkeit ans Licht setzte, und in sämtliche Ars Tignaria der antiquen Verstand bey allen möglichen Gebäuden wobey Holtz verwendet als eine Bau-Kunst mit Reguln unterstützte, und zu einer unentbehrlichen Wissenschafft gemacht, da sie zu den anfänglich schlechten Zustand mehr erkannte Wahrheit hinzufügte: so geschah es daß Philander, Vitruvius, Scopinas, Varo und viele andere mehr, das gute hinlängliche Vermögen und vernünfftiges Verfahren in dieser Kunst nicht allein rühmen, sondern auch selbe von denen herrlichsten Mathematicis, als Archimede und mancherley wahren Meistern alter und neuerer Zeiten viel zur Verbesserung täglich ist beygetragen worden, wie solches die vielen würcklichen Exempel, schriftliche Nachrichten und Handrisse bekräfftigen, so von Bramantes, Borromini, Blondel, Bruand, Caesarinus, Dechal, Daviler, Erard, Fontano, Goldmann, Groliers, Gaertner, Gautier, Hartmann, Jacobello, Lorinus, Mansard, Matturin, Jousse, Paradis, Palladium, Ponanni, Perault, Pesoni, Sturm, Scamozzi, Vogel, Wilhelm, Wolff, Richter und vielen verständigen Ingenieurs, Gelehrten, Mechanicis und Werckmeistern zum Vorschein gekommen. Ebenda, S. 6.

126  Ebenda, S. 6f.

127  Da nun der Hazard, der National-Gousto, die eingerissene Maximen und das überflüssige Holtz keine Spuren guter Erkenntnus der Verhältnus-nöthigen Stärke, noch eine vernünfftige Wahl aus denen allgemeinen Fehlern der menschlichen Nachlässigkeit zu ihren Entschuldigungen zu erzwingen findet: so müssen die einmal eingeschlichene schlechte Verhältnus der Höhe des Dachs gegen der Höhe des gantzen Hauses, denen, die von der Sache wie sie seyn soll recht künstlich und bündig zu urtheilen wissen, ohnfehlbar das Auge choquiren, weil sie wissen, daß durch Hülffe der Mathematique noch viel Mittel finden könne die das mögliche und wahre Schöne der antiquen, Griechischen, Italiaenischen, Französischen und starcken Teutschen Verbindungen besser ausdrucken, und mehr Wahrscheinlichkeiten von der Schönheit am Tage legen. Ebenda, S. 7.

128  Zu dem Kampf, den die Obrigkeit in Hessen von der Mitte des 18. Jahrhunderts an einen um vergleichbare Ziele führte, was letztlich zur verordnungsmäßigen Einführung des sogenannten riegellosen Fachwerks führte, vgl. Fritzsche 1997, S. 186ff.

129  Johann Jacob Schübler, Sciagraphia Artis Tignariae, oder nützliche Eröffnung zu der sichern fundamentalen Holtz-Verbindung, Bey dem Gebrauch der unentbehrlichen Zimmermanns-Kunst, Nürnberg 1736, S. 56.

130  Ebenda.

131  Sturm 1745, vgl. Anm. 257, S. 21.

132  Vitruv 1991, S. 177.

133  Jakob 1990: S. 193.

134  GStA PK, I. HA Rep. 92 Bekmann, VE Topographia, Uckermark, Nr. 7 Templin, Bl. 12.

135  Ein weiterer Plan etwa aus der Zeit um 1700 ist wegen seiner Ungenauigkeit und schematischen Darstellung hier unwichtig (Staatsbibl. „Templin in der Uckermarck“, Sign. Sx 34973). Dasselbe gilt für eine im Hinblick auf die Bürgerhäuser stark schematisierte Ansicht Merians von etwa 1650 (abgebildet in: Kunstdenkmale 1939, S. 146).

136  GStA PK, XI. HA Karten, Plankammer der Regierung Potsdam, E 817.

137  Zitiert nach dem von Chr. D. Wanckenheim 1725 angefertigten Kataster, Blanckenburg Bd. 6, Abschn. XI, S. 30ff.

138  Enders 1986, S. 994f.

139  Bratring 1805, S. 490.

140  Ebenda, S. 995.

141  Dies die „ungefähre“ Wiedergabe des Sühringschen Berichtes von Rudolf Ohle. Ohle 1918, S. 6.

142  Sie [die ersten deutschen Siedler, C.B.] bauten das sogenannte fränkische Haus, wie wir es noch in unserer Stadt in einem Häuschen am Prenzlauer Tor als dem letzten Bauzeugen ferner Vergangenheit vor uns haben. Der Giebel steht zur Straße, aber die Front wird nur von drei Fenstern gebildet; es ist einstöckig. Neben dem Hause führt das Hoftor von der Straße in das Gehöft, dessen Seiten durch das Haus, Schuppen und Scheune gebildet werden. Wohnhaus und Ställe liegen unter einem Dache. Den Zugang zum Haus bildet die in der Mitte der Längsseite liegende Tür, die in den Flur führt; unter dem Flur liegt der Keller. So - mit mehr oder weniger bedeutenden Abweichungen - sahen früher alle Häuser unserer Stadt aus. Philipp 1925, S. 23f.

143  Im Catastrums Derer Hauß Stellen der Immediat Stadt Templin von 1725 waren nach Walter Blanckenburg auch darüber Angaben enthalten: „Zu einzelnen Grundstücken gehörten nach dem Stadtplan noch Auffahrten. Die Größe dieser Auffahrten ist im original Kataster hinter dem Namen der betreffenden Besitzer angegeben. Da die Wohngrundstücke größtenteils nicht dicht aneinander wie heute gebaut waren, sondern sich zwischen den einzelnen Grundstücken noch zu beiden Seiten ein schmaler Gang oder Raum befunden hat, so ist die Flächengröße dieses Ganges im Original gleichfalls angegeben, in dieser Abschrift der Geringfügigkeit wegen jedoch nicht mit übernommen worden. Der Gesamtinhalt des Grundstücks, der ‘Superficial-Inhalt’ (letzte Spalte) umfaßt indessen sowohl die Fläche der evt. vorhandenen Auffahrt wie auch die Gänge mit.“ Blanckenburg Bd. 6, Abschn. XI, S. 30.

144  Nach dem1724 ebenfalls von Wanckenheim verfertigte Kataster der Stadt Angermünde hatten 228 der 313 Hausstellen, d. h. auf etwa 73 %, einen Gang zwischen den Häusern. Zählt man dazu noch die wohl in der Regel ganglosen Eckparzellen, so ergibt sich, daß sich fast neben jedem Haus ein Durchgang befand. Deren Breite schwankt zwischen 2 bis 3 Zoll (0,05m bis 0,08m) und 83 bis 107 Zoll (2,17m bis 2,8m). Die überwiegende Zahl dieser Gänge war jedoch nur 15 bis 26 Zoll breit (0,40m bis 0,70m). Catastrum der Imediat Stadt Neu Angermünde. Stadtarchiv Angermünde, Archivnr. 1494/B II d

145  BLHA, Rep. 8 Templin, Nr. 2718, Bl. 10.

146  Rach 1992, S. 71f.

147  Zum Spitzbalken („Mittel- und Spitzsäule“) vgl. Radig 1965.

148  Solche giebelständigen Häuser finden sich noch in Angermünde (Haus Hoher Steinweg 16, vor 1740), in Eberswalde (Löwenapotheke Breite Str. 45, 1703; Am Markt 5, 1735; Am Markt 8, 1. H. 18. Jh.) Vgl. dazu Rohowski (1997), S. 18, 53.

149  Rach 1992, S. 72. Als Vergleich sei auf das Mittelflurhaus in Fredersdorf (bei Angermünde) verwiesen, das Rach abbildet. Ähnlich sind die Gestalt der straßenseitigen Fassade (Vierachsigkeit und das Andreaskreuz im Giebeldreieck), der fensterlose Herdraum mit Schlot („Schwarze Küche“), der schmale Flur, die starke Ungleichmäßigkeit der Größe der links und rechts des Flurs angeordneten und die Anordnung der Wohnräume zur Straße.

150  Rach gibt als älteste datierte traufständige Häuser den ehemaligen Gasthof zum Grünen Baum (um 1539) in Beeskow und das Wohnhaus Tuchmacherstr. 13 (1582) in Bernauan. Das älteste überlieferte traufständige Haus mit großer Durchfahrt ist das Haus Berliner Str. 37 (1589) in Burg. Rach 1992, S. 73f.

151  Wichtige Beispiele für diese quergegliederten Häuser der Zeit um 1700 sind in Neuruppin Schulzenstraße 6 (1689), Seestraße 8/9 (1705), Leineweberstr. 8/9 (1709) und Neuer Markt 6 (um 1700). Vgl. Metzler 1996. Weitere Beispiele sind Hoher Steinweg 18 in Angermünde, Neue Bergstraße 15 in Bad Freienwalde und Vogelsangstr. 30 in Lychen.

152  Metzler 1996, S. 21f. Vor allem die Gestaltung der Zwischengesimszone erinnernt an die von Vogel abgebildeten mustergültigen Fachwerkhäuser.

153  Mielke 1899, S. 15.

154  Auffallend ist die Ähnlichkeiten zu Haustypen des ländlichen Bereichs. Auf die engen Beziehungen von „Ackerbürgerhäusern/-gehöften“ und Bauernhäusern/-höfen wiesen schon Karl Baumgarten (das ländlich geprägte Hallenhaus in den mecklenburgischen Städten) und Werner Radig (die brandenburgischen Ackerbürgerhäuser in ihrer Beziehung zu solchen ländlichen Hausformen wie dem Mittelfurhaus oder dem mitteldeutschen Ernhaus) hin. Baumgarten 1975, Radig 1975. Radigs Resümee lautet: Beide Typen haben selbst in unveränderter Form Eingang auch in die Städte gefunden. [...], obwohl es sich dabei durchaus nicht immer um agrarisch bestimmte Höfe handeln muß. Radig 1975, S. 64.

155  1743 berichtet der Magistrat von Templin: Im Jahre 1735 am Tage Bartholomaei ist diese Stadt mit einer entsetzlichen Feuersbrunst gestrafet worden. Das Feuer kam in der Mühlenstraße bei einem Becker aus und griff in kurtzer Zeit dermaßen um sich, daß des Abends gegen 8 Uhr die Stadt ganz und gar in der Asche lag. In: I. HA Rep. 92 Bekmann, VE Topographia Uckermark, Nr. 7 Templin, Bl. 11.

156  Templin, Volkskundemuseum der Uckermark: Protokollbuch des Tuchmacher-Gewerks von Templin ab 1736, S. 1f.

157  In der Aktenübersicht in BLHA, Pr .Br. Rep. 8, Templin Nr. 2718 heißt es zu v. Münchows Spende: 3. Schreiben des pp Wittich aus Lychen vom 20. 5. 1737. Betrifft Collecten Gelder, [...], endlich Quittung über 300 Thlr., welche seitens des Geh. Rats von Münchow übersandt werden sollen.

158  Bei Blankenburg auch die französische Originalfassung: Pour la Collecte de Templin ji douerai vollontyer quelque cent ecus car ces gens sont tres miserablement detruits - Frederico. Dies und die folgenden Zahlenangaben aus Blankenburg Bd. 6, Abschn. III, S. 10.

159  Ebenda.

160  GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CLXXVII Stadt Templin, sect. a Rathhäusl. Sachen, Nr. 3, Bl. 12.

161  Dazu Enders 1990, S.95f.; Enders 1992, S. 460.

162  Wie Anm. 160.

163  Brief des Ministers Happe im Namen des Königs an die Kurmärkische Kammer vom 11. Feb. 1738:
Wir laßen Euch die von Euch eingesandten Rathhäußlichen Reglements für die Städte Templin, Gransee und Lychen hierbey in originali wiederum zufertigen, mit Befehl, solche annoch beßer ausfertigen zu laßen, [...]. Wie Anm. 160, Bl. 10.

164  Schon 1722 bestand der Templiner Magistrat im Sinne der Magistratsverfassung aus einem Consul dirigens, einem zweiten Konsul, zwei Senatoren und einem Kämmerer. Dem Consul dirigens Johann Friedrich Berger, dem Consul Georg Gottfried Jonig (Jonius), dem Senator Adam Reinicke, dem Senator Christian Densow und dem Cammerarius Marcus Boltze. Blankenburg Bd. 2, Abschn. III, S. 24.

165  So der exakte Titel des Corpus Bonorum von 1740. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CVIIIa Grund- und Lagerbücher, Nr. 12, Bl. 567.

166  BLHA, Pr. Br. Rep 2, S. 8019, Bl. 71.

167  Entsprechend ihrer schon in Templin angestellten Untersuchung lassen die beiden Commissare von Münchow und von Klinggräff auch den Bürgermeister von Angermünde über Berger fragen: Ob eine besondere Feuer-Ordnung vorhanden? Wie offt die Feuer-Visitationen der Stadt vorgenommen, und ob dabey jedesmahl ein richtiges Protocoll gehalten worden? Ob die Häuser und Ställe, in p. Stadt mit Ziegeln oder mit Spohn gedecket? Ob die Häuser mit massiven Schornsteinen, Brandt-Mauern Schwibbögen versehen? Ob die Maltzdarren unter einen massiven Gewölbe stehen? Wie viel große Spritzen Feuer Leitern, Hacken, lederne Eymer und Handspritzen in der Stadt vorhanden? Stadtarchiv Angermünde, Archivnummer 549, Bl. 1ff.

168  Vor allem von Münchow, der schon 1732 in dieser Angelegenheit in den uckermärkischen Städten unterwegs war, muß hier großer Einfluß zugeschrieben werden, da er allein den Entwurf des Schreibens Ad Regem vom 6. Januar unterzeichnete.

169  So der Minister v. Happe am 28. Mai 1738 im Namen des Königs an die Kurmärkische Kammer. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CLXXVII Stadt Templin, sect. a Rathhäusl. Sachen, Nr. 3, Bl. 57.

170  Ebenda, Bl. 12f.

171  Über die Wahl heißt es in § 2, der Magistrat hätte dem alten Herkommen gemäß, das Recht, nach Abgang eines oder des andern Raths-Membri, Sr. Königl. Majestaet an dessen Stelle ein anders tüchtiges Subjectum zu praesentiren, [...]. Ebenda, Bl. 13f.

172  Wie sehr die Templiner Bürgermeister von Christoph Laurentius (bis 1717) über Johann Friedrich Berger bis zu Kräffel dagegen einer offenbar eng zusammenstehenden Schicht entstammten, zeigt der Umstand, dass nicht nur Berger Laurentius Schwiegersohn, sondern auch Kräffel der Ehemann von Bergers Schwester war. Berger und Kräffel waren zuvor als Advocatum ordinarium in der Uckermarck (Berger) bzw. als Acuartius beim Amt Zehdenick in staatlichem Dienst, wurden von ihren Vorgängern vorgeschlagen und von der Kurmärkischen Kammer aufgrund ihrer Leistungen bestätigt. GStA PK, I. HA Rep. 21, Nr. 166, Fasz. 1 und Fasc. 2.

173  GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CLXXVII Stadt Templin, sect. a Rathhäusl. Sachen, Nr. 3, Bl. 14f.

174  Zu der genaueren Aufgabenverteilung vgl. Philipp 1925, S. 289ff.

175  Der zweyte Senator hat die Inspection über das Bau-Wesen, dergestalt, damit bey denen Gebäuden, Brücken und Dämmen, so daß Rath Haus zu unterhalten hat, alles überleget, die Bau-Materialien zur rechten Zeit angeschaffet und des Rath Hauses Vortheil dabey gesuchet werde, allmahl gegen Michaelis, muß er, was in der Stadt, dem Dorffe Gandenitz und denen beyden Vorwercken neugebauet und repariret werden soll, wohl examinieren accurate Überschläge was zu den bevorstehenden Bau, an Bau Materialien und Arbeits Leuten erfordert wird, mit Zunehmung der nöthigen Handwercker formiren, und hiernächst dem Magistrat übergeben, damit in pleno concludiret, die Anschläge dem Commissario loci zu gesand, und von diesem darüber in Zeiten allergnädigst approbiret erbethen werden könne. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CLXXVII Stadt Templin, sect. a Rathhäusl. Sachen, Nr. 3, Bl. 30v.

176  Er soll denen Neuanbauenden in und vor der Stadt die Stellen in ihren Grentzen und Mahlen anweisen, und dahin sorgen, daß niemahlen ohne Plan und Riß gebauet, und daß die Schwellen wenigstens einen Fuß über dem Straßen Pflaster geleget, die Feuer Stellen Schornsteine Camine Darren und Blasen nach Vorschrift derer vergangenen Königl. Verordnungen angeleget, die Straßen nicht mit Bau-Holtz oder Brenn-Holtz beleget ein guter Bau-Platz gehalten, auch zur rechten Zeit gekehret werde, wie er denn auch hiermit authorisiret wird, von denjenigen welche nicht zur rechten Zeit kehren, oder das Bau- und Brenn-Holtz vor denen Thüren nicht wegschaffen, von jeden 4 gr. per Execution beytreiben zu lassen. Ebenda, Bl. 31f.

177  Diesen lieget ob, mit Zuziehung des Stadt Mauer- und Zimmer Meister auch Schornstein-Fegers, die Feuer Stellen alle quartal zu visitiren, und dahin acht zu haben, daß solche nach denen ergangenen Verordnungen, in sichern Stande gesetzet, und die Brandwein-Blasen nicht anders als unter massiven Schornsteinen gelitten werden. Hiernechst müssen sie dahin sehen, daß ein jeder Bürger eine holtzerne Spritze und einen ledernen Eymer im Hause habe, [...]. Bei Nichtbefolgung müssen sie die gefährlichen Feuer-Stellen einschlagen, und auf Kosten der Widerstendigen in sichern Stande setzen, auch die Feuerfangende Sachen aus denen Wohn-Häusern werffen lassen. Ebenda, Bl. 33f.

178  Confirmirt vom König am 8. Januar 1738. Erhalten ist ein Project der Holtz-Ordnung für die Stadt Templin in: BLHA, Pr. Br. Rep. 2, S. 8019, Bl. 50ff.

179  Instruction vor alle und jede Kriegs- und Steuer-Commissarien vom 6. Mai 1712 abgedruckt in: CCM, I. Theil, III. Abt., Sp. 287ff.

180  Ziesemeister war der Verwalter der kgl. Akzise, also ein kgl. Steuerbeamter in der Stadt.

181  Die Überwachung der Maße und Gewichte, der Einhaltung der Schauordnung beim Tuchmachergewerbe, die Aufsicht über die Bürgerkompanien und das Scheibenschießen usw. gehörten in diesen an Bedeutung gewinnenden Bereich.

182  § 14: Wegen der Neuanbauenden fordert es der Commissarii Pflicht, Untersuchung zu thun, wie ein und ander in seinem Bau avanciret, und ob auch mehr genossen werde, als der Bau gegenwärtig koste, und so ferne sich solches finden sollte, ist die Freiheit so lange zu suspendiren, oder wegen Continuation des Baues, Versicherung zu fordern. Wenn auch einige Häuser so weit fertig, daß sie können taxiret werden, müßen solche nebst denen dazu verordneten Personen in Taxe gebracht, und ein Exemplar davon, unter des Commissarii und derer so dabey gewesen ihrer Unterschrift eingesendet werden, CCM, I. Theil, III. Abt., Sp. 291. Instruktion vom 6. 5. 1712.

183  Ebenda, Sp. 292.

184  Patent, Daß zu Befördrung Des Anbaues Derer in denen Churmärckischen Städten Annoch vorhandenen Wüsten Stellen Die Drey und zwantzig pro Cent Als Acht pro Cent Holtz- und Funfzehn por Cent Bau-Freyheit-Gelder, Noch Vier Jahre, Nemlich bis Ende des Decembris 1735 gereichet werden sollen. CCM, V. Theil, I. Abt., Sp. 429f. Patent vom 14. 12. 1731.

185  Declaration Des Patents vom 14. Decembr. 1731. Daß diejenigen, Welche in den nechsten Vier Jahren Ihre mit Stroh, Rohr oder Schindeln gedeckten Häuser abbrechen, Und mit Ziegel-Dach aufbauen, 23 por Cent geniessen sollen. Eine von Wittich gezeichnete Abschrift dieser Declaration samt Begleitschreiben vom 25. Juni 1732 in: Stadtarchiv Angermünde, Archivnummer Nr. 557.

186  Schreiben Wittichs vom 12. Oktober 1732. BLHA, Pr. Br. Rep. 8 Templin, Nr. 2718, Bl. 10r.

187  Im Gefolge von Gesellenunruhen im Reich und in Polen, die auch auf die Mark Brandenburg übergriffen, kam 1731 unter maßgeblichem Einfluß Friedrich Wilhelms I. ein Reichsschluß zustande, der das Zunftrecht refomierte. Er wurde 1732 in der Mark Brandenburg publiziert, und daraufhin erarbeitete man einheitliche Innungsprivilegien für jedes Gewerk. Neugebauer 1995, S. 350.

188  Ebenda.

189  Das gedruckte Privileg in: BLHA, Pr. Br. Rep 8 Templin, Nr. 4520.

190  Zitiert aus der Vorrede zu dem Entwurf nach: Blankenburg Bd. 2, II, S. 6.

191  Das Braureglement enthalten in: GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CLXXVII, Stadt Templin, Nr. 1, Bl. 2-19.

192  Es bestand aus zwey Deputirten aus dem Magistrat, [...], einen Stadt Verordneten, zwey Deputirten aus der Brauer-Gilde und zwey Bürgern, welche keine Brau-Häuser haben. Ebenda, Bl. 2.

193  Ebenda, Bl. 4v.

195  Nach dem Kataster von 1725.

196  Davon sind 32 Eckbrauhäuser und sieben Brauhäuser im Quarré.

197  § 11. Und da sich verschiedene Bürger nach dem Brande, welche keine Eck- und Brau-Stelle sondern nur Burger-Stellen im Quarré aufgebauet, des Bier-Brauens bisher angemaßet. So soll ihnen solches durchaus nicht länger, als die von Sr. Königl. Maj. dieser abgebranndten Stadt allergnädigst accordirten 3 Frey-Jahre währen, verstattet, sondern selbige das Brauen niederzulegen a Commissario loci et Magistratu mit Nachdruck und bey nahmhaffter Straffe angehalten werden. Etwas später heißt es dann ergänzend: Diejenigen Bürger und Einwohner, welche nur Bürger-Stellen und Halb-Erben besitzen, können weder zu ihrer Nothdurfft, noch zum Schanck brauen. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CLXXVII, Stadt Templin, Nr. 1, Bl. 6f.

198  Ebenda.

199  Schreiben vom 16.4.1744. BLHA, Pr. Br. Rep. 2, S. 8021.

200  Samt zugehörigem Schriftverkehr in gedruckter Form enthalten in: GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Tit. 9 Baubediente, Nr. 1, Bl. 4.

201  Ebenda, Bl. 5.

202  In dieses Kataster, so die Vorgabe, wurden nach dem Schemate sub. A. [...] die freyen Märckte und Plätze auch Strassen und publiquen Gebäude aufgezogen, und der superficial-Inhalt von jeden zu erst rubriciret. So dann folgen die Feuer-Stellen en suite ihrer Num. und dem Schemate sub. A.a. und wird die Ordnung, wie solche in den alten Catastris und Lager-Büchern nach den Vierteln zu finden, beybehalten, folglich auch die wüsten Stellen in der Ordnung und Situation, in welcher sie liegen, mit angesetzt. Von einer wüsten Stelle wird nur die Breite und Tieffe notiret, und zu dem Nahmen des künfftigen Possessoris Spatium gelassen. Hierauf folgen die Gärten Aecker und Wiesen, zuletzt werden Hütungen, Holtzungen, Gewässer und Land-Strassen [...] aufgezogen [...]. Ebenda, Bl. 5f.

203  Die Streitigkeiten der Feld-Fluhren müssen allesamt vorhero vom Commissario Loci und dem Magistrat mit den Nachbahren abgemachet, und sodann die Grentz-Linie rund herum in die General- und Special-Charte getragen, [...] werden. [...] Die Grentz-Streitigkeiten in der Stadt aber, und unter den Nachbaren im Felde, werden in continenti decidiret, und sodann erst in dem Plan intra moenia und Special-Charte verzeichnet. Ebenda.

204  Nur einige weitere Beispiele für diesen Karten- und Katastertyp sei hier genannt. J. C. Euchler fertigte um 1721 den Stadtgrundriß von Reppen, 1723 Grundriß und Kataster von Eberswalde an; von C. F. Rüdiger sind entsprechende Pläne von Friedeberg (1721) und Dramburg (1723) bekannt. Abbildungen in: Schmidt 1939, ebenso in: Jaeckel 1999.

205  Bürgermeister und Rathmannen der Stadt Angermünde bestätigen 1725: Dieses Catastrum ist mit Fleiß revidiret und die Nahmen der possessorum als auch die Beschaffenheit der Stellen, ingleichen die Suite der Nummern, angegebener maßen in allen richtig befunden worden welches hiermit attestirt wird. Schreiben von Cons. dir. Pohlborn und Fabricius Camer vom 28. März 1725. Stadtarchiv Angermünde, Archivnummer: 1494/B II d.

206 So vermerkte der für diese Angelegenheit zuständige Oberbaudirektor Philipp Gerlach am Rand des Angermünder Schreibens pflichtgemäß: Vorstehendes Catastrum der Stadt Neu Angermünde stimmt mit dem übergebenen originali überein, welches hiermit attestire. Berlin den 21 Oct. 1727 Pgerlach. Ebenda.

207  Weber 1980, S. 129.

208  BLHA, Pr. Br. Rep. 8 Templin, Nr. 322.

209  Der 36jährige Peter Döring hatte seinen Beruf als Nagelschmidt aus Armuth niedergelegt und verdiente seinen Lebensunterhalt mit allerhand Handarbeit. In seinem Haus cum pertinentibus hatte er ein kümmerliches Auskommen. Seine Armut, so berichtet die Bürgerrolle weiter, rühre daher, daß er nicht vollkommenen Verstandes sei. Daher stand er auch den Seinen, darunter zwei Söhne (fünf und drei Jahre alt), recht schlecht vor. Betont wurde, er führet sich dabey aber doch gantz still auf. Daniel Friedrich Freyschmidt war 32 Jahre alt, verstand seinen Beruf als Materialist gut und konnte sich daher ausschließlich davon ernähren. Er war nicht bemittelt, hatte aber sein ziemliches Auskommen. Freyschmidt besaß ein Hauß cum pertinentibus und einen Erb-Garten. Er stand den Seinen gut vor und führte sich auch sonst angemessen auf. Schließlich hatte er einen Sohn von vier Jahren, der bey den Eltern lebte. Ebenda.

210  Es waren die Bürgermeister und Rathmannen Templins, die am 8. Juli 1739 an den König schrieben, er möge doch das von ihnen! erarbeitete Projekt zu einem Braureglement, welches sie schon 1737 eingesandt hatten, endlich confirmiren. BLHA, Pr. Br. Rep 2, S. 8019, Bl. 110.

211  Schreiben vom 24. 03. 1738. BLHA, Pr. Br. Rep. 23A, Kurmärkische Stände, C. 1294, Bl. 6.

212  BLHA, Rep. 23A, Kurmärkische Stände, C. 859, Bl. 2 und Bl. 8.

213  Es hat den Bürgern von Templin wegen ihres vielen Ackerbaues von jeher frey gestanden, in der Erndte gegen Abgabe der gewohnlichen Trunck-Steuern, ihren eigenen Haußtrunck zu machen. Brief der Kurmärkischen Landschaft an die Kurmärkische Kammer vom 10. April 1742. BLHA, Pr. Br. Rep. 23A, Kurmärkische Stände, C. 1294, Bl. 3.

214  Die Argumentation der Kammer beruhte auf drei Punkten: 1. sei die Brau-Nahrung wegen der wenigen Landschafft schlecht beschaffen, und wenig Abgang an Bier; 2. seien die Ackerbürger Häuser so beschaffen, daß ohne zu besorgende Feuer-Gefahr darin kein Bier und Hauß Trunck gemacht und gebraut werden kan und 3. zu geschweigen, was in solcher Zeit der Königl. Accise entgehen würde.Antwort der Kammer an die Kurmärkische Landschaft. Ebenda, Bl. 5.

215  Ebenda, Bl. 7.

216  Ebenda.

217  Die nachfolgend benannten aktenkundig gewordenen Vorgänge sind im Anhang dokumentiert. Anhang 1: Gerichtsreport über Rechtsstreitigkeiten im Umfeld des Templiner Wiederaufbaus.#

218  Abschrift eines Schreibens der Kurmärkischen Kammer vom 6. Januar 1738. BLHA Pr. Br. Rep 2, S., Nr. 8019, 49f.

219  Immediatbericht des Generaldirektoriums vom 8. Januar 1738 hervor: Mit E. K. M. [...] Erlaubniß müssen wir darauf [...] anzeigen, wie nach des Chef-Präsidenten von Osten Bericht der Wittich einer der besten Kurmärkischen Steuerräte sey und hier nicht gar wohl zu missen stehe. Zitiert nach: A.B.B. Bd. 5.2., S. 387. In der Breslauer Kriegs- und Domänenkammer Karriere war Wittich zunächst als Kriegs- und Domänenrat Ober-Zoll- und Accise-Direktor im Herzogtum Schlesien und der Grafschaft Glatz, und 1746 Geheimer Kriegsrat dann wieder für städtische Belange wie das 1. Breslauer Accisewesen, 2. Feuersocietät der Städte und 3. Bau der Kavalleriestallungen und Fouragemagazine verantwortlich. Ebenda.

220  Die Daten zu v. Münchow aus A.B.B., Bd. 5.1., S. 293; Bd. 6.1, S. 341f.; Bd. 6.2., S. 188 und Bd. 6.2., S. 269.

221  Gab es nach Bratring 1730 in Templin 324 Männer, 393 Frauen, 371 Söhne, 392 Töchter, 29 Gesellen, 34 Knechte, 45 (Lehr-) Jungen und 102 Mägde, so waren dies 1740, nach Brand und Wiederaufbau, 368 Männer (+ 44), 423 Frauen (+ 30), 417 Söhne (+46), 398 Töchter (+ 6), 16 Gesellen (- 13), 17 Knechte (- 17), 35 (Lehr-) Jungen (- 10) und 57 Mägde (- 45). Bratring 1805, Bd. 2, S. 490.

222  Zu einer kräftigen Zunahme der Bevölkerungszahlen kommt es dann nach Bratring erst in der zweiten Jahrhunderthälfte - im Jahre 1770 gibt es erstmals mehr als 1900 Einwohner in der Stadt. Ebenda.

223  Beispielsweise der Materialist Christian Gerwig, der 4 ¾ Hufe Land, 3 Neuländer, 5 Morgen Land, 3 Erbwiesen, 3 Erbgärten und 3 Großgärten besaß. BLHA, Pr. Br. Rep. 8 Templin, Nr. 322.

224  Zu dieser kleinen Schicht der wohlhabenderen Bürger gehörten der königliche Zisemeister, der Chirurgus, ein Senator und Handelsmann, der Apotheker, ein Brauer, zwei Tuchmacher und zwei Ackersmänner, ein Bäcker, der Müller, ein Fischer und mehrere Witwen. Ebenda.

225  I. HA Rep. 92 Bekmann, VE Topographia, Uckermark, Nr. 7 Templin, Bl. 13v. Unterzeichnet sind diese Nachrichten mit: Templin den 12. Augusti 1743 Bürgermeister und Rathmannen Berger, Berger, Adami, Hildebrand, Freyschmidt, Johann Sturm.

226  Quelle für die folgenden Angaben: BLHA Potsdam, Pr. Br. Rep. 8, Templin, Nr. 322. Da diese Liste nicht ganz vollständig ist, von den 1730 nachweisbaren 324 Männern sind nur 246 aufgeführt, ergeben sich Ungenauigkeiten, die hier aber vernachlässigt werden können. Nach Liselott Enders gab es in Templin 1733 12 Tuchmacher-, 1 Strumpfmacher- und ein Hutmachermeister, desgleichen 124 Braustellen und 58 Branntweinblasen. Enders 1986, S. 996.

227  Blankenburg, Bd. 6, Abschn. III, S. 12. Ebenso Philipp, S. 190.

228  Übrigens habt ihr unser p prasident von Osten und Direktor von Münchow auch wegen des zu befordernden und wohl ein zureichenden Baues euch nicht lediglich auf die Departements- und Steuer-Räthe zu verlassen, sondern von Zeit zu Zeit auch selbst zuzusehen, wie der bau in denen Städten succedire, [...]. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Tit. 103, Nr. 1, Bl. 73.

229  1738 wurde er von dem Steuerrat Züllich abgelöst, welcher das Retablissement dann bis zu seinem Abschluß begleitete.

230  GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen. Tit. CLXXVII Stadt Templin, Nr. 2, Bl. 28.

231  „Die Stadt [war] zum großen Teil wieder erstanden, dagegen ruhten noch die öffentlichen Bauten. Den Einwohnern selbst ging es immer noch recht kläglich. So berichtet der Mühlenpächter, [...] ‘daß doch nur zu einigen Tagen ein Scheffel zum Abmahlen zur Mühle gebracht worden, [...] da die Baue stille liegen, das Volk aus dem Lande ist und der übrigseiende Einwohner aus Mangel des Verdienstes sehr wenig konsumiret’.“ Philipp, S. 191.

232  GStA PK, I. HA Rep. 92 Bekmann, VE Topographia, Uckermark, Nr. 7 Templin, Bl. 13f.

233  Vgl. Anhang 1: Gerichtsreport über Rechtsstreitigkeiten im Umfeld des Templiner Wiederaufbaus.#

234  Patent, daß zu Beförderung des Anbaues derer in denen Chur-Märckischen Städten annoch vorhandenen wüsten Stellen die 23. pro Cent, als 8. pro Cent Holtz- und 15. pro Cent Bau-Fryheits-Gelder noch 4. Jahr nemlich bis Ende December 1735 gereichet werden sollen. Veröffentlicht in: CCM, V. Theil, I. Abt., Sp. 429f. Patent vom 14. 12. 1731.

235  Der entsprechende Aktenvorgang beginnt mit einer Kabinettsordre an sämtliche Kriegs. und Domänenkammern vom 12. 07. 1737 und endet mit einem Schreiben des Ministers von Happe an die Kurmärkischen Kammer vom 10. 01. 1740. Das Baufreiheitsgelder-Reglement vom 22. 09. 1739 wurde veröffentlicht in: CCM, V. Theil, I. Abt., Sp. 285-290.

236  Vgl. zur Entwicklung der Unterstützung mit Baufreiheitsgeldern Jaeckel 1999, S. 346ff.

237  Jaeckel 1999, S. 344.

238  BLHA, Pr. Br. Rep. 23A, Kurmärkischen Stände, C. 859, Bl. 2.

239  Diese Angaben nach Blankenburg, Bd. 6, Abschn. III, S. 10ff.

240  Blankenburg Bd. 6, Abschn, III, S. 11.

241  CCM, V. Theil, I. Abt., Sp. 429f. Patent vom 14. 12. 1731.

242  So Templiner Bürgermeister und Rathmannen acht Jahre nach der Feuerkatastrophe. GStA PK, I. HA Rep. 92 Bekmann, VE Topographia, Uckermark, Nr. 7 Templin, Bl. 13f.

243  Das Schreiben datiert vom 8. Juli 1739. Diese Angaben sind aus einem älteren Verzeichnis von Akten und einzelnen Schriftstücken zum Wiederaufbau Templins zu entnehmen, die heute jedoch sämtlich nicht mehr aufzufinden sind. Verzeichnis in: BLHA Pr. Br. Rep. 8 Stadt Templin, Nr. 2718.

244  Zur Rekonstruktion des Baureglements werden neben den wenigen konkreten Hinweisen auf einzelne Paragraphen auch die entsprechenden Ausführungen in den zeitgleich entstandenen Verordnungen und Reglements für Templin (Rathhäusliches Reglement und Holzordnung 1738, Braureglement 1739) und für das Bauwesen (Neumärkisches Baureglement 1739 und Kurmräkisches Baureglement 1741) sowie die heute noch in der Stadt sichtbaren Spuren derartiger Vorgaben mit einbezogen.

245  Die Verordnung vom 02. 08. 1708 wurde publiziert in: CCM, V. Theil, I. Abt., Sp. 217-224. Zur Bedeutung des Crossener Reglements beim Wiederaufbau Neuruppins vgl. Reinisch 2001, S. 28-34.

246  Dass das Reglement dennoch weder Eingang in die preußischen Gesetzessammlungen fand, schon beim Wiederaufbau des nahen Neuruppin 1787 vergessen war und heute unauffindbar verloren ist, muss wohl in erster Linie darauf zurückgeführt werden, dass hier der Wiederaufbau einer Stadt in Fachwerk reguliert wurde. Fachwerk galt als veraltet, feuergefährlich, die Holzbestände bedrohend und wenig dauerhaft. Seine Anwendung bei staatlich geförderten Wiederaufprojekten war eigentlich schon 1735 nicht mehr zeitgemäß.

247  Blankenburg Bd. 1, Abschn. II, S. 214.

248  Dies läßt sich einem Schreiben vom März 1738 entnehmen. Darin antwortet der König auf eine von dem Steuerrat Wittich übermittelte Eingabe, daß die darin angeführten Forderung wieder das Brau-Reglement, wieder Unsern Accise Interesse auch das publique Beste [gingen, C.B.] wie auch einmal verordnet, daß eine gewisse Numery von Brauhäusern in Templin festgesetzt [...] werden solle, solches auch der Bürgerschafft [...] bekant gemacht, wo wieder Sie auch damals nichts eingewandt [...]. BLHA, Pr. Br. Rep. 23A Kurmärkische Stände, C. 1294, Bl. 6.

249  In Crossen sollte den Eigentümern, deren Häuser verlegt werden mußten, Keller und Fundament-Mauren billig-mäßig taxiret, auch ihnen bezahlt werden. Vgl. die Verordnung wegen Wiederaufbauung der abgebrannten Stadt Crossen in: CCM, V. Theil, I. Abt., Sp. 223.

250  Vgl. Anhang 1: Gerichtsreport über Rechtsstreitigkeiten im Umfeld des Templiner Wiederaufbaus.#

252  Kriegs- und Domänenrat Magusch von der Kurmärkischen Kriegs- und Domänenkammer an das Generaldirektorium aus dem Jahr 1750. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen. Tit. CLXXVII Stadt Templin, Nr. 2, Bl. 28.

253  Schon das Patent von 1731 hatte die Zeit, in welcher die 23 % Bauhilfsgelder gezahlt würden, in vergleichbarer Art und Weise auf ebenfalls vier Jahre, begrenzt. Jedoch geht der besagte § 24 deutlich weiter, indem er den säumigen Besitzern eindeutig mit Eigentumsentzug droht! Auch für diese rigide Methode gab es aktenkundige Vorbilder. Schon 1721 war ein Patent wegen Beförderung des Anbaues der in den Churmärckischen Städten befindlichen wüsten Stellen [...] ausgefertigt worden. Darin hieß es, daß nachdem die wüsten Hauß-Stellen den vielfältigen ergangenen Edicten und Verordnungen ungeachtet, von den Eigenthümern, oder denen, so einige Hypotheken darauf haben, bißhero noch nicht bebauet worden, solche allesamt nebst den darzu gehörigen Pertinentien [...] dem Publico verfallen, und die Besitzer oder Creditores Hypothecarii derselben alles daran habenden Rechts nunmehro verlustig seyn sollen. CCM, V. Theil, I. Abt., Sp. 412. Am 24. 10. 1722 folgte ein Edikt, daß die in Städten annoch befindlichen wüsten Stellen mit den dabey vorhandenen Pertinentzien so gleich denen, welche solche bebauen wollen, gerichtlich angewiesen, diejenigen aber, wozu sich vor Weihnachten dieses Jahres keine Annehmer angeben, dem Publico zum besten so lange verpachtet werden sollen, bis sich dazu tüchtige Annehmer finden. Hinzuweisen ist hier auf die Formulierung dem Publico zum besten. CCM, V. Theil, I. Abt., Sp. 423f.

254  Edict, daß auf eine gewisse Distanz Brand-Mauern aufgeführet werden sollen. De dato Charlottenburg, den 3ten Sept. 1708. CCM, V. Theil, I. Abt., Sp. 225f.

257  CCM, V. Theil, I. Abt., Sp. 347f.

258  Stadtarchiv Angermünde, Archivnummer 1481/AI. Darin u.a. als Nr. 126 das vom 1. 12. 1710 stammende Königlich Preußisches verbessertes Reglement, wie es, so wohl in Städten als Dörffern, mit der Reinigung derer von der Pest inficirten Häuser und Sachen soll gehalten werden.

259  Das Neumärkische Baureglement in: GStA PK, II. HA GD, Neumark, Bausachen, Nr. 1, Bl. 88ff. Für die folgenden Auszüge Bl. 93-96.

260  Polthier 1933, S. 117.

261  Wie grundsätzlich man von staatlicher Seite daran interessiert war, im Zusammenhang mit dem Neubau die möglichen Grenzstreitigkeiten der Bürger zu unterbinden, zeigt das folgende Zitat aus dem Templiner Rathhäuslichen Reglement von 1738, in welchem über die Aufgaben des Proconsuls u.a. gesagt wird: Des Endes, und damit Er von denen alten Grentzen, desto genauer Erkantnus überkommen, und aller Streit desto eher vermieden werden möge, muß er gegenwärtig seyn, wann die alten Fundamente aufgerissen, und die neuen geleget werden, und die Schwellen gestrecket werden sollen. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CLXXVII Stadt Templin, sect. a Rathhäusl. Sachen, Nr. 3, Bl. 32.

262  Wenn jemand bauen will, so soll zuforderst der Zimmermann, der das Gebäude machen und bauen soll, einen ordentlichen Riß und gewissenhafften Anschlag machen, wie viel Stücken starck, mittel und schwach Hotz er darzu nöthig habe und gebrauche, welchen Riß und Anschlag der Neuanbauende dem Magistrat übergeben, und einen Holtz Zettel darauf sich geben laßen muß, worauf ihme sothanes Bau-Holtz in denen angegebenen Holtz-Tagen von dem darzu ex collegio Magistratus geordneten Holtz- und Heyde-Herrn, in den hiesigen Stadt-Heyden angewiesen, und von dem Raths-Schützen angeschlagen werden soll. BLHA, Pr. Br. Rep. 2, S. 8019, Bl. 51.

263  Vgl. Anhang 1: Gerichtsreport über Rechtsstreitigkeiten im Umfeld des Templiner Wiederaufbaus.#

264  Vgl. Anhang # Gerichtsreport

265  Vielleicht könnte auf den ersten Blick die Titulierung Geh. Rath verunsichern, aber die höheren Baubeamten wurden zu dieser Zeit selten mit ihren baufachlichen Rangbezeichnungen, sondern zumeist mit ihren behördlichen, bzw. militärischen Rängen bezeichnet. Zudem wird Gerlach in einigen Quelle auch der Titel eines Geheimen Rates zugesprochen. Vgl. Heckmann 1998, S. 271.

266  Bau-Departementsrat – nach Ralph Jaeckel Funktionsbezeichnung im Kammerbetrieb. Jaeckel 1999, S. 185ff.

267  Zu Stolze vgl. Heckmann 1998, S. 292ff.

268  Vgl. Jaeckel 1999, S. 306.

269  Dies ging aus einem nicht mehr vorhandenen Schreiben hervor, in welchem 1736 in Bezug auf den Neubau eines Eckhauses in Templin erwähnt wird, der Kriegsrath Stolzen aus Berlin ist nicht angetroffen. Brief des p. Sucro sen. in Eberswalde vom 10. Jan. 1736. Nr. 34 des Aktenverzeichnisses in: BLHA Pr. Br. Rep. 8 Stadt Templin, Nr. 2718.

270  Zahls Brief an den König vom 1. Jan. 1748. Zum Wortlaut vgl. Anlage 1: Gerichtsreport über Rechtsstreitigkeiten im Umfeld des Templiner Wiederaufbaus.#

271  Aktenverzeichnis in: BLHA Pr. Br. Rep. 8 Stadt Templin, Nr. 2718, Nr. 22

272  Heckmann 1998, S. 17f., 322.

273  Krüger 1994, S. 95, 251ff.

274  Joh. Thom. Haupt in seiner historischen Abhandlung über die Stadt Templin. Zitiert nach Philipp 1925, S. 35. Hans Philipps waghalsige Argumentation, der heutige sei der mittelalterliche Grundriß, kann heute keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit mehr machen und braucht daher nicht beachtet zu werden. Eindeutig wiederlegt ist seine These durch die bei Straßenarbeiten und Grabungen freigelegten alten Straßenzüge, die deutlich von den heutigen abweichen. Vgl. Faust 1994, S. 122ff.

275  Bratring 1805, Bd. 2, S. 489.

276  Die von Ulrich Reinisch und dem Autoren gemessenen Breiten schwanken zwischen 14, 24m vor dem Haus Werderstr. 31 (einmalig größte Abweichung) und 14, 94m vor dem Haus Rühlstr. 6, lag aber meistens bei 14,70m bis 14,90m. Eine rheinländische Ruthe entspricht 3,77m, d.h. das exakte Maß für 4 Ruthen läge bei 15,08m.

277  Die Angabe der Straßennamen und Hausnummer richtet sich grundsätzlich nach denen im Plan von 1810. Die heutigen Straßennamen und die Hausnummern der noch stehenden Häuser folgen bei der ersten Nennung dahinter in (Klammern). Bei nicht mehr vorhandenen, oder durch Neubauten ersetzten Häusern gibt es folglich keine Angabe in Klammern.

278  ‚Fluchtpunkt’ deutet hier den rein vermessungstechnischen Vorteil an, welchen ein fester, unverrückbarer Fluchtpunkt bietet. Ein solcher, weit sichtbarer Fluchtpunkt ermöglicht es leichter, über weitere Strecken in einem hügeligen Gelände gerade Linien und rechte Winkel abzustecken. ‚Point de vue’ steht klar für den zeittypischen stadtbaukünstlerischen Wert solcher markanten Blickpunkte.

279  Der Steuerrat Wittich berichtet am 30. Mai 1736 in einem Schreiben an den König: hat auch auf Euer Königliche Majestätii allerhöchste ordre ein neues Thor angefertigt werden müssen, durch welches die künftige Haupt-Straße nach Prentzlow Stettin gehet, [...]. BLHA Pr. Br. Rep. 2, S. 8049.

280  In den Berliner Stadterweiterungen (bes. südliche Friedrichstadt ab 1732) finden sich solche breiten Hauptachsen ebenso wie in Potsdam, wo etwa zeitgleich die 2. Stadterweiterung (ab 1732) und das Holländerviertel (ab 1737) entstanden. Ein Vergleich mit Potsdam ist auch im Hinblick auf die Straßenbreite von 4 Ruten aufschlußreich. Nach Friedrich Mielke sind dort in der 2. Stadterweiterung und im Holländerviertel die „Nebenstraßen“ (Junkerstr., Brandenburger Str., Jägerstr, Mittelstr etwa 15m, also ebenfalls 4 Ruten breit. Mielke bezeichnet dieses als das hier „allgemeine Richtmaß“. Mielke 1972, S. 88.

281  Den städtebaulich so vage umgesetzten Hauptstraßencharakter konnte die Mühlenstraße nie übernehmen. Jedenfalls führte bis ins 20. Jahrhundert die Straße nach Prenzlau weiter durch das Prenzlauer Tor. Vor diesem und nicht vor dem Neuen Tor wurden dann auch nach dem Brand die Scheuen wieder aufgebaut. Während neben dem Prenzlauer Tor schon im 19. Jahrhundert ein größerer Mauerdurchbruch nötig wurde, verschwand das Neue Tor erst in den 1950er Jahren, damit der Hauptstraßencharakter der Mühlenstraße endlich voll ausgebildet werden konnte. Heute hat die Verkehrsführung diese Bedeutung der Mühlenstraße wiederum reduziert.

282  Rathaus meint hier nicht das heute stehende, erst ab 1746 errichtete Gebäude, sondern die in Form von Kellergewölben nach dem Brand noch stehenden Relikte des alten Rathauses. Die alten Kellergewölbe wurden teilweise für den Neubau mitgenutzt und befinden sich unter dessen südwestlichen Teil, d.h. tatsächlich auf der angenommenen ‚Rathausachse’.

283  Beide bestehen entlang der Mühlenstraße aus 2 Eckbrauhäusern zu je 60 Fuß und 5 Bürger- oder Budenstellen zu je 40 Fuß. Nach meiner Vermessung (zusammen mit U. Reinisch) am heutigen Bestand weichen die Maße von 101,80m und 102,10m nur um ca. 1,5m von den 320 Fuß (=100,43m) ab.

284  Daß dies nicht nur eine darstellerische Verschönerung auf dem Plan war, zeigt die Gemarkungskarte der Innenstadt von 1956. Hier sind die alten Parzellengrenzen noch einmal verzeichnet. Sie zeigen sich zum größten Teil noch so wie auf dem Plan von 1810.

285  Quellen sind hier die nach Karrees geordneten und durchgängig nummerierten Listen der neu bebauten Parzellen um 1740 in: BLHA, Pr. Br. Rep. 8 Templin, Nr. 2718; ebenso das Feuersozietätskataster von 1745, in: Blanckenburg Bd. 6, S. 60ff.

286  Einzelne Beispiele wie der Schuster Jochen Friedrich Leow, der nach dem Kataster von 1725 Auf dem Vogel Gesang Stock XX am Mühlentor eine kleine Braustelle besaß und nach dem neuen Plan auf eine Bürgerstelle in die Königstraße am Berliner Tor umziehen mußte, also mit dem Ort seiner alten Parzelle aus sein soziales Umfeld tauschte, sind die Ausnahme.

287  Diese assoziative Benutzung des militärischen Fachbegriffs ‚Front’ bei Zedler: Front eines Regiments oder Compagnie ist die erste Reihe Soldaten. Daher heist Fronte machen, sich mit dem Gesicht wohin wenden. Zedler Bd. 9 (1735), Sp. 2162.

288  Höhen in einer ‚Hauptstraße’. Schinkelstraße 5 (lt. Zeichnung 1926): Traufhöhe ca. 6,56m, Firsthöhe ca. 11,7m; Schinkelstraße 10 (lt. Zeichnung 1920) Traufhöhe ca.6,20m, Firsthöhe ca. 11,6m. Höhen in einer ‚Nebenstraße’: Lutherstraße 15 (lt. Zeichnung 1984) Traufhöhe ca. 5,25m, Firsthöhe 10,40m; Werderstraße 29 Traufhöhe ca. 5,95m. Vgl. die Hausakten im Stadtarchiv Templin.

289  Der Verzicht auf eine Hauptachse und auf einen exakt quadratischen Marktplatz, könnte aber gemeinsam mit der fast durchgängig zweigeschossigen Bebauung auch auf eine bewußte qualitative Zurücksetzung schließen lassen. So könnten bei einer kleinen Immediatstadt Templin solche Gestaltungsmittel wie Mehrgeschossigkeit oder breite Hauptachsen als nicht angemessen gegolten haben, bei der Hauptstadt eines erloschenen Herzogtums – Krossen – aber sehr wohl.

290  Wie oben bemerkt, hat Mielke die im folgenden für Templin beschriebene Gestaltung der Blockfront als symmetrisch aufgeteilte Einheit für Potsdam eingehend untersucht und als maßgebliches Instrument der barocken Stadtbaukunst in Potsdam nachgewiesen. Vgl. Mielke 1972, S. 297ff.

291  Als letztes Beispiel seien hier die Häuser Schulzenstraße 64 und 68 (Rühlstraße 6 und 9) genannt.

292  Blankenburg Bd. 6, Abschn, III, S. 11.

293  Noch über die Probe- bzw. Normalanschläge beim Neuruppiner Retablissement von 1787 schreibt Ulrich Reinisch, sie dienten in erster Linie als Hilfsmittel für die kameralistische Vorbereitung der eigentlichen Entwurfsarbeit. Reinisch 2001, S. 169f.

294  Zu Modellhäusern in Planstädten vgl. Merkel 1990.

295  Was hier Ursache und was Wirkung ist, also ob das ‚schöne’ Bild des regelmäßigen Stadtgrundrisses notgedrungen zu rechteckigen Räumen führte, oder ob der Stadtgrundriß so rechteckig gestaltet wurde, um in den rechteckigen Häusern ordentliche, nutzbare, bequeme und schöne rechteckige Räume zu ermöglichen, sei hier zunächst dahingestellt.

296  In über der Hälfte der Häuser (etwa 63%) gibt es mindestens einen annähernd quadratischen Raum, zumeist ist dies eine Stube. Annähernd quadratisch heißt hier eine Tolleranz von 1-2 Fuß. Zum einen ist diese Ungenauigkeit mit bloßen Auge kaum wahrnehmbar, zum anderen stand in allen Fällen, wo es solche Abweichungen gab, der Ofen an einer der kürzeren Seiten, verkürzte also optisch die nur sehr leichte Längsdehnung des Raumes noch zusätzlich.

297  Schreiben des Magistrats vom 12. August 1743. GStA PK, I. HA Rep. 92 Bekmann, VE Topographia Uckermarck, Nr. 7 Templin, Bl. 13.

298  Von 306 zu diesem Zeitpunkt geplanten Häusern (insgesamt gab es 320 Parzellen) sollten 16 eingeschossig sein. Dazu kommen noch die ebenfalls eingeschossigen Ratsdienerhaus, Hirtenhäuser und Waagemeisterhaus. Insgesamt also etwa 19 von 309 Häusern.

299  Dabei darf jedoch die asymmetrische Anordnung des Tores in einer äußeren Achse nicht als Regelverstoß angesehen werden. Vielmehr setzen sich in einem solchen Fall die aus der Nutzung hergeleiteten Ansprüche gegen die Forderungen des schönen, ganz symmetrischen Äußeren durch.

300  So reichen die Maße für die Ständer im Obergeschoß des Hauses Werderstraße 29 von 0,18m bis 0,26m, die der Riegel von 0,17m bis 0,21m.

301  An einigen Häusern wurden 1994 durch Annett Schauß, Anja Isensee und Heinz Schauß Farbuntersuchungen durchgeführt. Vgl. den Untersuchungsbericht „Farbfassungen der Templiner Fachwerkhäuser“ im Archiv des Brandenburgischen Landesamts für Denkmalpflege.

302  Fred Kaspar datierte diese Veränderung des Wandgefüges für Lemgo auf die Zeit um 1750; Schauer setzt für Quedlinburg die Jahre zwischen 1710 und 1720 an. Kaspar 1985, S. 67; Schauer 1990, S.64ff.

303  Noch vorhanden sind die Eckhäuser: Werderstraße 28, Schinkelstraße 6; durch Fotografien oder Zeichnungen belegt sind: Schulzenstraße 9, 10, Mühlenstraße 49a, Königsstraße 19/227.

304  Zwar ließen sich für die Fensterstellung vor allem im Obergeschoß einige wenige Ausnahmen ermitteln, doch dürfte die genaue Einhaltung dieser Maxime besonders für die Ständer die Regel gewesen sein. Die Ausnahmen waren grundsätzlich Abweichungen im Obergeschoß.

305  Voraussetzung für die freie Verschiebbarkeit der Ständer war, daß die ‚gebundene Bauweise’, bei der die Lage der Balken die Stellung der Ständer bestimmte, durch die Verstärkung des Rähms zurückgedrängt wurde. So wurden die Ständer ‚frei’, sie konnten entsprechend der Lage der Innenwände, Fenster und Türen, oder nach künstlerischen Vorstellungen angeordnet werden. Vgl. Ehrhardt 1992, S. 31.

306  Bei einem großen Haus 1,85m Höhe und 1,10m Breite (Haus Schulzenstr. 5, lt. Zeichnung 1926, Stadtarchiv Templin, Hausakte Schinkelstraße 5); bei einem kleineren Haus 1,70m Höhe und 1,00m Breite (Haus Werderstr. 29, lt. Vermessung des Autors).

307  Schreiben Wittichs vom 12. Oktober 1732. BLHA, Pr. Br. Rep. 8 Templin, Nr. 2718.

308  Die Tür des Hauses Schinkelstraße 5 etwa besaß 1926 eine lichte Höhe von nur 1,89m.

309  An den nach 1716 entstandenen Wittstocker Häusern sind diese Profilierungen an den die Türen und Tore begrenzenden Hölzern noch zahlreich vorhanden.

310  Diese eine Portalgestaltung erinnert stark an die Verzierung der Haustüren im Potsdamer Holländischen Viertel.

311  Ähnliches stellt H. Schauer für Quedlinburg fest: ab 1710 allseitig um die Fenster profilierte Deckbretter genagelt, Schauer 1990, S. 66.

312  So schreibt 1754 der Oberbaudirektor der Kurmark Christian Friedrich Feldmann über eines der aufwendigsten Häuser, das des Johann Daniel Monecke, das Dach mit Ziegeln einfach gedecket. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CLXXVII Stadt Templin, Nr. 2, Bl. 45.

313  Vgl. Mielke 1972, S. 266f.

314  Nach einer Zeichnung von 1921 betrug an dem Haus Lutherstraße 15 die Dachneigung zur Straße wie vorgeschrieben 45°, zum Hof ergaben sich jedoch 50°. Stadtarchiv Templin, Hausakten.

315  Waldemar Kuhn sagte entsprechend zu den Bauernhäusern noch des ausgehenden 18. Jahrhunderts: „Beim Einfamilienhaus pflegte die Stube auf der einen Seite schmaler angelegt zu werden [...]“. Kuhn 1915, 62 und Abb. 12 (S. 39).

316  Deutlicher wird die funktionelle Teilung dort, wo noch Gewerbe in den Häusern war. Etwa bei dem Eckhaus Königstraße 244b (Pestalozzistraße 9). Auch hier trennt der Flur den deutlich breiteren Wohnbereich vom Wirtschaftbereich, der Backstube mit Backofen. Ebenfalls ein Backofen in der schmaleren Haushälfte läßt sich nachweisen in dem Haus Mühlenstraße 154. Ähnlich ist das in dem Häusern Schulzenstraße 64 (Rühlstraße 6) und Werderstraße 196 (Werderstraße 13), wo die Schmiede mit ihrer großen Esse wieder in der schmalere Hälfte des Hauses liegt.

317  Abmessungen von 6x6 Fuß (ca. 1,90x1,90m) sind üblich.

318  Vgl. Abb. in: Kunstdenkmale 1939.

319  Diese Küchen, die in den kleinen Budenhäusern häufig von mehr als einer Familie genutzt werden, sind mit durchschnittlich 7x7 Fuß (2,20mx2,20m) sehr eng. Reste solcher Küchen finden sich in den Häusern Werderstraße 28, 31 und Lutherstraße 15.

320  Abmessung im Durchschnitt 8x10 Fuß (2,5mx3,10m). Es gibt aber auch größere Küchen, dann etwa 10x13 Fuß = 3,10mx4,10m)

321  Im Haus M.-Luther-Straße 15 hatte diese Situation bis Mitte des 20. Jahrhunderts bestanden. Mündlicher Mitteilung der heutigen Bewohner.

322  Mit einiger Vorsicht lassen sich vielleicht die folgenden Grundsätze erkennen: In den großen Häusern liegt der Keller straßenseitig unter einer Stube. (z. B. Schinkelstraße 3, 5) In den kleinen Häusern gibt es neben dieser noch zwei Möglichkeiten. Entweder der Keller befindet sich hofseitig an einer der Giebelseiten (z. B. Goethestraße 3, Werderstraße 28), oder direkt unter der Durchfahrt (z. B. Berliner Straße 2).

323  Das Mauerwerk reicht im Keller Berliner Str. 2 nur bis zu einer Höhe von etwa 40cm, im Keller Schinkelstr. 5 bis auf 1,10m Höhe.

324  Vielleicht zeigt sich im Haus des Schmieds Christian Daehne (Mühlenstraße 51) die Andeutung einer besonderen Feuerung in der Küche und das große Vorgelege mit Schlot. In dem Haus, das um 1740 dem Bäcker Gobbin gehörte (Mühlenstraße 52), zeigt der Grundriß von 1864 noch besondere Baulichkeiten im Küchenbereich des Erdgeschosses.

325  GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CLXXVII, Stadt Templin, Nr. 2, Bl. 45.

326  Philipp 1925, S. 397ff.

327  Bericht des Pächters des Ratskellers 1780: “Es bedarf wohl keiner Ausführung, daß das tüchtige Gebäude leiden muß, wenn in der zweiten Etage fünf compagnien nacheinander exerziren“. Zitat nach: Blankenburg Bd. 1, Abschn. IV, S. 10.

328  Schon Friedrich Mielke hatte für Potsdam die Vermutung angestellt, daß die Soldaten wohl zumeist nicht in den Dachstuben, sondern straßenseitig im Erd- oder ersten Obergeschoß untergebracht waren. Mielke 1972, S. 276.

329  Rohowski 1997, S. 68.

330  Zum Predigerwitwenhaus vgl. Riedel 1994.

331  Zu Preusser vgl. Heckmann 1998, S. 231ff.

332  Zitiert nach: Enders 1992, S. 582. Der Leerstand dürfte 1769 kaum noch eine Folge des Siebenjährigen Krieges gewesen sein, da in der Kurmark schon 1766 der Bevölkerungsstand der Vorkriegszeit wieder übertroffen worden war. Vgl. Materna 1995, S. 139.

333  Bratring 1805, Bd. 2, S. 490.

334  Magistrat und Stadtverordnete sollten demnach bei ihren Visitationen auch die feuerfangende Sachen aus denen Wohn-Häusern werffen lassen. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CLXXVII Stadt Templin, sect. a Rathhäusl. Sachen, Nr. 3, Bl. 33f.

335  GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CLXXVII Stadt Templin, Nr. 2, Bl. 47.

336  Consentius 1925, S. 40.



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23.01.2007